Der islamische Religionsunterricht als Beitrag zur Radikalisierungsprävention von jungen Muslimen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2021

39 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Radikalisierung von jungen Muslimen in Deutschland
2.1 Begriffsdefinition Radikalisierung
2.2 Gesellschaftliche und religiöse Entwicklung der Muslime in Deutschland
2.3 Formen und mögliche Gründe bzw. Indikatoren von Radikalisierungen von jungen Muslimen in Deutschland

3. Islamischer Religionsunterricht in Deutschland
3.1 Geschichtlicher Hintergrund des Islamischen Religionsunterrichts
3.2 Zentrale Aspekte des Islamischen Religionsunterrichts am Beispiel des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen
3.3 Herausforderungen und Grenzen des Islamischen Religionsunterrichts
3.4 Chancen und Vorteile des Islamischen Religionsunterrichts

4. Islamischer Religionsunterricht als Prävention gegen Radikalisierung
4.1 Definition des Präventionsbegriffes
4.2 Handlungsfelder von Radikalisierungspräventionen
4.3 Der Islamische Religionsunterricht als Präventionsmaßnahme gegen Radikalisierungen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir in den sozialen Medien, in den Nachrichten, im Radio etc. dramatischste Ereignisse in Syrien, im Irak und in der Umgebung verfolgen müssen. Verantwortlich für diese dramatischen Ereignisse waren der sogenannte Islamische Staat und dessen Anhänger. Sie haben zahlreichen unschuldigen Menschen das Recht auf das Leben genommen und waren zudem verantwortlich für die schlimmsten Gräueltaten, indem sie beispielsweise Menschen in Massen exekutiert, vergewaltigt und gefoltert haben. Heute scheint es so, als sei der größte Teil des Islamischen Staates besiegt worden. Jedoch sollte die Gefahr nie außer Acht gelassen und immer wieder vor den Augen geführt werden, damit sich derartige Gefahren bzw. Ereignisse in unserer Gegenwart und in der Zukunft nicht wiederholen.

„Der Aufstieg des Islamischen Staates und die Ausrufung des Kalifates, aber vor allem die Flut an aus Europa stammender Auslandskämpfer haben schließlich nach neuen Konzepten und neuen Erklärungsansätzen verlangt.“1 Anhand dieses Zitates wird deutlich, dass vor allem junge Muslime2 aus Europa zum heiligen Krieg, so wie sie ihn nennen, gereist sind und somit einen maßgeblichen Beitrag für etwaige Massenexekutionen, Folterungen und Vergewaltigungen geleistet haben. In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie es zu Radikalisierungen kommt und vor allem wie man diesen entgegensteuern kann. Hierbei wird insbesondere der Islamische Religionsunterricht als mögliches Handlungsfeld der Prävention in den Blick genommen.

Die vorliegende Arbeit befasst sich zu Beginn mit Radikalisierungen bzw. Radikalisierungsprozessen von jungen Muslimen in Deutschland. Hierzu soll zunächst einmal eine allgemeine Begriffserklärung zur Radikalisierung erfolgen und im weiteren Verlauf sollen dann Radikalisierungsformen bzw. Radikalisierungsprozesse aufgezeigt und näher beleuchtet werden. Letzteres ist deshalb so wichtig, da Radikalsierungen nicht auf einmal stattfinden, sondern Schritt für Schritt.

Wenn von Radikalisierung junger Musliminnen und Muslimen gesprochen wird, ist es auch sinnvoll einen Blick in die Geschichte der Muslime zu werfen, in der man vor allem auf die gesellschaftliche und religiöse Entwicklung der Muslime in Deutschland eingeht. Dadurch soll ein Überblick über die in Deutschland lebenden Muslime geschaffen werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen dann mögliche Radikalisierungsgründe und Indikatoren der Radikalisierung aufgezeigt und thematisiert werden. In einem neuen Kapitel soll dann auf den geschichtlichen Hintergrund des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland, sowie auf dessen zentrale Aspekte, Herausforderungen und Grenzen und auf die Chancen und Vorteile, eingegangen werden. Nachdem eine detaillierte Beschreibung des Islamischen Religionsunterrichts aufgezeigt wurde, soll in einem nächsten Schritt der Versuch unternommen werden und geschaut werden, inwiefern der Islamische Religionsunterricht als Präventionsmaßnahme gegen Radikalisierungsprozesse fungieren kann. In diesem Sinne sollen auch mögliche Definitionsversuche der Prävention und dessen Handlungsfelder dargelegt werden. Die wichtigsten Informationen, Erkenntnisse bzw. Ergebnisse sollen dann zusammenfassend in dem Fazit dargelegt werden.

Daher ergibt sich für die vorliegende Arbeit folgendes Thema: Der Islamische Religionsunterricht als Beitrag zur Radikalisierungsprävention von jungen Muslimen in Deutschland.

In diesem Kontext ist die Auseinandersetzung mit dieser Thematik insbesondere für angehende Lehrkräfte des Islamischen Religionsunterrichts von besonderer Relevanz, da diese einen immensen Einfluss auf junge Musliminnen und Muslime haben und somit möglicherweise einen Beitrag für etwaige Präventionsmaßnahmen leisten können.

In Bezug auf die Forschungslage kann erwähnt werden, dass dieses Thema sehr breit bzw. komplex gefächert ist. Anhand der Fülle an Literaturen ist es möglich, sich fundiertes Wissen über diese Themen anzueignen. Hierbei ist es möglich, das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und näher zu analysieren.

2. Radikalisierung von jungen Muslimen in Deutschland

2.1 Begriffsdefinition Radikalisierung

Viele radikalisierte junge Muslime, die verantwortlich für Terroranschläge sind, verfolgen klare Ziele, wie beispielsweise sehr hohen Schaden anzurichten bzw. Angst und Schrecken in der Gesellschaft zu verbreiten. Um den Radikalisierungsprozess rechtzeitig entgegensteuern zu können, muss zunächst einmal der Begriff Radikalisierung genau verstanden und analysiert werden.

Der Ursprung des Begriffes Radikalisierung sei auf das lateinische Wort radix (deutsch: Wurzel) zurückzuführen und findet in unterschiedlichen Kontexten Anwendung. So stand dieser Begriff beispielsweise im 19. Jahrhundert symbolisch für liberale Reformer und wurde somit nicht zwangsläufig negativ konnotiert, wie es heute oftmals der Fall ist. Jedoch stand die Radikalisierung für eine klare Abgrenzung von bestehenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen und die Hinwendung zu einem anderen politischen System. Des Weiteren seien die Begriffe Radikalität und der Extremismus oftmals im gleichen Kontext wiederzufinden.3 Das Verhältnis dieser beiden Begriffe wird wie folgt beschrieben: „Im Kontext ihrer jeweiligen Zeit galten Radikale immer auch als Extremisten. Der Prozess, durch den sie zu Extremisten wurden, war ihre Radikalisierung.“4 Auch die Begriffe Radikalisierung und Terrorismus stehen im engen Verhältnis zueinander: „Zwar wird nicht jede radikalisierte Person Terrorist. Aber jeder Terrorist hat einen Prozess der Radikalisierung durchlaufen.“5 So sei nach Baehr (2019) ein Terroranschlag nur dann möglich, wenn ein Radikalisierungsprozess zuvor stattgefunden habe.6

Des Weiteren kann hinzugefügt werden, dass die Radikalisierung vor allem ab dem 11. September 2001 immer mehr in den Fokus der Welt geraten ist und seitdem eine besondere Relevanz darstellt. So sei sich die Wissenschaft vor allem ab diesem Datum darüber einig, dass die Radikalisierung unmittelbar mit dem Extremismus bzw. mit der Gewaltbereitschaft zusammenhängt.7

Einen möglichen Definitionsansatz gibt Quent (2016), der die Radikalisierung als einen Prozess der Entwicklung, „[…] in dessen Verlauf ein Individuum immer mehr extreme politische oder religiöse Überzeugungen und Ziele in der Überzeugung annehme, dass extreme Methoden gerechtfertigt seien, um diese Ziele zu erreichen“8, beschreibt. Nach Quent (2016) könne sich der Radikalisierungsprozess neben Individuen, auch auf größere Gruppen bzw. Organisationen als Ganzes übertragen.9

In dem gemeinsamen Werk von Aslan, Akkilic und Hämmerle (2018) wird die Radikalisierung hingegen wie folgt definiert: „Als radikal können […] muslimische Personen oder Organisationen gelten, die sich tiefgehende gesellschaftliche und politische Veränderungen in Deutschland wünschen, die jedoch das gegenwärtige politische und rechtliche System der Bundesrepublik zumindest respektieren und die keine illegalen oder gewalttätigen Maßnahmen ergreifen oder gutheißen.“10

Eine weitere mögliche Definition zeigen Ceylan und Kiefer (2013) auf. Für sie handelt „es sich um einen komplexen und in hohem Maß individuell ausgeprägten Mechanismus […], in dem strukturelle und persönliche Faktoren in Wechselwirkung zueinander stehen.“11 Zudem sind sich die beiden Autoren darüber einig, dass es in Europa kein klares Konzept gibt, um der Radikalisierung wirkungsvoll entgegensteuern zu können. Beispielsweise gibt es die sogenannte britische Prevent-Strategie, die sich jedoch in erster Linie mit muslimischen Gemeinschaften auseinandersetzt und diese unter anderem verantwortlich für Radikalisierungsprozesse sieht. Jedoch sollte das britische Programm mit besonderer Vorsicht genossen werden, da beispielsweise die Verläufe in Deutschland klar zeigen, dass Prozesse der Radikalisierung oftmals nicht in Moscheegemeinden erfolgen.12

Daher kann gesagt werden, dass sich die Definition des Begriffes Radikalisierung als problematisch erweist und sehr umstritten ist, da es keinen Konsens über eine allgemeingültige Definition gibt. Bruckermann und Jung (2017) beschreiben dieses Problem folgendermaßen: „Ähnlich wie im Falle des Begriffs »Islamismus« ist der Begriff »Radikalisierung« in der Sozialwissenschaft unscharf definiert und wird analytisch grob in »gewalttätige« und »nicht-gewalttätige« Radikalisierung unterschieden.“13 Aslan, Akkilic und Hämmerle (2018) führen in diesem Kontext ergänzend auf, dass die Ursachen und die Verläufe der Radikalisierung ebenfalls unklar definiert seien.14 Bruckermann und Jung (2017) nach seien vor allem zwei individuelle Faktoren entscheidend für den Radikalisierungsprozess: „(1) Identitätsprobleme, die durch die Übernahme eines Sicherheit spendenden (nicht zwingend religiösen) Glaubenssystems gelöst werden sollen, und wo auch (aber wieder nicht zwingend) Gewalt in vielfältigen Formen als mögliches Lösungsmuster angeboten wird und (2) soziale Interaktionsdynamiken.“15 Neumann (2019) kategorisiert die Radikalisierung in drei Phasen: In der ersten Phase (kognitive und emotionale Öffnung), welche auch als Prä-Radikalisierung beschrieben wird, geht es darum, dass beispielsweise junge Menschen sich für die Radikalisierung durch bestimmte emotionale Faktoren (z.B. Wut, Erniedrigung, Ärger, persönliche Schicksalsschläge) angezogen fühlen. In dieser Phase spielt die religiöse Identifikation eine untergeordnete Rolle, sie dient vielmehr als Nährboden für die Radikalisierung. Die kognitive Öffnung hingegen beschreibt persönliche Krisen, wie z.B. schwierige Lebensverhältnisse, die Trennung vom Partner oder berufliche Probleme, die zu einer möglichen Radikalisierung führen könnten.

In der zweiten Phase (Ideologisierung) findet der erste Kontakt mit der religiösen Ideologie statt. Hier wird das gewünschte Weltbild aufgezeigt und versucht auf das Individuum zu übertragen. Durch das Schaffen eines klaren Feindbildes sollen hier die gemeinsamen Ziele erreicht werden. In der dritten und letzten Phase (Mobilisierung) soll es um die Planungen und die Ausübungen von Gewalttaten gehen. Diese Gewalttaten sollen sich gegen den Staat richten. Auch die Bereitschaft im Ausland für seine Ideologie zu kämpfen, Terroranschläge auszuüben, sowie die Bereitschaft eine Selbsttötung durchzuführen, sollte in dieser Phase gegeben sein.16

2.2 Gesellschaftliche und religiöse Entwicklung der Muslime in Deutschland

„Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen.“17 Diese Aussage ist auf Max Frisch, der Schriftsteller und Architekt gewesen ist, zurückzuführen. Anhand dieses Ausspruches soll insbesondere der Verlauf der deutschen Einwanderungsgeschichte thematisiert werden. Der Islam ist eine Weltreligion, die im Laufe der Zeit sehr rasch in Deutschland gewachsen ist. Doch wie kam der Islam eigentlich nach Deutschland und wie entwickelte sich diese Religion?

Nach Ahrens (2012) habe der erste Kontakt von Muslimen in Deutschland in den Bereichen Musik, Literatur und über die Kunst stattgefunden und der Kontakt war somit zu Beginn nur in sehr eingeschränktem Maße festzustellen. Einen entscheidenden Beitrag für die islamische Wahrnehmung in Deutschland (aber auch in Europa) trug das sogenannte Osmanische Reich, welches vor allem die Protestanten in ihrer Weltanschauung gegenüber dem Islam stark negativ beeinflusste. Ihrer Ansicht nach sei das Osmanische Reich durch ihre Religion und ihr Militär eine große Gefahr für die gesamte Welt und insbesondere für Europa. Einen maßgeblichen Beitrag zu dieser Weltanschauung trugen vor allem Luther und Calvin bei. Da der Islam, Luthers Auffassung nach, die Rechtfertigungslehre und den Kreuztod Jesu Christi ablehne, sei seiner Meinung nach eine Vereinigung mit dem Islam nicht möglich. Dieses Verständnis unter anderem führte dazu, dass der Islam im Westen für einen langen Zeitraum negativ konnotiert wurde bzw. wird.

Eine weitere Annäherung der beiden Religionen, fand im 18. Jahrhundert auf militärischer Ebene statt als Wilhelm I. seinen muslimischen Kämpfern eine Örtlichkeit zum Verrichten des Gebets anbot. Des Weiteren entwickelte sich ein muslimischer Friedhof im Jahr 1866 in Berlin-Neukölln. Im weiteren Verlauf der Jahre wurden größere Moscheen mit Minaretten gebaut, wie beispielsweise in Berlin-Wilmersdorf in den Jahren 1924-1927. Diese Moschee gilt als die erste Moschee mit zwei Minaretten in der Geschichte Deutschlands. Der unter anderem immer wichtiger werdende bzw. intensivere Handel mit der Türkei sei der Anlass dafür gewesen, dass die Anzahl muslimischer Bürger in Deutschland rapide stieg, vor allem in der Stadt Berlin. Wichtig an dieser Stelle sei jedoch zu erwähnen, dass die türkischen bzw. muslimischen Bürger in Deutschland sich von der Mehrheit der Gesellschaft eher zurückzogen und ein isoliertes Leben führten.18

In diesem Kontext kann aufgeführt werden, dass der Integration nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Diese Tatsache beschreibt Rohe (2016) in seinem Werk folgendermaßen: „Allerdings erfolgten in den ersten Jahrzehnten nach der Zuwanderung keine systematischen Maßnahmen zur Integration und Selbstorganisation. Vieles verlief improvisiert und stark abhängig vom Engagement von Einzelpersonen.“19

Nach Ahrens (2012) sei vor allem ab dem Jahr 1960 ein nennenswerter Aufstieg der Muslime festzustellen. Ein entscheidender Faktor hierbei war, dass Deutschland nach der Niederlage des Zweiten Weltkrieges das Land neu aufbauen musste, allerdings fehlten zu diesem Zeitpunkt entsprechende Arbeitskräfte. Daher reisten viele neue Arbeitskräfte aus dem Ausland ein, insbesondere aus der Türkei. Während in einer sogenannten ersten Anwerberphase vor allem südeuropäische Arbeitskräfte Vorrang erhielten, erhielten türkische und jugoslawische Arbeitskräfte in einer zweiten Phase den Vorzug. In den folgenden Jahren erhielt Deutschland somit auch die Bezeichnung als Gastarbeiterland. Des Weiteren haben die sogenannten Gastarbeiter ihre Angehörigen aus ihren Heimatländern nach Deutschland geholt, was dazu führte, dass die Anzahl der Einwanderer im Laufe der Zeit immer größer und größer wurde. Somit etablierte sich ein neues Religionsbild in Deutschland. Zu Beginn war es der Gastarbeiterislam, der öffentlich nicht präsent gewesen ist. Durch die immer höher werdende Anzahl der Einwanderer entwickelte sich dieses Verständnis, denn etwa ab 1973 sei der Islam auch öffentlich präsent gewesen und wurde somit zu einer Religion, die viele Menschen in Deutschland repräsentierte.20 Dies wird vor allem an folgendem Zitat deutlich:

„Seit der Volkszählung aus dem Jahr 1987 hat sich die Zahl der Mitbürger muslimischen Glaubens von ca. 1,65 Millionen auf ca. 3,3 Millionen verdoppelt. Die Zahl der Muslime mit deutschem Pass hat sich verzehnfacht. Rund 75 Prozent der Muslime in Deutschland stammen aus der Türkei.“21

Neben der Türkei zählen Iran, Marokko, Afghanistan, Libanon, Irak und Pakistan zu den Ländern, aus denen Muslime nach Deutschland eingereist sind. Ein weiterer Beleg für die immer repräsentativ werdende Religion ist, dass ab 1973 die Anzahl der Moscheegemeinden in Deutschland stets wächst. In unmittelbarer Nähe der Moscheegemeinden kam es im Laufe der Zeit unter anderem zur Eröffnung von eigenen Lebensmittelgeschäften und Kleidungsgeschäften, die der islamischen Glaubenslehre entsprechen sollten. Auch der Zugang zur religiösen Literatur, sowohl in der arabischen als auch in der türkischen Sprache, wurde gewährleistet.22

Eine Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz 2009 (DIK-Studie 2009) geht davon aus, dass die Zahl der Muslime in Deutschland heute bei etwa 3,8 bis 4,3 Millionen liege. Überträgt man diese Zahl auf die gesamte Population in Deutschland, so entspricht diese Zahl in etwa 4,6% bis 5,2%. Jedoch seien die Zahlen der in Deutschland lebenden Muslime nach Rohe (2016) inzwischen durchaus höher, weil vor allem die Anzahl der Flüchtlinge rasant gestiegen sei. Diese seien vor allem aus den Ländern Afghanistan, Pakistan, Irak und aus zahlreichen afrikanischen Staaten nach Deutschland geflüchtet. Fraglich ist an dieser Stelle, wie viele der Flüchtlinge sich über einen längeren Zeitraum in Deutschland aufhalten werden und wie viele eine Rückkehr antreten werden. Auch die Tatsache, dass man keine genauen Zahlenangaben in Bezug auf Konvertiten vorliegen habe, mache eine genaue Bestimmung über die Muslime problematisch.23 Diese Problematik wird in dem Werk von Rohe (2016) wie folgt beschrieben: „Gelegentlich kursierende Zahlenangaben (10000 – 100000) sind empirisch nicht abgesichert.“24

Auch anhand der zahlreichen muslimischen Organisationen bzw. Vereine wird deutlich, dass die Anzahl der muslimischen Gläubigen in Deutschland extrem gewachsen sein muss. Zu diesen Organisationen gehören unter anderem: die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM), die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD) etc.25

Die Präsenz der Muslime in Deutschland wird auch durch die Anzahl der Moscheen und Gebetshäuser deutlich. Diese liege nach Baščelić (2015) etwa bei 2600 Moscheen.26

2.3 Formen und mögliche Gründe bzw. Indikatoren von Radikalisierungen von jungen Muslimen in Deutschland

Vor nicht allzu langer Zeit hat der sogenannte Islamische Staat Angst und Schrecken auf der ganzen Welt verbreitet. Sie sind bekannt für ihr hartes Vorgehen, indem sie beispielsweise mehreren Tausenden unschuldigen Menschen das Leben genommen haben. Einen entscheidenden Beitrag hierfür haben unter anderem auch junge Musliminnen und Muslime, die aus Deutschland nach Syrien bzw. Irak zum Heiligen Kampf gereist sind, beigetragen. Für viele Menschen ist jedoch unklar, warum sie das tun. Daher soll in diesem Kapitel der Frage nachgegangen werden, warum sich junge Musliminnen und Muslime von extremistischen Gruppen bzw. Organisationen wie beispielsweise dem Neo-Salafismus radikalisieren lassen. Bei dem Neo-Salafismus handelt es sich um die moderne Form des Salafismus. Hierbei handelt es sich um die Selbstbezeichnung einiger extremistischer Strömungen. Diese wiederum sind in verschiedene Strömungen unterteilt.

Zum einen gibt es den sogenannten puristischen Salafismus, bei welchem die Akteure „alle angeblich oder tatsächlich nicht-islamischen Bestandteile oder Einflüsse […] aus dem eigenen gesellschaftlichen und religiösen Selbstverständnis“27 ausschließen. Sie verhalten sich passiv im politischen Bereich. Im Gegensatz dazu kennzeichnen sich die sogenannten politischen Salafisten dadurch, dass sie eine Veränderung innerhalb der Gesellschaft anstreben. Hierfür machen sie Gebrauch von Missionierungen und Predigten. Die dritte Strömung hingegen wird terroristischer bzw. jihadistischer Salafismus genannt. Im Gegensatz zu den politischen Salafisten sehen sie die Gewalt als legitimes Mittel für die Umsetzung ihrer Ziele an. Sie versuchen die Gesellschaft auf der Basis ihrer eigenen religiösen Auffassung durch Gewalt zu verändern.28

Was macht solche Gruppierungen eigentlich so attraktiv? Hierfür sollen mögliche Bewegungsgründe genannt und erläutert werden.

Ein möglicher Grund für die Radikalisierung von jungen Muslimen sei nach Goertz (2017), dass es klare Angaben in Bezug auf richtiges und falsches Handeln durch Salafisten gibt. Jugendlich befinden sich aufgrund der pubertären Entwicklungen oft in einer Orientierungslosigkeit. Sie sind oft überfordert wenn es beispielsweise um die eigene Selbst- bzw. Identitätsfindung geht.

Die klare Einteilung seitens der Salafisten in die wahren und die unwahren Muslimen schaffen ein klares Freund- bzw. Feindbild. Den jungen Muslimen wird somit die Entscheidung abgenommen, da sie sich einfach der Meinung von Gruppenführern anschließen. Zu den wahren Muslimen gehören, dem Salafismus nach, ausschließlich ähnlich Gesinnte, d. h. alle Menschen die anders denken bzw. handeln werden in die Feindkategorie eingeordnet. Durch das Prinzip Wir gegen die Anderen wird insbesondere extreme Gewalt durch Salafisten im Namen der Religion legitimiert. Um diesem Prinzip stets treu zu bleiben, gäbe es nach Goertz (2017) Orte in Deutschland, in denen man den Kontakt zu den Ungläubigen relativ gut vermeiden könne.

Des Weiteren lassen sich vor allem junge Muslime, die zwischen 12 bis 25 Jahre alt sind, deshalb von der salafistischen Ideologie radikalisieren, weil sie unter anderem auf schwierige Fragen von Alltagsproblemen, eine relativ einfache Antworten erhalten. Diese Antworten basieren in der Regel auf islamischen Quellen, was dazu führt, dass die jungen Muslime den Salafisten Vertrauen schenken können. Jedoch sollte der Wahrheitsgehalt der verwendeten Quellen kritisch betrachtet werden. Wichtig in diesem Kontext ist zu erwähnen, dass sich die schwierigen Fragen nicht nur auf religiöse Fragen beziehen müsst. So erhalten die jungen Muslime für alle Probleme ihres Lebens relativ einfache Antworten und haben somit eine Ansprechpartnerin bzw. einen Ansprechpartner, der/ die immer für sie da ist.29

Ein weiterer wichtiger Grund für die Radikalisierung von jungen Muslimen ist, dass sie das Zugehörigkeitsgefühl in einer Gruppe im Laufe ihrer Lebenszeit wenig erfahren haben. Da Salafisten bzw. Extremisten den jungen Muslimen genau dieses Gefühl vermitteln, fühlen sich diese willkommen. In diesem Kontext ist vor allem auch die Beziehungsebene des jungen Muslims und des Salafisten von essenzieller Bedeutung für eine Radikalisierung.

Wenn sich ein Gruppenmitglied dazu bereit erklärt, eine wichtige bzw. essenzielle Aufgabe im Sinne der extremistischen Gruppe durchzuführen, erfährt dieser immer mehr an Wertschätzung und Bedeutung.30

Ein weiteres Problem nach Baehr (2019) sei, dass Migranten in Deutschland bzw. in Europa starke Integrationsdefizite aufweisen. So seien insbesondere die jungen Menschen, die sich klar gegen eine Integration positionieren, besonders anfällig in ein extremistisches Milieu hineinzugeraten. So seien nach Baehr (2019) etwa 3.000 Personen gewaltbereit und seien somit eine bedeutsame Gefahr für Deutschland.

[...]


1 Pisoiu: Die Dschihad-Subkultur im Westen. Bundeszentrale für politische Bildung. Abrufbar unter: https://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/221565/die-dschihad-subkultur-im-westen. Zuletzt abgerufen am: 15.01.2021.

2 Mit Muslimen werden alle Arten von Geschlechtern gemeint, jedoch soll aufgrund der besseren Lesbarkeit in der Regel diese Form verwendet werden.

3 Vgl. Neumann: Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus. Bundeszentrale für politische Bildung. Abrufbar unter: https://www.bpb.de/apuz/164918/radikalisierung-deradikalisierung-und-extremismus. Zuletzt abgerufen am: 07.12.2020.

4 Ebd.

5 Baehr: Der Weg in den Jihad, 113.

6 Vgl. ebd. , 113.

7 Vgl. Aslan/ Akkilic/ Hämmerle: Islamistische Radikalisierung, 18.

8 Quent: Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus, 27.

9 Vgl. ebd. , 27.

10 Aslan/ Akkilic/ Hämmerle: Islamistische Radikalisierung, 19.

11 Ceylan/ Kiefer: Salafismus, 124.

12 Vgl. ebd. , 124.

13 Bruckermann/ Jung: Islamismus in der Schule, 19.

14 Vgl. Aslan/ Akkilic/ Hämmerle: Islamistische Radikalisierung, 17.

15 Bruckermann/ Jung: Islamismus in der Schule, 19.

16 Vgl. Neumann: Medien und Islamismus, 21-26.

17 Ahrens: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multifaktorielle Problematik und Chance, 8.

18 Vgl. ebd. , 6-8.

19 Rohe: Der Islam in Deutschland, 118.

20 Vgl. Ahrens: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multifaktorielle Problematik und Chance, 8.

21 Ebd. , 9.

22 Vgl. ebd. , 9-10.

23 Vgl. Rohe: Der Islam in Deutschland, 77-78.

24 Ebd. , 79.

25 Vgl. Rohe: Der Islam in Deutschland, 128-142.

26 Vgl. Baščelić: Der Islam im europäischen Einigungsprozess, 292.

27 Pfahl-Traughber: Salafismus- Was ist das überhaupt? Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/211830/salafismus-was-ist-das-ueberhaupt. Zuletzt abgerufen am 30.12.2020.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. Goertz: Islamistischer Terrorismus, 41-42.

30 Vgl. ebd. , 63.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Der islamische Religionsunterricht als Beitrag zur Radikalisierungsprävention von jungen Muslimen in Deutschland
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Jahr
2021
Seiten
39
Katalognummer
V1034569
ISBN (eBook)
9783346446190
ISBN (Buch)
9783346446206
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religionsunterricht, beitrag, radikalisierungsprävention, muslimen, deutschland
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Der islamische Religionsunterricht als Beitrag zur Radikalisierungsprävention von jungen Muslimen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1034569

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