Politische Theorien und Rechtfertigungen während des niederländischen Aufstands 1560-1590


Ausarbeitung, 2001

4 Seiten


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Politische Theorien und Rechtfertigungen des niederländischen Aufstands

Das folgende Referat versucht auszughaft einige Argumente und Theorien des niederländischen Aufstands und deren Entwicklung im Verlauf der Revolte gegen den spanischen König darzustel- len.

1. Frühe Proteste

Die ersten Proteste gegen die Politik Philipps II. begannen in den 1560er Jahren. Grund für zahlreiche Petitionen und Protes- te war die Einführung der Inquisition in den Niederlanden. Die Verfolgung der Reformation solle aufhören, so argumentierten die Protestierenden, weil sie direkt gegen alte Rechte, Ge- wohnheiten und Privilegien verstoße. Diese Privilegien ließen sich die Niederländischen Provinzen garantieren bevor sie ei- nen Eid auf den Herrscher schwörten. Als herausragendes Bei- spiel hierfür wird von den Protestierenden immer wieder expli- zit auf die bedeutungsvolle „Joyous Entry“ von Brabant verwie- sen. In dieser befindet sich unter anderem einen Artikel, der dem Klerus verbietet Recht zu sprechen. Diesen sehen die Auf- ständischen, mit Hinblick auf die Rechte der Inquisitoren, verletzt. Die Argumentation geht sogar soweit, dass durch die Inquisition angeblich nicht nur die Macht der öffentlichen lo- kalen Autoritäten reduziert würde, sondern sogar indirekt die Macht des Königs. Diesen, sozusagen freiwilligen, Machtverlust müssten aber, zumindest in Brabant, die Stände zustimmen. So forderten sie eine Einberufung der Generalstände, damit diese sich mit der Religionspolitik des Königs auseinandersetzen konnten. Allerdings nahm man, zumindest anfangs, die Verantwortung für diese Politik, dem König ab, indem man vermutete, er sei fehlgeleitet von seinen Beratern, die ein persönliches Interesse hätten, die Niederlande zu unterdrücken.

2. Rechtfertigung der Aufstände - Aufruf zum Widerstand

Spätestens im Jahr des Bildersturms wurden die Proteste ver- schärft, denn eine einvernehmliche Lösung mit dem spanischen König schien, auch durch die Berufung des Herzogs von Alba, in weite Ferne gerückt. Waren es davor zumeist Bitten, die entwe- der direkt an den König oder an seine Untergebenen gerichtet waren, so verbreiteten sich nun vor allem Schriften, welche die Niederländische Bevölkerung ansprachen bzw. Rechtfertigun- gen des Aufstands.

In diesen wird, wie auch früher schon, der Herrscher immer wieder darauf hingewiesen, jene Rechte und Privilegien anzuer- kennen, die er den Bürgern beim Amtsantritt durch seinen Schwur garantiert hat. Tut er dies nicht, so hat jeder, in Ü- bereinstimmung mit den alten Privilegien, das Recht auf Unge- horsam gegen den König. Einige gehen sogar soweit, dieses nicht nur als Recht, sondern sogar als Pflicht jedes Bürgers darzustellen. Aus der Aufforderung zum Ungehorsam wird so bald der Appell zum Widerstand. In den Rechtfertigungen der Auf- stände tritt die Inquisition als solches immer weiter in den Hintergrund, dafür wird nun häufiger auf die Freiheit, welche die Niederländern in Gefahr zu sein scheint, verwiesen. Über den Niederlanden hängt, so scheint es, das Damoklesschwert un- ter das „Joch der spanischen Sklaverei“ zu fallen. War in den frühen Protesten, die Verantwortung vom König genommen und auf seine Berater geschoben worden, so ändert sich auch das nach und nach. Der König wird nun, in Ahnlehnung an antike Autoren, als Tyrann bezeichnet, weil er die von Gott gegebenen Rechte und Privilegien nicht anerkennt und mit aller Macht gegen je- nes Volk vorgeht, welches ihn erst zum König gemacht hat.

3. Die Suche nach dem besten Staat

Als sich im Verlauf der Aufstände immer deutlicher abzeichnete, dass an eine Versöhnung mit Philip II nicht zu denken war, obwohl es sogar Verfechter der These gab, dass die Situation so ausweglos sei, dass man sich Philip II. unterwerfen müsse, musste man sich notgedrungen Gedanken machen, wie ein zukünftiger niederländischer Staat aussehen sollte.

Dabei gab es im Groben zwei verschiedene Ansichten: Erstens gab es die Verfechter einer Mischverfassung, mit geteilter Macht von Ständen und einem Prinzen. Man war der Überzeugung, dass es ohne einen Lenker, einen Kopf, vor allem in Krisenzei- ten, in welchen man sich eben gerade befand, nicht funktionie- ren würde. Die Herrschaft eines Prinzen wurde als göttlich o- der von Natur gegeben angesehen. Nichtsdestotrotz sollte die- ser beileibe nicht die Machtfülle eines Souveräns erhalten. Der Prinz hätte die alten Gewohnheiten, Rechte und Privilegien der Niederländischen Provinzen zu garantieren und es wird so- gar gefordert, dass er in Friedenszeiten ganz zugunsten der Stände in den Hintergrund rückt.

Im Gegensatz zu dieser Mischverfassung riefen einige Stimmen nach der Republik. Als Vorbild dienten ihnen vor allem die Schweizer Konföderation und die Stadtstaaten im Norden Italiens, wie Venedig oder Genua. Ausgehend vom Schweizer Modell hätte es die Provinzen und Städte der Niederlande zu einer engeren Zusammenarbeit gezwungen. Und dies war ein Angriffspunkt der Gegner eines republikanischen Staates. Sie hielten die Schweiz und die Niederlande für nicht vergleichbar. Sie unterschieden sich in vier wesentlichen Punkten:

Erstensin der Mentalität. So fehle den Bürgern und Adligen in den Niederlanden die virtue (Tugend) um eine Republik auf- rechtzuerhalten. Letztere werden sogar als zu korrupt bezeich- net.

Zweitens in der geographischen Lage: die Provinzen der Niederlande sind durch ihre Offenheit vor allem nach Süden hin schwer zu verteidigen.

Drittens zeichneten sich die Provinzen durch einen auffallend hohen Partikularismus aus und eine Republik wäre nur im Stande zu funktionieren wenn alle ohne Abstriche an einem Strang zie- hen.

Und schließlich viertens, war die lange Entscheidungsfindung der Stände in den Niederlanden ein Problem, welches gegen die Einführung einer Republik sprach.

Im nachhinein lässt sich nicht mehr mit Gewissheit feststellen welche Fraktion denn in der Überzahl war. Allerdings kann man aus den Versuchen mit Anjou und Leicester schließen, dass man in der momentanen militärischen Krise, in der man sich befand, einen Prinzen die größeren Chancen auf eine Lösung der Proble- me einräumte. Oder anders gesagt: das Experiment einer Repu- blik schien in dieser Situation ein zu großes Wagnis und die Bedrohung unter das „Joch der Sklaverei“ zu fallen zu groß.

4. Quelle

Ich möchte nun zur Quelle kommen, an der ich einige der hier kurz referierten Argumente nochmals nachweisen möchte. Es handelt sich dabei um Ausschnitte aus der Unabhängigkeitserklärung vom 26. Juli 1581.

As it is apparent to all that a prince is constituted by God to be ruler of a people, to defend them from oppression and violence as the shepherd his sheep; and whereas God did not create the people slaves to their prince, to obey his commands, whether right or wrong, but rather the prince for the sake of the subjects (without which he could be no prince), to govern them according to equity, to love and support them as a father his children or a shepherd his flock, and even at the hazard of life to defend and preserve them. And when he does not behave thus, but, on the contrary, oppresses them, seeking opportunities to infringe their ancient customs and privileges, exacting from them slavish compliance, then he is no longer a prince, but a tyrant, and the subjects are to consider him in no other view. And particularly when this is done deliberately, unauthorized by the states, they may not only disallow his authority, but legally proceed to the choice of another prince for their defense.

In der Präambel der Unabhängigkeitserklärung wird nochmals die Theorie eines Gesellschaftsvertrages vertreten, nach welcher der Herrscher kein Souverän ist, der seine Legitimation nur von Gott erhält, und absolut regieren kann, sondern er im Ge- gensatz ohne das Volk überhaupt kein Herrscher wäre (without wich he could be no prince). Infolgedessen wird er durch seine Taten, die sich gegen das Volk richten und alte Gewohnheiten und Privile- gien angreifen, zum Tyrannen gegen den sich das Volk schützen muss indem es einen neuen Herrscher wählt. Außerdem interes- sant ist an dieser Stelle noch der Hinweis auf die Stände, welche die Aktionen Philips II. nicht autorisiert hatten.

All these considerations give us more than sufficient reason to renounce the King of Spain, and seek some other powerful and more gracious prince to take us under his protection; Es ist wie schon erwähnt keineswegs das Streben nach einer Republik, dass die Aufständischen veranlasst dem spanischen König abzuschwören. Die Suche nach einem mächtigeren und gütigeren Prinzen erscheint als Natur- bzw. Gottgegeben.

We order likewise and command the president and other lords of the privy council, and all other chancellors, presidents, accountants-general, and to others in all the chambers of accounts respectively in these said countries, and likewise to all other judges and officers, as we hold them discharged from henceforth of their oath made to the King of Spain, pursuant to the tenor of their commission, that they shall take a new oath to the states of that country on whose jurisdiction they depend, or to commissaries appointed by them, to be true to us against the King of Spain and all his adherents, according to the formula of words prepared by the states-general for that purpose.

Da es offiziell noch keinen Nachfolger für Philip II. gibt schwören die Beamten der Vereinigten Provinzen ihren Eid auf die Stände. Sicherlich unter dem Vorbehalt, sobald ein neuer Herrscher gefunden wäre, auch diesem die Treue zu bekunden. Es war für die Niederländer nicht vorauszuahnen, dass es soweit überhaupt nicht kommen sollte. So könnte man das entstehen der Republik, wenn man es denn so nennen will, in den Niederlanden als Zufall bezeichnen. Nur aus dem Mangel an einem geeigneten Herrscher heraus entwickelte sie sich. Ganz so einfach kann man es sich aber meines Erachtens auch nicht machen. Wie er- wähnt gab es durchaus republikanische Ideen unter den Aufstän- dischen. Am offensichtlichsten und weitentwickeltsten waren sie gewiss in der Pazifikation von Gent. Und ohne eine funkti- onierende Ständeversammlung, die ja auch nicht erst am Ende der Aufstände entstand, hätte die junge Republik wohl auch nicht länger überleben können. Allein diese kurzen Anhaltspunkte reichen aus, um dem Zufall nicht die alleinige „Schuld“ am entstehen der Republik zu überlassen.

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Details

Titel
Politische Theorien und Rechtfertigungen während des niederländischen Aufstands 1560-1590
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V103445
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausformuliertes Referat, allerdings ohne Fußnoten.
Schlagworte
Politische, Theorien, Rechtfertigungen, Aufstands
Arbeit zitieren
Thomas Augustin (Autor), 2001, Politische Theorien und Rechtfertigungen während des niederländischen Aufstands 1560-1590, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103445

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