Die Determinierung des Alltags durch das kapitalistische System und die Religion. Brechts epischen Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"


Hausarbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ästhetische Strategien der Literatur: das Alltägliche

3. Zeitgeschichtlicher Kontext: Kontingenz von Alltagsdarstellung & Literatur

4. Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe
4.1 Johanna Dark und die Schwarzen Strohhüte als Vertreter der Religion
4.1.1 Der religiöse Apparat und die Abkehr Johannas von der Heilsarmee
4.1.2 Die deterministischen Fesseln des religiösen Systems
4.2 Mauler als Repräsentant des kapitalistischen Systems
4.2.1 Das reziproke Verhältnis von Religion und Kapitalismus
4.2.2 Die Metapher des Schaukelbretts

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Bertolt Brecht (1898-1956) ist ein bedeutender Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und gilt als Begründer des epischen Theaters, einem Lehrtheater, welches die Vorgaben Aristoteles lediglich in rudimentären Ansätzen widerspiegelt. Politische Themen sowie Fragestellungen bilden den Kern des epischen Dramas und sind in Brechts Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe zentrale Themenschwerpunkte. Die Kritik an dem kapitalistischen System sowie an der Religion werden greifbar, wobei eine Kontingenz zwischen Literatur und Alltagsdarstellungen existent ist. Brecht spiegelt die gesellschaftlichen Geschehnisse zur Zeit der Weltwirtschaftskrise literarisch wider und stellt den Alltag im 20. Jahrhundert ausdrucksvoll dar, denn „[d]as Stück […] ist die zeitgemäße Antwort Brechts auf die ökonomische Krise des Kapitalismus’’1. Angesichts dieser Tatsache ist es interessant, die Alltagsdarstellungen der Verfassung in ihren Nuancen zu erfassen, um die Problematik der Zeit zu begreifen und das Ziehen von Parallelen zu unserer heutigen Zeit zu ermöglichen.

Um der Frage -Inwiefern wird der Alltag durch das kapitalistische System und die Religion in Bertolt Brechts epischen Drama Die heilige Johanna der Schlachth ö fe determiniert?- adäquat nachzugehen, steht zunächst die Vorstellung des Alltags als ästhetisches Prinzip im Vordergrund, um die Relevanz des Alltäglichen hervorzuheben. Anschließend erfolgt die Darstellung der zeitgeschichtlichen Geschehnisse, wobei die Weimarer Republik und die Weltwirtschaftskrise thematisiert werden, wodurch die Entstehungszeit sowie die im Drama thematisierten zeitgeschichtlichen Ereignisse nachvollziehbarer gestaltet werden. Die Analyse des Dramas Die heilige Johanna der Schlachthöfe steht anschließend im Vordergrund. Die Vorstellung der Protagonistin Johanna Dark2 als Anhängerin der religiös motivierten Heilsarmee ist fortan zentral, wobei ihr Entwicklungsprozess im Folgenden Abschnitt von besonderer Relevanz ist. Der Bruch mit dem religiösen Apparat ist hierbei bedeutsam sowie die Darstellung der deterministischen Fesseln, welche die Religion den Gesellschaftsteilnehmern auferlegt. Anschließend steht Mauler als Repräsentant des Kapitalismus im Vordergrund und wird hinsichtlich seiner Motive und Intentionen analysiert. Das reziproke Verhältnis zwischen Kapitalismus und dem religiösen Apparat wird aufgezeigt und gleichsam die Auswirkungen dieser Komponenten auf den Alltag der Gesellschaftsteilnehmer. Besonders hervorgehoben wird der Vergleich des kapitalistischen Systems mit einem Schaukelbrett. Abschließend wird ein Fazit gezogen, welches unter Berücksichtigung der bisher hergeleiteten Schlüsse verifizieren soll, dass Religion und Kapitalismus in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen und das alltägliche Leben drastisch beeinflussen.

2. Ästhetische Strategien der Literatur: das Alltägliche

Den Fokus auf die Alltagsdarstellungen zu legen erscheint zunächst banal, jedoch spiegeln diese die gesellschaftlichen Normen und Werte wider und sind in Brechts Drama mit ideologischen Narrativen verwoben. Der Begriff der Alltagswelt ist politisch aufgeladen und verweist auf die Stellung der literarisch dargestellten Person(en) innerhalb der Gesellschaftsordnung.3 Die Arbeiter, die als nicht individualisierte Gemeinschaft auftreten, verharren konsequent in der untersten Ebene der normativ festgelegten Strukturen, wohingegen der Kapitalist Mauler an der Spitze der Gesellschaft steht.4 Durch die Darstellung der Arbeiter, Kapitalisten und der Heilsarmee gelingt es Brecht, die in der Gesellschaft verankerten Ideologien plastisch darzustellen, wodurch er dem Rezipienten einen reflexiven Umgang mit den zeitgenössischen Gegebenheiten ermöglicht. Das epische Drama fungiert als Analyseinstrument in einer scheinbar undurchdringlichen Welt, deren Aufrechterhaltung in religiöse sowie politische Implikationen eingebettet ist. Um Letzteres zu konkretisieren, intensiviert der nächste Abschnitt den zeitgeschichtlichen Kontext, um die These zu verifizieren, dass Brecht die Umstände des 21. Jahrhunderts abbildet.

3. Zeitgeschichtlicher Kontext: Kontingenz von Alltagsdarstellung & Literatur

Die Prägung Brechts durch die Weimarer Republik (1918-1933) zeichnet sich in seinem Werk als Schriftsteller ab. Er verweist in seinem Drama Die heilige Johanna der Schlachthöfe auf den zeitgeschichtlichen Kontext und spiegelt den kapitalistischen Krisenzyklus nach Karl Marx5 wider, welcher zur Zeit der Weimarer Republik durchlebt wurde. Nach der Überwindung der schweren Anfänge zeichnet sich die mittlere Phase der Weimarer Republik durch die Goldenen Zwanziger aus, die mit einem wirtschaftlichen Aufschwung einhergingen. In diesem Zeitraum widmete sich Brecht einem ausführlichen Studium der Werke Marx und Lenins, deren politische Gesinnung von Brecht innerhalb des Dramas aufgezeigt wird.6 Die wirtschaftliche Blütezeit entspricht im Sinne Marx der Phase der Prosperität, welche in einer Überproduktion mündet.7 Angestoßen wurde die Blütezeit durch den erhöhten Bedarf an Ware nach dem Ersten Weltkrieg und die parallel exponentiell steigende Anzahl der Börsenspekulanten, die sich hohe Aktiengewinne erhofften. Die anfänglich existente Kaufwut und die Euphorie der Spekulanten mündeten in einer Überproduktion von Ware (vor allem in den USA) und Ende der 1920er-Jahre war ein wirtschaftlicher Abschwung angesichts des gesättigten Marktes nicht mehr abzuwenden. Das unmögliche Absetzen der Ware begünstigte den Preisverfall und die Deflation, das Sinken des Preisniveaus, das eine große Panik bei den Spekulanten hervorbrachte, welche die Aktien fortan verkauften. Durch diese Vorgehensweise verloren die Aktienkurse weiterhin Geld und am 29. Oktober 1929 brach der Aktienmarkt zusammen und die New Yorker Börse stürzte ab. Dieses Dilemma wird in Brechts Drama explizit veranschaulicht und durch die Darstellung der Zeitungsartikel und Schreckensnachrichten literarisch verarbeitet.8

Das New Yorker Geschehen führte auch überall auf dem europäischen Kontinent zu wirtschaftlichen Krisenerscheinungen; in Deutschland jedoch bewirkte es geradezu eine ökonomische und politische Katastrophe.9

Durch das Rückziehen der Gelder und Kredite seitens der USA entstand in Deutschland eine Wirtschaftskrise, die durch eine verfehlte Deflationspolitik und Uneinigkeiten in der politischen Misere nicht adäquat behoben wurde.10 Gleichzeitig wuchs die Anzahl der Arbeitslosen signifikant und erreichte im Jahre 1932 einen Höchststand von 6,04 Millionen Menschen.11 Angesichts dieser prekären Lage und der verfehlten Krisenstrategien proklamierte die NSDAP, die Rettung für die Wirtschaft zu sein. ,,Von der sozialen Misere profitieren vor allem die Nationalsozialisten’’12 und Adolf Hitler sowie der NSDAP wurde der Aufstieg in einer turbulenten krisenhaften Zeit ermöglicht. Nach einer Stagnation erfolgte somit die „Wiederherstellung des industriellen Kreislaufs’’13.

Die Literatur dieser Zeit ist von einer Sachlichkeit und politischen Themen geprägt, die die moderne Gesellschaft distanziert und beobachtend darstellen. Das der Hausarbeit zugrunde liegende Drama zeichnet sich ebenso durch diesen Stil aus und kann als exemplarisches Stück für die Geschehnisse dieser Epoche angesehen werden.

4. Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe

In diesem Abschnitt wird das Drama Brechts unter Rückbezug der zuvor gezogenen Schlüsse und dem Hinzuziehen weiterer Analyseinstrumente intensiviert. Aufgezeigt werden die Intentionen der religiösen Anhänger der Heilsarmee und die Differenz zwischen einem Gläubigen und einem religiösen Apparat. Die transparente Gestaltung der Intention der Kapitalisten ist ebenso relevant, um letztendlich das Verhältnis beider Komponenten zueinander darzustellen und die Auswirkungen auf den Alltag der Gesellschaftsteilnehmer zu konkretisieren.

4.1 Johanna Dark und die Schwarzen Strohhüte als Vertreter der Religion

Johanna Dark ist ein Leutnant der Schwarzen Strohhüte. Diese Organisation ist mit einer Heilsarmee gleichzusetzen, wobei religiöse und ethische Motive die Grundlage dieser Formation bilden. Die dahinterstehende Intention ist die Einführung Gottes in einer „Welt, gleichend einem Schlachthaus’’14. Dieser Vergleich verdeutlich dem Rezipienten die negativen Auswirkungen des Kapitalismus, welcher sich durch Ausbeutung, Konkurrenz und Intrigen auszeichnet. Die Anhänger der Heilsarmee nehmen die prekäre Situation der Arbeitslosen wahr und treten in den direkten Kontakt mit diesen. Innerhalb der Interaktion mit den Armen verweisen sie und Johanna auf die Funktion der Religion, die Hoffnung und Trost spendet. Johanna bemängelt, dass die Arbeitslosen nach niederen irdischen Genüssen streben und Gottes Wort „ein viel feinerer und innerlicherer und raffinierterer Genuß [sei]’’15. Johanna betitelt die Anhänger der Heilsarmee als „Soldaten des lieben Gottes’’16 und ihre Schlachtrufe zeichnen sich durch eine kriegerische Rhetorik aus, die im Kontrast zu ihren Wert- und Normvorstellungen stehen. Zu Beginn ist eine abgeneigte Haltung seitens Johanna gegenüber dem Materialismus ersichtlich und sie verneint die Nutzung von Gewalt zur Umgestaltung der gesellschaftlichen Strukturen. Die Rückbesinnung zu Gott sei die einzige Lösung in einer Zeit der Krisenhaftigkeit und Unruhen, denn durch Gewalt „macht man kein Paradies, so macht man das Chaos’’17. Brechts Kritik an der Religion wird ersichtlich, welche die Notleidenden auf ein Jenseits vertröstet und „Demut und Geduld hienieden’’18 lehrt. Als Einzige der Heilsarmee möchte Johanna erfahren, wer an der notdürftigen Situation der Armen Schuld ist und konfrontiert den Kapitalisten Mauler mit den aktuellen Geschehnissen. Dieser verweist auf die Schlechtigkeit der Arbeiter und schickt Johanna zu den Schlachthöfen, auf welchen sie die Boshaftigkeit der Menschen erkennen soll. Die Protagonistin übernimmt die Argumentation Maulers nicht und stellt heraus, dass sie lediglich ,,[d]er Armen Armut’’19 gesehen habe. Durch die zunehmende Beschäftigung mit dem kapitalistischen System durchläuft sie innerhalb des Dramas eine Wandlung.

[...]


1 Friedbert Stühler: Blickpunkt Text im Unterricht. Johann Wolfgang von Goethe Iphigenie auf Tauris. Bertolt Brecht Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Frauengestalten im Zeichen der Humanität. Hollfeld 1997. S. 101.

2 Der Name Johanna Dark ist an die historische Figur Jeanne d’Arc angelehnt. Die Namensänderung in ,Dark’ kann hierbei als Wortspiel angesehen werden, das auf die düsteren Erfahrungen der Protagonistin verweist und gleichzeitig auf ihr tragisches Schicksal (vgl. Rüdiger Bernhardt: Königs Erläuterungen. Bertolt Brecht Die heilige Johanna der Schlachthöfe. 2. Auflage. Hollefeld 2017. S. 72).

3 Vgl. Heinz-Peter Preußer/ Anthony Visser: ,,Das Banale und seine Nobilitierung zum ästhetischen Prinzip. Eine Einleitung zu Alltag als Genre’’. In: Heinz- Peter Preußer, Anthonya Visser (Hg.): Alltag als Genre. Heidelberg 2009. S. 7- 16, hier S. 10.

4 Vgl. Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe. 38. Auflage. Berlin 2016. S. 45.

5 Karl Marx gilt als Begründer des Marxismus, eine Gesellschaftstheorie, deren Intention das Schaffen einer klassenlosen Gesellschaft ist. Diese Gesellschaftslehre kann als Gegenteil des Kapitalismus verstanden werden, welcher sich durch die Existenz von Klassen und dem Besitz definieren lässt (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: ,,Marxismus’’. ULR: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20092/marxismus [13.03.2021]).

6 Vgl. Ulrich Kittstein: Bertolt Brecht. Stuttgart, München 2008. S. 14.

7 Vgl. Bernhardt: ,,Königs Erläuterungen’’, S. 52.

8 Vgl. Brecht: ,,Johanna’’, S. 146.

9 Reiner Marcowitz: Die Weimarer Republik 1929-1933. 5., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Darmstadt 2018. S. 12.

10 Vgl. Reiner Marcowitz: ,,Weimarer Republik’’, S. 15f.

11 Vgl. Reiner Marcowitz: ,,Weimarer Republik’’, S. 16.

12 Klaus Detlef Müller: Bertolt Brecht. Epoche-Werk-Wirkung. München 2009.

13 Rüdiger Bernhardt: ,,Königs Erläuterungen’’, S. 52 (in Anlehnung an Käthe Rülicke-Weiler).

14 Brecht: ,,Johanna’’, S. 12.

15 Brecht: ,,Johanna’’, S. 16.

16 Brecht: ,,Johanna’’, S. 15.

17 Brecht: ,,Johanna’’, S. 16.

18 Wladimir I. Lenin: ,,Sozialismus und Religion’’. ULR: http://www.payer.de/religionskritik/lenin02.htm [10.03.2021].

19 Brecht: ,,Johanna’’, S. 42.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Determinierung des Alltags durch das kapitalistische System und die Religion. Brechts epischen Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
Veranstaltung
Alltag in der Literatur
Note
1,3
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1033882
ISBN (eBook)
9783346447623
ISBN (Buch)
9783346447630
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt Brecht, Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Alltag in der Literatur, Kapitalismus, Religion
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die Determinierung des Alltags durch das kapitalistische System und die Religion. Brechts epischen Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033882

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