Cicero - Rede gegen Verres


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
22 Seiten

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ERSTE VERHANDLUNG

1.) Was man am meisten wünschen mußte, Geschworene, und was allein den Haß auf euren Stand und den schlechten Ruf der Gerichte wirklich beseitigen konnte, das scheint sich euch nicht infolge menschlicher Klugheit. sondern durch beinahe göttliche Fügung in der für den Staat entscheidenden Stunde zu bieten. Längst durchgesetzt hat sich nämlich schon die für den Staat verderbliche und für euch gefährliche Ansicht. die nicht nur beim römischen Volk, sondern auch bei den fremden Völkern überall verbreitet ist, laß von den Gerichten, die jetzt bestehen, kein reicher Mann, wie schuldig er auch sei, verurteilt werden könne. 2. jetzt, gerade im kritischen Augenblick für den Senatorenstand und eure Gerichte, wo bestimmte Leute nur darauf warten, durch Reden in der Volksversammlung und Gesetze diesen Haß auf den Senat noch zu steigern, st als Angeklagter Gaius Verres vor Gericht gestellt worden, ein Mann, der wegen seiner Lebensführung und seiner Taten nach der allgemeinen Meinung schon verurteilt, wegen der Menge seines Geldes nach seiner eigenen Erwartung und Aussage schon frei- gesprochen ist.

In diesem Prozeß, Geschworene. habe ich mit voller Zustimmung und unter der gespannten Erwartung des römischen Volkes die Rolle des Anklägers übernommen, nicht um den Haß auf den Senatorenstand zu schüren, sondern um dem schlechten Ruf abzuhelfen, in dem dieser bei allen steht. Ich habe nämlich einen Menschen vor Gericht gestellt, durch dessen Verurteilung ihr die verlorene Wertschätzung der Gerichte wiedergewinnen, euch mit dem römischen Volk versöhnen und den fremden Völkern Genugtuung leisten könnt: den Plünderer der Staatskasse, den Peiniger von Asia und Pamphylien, den Frevler gegen die Rechte der römischen Bürger, das Unheil und Verderben der Provinz Sizilien. 3. Wenn ihr über diesen Angeklagten der Wahrheit gemäß und gewissenhaft urteilt, werdet ihr das Ansehen wahren, das euch bleiben muß; wenn aber sein gewaltiger Reichtum die Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe der Gerichte zunichte macht, werde ich wenigstens so viel erreichen, daß man sieht, es hat eher dem Staate ein Gericht gefehlt als den Richtern ein Angeklagter oder dem Angeklagten ein Ankläger.

Um nun von mir zu sprechen, Geschworene: Obwohl Gaius Verres auf mich vielerlei Anschläge zu Lande und zu Wasser verübt hat, die ich teils durch meine eigene Aufmerksamkeit vereitelt, teils durch den bereitwilligen Dienst meiner Freunde abgewehrt habe, glaubte ich mich dennoch niemals einer so großen Gefahr auszusetzen und fürchtete mich niemals so sehr wie gerade jetzt bei der Gerichtsverhandlung. 4. Dabei beunruhigen mich nicht so sehr die Erwartungen, die man in meine Anklageredesetzt,und das Zusammenströmen einer so großen Menschenmenge, obwohl mich auch das sehr heftig verwirrt. Mehr beunruhigen mich die schändlichen Anschläge dieses Angeklagten, die er gleichzeitig auf mich, auf euch, auf den Prätor Manius Glabrio, die Bundesgenossen, die fremden Völker und schließlich auf den Senatorenstand und alle Senatoren zu verüben sucht: Er sagt immer wieder, dieje- nigen müßten sich fürchten, die nur geraubt hätten, was für sie allein ausreiche, er aber habe so viel geraubt, daß es für viele ausreichen könne; nichts sei so heilig, daß es nicht durch Geld entweiht, nichts so befestigt, daß es nicht durch Geld erobert werden könne.

5.Wenn nun der Unverschämtheit seiner Versuche die Heimlichkeit bei der Ausführung entspräche, hätte er mich vielleicht einmal in irgendeiner Hinsicht getäuscht. Bisher aber trifft es sich sehr günstig, daß mit seiner unglaublichen Frechheit eine einzigartige Dummheit verbunden ist. Denn genau so offen, wie er beim Zusammenraffen der Gelder vorgegangen ist, hat er in der Hoffnung auf die Bestechlichkeit des Gerichts jedermann seine Pläne und Versuche zu erkennen gegeben. Ein einziges Mal, sagt er, habe er sich in seinem Leben sehr gefürchtet, und zwar damals, als ich zum ersten Mal Anklage gegen ihn erhoben hätte; denn da er erst kürzlich aus der Provinz zurückgekommen, aber nicht erst seit kurzem, sondern schon sehr lange verhaßt und verrufen gewesen sei, habe er damals einen für die Bestechung des Gerichts ungeeigneten Zeitpunkt vorgefunden. 6. Nachdem ich für die Sizilien betreffende Untersuchung äußerst wenig Zeit gefordert hatte, wußte dieser Angeklagte daher jemanden zu finden, der für sich in einer Angelegenheit, die Achaia betrifft, einen um zwei Tage kürzeren Zeitraum forderte, doch nicht, damit er mit Sorgfalt und Ausdauer dasselbe vollbringe, was ich mit Anstrengungen und durchwachten ‘7achten erreicht habe. Denn jener Mann, der in Achaia Untersuchungen anstellen wollte, ist nicht einmal bis nach Brundisium gekommen. Ich aber habe in50 Tagen ganz Sizilien so bereist, daß ich den schriftlich vorgebrachten Klagen sämtlicher Völker und Einzelpersonen und den ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten nachging. Ein jeder kann also deutlich erkennen, daß Verres jemanden suchte, der nicht etwa seinen Angeklagten vor Gericht stellen, sondern der die Zeit für meine Verhandlung blockieren sollte.

7. Jetzt überlegt sich dieser unverschämte, ja wahnsinnige Mensch folgendes: Er begreift, daß ich so vorbereitet und gerüstet vor das Gericht trete, daß ich euch seine Diebstähle und Verbrechen nicht nur zu Gehör bringen, sondern diese auch allen klar vor Augen stellen werde. Er sieht, daß viele Senatoren Zeugen seiner Unverschämtheit sind, sieht viele römische Ritter, außerdem zahlreiche Bürger und Bundesgenossen, denen er selbst großes Unrecht getan hat, sieht auch, daß so viele gewichtige Gesandtschaften mit uns eng befreundeter Staaten sich mit amtlichen Dokumenten eingefunden haben. 8. Trotzdem denkt er bis zu einem solchen Grade schlecht über alle dem bestehenden Staatswesen Wohlgesinnten, glaubt, die senatorischen Gerichte seien bis zu einem solchen Grade verdorben und heruntergekommen, daß er in aller Öffentlichkeit immer wieder sagt, er sei nicht ohne Grund geldgierig gewesen, da er ja erfahre, daß Geld so großen Schutz gewähre; er habe — was das schwierigste gewesen sei — sogar den Termin für seinen Prozeß gekauft, damit er später alles andere um so leichter kaufen könne. So wollte er den ungünstigen Zeitpunkt vermeiden, da er sich ja dem Gewicht seiner Verbrechen auf keine Weise entziehen konnte. 9. Hätte er aber irgendeine Hoffnung, wenn schon nicht auf seine Sache, so doch wenigstens auf eine nicht unehrenhafte Hilfe oder auf die Redekunst oder den Einfluß eines Mannes gesetzt, so würde er bestimmt nicht dies alles zusammenzubringen und zu erjagen suchen; er ginge dann in seiner Geringschätzung und Mißachtung des Senatorenstandes nicht so weit, daß nach seinem Gutdünken ein Angeklagter aus dem Senat ausgewählt wird, der sich früher als er verantworten soll, damit er inzwischen die notwendigen Vorbereitungen treffen kann. 10. In allen diesen Dingen durchschaue ich leicht, was der Angeklagte hofft und vorhat. Weshalb er sich aber zutraut, unter diesem Prätor und vor diesem Gerichtshof etwas erreichen zu können, kann ich nicht verstehen. Das allein verstehe ich, was auch das römische Volk bei der Zurückweisung der Geschworenen meinte: dieser Angeklagte sah keinen anderen Weg zur Rettung als sein Geld, so daß er glaubte, ihm werde nichts mehr helfen, wenn man ihm diesen Schutz entreiße.

Denn welche Begabung ist so groß, welche Redegabe und Ausdrucksfülle so reich, daß sie den Lebenswandel dieses Menschen. der mit so vielen Fehlern und Verbrechen belastet und nach dem Willen und dem Urteil aller längst schuldig gesprochen ist, in irgendeiner Beziehung zu verteidigen vermöchte?

11. Die Schandtaten seiner Jugend will ich unerwähnt lassen. Was hat er während seiner Quästur, des ersten Ehrenamtes, anderes geleistet, außer daß er Gnaeus Carbo, dem er als Quästor zugeteilt war, Staatsgelder unterschlug, diesen seinen Konsul beraubte und verriet, das Heer im Stich ließ, die Provinz verließ und die heiligen Pflichten seines Amtes verletzte? Seine Amtsführung als Legat des Statthalters bedeutete das Verderben für ganz Asia und Pamphylien: In diesen Provinzen plünderte er viele Häuser, die meisten Städte, alle Tempel. Gleichzeitig erneuerte und wiederholte er gegenüber Gnaeus Dolabella jenes frühere Verbrechen, das er als Quästor begangen hatte: Ihn, dem er als Legat und Proquästor zugeteilt war, machte er durch seine eigenen Verbrechen verhaßt und verließ ihn nicht nur in der Stunde der Gefahr, sondern bekämpfte und verriet ihn sogar. 12. Seine Prätur in Rom bedeutete Plünderung von Heiligtümern und öffentlichen Gebäuden, und außerdem wurden bei seiner Rechtsprechung Güter und Besitzungen im Widerspruch zu allen Anordnungen seiner Vorgänger willkürlich zugesprochen, ja verschenkt.

Die meisten und größten Denkmäler und Zeichen all seiner Laster nun aber setzte er in der Provinz Sizilien. Die hat dieser Mensch drei Jahre lang so gequält und so weit zugrunde gerichtet, daß der alte Zustand dort auf keine Weise wiederhergestellt werden kann und es kaum möglich scheint, daß sie sich im Laufe vieler Jahre unter unbescholtenen Prätoren einmal teilweise erholt. 13. Während seiner Prätur bot nichts den Siziliern Schutz, weder ihre eigenen Gesetze noch die Beschlüsse unseres Senates noch die Rechte, die allen Menschen zukommen. Jeder besitzt in Sizilien nur so viel, wie entweder dem Unverstand dieses über alle Maßen habgierigen und zügellosen Menschen entging oder noch übrigblieb, wenn er genug hatte. Keine Sache ist drei Jahre lang gegen den Willen dieses Menschen gerichtlich entschieden worden, keine Sache war so sicher vom Vater oder Großvater ererbt, daß sie nicht ihrem Eigentümer auf Befehl dieses Menschen aberkannt wurde. Ungeheure Geldsummen hat er von den Gütern der Bauern durch eine neue, schändliche Verordnung zusammengebracht; die treuesten Bundesgenossen hat er wie Feinde behandelt; römische Bürger hat er wie Sklaven ans Kreuz schlagen und töten lassen; Menschen, die schwerste Schuld auf sich geladen hatten, hat er für Geld freigesprochen, die ehrenhaftesten und untadeligsten aber hat er in ihrer Abwesenheit angeklagt und ohne Verteidigung verurteilt und verbannt; stark befestigte Häfen, die größten und sichersten Städte hat er Piraten und Räubern zugänglich gemacht; Matrosen und Soldaten der Sizilier, unserer Bundesgenossen und Freunde, hat er verhungern lassen; die besten und seetüchtigsten Flotten sind zur größten Schande des römischen Volkes verloren und vernichtet worden. 14. Derselbe Prätor hat uralte Baudenkmäler und Kunstwerke, die teils die reichsten Könige zum Schmuck der Städte stifteten, teils auch unsere Feldherren nach ihren Siegen den sizilischen Städten schenkten oder zurückgaben, beraubt oder gestohlen und alles geplündert. Und dies tat er nicht allein bei Statuen und Kunstwerken, die den Städten gehörten, sondern er hat auch alle Tempel, und wenn sie den heiligsten Kulten geweiht waren, beraubt. Überhaupt hat er den Siziliern keinen Gott, der ihm von einigermaßen geschickter Hand und aus alter Zeit zu stammen schien, zurückgelassen. Seine schändlichen sexuellen Ausschreitungen zu erwähnen, hält mich mein Schamgefühl zurück. Zugleich will ich durch ihre Erwähnung das Unglück derer nicht noch vergrößern, denen es nicht vergönnt war, ihre Kinder und Frauen vor der Begehrlichkeit dieses Mannes unverletzt zu bewahren.

15.Aber vielleicht sind diese Verbrechen von ihm so begangen worden, daß nicht jeder von ihnen erfahren hat? Ich glaube, jeder, der seinen Namen gehört hat, weiß auch Schandtaten von ihm zu berichten. Daher muß ich eher befürchten, man glaubt von mir, ich ließe viele Verbrechen unerwähnt, als ich erfände irgendwelche, um sie ihm anzulasten. Und mir scheint, als ob diese Menschenmenge, die zusammengekommen ist, um den Prozeß zu verfolgen, nicht von mir den Fall kennenlernen, sondern mit mir das, was sie weiß, durchgehen wollte.

Aus diesen Gründen kämpft dieser wahnsinnige und nichtswürdige Mensch auf andere Weise gegen mich. Er bemüht sich nicht, mir einen redegewandten Verteidiger entgegenzustellen, er verläßt sich nicht auf die Beliebtheit, nicht auf das Ansehen, nicht auf die Macht irgendeines Mannes. Er gibt zwar vor, diesen Dingen zu vertrauen, aber ich sehe, was er betreibt, denn er tut es nicht sehr verborgen. Er droht mir mit leeren Namen der Nobilität, das heißt den Namen von dünkelhaften Menschen, die mir nicht so sehr schaden, weil sie der Nobilität angehören, wie sie mir helfen, weil sie stadtbekannt sind. Er gibt vor, ihrem Schutz zu vertrauen, obwohl er inzwischen längst etwas anderes im Schilde führt. 16. Was er jetzt hofft und plant, Geschworene, werde ich euch sogleich kurz erläutern; aber zuvor erfahrt bitte, wie er von Anfang an die Sache begonnen hat.

Sobald er aus der Provinz zurückgekehrt war, hat er Mittelsmänner beauftragt, dieses Gericht mit einer großen Geldsumme zu bestechen. Bei dem vereinbarten Abkommen blieb es bis zur Zurückweisung der Geschworenen. Nach der Zurückweisung der Geschworenen wurde das ganze Abkommen aufgekündigt, weil einerseits bei der Auslosung das Glück des römischen Volkes die Hoffnung des Angeklagten vernichtet, andererseits bei der Zurückweisung der Geschworenen meine Sorgfalt den Sieg über die Schamlosigkeit der Mittelsmänner davongetragen hatte. 17. Die Lage war ausgezeichnet. Die Listen mit euren Namen und der Zusammensetzung dieses Gerichtshofes waren in den Händen aller Römer; kein Zeichen, keine Farbe, keinen Schmutzfleck konnte man anscheinend auf diesen Stimmtafeln anbringen. Da plötzlich verwandelte sich der Angeklagte aus einem vergnügten und frohen Menschen in einen so kleinmütigen und niedergeschlagenen, daß er nicht nur dem römischen Volk, sondern sogar sich selbst verurteilt erschien. In diesen wenigen Tagen seit den Konsulwahlen nun aber verfolgt er plötzlich von neuem unverändert jene alten Pläne und wendet noch mehr Geld dafür auf, und mit Hilfe derselben Leute unternimmt er dieselben Anschläge auf euren Ruf und das Glück aller Römer. Dies, Geschworene, hat mir zuerst ein leiser Wink und Hinweis enthüllt; danach, als erst einmal dem Verdacht Tür und Tor geöffnet war, habe ich von allen Plänen dieser Leute, auch wenn sie noch so geheim waren, Kenntnis erhalten, ohne daß ein Irrtum möglich war. 18. Denn als eine riesige Volksmenge Quintus Hortensius nach seiner Wahl zum Konsul für das nächste Jahr vom Marsfeld nach Hause geleitete, begegnet dieser Menschenmenge zufällig Gaius Curio, ein Mann, der eher der Ehre als der Schande wegen genannt sein soll; denn ich werde nur sagen, was jener nicht vor so vielen Menschen so offen gesagt hätte, wenn er es nicht härte erwähnt wissen wollen; dennoch werde ich es behutsam und vorsichtig sagen, damit man sieht, daß ich sowohl unserer Freundschaft als auch seiner Würde Rechnung trage. 19. Er sieht direkt am Triumphbogen des Fabius in der Menge Verres, spricht ihn an und gratuliert ihm mit lauten Worten. Zu Hortensius selbst aber, der eben zum Konsul gewählt worden war, und zu dessen Verwandten und Bekannten, die damals bei ihm waren, sagt er kein Wort. Bei Verres bleibt er stehen, ihn umarmt er, ihn fordert er auf, ohne Sorge zu sein. ~Ich verkünde dir”$ sagte er, ~daß die heutige Wahl dich freigesprochen hat.” Weil das so viele hochachtbare Männer gehört hatten, wurde es mir sofort hinterbracht, besser: jeder erzählte es mir, sobald er mich sah. Den einen erschien jener Vorgang unwürdig, den anderen lächerlich. Lächerlich kam er denen vor, die glaubten, daß der Ausgang des Prozesses von der Glaubwürdigkeit der Zeugen, von der Methode der Anklage und von der Macht der Geschworenen, aber nicht von der Konsulwahl abhänge, unwürdig denen, die die tieferen Zusammenhänge erkannten und sahen, daß dieser Glückwunsch auf die Bestechung des Gerichts hinwies. 20. Denn sie folgerten daraus, und hochachtbare Männer besprachen das miteinander und mit mir, daß nun ganz offensichtlich unäere Gerichte nichts wert seien: ~Der Angeklagte, der sich am Vor-tage schon selbst für verurteilt hielt, wird freigesprochen, nachdem sein Verteidiger zum Konsul gewählt worden ist.” Folgt etwa daraus, daß die Anwesenheit ganz Siziliens, aller Sizilier, aller Geschäftsleute, das Vorliegen aller öffentlichen und privaten Schriftstücke in Rom ohne jede Bedeutung sein wird? “Ohne jede Bedeutung, wenn der für das nächste Jahr gewählte Konsul es nicht will.” Werden die Geschworenen sich denn nicht nach den Verbrechen, nicht nach den Zeugen, nicht nach der öffentlichen Meinung richten? “Nein, alles wird von der Macht und der Herrschaft eines einzigen Mannes abhängen.” Ich will die Wahrheit sagen, Geschworene: Diese Sache hat mich tief bewegt. Denn alle politisch vernünftigen Leute sagten: “Jenen Angeklagten wird man dir zwar entreißen, aber wir werden die Gerichte nicht länger behalten; denn wer wird sich weigern können, die Gerichte in andere Hände zu geben, wenn Verres freigesprochen ist?” 21. Dies belastete alle, und dabei beunruhigte sie nicht so sehr die plötzliche Freude dieses verdorbenen Menschen wie der ungewöhnliche Glückwunsch jenes bedeutenden Mannes. Ich hätte gern verborgen, daß ich schwer daran trug; ich hätte gern meinen Schmerz hinter einer gelassenen Miene verborgen und mit Schweigen verhüllt.

Da aber, gerade in jenen Tagen, als die für das nächste Jahr gewählten Prätoren durch das Los ihre Aufgabenbereiche zugewiesen erhielten und Marcus Metellus der Vorsitz in dem Gericht für Er- pressungen in den Provinzen zugefallen war, wurde mir berichtet, man hätte Verres so warm gratuliert, daß er sogar Sklaven nach Hause schickte, die es seiner Frau melden sollten. 22. Gewiß gefiel mir auch diese Sache nicht, und doch sah ich nicht recht ein, was ich auf Grund dieses Losentscheides fürchten müsse. Von zuverlässigen Leuten, durch die ich von allem Kunde erhielt, erfuhr ich nur folgendes: Mehrere Behälter mit Geld aus Sizilien übergab ein gewisser Senator einem römischen Ritter; von diesen Behältern wurden ungefähr zehn zur Verwendung bei den Wahlen, für die ich kandidierte, bei jenem Senator zurückgelassen; Geldverteiler für alle Tribus wurden in der Nacht zu Verres gerufen. 23. Von ihnen kam einer, der sich meiner Sache in jeder Beziehung verpflichtet glaubte, noch in dieser Nacht zu mir. Er teilte mir mit, was dieser Mensch gesagt hatte: er habe erwähnt, wie großzügig er sie sowohl schon früher, als er sich selbst um die Prätur beworben habe, als auch bei der letzten Wahl von Konsuln und Prätoren behandelt habe. Dann habe er ihnen unmittelbar darauf so viel Geld versprochen, wie sie wollten, wenn sie meine Wahl zum Ädil verhinderten. Da hätten einige es gewagt, sich zu weigern, andere hätten geantwortet, sie glaubten nicht, daß das durchführbar sei; dennoch habe sich ein mutiger Freund aus derselben Familie gefunden, Quintus Verres aus der Tribus Romilia, ein ganz besonders tüchtiger Geldverteiler, Schüler und Freund von Verres‘ Vater, der das Gewünschte zu tun versprach, wenn 500000 Sesterzen hinterlegt würden, und einige hätten erklärt, sie würden mittun. Deswegen gab er mir den durchaus wohlgemeinten Ratschlag, ich solle mich sehr vorsehen.

24. Mich versetzten die ernstesten Sorgen zu derselben und noch dazu sehr kurz bemessenen Zeit in Unruhe. Die Wahlen rückten heran, und gerade in diesen kämpfte man mit sehr viel Geld gegen mich; zugleich stand die Gerichtsverhandlung bevor, auch dieser Aufgabe drohten die sizilischen Gelder. Unbelastet die nötigen Vorbereitungen für den Prozeß zu treffen, davon hielt mich die Furcht vor den Wahlen zurück; mich mit ganzer Hingabe meiner Kandidatur zu widmen, vermochte ich wegen des Prozesses nicht; den Geldverteilern aber zu drohen war auch nicht ratsam, denn wie ich sah, wußten sie, daß ich durch diesen Prozeß in Anspruch genommen und gebunden sein würde. 25. Und gerade zu dem Zeitpunkt höre ich, die Sizilier seien zunächst einmal von Hortensius aufgefordert worden, zu ihm in sein Haus zu kommen. Die Sizilier freilich hätten sich hierbei wie freie Männer verhalten und seien nicht gekommen, weil sie erkannten, weshalb sie gerufen wurden. Inzwischen begann die Wahl, bei der ich kandidierte und über deren Ausgang dieser Angeklagte da wie über die anderen Wahlen in diesem Jahr zu entscheiden glaubte. Dieser einflußreiche Mensch lief mit seinem schmeichlerischen und gefälligen Sohn durch die Tribus, er wandte sich an alle seine Freunde vom Vater her, das heißt die Geldverteiler, und traf sich mit ihnen. Als das römische Volk das bemerkt und verstanden hatte, verhinderte es bereitwillig, daß ich durch desselben Mannes Geld mein Ehrenamt verlor, dessen Reichtum mich von meiner Pflichttreue nicht hatte abbringen können.

26. Nachdem ich von der gewißlich großen Sorge um die Bewerbung befreit war, begann ich mit viel leichterem und freierem Herzen, mein ganzes Denken und Tun auf den Prozeß zu konzentrieren. Ich erkenne, Geschworene, diese Leute wollen nach den von ihnen gefaßten und beschlossenen Plänen mit allen erdenklichen Mitteln die Sache so verzögern, daß der Prätor Marcus Metellus die Verhandlung leitet. Darin lägen ihrer Ansicht nach folgende Vor teile: erstens habe man einen sehr guten Freund an Marcus Metellus, zweitens sei nicht nur Hortensius Konsul, sondern auch Quintus Metellus. Paßt genau auf, wie eng der mit Verres befreundet ist:

Er gab nämlich Verres ein derartiges Zeichen seines guten Willens, daß er ihn damit schon für die Stimmen der ersten Zenturie bei seiner Wahl bezahlt zu haben scheint. 27. Oder habt ihr etwa geglaubt, ich würde über so schlimme Vorkommnisse schweigen und mir würde in so großer Gefahr für den Staat und meinen guten Ruf etwas anderes mehr am Herzen liegen als meine Pflicht und meine Ehre? Jetzt ließ nämlich der andere der beiden für das nächste Jahr gewählten Konsuln die Sizilier zu sich bitten; einige kamen, weil Lucius Metellus Statthalter in Sizilien war; zu ihnen sagte er folgendes: er sei Konsul, der eine seiner Brüder habe die Provinz Sizilien unter sich, der andere würde den Vorsitz in dem Gericht für Erpressungen in den Provinzen führen; daß man Verres nicht schaden könne, dafür sei auf viele Arten vorgesorgt. 28. Was heißt, frage ich dich, Metellus, das Gericht herabwürdigen, wenn nicht dies? Zeugen, noch dazu diese furchtsamen und unglücklichen Sizilier, nicht nur durch dein persönliches Ansehen abschrecken, sondern auch durch die Furcht vor dem Konsul und durch die Macht zweier Prätoren? Was würdest du für einen unschuldigen und dir nahestehenden Menschen tun, wenn du wegen eines völlig verdorbenen fremden Menschen von Pflicht und Ehre abweichst und es dahin kommen läßt, daß jemand, der dich nicht kennt, für wahr halten kann, was jener immer wieder sagt? 29. Es heißt nämlich, Verres behaupte, dich habe nicht wie die übrigen aus eurer Familie das Schicksal, sondern seine Hilfe zum Konsul gemacht.

Die beiden Konsum also und der Gerichtsvorsitzende werden Verres‘ Wünschen entsprechen. “Ich werde nicht allein”, sagt er, “einem Mann entgehen, der bei der Untersuchung allzu genau und der öffentlichen Meinung allzu dienstbar ist, ich meine Manius Glabrio, sondern es wird mir auch folgendes zustatten kommen:

Geschworener ist jetzt noch Marcus Caesonius, der Amtskollege meines Anklägers, ein in Gerichtssachen bekannter und bewährter Mann, der mir in diesem Gerichtshof, den ich auf irgendeine Weise zu bestechen versuche, überaus hinderlich ist, weil er schon früher, als er Geschworener in dem Gerichtshof unter Iunius gewesen war, unter jener schändlichen Tat nicht nur litt, sondern sie auch ans Licht brachte. Ihn werde ich vom 1.Januar an nicht mehr als Geschworenen haben; 30. Quintus Manlius und Quintus Cornificius, zwei sehr strenge und unbescholtene Geschworene, werde :ch nicht mehr als Geschworene haben, weil sie dann Volkstribunen sind; Publius Sulpicius, ein unerbittlicher und unbescholtener Geschworener, muß sein Amt am5. Dezember antreten; Marcus Crepereius, aus der harten Schule seiner Ritterfamilie, Lucius Cassius, aus einer Familie, die wie bei anderen Dingen so besonders beim Richten äußerst streng verfährt, Gnaeus Tremellius, ein Mann mit höchstem Pflichtgefühl und größter Gewissenhaftigkeit, diese drei Männer von der Art unserer Vorfahren sind zu Militärtribunen gewählt worden; vom 1Januar an werden sie nicht mehr Geschwo:ene sein. Wir werden auch für Marcus Metellus nachlosen, da er ja den Vorsitz in diesem Prozeß haben wird. So werde ich nach dem 1 Januar, wenn sowohl der Vorsitzende als auch beinahe der ganze Gerichtshof abgelöst sind, die schweren Drohungen des Anklägers und die großen Erwartungen, die man in den Prozeß setzt, nach meinem Willen und Belieben verspotten.”

31. Heute ist der 5. Sextilis, am frühen Nachmittag habt ihr euch zu versammeln begonnen; diesen Tag zählen sie schon nicht einmal mehr. Nur zehn Tage sind es bis zu den feierlich gelobten Spielen, die Gnaeus Pompeius veranstalten wird. Diese Spiele werden uns fünfzehn Tage nehmen, dann werden unmittelbar die Römischen Spiele folgen. Erst wenn so beinahe vierzig Tage vergangen sind, werden sie nach ihrer Ansicht auf meine Anklage antworten. Darauf würden sie durch Reden und Vortragen von Entschuldigungen den Prozeß mit Leichtigkeit bis zu den Spielen der Victoria hinzögern, mit diesen seien die Plebejischen Spiele verbunden, nach denen gar keine oder nur wenige Tage für die Verhandlung blieben. Nachdem die Anklage auf diese Weise a4~t unmittelbarer Kraft und Schärfe verloren habe, werde die Sache unentschieden vor den Prätor Marcus Metellus kommen. Wenn ich an dessen Pflichttreue gezweifelt hätte, hätte ich ihn nicht als Geschworenen zurückbehalten. 32. Dennoch möchte ich ihn jetzt in diesem Prozeß lieber als Geschworenen denn als Vorsitzenden haben und ihm lieber unter Eid seine eigene Stimmtafel als ohne Eid die Stimmtafeln anderer anvertrauen.

Jetzt frage ich euch, Geschworene, was ich eurer Meinung nach tun sollte. Denngewißwerdet ihr mir stillschweigend das raten, was ich auch meiner eigenen Überlegung nach unbedingt tun muß. Wenn ich für meine Rede die volle Zeit in Anspruch nehme, die mir gesetzlich zusteht, werde ich die Frucht all meiner Anstrengungen, meiner Ausdauer und meiner Sorgfalt ernten und mit meiner Anklage erreichen, daß man sieht: Niemand ist seit Menschengedenken jemals besser vorbereitet, wachsamer und gefaßter vor ein Gericht getreten. Aber wenn ich meine Anstrengungen so ins rechte Licht setze, besteht die größte Gefahr, daß der Angeklagte seiner Verurteilung entgeht. Was kann man also tun? Das liegt nicht im Dunklen und Verborgenen, meine ich: 33. Den Gewinn an Ruhm, den ich bei einer zusammenhängenden Rede davontragen könnte, will ich mir für eine andere Zeit aufheben; jetzt will ich den Mann mit Hilfe von Rechnungsbüchern, Zeugen, privaten und amtlichen Schriftstücken und Dokumenten anklagen. Die ganze Sache werde ich mit dir austragen, Hortensius. Ich will offen sprechen: Wenn ich glaubte, du strittest in diesem Prozeß mit deiner Redekunst und durch Widerlegung der Anklagepunkte gegen mich, dann würde auch ich bei der Anklagerede und der Darstellung der Anklagepunkte Mühe aufwenden. Da du nun aber beschlossen hast, in einer Weise gegen mich zu kämpfen, die weniger deiner eigenen Art als dem Zeitpunkt und dem Fall dieses Angeklagten entspricht, muß ich einem derartigen Plan mit irgendeiner Gegenmaßnahme entgegentreten. 34. Dein Plan ist, mit deiner Erwiderung erst nach den beiden Spielen zu beginnen, meiner, schon vor den ersten Spielen die erste Verhandlung abzuschließen. So wird es geschehen, daß man deinen Plan für schlau hält, meine Gegenmaßnahme für notwendig.

Das aber, wovon ich hatte sprechen wollen, nämlich daß ich mit dir die Sache austrage, verhält sich so: Als ich diesen Prozeß auf Bitten der Sizilier übernahm, erblickte ich für mich eine hohe Ehre darin, daß die Menschen, die schon meine Uneigennützigkeit und Unsträflichkeit erprobt hatten, jetzt meine Pflichttreue und Sorgfalt erproben wollten. Dann, nachdem ich diese Aufgabe übernommen hatte, setzte ich mir ein höheres Ziel, woran das römische Volk meine gute Gesinnung gegen den Staat erkennen könnte.35.Denn es wäre keinesfalls meiner Ausdauer und Anstrengung wert gewesen, Verres, der nach dem Urteil aller schon verdammt war, vor Gericht zu rufen, wenn nicht deine unerträgliche Macht und dein Geltungsdrang, den du in den letzten Jahren in manchen Prozessen gezeigt hast, auch im Falle dieses heillosen Menschen sichtbar würde. Da dich nun aber diese unumschränkte Herrschaft über die Gerichte so sehr freut und es Menschen gibt, die sich ihrer Begierde und ihres schlechten Rufes weder schämen noch ihrer überdrüssig werden und die sich gewissermaßen vorsätzlich den Haß und die Feindschaft des römischen Volkes zuziehen, habe ich — so erkläre ich — diesen Kampf auf mich genommen, der vielleicht schwer und für mich gefährlich, es aber dennoch wert ist, daß ich dabei alle Kräfte einsetze, die mir mein Alter und meine Beharrlichkeit geben. 36. Da ja der gesamte Senatorenstand durch die Un- redlichkeit und Unverschämtheit weniger Männer bedroht und durch den schlechten Ruf der Gerichte belastet wird, erkläre ich, daß ich dieser Art von Menschen ein feindlich gesinnter Ankläger, ein haßerfüllter, beharrlicher und strenger Gegner sein werde. Das beanspruche ich für mich, das fordere ich mit Nachdruck für mich, das will ich während meiner Amtszeit betreiben, das will ich von der Stelle aus betreiben, von der aus ich nach dem Willen des römischen Volkes vom 1.Januar nächsten Jahres an mit ihm über den Staat und über schlechte Menschen verhandeln soll, das verspreche ich dem römischen Volk als das größte und schönste Festspiel meines Ädilenamtes. Ich weise darauf hin, verkünde es, sage es von vornherein: Diejenigen, die gewohnt sind, Geld zu hinterlegen oder aufzunehmen, anzunehmen oder zu versprechen, Mittelspersonen oder Unterhändler bei der Bestechung des Gerichtes zu sein, und alle, die hierfür ihre Macht oder ihre Schamlosigkeit angeboten haben, mögen in diesem Prozeß ihre Hände und Gedanken von diesem schändlichen Verbrechen lassen. 37. Dann wird Hortensius Konsul sein, ausgestattet mit höchster Befehlsgewalt und Macht, ich aber werde Ädil sein, das ist kaum mehr, als wenn ich kein Amt hätte; dennoch ist die Sache, die ich zu führen verspreche, so geartet und dem römischen Volk so erwünscht und genehm, daß sogar der Konsul in diesem Falle, verglichen mit mir, noch weniger als ein Mann ohne Amt gelten dürfte, wenn das überhaupt möglich wäre.

Alle Übeltaten und Verbrechen, die in den letzten zehn Jahren, nachdem die Gerichtshöfe mit Senatoren besetzt worden sind, im Gerichtswesen vorgekommen sind, werden nicht nur einfach er wähnt, sondern auch noch durch Darlegung gesicherter Tatsachen dargestellt werden. 38. Das römische Volk wird von mir über folgende Punkte Aufklärung erhalten: Warum kam zu der Zeit, als der Ritterstand die Geschworenen stellte, fast fünfzig aufeinander folgende Jahre lang bei keinem Geschworenen auch nur der geringste Verdacht auf, er könnte wegen einer Sache, über die er zu urteilen hatte, Geld genommen haben? Warum sagte Quintus Calidius, als man die Gerichtshöfe dem Senatorenstand übergeben und die Macht des römischen Volkes gegenüber einem jeden von euch aufgehoben hatte, nach seiner Verurteilung, für weniger als drei Millionen Sesterzen könne man doch einen ehemaligen Prätor anstän- digerweise nicht verurteilen? Warum wurde damals, als Quintus Hortensius den Vorsitz in dem Gericht für Erpressungen in den Provinzen innehatte, nach der Verurteilung des Senators Publius Septimius eine Entschädigungssumme auch deswegen festgesetzt, weil dieser als Geschworener Geld angenommen hatte? 39. Warum wurde bei Gaius Herennius und bei Gaius Popilius, Senatoren, die beide wegen Unterschlagung, sowie bei Marcus Atilius, der wegen Hochverrats verurteilt wurde, klar herausgestellt, sie hätten als Geschworene Geld angenommen? Warum fanden sich, als Gaius Verres während seiner Prätur in Rom Geschworene ausloste, Senatoren, die sich bestimmen ließen, einen Angeklagten zu verurteilen, ohne den Fall zu prüfen? Warum fand sich ein Senator, der als Geschworener in demselben Verfahren sowohl vom Angeklagten Geld annahm, um es unter die Geschworenen zu verteilen, als auch vom Ankläger, um den Angeklagten zu verurteilen? 40. Mit welchen Worten soll ich nun aber jenen Niedergang, jenes schandbare Unglück des ganzen Senatorenstands beklagen, daß es in unserem Staate möglich war, die Stimmtafeln der Geschworenen mit verschiedenfarbigen Zeichen kenntlich zu machen, als dieser Stand die Geschworenen stellte? Dies alles gewissenhaft und streng darzustellen, verspreche ich euch. Wie wird mir dann wohl eurer Meinung nach zumute sein, wenn ich sehe, daß man auch in diesem Prozeß auf ähnliche Weise vorgeht und das Recht verletzt? Noch dazu, wenn ich mit vielen Zeugen beweisen kann, daß Gaius Verres in Sizilien vor vielen Zuhörern oft gesagt hat, er habe einen mächtigen Gönner, auf dessen spätere Hilfe er rechne, während er die Provinz ausplündere; und er beschaffe nicht allein für sich Geld, sondern er habe die drei Jahre seiner Prätur in Sizilien so eingeteilt, daß er sich sage, er handle klug, wenn er den Gewinn eines Jahres für sich behalte, den des zweiten Jahres seinen Beschützern und Verteidigern überlasse und den des dritten Jahres, das weitaus den reichsten Gewinn brachte, ganz und gar für die Geschworenen aufbewahre.

41. Das veranlaßt mich, zu wiederholen, was neulich, als ich es vor Manius Glabrio bei der Zurückweisung der Geschworenen erwähnte, das römische Volk — wie ich wohl merkte — heftig erregte; ich sagte nämlich, ich glaubte, es werde dahin kommen, daß die fremden Völker Gesandte zum römischen Volk schicken würden, Limit es das Gesetz über die Rückerstattung der in den Provinzen erpreßten Gelder und den dafür eingesetzten Gerichtshof abschaffe. Wenn es nämlich keine Gerichte gäbe, glauben sie, werde jeder nur so viel fortschaffen, wie er für sich und seine Kinder für ausreichend erachte. Jetzt, da es Gerichte dieser Art gebe, schaffe jeder so viel fort, laß es für ihn, seine Verteidiger und Rechtsbeistände, den Prätor, der die Verhandlung leite, und die Geschworenen genug sei. Das sei in 1er Tat unendlich viel: sie könnten vielleicht die Gier des habgierigsten Menschen befriedigen, aber nicht den Freispruch des schuldigsten gewährleisten. 42. Wie bewundernswert sind unsere Gerichte und wie vortrefflich ist der Ruf unseres Standes, wenn die Bundesgenossen des römischen Volkes die Gerichte für Erpressungen in den Provinzen nicht haben wollen, die unsere Vorfahren gerade zum Nutzen der Bundesgenossen eingerichtet haben! Oder hätte dieser Angeklagte jemals einen guten Ausgang seiner Sache erhofft, wenn er sich nicht eine schlechte Meinung von euch gebildet hätte? Deshalb müßt ihr ihn sogar noch mehr hassen — wenn das überhaupt möglich ist —als das römische Volk, da er glaubt, ihr wäret ähnlich habgierig, verbrecherisch und meineidig wie er.

43. Um diesen Punkt, bei den unsterblichen Göttern, kümmert euch und sorgt für eine Änderung, Geschworene. Ich sage und verkünde euch, was ich erkenne: Dieser günstige Zeitpunkt ist euch durch göttliche Fügung gegeben, damit ihr den ganzen Senatoren -tand von Haß und Mißgunst, Schimpf und Schande befreit. Man glaubt, in den Gerichten gebe es keine Strenge, keine Gewissenhaftigkeit mehr, und schließlich, es gebe gar keine Gerichte mehr. Daher sieht das römische Volk mit Geringschätzung und Verachtung auf uns; schwer und seit langem schon lastet auf uns unser schlechter Ruf. 44. Denn aus keinem anderen Grunde hat das römische Volk die Macht der Volkstribunen mit solchem Nachdruck zurückgefordert. Jedesmal, wenn es diese forderte, schien es sie zwar den Worten nach zu fordern, in Wirklichkeit aber forderte es die Gerichte. Das entging nicht dem außerordentlich klugen und bedeutenden Quintus Catulus; als nämlich der tapfere und hochberühmte Gnaeus Pompeius seinen Gesetzesvorschlag zur Wiederherstellung der Macht der Volkstribunen einbrachte und man Catulus nach seiner Meinung fragte, begann dieser seine Rede mit größtem Nachdruck folgendermaßen: die Mitglieder des Senats bewahrten die Gerichte schlecht und verbrecherisch; wenn sie aber willens gewesen wären, bei den Prozessen mehr auf die Meinung des römischen Volkes zu achten, dann hätte dieses die Macht der Volkstribunen nicht so sehr zurückgewünscht. 45. Als Gnaeus Pompeius selbst schließlich nach seiner Wahl zum Konsul für das nächste Jahr zum ersten Mal eine Volksversammlung vor der Stadt leitete, gab es Beifallsrufe und dankbares Gemurmel in der versammelten Menge, sobald er in Aussicht stellte, was man anscheinend am meisten erwartete, nämlich daß er die Macht der Volkstribunen wiederherstellen werde. Als er aber auf derselben Versammlung sagte, die Provinzen seien ausgeplündert und verheert, die Gerichte aber würden schändlich und verbrecherisch verwaltet, er wolle sich darum kümmern und für eine Änderung sorgen, da zeigte das römische Volk nicht mit einzelnen Beifallsrufen, sondern mit lautem Freudengeschrei seine Zustimmung.

46. Nun aber passen die Menschen genau auf; sie beobachten, wie jeder einzelne von uns an seiner Gewissenhaftigkeit festhält und die Gesetze wahrt. Sie sehen, daß nach der Annahme des Gesetzes über die Volkstribunen bisher ein einziger und obendrein sehr unbedeutender Senator verurteilt wurde. Obwohl sie das nicht tadeln, fühlen sie sich dennoch nicht dazu veranlaßt, es besonders zu loben; denn Unbestechlichkeit wird nicht gelobt, wo es niemanden gibt, der bestechen könnte oder es versuchte. 47.

Diesist ein Prozeß, in dem ihr über den Angeklagten, das römische Volk aber über euch richten wird. An diesem Menschen wird es sich entscheiden, ob von senatorischen Geschworenen ein eindeutig schuldiger Mann trotz seines Reichtums verurteilt werden kann: Ferner

ist der Angeklagte ein Mensch, der sich allein durch die Schwere seiner Verbrechen und die Menge seines Geldes auszeichnet, so daß im Falle seines Freispruchs nur der schändlichste Verdacht zurückbleiben könnte. Man wird der Ansicht sein, daß nicht durch Beliebtheit, nicht durch Verwandtschaft, nicht durch richtiges Verhalten zu anderer Zeit, daß schließlich auch nicht durch irgendein unbedeutendes Vergehen so viele und so große Vergehen dieses Angeklagten aus der Welt geschafft worden sind. 48. Endlich werde ich den Prozeß so führen, Geschworene, werde derartige Tatsachen vorbringen — so bekannte, so bezeugte, so schwerwiegende und so handgreifliche —‚ daß niemand versuchen kann, den Freispruch des Verres aus persönlichen Rücksichten von euch zu verlangen. Ich weiß ferner einen sicheren Weg und eine zuverläs5ige Methode, wie ich alle Versuche jener Leute aufspüren und erfolgen kann; ich werde die Sache so führen, daß das römische Volk nicht nur von all ihren Plänen hören, sondern daß es diese auch mit eigenen Augen verfolgen kann. 49. Ihr könnt den Schimpf und die Schande, die diesem Stand schon einige Jahre lang anhaften, von ihm nehmen und aus der Welt schaffen. Alle sind sich darin einig: Seit der Einsetzung der Gerichte, die wir jetzt haben, hat es keinen Gerichtshof von solchem Glanz und solcher Würde gegeben. Wenn in diesem Verfahren irgendwelche Rechtsnormen verletzt werden, wird man allgemein die Meinung vertreten, man dürfe für die Ausübung des Geschworenenamtes nicht mehr andere Geschworene, die geeigneter wären, aus demselben Stand suchen — denn solche gebe es nicht —‚ sondern man müsse überhaupt einen anderen Stand suchen. 50. Deshalb, Geschworene, wünsche ich erstens von den unsterblichen Göttern dasselbe, was ich für mich zu hoffen wage: man möge bei diesem Prozeß keinen nichtswürdigen Menschen finden außer dem, der schon längst gefunden ist. Zweitens versichere ich euch und dem römischen Volk, Geschworene: sollte es tatsächlich mehr als einen Nichtswürdigen geben, werde ich wahrhaftig eher mein Leben verlieren als die Kraft und Ausdauer, die Nichtswürdigkeit jener Leute zu verfolgen. 51.Sollte es zu solch einem schändlichen Vergehen kommen, verspreche ich, streng dagegen vorzugehen trotz der damit verbundenen Mühen und Gefahren, trotz der Feindseligkeiten, die mir das einbringt; du aber, Manius Glabrio, kannst mit deinem Anse- hen, deiner Klugheit und deiner Sorgfalt Vorsorge dagegen treffen, daß es überhaupt so weit kommt. Nimm dich der Gerichte an! Nimm dich der Strenge und der Unbescholtenheit, der Pflichttreue und der Gewissenhaftigkeit an! Nimm dich des Senats an, damit er, in diesem Prozeß erprobt, beim römischen Volk Lob und Beliebtheit erringen kann! Denk daran, wer du bist, wo du stehst, was du dem römischen Volk, was deinen Vorfahren schuldest! Ruf dir das Acilische Gesetz deines Vaters ins Gedächtnis, ein Gesetz, nach dem das römische Volk mit den besten Gerichten und den strengsten Geschworenen über die Rückerstattung der in den Provinzen erpreßten Gelder entschieden hat! 52. Dich umgeben die besten Vorbilder, die dich den Ruhm deines Hauses nicht vergessen lassen, die dich Tag und Nacht daran erinnern, daß du einen sehr tapferen Vater, einen sehr weisen Großvater, einen sehr bedeutenden Schwiegervater gehabt hast. Wenn du daher die Kraft und Energie deines Vaters Glabrio besitzt, den unverschämtesten Menschen entgegenzutreten, wenn du die Klugheit deines Großvaters Scaevola besitzt, die Anschläge vorherzusehen, die man auf deinen guten Ruf und den der Geschworenen unternimmt, und wenn du die Standhaftigkeit deines Schwiegervaters Scaurus besitzt, so daß dich niemand von der richtigen und festen Überzeugung abbringen kann: wenn du das alles besitzt, dann wird das römische Volk erkennen, daß unter einem unbescholtenen und ehrenhaften Vorsitzenden und vor einem sorgfältig ausgewählten Gerichtshof eine große Menge Geld bei einem schuldigen Angeklagten eher dazu beiträgt, den Verdacht auf ein Verbrechen zu vergrößern, als ihm einen Weg zur Rettung zu öffnen.

53. Ich bin fest entschlossen, es nicht dahin kommen zu lassen. daß uns in diesem Prozeß der Vorsitzende und der Gerichtshof ausgetauscht werden. Ich werde nicht dulden, daß die Sache so lange hinausgezögert wird, bis diejenigen, die bisher den Sklaven der für das nächste Jahr gewählten Konsum nicht Folge leisteten. als diese sie alle in einer beispiellosen Weise zum Kommen aufforderten, dann von den Liktoren der amtierenden Konsuln herbeizitiert werden und bis diese unglücklichen Menschen, vorher Bundesgenossen und Freunde des römischen Volkes, jetzt aber Sklaven und Bittsteller, nicht nur ihr Recht und all ihr Hab und Gut unter deren Herrschaft verlieren, sondern auch keine Möglichkeit mehr haben, den Verlust ihres Rechtes zu beklagen. 54. Ich werde in der Tat nicht zulassen, daß nach einer vollständigen Darlegung des Falles durch mich vierzig Tage verstreichen und mir der Verteidiger erst dann antwortet, wenn der lange Zeitraum meine Anklage in Vergessenheit geraten ließ. Ich werde nicht zulassen, daß die Sache erst dann entschieden wird, wenn die zahlreichen Bürger aus ganz Italien, die gleichzeitig der Wahlen, der Spiele und des Zensus wegen von überallher zusammengekommen sind, Rom verlassen haben. Bei diesem Prozeß müssen meiner Meinung nach der Genuß des Ruhms und die Gefahr des Ärgernisseseuch,die Mühe und Sorgemir,die Kenntnis dessen, was verhandelt wird, und die Erinnerung daran, was jeder gesagt hat,allengehören.55.Damit, daß ich sofort die Zeugen befrage, werde ich nichts Neues einführen, sondern etwas tun, was die derzeitig Ersten Männer unseres Staates schon vorher getan haben. Als Neuerung werdet ihr durch mich kennenlernen, Geschworene, daß ich die Zeugen folgendermaßen einsetze: zunächst werde ich jeden Anklagepunkt genau darlegen; sobald ich ihn durch Beweise und Zusammenfassung bekräftigt habe, werde ich dann die zu dem jeweiligen Anklagepunkt passen, den Zeugen vorführen. So besteht kein Unterschied zwischen jenem üblichen Verfahren der Anklage und diesem neuen, außer daß bei jenem die Zeugen erst dann auftreten, wenn alles vorgetragen ist, jetzt aber zu jedem einzelnen Punkt. Folglich haben auch die Verteidiger die gleiche Möglichkeit zu fragen, zu beweisen und zusammenzufassen. Sollte jemand eine zusammenhängende Anklagerede wünschen, wird er sie bei der zweiten Verhandlung hören. Jetzt mag er verstehen, daß das, was ich tue, um der Bosheit jener Leute mit meinem Plan entgegenzutreten, einfach unumgänglich ist. 56. Die Anklage bei dieser ersten Verhandlung lautet folgendermaßen:

Wir behaupten, Gaius Verres hat sich vielfach voller Begierde und vielfach voller Grausamkeit gegen römische Bürger und Bundesgenossen, vielfach voller Frevel gegen Götter und Menschen vergangen, obendrein hat er 40 Millionen Sesterzen aus Sizilien widerrechtlich weggenommen. Das werde ich euch mit Hilfe von Zeugen, Rechnungsbüchern und amtlichen Dokumenten so deutlich machen, daß ihr feststellen werdet, auch wenn ich für mich genug Zeit zum Reden und genug freie Tage gehabt hätte, wäre dennoch keine lange Rede nötig gewesen. Ich habe gesprochen.

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Details

Titel
Cicero - Rede gegen Verres
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V103451
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es kann keine Haftung für eventuelle Übersetzungsfehler übernommen werden! :-)
Schlagworte
Cicero, Rede, Verres, Thema Cicero
Arbeit zitieren
Maria Friebel (Autor), 2001, Cicero - Rede gegen Verres, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103451

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