Erlebnis Abenteuer, Risiko im Sport


Hausarbeit, 1999
51 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erlebnisgesellschaft
2.1 Die Vermehrung der Möglichkeiten und der damit verbundene Entscheidungssog
2.2 Der Wandel der Lebensauffassung: von der Außenorietierung zur Innen- orientierung
2.3 Der Imperativ der Gegenwart : „Erlebe dein Leben“
2.4 Tourismus in der Erlebnisgesellschaft - Erlebnis- und Abenteuertourismus

3. Sport im Zugzwang der Erlebnisgesellschaft
3.1 Überlegungen und Ansätze zur Gestaltung einer erlebnisorientierten Leichtathletik

4. Erlebnis Abenteuer und Abenteuersport
4.1 Die Sehnsucht des Abenteuers in der Erlebnisgesellschaft
4.2 Abenteuersport - Sportabenteuer
4.3 Abenteuer als „Erlebnistherapie“ und wesentlicher Bestandteil der Erlebnispädagogik
4.3.1 Abenteuer und Wagnis als Erziehungsmittel in der Outward-Bound-Bewegung
4.3.2 Inhalte und Erziehungsziele der Outward-Bound-Bewegung

5. Risiko im Sport
5.1 Definition des Begriffs Risiko
5.2 Risikosport und Extremsport
5.2.1 Extrem- und Risikosportarten: Immer extremer und riskanter
5.2.2 Extrem und Risikosport: Immer furchtloser und verrückter
5.3 Zur psychologischen Erklärung von Extrem- und Risikosport

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Erlebnisgesellschaft - Erlebnissport - Erlebnispädagogik“ beschäftigt sich die Hausarbeit mit dem Thema Erlebnis Abenteuer, Risiko und Sport.

Stichworte für den gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandel sind: Individualisierung, Aufgabe familiärer Strukturen, Dienstleistung, Bindungs- und Orientierungslosigkeit, Eintönigkeit der Städte und Banalisierung unseres Alltags in einer langweiligen, routinierten, vorgefertigten, keimfreien, austauschbaren, monotonen Welt - aber auch: Suche nach tiefen Erlebnissen, Sehnsucht nach spontanem Glück und Bedürfnis nach Spannung und Aktion.

Gesellschaften wie die unserige, die immer rationaler und damit körperloser werden, erzeugen ein zunehmendes Wunschpotential nach intensiven, körperbetonten, „authentischen“ Erlebnissen. Mittlerweile steht solchen Wünschen und Bedürfnissen ein Spektrum an kanalisierenden Befriedigungsangeboten gegenüber, das von Aabenteuerreisen, Trekkingtouren und Überlebens-Camps über Extremsportarten bis zu exzessiven Gaumenfreuden und Action-Horrorfilmen reicht.

Die Bedeutung des Sports hat sich in den letzten Jahrzehnten demzufolge verändert und ausdifferenziert. Der Sport nimmt einen immer breiteren Raum ein, wobei sich Erscheinungsfeld und Absichten dieses Bereichs beständig verändern. Ein neueres Phänomen ist dabei die Individualisierung und die Suche nach neuen Reizen. Beide Variablen führen zu einer Vielfalt sportlicher Betätigungsmöglichkeiten. Dementsprechend wenden sich immer mehr Menschen den sogenannten Erlebnis-, Abenteuer-, Risiko- sowie Extremsportarten und suchen den „Weekend- Thrill“.

Infolge dessen soll es nun in dieser Hausarbeit darum gehen, den Wandel zur Erlebnisgesellschaft zu beschreiben und deren Charakteristik zu erläutern. Ferner soll dargestellt werden, wie sich vor allem die Motive der Menschen bezüglich des Sporttreibens innerhalb der Erlebnisgesellschaft verändert haben, und welche pädagogischen und psychologischen Auswirkungen die Erlebnisgesellschaft auf das Sportsystem hat.

2. Die Erlebnisgesellschaft

In diesem Kapitel der Hausarbeit wird auf die Charakteristik der Erlebnisgesellschaft eingegangen. In den letzten Jahrzehnten rückt das Erleben des Lebens durch gesellschaftliche Veränderungen der normalen existentiellen Problemdefinition ins Zentrum des Bewußtseins der Menschen. Unter dem Druck des Imperativs „Erleben dein Leben!“ entsteht eine fortlaufende Handlungsdynamik, organisiert im Rahmen eines rasant wachsenden Erlebnismarktes, der kollektive Erlebnismuster beeinflußt und soziale Milieus als Erlebnisgemeinschaft prägt. Im Folgenden soll nun die Vermehrung der Möglichkeiten ,der Wandel der Lebensauffassungen, der Imperativ der Gegenwart „Erlebe dein Leben!“ sowie der Tourismus in der Erlebnisgesellschaft näher beleuchtet werden.

2.1 Die Vermehrung der Möglichkeiten und der damit verbundene Entscheidungssog

Durch Angebotsexplosion, Ausweitung der Konsumwelt, Wegfall von Zugangsbeschränkungen sowie durch Umwandlungen von genau vorgegebener in gestaltbare Wirklichkeit haben sich die Möglichkeiten des einzelnen enorm erweitert und letztendlich zu einem Wandel der Lebensauffassungen in unserer Gesellschaft geführt.

Nach SCHULZE (1992, 55) leben wir heute in einer Gesellschaft, in der es im Vergleich zu früher und zu anderen Gesellschaften nicht mehr um das Überleben geht. Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland hat auf die Veränderungen der Lebensbedingungen mit einer Veränderung der Lebensweise reagiert: Immer mehr Menschen handeln erlebnisorientiert. Die Suche nach dem Erlebnis ist einem relevanten Bestandteil des Alltags geworden. Dieser Wandel läßt sich demnach auch als Weg von der Überlebensorientierung zur Erlebnisorientierung beschreiben.

Die daraus entstandene Erlebnisgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Grundbedürfnisse und Mittel zum Überleben gesichert sind, und dementsprechend andere Bedürfnisse, wie das Erlebnis, im Vordergrund stehen.

Der Erlebniswert von Angeboten überspielt den Gebrauchswert und wird zum dominierenden Faktor der Kaufmotivation. Der tägliche Konsum von Informationen, Unterhaltung, Waren und Dienstleistungen ist ohne den Kompaß der eigenen Erlebnisbedürfnisse nicht zu bewerkstelligen. Denn wer beispielsweise mit dem einfachen Ziel in einen Einkaufsmarkt geht, um ein Stück Seife zu Sauberkeits-zwecken zu erwerben, muß unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Seine Motivation reicht nicht aus, um sich zwischen den vielen Angeboten, die den selben Zweck erfüllen, zu entscheiden. Erst wenn sich der Konsument auf erlebnisorientierte Zusatzqualitäten einläßt, mit denen sich die Produkte hervortun, wie wilde Frische, cremige Zartheit, Naturbelassenheit etc., ist er in der Lage, eine ganz bestimmte Seife wirklich zu wollen (vgl. SCHULZE 1992, 59).

Nach SCHULZE (1992, 58) befinden wir uns nicht mehr unter einem (existentiellen) Entscheidungsdruck , sondern eher in einer Situation bzw. Zeit , die als „Entscheidungssog“ zu bezeichnen ist: “ Für das Einschalten oder Nichteinschalten des Radios besteht kein dringender Bedarf; der Kauf des x-ten Paares Schuhe erfolgt ohne Notwendigkeit; das gerade entstandene Buch wird vielleicht niemals gelesen; man geht ins Restaurant, obwohl man gerade zu Abend gegessen hat. Es kommt nicht darauf an, aber man wählt dieses, macht jenes, nimmt irgend etwas im Vorbeigehen noch mit, findet etwas anderes ganz nett und holt es sich. Man muß sich nicht entscheiden, aber man entscheidet sich doch, wie jemand, der im Zustand der Sättigung gedankenverloren in eine Pralinenschachtel greift.“ (SCHULZE 1992, 58)

2.2 Der Wandel der Lebensauffassung: von der Außenorietierung zur Innen- orientierung

Während in der Mangel- bzw. Überlebensgesellschaft die Außenorientierung des Ich galt, gilt in der Erlebnisgesellschaft die Innenorientierung. In unserer Gesellschaft ist der kleinste gemeinsame Nenner von Lebenauffassungen, die Gestaltungsidee eines schönen, interessanten, subjektiv als lohnend empfundenen Lebens.

An dieser Stelle taucht die Frage auf, ob „das Projekt des schönen Lebens“ nicht nur ein anderer Ausdruck für Lebensauffassungen ist. Diese Vermutung läßt sich durch den Hinweis auf Lebensauffassungen wiederlegen. Denn die innenorientierte Lebensauffassung zeichnet sich nach SCHULZE (1992, 32) durch das „Projekt des schönen Lebens“ aus und unterscheidet sich von außenorientierte Lebensauffassungen wie z.B. das „Projekt des dienenden, einer Sache untergeordneten Lebens“ oder das „Projekt des bloßen physischen Überlebens“.

Die Unterscheidung von Außenorientierung und Innenorientierung markiert eine vorläufige Grenze. Primär zielen außenorietierte Lebensauffassungen auf eine Wirklichkeit ab, die sich der Mensch außerhalb seiner selbst vorstellt, innenorietierte Lebensauffassung verweisen auf das Subjekt . Trotz der Tatsache, daß außen-orietierte Lebensauffassungen in Beziehung zum Subjekt stehen, sind sie eindeutig von innenorientierten Lebensauffassungen unterscheidbar: Erfolg ist unabhängig vom Subjekt definiert. Bei einer außenorientierten Lebensauffassung gilt beispielsweise das Ziel, Kinder zu haben, dann als erreicht, wenn die Kinder existieren, bei einer innenorietierten Lebensauffassung erst dann, wenn sie die Eltern glücklich machen oder ihnen wenigsten nicht zu sehr auf die Nerven gehen. Außenorientiertes Handeln ist in vielen Bereichen des Alltagslebens zurück-gegangen, während innenorientiertes Handeln vorgedrungen ist: Patnerschaft, Kleidung, Essen, Gartenarbeit, Instandhaltung der Wohnung, Beruf, Bildung etc. (vgl. SCHULZE 1992, 37)

Die Innenorientierung , wie sie hier verstanden wird , hat nichts mit Introversion zu tun.

Gemeint ist, daß sich ein Mensch vornimmt, Prozesse auszulösen, die sich in ihm selbst vollziehen. Für SCHULZE (1992, 38) ist, wie bereits angedeutet, die Innenorientierung mit der Erlebnisorientierung gleichzusetzen. „Das Projekt des schönen Lebens ist das Projekt, etwas zu erleben.“

2.3 Der Imperativ der Gegenwart : „ Erlebe dein Leben “

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland hat, wie bereits geschildert, auf die Veränderung der Lebensbedingungen mit einer Veränderung der Lebensweise sowie - auffassung reagiert: Immer mehr Menschen handeln erlebnisorientiert. Die Suche nach dem „schönen“ Erlebnis ist zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags geworden. Unter einem „schönen“ Erlebnis vertseht man die positive innere Reaktion auf eine Situation. Die Erlebnisorientierung ist letztendlich die unmittel-barste Form der Suche nach Glück.

Das Handlungsmuster der aufgeschobenen Befriedigung , kennzeichnend etwa für das Sparen, das langfristige Liebeswerben, den zähen politischen Kampf, für vorbeugendes Verhaalten aller Art, für Entsagung und Askese etc., wäre das Gegenteil der Erlebnisorientierung. Die Glückshoffnung wird bei Handlungen dieses Typs in eine ferne Zukunft projiziert, während sich beim erlebnisorientierten Handeln der Anspruch auf die aktuelle Handlungssituation richtet. Man investiert Geld, Zeit, Aktivität und erwartet sofort den Gegenwert, nämlich „das Glück“ (vgl. SCHULZE 1992, 14).

Besonders deutlich wird die Erlebnisorientierung in der Freizeit bzw. in den Ferien. Man macht Urlaub, um etwas „zu Erleben“ und die Tourismusbranche bietet für jeden etwas an: „Safari in Kenia“, „Paragliding in Nepal“, „Surfing auf Hawaii“, „Bungee-Jumping in Backnang“ usw. Ferien werden zum Härtetest und Urlaub gestaltet sich zum Totalprogramm. Freizeit wird demzufolge zum Erlebniswahn. Unentwegt hämmern Reise- und Fitneßindustrie ein elftes Gebot in die Köpfe der Freizeitmenschen: Du sollst entspannen. Muße ist nicht gefragt, im Angebot stehen glücksverheißende Aktionen, genußversprechende Anstrengungen und immer heftigere „Kicks“ - am besten rund um die Uhr organisiert.

2.4 Tourismus in der Erlebnisgesellschaft - Erlebnis- und Abenteuertourismus

Reisen gilt vielen als „die populärste Form des Glücks“. Die Tourismuswirtschaft, die dieses Glück verkauft, ist heute einer der größten Wirtschaftszweige der Welt. Ihr Angebot ist überwältigend und wächst von Jahr zu Jahr.

Der Mensch wird stets induvidualistischer und erlebnishungriger. Und in zunehmender Weise suchen Menschen, die in den Großbetrieben immer mehr frustriet werden, ihre Verwirklichung in den Freizeitaktivitäten. Ausgedehnte und abenteuerliche Reisen und Freizeitaktivitäten werden zum Statussymbolen. Die Motive und Orientierungen des Touristen ist überwiegend auf emotionale Dimensionen des individuellen Erlebens bezogen. Im Urlaub lassen sich neue oder aufgeschobene Erlebnis- bzw. Erfahrungswelten erschließen, z.B. Natur erleben, reine Luft genießen, Abwechslung haben, neue Leute kennenlernen usw., die im Alltag „so“ nicht möglich sind. Laut aktueller Tourismusuntersuchungen sind zentrale Urlaubsmotive in den Kategorien „weg von“ der Alltagsroutine zu finden. Desweiteren dient der Urlaub als Kompensation gegenüber unbefriedigter Bedürfnisse im Alltag. Der Urlaub erscheint zunehmend als das Eigentliche, das Positive am und im Leben und ist zum Höhepunkt des Freizeitlebens geworden (vgl. MICHELS In: ALLMER / SCHULZ 1998, 49).

Heute ist Urlaub vor allem ein globaler Erlebnisurlaub, die Erlebnisorientierung im Urlaub bestimmt als prägendes Merkmal die Struktur der Tourismusindustrie als Erlebnisindustrie par exelance. Pofessionelle Erlebnishelfer, z.B. Reiseleiter, Animateure, Freizeitpädagogen usw., werden zur Unterstützung der Urlauber bereitgestellt. Die Palette der Inhalte, von der sinnlichen Selbsterfahrung im fernen Urlausparadies bis zum „Actionpaket“ verschiedener Risikosportarten, von der Stadtrundfahrt bis zur Fernreise, ist scheinbar unendlich.

Mit der von SCHULZE (1992) beschriebenen Erlebnisorientierung, als globaler Trend gegenwärtigen Handelns innerhalb moderner Gesellschaftsformen, erscheint der Urlaub als globaler Erlebnisurlaub. Im Kontext eines vielfältigen Motivbündels sucht der Urlauber nach innenorientierten Wirkungen und nach Gegenwelten zur alltäglichen Routine durch Urlaubserlebnisse.

Der Drang nach dem unverwechselbaren, einzigartigen Erlebnis wird in einer Facette des Erlebnisurlaubs, dem Abenteuerurlaub, vor allem mit risikoreichen Erlebnissen verbunden. Als spezielles Marktzsegment hat sich diese Reiseform entwickelt, in der das Urlaubserlebnis als letztem Abenteuer für „Kurz-Zeit-Helden“ gegenüber anderen Urlaubsmotiven in den Vordergrund gerückt wird. Die Touristen suchen nach „begrenzten“ Abenteuer. Das „begrenzte“ Abenteuer ist durch kalkulierbares, durchorganisiertes Risiko gekennzeichnet. Diese Abenteuer-erlebnisse sind im gewissen Umfang Elemente des erlebnisorientierten Jahresurlaubs und haben bezüglich des Risikos und der Gefährlichkeit oft einen recht harmlosen Charakter. Im Tourismus werden abenteuerliche Elemente beispielsweise mit „Essen in der Natur“, „Übernachtung im Freien“ oder „Nachtwanderungen“ beschrieben ( MICHELS In: ALLMER / SCHULZ 1998, 51 f.).

Die Abenteuerreisen haben sich als Spezialform des Erlebnisurlaubs ausdifferenziert. Von der Mehrzahl der Abenteuerurlauber werden allerdings nicht die unkalkulierbaren Risiken gesucht, sondern Erprobungssituationen in der Auseinandersetzung mit neuen, oftmals naturnahen Herausforderungen. Dennoch haben sich auch Extremformen des Abenteuerurlaubs entwickelt, die bis an die Grenzen der menschlichen Handlungsfähigkeit gehen und die Steuerungs-möglichkeiten des Risikos zugunsten von Zufall und Schiksal in den Hintergrund treten lassen ( vgl. MICHELS In: ALLMER / SCHULZ 1998, 54).

Desweiteren versprechen Sport- und Bewegungsangebote eine erfolgreiche Vermittlung von unverwechselbaren Erlebnissen und einer abenteuerlichen Risikoerfahrung. Im Urlaub und im Sport sind die Wünsche und Sehnsüchte zu finden, die der Alltag nicht mehr erfüllt. In diesem Zusammenhang haben vor allem die Erlebnis- , Abenteuer-, Natur-, und Outdoor-Sportarten eine rasante Karriere gemacht (z.B Paragliding, Snowboardfahren, Tauchen Wildwasserfahren usw.), auf die im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen wird. Denn auch der Sport ist ein Teil der

Erlebnisgesellschaft, die sich durch einen scheinbar unendlich großen Möglichkeitsraum und durch einen entwickelten Erlebnismarkt auszeichnet.

3. Sport im Zugzwang der Erlebnisgesellschaft

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Freizeitverhalten und somit der Freizeitsport der Bundesbürger stark verändert. Auch der Erlebnischarakter bzw. die Erlebnisqualitäten, die dem Sport schon immer zugeschrieben wurden, sind von dieser Veränderung betroffen. Was heute noch „in“ ist, kann morgen schon wieder „out“ sein. Der Freizeitsport zeigt sehr deutlich, wie schnell sich die Vorlieben der Menschen verändern. In unserer Gesellschaft wurde der Stellenwert des Sports immer größer und seine Erscheinungsformen vielfältiger (vom Schach bis zum Segeln, Snowboardfahren etc.)

Die sich immer rasanter ergebenden Veränderungen des zeitgenössischen Sportpanoramas sind Resultat neuer Selbst- und Körperkonzepte sowie Lebensstile in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. „.. Sportarten wie das Paragliding, Skateboarding oder Snowboarding zeichnen sich durch neue Arrangements zwischen Motivation, Selbstdarstellung und Betriebsformen bei ihren Protagonisten aus“ (RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 30). Damit setzen diese Sportarten eine Tendenz der Intensivierung des individuellen Sporterlebens aus. Die Erlebnisgesellschaft prägt damit einen „neuen“ Sport und setzt „neue“ Erlebens- sowie Nutzungsformen des Sports in Umlauf. Die Steigerungen des Selbsterlebens im Sport ist nach SCHULZE (1992) ein zentrales Merkmal der Erlebnisgesellschaft und Resultat einer dominant gewordenen Innenorientierung. Die Formen eines veränderten Sporterlebens korrespondieren damit in vielfältiger Weise mit den Prizipien der Innenorientierung der Erlebnisgesellschaft (vgl. RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 30f.).

Als Vorhut und Wegbereiter der Veränderungen des Sportpanoramas kann man das Jogging- und das Aerobicphänomen betrachten. „Sie haben exemplarische Bedeutung

für einen Vorgang, wonach veränderte Formen des individuellen Sporterlebens der Ausgangspunkt zeitgenössischer Sportverständnisse und Sportkonzepte sind.“ (RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 31). Im Joggingphänomen wurden Motive eines modernen Lebensgefühls verfolgt sowie das Bemühen um individuelle Souveränität mit Aspekten des Erlebens von Gesundheit kombiniert. Die Motive im Aerobic-Phänomen waren ästhetische Selbsterfahrung und Ausdrucksgebung, die sich von Traditionen der Gymnastik emanzipierten.

Die anschaulichsten und spektakulärsten Beispiele für die Durchsetzung der Innenorientierung stellt der Extrem- bzw. Abenteuersport, wie beispielsweise das Free- Climbing oder Bungee-Jumping, dar. Nach RITTNER (In: ALLMER / SCHULZ 1998, 32) sind drei Momente charakteristisch : es finden sich die Durchsetzung des Selbsterlebens auf Kosten der traditionellen Bindungen; die Gestaltung neuer sozialer Arrangements sowie die Genese neuer Handlungsprogramme und Logiken.

Ferner demonstrieren die spektakulären Formen des Abenteuersports die dramatisch gesteigerte, zum Teil inszenierte Form der individuellen Selbstsuche. Dementsprechend findet sich eine spezifische Rhythmik der Sportentwicklung, die sich von der Gleichförmigkeit der Tradition abhebt. Demnach wird man die Sportentwicklung als eine ständige Suchbewegung nach immer mehr Möglichkeiten der Selbstbestätigung einordnen können (vgl. RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 38).

Desweiteren liefern schon allein die Befunde zur alltagsstrukturellen Sportmotivation Hinweise auf eine veränderte Struktur des Erlebens von Sport. Eine spezifische Struktur der Innenorientierung des Erlebens findet man vor allem in den drei relevantesten Elementen einer veränderten Sportwahrnehmung und Sportnutzung. Die drei Elemente der geläufig gewordenen Sportmotive stellen das Gesundheitsmotiv, das Fitneßmotiv sowie das Spaßmotiv dar, während Motive des Wettkampf- und Leistungssports, wie z.B. das Leistungsprinzip oder die Orientierung an universalen Vergleichsmaßstäben, die zur Außenorietierung zählen, immer mehr zurückgehen. Diese veränderten und geläufig gewordenen Sportmotive sind nachvollziebar, da sie zur individuellen Selbstbehauptung im Alltagsleben benötigt werden. Aufgrund der Tatsache, daß Spaß und Gesundheit von der Gesellschaft erlebt werden wollen, und entsprechende Erfahrungen mit den traditionellen Organisationsmitteln der Sportvereine nicht mehr zureichend vermittelt und geleistet werden können, werden die Sportvereine immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Demnach sind nur jene Sportanbieter erfolgreich, die geeignete Konzepte im Umgang mit den Identitätamaßstäben der Erlebnisgesellschaft entwickeln. Dies sind meistens kommerzielle Sportanbieter, wie z.B. Fitneßstudios, die diesen Wert-maßstäben der veränderten Bedürfnisse der Individuen gerecht werden. (RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 34f.)

Durch den Strukturwandel entstehen viele neue Sportszenarien, in denen Sport nach Lust und Laune thematisch wird, und der sich nicht mehr an das alte Regelwerk des Sports und seine überkommenden Organisationsformen bindet. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Snowboard-, Skateboard oder Inline-Skating-Szenen, die eine Entraditionalisierung und Umstellung auf Erfordernisse einer selbstbewußten Subjektivität reflektieren. Diese zeigen sich schon aüßerlich an der Kleidung und den Präsentationsidealen, wovon auch Sportartikelhersteller und Sportgeschäfte profitieren und letztendlich als Stichwortgeber für das Sporterleben und Sportverständnis in Erscheinung treten. RITTNER (In: ALLMER / SCHULZ 1998, 39) spricht diesbezüglich von einer „ Entstruktuierung der Sportrollen, die ihre räumliche Dimension darin hat, daß die klassischen Sportstätten uninteressant geworden sind.“ Der Szenencharakter macht nach RITTNER (In: ALLMER / SCHULZ 1998, 39) drei Aspekte deutlich: 1. Die Entwertung der traditionellen Bindungen an die Sporttradition; 2. die verlorene Kraft der Sportvereine zur Modellierung von Sportrollen und 3. die Überwindung von traditionellen Formen der Begrenzung von Subjektivität. Ferner sind die genannten Aspekte des Szenencharakters auch Gründe für ein immer größer werdenes Desintresse an Sportvereinen. Denn die „Szene“, in der man seinen Platz sucht, und in der man „fun“ hat, ist an die Stelle der Vereinsmitgliedschaft getreten.

Durch die Freigabe des Erlebens von körperlicher Aktivität erfährt der Freizeitsport dementsprechend einen enormen Wachstum, der auf diese Weise zu völlig neuen Erlebniskulturen gedrängt wird. Entsprechend finden sich die Verästelungen des Alternativsports wie beispielsweise die Verzweigungen des Fitneßsports und die unübersehbare Breite verschiedenster Sportpraktiken (vgl. RITTNER In: ALLMER / SCHULZ 1998, 42).

3.1 Überlegungen und Ans ätze zur Gestaltung einer erlebnisorientierten Leichtathletik

Durch das Eindringen der Prinzipien der Erlebnisgesellschaft in das Sportsystem, kam es u.a. zu einer Zurückdrängung der Ansprüche der traditionellen Sportmoral, d.h. zu einer Zurückdrängung der Normen des Wettkampf- und Leistungssports.

Infolgedessen mußten sich zwangsläufig auch die Sportvereine und Sportverbände mit Mitteln der Zielverschiebung einer zielgruppenbewußten Angebotspolitik und eines veränderten Managements auf eine veränderte Umwelt einstellen.

Im folgenden gilt es nun am Beispiel der Leichtathletik zu erläutern, inwieweit die Erlebnisgesellschaft die Attraktivität der traditionellen Sportarten beinflußt und welche Entwicklungsrichtungen denkbar wären, um die Leichtathletik erlebnisorientierter zu gestalten.

Bewegung und Spiel waren, historisch betrachtet, durch eine ungeregelte Vielfalt geprägt. Jedoch fand mit Beginn der Industrialisierung eine zunehmende Versportlichung der gesamten Bewegungs- und Spielkultur statt. Siegen und Rekorde entwickelten sich zu dominierenden Zielen. Durch Normierungen und Reglementierungen, die eine internationale Vergleichbarkeit der Bewegungen und Spiele ermöglichten, erfolgte eine bewußte Eingrenzung der damals bestehenden Vielfalt . Demzufolge sind viele attraktive Praxisformen verloren gegangen. Diese Entwicklung wird gegenwärtig durch die Olympischen Spiele und die zunehmend mediengerechte Gestaltung einzelner Sportarten verstärkt.

Nachzuvollziehen ist die Entwicklung am Beispiel der Leichtathletik: Aus der Vielfalt der Möglichkeiten des Laufens wurde das Zurücklegen einer festgelegten Strecke in möglichst kurzer Zeit, aus der Vielfalt der Möglichkeiten des Werfens wurde das weite

Werfen bzw. Stoßen festgelegter Gegenstände und aus der Vielfalt des Springens wurde das möglichst hohe bzw. weite Springen (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 150).

Ferner kam es durch die Verengung der Zieldimensionen leichtathletischen Handelns auf ein alles dominierendes Leistungsmotiv auch zu einer Verengung der Erlebnisdimension. Denn Perspektiven wie z.B. Natur- und Selbsterfahrungen, Ästhetik und Gemeinschaftserlebnisse sind verlorengegangen. Deutschland hat zahlreiche sterile und normierte Leichtathletikanlagen, die kaum benutzt werden. Wenn Menschen z.B. laufen, dann wenden sie sich von den 400-Meter-Bahnen ab und joggen durch Wälder und Parks und wenn geworfen wird, dann mit Frisbees oder Bällen statt Speeren oder Disken. Die Versportlichung hat offensichtlich bewirkt, daß sich viele Menschen von der Leichtathletik als normiertes Laufen, Springen und Werfen abgewendet haben und versuchen, die in diesen Bewegungshandlungen enthaltenen vielfältigen Erlebnisdimensionen selber zu entdecken (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 150f.).

Der Deutsche Sportbund (DSB) startete infolgedessen 1959 die Aktion „Zweiter Weg“. Neben dem „Ersten Weg“, der für nur wenige Sporttreibende zu Spitzenleistungen der einzelnen Sportarten führte, sollte ein „Zweiter Weg“ für viele eingeführt werden, um Zugang zu traditionellen Sportarten zu finden. In der Leichtathletik wurde dieser Weg auch gegangen, beispielsweise durch die Ausweitung des Sportabzeichens und die Durchführung von Stadt- bzw. Cityläufen. Während sich aber seit der Trimm-Aktion 1970 viele Sportverbände darum bemühten, für ihre Sportarten einen „Dritten Weg“ im Sinne eines Freizeitsports für alle zu entwickeln, versäumte der DLV eine neue Leichtathletik zu konzipieren. Dieses Versäumnis hatte zur Folge, daß sich viele Menschen selber bemühen mußten, um die Faszination des Laufens, Werfens sowie Springens neu zu entdecken (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 151f.).

Durch die Versäumnisse des DLV befindet sich der Verband nach Angaben seines Präsidenten momentan in einer paradoxen Situation. Denn würde die Leichtathletik auf die erweiterten Sinnperspektiven und damit die möglichen Erlebnisdimensionen eingehen, würde sie nach DIGEL (1994 In: WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 152) ihr eindeutiges Profil , Anwalt des klassischen Leistungsindividualismus zu sein, gefährden. Andererseits wird sich der Zuspruch, den die Leichtathletik bei der sportaktiven Bevölkerung findet, verkleinern, wenn der DLV sich aufgrund der Verteidigung des organisierten Wetteifers zurückziehen würde. Daß der DLV den Leistungsindividualismus primär als wichtig ansieht ist natürlich auch zu verstehen, denn sie müssen in der internationalen Leichtathletik mithalten können. Doch durch die Öffnung der Leichtathletik könnten jene Zielgruppen angesprochen werden, für die bisher die Leichtathletik kein reizvolles Handlungsfeld darstellte.

Nach WOPP (In: ALLMER / SCHULZ 1998, 153) kennzeichnen die Ergebnis- und Erlebnisorientierung die Pole der Leichtathletikentwicklung, wobei es sich dabei auf den ersten Blick um scheinbar unsinnige Gegensätze handelt. Denn die traditionelle Leichtathletik bietet ebenso vielfältige Erlebnisse, z.B. das Erzielen bestmöglicher Leistungen, der ungewisse Ausgang eines Wettkampfes, das Siegen sowie Verlieren usw., die für viele Menschen ganz offensichtlich einen Reiz ausüben. Diese Fazination ist jedoch unübersehbar nur noch für eine Minderheit bedeutsam. Gesucht werden demnach andere Erlebnisqualitäten, als in der ergebnisorientierten Leichtathletik angeboten werden.

Dadurch daß der Sport und damit die Leichtathletik einen Teil der Erlebnisgesellschaft darstellen, ist eine erlebnisorientierte Leichtathletik im Unterschied zur traditionellen Leichtathletik primär innenorientiert. Beim Laufen , Springen und Werfen stehen die Erzeugung subjektiver Empfindlichkeiten sowie die Suche nach Glück im Mittelpunkt. WOPP (In: ALLMER / SCHULZ 1998, 154) ist der Auffassung, daß bei der erlebnisorientierten Leichtathletik das Erleben der Leichtigkeit des Seins im Zentrum steht. Diese Orientierung hat zur Folge, daß sich die Handlungsformen, Materialien, Orte, Zeitstrukturen und sozialen Bezüge verändern.

- Ver änderte Handlungsformen

Wenn es beim Laufen nicht mehr darum geht, eine Strecke möglichst schnell zurückzulegen, dann eröffnen sich Perspektiven adaptiv, sensitiv, explorativ oder kommunikativ zu laufen. Beim Flow kann die Leichtigkeit des Laufens erlebt werden, wenn so gut wie ohne Anstrengungen wie von selbst gelaufen wird. Das Erleben des Fliegens des eigene Körpers durch die Luft steht im Mittelpunkt des Springens. Die Faszination Werfens besteht darin, Gegenst ände durch eigenes Geschick und eigene Muskelkraft zum Fliegen zu bringen. Das Spielerische kann beim Springen und Werfen, das in Wettkampfsituationen oft verloren geht, zurückgewonnen werden. Eine Befreiung der Handlungsformen von der monotonen Ergebnisorientierung bewirkt eine enorme Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten, die durch die damit erlebnisorientierte Leichtathletik nahezu alle Altersgruppen anspricht, während ergebnisorientierte Leichtathletik vorwiegend für Jungendliche und Erwachsene attraktiv ist (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 155).

- Verwendung neuer Materialien

Durch die Verwendung neuer Materialien ist die Rückgewinnung der Leichtigkeit sowie des Spielerischen möglich. So könnte man beispielsweise statt der Diskusscheibe eine Frisbeescheibe verwenden. Denn bei der Diskusscheibe kann das Fliegen des Gegenstandes erst nach langwierigen Trainingsprozessen auf dafür gesicherten Plätzen und enormen Krafteinsatz erlebt werden, während die Frisbeescheibe mit leicht geschicklicher Handbwegung an beliebigen Orten zum Fliegen bringen kann. Der Unterschied liegt darin, daß die Diskusscheibe ein Reines Wurfgerät ist, wohingegen die Frisbeescheibe zum Zuwerfen und Spielen genutzt werden kann. Ferner dürfte es gegenwärtig erhebliche Probleme bereiten, Kindern und Jugendlichen von der Sinnhaftigkeit des Diskuswerfen zu überzeugen, während bei Frisbeescheiben erläuternde Begründungen überflüssig sind (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 156).

- Ver änderte Orte des Sporttreibens

Dadurch daß sich Handlungsformen zum Laufen und Werfen wie Jogging, Frisbee oder Boule durchgesetzt haben, für die spezielle Sportstätten nicht notwendig sind, wurde die Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten erleichtert. In Deutschland lebt heutzutage 70% der Bevölkerung schon in urbanen Räumen. Die räumliche Verdichtung des Zusammenlebens macht es notwendig, daß Außenbereiche wie Spazierwege, Straßen, Wiesen etc. für Bewegung und Spiel genutzt werden müssen. Denn der Freizeitsport hatte sich niemals entwickeln können, wenn man auf normierten Anlagen hätte beharren müssen . (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 156).

- Ver änderte Zeitstrukturen

Die Vermehrung der Handlungsmöglichkeiten hängt damit zusammen, daß sich die formalen Zeitstrukturen sich verändert haben. Die Attraktivität des Joggens z.B. besteht u.a. darin, daß Joggen zu jeder Zeit möglich ist. Hierbei handelt es sich um ein primär äußeres Unterscheidungsmerkmal. Ferner gibt es parallel dazu einen wesentlichen inneren Unterschied. Die Glückshoffnungen beim ergebnisorientierten Handeln sind in eine ferne Zukunft projiziert, wohingegen beim erlebnisorientierten Handeln diese ohne Zeitverzögerung in der unmittelbaren Handlungssituation eintreten sollen (vgl. WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 157).

- Ver änderte Sozialbezüge und Inzenierungsformen

Es ist allgemein beobachtbar, daß die Bindungskraft der traditionellen Sportarten nachläßt. Durch die erlebnisorientierten Formen der Leichtathletik wird dieser Prozeß gefördert. Es ist nicht erforderlich, zum Joggen im Wald, zum Frisbeespielen im Park etc. dem DLV anzugehören. Ferner sind im Freizeitsport Sportszenen entstanden. Angesichts vieler Wahlmöglichkeiten können diese als freiwillige Selbstbeschränkungen interpretiert werden. Solche Szenen entstehen zu lassen ist der traditionellen Leichtathletik kaum gelungen. Die Triathlonszene, Frisbeescheibe oder die Jonglierszene bewegen sich außerhalb des DLV. Diesbezüglich soll angedeutet werden , daß durch eine erlebnisorientierte Leichtathletik neue Gemeinsamkeiten unter den Bedingungen der Individualisierung entstehen können. Traditionelle Strukturen, die für eine ergebnisorientierte Leichtathletik sinnvoll waren, sind dafür nicht von Nöten. Die sozialen Bezüge haben in der erlebnisorientierten Leichtathletik andere Funktionen und damit einen anderen Stellenwert. Gegenüber der ergenisorientierten Leichtathletik müssen diese Bezüge wesentlich aktiver hergestellt und durch freiwillige Absprachen aufrecht erhalten werden. Die Annahme, daß erlebnisorientierte Leichtathletik grundsätzlich einer weiteren Individualisierung Vorschub leistet ist demzufolge falsch (WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 157).

Nach WOPP (1998) eröffnet eine Neuorientierung der Leichtathletik, bei der Erlebnisse im Sinne des Erzeugens subjektiver Empfindlichkeiten im Mittelpunkt stehen, nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Neugestaltung von Formen des Laufens, Springen und Werfens. „Die damit einhergehende Befreiung der traditionellen Leichtathletik hat zur Folge, daß neue, zeitgemäße Geräte eingesetzt werden können, normierte und standardisierte Anlagen nicht mehr erforderlich sind, auf starre Zeitstrukturen verzichtet werden kann, soziale Bezüge und Inzenierungsformen neu gestaltet werden können.“ (WOPP In: ALLMER / SCHULZ 1998, 157)

Die in Anlehnung an WOPP (1998) gemachten Ausführungen stellen letztendlich Strategien und Möglichkeiten zur Sicherung der Zukunft der Leichtathletik dar. Denn aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen muß das Profil der gegenwärtigen ergebnisorientierten Leichtathletik transformiert werden, in eine primär erlebnis- orientierte Leichtathletik. Dabei handelt es sich jedoch nicht um fertige Lösungen, sondern lediglich um Überlegungen und Lösungsansätze, da durch veränderte Orientierungen, Materialien und Inhalte durchaus auch neue Probleme auftauchen können.

4. Erlebnis Abenteuer und Abenteuersport

Durch den Wandel zur Erlebnisgesellschaft entstand ein maßloses Bedürfnis nach Spannung, Höchstleistung und letztendlich nach Abenteuer.

In diesem Kapitel der Hausarbeit soll es nun darum gehen, die Expansion des Bedürfnisses nach Abenteuer und Abenteuersport darzustellen. Desweiteren wird auch auf die Erlebnispädagogik eingegangen, die das Abenteuer als pädagogisches Mittel propagiert. Hierbei geht es insbesondere um die von Kurt Hahn begründete Outward- Bound-Bewegung.

4.1 Die Sehnsucht des Abenteuers in der Erlebnisgesellschaft

Die Suche nach dem Erlebnis, dem Abenteuerlichen oder den kulturellen Grenzübertritten ist für eine Vielzahl von Menschen für die Bewältigung ihres Lebens eine zwingende Notwendigkeit geworden. Nach KÖCK (1990, 77) ist dieses kulturelle Phänomen, das seine Wurzeln in den Gegenweltkonstruktionen der Romantik und der wilhelminischen Zeit hat, seit den 70er Jahren unseres Jahrhunderts sehr deutlich an drei Aspekten ablesbar: 1. an der Entstehung einer expandierenden „Erlebnisindustrie“, d.h. der Produktion und Inzenierung immer zahlreicher Erlebniselemente bzw. Erlebnisreservate; 2. an der Umgestaltung „gewöhnlicher“ oder „alltäglicher“ zu Erlebnisträgern; an der Integration „abenteuerlicher“ Kulturelemente in den Alltag.

Der Begriff „Erlebnisindustrie“ bezeichnet die „...systematische, auf ökonomischen Gewinn ausgerichtete Serienanfertigung von Abenteuerwelten.“ ( KÖCK 1990, 78) Einen Wirtschaftszweig der „Erlebnisindustrie“ stellt, wie bereits im Kapitel 2.4 geschildert, die Urlaubs- bzw. die Tourismusbranche dar.

Jedoch sind nicht nur die Erlebnisprodukte und -instrumentarien wichtig, sondern vor allem auch die Industrialisierung der eigentlichen Elebnis-Vorstellungen. Zur Standardisierung der Elebnisse trägt insbesondere ein industrielles Element bei: die Werbung. In bildlich dominierenden Werbebotschaften werden Arbeit und Alltag schlichtweg negiert und konfliktfreie, Utopien ansprechende Idealwelten inzeniert. Dabei ist die Darstellung unberührter Natur einer der gängisten Reizmittel, weil damit die Vorstellung vom materialistischen Denken unberührten Zeiten und Räumen verbunden ist (vgl. KÖCK 1990, 78).

Auch das Gefühl von der Beherrschbarkeit der natürlichen Umwelt, von Heldenmut und Unabhängigkeit wird allgegenwärtig präsentiert. Die plakativen Zigarettenwerbungen demonstrieren dies am eindringlichsten, wobei die Motivrichtungen und damit die Spanne der Adressaten weit reicht: während die „Malboro“-Werbung den körperlich hart arbeitenden Cowboy in Szene Setzt, versucht es „Camel“ mit dem legeren und abgeklärten Weltenbummler im Amazonasurwald. Die Zigarettenmarke „HB“ zielt mit frischrasierten yacht- oder schlauchbootsteuernden Freizeittypen auf eine andere Konsumentengruppe: die sauberen und dynamischen „Aktivmenschen“ (vgl. KÖCK 1990, 78 f.).

Die Werbung prägt heute Erlebnisvorstellungen in entscheidenem Maße. Das Verkaufs- Rezept hinter der Erlebniswerbung ist einsichtig: Produkte lassen sich, wenn ihnen der Charakter des Außenordentlichen anhängt bzw. angehängt wird, besser vermarkten, da sich die Vermittlung von Außenordentlichkeit an elementare kulturelle Utopien der potentiellen Käuferschicht wendet. Dementsprechend werden viele Alltagsgegenstände auf diese Weise von gewöhnlichen Alltagsgegenstände zu Erlebnisträgern umfunktioniert. „Abenteuerliche“ Produkte halten ungehemmt Einzug in das Alltagsleben. Gegenstände, die einst Grenzübertritte symbolisierten, stehen plötzlich im Kontext des Gewöhnlichen. Ein Beispiel für unsere Zeit ist das allradgetriebene Geländefahrzeug, das uns in der Kindheit lediglich aus dem Dschungelleben der Fernsehfilme bekannt war, heute aber im Straßenbild unserer zivilisierten Städte und Dörfer ein geläufiges Verkehrsmittel ist (vgl. KÖCK 1990, 81).

Ferner zielt die Suche nach dem Abenteuer in der Erlebnisgesellschaft auf ein Ereignis ab, das eine Flucht aus der gesicherten Alltagswelt beinhaltet, welches Unsicherheit, Risikobereitschaft und somit einen „Kick“ mit sich bringt. Man vollzieht außergewöhnliche Leistungen unter extremen Bedingungen und grenzt sich somit von dem Durchschnittsmenschen ab. Natürlich ist, und war, das Abenteuer immer mit einem bestimmten Risiko verbunden, doch die Sehnsucht des menschlichen Geistes nach neuen Erfahrungen erweist sich als stärker.

Durch den gesellschaftlichen Wandel der Neuzeit, hervorgerufen durch eine zunehmende Technisierung und Industrialisierung, sowie durch die immer stärkere soziale Absicherung sind es immer mehr Menschen, welche einen großen Drang verspüren intensive Erfahrungen zu machen und ihre Grenzen kennenlernen wollen. Das Abenteuer wird immer mehr zu einem Erlebnis für jedermann und dient als Mittel der „existentiellen“ Langeweile und seinem stark abgesicherten Leben zu entfliehen. Da ein gehöriges Maß an körperlicher Belastbarkeit gefordert wird, handelt es sich vorwiegend um Männer welche diesen „Abenteuern“ nachgehen, doch auch immer mehr Frauen suchen mit zunehmender Emanzipation und Unabhängigkeit ihre persönliche

Herausforderung. Dabei spielt die Sehnsucht nach gefühlsmäßig starken Erlebnissen

eine große Rolle, wobei die Intensität der Erlebnisse mit dem Ausmaß an Risiken steigt. Die Bandbreite an Risiken, welche Menschen auf sich nehmen um diese Erlebnisse zu haben reicht von kleinerer Blessuren bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen.

Durch diese Spannungsreize wird der Organismus in höchste Bereitschaft versetzt, die zu einem Adrenalinausschuß führt und somit ein intensives Lustgefühl hervorruft („FlowErlebnis“). Dieser uralte Mechanismus wird also bewußt oder unbewußt in Gang gesetzt, um das Leben in seiner Intensität aufzuwerten.

Diesen Trend hat auch die Freizeitindustrie erkannt und versucht den Bedarf nach diesem Lebensgefühl zu befriedigen. Immer mehr Unternehmen in der Freizeitbranche bieten einen organisierten Erlebnistrip, den sogenannten Adventureurlaub an. Parallel zu diesen gesellschaftlichen Umbrüchen entstanden auch immer mehr neue Sportarten, welche sich hauptsächlich durch ihr Risikopotential auszeichnen. Anfangs von wenigen entwickelt, z.B. Mountainbiking oder Snowboardfahren, kam es auch hier zu einer starken Verbreitung und immer mehr Interessierte machten diese Sportarten dann irgendwann gesellschaftsfähig. Diese Abenteuer- und Risikosportarten sind die Spielwiese für Menschen, die einen starken Drang haben, persönliche Grenzerfahrungen zu machen. Jedoch sind auch die klassischen Sportarten wie beispielsweise Marathonlaufen oder Radfahren derart proffessionalisiert, daß die Sportler an ihre absolute physische und psychische Leistungsgrenze gehen müssen um konkurrenzfähig zu sein. Ob die Aktiven dieser Sportarten diese Grenzerfahrungen eher unbewußt in Kauf nehmen oder ob sie diese Sportart gerade deshalb betreiben, läßt sich hier nicht eindeutig sagen, aber diesbezüglich wird im nächsten Kapitel näher eingegangen.

4.2 Abenteuersport - Sportabenteuer

Nachdem versucht wurde, die Gründe für das, in der Erlebnisgesellschaft, wachsende Bedürfnis nach Abenteuer darzustellen, soll nun der damit verbundene Abenteuersport explizit thematisiert werden.

Abenteuersport ist „ein in sich geschlossenes, methodisches System, das gleichzeitig auch offen für neue Möglichkeiten und Perspektiven ist.“ (HAGEN 1993, 3)

Durch die Vielfalt seiner Erscheinungsformen wirkt Abenteuersport innovativ auf den traditionellen Sport bzw. auf die traditionellen Formen der Jugendarbeit im Sport. Jedoch kann Abenteuersport nicht als neue Sportart betrachtet werden, denn einerseits fehlen Wettkampfregeln und der damit verbundene Wettkampfcharakter und andererseits fehlt die Möglichkeit einer genauen Vorgabe, aufgrund der mannigfaltigen Begrifflichkeit des Abenteuers. Infolge dessen ist Abenteuer etwas offenes - offen für Wünsche, Ideen und Anregungen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die so ihre Kreativität und Phantasie miteinbringen können.

Der Abenteuersport erlangte in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit. Nach HAGEN liegt dies an zwei Ursachen: Der erste Grund liegt wohl daran, daß die Zeit einfach „reif“ für neue Formen des Sports war. Ein gutes Beispiel hinsichtlich dieser Aussage ist die „New-Games-Bewegung“, denn diese war bekannt und konnte sich in den traditionellen Gruppierungen etablieren. Der zweite Grund für das große Interesse am Abenteuersport ist die Tatsache, daß das Abenteuer, als solches, durch die Medien und die Werbung den Leuten suggeriert wird, und schon seit Jahren in der Werbung bewußt eingesetzt wird. Infolge dessen ist das Abenteuer mittlerweile in die Welt des „Unsportlichen“ eingedrungen.

An dieser Stelle soll nun der Doppelbegriff Abenteuersport - Sportabenteuer thematisiert werden. In diesem Doppelbegriff steckt die Erkenntnis, daß in den vergangenen Jahren die Entwicklung im Sport zur weiteren Individualisierung sowie zur höheren Risikobereitschaft führte. Daher ist es unerläßlich, zu verdeutlichen, daß jede Sportart Elemente des Risikos und eigenen Erlebens beinhaltet. Durch Trainieren der Techniken und übersteigertes Konditionstraining wird dieses oft zugedeckt. Der Gedanke war und ist eine treffende Bezeichnung der Bewältigung risikoreicher Situationen. (vgl. HAGEN 1993, 7)

Die Ausprägung und Form des Abenteuers sind vielfältig und ergeben sich z.B. aus dem Ort der Situation bzw. Handlung wie beispielsweise Abenteuer in der Natur, in der Halle oder auch in der Stadt. Die Art der abenteuerlichen Handlung, ob Abenteuer beim Wandern, Segeln, Radfahren etc., ist ein weiteres Untersuchungsmerkmal. Abenteuer im Bereich der Sinne, die vor allem Sensibilisierung und Kreativität fördern, gehören auch wie das Sportabenteuer dazu, das gezielt auf die Möglichkeit verweist, auch im „normalen“ Sport das Abenteuer zu entdecken und zu verwirklichen. Man kann alle Formen und Ausprägungen miteinander verbinden, dadurch ergeben sich die vielfältigsten Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich des Abenteuersports.

Nach HAGENS (1993, 8) Aussage ist Abenteuer immer ein „situatives, unvorhergesehenes und unvorhersagbares Geschehen in konkreten sportlichen Situationen. Das bedeutet aber auch, daß diese Situationen einmalig und nicht wiederholbar sind.“

Die Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen, hängt insbesondere von der individuellen Risikobereitschaft, sowie von den eigenen motorischen und psychischen Fähigkeiten ab.

Ferner definiert HAGEN (1993, 8) Abenteuersport wie folgt:

„ Abenteuersport heißt, den Teilnehmenden die Möglichkeit bzw. Gelegenheit geben, in Freiwilligkeit ein kalkuliertes und kalkulierbares Risiko einzugeben. Abenteuer- sport darf nicht in die N ähe paramilit ärischer oder vormilit ärischer Ausbildung geraten. Wichtiges Unterscheidungsmerkmal mußder in Freiwilligkeit und Vertrauen begründete Versuch sein, etwas selbst zu versuchen und nicht versucht zu werden! “

Durch Abenteuersport sollen neue Wege gezeigt werden, wie mit etwas mehr Einsatz und einer höheren Risikobereitschaft, das Leben lebenswerter gemacht werden kann. Das Hauptziel des Abenteuersports soll dieses etwas „mehr Leben“ sein. Eine Steigerung der Lebensqualität ist bestimmt eher ein Langzeitziel, das nicht sofort erreicht werden kann. Ferner kann Abenteuersport nicht Allheilmittel oder Therapie sein, um psychische und soziale Probleme zu bewältigen. Es ist vielmehr eine Grundbedingung, daß durch den Abenteuersport keine psychischen und sozialen Probleme entstehen dürfen. Die Leiter müssen demzufolge die zu stellenden Aufgaben an eine Gruppe, entsprechend der einzelnen Teilnehmer abstimmen. Desweiteren bedeutet dies, auch eine Beteiligung der Teilnehmenden an den einzelnen Maßnahmen und der jeweiligen Problembewältigung, denn nicht alle können physisch und psychisch alles mitmachen. Die Planung und die Problemlösung sind daher relevante und unverzichtbare Bestandteile des Abenteuersports.

Der Grund für die Ausübung von Abenteuersport ist in den meisten Fällen wohl die Neugierde, die in jedem Menschen steckt. Letztendlich die Neugierde, etwas auszuprobieren, von dem man nicht vorher weiß, ob man es schafft. Es muß allen die Möglichkeit gegeben werden, den Erfolg für sich selbst zu bewerten. Den Teilnehmenden hilft der methodisch gut geplante Aufbau der Aktionen, um die physischen und psychischen Anforderungen zu bewältigen. (vgl. HAGEN 1993, 9)

Sumasumarum läßt sich sagen, das das Handeln allein die freiwillige Entscheidung der Teilnehmenden sein muß; und daß ein Abenteuer schon die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Abenteuer sein kann.

4.3 Abenteuer als „ Erlebnistherapie “ und wesentlicher Bestandteil der Erlebnisp ädagogik

Kurt Hahn (1886-1974) war einer der wenigen Pädagogen, die Abenteuer, Wagnis und Risiko gezielt in die pädagogische Praxis eingeführt haben. Die von ihm begründete Outward-Bound-Bewegung bzw. Kurzschulbewegung stellt eine Schulform für das Abenteuer dar und hat weltweit Verbreitung gefunden.

Es wird als ein besonderer Verdienst HAHNs gewertet, daß er die große pädagogische Chance erkannt hat, die in der Pubertät liegt. Er kommt auf der Grundlage von Beobachtungen und vielfältigen Erfahrungen aus seiner Erziehungspraxis zu der Einsicht, daß junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren eine Regsamkeit der Sinne und eine Wachsamkeit des Gemüts haben, wie sie weder dem Kinde noch dem Erwachsenen gegeben sind. HAHN bezeichnet es als seine Lebensaufgabe, das Dogma von der „Deformität der Pubertätsjahre“ als eine Irrlehre zu entlarven. (HAHN In: SCHLESKE 1977, 19)

Ferner vertritt er die Auffassung, daß die Plastizität und Prägsamkeit des Jugendalters noch eine entscheidene Einflußnahme auf die Charakterentwicklung der Jugendlichen ermöglichen. Falls es gelinge, die „Kinderkraft ungebrochen zu erhalten“, den unbesiegbaren Lebensmut, das Mitgefühl, die lebhafte Neugierde, die Lebensfreude, dann ließen sich die negatievn Erscheinungsweisen des Jugendalters vermeiden.“ (vgl. HAHN In: SCHLESKE 1977, 19)

Eines der relevantesten Anliegen HAHNs ist das regelmäßige körperliche Training, das zu erhöhter Leistungs- und Funktionsfähigkeit verhelfen soll, die ihrerseits als die vitale Basis für Engagement und Interssenbildung verstanden werden. Aufschlußreich ist auch die Annahme , daß die Ausbildung von körperlicher Leistungsfähigkeit sich positiv auf „Unternehmungs- und Abenteuerlust“ auswirkt. Für HAHN (In: SCHLESKE 1977, 19) sei regelmäßige körperliche Bewegung die beste Gewähr dafür, daß sich das einstellt, was man „vitale Gesundheit“ nennt.

In diesem Fall bezieht sich der Gesundheitsbegriff nicht nur auf die Abwesenheit von registrierbaren Krankheitssymtomen, sondern umfassender auf subjektive efindlichkeiten wie Frische, Spannkraft, Leistungsfähigkeit. HAHN sieht solche Befindlichkeiten nicht isoliert, sondern in Wechselwirkung mit fordernden und anregenden Situationen, mit Gewohnheiten und Interessen, die sich nicht mehr von selbst ergeben, sondern durch das Erziehungswesen angebahnt, ausgebildet und gefördert werden müssen. (SCHLESKE 1977, 19)

Diesbezüglich zielt der pädagogische Ansatz HAHNs darauf ab, in umfassendem Sinne kompensatorische Erziehung zu vermitteln. Es soll durch Erziehungs-maßnahmen und Erziehungsinstitutionen wieder eine „gesunde“ Umwelt erschaffen werden. Neben dem regelmäßigen Training ist auch die Weckung von Interessen, die Vermittlung von

Freizeittechniken und die Bereitstellung eines organisatorischen Rahmens notwendig, in dem sich diese in Aktionen darstellen können.

Durch die Synthese von unterschiedlichen Erziehungsfaktoren ergibt sich die Originalität des pädagogischen Ansatzes: den gezielten Einsatz von Gruppen-erlebnissen unter Gleichaltrigen und den Einsatz von Abenteuer- und Bewährungssituationen als Medien prägender Erfahrungen. Ein entscheidener Faktor ist die Ausnahmesituation, das Losgelöstsein von gewohnten Bedingungen, Verpflichtungen und Zwängen des Alltagslebens zusammen mit der Notwendigkeit, in kritischen Augenblicken effektiv und reaktionsschnell zu handeln. (SCHLESKE 1977, 20)

4.3.1 Abenteuer und Wagnis als Erziehungsmittel in der Outward-Bound- Bewegung

Die Konzeption der Outward-Bound-Bewegung trägt durch Mut- und Charakter-proben zur Persönlichkeitsbildung bei. Der Einsatz von Erfahrungen, die die Grenzen einer allseits abgesicherten „pädagogische Provinz“ sprengen, ist die zentrale Thematik der Outward-Bound-Bewegung und zugleich Schlüssel für das Verständnis der persönlichkeitsbildenden Wirkungen von Abenteuer, Wagnis und Risiko.

Die Bedeutung von Mutproben und Bewährungssituationen für das Jugendalter hebt HAHN immer wieder hervor, und zugleich klingt die Befürchtung an, daß die Lebensbedingungen in den zivilisierten Gesellschaften nicht mehr genügend Anlässe für Ermutigung und Selbstbestätigung bieten. Der Mangel an entsprechenden Anlässen und Gelegenheiten läßt vitale Kräfte und Fähigkeiten verkümmern oder die Jugendlichen suchen sich solche Gelegenheiten jenseits der Legalität. HAHN glaubt einen Ausweg aus dieser Problemlage damit gefunden zu haben, daß er dem Tatendrang der Jugendlichen einen legalen Spielraum gibt und ihr Bedürfnis nach Bewährung an eine ethische Zielsetzung bindet. So entsteht der Grundgedanke der Outward-Bound-Bewegung, das jugendliche Bedürfnis nach Abenteuern mit dem Rettungsdienst zu verbinden. HAHN ist der Überzeugung, mit der Idee des gezielten erzieherischen Einsatzes von Mutproben und Bewährungssituationen zur Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen beitragen zu können (SCHLESKE 1977, 21 f.)

4.3.2 Inhalte und Erziehungsziele der Outward-Bound-Bewegung

„Ein Überblick über die verschiedenen Inhalte und Erziehungsziele der Outward-Bound- Schulen in aller Welt zeigt, daß HAHNs Grundmodell der Erlebnistherapie sich durch eine universale Anwendbarkeit auszeichnet.“ (SCHWARZ In: SCHLESKE 1977, 22)

Alle Outward-Bound-Schulen haben gemeinsam, daß sie von einer wilden und ursprünglichen Landschaft umgeben sind, die zu wagemutigen Expeditionen herausfordert. Allerdings zeigen die Erziehungsziele, die mit den abenteuerlichen Aktivitäten verbunden werden, eine beträchtliche Variationsbreite. Neben dem allgemeinen Ziel einer Charakterschulung werden gesellschaftlich und geographisch bedingte speziellere Anliegen verfolgt: vom Rettungsdienst, der Ausbildung von Jugendleitern und anderen Personen, die mit der Resozialisation von jugendlichen Straftätern befaßt sind, über die Vermittlung von technischen Fertigkeiten, bis zum Abbau von Rassengegensätzen, religiösen Barrieren und der Auswahl von jungen Führungskräften(vgl. SCHLESKE 1977, 22 f.).

In den verschiedenen Ländern werden als Inhalte vielfältige Sportarten, Expeditionen und Rettungsdienste angeboten. Bei den Sportarten überwiegen Risiko- und Natursportarten wie Rudern, Kajak- und Wildwasserfahren, Bergsteigen usw. , aber auch Reiten, Judo und Turnen an Hindernisbahnen werden betrieben. Die Expeditionen und Touren richten sich nach den lokalen Gegebenheiten und werden mit den Sportarten des Kursprogrammes kombiniert (vgl. SCHLESKE 1977, 23).

Im folgenden wird nun auf Extrem- und Risikosprtarten eingegangen, da diese neben dem Abenteuer, eine bedeutende Rolle in der Erlebnispädagogik spielen und die Verbreitung die Folge unserer gegenwärtigen Erlebnisgesellschaft sind.

5. Risiko im Sport

Dieses Kapitel wird von der These getragen, daß sich der Sport infolge der Erlebnisgesellschaft als System immer stärker ausdifferenziert. Ferner entsteht diese Ausdifferenzierung auch durch den Wunsch, neue Herausforderungen im Sport anzunehmen, wobei Leistungssteigerungen und Lustgewinn die tragenden Säulen darstellen. Neue Herausforderungen bedeuten gleichzeitig aber auch, aus dem Gewohnten auszusteigen und sich in Situationen zu begeben, die ein unterschiedliches Risikopotential beinhalten. Charakteristische Kriterien wie das Neue und Fremde, das Überraschende und das Gef ährliche tauchen vor allem in den Extrem- und Risikosportarten auf ( vgl. SCHLESKE 1977, 33). Im Sprachgebrauch stehen die Begriffe Risiko und Wagnis häufig für das Synonym Risikoverhalten und werden kaum differenziert voneinander betrachtet.

5.1 Definition des Begriffs Risiko

Nach RÖTHIG (1992, 385) ist die allgemeine Bedeutung des Phänomens Risiko, „als Wagnis bzw. Gefahr in einer unsicheren / ungewissen Unternehmung“ zu bezeichnen. Ferner erfährt das Risiko „ unter sportwissenschaftlichen Sichtweisen eine Reihe von akzeptanzbezogenen Differenzierungen. So bietet Sport generell die Möglichkeit mit Risiken unterschiedlicher Art umzugehen, sie sinnvoll zu dosieren und zu kalkuliere.“ Bereits das Kind lernt das Risiko im Verhältnis zu seinen Fähigkeiten abzuschätzen und auf der Basis seines Könnens Risikobereitschaft zu entwickeln.

UNDEUTSCH (1988, 3) spricht von Risiko, „wenn bei einem bestimmten Verhalten das Verfehlen des angestrebten Zielzustandes und, damit verbunden, das Eintreten eines Nachteils für das Subjekt möglich ist.“

Ferner ist mit dem Begriff Risiko das Maß für die Größe einer Gefahr gemeint, die eine Bedrohung für Leib und Leben darstellt. Häufig wird dem Begriff Risiko eine negative Bedeutung zugeordnet, obwohl dieser eigentlich ein neutraler Begriff ist.

Aufgrund einer weit verbreiteten Zeitideologie erfährt das Wort Risiko in diesem Zusammenhang eine weitere Einengung. Der Mensch ist ein Bürger zweier Welten: Er lebt als Lebewesen in einem mehr oder weniger naturgegebenen Umfeld, gleichzeitig lebt er auch in einer Welt der modernen, jedoch oftmals von Technik abhängigen Zivilisation. Demnach ist der Mensch sowohl den Gefahren der von ihm geschaffenen künstlichen Welt der modernen technischen Zivilisation ausgesetzt. (vgl. UNDEUTSCH 1988, 3 f.)

So weit der Begriff Risiko gefaßt ist, so weit ist dementsprechend, wie bereits angedeutet, der Begriff Risiko-Akzeptanz gefaßt. Im Zusammenhang mit Akzeptanz erfährt der Begriff Risiko allerdings häufig eine engere Bedeutung; im Sinne von Beeinträchtigung des körperlichen Wohles ist hier eher das Gesundheits- oder Unfallrisiko gemeint. Spricht man heute von Risiko-Akzeptanz, dann ist dabei nur die potentielle Gefährdung angesprochen, die sich während der Nutzung von Technik oder beim Ausüben der Risikosportart ergibt.

5.2 Risikosport und Extremsport

Zunehmend ist im Sport der Trend zu erkennen, daß Sportangebote nachgefragt werden, die Abenteuer und Risiko versprechen. Der Grund für Extrem- und Risikosportarten, die einzelne begeistern und anziehen, andere unbeeindruckt lassen oder abschrecken, ist im Detail ungeklärt. Dennoch gibt es bekannte psychologische Erklärungsansätze, die im weiteren Verlauf der Hausarbeit dargestellt werden sollen.

5.2.1 Extrem- und Risikosportarten: Immer extremer und riskanter

490 v. Chr. bei Marathon soll der Kurier Philipides nach dem Sieg der Atheneer über die Perser die Siegesbotschaft über 24 Meilen nach Athen gebracht haben und auf dem Marktplatz tot zusammengebrochen sein. Zum Gedenken wurde bei den Olympischen Spielen 1896 in Athen erstmals der Marathonlauf (42,195 km) als längste Laufdisziplin ausgetragen. Mittlerweile wird das Vielfache dieser Strecke ohne Unterbrechung zurückgelegt. Der Ultra-Langstreckenlauf „Trans-America-Foot-Race“ quer durch Nordamerika, vom Pazifischen bis zum Altlantischen Ozean ist als besondere Distanzsteigerung anzusehen.

Bis auf die Kriegsjahre wird seit 1903 die Tour de France als das strapaziöseste Etappenrennen für Berufsradrennfahrer veranstaltet, bei dem zwischen 400 und 4500 km zurückgelegt werden. Hubert Schwarz hat in den letzten Jahren auf dem Rad neue Ausdauerdimensionen erschlossen. Er fuhr ganz auf sich gestellt rund um Australien (ca. 14 000 km) und in 80 Tagen um die ganze Welt (ca. 22 000 km). Auch in anderen Sportarten werden die zurückgelegten Distanzen immer länger.

Als auf Hawaii der erste Triathlon ausgetragen und der erste „Ironman“ gekürt wurde,, schien man mit den hintereinander zu absolvierenden Disziplinen Schwimmen (3,8 km), Radfahren (180 km) und Laufen (42,2 km) in den Grenzbereich der menschlichen Leistungsfähigkeit vorgestoßen zu sein. Doch der Hawaii-Triathlon wurde im Verlauf der Zeit nicht nur immer schneller Bewältigt, sondern die Distanz der einzelnen Disziplinen bis zum zehnfachen hochgeschraubt.

Das Spiel mit der Höhe und Tiefe gehört auch zu extremen und riskanten Aktivitäten. Die ersten Bungee-Springer stürzten sich von 50m hohen Podesten in die Tiefe, heutzutage lassen sie sich von wesentlich höheren Fernsehtürmen, Eisenbahnbrücken oder aus einer Gondel einer Bergseilbahn in das Bodenlose fallen. Ferner setzte Reinhold Messner eine neue Höhenmarke mit der Erstbesteigung des Mont Everest ohne Sauerstoffgerät.

Das Motto der Geschwindigkeitsfreaks lautet „Je schneller desto besser“. Mit dem Schlauchboot reißende Gebirgsbäche zu bezwingen, genügt nicht mehr, Hydrospeed ist angesagt sowie die Schlauchbootfahrt auf Schnee mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 110 km/h.

Anhand der aufgeführten Beispiele für extreme und riskante Aktivitäten sollen nun wesentliche Merkmale, die für Extrem- und Risikosportaktivitäten charakteristisch sind, aufgezeigt werden. Hierbei sind nach ALLMER (1998, 62 f.) folgende fünf typische Kriterien zu nennen:

1. Außerordentliche körperliche Strapazen:

Extrem- und Risikosportaktivitäten verlangen dem Körper das Letzte ab und mitunter münden die Anstrengungen in die totale Erschöpfung. Höllische Muskelschmerzen, Blutige Hände und Füße, Hunger und Durst stehen für die Qualen, die als Preis für die Erreichung des Ziels gezahlt werden müssen. Vor allem die Konfrontation mit widrigen Naturkräften (z.B. Hitze, Kälte Stürme usw.) stellen harte Prüfungen an den Körper des Menschen und lassen die Unternehmungen zur Tortur und Schinderei werden.

2. Ungewohnte Körperlagen und -zust ände:

Für die meisten sportlichen Aktivitäten bestehen extreme und riskante Anforderungen darin, daß der Körper in unübliche Lagen und Zustände gebracht wird. Hierzu gehören der freie Fall und das Schweben in Luft und Wasser, hohe Geschwindigkeiten und Beschleunigungen sowie schnelle Rotationsbewegungen und extreme Körperseitenlagen, die völlig neue Körperorientierungen verlangen.

3. Ungewisser Handlungsausgang:

Kennzeichnend ist für extreme und riskante Situationen, daß Erfolg und Mißerfolg einer Handlung gleichwahrscheinlich sind.

4. Unvorhersehbare Situationsbedingungen:

Im Detail lassen sich Extrem und Risikosportaktivitäten nicht planen, da es nicht vorhersehbar ist, welche Situationsbedingungen auftreten werden und ob die gegebenen weiter bestehen bleiben oder zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Situation eintreten wird. Zum einen können unvorhersehbare Situationen erwartungswidrige Ereignisse darstellen. „Das sind Ereignisse, die aufgrund zurückliegender Erfahrungen von der Person zwar grundsätzlich vorhersehbar sind, die aber zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt auftreten. Erwartungswidrige Situationsbedingungen sind beispielsweise, plötzlich von einer Windböe erfaßt zu werden oder einem unerwarteten Wetterumsturz ausgesetzt zu sein. Die Vorhersehbarkeit von Situationbedingungen ist zum anderen gering, wenn sich eine Person unbekannten Ereignissen gegenübersieht, für die noch keine Erfahrungswerte vorliegen. Beispielsweise nicht zu wissen, welche zu überwindenen Klippen einem bevorstehen. Unvorhersehbare Situationen, die eine planende Vorbereitung nicht möglich machen und einen Überraschungseffekt auslösen, erfordern ein sorfortiges Handeln in der konkreten Situation.

5. Lebensgef ährliche Aktionen:

Gegenüber anderen Sportaktivitäten beinhalten Extrem- und Risikosportaktivitäten mehr die Gefahr, das Leben zu verlieren. Die lebensbedrohlichen Gefahren liegen beispielsweise in der Möglichkeit des tödlichen Absturzes oder von der Gewalt der Wassermassen erdrückt zu werden. Einerseits können die Gefährdungen der körperlichen Unversehrtheit aus Fehlern, Unachtsamkeit und Leichtsinn des Akteurs selbst ergeben, und andererseits können diese aus einer plötzlichen Verschlechterung der Situationsbedingungen resultieren. Das Scheitern bzw. der Mißerfolg infolge von Person- und Situationsfaktoren wird lebensbedrohlich. Demgegenüber spiegelt sich der Erfolg unmittelbar im Überleben wider.

Diese fünf Kriterien haben nicht bei allen Extrem- und Risikosportaktivitäten gleich hohe Bedeutung. Zur Kennzeichnung der vielfältigen Extrem- und Risikosport-aktivitäten sind Vielmehr unterschiedliche Gewichtungen der Kriterien anzunehmen In der Regel dominieren bei Ultra-Ausdauersportarten die außerordentlichen körperlichen Strapazen, während lebensgefährliche Aktionen weniger typisch sind. Bei den meisten Hochgeschwindigkeitssportaktivitäten sind demgegenüber lebensgefährliche Aktionen höher zu gewichten als außerordentliche körperliche Strapazen. Demzufolge ist es notwendig, die Anforderungen der vielfältigen Extrem- und Risikosportaktivitäten, bezüglich der Kriterien, voneinander zu unterscheiden.

5.2.2 Extrem und Risikosport: Immer furchtloser und verrückter

Die Reaktionen der Zuschauer hinsichtlich der Extrem- und Risikosportaktivitäten sind vielfach zwiespältig: Sie reichen von Bewunderung bis hin zur Verständnis-losigkeit. Die Bewunderung gilt der Furchtlosigkeit, mit der auch existentiellen Gefahren begegnet wird. Wir beneiden diejenigen, die den nötigen Mut hatten sowie das Gefährliche gewagt haben, das wir selbst aus Angst meiden. Die Extrem- und Risikosportler demonstrieren uns mit ihrern Aktivitäten, daß der Mensch über bisher nicht möglich gehaltene Fähigkeiten verfügt und seine Furchtlosigkeit grenzenlos zu sein scheint. Wenn wir sie nach überstandenen Strapazen und Gefahren beinahe wie „Helden“ feiern, schwingt in der Hochachtung mit, daß es ihnen offensichtlich gelungen ist, mit der Angst konstruktiv umzugehen. Die bewußte Konfrontation mit der Gefahr, befähigt sie, immer mehr als andere zu wagen und furchtloser als andere zu werden. Denn für sie zählt das Motto: Face the fear- stelle dich der Angst. (vgl. ALLMER 1998, 64)

Häufig werden aber auch Extrem- und Risikosportaktivitäten von Kopfschütteln der anderen begleitet und als selbstquälerische und selbstmörderische Aktivitäten bewertet. Urteile wie „die sind ja nicht bei Sinnen“ oder „ das ist reinste Zeitverschwendung“ bringen das Unverständnis derjenigen zum Ausdruck, die Zweifel an der Sinnhaftigkeit der extremen und risikoreichen Aktivitäten haben. Solche unnützen und völlig sinnlosen Aktivitäten müßten aufgrund des gesunden Menschenverstandes gemieden werden. Sie sind letztendlich unvereinbar mit der allgemeinen Vorstellung eines sinnhaften Verhaltens. Demnach ist es auch schwer, für immer verrückter werdenen Aktivitäten „vernünftige“ Sinnzuschreibungen vorzunehmen. ( vgl. ALLMER 1998,65)

5.3 Zur psychologischen Erkl ärung von Extrem- und Risikosport

Auf Fragen wie z.B. „Was das Faszinierende an Aktivitäten ist, die gefährlich erscheinen? oder „Warum Menschen unnötige Risiken auf sich nehmen und sich ungeheuren Qualen und Schmerzen aussetzen?“ sind aus psychologischer Sicht verschiedene Erklärungsmodelle entwickelt worden. Diese sollen im weiteren Verlauf der Arbeit vorgestellt und miteinander verglichen werden.

- Extrem- und Risikosport als Reizsuche

Das von Marvin Zuckermann (1974) entwickelte „sensation-seeking-Konzept“

(= Reizsuche-Konzept) stellt den wohl bekanntesten Ansatz dar. Zuckermann kam zu der Erkenntnis, daß die Suche nach starken Reizen und ungewöhnlichen, stimulierenden

Erfahrungen bzw. Erlebnissen ein tiefgehendes und umfassendes Persönlichkeitsmerkmal darstellt; und zu 50 bis 65% genetisch bestimmt wird. Das Bedürfnis nach Stimulation ist individuell unterschiedlich stark ausgeprägt. Das damit zusammenhängende optimale Stimulations- und Erregungsniveau ist ebenso individuell verschieden. D.h., daß Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Reizsuche, reizarme Situationen als langweilig empfinden, und dazu neigen, sich in riskante, stimulierende Situationen zu stürzen. Menschen mit einem niedrigem optimalen Stimulations- und Erregungsniveau brauchen demgegenüber weniger Stimulation, können reizarme Situationen besser ertragen und reagieren auf riskante Tätigkeiten mit Angst.

Nach Zuckermanns Reizsuche-Konzept haben Personen, die extremen und riskanten Sportaktivitäten nachgehen, höhere Werte der Reizsuche aufzuweisen als diejenigen, die solche Aktivitäten nicht betreiben (ALLMER 1998,66). Diese These ist nicht ganz korrekt, da nicht alle starken Reizsucher sich extremen und riskanten Sportaktivitäten zuwenden , sondern ihr Bedürfnis nach starken Reizen in außersportlichen Tätigkeiten, wie z.B. riskanten Verhalten im Straßenverkehr, zu befriedigen versuchen. Aufgrund der Tatsache, daß Zuckermann viele Fragen offen läßt; und daß von ihm eine deutliche Trennung zwischen verschiedenen Aspekten des Neugierverhaltens, dem kognitiven Aspekt der Informationssuche und dem emotionalen Aspekt der Reizsuche nicht vorgenommen wird, kann man demzufolge nur von einem Ansatz sprechen (ALLMER 1998,66 f.).

1992 beantwortet Michael APTER in dem Buch „Im Rausch der Gefahr“ die Frage, warum immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen, damit „daß jeder Mensch ab und zu etwas Nervenkitzel braucht - manche Menschen häufiger als andere.“(APTER IN: ALLMER 1998, 67). Kennzeichnend für seine Theorie ist der individuell ausgeprägte Wechsel zwischen Suche nach starker Erregung ,z.B. Nervenkitzel, und Vermeidung von starker Erregung, z.B. Angst. Demnach besteht bei einigen Menschen die Tendenz, über längere Zeit „im Zustand der Suche oder der Vermeidung von Erregung zu bleiben, bevor sie wechseln, während andere schon nach kurzer Zeit von einem zum anderen Bedürfnis übergehen.“ (APTER In: ALLMER 1998, 67). APTER vermutet, daß „jene Menschen am inensivsten leben, denen es gelingt, beide Zustände ausgewogen zu erleben und zwischen ihnen im jeweils richtigen Moment zu wechseln“ (APTER In: ALLMER 1998, 67).

Zur Klärung der individuellen Unterschiede geht APTER von der Annahme aus, daß die Ausprägung der Suche nach Erregung oder Vermeidung biologisch begründet ist und eine angeborene Veranlagung darstellt, die aber sowohl durch Lernen als auch durch entscheidene Erfahrungen verstärkt oder gedämpft werden kann. Demnach ist extremes und riskantes Sportverhalten nach APTER das Resultat der willentlichen Kontrolle. Ferner bezeichnet APTER als Erregungsquellen strukturelle Situationsmerkmale wie Unberechenbarkeit und Ungewißheit. Erregungsintensiv sind für ihn Situationen, die im Verlauf und Ergebnis für den Menschen überraschend und unbekannt sind.

Von APTER wird zur Klärung der Suche nach Erregung ein dreidimensionaler Bezugsrahmen gespannt, der den biologischen, gesellschaftlichen und individuellen Nutzen der Suche nach starker Erregung bzw. das Eingehen unnötiger Risiken beinhaltet. Der evolutionäre Vorteil starker Erregungssuche wird darin gesehen, daß es für eine Gruppe von Nutzen ist, wenn bestimmte Individuen bereit sind, sich den Risiken der Erforschung neuer Umgebungen aussetzten, denn die anderen können sowohl aus den Erfolgen als auch aus den Mißerfolgen dieser Vorreiter lernen (vgl. APTER In: ALLMER 1998, 67f.).

Desweiteren macht APTER (IN: ALLMER 1998,68) auch die Aussage, daß das freiwillige Eingehen von Risiken sowie die Unterstützung und Gewährung von Risikoverhalten nicht nur zu überleben hilft, sondern auch zu wachsen, Fortschritte zu machen und zu Wohlstand zu gelangen. Sie unterstützt sie letztendlich die konservativen und stagnierten Tendenzen zu überwinden. Demgegenüber profitiert der einzelne durch die Erregungssuche von der Möglichkeit der persönlichen Entwicklung und Entfaltung.

- Extrem- und Risikosport als Angstüberwindung

In dem Buch „Angstlust und Regression“ entwickelte MICHAEL BLAINT 1960 einen weiteren psychologischen Erklärungsansatz. BLAINT geht von der Annahme aus, daß menschliche Erlebnisse in schwindelerregenden Jahrmarktvergnügen (wie z.B. Schiffschaukel, Karussell usw.) sowie auch in sportlichen Situationen mit großer Geschwindigkeit (z.B. Rennsport) und exponierten Situationen (z.B. Klettern) sich am besten mit Angstlust beschreiben lassen. Nach Blaint sind grundlegende Bestimmungsmerkmale der Angstlust: „Die objektive äußere Gefahr, welche Angst auslöst, das freiwillige und absichtliche Sich-ihr-Aussetzen und die zuversichtliche Hoffnung, daß alles schließlich doch gut enden wird“ (BLAINT IN: ALLMER 1998, 68). Sich solchen Angstlustsituationen auszusetzen, bedeutet für BLAINT „das Aufgeben und Wiedererlangen der Sicherheit“ (BLAINT IN: ALLMER 1998, 68).

Die Menschen reagieren auf solche Angstlust-Situationen unterschiedlich. Einige finden Vergnügen darin, Sicherheit aufzugeben und Situationen mit Abenteuer und Nervenkitzel bewußt zu suchen. Andere wiederum scheuen sich, die Sicherheitszone zu verlassen und erleben gefahrvolle Situationen mit Angst. Aufgrund dieser unterschiedlichen Reaktionsweisen prägte BLAINT das Begriffspaar Philobat und Oknophil.

Demnach sind Philobaten Menschen, die sich Angstlust-Situationen freiwillig aussetzen und diese genießen können. Gekennzeichnet werden sie als kühne Helden, die ihre Unabhängigkeit genießen, den Gefahren ins Auge sehen und stolz ihren Weg gehen. Der Philobat lebt in einer Welt, die aus gefährlichen und unvorhersehbaren Objekten besteht. Er demonstriert seine Objektunabhängigkeit, indem er sich mit auftauchenden Gefahrenquellen auseinandersetzt. Er versucht diese, mit der Zuversicht , Gefahren meistern zu können, und mit der Hoffnung einen glücklichen Ausgang der Gefahrensituation zu erreichen, auf ein Minimum zu reduzieren.

Der Oknophile hingegen fühlt sich Angst auslösenden Situationen unwohl und sucht nach

Objekten, an die er sich klammern kann. Er versucht durch das Sich-Anklammern, so nahe wie möglich an sein Objekt heranzukommen, sich zu setzen, sich anzulehnen oder den ganzen Körper an das schutzgebende Objekt zu pressen. Die Welt des Oknophilen besteht nach BLAINT (IN: ALLMER 1998, 69) aus Objekten, an die er sich klammern kann und zwischen denen furchterregende Leerräume bestehen, in denen er sich nicht länger als notwendig aufhält. Die Objekte selbst lösen dabei keine Gefahr aus, sondern deren Verlassen, weil in Gefahrensituationen keine Objekte mehr zur Verfügung stehen würden, an die man sich klammern könnte.

Philobaten und Oknophile stellt BLAINT nicht als gegensätzliche Typen dar, die in reiner Form in der Realität vorkommen, sondern sie sind in der Regel in verschiedenartigen Mischungen der beiden Objektbeziehungen anzutreffen. Beide Haltungen, die mehr oder weniger krankhaft sind, haben eine gemeinsame Wurzel. Sie lassen sich beide auf das Trauma zurückführen, das der Verlust der frühen Mutter-Kind-Einheit und die schmerzliche Erfahrung, daß die Mutter als ein vom Kind getrenntes Objekt existiert, auslöste. Infolge dessen versucht der Oknophile durch Anklammerung, Nähe und Berührung die verlorene Subjekt-Objekt-Einheit zurückzugewinnen. Durch die realitäts- verleugnende Vorstellung, daß Objekte grundsätzlich Verläßlichkeit und Wohlwollen besitzen, versucht er desweiteren, die Angst zu bewältigen, von Objekten verlassen zu werden. Demgegenüber begegnet der Philobat derselben traumatischen Entdeckung, die ursprüngliche Subjekt-Objekt-Harmonie wiederholt immer wieder neu zu schaffen. Das ursprüngliche Trauma wird erneut gegenwärtig, indem er absichtlich Sicherheitszonen verläßt und Risiken auf sich nimmt.

In Anlehnung an BLAINT lieferte SEMLER 1994 einen vergleichbare verhaltenstheoretische Erklärungsansatz in seinem Buch „Lust an der Angst“. Risikosucher zeichnen sich seiner Auffassung nach dadurch aus, daß sie einer gefährlichen Tätigkeit nachgehen, sich ihrer Gefährdung bewußt sind und auf diese Gefährdung ganz normal und vernünftig reagieren, nämlich mit Angst. Menschen, die sich der Angstsituation stellen und sich mit der Angstsituation auseinander-setzen, streben nach SEMLER (IN: ALLMER 1998, 70) nicht die Überwindung der Angst an, sondern erfahren angesichts der Angst, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Die Angst verliert ihren Schrecken, durch den Erwerb von Fähigkeiten, die ein Kontrollieren der Gefahr ermöglichen. Demzufolge leben Risikosucher besser mit der Angst, da sie gelernt haben, mit ihr umzugehen.

Sich Risikosituationen auszusetzen, Sicherheit zugunsten von Ungewißheit aufzugeben, bietet die Möglichkeit, die eigenen Grenzen herauszufinden und in bisher nicht für möglich gehaltene Erfahrungsbereiche vorzudringen. Grenzerfahrungen sind daher Selbsterfahrungen und stellen somit eine Selbstbestätigung dar (SEMLER IN: ALLMER 1998, 70).

Desweiteren verfügen Risikosucher über die Möglichkeiten, sich erwünschte Freude und Glückszustände zu verschaffen, die während der Risikotätigkeit erlebt werden. Risikosucher leisten darüber hinaus auch einen positiven Beitrag für ihre persönliche Entwicklung, da sie sich nicht scheuen, Veränderungen auf sich zu nehmen, das Selbstbild in Frage stellen und Angst sich und anderen gegenüber eingestehen.

- Extrem- und Risikosport als Grenzsuche

Extrem- und Risikosportler sind Grenzgänger. Sie sind auf der Suche nach persönlichen, aber auch absoluten Grenzen des menschlichen Leistungsvermögen. Letztendlich ist es ein fortwährendes Existieren im Grenzbereich. Die Anforderungen und Schwierigkeiten werden immer weiter gesteigert. Das Ziel der Extrem- und Risikosportler ist, das scheinbar Unmögliche doch zu vollbringen. Ferner spielt dabei auch eine Rolle, etwas Außergewöhnliches, Nichtalltägliches und Noch-nicht -dagewesenes zu vollbringen und mehr zu leisten als andere ( ALLMER 1998,73 f.).

An die Grenzen gehen und diese überwinden zu wollen, heißt, gegebene Sicherheitszonen, in denen bisher erfolgreich und ohne Gefahren gehandelt wurde, zu verlassen, zwischenzeitlich sich in Situationen mit eingeschränkter Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit zu begeben. Die Überwindung der menschlichen Unvollkommenheit sowie der Kampf gegen die Naturgewalten stellen typische Anreize der Grenzsuche dar ( vgl. ALLMER 1998,74).

Der Kampf gegen sich selbst bezieht sich auf individuelle Schwächen und Unzugänglichkeiten. Diesbezüglich soll der Beweis erbracht werden, körperliche Schmerzen, Strapazen und Entbehrungen ertragen oder den „inneren Schweinehund“ besiegen zu können. Die Überwindung der in Extrem- und Risikosituationen erlebten Angst, zählt ebenso zu diesem Kampf gegen sich selbst ( vgl. ALLMER 1998,75).

Die Grenzsuche verlangt ein hohes Maß an Anstrengungsbereitschaft, um die sich stellenden Schwierigkeiten zu meistern und die sich zu nehmenden Unannehmlich- keiten zu ertragen. Demnach sind Extrem- und Risikosportler bereit, die erforderlichen physischen und psychischen Anstrengungen auf sich zu nehmen, um an die Leistungsgrenzen vorzudringen. Sie wollen sich auch vergewissern, wo die eigenen

Grenzen der Anstrengungsbereitschaft liegen. Das Austesten der Anstrengungsbereitschaft stellt die Suche nach des aushaltbaren Entbehrungen und Strapazen dar, die bereitwillig auf sich genommen werden, um herauszufinden, ob man in der Lage ist, selbst gestellten Herausforderungen zu Wasser, zu Lande und in der Luft gerecht werden zu können. Der Wunsch Herausforderungen nur-auf-sich-selbst-gestellt zu bewältigen und für sein Handeln verantwortlich zu sein, sind eng mit dem Austesten der Anstrengungsbereitschaft verbunden. Herausforderungs-situationen selbst wählen zu können, den Weg selbst zu bestimmen, Gefahren-situationen allein zu bewältigen, dokumentieren den Wunsch, alles unter Kontrolle haben zu wollen ( vgl. ALLMER 1998, 75f. ).

Ebenso wird die Bestätigung, extreme und riskante Situationen durch eigenes Handeln (Selbstwirksamkeit) und in eigener Verantwortung (Selbstverantwortlichkeit) bewältigen zu können, gesucht. Dementsprechend dient die Auseinandersetzung mit Extrem- und Risikosituationen dem Austesten der Selbstkontrolle. Dem einzelnen soll diese fähigkeitsbezogene Grenzsuche Klarheit darüber verschaffen, was er tatsächlich leisten und schaffen kann. Dabei soll herausgefunden werden, inwiefern man „alles im Griff“ hat, und ob man Macht über sich selbst und die Naturgewalten ausüben kann. Da infolge der unübersehbarer gewordenen alltäglichen und beruflichen Lebensbedingungen Erfahrungen der Selbstkontrolle nicht in dem gewünschten Maße möglich sind, werden für die individuellen Bewährungsproben klar definierte sportliche Herausforderungssituationen aufgesucht (ALLMER 1998,76f.).

Darüber hinaus erschweren komplexe Gesellschaftsstrukturen sowie der rasante gesellschaftliche und technische Wandel den individuellen Prozeß der Identitätsbildung. Nach ALLMER (1998, 77) bieten Extrem- und Risikosport-aktivitäten, die sich in der Regel durch eindeutige und überprüfbare Zielvorgaben, durch überschaubare und konkrete Wege und Lösungsmöglichkeiten auszeichnen, einen geeigneten Bezugsrahmen, die Verantwortung selbst in die Hand zu nehmen und sich über seine Individualität Gewißheit zu verschaffen. Nicht für möglich gehaltene Leistungen, die den eigenen Handeln zugeschrieben werden können, lösen ein intensives Gefühl der Selbstbestätigung aus.

Extreme und riskante Sportaktivitäten gewinnen ihren Anreiz nicht nur aus dem Austesten der persönlichen Leistungsgrenzen, sondern auch aus der Konfrontation mit gewissen Gefährdungen, nämlich das Austesten der persönlichen Risiko - grenzen. Diesbezüglich wird nicht die absolute Gefahr und die Herausforderung im Angesicht des Todes gesucht, sondern hierbei steht eher die Risikominimierung im Vordergrund, indem einerseits gewissenhaft Materialprüfung vorgenommen, die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen und durch Ausbildung und Training die körperlichen und mentalen Voraussetzungen verbessert werden. In der Vorbereitung wird das Menschenmögliche getan, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Material zu gewinnen und das Risiko so gering wie möglich zu halten. Andererseits wird verantwortungsbewußtes Handeln in Extrem- und Risikosituationen, wie z.B. keinen falschen Ehrgeiz zu entwickeln und auch nein sagen zu können, herausgestellt, um das Risiko gering zu halten. Trotz allem werden Situationen aufgesucht, die ein gewisses Maß an Risiko, also keine hundert-prozentige Lebensgarantie, beinhalten. Der Anreiz für Extrem- und Risikosportler liegt in diesem Restrisiko, das von anderen aus Vernunftsgründen oder purer Angst nicht eingegangen wird (vgl. ALLMER 1998,78f.).

Das Handeln in Extrem- und Risikosituationen wird allerdings problematisch, wenn die Fähigkeiten zur Bewältigung der Gefahrensituation überschätzt werden. Die Überschätzung der eigenen Fähigkeit kann riskantes Handeln begünstigen und letztendlich zum Scheitern mit lebensbedrohlichen Konsequenzen führen. So kann die Anwesenheit von Zuschauern dazu führen, daß infolge der Selbstpräsentation anderen gegenüber besonderer Wagemut demonstriert und die Aktion trotz ungünstiger und nicht mehr kontrollierbar gewordener Situationsbedingungen fortgesetzt wird. Demzufolge macht es einen Unterschied aus, ob die Risikosituation als beeinflußbar oder nicht beeinflußbar eingeschätzt wird. Das Risiko erweist sich im Fall der Beeinflußbarkeit als kompetenzabhängig und im Fall der Nichtbeeinflußbarkeit handelt es sich um ein zufallsabhängiges Risiko. Wenn bei Extrem- und Risikosportlern der Anreiz von zufallsabhängigen Gefahrensituationen, die letztlich ein blindes Vertrauen in ein persönlich wohlgesonnenen „Schutzengel“ erfordern, in der Regel auszuschließen ist, stellt sich die Frage wie sie mit dem nicht auszuschließenden Restrisiko umgehen. Eine Strategie der Risikowahrnehmung ist die Relativierung des Risikos, indem die Extrem- und Risikosportaktivität mit anderen Tätigkeiten verglichen und als weniger gefährlich beurteilt wird. Eine weitere Strategie stellt die Unterschätzung der Risikowahrscheinlichkeit dar. Damit ist gemeint, daß die Auftretenswahrscheinlichkeit nicht-kontrollierbarer Risiko-bedingungen persönlich für sehr unwahrscheinlich gehalten wird. Gestützt auf die Erfahrung , bisher von lebenbedrohlichen Gefährdungen verschont geblieben zu sein, wird auch künftige Situationen die Risikowahrscheinlichkeit gering eingeschätzt. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie realistisch die Einschätzung der Risikowahrscheinlichkeit ist. Aufgrund der Tatsache, daß die meisten Menschen in Risikosituationen dazu neigen, die eigene Gefährdung im Vergleich anderer zu unterschätzen, einem „optimistischen Fehlschuß“ zu unterliegen, kann auch bei Extrem- und Risikosportlern eine unrealitische otimistische Sicht der eigenen Unverwundbarkeit vermutet werden. Es wird zur Rechtfertigung der weiteren Konfrontation mit Risikosituationen wird die Überzeugung geäußert, im Vergleich zu anderen gefährdet zu sein. Wie die Forschung zu verschiedenen Gefahren-bereichen nahelegt, scheint diese „Risiko-Unterschätzungstendenz“ auch nach negativen Erfahrungen bestehen zu bleiben (vgl. ALLMER 1998,80f.).

Der bei Extrem- und Risikosportlern festzustellende Sachverhalt, sich im Verlaufe der Zeit immer riskanteren Situationen auszusetzen, beruht nach ALLMER (1998,81) in erster Linie nicht auf der Erhöhung des individuellen Risikoniveaus, sondern basiert auf verbesserten Handlungsbedingungen, die bei gleichen individuellem Risikoniveau riskanteres Handeln erlauben. Die wiederholte positive Erfahrung, Risikosituationen durch eigene Fähigkeiten beherrscht zu haben, steigert die Bereitschaft, höhere Risiken als zuvor einzugehen. Diesen Prozeß bezeichnet man als Austesten der Risikobereitschaft. Das einmalige Gefühl, das entsteht, wenn man eine riskante Herausforderung kontrolliert hat, kann süchtig nach Risiko machen, indem überlegt wird, auf welche riskanteren und gefährlicheren Aktionen man sich als Nächstes einlassen kann.

Diejenigen, die extremen und riskanten Sportaktivitäten nachgehen, begeben sich absichtlich in eine Situation, die nicht über die im zivilisierten Leben vorhandenen Sicherheitsnetze verfügt. Dadurch, daß die Gesellschaft immer mehr Risiken behebt, veranlaßt sie immer mehr Menschen dazu, Gefahren zu provozieren, sich ihnen freiwillig auszusetzen und lustvoll ganz überflüssige Strapazen auf sich zu nehmen ( vgl. ALLMER 1998, 83).

- Extrem- uns Risikosport als Erlebnissuche

Extrem- und Risikosportaktivitäten werden aufgesucht, um bestimmte Erlebnis-qualitäten zu erfahren. Durch den Wandel der Freizeitgesellschaft zu einer Erlebnisgesellschaft, die durch innenorientierte Lebensauffassungen geprägt ist, wird die Erlebnisorientierung zum handlungbestimmenden Merkmal. Sich selbst ein intensives Erlebnis zu verschaffen, wird zur vorrangigen Handlungsintention. „Das Subjekt wird sich selbst zum Objekt, indem es Situationen zu Erlebniszwecken instrumentalisiert“ (SCHULZE In: ALLMER 1998, 84).

Da für Extrem- und Risikosportaktivitäten die Erlebnisse, die zum Selbstzweck des Handelns werden, an Bedeutung zunehmen, soll nun der Versuch einer strukturierenden Analyse dieser Erlebnisse vorgenommen werden. Zwei erlebnisbezogene Handlungsintentionen sind dabei: die Suche nach intensiven Sinnesreizen und außergewöhnlichen Emotionszuständen.

Suche nach intensiven Sinnesreizen

Die mit Extrem- und Risikosportaktivitäten verknüpften intensiven Sinnesreize lassen sich in Bewegungserleben und Naturerleben unterteilen. Das intensive Bewegungserleben bei Extrem- und Risikosportaktivitäten ergibt sich aus ungewohnten Körperlagen. Diese werden durch die kinästhetischen Erfahrungen der Schwerelosigkeit, das Schweben in der Luft oder im Wasser ermöglicht und lösen „tolle“ Körpergefühle aus. Desweiteren geht ein faszinierendes und rauschhaftes Bewegungserleben, von bewegungsdynamischen Erfahrungen wie fließende Bewegungen und den damit verbundenen hohen Geschwindigkeiten, aus.

Das intensive Naturerleben zeigt sich nicht nur in der Naturverbundenheit, der Freude, extreme und riskante Sportaktivitäten in der freien Natur ausüben zu können. Bedeutungsvoller sind vielmehr die über die Sinnesorgane vermittelten Naturwahrnehmungen. Die Naturkräfte und -dynamik selbst zu fühlen stellen Naturerfahrungen dar, die mit intensiven Sinneseindrücken einhergehen. Die Suche nach intensiven Sinnesreizen läßt sich mit den monoton und reizarm gewordenen Arbeits- und Lebensbedingungen begründen, die zu einer Verkümmerung der Sinne beitragen. Demnach können Extrem- und Risikosportaktivitäten als Kompensation der arbeits- und lebensbedingten Reizdeprivation aufgefaßt werden, weil die reizintensivere Situation die Sinne belebt, die von der immer gleichen Routine des Alltagsleben abgestumpft wurden. Dem wachsenden Interesse an Extrem- und Risikosportaktivitäten liegt das Bedürfnis zugrunde, Reizmangel durch Aufsuchen stimulierender Situationen auszugleichen (vgl. ALLMER 1998, 84f.).

Suche nach außergewöhnlichen Emotionszust änden

Die Handlungsintentionen sind darauf gerichtet, im Tätigkeitsvollzug nicht alltägliche Erlebnisse zu suchen und Emotionen zu erleben, die Ausnahmen vom gewohnten Emotionsspektrum darstellen. Dabei sind „flow“-Erleben und „ups-and-downs“-Erleben zu unterscheiden.

Von CSIKSZENTMIHALYI (In: ALLMER 1998, 85) wird das flow-Erleben als die „Absorption durch das Tun, als Verschmelzung zwischen Handeln und Bewußtsein“ beschrieben. Der Zustand des Aufgehens im Handeln geht mit dem Erleben einher, daß alles von selbst geschehe und ohne Beeinträchtigung negativer Gedanken in Fluß ist und bleibt. Durch die völlige Konzentration auf das Handeln verlieren die alltäglichen Sorgen und Selbstzweifel an Bedeutung und wird ein Zustand der Selbstvergewisserung erreicht, der keinen Raum läßt für selbstquälerische Reflexion. Darüber hinaus fehlt dem flow-Erleben der starre Zeittakt. Denn Zeitgefühl und tatsächlich verstrichene Zeit sind nicht deckungsgleich (ALLMER 1998, 85).

Das Ups-and-downs-Erleben resultiert aus bestimmten Erlebnissequenzen, die sich als „Wechselbad der Gefühle“ beschreiben lassen. Nicht nur das besondere Einzelerlebnis im Handlungsvollzug wird gesucht, sondern die Aufeinanderfolge von spannungsinduzierenden und spannungslösenden Erlebnissen. Es ist also die Mischung aus kontrastreichen Erlebnissen, die den Erlebniswert von Extrem- und Risikoaktionen ausmacht. Besonders intensive Erlebnisse entstehen beispielsweise aus dem Kontrast zum Angsterleben. Für das „ups-and-downs“-Erleben ist von Relevanz, daß sich nicht angenehme und unangenehme Erlebnisse abwechseln, sondern die Einzelerlebnisse integrale Bestandteile der Einzelsequenz sind. D.h., ohne vorherige Anspannung, Aufregung, Angst werden Entspannung, Freude, Glück nicht intensiv erlebt (vgl. ALLMER 1998, 86)

Typisch für das intensive „flow“- und „ups-and-downs“-Erleben ist der ausgeprägte Gegenwartsbezug, Vergangenheit und Zukunft spielen keine Rolle, denn das Zeit- kontinuum wird auf den „schönen und spannenden Augenblick“ verkürzt. Ferner bieten Extreme und riskante Sportaktivitäten die Möglichkeit, das Selbst und die Gewißheit der eigenen Lebendigkeit zu spüren und zu erfahren. Dabei steht nicht der sichtbare Erfolg im Vordergrund, sondern die „Inzenierung von Lebensgefühlen“. Mit der Zentrierung auf das außergewöhnliche Erlebnis und erlebnisintensive Augenblicke ist die Gefahr verbunden, daß aus Angst, etwas verpassen zu können, Erlebnisse in immer kürzerer Aufeinanderfolge gesucht und konsumiert werden. Im Gegensatz zu den menschlichen Bedürfnissen wie Hunger und Durst, die irgendwann gesättigt sind, gibt es beim Erlebnisbedürfnis keinen Sättigungsgrad, da sich Erlebnisse zu einer „Erlebnisspirale“ aufschaukeln können. SCHULZE (In: ALLMER 1998, 87) vertritt die Meinung, daß Erlebnisse nicht sättigen, sondern stimulieren den Appetit auf weitere Erlebnisse. Eine Erhöhung der Erlebnisdosis, der Hunger nach immer mehr Erlebnissen kann in Erlebnissucht münden und zur Abstumpfung der Erlebnisfähigkeit führen. Demnach werden Erlebnisse nicht genußvoll aufgenommen, sondern gierig konsumiert.

Zur Befriedigung des Erlebnishungers kann der einzelne im expandierenden „Erlebnismarkt“ aus dem Vollen schöpfen und zwischen Angeboten wählen, deren Gebrauchswert ausschließlich in ihrem Erlebniswert besteht.(SCHULZE In: ALLMER 1998, 88)

Extrem- und Risikosportarten werden als Erlebnisräume aufgesucht, um den Erlebnismangel der Alltagswirklichkeit auszugleichen und Emotionen freizusetzen, denen in der Alltags- und Berufswelt das sozialvermittelte Gebot der Kontrolle entgegensteht. Letztendlich dient die Suche nach außergewöhnlichen Emotions- zuständen der Wiedergewinnung der individuellen Erlebnisfähigkeit (vgl. ALLMER 1998, 88).

6. Ausblick

Der Begriff „Erlebnis“ hat Konjunktur. Überall hört man von „Erlebnisreisen“,

„Erlebnisschwimmbädern“; eine große Kaufhauskette wirbt mit dem Slogan: „.. das Erlebniskaufhaus.“ Sogar das Rauchen wird schon seit Jahren als das große Erlebnis von „Freiheit und Abenteuer“ verkauft. Und nun entfaltet sich auch noch der „Erlebnisund Abenteuersport“.

Was Erlebnis- und Abenteuersport bedeutet und beinhaltet , soll im Folgenden noch einmal kurz erläutert werden.

Erlebnis- und Abenteuersport beinhaltet das Gefühl von Wagnis und Risiko, das Herantasten an die eigenen Grenzen und intensive Gruppenerfahrungen. Eine Analyse des Handlungsfeldes um Abenteuer, Wagnis und Risiko führt zum Resultat, daß sich mit diesen Erlebnisphänomenen oft spontanes Handeln und optimale Aktivierungswirkungen verbinden, die bedürfnishafte Zuwendungstendenzen des Verhaltens und Handelns auslösen. „Das „Abenteuerbedürfnis“ und die „Risikobereitschaft“ können als Disposition bezeichnet werden, die sich auf das Unsichere, Unbestimmte, nicht vorhersagbare und Gefährliche richten, sofern ein nur individuell zu definierender Anpassungsstandard und Könnensstand nicht überschritten wird.“ (vgl. SCHIEFELE In: SCHLESKE 1977, 150) Abenteuerliche ,wagnishafte und risikoreiche Erfahrungen erweisen sich als „Grenzerfahrungen“, die zugleich als „gesteigertes Leben“ empfunden werden. Dies betreffend begeben sich in Menschen freiwillig in Situationen mit Handlungszwang und Situationsdruck, um sich als kompetent und handlungsfähig zu erleben.

Pädagogische Perspektiven ergeben sich insofern, als die durch die abenteuer-liche Situation ergebenden optimalen Spannungszustände mit Heiterkeit, Wohlbefinden und Lebensfreude verbunden sind und in der spannungsarmen und umfassend „versicherten“ zivilisierten Gesellschaft anregende und „erfrischende“ und damit auch gesundheitsfördernde Funktionen übernehmen können. Dies dürfte u.a. einer der Gründe sein, daß spannende, abenteuerliche und spielerische Betätigungen auf dem Freizeitsektor eine so große Bedeutung erlangt haben.

Wichtige psychologische Funktionen kommen abenteuerlichen und riskanten Erfahrungen zu, da durch einen Kreisprozeß der Ermutigung: Angsterzeugung - effektives Handeln - Angstbewältigung - latente Entwicklungsängste und neurotische Ängste erfolgreich bekämpft werden können. „Das Abenteuerverhalten erweist sich als eine Form des explorativen Verhaltens, bei dem das handelnde Individuum seinen Mut und seine Reaktions- und Handlungsfähigkeit auf die Probe stellt, Verhaltenssicherheit gewinnt und durch die positiven Reaktionen seiner sozialen Umwelt in seiner personalen Identität bestärkt wird.“ (SCHLESKE 1977, 151) Aufgrund der Tatsache, daß sich im Kindes- und Jugendalter in verschiedener Hinsicht das Problem der Angstbewältigung und der Identitätsfindung stellt, verbindet sich mit dem Abenteuerverhalten das Merkmal von Jugendlichkeit und infolge seiner aktivierenden Wirkungen auch die Haltung einer positiven Weltzuwendung.

Der Sport erweist sich als Erlebnis- und Handlungsfeld, auf dem ohne eine übermäßige Gefährdung von Leib und Leben in verschiedener Hinsicht abenteuerliche Erfahrungen möglich werden, z.B. Drehen , Springen, Klettern etc. Durch Unsicherheitsfaktoren, ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen und die Notwendigkeit, Angstzustände handelnd zu bewältigen, nehmen solche Betätigungen den Charakter von Mutproben an. Vergleichbare Handlungsstrukturen haben die zahlreichen Natur- und Risikosportarten. Diese erweisen sich als verfeinerte und technisch perfektionierte Mutproben, bei denen jugendliche Menschen meist unter Anteilnahme einer interessierten Öffentlichkeit durch die erfolgreiche Bemeisterung dosierter Risikosituationen Tugenden wie Mut, Reaktion- und Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Erschließung neuer Risikosportarten wie das Drachenfliegen, Bungee-Jumping und das Free-Climbing usw. zeigen, daß ein großer Bedarf an solchen erlebnisintensiven sportlichen Betätigungen besteht ( vgl. SCHLESKE 1977, 151).

Was den Erziehungsauftrag des Schulsports anbetrifft, so bieten sich durch die Möglichkeiten zu spontaner und freier Bewegung und zu experimentierenden, spielerischen und risikoreichen Betätigungen optimale Bedingungen für Aktivierung, die Auflösung positiver Emotionen und die Anbahnung positiver Einstellungen und Haltungen. Nach SCHLESKE (1977, 153) lassen sich unter der Perspektive einer experimentierenden Prozeßorientierung emotionale Lernziele verwirklichen und überdauernde Sportinteressen anbahnen. Jedoch wird die Sportpädagogik Ergebnisse der Entschulungsdiskussion sowie der Diskussion über „offene Curricula“ aufarbeiten müssen; denn ein nur auf motorische Fertigkeiten und bewertbare Leistungen gerichteter Unterricht kommt der Vermittlung affektiver Lernziele nicht entgegen.

SCHLESKE (1977, 153) ist der Auffassung, daß die Entschulung des Sportunterrichts darin besteht, Einstellung, Haltungen und Inhalte des kindlichen und jugendlichen Lebensraumes in das Unterrichtsgeschehen mit einzubeziehen: vielfältige, kindgemäße Risikosituationen der exponierten Raumerfahrung und der ungewöhnlichen Lokomotion, des spielerischen und explorativen Umgangs mit Medien, Geräten und Patnern und vielen anderen wagemutigen Unternehmungen in der freien Natur; später die Risikosportarten aus dem Freizeitsektor , gesellige Arten des gemeinschaftlichen Umgangs wie beispielsweise Tanzformen und entspannte und heitere Situationen unter kooperativer Ausrichtung, aber auch frei gewählte und möglicherweise selbst organisierter Möglichkeiten einer Grenzerfahrung durch hohe Leistungen und der Selbsterprobung durch Wettkampfsituationen.

Ferner können darüber hinaus die abenteuerlichen, wagnishaften oder risikoreichen Betätigungen des Sportunterrichts einen Erziehungsauftrag von fachübergreifender Bedeutung erfüllen. Denn im Jugendalter, das einer Situation des Übergangs, der Rollenunsicherheit und psychophysischen Umstrukturierung entspricht, lassen sich entwicklungsbedingte Angstpotentiale und Empfindungen des persönlichen Ungenügens erfolgreich und aktiv überwinden. Das Individuum kann durch effektives Handeln in freiwillig eingegangenen angsterzeugenden Situationen mit Handlungszwang vitale Kräfte mobilisieren und in gesteigerter Leistungs- und Handlungsfähigkeit erleben. Von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wird selbst verursachte und selbst gesteuerte Ermutigung als Steigerung der eigenen Existenz angestrebt ( SCHLESKE 1977, 153f.).

Spontanes und selbstgesteuertes Handel im allgemeinen und das freiwillige Aufsuchen von Risiko- und Gefahrensituationen erweisen sich als Aktionen, in denen das engagierte Individuum vor sich selbst, seinen Mitmenschen und im Gegensatz zu den entfremdenden Zwängen eines umfassend versicherten Zeitalters seinen Eigenwert und seine Handlungskompetenz unter Beweis stellt. Damit vermag es ein komplexes Wechselspiel von Persönlichkeitsbildung, Funktionsanregung und emotionaler Befriedigung selbst in Gang zu setzen. Denn die aktive Selbstdarstellung und selbstgesteuerte Konsitution von Persönlichkeit verbinden sich mit bedürfnishaft gewählter Eigenaktivierung und selbst verursachter Ermutigung, die den Wert der Person steigern und ein Klima von emotionaler Sicherheit erzeugen ( vgl. SCHLESKE 1977, 154).

Wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Überwindung der Angst, die durch das Neue, Fremde, Bedrohliche und Riskante erzeugt wird, sind Ermutigung und emotionale Sicherheit. Die Perspektive des Abenteuers eröffnet sich dort, wo diese an sich angsterzeugenden Sicherheitsfaktoren einen Anforderungscharakter für den erforschenden Umgang erhalten und zu einem Anreiz für intensive Erfahrungen, Lernvorgänge und persönlichkeitsbildene Erlebnisse werden. Aufgrund der Tatsache, daß sich Erfahrungen dieser Art in der zivilisierten Gesellschaft nicht mehr oder nur unter existentieller Gefährdung ergeben, gehört es zu den unabdingbaren Voraussetzungen einer humanen Erziehung, solche Erfahrungen im Rahmen der Sporterziehung zu erschließen. „Wenn wir den Kindern und Jugendlichen keine Umwelt schaffen, die ihnen nicht schon äußerlich Umstellung und Wagnis, das Aushalten wie die Überwindung von Unterschieden, die Anstrengung der Sinne, die Wahrnehmung und Durchbrechung von Grenzen zumutet, werden die wichtigsten physischen und psychischen Erfahrungs- motivationen ausfallen.“ (VON HENTIG In: SCHLESKE 1977, 155)

7. Literaturverzeichnis

ALLMER, H.: „No risk - no Fun“ - Zur pädagogischen Erklärung von Extremund Risikosport. In: ALLMER, H./SCHULZ, N. (Hrsg.): Erlebnissport - Erlebnis Sport. Sankt Augustin 1998, 60-90.

HAGEN, U.: Abenteuersport. Duisburg 1993, 3-11.

KÖCK, C.: Sehnsucht Abenteuer. Auf den Spuren der Erlebnisgesellschaft. Berlin 1990.

MICHELS, H.: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben! In: ALLMER, H./SCHULZ, N. (Hrsg.): Erlebnissport - Erlebnis Sport. Sankt Augustin 1998, 46-59.

RITTNER, V.: Sport in der Erlebnisgesellschaft. In: ALLMER, H./SCHULZ, N. (Hrsg.): Erlebnissport - Erlebnis Sport. Sankt Augustin 1998, 28-45.

RÖTHIG, P. (Hrsg.) : Sportwissenschaftliches Lexikon. Schorndorf 1992.

SCHLESKE, W.: Abenteuer- Wagnis- Risiko im Sport. Schorndorf 1977.

SCHULZE, G.: Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/M. 1992.

UNDEUTSCH, U.: Psychologische Bedingungen der Risikoakzeptanz. Saarbrücken 1988.

WOPP, Chr.: Auf der Suche nach einem zeitgemäßen Profil - erlebnisorientierte Leichtathletik. In: ALLMER, H./SCHULZ, N. (Hrsg.): Erlebnissport - Erlebnis Sport. Sankt Augustin 1998, 149-158.

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Details

Titel
Erlebnis Abenteuer, Risiko im Sport
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Erlebnisgesellschaft - Erlebnissport - Erlebnispädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
51
Katalognummer
V103409
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnis, Abenteuer, Risiko, Sport, Erlebnisgesellschaft, Erlebnissport, Erlebnispädagogik
Arbeit zitieren
Lily Klemstein (Autor), 1999, Erlebnis Abenteuer, Risiko im Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103409

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