Annette von Droste-Hülshoff - Biographie - Die Judenbuche


Seminararbeit, 1996

17 Seiten, Note: 2,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Zeittafel

2. Herkunft und Persönlichkeitsbild der Droste

3. Freundschaften

4. Die Judenbuche
4.1. Die historischen Grundlagen
4.2. Die Quelle
4.3. Die Judenbuche
4.4. Literaturverzeichnis

1. Zeittafel

1797 Anna Elisabeth (Annette) Freiin Droste zu Hülshoff wird am 12.01. geboren.Vater: Cle- mens August Freiherr Droste zu Hülshoff,Mutter: Therese geborene Freiin von Haxthau- sen,Geschwister: Maria Anna (Jenny),geboren 1795,Werner Constantin,geboren 1798,Ferdinand,geboren 1802

1802 Aufhebung des Fürstbistums Münster;erste preußische Regierung

1805 Aufenthalt bei paderbornischen Verwandten in Bökendorf

1806 Niederlage Preußens gegen Napoleon in der Schlacht bei Jena und Auerstedt; französische Regierung

1808 „Lied eines Soldaten in der Ferne“.

1809 „Der Abend.Abendgefühl“.

1810 „Das Schicksal“.

1812 Kreis um Anton Mathias Sprickmann in Münster.

1813 Treffen in Bökendorf mit Wilhelm Grimm.Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Leipzig;zweite preußische Regierung. „Das befreyte Deutschland“.

1813/14 „Bertha“.

1815 Bildung der preußischen Provinz Westfalen mit der Hauptstadt Münster nach dem Wiener Kongreß

1816 „Unruhe“.

1817 Bekanntschaft mit Wilhelmine von Thielmann

1818 „Walther“.Besuche in Bökendorf (Heinrich Straube) und Kassel (Jacob und Will- helm Grimm,Amalie Hassenpflug)

1819 Geistliche Lieder („Das Morgenrot schwimmt still entlang“).Besuch Straubes in Hülshoff und Bökendorf.Kur in Bad Driburg.Besuch in Bökendorf. „Bettellied“.

1819/20 Erster Teil „Geistliches Jahr“.

1820 „Noth.Wie sind meine Finger so grün“.Rückkehr nach Hülshoff.

1820 ff. Lieder.Arbeit an „Babilon“.

1821 Generalbaßbuch von Maximilian von Droste-Hülshoff.Beginn der Arbeit an „Ledwina“.

1822,1824 Reise mit dem Bruder ins Sauerland (Gevelinghausen und Rödinghausen).

1825 Besuch in Bonn (Clemens von Droste-Hülshoff,Moritz von Haxthausen),Köln (Werner von Haxthausen,Sibylle Mertens-Schaaffhausen) und Koblenz (Wilhelmine von Thielmann).

1826 Rückkehr nach Hülshoff.Heirat des Bruders Werner mit Caroline von Wendt- Papenhausen.Tod des Vaters.Umzug nach Rüschhaus.

1827 Beginn der Arbeit am „Hospiz auf dem großen St.Bernhard“.

1828 Besuch in Bonn,Plittersdorf (Sibylle Mertens-Schaaffhausen) und Bad Godes- berg (Wilhelmine von Thielmann).Bekanntschaft mit Johanna und Adele Scho- penhauer.

1829 Tod des Bruders Ferdinand.Arbeit an der Judenbuche beginnt.

Nach 1830 Die frühere Amme Catharina Plettendorf weilt in Rüschhaus.Lieder.

1830/31 Besuche in Bonn und Plittersdorf.

Vor 1834 „Des Arztes Vermächtniß“.

1834 Kreis um Christoph Bernhard Schlüter in Münster (Louise von Bornstedt,Will- helm Junkmann).Heirat der Schwester Jenny mit Joseph von Laßberg aus Eppis- hausen/Schweiz. „Nicht wie vergangner Tage heitres Singen“.

1834/35 „Entzauberung“.

1835/36 Besuch in Eppishausen.Bearbeitung des „Lochamer Liederbuches“.Lieder.

1836 „Der Graf von Thal.Am grünen Hang ein Pilger steht“.

1836/37 Besuch in Bonn.

1837 Besuch in Abbenburg und Bökendorf.Lieder. „Die Schlacht im Loener Bruch“.

„Die Wiedertäufer“.

1838 Besuch in Abbenburg.Literarischer Zirkel bei Elise Rüdiger in Münster (Levin Schücking).“Gedichte“ bei Aschendorf in Münster.“Klänge aus dem Orient“.

1839 Umzug der Familie von Laßberg auf die Meersburg.Besuch in Abbenburg.

Fortsetzung des „Geistlichen Jahrs“.“Des alten Pfarrers Woche“.Der Graf von Thal“.

1840 „Perdu! Der Geyerpfiff“.

1840/41 Balladen.Mitarbeit am „Malerischen und romantischen Westphalen“ von Fer- dinand Freiligrath und Levin Schücking.

1841 Beginn der Arbeit an „Bei uns zu Lande auf dem Lande“. „Das Fräulein von Rodenschild“. „Der Graue“. „Der Schloßelf“. „Die Elemente“. „Gruss an das Herrle“. „Vorgeschichte“. „Kurt von Spiegel“. „Das Fegefeuer des West- phälischen Adels“. „Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln“. „Meister Gerhard von Cöln“.

1841/42 Auf der Meersburg.Schücking arbeitet als Bibliothekar dort.Bekanntschaft mit Charlotte von Salm-Reifferscheidt.Balladen. „Die Schenke am See“. „Der Knabe im Moor“. „Zeitbilder“. „Haidebilder“. „Am Thurm“.“Im Moose“. „Am Bodensee“. „Mein Beruf“. „Kein Wort,und wär’ es scharf wie Stahles Klinge“. „O frage nicht was mich so tief bewegt“. „Die Taxuswand“. „Das Spiegelbild“. „Neujahrsnacht“. „Abschied von der Jugend.“

1842 „Nach fünfzehn Jahren“. „Der Knabe im Moose“.“Warnung an die Weltverbes- serer“. „Gruss an ... (Wilhelm Junkmann). „Die Judenbuche“ in Fortsetzungen im Stuttgarter Morgenblatt. „Der zu früh geborene Dichter“. „Westphälische Schilderungen“. „Die Taxuswand“. „Am Thurm“. „Der spiritus familiaris des Roßtäuschers“.

1843 Besuch in Abbenburg.Reise mit der Mutter und Elise Rüdiger nach Meersburg. Ersteigerung des Fürstenhäusles. „Die Schenke am See“.“Zeitbilder“.“Nachruf an Henriette von Hohenhausen“. „Das öde Haus“.

1844 Bekanntschaft mit Philippa Pearsall.“Mondesaufgang“. „An einen Freund“.Be- such Levin und Louise Schücking in Meersburg. „Die todte Lerche“. „Lebt Wohl“. „Die ihr beym fetten Mahle lacht“. „Locke nicht,du Strahl aus der Höh’“. „Spätes Erwachen“. „An Philippa“. „Die Golems“. „Grüße“. „Das ich der Mittelpunkt der Welt“. „Gedichte“ bei Cotta in Stuttgart und Tübingen. Rückkehr nach Rüschhaus. „Im Grase“.Arbeit an „Joseph“. „Die beschränkte Frau.

1845 Tod Catharina Plettendorfs. „Das Bild“. „Durchwachte Nacht“. „Volksglauben in den Pyrenäen“. „Das Wort“.Reise nach Abbenburg. „Zwey Legenden (Das verlorne Paradies,Gethsemane)“. „Unter der Linde“. „Auch ein Beruf“. „Mondesaufgang“. „Westphälische Schilderungen“ in Fortsetzungen in den „Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland“.Rückkehr nach Rüschhaus. „Gastrecht“. „Auch ein Beruf“.

1846 „An einem Tag wo feucht der Wind“.Besuch in Meersburg. „Der sterbende General“. „Sylvesterabend“. „Das Bild“. „Das erste Gedicht“. „Durchwachte Nacht“. „Mondesaufgang“.

1847 „Gemüth“. „Der Schweizer Morgen (Schloss Berg)“. „Auf hohem Felsen lieg ich hier.“

1848 „Als diese Lieder ich vereint“. Märzrevolution.Annette von Droste-Hülshoff stirbt am 24.05. und wird am 26.05. in Meersburg beigesetzt. (vgl. Kraft 1994, S.139 f.)

2. Herkunft und Persönlichkeitsbild der Droste

Annette von Droste- Hülshoff entstammt einem alten westfälischen Adelsgeschlecht. Von den Eltern dominierte klar die nüchtern - pragmatische Mutter über den musisch, naturwissenschaftlichen in private Welt versponnenen Vater. Die Mutter dominierte lebenslang auch ihre Tochter Annette, die sich unterwarf, um eigene Interessen durchzusetzen und dieses Regime geschickt zu unterlaufen verstand. Die Freiräume - für ihre literarische Arbeit und ihren freundschaftlichen Umgang -, die sie sich innerhalb der sehr eingeschränkten familiären Verhältnisse und gesellschaftlichen Konventionen schaffen konnte, waren für ihre Zeit sehr beachtlich So fürchtete die Droste im Sommer 1840 das sie der Münsteraner Klatsch über ihr Verhältnis zu Levin Schücking zur Aufgabe dieser Beziehung zwingen könnte und sie die hart erkämpfte Freiheit kosten würde.

Annette von Droste - Hülshoff wurde ganz entscheidend durch ihre engere Heimat Westfalen und durch das Münsterland geprägt. Sie wandte sich ihrer westfälischen Heimat immer wieder in Lyrik und Epik zu (u. a. „Die Judenbuche“).

Die Droste zeichnete sich vor allem durch Wesenszüge und Eigenschaften wie übergroße Sensibilität, eine überrege Phantasietätigkeit, eine eigentümlich ambivalente Affinität zu allen Bereichen des Grau- ens und Grausigen, scheinbar grundlose Depressionen und immer wieder Angst. Die meisten dieser Charakterzüge sind der Droste bereits in ihrer Jugend bewußt geworden.

Zu diesem schwierigen Persönlichkeitsbild tritt immer wieder die schwere Krankheit in ihr Leben, begleitet durch häu⇒ge Todesgedanken. Die zeitliche Übereinstimmung von psychischen Krisen und physischen Erkrankungen weisen auf psychogene Faktoren hin. (vgl. Schneider 1995, S.28 f. )

3. Freundschaften

Die Droste begegnet uns in Biographien als temperamentvolles, schlagfertiges, witziges und vielseitig begabtes Mädchen, das dennoch von ihren tiefsten Gefühlen wenig offenbarte Hinter dem einschnei- denden Ereignis, der „Jugendkatastrophe“, verbirgt sich ein banaler Sachverhalt, die sogenannte Straube - Affäre. Die 21jährige Droste verliebt sich in den drei Jahre älteren, mittellosen Jurastuden- ten Heinrich Straube, geriet dann 1820 durch die Bekanntschaft mit August von Arnswaldt in einen Gefühlszwiespalt und wurde dadurch Opfer einer abgekaterten Intrige. Diese führte zu dem schmerz- lichen Bruch mit Straube und zog familiäre Sanktionen nach sich. Das seelische Leid (auch Lebens- krise) läßt die junge Droste an Selbstmord denken. Ihr Lebensalltag stand für sie fortan im Zeichen vertiefter Religiosität , im Zeichen von Schuld, von Angst vor Strafe und Hoffnung auf Gnade.

Die Droste suchte schon früh freundschaftlichen Umgang und freundschaftlichen Rat, vor allem in Fragen der Literatur. Ihr erster Mentor wurde Anton Mathias Sprickmann, ein Jurist. Er verwies die Droste auf die Dichtkunst Klopstocks und Hains. Bleibende Spuren im Denken und Schreiben der Droste hinterließ er aber kaum.

Ihr zweiter und lebenslanger Mentor wurde dann (seit 1834) Christoph Bernhard Schlüter, Gymnasi- allehrer und Philosophiedozent an der Akademie in München. Wie sehr er sie auch zu beeinflussen suchte durch romantische Poesie, Theorie und mittelalterliche Mystik, die Droste war sich ihrer Ei- genart und ihrer eigenen Zielsetzung schon viel zu sicher, um sich von ihnen wirklich abbringen zu lassen.

Die Beziehung zu Wilhelm Junkermann war weniger intensiv. Sie schätzte an ihm seine Literatur- kenntnis und sein lyrisches Talent, durch sein politisches Engagement wurde er ihr aber fremd. Weibliche Bezugspersonen waren vor allem Sibylle Mertens und Adele Schopenhauer, die der Droste einen lebendigen Zugang zur Weimarer Klassik vermitteln konnten, und Elise Rüdiger, die bevorzugte Briefpartnerin des letzten Lebensjahrzehnts. Sie war für die Droste Vertraute und kompetente Gesprächspartnerin in Dingen der Literatur. Eine Einflußnahme auf ihren literarischen Stil wehrte die Droste auch hier ab.

Alle diese freundschaftlichen Verbindungen aber überragte sowohl an menschlicher Intensität wie an literarischer Fruchtbarkeit die Freundschaft zu Levin Schücking. Was sich hier darstellt, ist die Be- gegnung eines jungen, mittellosen Mannes mit schriftstellerischen Ambitionen mit einer ältere, gleich- falls schriftstellernden Dame von Adel, die sich seiner mütterlich annimmt. Von Seiten der Droste entwickelt sich eine intensive Liebe, die unter dem Deckmantel der Freundschaft und mütterlichen Zuneigung gelebt werden kann. Diese einseitige Liebe war für die Droste dennoch Quelle künstleri- scher Inspiration.

Nicht nur ihr literarischer Stil und die unterschiedliche Intensität ihrer Gefühle füreinander trennten beide, sondern auch ihr unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Standort, und daran zerbrach die Beziehung endgültig. (vgl. Schneider 1995, S. 31 f. )

4. „Die Judenbuche“

4.1. Die historischen Grundlagen

Wie August von Haxthausen in der „Geschichte eines Algierer Sklaven“ berichtet, geschah der Ju- denmord am 10. Februar 1783. August von Haxthausen nennt den Mörder mit Namen „Hermann Winkelhannes“, später fügt er noch den Vornamen „Johannes“ und „aus Bellersen“ als Ortsangabe hinzu.

Nach der Flucht aus seiner Heimat geriet der Mörder in algerische Sklaverei. Er erlangte die Freiheit wieder, weil Hieronymus Bonaparte das Oberhaupt der Janitscharen gezwungen habe, die Christen- sklaven freizugeben. Daraufhin wurden dem Französischen Generalkonsul gegen Zahlung von 450 000Franken 231 Sklaven, unter denen sich auch der Winkelhannes befunden haben muß, überge- ben.

Im Jahre 1806 muß Winkelhannes bereits wieder in seiner Heimat gewesen sein, also nicht erst 1807, wie Haxthausen berichtete. (vgl. Huge 1979, S. 26 f.)

4.2. Die Quelle

Unter dem Titel „ Geschichte eines Algierer - Sklaven“ veröffentliche August von Haxthausen, ein Onkel der Droste, 1818 die seltsame Geschichte eines Judenmörders und Selbstmörders in der Göt- tinger Zeitschrift „Wünschelruthe“. Haxthausen stützte sich möglicherweise auf heute nicht mehr er- haltene Gerichtsakten. Er berichtet, daß die Juden den Baum, unter dem das Verbrechen geschah, mit hebräischen Schriftzeichen kennzeichneten: der Mörder sollte keines rechten Todes sterben. Die schicksalhafte Erfüllung dieses Satzes mag der Anlaß gewesen sein, diese Geschichte aufzuschreiben.

Geschichte eines Algierer - Sklaven

Der Bauernvogt von Ovenhausen hatte im Herbst 1782 einen Knecht Hermann Winkelhannes, mit dem er sehr zufrieden war. Dieser hatte sich bei dem Schutzjuden Pinnes Stoff für ein Hemd gekauft. Als er nun schon längere Zeit dieses getragen hatte, ohne dafür bezahlt zu haben, erinnerte der Jude ihn daran. Ihn ärgerte, daß er das schon etwas abgetragene und zudem nicht gut fallende Tuch noch bezahlen mußte und leugnete deshalb den vereinbarten Preis. Er weigert sich zu zahlen und droht dem Juden sogar. Pinnes bleibt also nichts anderes übrig, als ihn beim Gericht der Gutsherrschaft zu verklagen.

Der Jude gewinnt den Prozeß, ihm wird also der volle Preis zugesprochen. Hermann droht ihm erneut verschärft mit Worten, die sich erfüllen sollen.

Der Förster sieht abends Hermann dem Wald zustreben und folgt diesem, weil er annehmen muß, daß dieser Holz stehlen will. Da er ihn nur einen Ast brechen sieht, gibt er erleichtert die Verfolgung auf. Noch weit vom Dorf entfernt, trifft er den Juden, der nach Hause will.

Zwei Tage später entdeckt die Frau des Juden ihren erschlagenen Mann im Wald.

Er hatte siebzehn sichtbare Schläge mit einem Knüppel erhalten, mußte sich aber noch energisch gewehrt haben, was eindeutige Indizien beweisen.

Der Förster findet den blutigen Knüppel, der seine Gedanken auf Hermann leitet. Bei Gericht kam die Erinnerung an die Drohungen Hermanns.

Der Haftbefehl wurde ausgesprochen, Hermann jedoch war schon einige Tage zu Besuch bei seinem Vater. Dieser schützt seinen Sohn, indem er angibt, das Hermann schon seit voriger Nacht mit unbestimmtem Ziel aufgebrochen sei.

Verwandte und Glaubensgenossen bitten beim Begräbnis den Gutsherren, ihr Zeichen in den Baum ritzen zu dürfen, unter welchem Pinnes gefunden wurde. In hebräischen Zeichen soll dort erscheinen, daß der Mörder, den Gott ⇒nden wird, keines rechten Todes sterben soll.

Im April 1807 trifft der 25 Jahre verschollene und damals als Judenmörder angeklagte Hermann Winkelhannes wieder in Bellersen ein. Er wird begnadigt, denn 24 Jahre Sklaverei seien nach dem Gesetz dem Tod gleichzusetzen. Hermann darf frei und unbestraft weiterleben. Nachdem er wieder einigermaßen gebrochen Deutsch reden kann, denn die Sklaverei ließ ihn ein Sprachengemisch sprechen, erzählt er dem Gutsherren, welcher ihn auf sein Schloß eingeladen hat, seine Geschichte.

Nach und nach kam dann auch das Gespräch auf den damaligen Judenmord. Hermann erzählt den Tathergang und gesteht den Mord. Als er sich über die Tat bewußt wird, packt ihn die Angst und er flieht.

In Holland ließ er sich zum Matrosen anwerben, kam nach England und Genua. Dort wechselte er auf einen Genuesischen Kauffahrer. Das Schiff wird wenig später im Sicilischen Meer von Seeräubern übernommen und nach Algier gebracht.

Nach dem Verkauf auf dem Sklavenmarkt bekommt er bei seinem neuen Herrn, da er über Kenntnisse in Italienisch und Französisch verfügt und schreiben kann, die Anstellung als Haushofmeister. Da sein Herr in Ungnade ⇒el und hingerichtet wurde, wurde Hermann nun zum öffentlichen Sklaven. Diese mußten die schwersten Arbeiten verrichten.

Als 1806 die Christensklaven freigekauft wurden, endete das 17 jährige Martyrium. Hermann wan- derte in die Heimat, in der er sich fortan mit leichten Arbeiten und Betteln seinen Lebensunterhalt verdient.

Im Spätherbst wird die Leiche Hermanns an einem Baum hängend gefunden.

So hat der Mensch 17 Jahre ungebeugt und ohne Verzweiflung die härteste Sklaverei ertragen, aber die Freiheit und volle Straflosigkeit hat r nicht ertragen dürfen. Er mußte sein Schicksal erfüllen und an den Ort zurückkehren und dort sich selbst Gerechtigkeit üben.

Zwei Jahre nach seinem Tod ist der Baum gefällt worden. Aus der Rinde waren in den langen Jahren die Zeichen herausgewachsen, so daß man Form und Gestaltung nicht mehr erkennen konnte. (vgl. Huge 1979, S. 32 f. )

4.3. „Die Judenbuche“

Wann die Droste die Arbeit an der „Judenbuche“ begann läßt sich nicht mehr genau feststellen. In den Jahren 1818 -1820 scheint sie bei einem Besuch bei den Großeltern in Bökendorf tatsächlich mit den Ereignissen des Judenmordes bekannt geworden zu sein.

Die Droste erwähnt den Stoff der Judenbuche“ als „Kriminalgeschichte Friedrich Mergel“ zum ersten Mal in einem Brief an Junkermann vom 4. August 1837. Am 24. August 1839 berichtet sie anläßlich eines Aufenthaltes in Abbenburg in einem Brief an Schlüter von den ungesetzlichen Zuständen jener Gegend und erinnert sich dabei auch an ihre angefangene „Kriminalgeschichte, Friedrich Mergel“. Einen vorläu⇒gen Abschluß scheint die Arbeit Anfang 1840 gefunden zu haben. Als beendet erwähnt die Droste die spätere „Judenbuche“ noch einmal am 1. Juli 1841. (vgl. Huge 1979, S. 44 f.)

Mit der Veröffentlichung der „Judenbuche“ gelang der Droste ihr literarischer Durchbruch und ihr auf Dauer größter Erfolg.

Das Verhältnis von historischer Vorlage - der Geschichte des Judenmörders und „Algierer - Skla- ven“ Hermann Georg Winkelhagen - und poetischer Gestaltung ist vielfach untersucht worden und kann heute als geklärt gelten. Das historisch verbürgte Geschehen, wir es sich der Droste sowohl aus mündlichen Erzählungen wie aus der literarischen Version ihres Onkels von Haxthausen erschloß, wurde ihr zum frei verfügbaren Material einer Erzählung, in der nicht nur die Akzente völlig anders gesetzt, sondern auch Menschen und Ereignisse entscheidend umgestaltet oder frei erfunden wurden. Allein dies schon legt den Schluß nahe, Daß es der Droste um weit mehr gehen mußte als um eine nur realistische Adaption des Stoffes.

Aufbau und Erzählstruktur belegen einen hohen Grad an künstlerischer Durchformtheit des dargebo- tenen Stoffes. In einer Zweiteilung wechselt ein chronikartig resümierender Berichtsstil mit szenisch - dialogischer Darstellung, die aus der Perspektive eines Beteiligten betrachtet wird. Im Dunkeln bleibt aal das, was nicht im unmittelbaren Beobachtungsfeld des jeweiligen Perspektiventrägers steht. Symptomatisch für die Kriminalgeschichte und ihr Strukturprinzip von Verhüllung und Aufdeckung ist bereits die in die Buche gehauene hebräische Inschrift, die erst am Ende der Erzählung übersetzt wird, und somit Klarheit bringt.

Eine erste semantische Bezugsebene der Kriminalgeschichte fixiert bereits ihr Untertitel: „Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen.“ (vgl. Schneider 1995, S.101 f. )

Die Erzählung von dem erschlagenen Juden kannte die Droste aus Gesprächen in Bökendorf und Abbenburg; in der Gegend hatte sich das Ereignis 1783 zugetragen, und von August von Haxthausen war 1818 ein Bericht darüber erschienen. Der „Schutzjude Pinnes“ hatte den „Knecht Hermann Winkelhannes“ mit Erfolg verklagt, ihm für geliefertes Tuch den vollen Preis zu bezahlen. Winkelhan- nes hatte daraufhin den Juden erschlagen. Zuletzt schildert der Bericht des Winkelhannes als Selbst- mord: „Wie er aber an den Kiel gekommen, nicht weit von der Stelle, wo er vor 24 Jahren die Schu- he zur Wallfahrt ausgezogen, da hat er eine Leine von einem nahen Pflug genommen, und sich damit an einen Baum gehängt und zwar so niedrig, daß er mit den Füßen das Herbstlaub unter sich wegge- scharret hat.“

Die „Judenbuche“ erzählt nicht dieselbe Geschichte, sondern entwirft auf dem gleichen Hintergrund ein „Sittengemälde“ .In Abbenburg 1839 hatte die Droste erlebt, daß die sozialen Bedingungen, die auch den Konflikt um Winkelhannes herbeigeführt hatten, unverändert geblieben waren. Der Eigen- tumskonflikt um das Recht des Holzschlagens und sogar Holzsammelns wird in der „Judenbuche“ genau bezeichnet. Große und ergiebige Waldungen machen den Hauptreichtum des Landes aus. Die „Judenbuche“ berichtet von den Auswirkungen der Verhältnisse auf die Menschen, auf den Charak- ter. Als Friedrich Mergel geboren wird, heißt er noch Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse, aber die Bedingungen haben sich längst geändert. Fremdes Vieh weidet auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker. Vorher ist Hermann Mergel, Friedrichs Vater, ein sogenannter ordentlicher Säufer gewesen, einer, der nur an Sonn - und Festtagen in der Rinne lag, jetzt zählt er zu den gänzlich verkommenen Subjekten. Und die fremden Mägde bringen Schimpf und Schaden. Das alles ist so, weil ein Halbmeier leicht ver- kommt und Mägde immer auf ihren Vorteil bedacht sein müssen.

Margreth Mergel lebt allein mit Ihrem zwölfjährigen Sohn, seit ihr Mann auf mysteriöse Weise um- kam. Da - zum ersten Mal, seit sie die Ehe mit Hermann Mergel eingegangen ist - besucht sie Ihr Bruder, Simon Semmler. Sie Fragt: „ Willst du sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen Jungen? “ Es ist doch aber ihr Kind, das sie nicht hat verkommen lassen, und das Kind ist nicht aus der Art geschlagen. Für schmutzig gilt das Leben dort, wo beide jetzt angekommen sind. Margreth Mergel stellt Friedrich vor die Alternative:“Fritzchen, willst du jetzt auch fromm seyn daßich Freude an dir habe, oder willst du unartig seyn und lügen, oder saufen und Stehlen ?“

Als später die Leiche ins Haus gebracht wird, empfängt Margreth sie mit folgenden Worten:“Da bringen sie mir das Schwein wieder !“ Ein Beweis dafür, daß die Liebe beider Erwachsenen schon längere Zeit gestorben ist. Dennoch begreift sie für einen kurzen Moment, als die Leiche abgeholt wird, wie Liebe mit diesem Mann sein konnte:“Zehn Jahre, Zehn Kreuze. Wir haben sie doch zusammen getragen. “ Nachdem sie keinem der Ihrigen mehr die Schuld an dem Elend geben kann, beginnt sie zu verstehen, auf welche Weise, von wem und warum, sie um das Leben betrogen wur- de:“Höre, Fritz, das Holzläßt unser Herrgott frei wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können Niemanden gehören. “ Die Ereignisse bestärken eher den Aberglauben, fördern den Verfall der Vernunft: Der alte Mergel war das Gespenst des Bre- derholzes geworden; einen Betrunkenen führte er als Irrlicht bei einem Haar in den Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben. Wenn sie Nachts bei ihren Feuern kauerten und die Eulen in den Gründen schrieen, hörten zuweilen in abgebrochenen Tönen ganz deutlich dazwischen sein. „ Hör mal an, fein ’ s Lieseken, “ und ein unprivilegirter Holzhauer, der unter der breiten Eiche eingeschlafen und dem es darüber Nacht geworden war, hatte beim Erwachen sein geschwol- lenes blaues Gesicht durch die Zweige lauschen sehen. Friedrich zählte nicht zu den Abergläubi- schen: er mußte von anderen Knaben Vieles darüber hören ,dann heulte er, schlug um sich. Auch Simon Semmler zählte nicht zu diesen. Dennoch bleiben die einzelnen ja austauschbar. Als Margreth Mergel wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde, aber da hat sie ihr Kind mit dem Spiegelbild Johannes Niemand, dem Ohms Schweinehirt und vielleicht sogar dessen Sohn, verwechselt. Dieses Spiegelbild hat bereits das Aussehen eines Verfolgten, zu dem Friedrich immer mehr zu werden scheint.

Seit einiger Zeit im Dienste des Ohms Simon Semmler will Friedrich diese Stellung nicht behalten und sieht in der Verbindung mit den „Holzfrevlern“ eine Möglichkeit, von ganz unten wegzukommen. Die Erzählung berichtet, daß er offensichtlich die Blaukittel (welche nach der Arbeitsbekleidung benannt wurden) vor den Förstern warnt und sogar den unrechten Weg in brenzligen Situationen zeigt. Auf diese Weise gerät Friedrich in das Verbrechen. Die eigentlichen Eigentumskonflikte sind die Gründe für die Verhältnisse, in denen das Unrecht entsteht.

Friedrichs Jugend ist ihm „wie ein Schorf, eine Wunde darunter, da sickert täglich Blut hervor“, da- von ist er „so entstellt“. Mit der nicht bezahlten Uhr, die er stolz bei einem Hochzeitsfest vorzeigt, ist wie der Wunsch, einmal für etwas, das man nicht verdient hat, nicht bezahlen zu müssen. Friedrich

war ein Mensch, der durch seine gefürchtete Kühnheit und noch mehr gefürchtete Tücke ein gewisses Übergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fä- hig sey. Der beliebte Tanz ward gespielt auf dem Hochzeitsfest, und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daßdie Kühe an der Tenne die Hörner zurückzogen und Ketten- geklirr und Gebrumm an ihren Ständern herlief... „ Jetzt ist es gut! “ , sagte er endlich und trat schweißtriefend an den Kredenztisch; „ die gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadligen Prinzen und Prinzessinnen, und wer ’ s nicht mittrinkt, den will ich an die Ohren schlagen, daßer die Engel singen hört! “ - Ein lautes Vivat beantwortete den galanten Toast.- Friedrich machte seinen Bückling.- „ Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauersleute! “ Der andere, gänzlich Abhängige, Johannes Niemand, stiehlt indessen Butter, wird ertappt und steckt die Fußtritte von Friedrich geduldig und untergeben ein. Aber auch Friedrich erwischt es noch. Der Jude Aaron taucht auf und fordert die Zahlung der zehn Thaler für die schon lange gelieferte Uhr.

Wer ein Verbrechen begeht, hat ein Motiv und dieses ist somit gegeben. Und die Argumente bedür- fen keines Beweises, denn der Schuldige steht von vornherein fest. Ohne Umstände geht nun alles Vonstatten. Dann schnitzen die Juden eine Inschrift in den Baum, unter dem der Mord mit großer Sicherheit geschah,; eine hebräische Inschrift, die also keiner sonst entziffern kann. Keine anderen Argumente zählten, obwohl ein anderer gestand, einen Juden namens Aaron im Wald erschlagen zu haben und Friedrich genauso gut auch wegen der Ermittlungen gegen die Holzfrevler geflohen sein könnte. Wenn sich jedoch bewahrheitet, daß Friedrich doch der Mörder war, dann würde die In- schrift: Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan hast zutref- fen. Das heißt: Wer tot bei diesem Baum gefunden wird, ist einfach der gerecht bestrafte Mörder. Würde der Tote nicht Friedrich sondern Johannes, sein Spiegelbild, sein, müßte nach dem Mörder Johannes Niemands gefahndet werden. Beide Fälle würden als aufgeklärt gelten, wenn der Tote Friedrich Mergel sein würde.

Wahrscheinlich hat sich der dort Erhängte, wer immer er auch sein mag, gar nicht selbst stranguliert, denn eine Bemerkung des Gutsherren sollte zu denken geben: „ Wenn der armselige Krüppel auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er nicht wieder heraus “ . (vgl. Kraft 1994, S. 96 f.)

4.4. Literaturverzeichnis

Droste -Hülshoff, von, Annette: Die Judenbuche -15. Hamburger Leseheft. Hamburger Lesehefte Verlag, Husum / Nordsee

Huge, Walter: Erläuterungen und Dokumente - Annette von Droste - Hülshoff - Die Judenbuche. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1979, S. 26 ff.

Kraft, Herbert: Annette von Droste - Hülshoff. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek 1994, S. 96 ff, S.139 f.

Schneider, Ronald: Annette von Droste - Hülshoff. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart - Weimar 1995, S.101 f, S 162 ff.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Annette von Droste-Hülshoff - Biographie - Die Judenbuche
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
17
Katalognummer
V103400
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annette, Droste-Hülshoff, Biographie, Judenbuche
Arbeit zitieren
Uta Hotze (Autor), 1996, Annette von Droste-Hülshoff - Biographie - Die Judenbuche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103400

Kommentare

  • Gast am 1.11.2008

    Ein Lob für hervorragende Arbeit.

    Das ist das beste,gründlichste und opjektivte was ich bisher über die Droste und die Judenbuche gelesen habe.

    Respekt Heinz Weskamp

    ein alter Bökendorfer

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Titel: Annette von Droste-Hülshoff - Biographie - Die Judenbuche



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