Zum Umgang mit dem Fremden im interkulturellen Fremdsprachenunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
16 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht

3. Konzepte für die Vermittlung von Landeskunde
3.1. Was ist Landeskunde?
3.2. Der kognitive Ansatz
3.3. Der kommunikative Ansatz
3.4. Der interkulturelle Ansatz

4. Zur Begriffsbestimmung des Fremden oder ´Fremd ist der Fremde nur in der Fremde´

5. Die Wahrnehmung der ´fremden Welt´

6. Fähigkeiten beim Umgang mit dem Fremden
6.1. Rollendistanz
6.2. Empathie
6.3. Ambiguitätstoleranz

7. Die Begegnung mit der ´fremden Welt´ im fremdsprachlichen Landeskundeunterricht

8. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Kommunikation sind mittlerweile zu zentralen Schlagwörtern für die Gestaltung schulischen Unterrichts geworden. Auch wenn es sich beim Interkulturellen Lernen um eine allgemeine Form des sozialen Lernens handelt, die auch in Schulfächern wie Sozialkunde, Ethik oder Deutsch etabliert werden könnte, scheint sie gerade für den Fremdsprachenunterricht von besonderer Bedeutung zu sein. Worin könnten die Gründe dafür liegen?

Das Erlernen einer fremden Sprache stellt für den Lernenden gleichzeitig auch immer eine Begegnung mit einer neuen, fremden Welt dar. Diese Begegnung findet sowohl auf sprachlicher als auch auf landeskundlicher Ebene statt. In der Diskussion darüber, wie die Lernenden an die fremde Welt herangeführt werden können, haben sich im Lauf der Zeit verschiedene Konzepte entwickelt.

Konzentrierte man sich zunächst auf die Vermittlung von landeskundlichen Informationen wie beispielsweise Lebensbedingungen, geographischen und historischen Voraussetzungen, gesellschaftlichen Normen und politischen Strukturen der Zielkultur, trat in den letzten Jahren zunehmend das Lernziel der Entwicklung einer Interkulturellen Kompetenz in den Vordergrund. Diese Interkulturelle Kompetenz besteht in der Fähigkeit zum bewussten Umgang mit Fremdheit, wobei die hier gemeinte Fremdheit auf das Aufeinandertreffen von eigener und fremder Kultur zurückzuführen ist. Der Umgang mit kulturellen Unterschieden schließt Eigenschaften wie Aufgeschlossenheit, Kommunikationsbereitschaft, Kritik- und Konfliktfähigkeit, Toleranz und Empathie mit ein. Wie bereits festgestellt können solche Eigenschaften auch in anderen Unterrichtsfächern gefördert und erworben werden. Da im Fremdsprachenunterricht jedoch ohnehin andere, fremde Kulturen im Mittelpunkt stehen, scheint Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht und innerhalb dessen besonders im Landeskundeunterricht doch einen besonderen Stellenwert zu haben.

Welchen Platz Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht tatsächlich einnehmen kann, und wie es sich von den herkömmlichen Konzepten der Landeskundevermittlung abhebt, soll im folgenden geklärt werden. Des Weiteren soll darauf eingegangen werden, welche Fähigkeiten beim Umgang mit dem sogenannten Fremden von grundlegender Bedeutung sind.

2. Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht

Interkulturelles Lernen soll, wie bereits angedeutet, in möglichst allen Lernbereichen und Unterrichtsfächern, vor allem aber auch in den Fremdsprachen-unterricht integriert werden. So heißt es beispielsweise im Thüringer Lehrplan für das Gymnasium im Fach Englisch, dass das „Schaffen von Anlässen und Gelegenheiten zu interkulturellem Lernen […] eine wesentliche Orientierung für die Unterrichtsgestaltung darstellen sollte“.[1] Bevor man nun darüber sprechen kann, auf welche Art und Weise diese Integration stattfinden könnte, muss zunächst geklärt werden, was der Begriff interkulturell eigentlich bedeutet. Claus Gnutzmann weist in seinem Artikel „Interkulturelles Lernen: Auch noch im Fremdsprachen-unterricht?“ darauf hin, dass der Begriff interkulturell in sehr unterschiedlichen Kontexten gebraucht wird, und ein einheitliches Verständnis bisher nicht erreicht werden konnte.[2] Als Vermittlungskontexte für interkulturelles Lernen nennt er in diesem Zusammenhang:

- multikulturell zusammengesetzte Schulklassen als Unterrichtsmethode zur Bewusstmachung
unterschiedlicher kultureller Identitäten und deren Manifestationen
- sozialkundliche Fächer zur Realisierung von Lernzielen wie Völkerverständigung oder Toleranz gegenüber ethnischen, religiösen und sozialen Minderheiten
- entwicklungspolitische Bildungsarbeit bei Erwachsenen zum Abbau von kulturbedingten Kommunikationsbarrieren zwischen Individuen und Gruppen aus Industrie- und Entwicklungsländern mit dem Ziel ´Kulturmündigkeit´ zu lehren
- zum besseren Verstehen der Zielsprachenkultur und der Ausgangssprachenkultur (´cultural awareness´) im Fremdsprachenunterricht[3]

Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes grenzt Gnutzmann die Begriffe multikulturell und interkulturell voneinander ab. Während multikulturell seiner Ansicht nach mehr auf die Zusammensetzung einer Gruppe, Gesellschaft, Stadt, Schule etc. verweist, wird der Begriff interkulturell in Bezug auf einen Vorgang bzw. Prozess verwendet. Interkulturelles Lernen als eine Form des sozialen Lernens entsteht „[…] in interkulturellen Situationen, in denen Schüler sich als Fremde in einer für sie fremden Situation oder Kultur zurechtfinden müssen. […] Insofern

kann interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht als individueller und sozialer, kognitives und affektives Lernen umfassender Lernprozess verstanden werden […]“.[4] Die Schülerinnen sollen also eine allgemeine interkulturelle Kompetenz erwerben. Eine solche Kompetenz schließt die Fähigkeit und Bereitschaft, eigene Verhaltensmuster, Einstellungen und Vorurteile zu überprüfen, und gegebenenfalls zu verändern mit ein. Reinhold Freudenstein formuliert dieses Anliegen in seinem Aufsatz „Alles interkulturell - oder was“ wie folgt:

[…] beim interkulturellen Lernen kommt es weniger darauf an zu erkennen, was in England, Amerika […] anders ist oder abläuft als bei uns, sondern darauf, welche Rückschlüsse, Folgerungen und Einsichten aus der Begegnung mit anderen Kulturen die Lernenden erfahren sollen, um daraus bewusstseinsverändernde Rückschlüsse für ihr eigenes Verhalten ableiten zu können.[5]

Gnutzmann warnt jedoch auch davor, den Erwerb einer allgemeinen interkulturellen Kompetenz zu sehr ins Zentrum des Fremdsprachenunterrichts zu rücken, und das Lernen der Fremdsprache an sich zu vernachlässigen. „Eine Überbetonung der interkulturellen Dimension des Lernens im konventionellen Fremdsprachenunterricht kann zu einer Vernachlässigung der spezifischen Aufgaben des Fremdsprachenunterrichts führen [...].“[6]

3. Konzepte für die Vermittlung von Landeskunde

3.1. Was ist Landeskunde?

Landeskundeunterricht soll dazu beitragen, dem Lernenden die Wirklichkeit des Zielsprachenlandes näher zu bringen. Wirklichkeit meint dabei die Gesamtheit der politischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten, die für die Produktion und Rezeption sprachlicher Äußerungen maßgeblich sind. Im Laufe der Entwicklung landeskundedidaktischer Konzeptionen war man immer wieder mit

den folgenden grundsätzlichen Fragen konfrontiert, die die Rolle der Landes-kunde im Fremdsprachenunterricht betreffen:

- In welchem Verhältnis stehen Sprachvermittlung und Landeskundevermittlung?
- Ist die Landeskunde ein eigenständiger Gegenstandsbereich, oder hat sie dienende

Funktion für den Spracherwerb?

- Wird Landeskunde im Fremdsprachenunterricht explizit vermittelt, oder ist sie ein

impliziter Teil der Vermittlung von Sprachsystemen und Fertigkeiten?

- Wie wird das Wissen über die fremde Welt strukturiert?
- Welche Wissensgebiete sollen hervorgehoben werden?
- Welche Rolle spielen eigensoziokulturell geprägte Wahrnehmungsmuster bei dem

Erfassen, der Kategorisierung und Bewertung der Phänomene der fremden Welt?

- Wie ist das Verhältnis zum Zielsprachenland? Ist es freundlich, neutral, feindlich?[7]

Je nachdem wie man diese Fragen beantwortet, haben sich im Wesentlichen die drei folgenden Ansätze für die Vermittlung von Landeskunde herausgebildet:

1. kognitiver Ansatz
2. kommunikativer Ansatz
3. interkultureller Ansatz[8]

3.2. Der kognitive Ansatz

Das übergeordnete Ziel des kognitiven Ansatzes besteht darin, beim Lernenden systematische Kenntnisse über Kultur und Gesellschaft der Zielkultur aufzubauen. Die Lerninhalte leiten sich aus den jeweiligen Bezugswissenschaften wie Soziologie, Politologie, Geschichte, Geographie oder Literaturwissenschaft ab.

Anspruch eines solchen Unterrichtes ist es, die Zielkultur möglichst in ihrer Gesamtheit zu erfassen und dem Lernenden ein Landesbild zu vermitteln. Landeskundliches Lernen ist in diesem Ansatz dem fremdsprachlichen Lernen meist nachgeordnet, kann sogar als eigenes Fach beziehungsweise als eigene Unterrichtseinheit angesehen werden.[9]

[...]


[1] Lehrplan für das Gymnasium – Englisch. (1999) Hrsg. Thüringer Kultusministerium. S. 7.

[2] Gnutzmann, Claus: „Interkulturelles Lernen: Auch noch im Fremdsprachenunterricht?“. In: Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht. Hrsg. Wolfgang Börner und Klaus Vogel. Bochum: AKS-Verlag 1999. S.65

[3] Ebd. S. 65f.

[4] Gnutzmann: „Interkulturelles Lernen: Auch noch im Fremdsprachenunterricht?“ S. 66.

[5] Freudenstein, Reinhold: „Alles interkulturell – oder was?“ In: Interkulturelles Lernen im Fremdsprachen- unterricht. Hrsg. Wofgang Börner und Klaus Vogel. Bochum: AKS-Verlag 1999. S. 58.

[6] Gnutzmann: „Interkulturelles Lernen: Auch noch im Fremdsprachenunterricht?“ S. 67.

[7] Vgl. Neuner, Gerhard: „Fremde Welt und eigene Wahrnehmung. Konzepte von Landeskunde im fremdsprach- lichen Deutschunterricht“. In: Kasseler Werkstattberichte zur Didaktik „Deutsch als Zweit- und Fremdsprache“ Heft 3 (1995). S. 16.

[8] Vgl. Pauldrach, Andreas: „Eine unendliche Geschichte“. Anmerkungen zur Situation der Landeskunde in den 90er Jahren“. In: Fremdsprache Deutsch., Zeitschrift für die Praxis des Deutschunterrichts Heft 6 (1992). S.6.

[9] Vgl. Ebd. S. 6f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zum Umgang mit dem Fremden im interkulturellen Fremdsprachenunterricht
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Anglistik/Amerikanistik)
Veranstaltung
HpS Interkulturelles Lernen im Englischunterricht
Note
2.3
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V10343
ISBN (eBook)
9783638167932
ISBN (Buch)
9783638757348
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit geht es im Wesentlichen um den Begriff des Interkulturellen Lernens. In Zusammenhang damit werden die verschiedenen Konzepte des fremdsprachlichen Landeskundeunterrichts untersucht. Schließlich wird darauf eingegangen, inwieweit das Fremde einer Kultur im schulischen Unterricht vermittelt werden kann.
Schlagworte
Umgang, Fremden, Fremdsprachenunterricht, Interkulturelles, Lernen, Englischunterricht
Arbeit zitieren
Hendrikje Schulze (Autor), 2001, Zum Umgang mit dem Fremden im interkulturellen Fremdsprachenunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10343

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