Gottfried Benn: "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" als Zeugnis des Expressionismus


Seminararbeit, 2001

9 Seiten, Note: 2,0


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Expressionismus und Gottfried Benn

2. ’Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke’ als Zeugnis des Expressionismus
2.1 Das Ende der Welt
2.2 Die Abkehr ins Innere
2.3 Das Ringen um eine neue Form
2.4 Die Suche nach dem neuen Menschen

Fazit

Einleitung

„Also was ist der Expressionismus? Ein Konglomerat, ei- ne Seeschlange, das Ungeheuer von Loch Ness, eine Art Ku-Klux-Klan?“.1 Sogar Gottfried Benn hatte 1955, in seinem Vorwort zu der Gedichtsammlung „Lyrik des ex- pressionistischen Jahrzehnts“, offensichtlich noch Probleme damit, diese an sich selbst gestellte Frage eindeutig zu beantworten. Dabei gehörte er doch seit der Veröffentlichung seines Lyrikbandes „Morgue“, im Jahre 1912, zu den bedeuteten Vertretern dieser litera- rischen Epoche.2

Die Schwierigkeiten, jene kulturellen Erscheinun- gen, welche ungefähr in den Jahren zwischen 1910 und 1920 in Kunst- und Literatur auftraten, unter einem Sammelbegriff zu bündeln, haben mehrere Gründe: Zum ei- nen bestanden im Zuge der allgemeinen Kulturrevolution in Europa, am Anfang des 20. Jahrhunderts vielerlei geistige Gruppierungen nebeneinander (z.Bsp.: Futuris- mus, Dadaismus, der Sturmkreis etc.), die sich nicht nur zeitlich, sondern teilweise auch inhaltlich über- schneiden, und sich nur schwer voneinander abgrenzen lassen. Zum anderen trug die kurze Dauer dieses Zeitab- schnittes dazu bei, dass das Werk eines Dichters oft mehrere Epochen streifte, und somit nur erschwert in das gängige Muster der Kategorisierungen einzuordnen war.

Dennoch gibt es meiner Ansicht nach einige typische Merkmale, die sich in den sogenannten „Werken des Expressionismus“ häufig wieder finden lassen.

Eine solche Topographie möchte ich nun an dem Ge- dicht „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“ aus dem Lyrikzyklus Morgue, dem Erstlingswerk Gottfried Benns, aufzeigen, um zu belegen, daß er in seiner frü- hen dichterischen Phase als exemplarischer Vertreter des Expressionismus bezeichnet werden kann.

1. Der Expressionismus und Gottfried Benn

Durch die immer wiederkehrende Beschreibung vom Ende der Welt, sieht Kurt Pinthus den Expressionismus als „voranzeigendes Barometer der Erschütterungen unseres Jahrhunderts“.3 Damit meint er nicht nur die „schauer- lichen Vorahnungen des ersten Weltkrieges“, sondern auch das Gespür für die Ereignisse „weit über den zwei- ten Weltkrieg…hinaus bis zur Hilflosigkeit gegen die derzeitige Selbstzerstörung der Menschheit“.4

Als konsequente Folge dieser bedrückenden Einsich- ten, über die frühen Triebe der Industriekultur5, kehrten sich die Expressionisten ab von ihrer techni- sierten Wirklichkeit, und strebten durch die Suche im Geistig-Seelischen, nach dem wahrhaft Wesenhaften des Menschen.6

Aus der Abkehr von den gegenwärtigen Formen der Gesellschaft wurde zugleich eine Abkehr von den tradi- tionellen Formen der Lyrik. Mit der Verkündung eines neuen Ethos begab sich der Expressionismus auf die Su- che nach neuen, „reineren Formen für eine glücklichere Menschheit“.7

Die „Liebe zum gegenwärtigen und zukünftigen Men- schen“8 war auch die zentrale Motivation der Expressio- nisten. Sie erkannten, dass der Mensch selbst den ent- scheidenden Faktor bei der Rettung der Menschheit spielte. Allein seinetwegen lohnte sich die stürmische Revolution gegen die Wirklichkeit. Zukünftige Genera- tionen sollten unbelastet von der Vergangenheit einen Neuanfang beginnen können. Denn den Expressionisten blieb nichts als „die Hoffnung auf den Menschen und der Glaube an die Utopie“.9

2. „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ als Zeugnis des Expressionismus

2.1 Das Ende der Welt

Der Titel ist Programm: Mit seinem Morgue-Gedicht führt uns Gottfried Benn in eine Krebsbaracke. Die Welt, die er schildert ist bestimmt durch den Tod. Er baut keine Illusionen über die Schönheit des Daseins auf, sondern er erinnert den Leser an seine Vergänglichkeit, indem er ziemlich unverhüllt zeigt, was hier noch vom Men- schen übrigbleibt: Stinkendes, blutendes und faules Fleisch ( „Bett stinkt bei Bett“,„Klumpen Fett und fau- le Säfte das war einst irgendeinem Manne“, „diese blu- tet wie aus dreißig Leibern“.) Nicht die Zukunft, son- dern das Ende der Menschen ist es, worauf Benn sein Au- genmerk richtet („Hier schwillt der Acker schon um je- des Bett“). Die Welt der Krebsbaracke hat für den Expressionisten mit der Wirklichkeit von 1912 viele Ge- meinsamkeiten: Der Gedanke ans Lebensende ist unaus- weichlich und der Schrei nach Erlösung ist laut.

2.2 Die Abkehr ins Innere

Nach der Schilderung der grausamen Zustände in der Welt der Krebsbaracke klingt der Schluss des Gedichts wie eine Verheißung aus der Bibel: „Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett. Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort. Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft.“. Worte wie Saft, die anfänglich noch mit Ekel assoziiert wurden, klingen plötzlich merkwürdig positiv. Aus dem verrotteten Fleisch wird ein fruchtba- rer Acker. Es klingt fast so, als ob mit dem Absterben der Körper ein Neuanfang beginnen würde, der eine Bes- serung mit sich bringt. Zusätzlich wird hier den Sub- stantiven aus dem Begriffsfeld „Natur“, durch ihre Kom- bination mit Verben, Leben eingehaucht. Sie nehmen fast menschlichere Züge an als die Kadaver der Krebspatien- ten („Erde ruft“, „Saft schickt sich an“…). Dies unter- stützt die These vom Expressionismus als eine Abwendung von der immer stärker technisierten Wirklichkeit der Menschheit und eine Rückbesinnung auf ihre Natur, ihren Geist und ihre Seele.

Auch der Vers „- Den Neuen sagt man: Hier schläft man sich gesund.“, trägt auf eine besonders ironische Weise die Konnotation, daß das Ende des irdi- schen Lebens, der Tod, eine Besserung, ja sogar eine Heilung mit sich bringt. Das körperlich-weltliche Leben wird also dem geistig-seelischen Leben negativ gegen- über gestellt.

Auffällig ist auch die Verwendung des Begriffs „Rosenkranz von weichen Knoten“ als Metapher für die Brustnarbe eines der Barackeninsassen. Der Rosenkranz ist somit seiner herkömmlichen kirchlich-religiösen Be- deutung entfremdet worden, und erhält eine neue, zwar nicht kirchliche, meiner Meinung nach aber dennoch religiöse Entsprechung. Schließlich wird mit diesem Begriff ja etwas positives, erlösendes in Verbindung gebracht („Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht.“). Die Abwendung von der Kirche ist in- sofern typisch expressionistisch, als daß sogar die Kirche zu jener Zeit eher durch Säkularisation und dem Beharren auf starre Traditionen und Hierarchien von sich Reden machte, als durch die Verkündung eines geistigen Ethos.

2.3 Das Ringen um eine neue Form

Entsprechend dem Bruch der Expressionisten mit den ge- sellschaftlichen Traditionen vollzieht Benn in seinem Gedicht ein Bruch mit den stilistischen Traditionen der Lyrik. So zerrüttet wie der Expressionist Gottfried Benn seine Zeit erlebt, so zerrüttet scheint seine Dichtung.

Er verwendet weder Versmass noch Reim. Stattdessen reiht er in seinen freien Versen kurze Sätze aneinan- der, die vor allem durch ihre Bildhaftigkeit und Asso- ziationskraft wirken („Nahrung wird wenig noch ver- zehrt. Die Rücken sind wund. Du siehst die Fliegen.“). Eine Besonderheit stellt auch der erste Vers des Ge- dichts dar. Die Einleitung („Der Mann:“) ruft in Ver- bindung mit der Überschrift, in welcher noch von Mann und Frau die Rede ist, beim Leser die Wirkung hervor, er würde eher die niedergeschriebenen Kommentare einer privaten Führung durch die Krebsbaracke lesen, als ein Gedicht. Dies unterstützt wiederum den Stil der Bild- haftigkeit und Assoziativität.

Die scheinbare Formlosigkeit dieser Dichtung be- ruht allerdings nicht auf dem künstlerischen Unvermögen ihres Verfassers, sondern ist vielmehr der Beginn eines neuen Stils. Dieser Stil sprengt ganz bewusst das Kor- sett, in welches die traditionelle Lyrik gepresst wer- den musste, um nun den neuen Inhalten freien Lauf zu lassen.

2.4 Die Suche nach dem neuen Menschen

Das erneuerte Menschenbild, auf das die Expressionisten ihre Hoffnung setzten, wird in dem behandelten Gedicht nur indirekt angesprochen. In der Tradition von Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud richtet Benn den Blick auf das Hässliche im Menschen und liefert somit ein negatives Beispiel für das menschliche Sein.

Er beschreibt die Insassen der Krebsbaracke auf pietätlose und ironische Weise als vergängliches, fau- lendes Fleisch („dieser Klumpen Fett und faule Säfte das war einst irgendeinem Manne groß und hieß auch Rausch und Heimat.-“). Ohne Achtung wird der Mensch zu einem Gegenstand herabgestuft („Manchmal wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.-“). Gleichzeitig endet das Gedicht mit einer Aufzählung von Dingen, welche die Vergänglichkeit des Menschen überdauern („Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett. Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort. Saft schickt sich an zu rin- nen. Erde ruft.-“). Die Konzentration auf die Begriff- lichkeiten der Natur ist daher positiv besetzt. Dies entspricht wiederum der Forderung der Expressionisten an die zukünftige Menschheit, sich von der Abhängigkeit „ihrer eigenen Schöpfung, von ihrer Wissenschaft, von Technik, Statistik, Handel und Industrie, von einer er- starrten Gemeinschaftsordnung, bourgeoisen und konven- tionellen Bräuchen“10 zu lösen und eine Rettung herbei- zuführen durch die Besinnung auf die „inneren Kräfte des Menschen“.11

Fazit

Eine Reihe typischer Merkmale des Expressionismus lassen sich in dem Gedicht „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“ nachweisen. Somit kann Gottfried Benn, in der frühen Phase seines Schaffens, durchaus als ein exemplarischer Vertreter dieser „Sehnsüchtigen Verdammten“12 bezeichnet werden.

Literaturverzeichnis

Werke:

Benn, Gottfried: Mann und Frau gehen durch die Krebsba racke, in: Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus, hg. v. Kurt Pinthus, Hamburg 1999. S.96.

Benn, Gottfried: Lyrik des Expressionistischen Jahr- zents, in: ders.: Gesammelte Werke in acht Bänden, hg. v. Dieter Wellershof, Bd. 7: Vermischte Schriften, Wiesbaden / Zürich 1968, S.1833-1848.

Kritische Literatur:

Eykman, Christoph: Zur Theologie des Expressionismus, in: Denk- und Stilformen des Expressionismus, hg.

v. ders., München 1974, S. 63-107.

Pinthus, Kurt: Nach 40 Jahren, in: Menschheitsdämme- rung. Ein Dokument des Expressionismus, hg. v. ders., Hamburg 1999, S.7-21.

Pinthus, Kurt: Zuvor, in: Menschheitsdämme- rung. Ein Dokument des Expressionismus, hg. v. ders., Hamburg 1999, S.22-32.

[...]


1 Benn, Lyrik des Expressionistischen Jahrzehnts, S.1838.

2 Pinthus, Nach 40 Jahren, S. 8.

3 Pinthus, Nach 40 Jahren, S. 16.

4 Pinthus, Nach 40 Jahren, S. 16.

5 Pinthus, Zuvor, S. 26.

6 Vgl. Eykmann, Theologie des Expressionismus, S.63.

7 Pinthus, Zuvor, S. 32.

8 Pinthus, Nach 40 Jahren, S. 17.

9 Pinthus, Zuvor, S. 32.

10 Pinthus, Zuvor, S. 26.

11 Pinthus, Zuvor, S. 27.

12 Pinthus, Zuvor, S. 32.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benn: "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" als Zeugnis des Expressionismus
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Proseminar I
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
9
Katalognummer
V103405
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Benn, Mann, Frau, Krebsbaracke, Zeugnis, Expressionismus, Proseminar
Arbeit zitieren
Jan Leder (Autor), 2001, Gottfried Benn: "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" als Zeugnis des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103405

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