Stefan George und der Algabal-Zyklus - Eine Beispielanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung
1. Thema und Fragestellung
2. Forschungsdiskussion

II. Analyse: „Wenn um der zinnen kupferglühe hauben“
1. Situierung der Gedichthandlung – Ort, Zeit und Figuration
2. Exkurs: Das historische Vorbild „Heliogabal“
3. Ritualisierte Zeit
4. Ritualisierter Raum
5. Erster Deutungsversuch – Algabal: Priester oder Gott?
6. Der Tod als ästhetisches Ereignis
7. Rettung durch Deutung
8. Fazit

III. Ausblick
1. Ästhetischer Fundamentalismus?
2. Die Widmung als Grenze zwischen Fiktion und Realität
3. Krise der Ästhetik
4. Abschließendes

IV. Anhang – Gedichttext „Wenn um der zinnen kupferglühe hauben“

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Thema und Fragestellung

Noch vor dreißig Jahren, will man der damaligen Einschätzung von Manfred Durzak glauben schenken[1], war der Kampf um den Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur für die Gedichte Stefan Georges unentschieden. Dieses Bild scheint sich heute gewandelt zu haben. Die Lektüre der George-Gedichte hat ihren Platz im Deutschunterricht erhalten, die Verlage bieten Auswahlsammlungen der Gedichte an, in zahlreichen Anthologien sind sie ebenfalls enthalten und einschlägige ‚Leselisten’ geben Hinweise auf einzelne Bände.

Bei genauerer Betrachtung der ausgewählten Gedichte ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Deutlich überrepräsentiert sind die Gedichte, die in scheinbarer Tradition an die „deutsche Innerlichkeitslyrik und Natursymbolik“[2] anknüpfen[3], insbesondere die Gedichte der Zyklen „Das Jahr der Seele“ (1. öffentliche Auflage 1897, Neuauflage 1904) und der „Teppich des Lebens“ (1. öffentl. Auflage 1900, Neuauflage 1904). Dies korrespondiert mit den Veröffentlichungserfolgen zu Georges Zeiten, denn aus den ansonsten sehr niedrigen Auflagezahlen ragten eben diese Bände deutlich heraus. Hinzu kommt, dass zahlreiche Gedichte aus ihrem ursprünglichen zyklischen Zusammenhang isoliert werden und sich dadurch ganz neue, häufig unverfängliche und reduzierte Deutungsmöglichkeiten ergeben. Es scheint also, als sei ein kleiner Teil der Gedichte Georges kanonisiert worden, während der übrige Teil im öffentlichen ‚Leseraum’ kaum wahrgenommen wird. Hier läßt sich auch die 1974 von Durzak getroffene Aussage einordnen: „Sein Lied (Georges, d.Verf.) ist für die Gegenwart verstummt. [...] Das kunstvoll errichtete Monument seiner sieben Gedichtbände ist zusammengebrochen“[4].

Der erwähnte übrige Teil jedoch beschäftigt im verstärkten Maße den fachwissenschaftlichen Diskurs[5]. Die eigentümliche Mischung aus ‚archaischem’ Stil, Mythisierung, Antimodernismus, Elementen der Gewalt und sublimer Sexualität bot und bietet Freiraum für diverse Fragestellungen, aber auch für ideologische Grabenkämpfe. Bestes Beispiel hierfür stellt der 1892 entstandende Gedichtzyklus „Algabal“ dar, von dem Jens Malte Fischer behauptet, es sei Georges „meistinterpretiertes Werk“[6]. Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesem Werk, indem ein zentrales Gedicht herausgegriffen und exemplarisch analysiert werden soll. Die Auswahl fiel auf das erste Gedicht des Mittelteils „Tage“[7], das zwar bisher kaum in Einzelinterpretationen Beachtung fand, jedoch eine zentrale Stellung im Zyklus’ einnimmt[8].

Natürlich steht auch diese Arbeit nicht außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses, deshalb muss hier Erwähnung finden, dass die Lektüre von Stefan Breuer: „Ästhetischer Fundamentalismus“[9] Ausgangspunkt für diese Untersuchung war. Breuer versucht, außerhalb der bestehenden literaturwissenschaftlichen Kategorisierungsbemühungen ein eher soziologisch geleitetes Verständnis für die „antimodernistische“ George-Literatur zu entwickeln. Aus diesem Ansatz ergeben sich auch die Fragestellungen, die der Analyse des vorliegenden Gedichtes und damit dieser Untersuchung zu Grunde liegen: Welches Menschenbild wird in diesem Gedicht transportiert? Welche Bedeutung spielt dabei die Kunst und die Ästhetisierung der Natur? Wie wird die Lebbarkeit eines derartigen Konzeptes im Gedicht selbst thematisiert?

Methodischer Schwerpunkt liegt auf der Anwendung der Kategorien der Erzähltheorie[10], die erst in den letzten Jahren verstärkt Einzug in die Lyrikanalyse gefunden haben. Die Ergebnisse dieses ersten, sehr konkreten textnahen Schrittes sollen in einem zweiten, nur skizzierten Arbeitsgang an der Folie des Konzeptes „Ästhetischer Fundamentalismus“ ausgewertet werden. Hierfür ist es notwendig, eine Neuverortung des Gedichtes im Gesamtzyklus zu vollziehen.

2. Forschungsdiskussion

Die ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über den „Algabalzyklus“ stammen kurioserweise von den ‚Jüngern’ des George-Kreises selbst. Da die Genese des „Algabal“ in der Vorzeit des Kreises liegt, wohnt allerdings den meisten Darstellungen die Tendenz der Stilisierung inne – sie versuchen dies frühe Werk auf den späten, ihnen bekannten, George hin zu interpretieren[11]. Desweiteren artikuliert sich eine grundsätzliche Abneigung gegenüber objektivierten Interpretationsansätzen. Erstaunliches Beispiel hierfür ist die noch 1971 erschienene Untersuchung von Victor A. Schmitz über die „Bilder und Motive in der Dichtung Stefan Georges“[12]. So heißt es dort zu Beginn des Vorworts: „Dieses Buch ist ein Bekenntnis, keine kritische Untersuchung“[13]. Auf diesen Teil der Forschungsliteratur soll im Folgenden nicht zurückgegriffen werden. Ausnahme bildet einzig der Werkkommentar von Ernst Morwitz[14], der zwar auch aus dem Umfeld des Georgekreises stammt, jedoch in eher positivistischer Manier historische Kommentare und philologische Hinweise zusammengetragen hat und so hilfreich zur Kontextsicherung beiträgt.

Desweiteren gibt es zahlreiche Beiträge, die Teilaspekte untersuchen (so z.B. das Selbstverständnis der Kunst in den Gedichten[15], die kultischen Elemente[16], das dialogisches Sprechen[17]) oder einzelne literarische Traditionslinien als besonders zutreffend nachweisen wollen (insb: Symbolismus[18], Dekadenz[19], Ästhetizismus[20]).

Seit Mitte der sechziger Jahre allerdings mehren sich die wissenschaftlichen Arbeiten, die der Reduzierung der georgeschen Gedichte auf die Elemente Ästhetik und Form (l’art pour l’art) skeptisch gegenüberstehen. Alternativ werden Fragen nach antimodernistischen, zivilisationskritischen Elementen laut, also die Frage nach der „Politik des Unpolitischen“[21]. Auch das oben schon erwähnte Werk von Stefan Breuer steht in dieser Tradition. Mit Ausnahme von Durzak verbindet sie allerdings das Problem, dass sie die Grenzen zwischen dem Autor Stefan George und seinen lyrischen Texten unreflektiert verwischen lassen. Insbesondere Stefan Breuer entwickelt zu leichtfertig Kausalverbindungen zwischen den Gedichten des Kreises und Georges Biographie. So klingt es fast entschuldigend, wenn er konstatiert: „Für eine Auswertung der rein literarischen Texte [...] fehlte mir die literaturwissenschaftliche Kompetenz...“[22]. Dies zeigt, wie wichtig Textanalyse auch für diskursive Methoden ist, und unterstützt den gewählten Arbeitsansatz dieser Untersuchung.

II. Analyse – „Wenn um der zinnen kupferglühe hauben...“

1. Situierung der Gedichthandlung – Ort, Zeit und Figuration

Im Folgenden soll zunächst der Beginn des Gedichtes näher betrachtet werden, da durch ihn der Rahmen für mögliche Rezeptionsvarianten konstituiert wird. So vollzieht sich schon in der ersten Strophe die Situierung des Ortes und der Zeit der Handlung.[23]

Die „zinnen“ (1) und „hauben“ (1) signalisieren komplexe architektonische Strukturen, konnotieren aber gleichzeitig Wehrhaftigkeit und sakralen Charakter[24]. Deutet man die

„giebel“ (2) als ziviles Element, entsteht der Gesamteindruck eines Gebäudekomplexes mit allumfassendem Funktionsanspruch. Dieser bildet den Rahmen, gleichsam die Kulisse der Handlung, denn nun verengt sich der Focus: „ in höfen von basalt“ (3) vollzieht sich scheinbar das Leben dieser Welt. Verbunden mit der Erwähnung des „kaisers“ (4) wird also der Eindruck einer hermetisch geschlossenen, autarken Palastwelt geweckt.

Die Zeit der Handlung setzt in den frühen Morgenstunden ein: „Um alle giebel erst die Sonne wallt/ Und Kühlung noch in höfen von basalt“ (2,3). Während die kupferbedeckten Dächer schon vor Hitze ‚glühen’ und die Luft durch die Sonne in ‚Wallung’ geraten ist, herrscht in den Höfen noch die Kühle der Nacht.

Das Auftreten eines „kaisers“ (4) und später eines Sklaven weist auf den antiken römischen Kulturkreis hin, in dessen Rahmen also die Handlung eingebettet ist. Die Kleidung des Kaisers, die in der zweiten Strophe genau beschrieben wird, unterstreicht zwar das antikisierende Ambiente, verweist allerdings auf weitere Kulturkreise. So unterscheidet sich das „kleid aus blauer Serer-seide“ (5) deutlich von der im tatsächlichen Rom üblichen Toga aus Leinen und deutet auf eine Herkunft aus China hin.[25] Die „sardern“ (6) verweisen ethymologisch auf ‚Sardes’, die Hauptstadt von Lydien[26], auch der später erscheinende „Lyder“ (11) scheint dementsprechend aus Persien zu stammen. Die Welt des Gedichts ist also einerseits eine europäisch-römische Welt (‚Kaiser’), sie wird aber im hohen Maße mit dem asiatischen Kulturkreis verknüpft (Lydien, China).

Der Titel des Gedichtzyklus „Algabal“ ist als eine Art ‚Paratext’ Bestandtteil des Gedichtes und gibt somit dem Kaiser einen Namen. „Algabal“ ist angelehnt an den Namen eines realen römischen Kaisers: „Heliogabal“. Insgesamt lassen sich also deutliche historische Anknüpfungspunkte erkennen, die über die Welt des Gedichts hinausweisen und eine diesbezügliche Kontextsicherung notwendig machen.

[...]


[1] Durzak, Manfred: Der junge Stefan George, München 1968, S.7.

[2] Lehnert, Herbert: Geschichte der deutschen Literatur vom Jugendstil zum Expressionismus, Stuttgart 1978, S.233.

[3] so z.B. „Komm in den totgesagten...“, „Meine weissen ara..“ oder „Wir schreiten auf und ab im reichen flitter“

[4] Durzak, Manfred: Zwischen Symbolismus und Expressionismus – Stefan George, Stuttgart 1974, S.7.

[5] Auf die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung soll hier nur am Rande hingewiesen werden.

[6] Fischer, Jens Malte: Fin de siècle - Kommentar zu einer Epoche, München 1978, S.125.

[7] „Wenn um der zinnen kupferglühe hauben...“ – Gedichttext im Anhang

[8] Dies gilt es u.a. nachzuweisen.

[9] Breuer, Stefan: Ästhetischer Fundamentalismus - Stefan George und der deutsche Antimodernismus, Darmstadt 1995.

[10] insbesondere Genette, Gerard: Die Erzählung, 2.Aufl., München 1998.

[11] Vgl. Durzak: George, S.168f.

[12] Schmitz, Victor A.: Bilder und Motive in der Dichtung Stefan Georges, Düsseldorf 1971.

[13] Ebenda, S.9.

[14] Morwitz, Ernst: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges, 2.Aufl., Düsseldorf 1969.

[15] Klussmann, Paul Gerhard: Stefan George - Zum Selbstverständnis der Kunst und des Dichters in der Moderne, Bonn 1961.

[16] Linke, Hansjürgen: Das kultische in der Dichtung Stefan Georges und seiner Schule, Düsseldorf 1960.

[17] Wertheimer, Jürgen: Dialogisches Sprechen im Werk Stefan Georges, München 1978.

[18] Heftrich, Eckhard: Stefan George, Frankfurt a.M. 1968.

[19] U.a. Rasch, Wolfdietrich: Die literarische Décadence um 1900, München 1986.

[20] David, Claude: Stefan George – sein dichterisches Werk, München 1967.

[21] Landfried, Klaus: Stefan George – Politik des Unpolitischen, Heidelberg 1975./ Durzak: George./ Strodthoff, Werner: Stefan George – Zivilisationskritik und Eskapismus, Bonn 1976.

[22] Breuer, S.6.

[23] Im Folgenden wird hinter allen Gedichtzitaten in einer Klammer die Nummer der Verszeile angegeben. Diese korrespondiert mit der Numerierung im Anhang.

[24] Diesen Gedanken verdanke ich Prof. H.Matsuo, dessen noch unveröffentlichtes Manuskript zu diesem Thema mir vorliegt.

[25] Morwitz, S.48.

[26] Vgl. H.Matsuo.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Stefan George und der Algabal-Zyklus - Eine Beispielanalyse
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanisches Institut)
Veranstaltung
HS Kulturtypen um 1900
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V10344
ISBN (eBook)
9783638167949
ISBN (Buch)
9783640393329
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stefan, George, Algabal-Zyklus, Eine, Beispielanalyse, Kulturtypen
Arbeit zitieren
Stephan Bliemel (Autor), 2001, Stefan George und der Algabal-Zyklus - Eine Beispielanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10344

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