Theoretische Überlegungen von J. Heier über Verantwortungsübernahme und -zuweisung auf der Grundlage des care-ethischen Konzeptes der relationalen Verantwortung


Essay, 2020

8 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Argumentationsteil
2a Darstellung des Bezugstextes
2b Diskussion

3 Schluss

1 Einführung

Der soziale Dienst eines Krankenhauses ist gemeinsam mit den behandelnden Medizinern und Pflegekräften für das Entlassungsmanagement zuständig. Das Ziel des Entlassungsma­nagements ist, einen optimalen und nahtlosen Übergang von der stationären Behandlung in eine weitere Versorgungseinrichtung sicherzustellen. Die individuellen Bedürfnisse der Pa- tient_innen steht im Vordergrund bei der Auswahl der Einrichtung, um eine ganzheitliche und teilhabeorientierte Entlassung zu gewährleisten1.

In der Praxis ist es allerdings, aufgrund des chronischen Mangels an Pflegeheimplätzen und der begrenzten finanziellen Ressourcen der Betroffenen, oftmals nicht möglich, diesem Grundsatz gerecht zu werden. Im Rahmen des Entlassungsmanagements werden häufig die Beschäftigten auf der einer Seite von den Krankenkassen unter Druck gesetzt, die Patient_in- nen so schnell wie möglich zu entlassen, und auf der anderen Seite mit der Tatsache kon­frontiert, keine passgenaue Pflegeeinrichtung finden zu können, da die meisten Pflegeheim­plätze für lange Zeit belegt sind. In dieser Situation werden Patient_innen in die Einrichtun­gen entlassen, wo schnellstmöglich ein freier Platz zur Verfügung steht.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob ich es ethisch vertreten kann, dass Pati- ent_innen aus dem Krankenhaus in ein Pflegeheim entlassen werden, obwohl sich Be­troffene und Angehörige bereits mehrfach inoffiziell über die dortige Versorgung und Be­treuung beschwert haben? Diese Fragestellung wird anhand des Textes „Relationale Verant­wortung. Vergangenheitszugewandte und zukunftsbezogene Sorge“ der politischen Theore­tikerin und Soziologin Jorma Heier2 bearbeitet und beantwortet. Die theoretischen Überle­gungen von Heier über Verantwortungsübernahme und -zuweisung auf der Grundlage des care-ethischen Konzeptes der relationalen Verantwortung liefern die benötigte Argumenta­tionsgrundlage für die Antwort auf die gestellte Frage.

2 Argumentationsteil

2a Darstellung des Bezugstextes

Heier thematisiert in ihrem Beitrag die Bedeutung des care-ethischen Konzeptes der relati­onalen Verantwortung mit dem Ziel, die politischen Verflechtungen schädlicher, strukturel­ler Rahmenbedingungen von Bürgerinnen und Institutionen im globalen Norden und deren Konsequenzen für die Lebenslage und Migration im globalen Süden neu zu definieren (vgl. Heier 2016, S. 371 ff.). Heier argumentiert, dass das Konzept von Verantwortung drei Di­mensionen im menschlichen Zusammenleben kreiert: zum einen tragen die Menschen un­tereinander die Verantwortung für ihre Handlungen - tätig oder nicht tätig werden, zweitens können diese Handlungen von einer dritten, berechtigten Autorität oder Person überprüft und hinterfragt werden und drittens bedarf es einer verantwortungsübernehmenden Antwort. Das heißt, dass Verantwortung das menschliche Zusammenleben regelt und beeinflusst (vgl. ebd., S. 369). In der Praxis ist es allerdings aufgrund der überindividuellen Strukturen und Rahmenbedingungen, die auf das individuelle Handeln sowohl begrenzend als auch umset­zend wirken, oftmals nicht möglich, die Handlungsfolgen und die dazugehörige Verantwor­tung nachzuvollziehen. Eine Verantwortungsübernahme kann nur dann stattfinden, wenn zwischen Beteiligten eine anerkannte und gegenseitige Beziehung der Abhängigkeit besteht und diese institutionell geregelt ist (vgl. ebd., S. 370).

Heier stellt des Weiteren fest, dass Verantwortung auch eine temporale Dimension besitzt, die, je nachdem, ob eine Person das Objekt oder Subjekt der Verantwortungszuweisung oder -übernahme ist, unterschiedlich betrachtet werden kann. Beispielsweise bei Verantwortung, die sich aus kausalen Handlungsfolgen ableiten lässt, wie Haftung, wird in der Regel bei der Verantwortungszuweisung in der Vergangenheit geschaut. Zudem argumentiert Heier, dass Konzepte der Verantwortung sowohl Verbindungslinien hervorbringen, zum Beispiel zwi­schen den Individuen, die eine Verantwortungsübernahme fordern, und den Individuen, die Verantwortung übernehmen sollten, als auch Grenzlinien, ab wann die Verantwortung auf­grund fehlender Kausalität, Beziehung oder Handlungsmacht aufhört (vgl. ebd., S. 370 ff.). Da es keine allgemein akzeptierten Instanzen gibt, welche die internationale Verantwortung regeln können, schlägt Heier das care-ethische Konzept der relationalen Verantwortung vor, dass durch seine Neutralität in der Zuweisung von Verantwortung Klarheit in diesem Be­reich ermöglichen kann (vgl. ebd., S. 372). Dafür entwickelt Heier acht konzeptionelle Ele­mente für die Potenzierung und eine wirksame praktische Anwendung des care-ethischen Konzeptes der relationalen Verantwortung (vgl. ebd., S. 376):

Das zwischenmenschliche Bezugsgewebe legt die Grundlage für die Verantwortung sowie ihren Gegenstand fest. Alle Menschen sind auf dieses Bezugsgewebe angewiesen, somit sind alle Menschen für die Aufrechterhaltung dieses Bezugsgewebes verantwortlich (vgl. ebd., S. 376). Die Verantwortungszuweisung und -übernahme können nur in einer inklusiven und deliberativen Praxis auf der Basis eines gemeinsamen politisch-moralischen Handelns ent­stehen. Dieses Handeln wird zusammen und kontinuierlich neu ausgehandelt, seine Autorität mit Blick auf die aktuellen Machtverhältnisse muss reflektiert und an die aktuellen Bedürf­nisse angepasst werden, um seine Ziele - Konsens, friedliches Miteinander - erreichen zu können (vgl. ebd., S. 377).

In Prozessen von Verantwortungserhebung, Verantwortungszuweisung und Verantwor­tungsübernahme garantiert nur das Sprechen - Mit statt Sprechen - Über, dass die Meinun­gen aller Mitteilenden gehört sowie verstanden werden und sie alle Mitautor_innen politi­scher Lösungen für gemeinsame Probleme werden (vgl. ebd., S. 378 ff.). Infolge der ur­sprünglichen Schadenszufügung und der sich anschließenden gesellschaftlichen Ignoranz über diesen zugefügten Schaden werden die Betroffenen einer doppelten Verletzlichkeit aus­gesetzt (vgl. ebd., S. 379). Das Konzept der epistemischen Ignoranz - keine Interessen über das Leben anderer Menschengruppen zeigen zu wollen - erlaubt eine Erklärung, wieso es schwerer ist, in den strukturellen Beziehungen, vor allem mit Blick auf die privilegierten Mitglieder politischer Gemeinschaft, Verbindungen von Verantwortung zwischen dem ei­genen Handeln und dem verursachten Schaden herzustellen oder diese wahrzunehmen (vgl. ebd., S. 380).

Das moralische Verlassen - „Andere in ihrer Bedürftigkeit sich selbst zu überlassen“ (ebd. S. 381) - und das normative Verlassensein - „Infragestellung von deren Auffassung des Unrechtes“ (ebd.) - fügen den Benachteiligten zusätzliche Schäden hinzu (vgl. ebd., S. 381). Nur die Untersuchung, das Hinterfragen und Reflektieren der Hintergrundbedingungen er­lauben es, akzeptierte Normen und Institutionen, die strukturelle Schäden verursachen, zu identifizieren (vgl. ebd., S. 382). Die relationale Verantwortung definiert sich sowohl in Be­zug auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft, was zur Klärung der vergangenen zu­gefügten Schäden beiträgt und zur Regelung und Klarstellung präsenter und zukünftiger struktureller Beziehungen im Bezugsgewebe führt (vgl. ebd.).

Rückblickend auf diese acht Elemente schlussfolgert Heier, dass die Bürger_innen und In­stitutionen im globalen Norden in einer verantwortungsübernehmenden Beziehung zu der Lebenslage und Migration im globalen Süden stehen (vgl. ebd., S. 384).

Um diesen Schäden gerecht zu werden, sollte die demokratische Politik „darauf zentriert sein, Sorgeverantwortungen zuzuweisen, und dafür Sorge zu tragen, dass demokratische Bürgerinnen so befähig wie möglich sind, an dieser Zuweisung von Verantwortlichkeiten zu partizipieren“ (ebd., S. 385).

2b Diskussion

Im Folgenden soll die zuvor gestellte Frage, ob ich es ethisch vertreten kann, dass Patient_in- nen aus dem Krankenhaus in ein Pflegeheim entlassen werden, obwohl sich Betroffene und Angehörige bereits mehrfach inoffiziell über die dortige Versorgung und Betreuung be­schwert haben? anhand der obigen Textdarstellung von Jorma Heier diskutiert werden.

Die gesetzliche Lage des Entlassungsmanagements ermöglicht dem Krankenhaus, sich auf das, was Heier als Grenzlinie in der Verantwortungsübernahme nennt, zu berufen (vgl. ebd., S. 370). Die Patient_innen stehen nach der Entlassung laut Gesetz nicht länger in der Ver­antwortung des Krankenhauses, sondern diese wird an die nachfolgende Versorgungsein­richtung übertragen.

Diese gesetzliche Lösung ist aber für die Betroffenen nicht zufriedenstellend, da sie sich nach der Entlassung in einer Einrichtung befinden können, in der ihre Bedürfnisse nicht aus­reichend befriedigt und in diesem Zustand allein gelassen werden. Deshalb bietet sich an, für die Beantwortung der Fragestellung auf die acht Elemente der relationalen Verantwor­tung nach Heier zurückzugreifen.

Die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Pflegesystems steht in der Verantwortung von jedem, der an dem Bezugsgewebe beteiligt ist, da alle auf die optimale Funktion dieses Sys­tems angewiesen sind (vgl. ebd., S. 376). Diese Verantwortungszuweisung und -übernahme soll gemeinsam mit den Betroffenen, deren Angehörigen und dem Pflegeheim besprochen und ausgehandelt werden. Um das Problem des chronischen Pflegeplatzmangels zu lösen, bedarf es allerdings einer Diskussion und Verhandlung auf politischer Ebene, da dieser Zu­stand größtenteils auf die vergangenen politischen Entscheidungen zurückzuführen ist.

[...]


1 Rahmenvertrag über ein Entlassmanagement beim Übergang in die Versorgung nach Krankenhausbehandlung nach § 39 Abs. 1a S. 10 SGB V (Rahmenvertrag Entlassmanage­ment) in der Fassung der 3. Änderungsvereinbarung vom 15.06.2020

2 HEIER, Jorma (2016): Relationale Verantwortung. Vergangenheitszugewandte und zu­kunftsbezogene Sorge. In: Conradi, Elisabeth / Vosman, Frans (Hg.): Praxis der Achtsam­keit. Schlüsselbegriffe der Care-Ethik. Frankfurt am Main, S. 369-387

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Details

Titel
Theoretische Überlegungen von J. Heier über Verantwortungsübernahme und -zuweisung auf der Grundlage des care-ethischen Konzeptes der relationalen Verantwortung
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
8
Katalognummer
V1033818
ISBN (eBook)
9783346455413
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Essay ist in allen Teilen sehr gut gelungen. Sie stellen die relevanten Aspekte des Bezugstextes präzise und strukturiert dar. Außerdem ist Ihre Übertragung sorgfältig und textbasiert, was Sie zu einer fundierten Antwort führt.
Schlagworte
Heier, Menschenrechte, relationale Verantwortun
Arbeit zitieren
Alexandra Brunet (Autor:in), 2020, Theoretische Überlegungen von J. Heier über Verantwortungsübernahme und -zuweisung auf der Grundlage des care-ethischen Konzeptes der relationalen Verantwortung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033818

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