Der Soziologe Erving Goffman ist bekannt für seine Beobachterperspektive und analytische Betrachtungsweis. Er zählt zu den soziologischen Klassikern, obwohl er keine Theorie entwickelte. Zwar wird im Folgenden die Rede von Goffmans Rollentheorie sein, jedoch kann diese nicht im herkömmlichen Sinne als Theorie aufgefasst werden, da sie sich zu einem großen Teil auf empirische Beobachtungen stützt. Da er auf die manipulativen Seiten von Interaktionen aufmerksam machte, schuf er einen theoretischen Gegenpol zu den vorherrschenden Theorien seiner Zeit. Goffmans Werke lösten ein großes Interesse aus, was sich daran zeigte, dass seine Werke immer wieder neu aufgelegt wurden, sogar in vielen verschiedenen Sprachen.
„The Presentation of Self in Everyday Life" ist das einflussreichste Buch der modernen Soziologie und das meist gelesene Werk Goffmans. Deshalb werde ich mich in dem Kapitel über Goffmans Rollentheorie hauptsächlich mit dem Inhalt dieses Werkes befassen, wobei ich die deutsche Übersetzung dieses Buches zugrunde lege. Daneben wird auch ein Kapitel aus Goffmans Werk „Interaktionsrituale“ behandelt.
Die Theorie des homo sociologicus ist das einflussreichste rollentheoretische Werk in Deutschland. Deshalb werde ich dieses mit Goffmans Rollentheorie vergleichen. Zunächst werden beide Theorien ausführlich dargestellt und mit anschaulichen Beispielen erläutert, um im Anschluss zentrale Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen.
Dahrendorfs strukturtheoretische Rollentheorie entfachte eine umfangreiche soziologische Diskussion über das Menschenbild des homo sociologicus, die die Rollentheorie allerdings nicht weiterbrachte, da es nicht Dahrendorfs Absicht war, mit dem Modell des homo sociologicus empirische Annahmen aufzustellen. Aus diesem Grund werde ich mich nicht mit diesen Debatten befassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Allgemeine Informationen und Relevanz der ausgewählten Rollentheorien
2. Interaktionistische Rollentheorie nach Goffman
2.1 Darstellungen
2.2 Eindrucksmanipulation
2.3 Interaktionsrituale
3. Strukturtheoretische Rollentheorie nach Dahrendorf
3.1 Homo Sociologicus
3.2 Soziale Rolle
3.3 Position und Positionsfeld
3.4 Erwartungsarten
3.5 Bezugsgruppen
4. Gemeinsamkeiten der Rollentheorien nach Goffman und Dahrendorf
4.1 Begriff der Rolle
4.2 Die Bedeutung von Erwartungen
4.3 Vorhandensein von Handlungsspielräumen
4.4 Anwendung des Theater-Modells
5. Unterschiede der Rollentheorien nach Goffman und Dahrendorf
5.1 Deskriptives und erklärendes Modell
6. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit vergleicht die interaktionistische Rollentheorie nach Erving Goffman mit der strukturtheoretischen Rollentheorie von Ralf Dahrendorf. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die theoretischen Ansätze beider Autoren fundiert darzustellen, ihre Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herauszuarbeiten und die grundlegende Differenz zwischen deskriptiver Beobachtung und erklärender Modellbildung aufzuzeigen.
- Grundlagen der Rollentheorie nach Erving Goffman (Selbstdarstellung, Eindrucksmanipulation, Interaktionsrituale)
- Die strukturtheoretische Perspektive des "Homo Sociologicus" nach Ralf Dahrendorf
- Analyse der Gemeinsamkeiten bezüglich des Rollenbegriffs und der Theater-Metaphorik
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen wissenschaftlichen Intentionen (Beschreiben vs. Erklären)
Auszug aus dem Buch
2.1 Darstellungen
Die Darstellung nimmt eine zentrale Rolle in Goffmans Theorie ein. Er bezeichnet die Darstellung als „Gesamtverhalten[...] eines Einzelnen [...], das er in Gegenwart einer bestimmten Gruppe von Zuschauern zeigt und das Einfluß auf diese Zuschauer hat." (Goffman 2010: 23). Bei der Darstellung wird Informationskontrolle betrieben (vgl. Jacobsen 2010: 260). Es wird also nur das dargestellt, was die jeweilige Person darstellen will und bestimmte Informationen werden verborgen.
Goffman spricht in diesem Zusammenhang auch davon, dass Menschen eine Rolle spielen (vgl. Goffman 2010: 18). Diese wird definiert als „vorherbestimmte[s] Handlungsmuster“ (Goffman 2010: 18), das vor Zuschauern präsentiert wird (vgl. Goffman 2010: 18). Eine Darstellung wird nur vor Zuschauern aufgeführt, also nur auf der sogenannten Vorderbühne. Eine Vorderbühne bezeichnet einen Ort, an dem eine Darstellung vor Zuschauern dargeboten wird (vgl. Goffman 2010: 100). Die Hinterbühne ist nach Goffman „der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewußt und selbstverständlich widerlegt wird.“ (Goffman 2010: 104).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Allgemeine Informationen und Relevanz der ausgewählten Rollentheorien: Einführung in die Bedeutung Goffmans und Dahrendorfs als soziologische Klassiker sowie Definition des methodischen Vorgehens des Theorienvergleichs.
2. Interaktionistische Rollentheorie nach Goffman: Detaillierte Erläuterung von Goffmans dramaturgischem Ansatz, insbesondere der Konzepte von Selbstdarstellung, Bühnenmetaphorik, Eindrucksmanagement und ritueller Interaktion.
3. Strukturtheoretische Rollentheorie nach Dahrendorf: Vorstellung von Dahrendorfs Modell des Homo Sociologicus sowie der zentralen Begriffe soziale Rolle, Position, Positionsfeld und Erwartungsarten.
4. Gemeinsamkeiten der Rollentheorien nach Goffman und Dahrendorf: Synthese der verbindenden Elemente beider Theorien, wie die Verwendung des Rollenbegriffs, die Bedeutung gesellschaftlicher Erwartungen und das Theater-Modell.
5. Unterschiede der Rollentheorien nach Goffman und Dahrendorf: Analyse der grundlegenden Divergenz zwischen dem primär deskriptiven, beobachtenden Ansatz Goffmans und dem erklärenden, strukturtheoretischen Ansatz Dahrendorfs.
6. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse: Synthese der Arbeit, die betont, dass trotz einiger Schnittstellen die unterschiedlichen theoretischen Absichten zu grundlegend verschiedenen Erkenntnissen führen.
Schlüsselwörter
Rollentheorie, Erving Goffman, Ralf Dahrendorf, Soziologie, Homo Sociologicus, Selbstdarstellung, Interaktionsrituale, soziale Rolle, Position, Erwartungen, Eindrucksmanipulation, Theater-Modell, Strukturtheorie, Interaktionismus, Handlungstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einem systematischen Vergleich zweier maßgeblicher soziologischer Theorien über soziale Rollen: dem interaktionistischen Ansatz von Erving Goffman und der strukturtheoretischen Perspektive von Ralf Dahrendorf.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Konzepte der Selbstdarstellung auf der Bühne des Alltags, die Mechanismen der Eindruckskontrolle sowie die Definition des Individuums durch gesellschaftliche Erwartungen und Positionen.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Untersuchung?
Ziel ist es, die Konzepte beider Soziologen detailliert gegenüberzustellen, um Gemeinsamkeiten in der Begriffsverwendung sowie tiefgreifende Unterschiede in der theoretischen Zielsetzung (Beschreibung versus Erklärung) aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der die Originalwerke der beiden Autoren herangezogen werden, um deren Argumentationsstrukturen zu extrahieren und kritisch zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ausführliche Darstellung der Einzeltheorien, gefolgt von einer Analyse, die insbesondere auf das Theater-Modell, den Begriff der Rolle und die Bedeutung von Sanktionen und Erwartungen eingeht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Rollentheorie, Selbstdarstellung, Homo Sociologicus, Interaktionsrituale, Eindrucksmanipulation und das Theater-Modell.
Warum betont Goffman die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hinterbühne?
Die Unterscheidung dient dazu, zu verdeutlichen, dass Individuen ihr Verhalten je nach Anwesenheit eines Publikums anpassen und die Hinterbühne als Schutzraum dient, in dem die auf der Vorderbühne mühsam aufrechterhaltene Fassade entlarvt werden kann.
Wie unterscheidet Dahrendorf verschiedene Arten von Erwartungen?
Dahrendorf differenziert zwischen Muss-Erwartungen, Soll-Erwartungen und Kann-Erwartungen, wobei er sich primär auf die unterschiedliche Verbindlichkeit und die damit verknüpften Sanktionen bei Nichteinhaltung bezieht.
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- Anonym (Autor:in), 2013, Vergleich der interaktionistischen Rollentheorie Goffmans mit der strukturtheoretischen Rollentheorie Dahrendorfs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1034434