Novalis` von Ofterdingen als romantischer Gegenentwurf zu Goethes Meister


Seminararbeit, 2001

10 Seiten, Note: 2,3


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Zeitgenössische Bedeutung des Wilhelm Meister

Die geistigen Grundlagen der jungen Romantik liegen, obwohl die Epoche nicht als direkte Fortsetzung des Sturm und Drang zu sehen ist, sicher in den Schriften der jungen Stürmer und Dränger, vor allem in denen des jungen Schillers, dessen Freiheitsgedanken und Leidenschaft besonders in der Schrift „Über naive und sentimentalische Dichtung“ bewundert wurden. Um dem Meister nahe zu sein, pilgerten die jungen Romantiker nach Jena, wo Schiller seit 1789 auf Goethes Vorschlag als Professor tätig war.

Bald aber wandte man sich von Schiller und dessen lehrhafter Art und Weltbürgertum ab und Goethe zu. Die titanische Persönlichkeit in seinen Jugendwerken („Prometheus“), der leidenschaftliche Gefühlsüberschwang („Die Leiden des jungen Werther“) und seine Verbundenheit mit dem Mittelalter („Götz“ und „Faust“) ebenso wie die Ideale und die Sehnsucht nach einem vollkommenen Menschen, denen er im „Wilhelm Meister“ Ausdruck verlieh, verkörperten die viel bewunderten und nachgeahmten Vorbilder der Romantik. Die politische Empörung und der Typus des idealistischen, zugleich aber von inneren Abgründen bedrohten Individuums traf das Lebensgefühl eines Jahrhunderts der Revolutionen und Umbrüche. Auch die Formlosigkeit dieser Goetheschen Werke entsprach durchaus der Kunstanschauung der frühen Romantiker der Jenaer Runde, denen sowohl die Brüder Schlegel, als auch Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, Ludwig Tieck und Georg Philip Friedrich von Hardenberg (Novalis) angehörten.

1795/96 erschien die Erstausgabe Goethes Romans „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ in vier Bänden, die 1821 durch die Weiterführung „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ oder „Die Entsagenden“ von Goethe, vielleicht auch als Antwort auf die Kritiken aus den Reihen der Romantiker, ergänzt wurde. (So erklärt Goethe im Briefwechsel mit Schiller (8. Und 12. Juli 1796) die Fortsetzung seiner Lehrjahre als „Correlatum“, das die „Meisterschaft“ zum Ziel haben müsse. )

Vor allem aus den eigenen Reihen der Weimarer Klassik erntete Goethe Kritik zu diesem Werk. Nicht nur sein Freund Schiller, der seine Kritik bezüglich der Freizügigkeit des Helden sehr zart anbrachte („... mir deucht, daß Sie hier die freie Grazie der Bewegung etwas weiter getrieben haben, als sich mit dem poetischen Ernst verträgt...“ im Briefwechsel mit Schiller (8. Juli 1796)). Friedrich Heinrich Jacobi ging sogar soweit, dem Werk zu unterstellen es herrsche „ein gewisser unsauberer Geist darin“ (1) und auch Johann Gottfried Herder wirft Goethe vor, er ließe seinen Protagonisten sich über „zarte moralische Begriffe“ hinwegsetzen (Herders Brief an die Gräfin Caroline Baudissin (1796)).

Christian Gottfried Körner und Wilhelm von Humboldt stritten sich indessen über die Frage, ob die Lehrjahre nun die vollendete Bildung Wilhelms aussprächen oder nur dessen vergebliches Streben danach. Körner, der mit seinem Horen-Brief 1796 das wohl folgenreichste Dokument in der Rezeptionsgeschichte der Lehrjahre schuf, stand dabei auf dem Standpunkt, dass der Held der Lehrjahre, Wilhelm Meister, „seine schöne menschliche Natur“ zu einem „vollendeten Gleichgewicht - Harmonie mit Freyheit“ brächte (Die Horen 8 (1796)). Körner prägte auch den Begriff des Bildungsromans, dessen Definition in den Folgejahren immer stärkere Bedeutung gewann und für die Romantiker eine entscheidende Rolle als Kunstform spielte.

Die jungen Romantiker bewunderten das Werk, was sich am prägnantesten in Friedrich Schlegels Fragment über die drei großen Tendenzen des Zeitalters zeigt, erschienen 1798 im „Athenäum“, der Programmzeitschrift der Jenaer Romantiker, in dem er schreibt: „Die französische Revolution, Fichtes „Wissenschaftslehre“ und Goethes „Meister“ sind die größten Tendenzen des Zeitalters...“.

In der "Wissenschaftslehre" hatte Fichte das von Kant initiierte Modell einer Selbstbegründung der wissenden Vernunft weiter radikalisiert, indem er der Ichheit ein Nicht-Ich entgegensetzte, an dem sich das Ich definiert und abarbeitet, um seine Freiheit zu erhalten.

Nennt Schlegel also Goethes Meister in einem Atemzug mit der „Wissenschaftslehre“ und den, mit den herrschenden politischen Zuständen brechenden Ereignissen der französischen Revolution, zeigt er hierin ganz deutlich das Selbstverständnis der Weltanschauung der Jenaer Romantiker. Der weltbürgerliche Realismus der Zeit soll überwunden werden. Der radikale Versuch, die Welt allein mit aufklärerischer Vernunft zu erklären und zu gestalten, endet im Krieg und im Chaos, der Mensch muss also sich selbst definieren und erkennen, um sein Glück auf Erden zu finden.

Ebenfalls 1798 veröffentlichte Schlegel ebenfalls im „Athäneum“ seine Rezension „Über Goethes Meister“, in der er vor allem die Darstellung der Charaktere und ihrer Menschlichkeit, die den Leser in seinen Bann ziehen, lobte. Auch spricht er in dieser Schrift oftmals von der „feinen Dichtkunst, die über dem ganzen schwebt“, hebt die moderne Weltanschauung mit dem Überschreiten der Standesgrenzen und das Hochhalten des momentanen Genusses hervor. Er lobt die „edle Gesinnung“ des Protagonisten, dessen Geist sich nicht durch strenge Schulbildung sondern durch sein eigenes Nachdenken bildet.

Ebenfalls macht er die Vermittlung einer für die Romantik maßstabsetzenden, lebendigen Kunstlehre deutlich, deren wichtigste Bestandteile die „romantische Ironie, die über dem ganzen Werke schwebt“ und eine Neudefinition des Kritikbegriffes sind. Auch stellt Schlegel die „Poesie der Poesie“, also die Vergegenständlichung der Dichtung in der Dichtung heraus, die einen zentralen Punkt der romantischen Dichtungsauffassung ausmacht; hier sei die Hamlet Besprechung und Aufführung genannt, die Wilhelm Meister im Roman mit seiner Schauspieltruppe durchführt.

Er schließt sich somit der Auffassung an, dass Wilhelm am Ende des Romans vergeblich nach Bildung strebend sei und stellt heraus, dass die „Bildung selbst in mannigfachen Beispielen dargestellt und in einfache Grundsätze zusammengedrängt werden“ sollte.

Dieser Standpunkt macht eine weitere Überzeugung der Romantiker deutlich, nämlich die Sehnsucht, die eigene Unvollkommenheit im Erdendasein zu überwinden und Vollendung im Jenseits zu finden. Novalis manifestiert diese Vollendung in der „Blauen Blume“ der Romantik, die in den Folgejahren Sinnbild für diese Sehnsucht wird.

Novalis‘ Kritik am Meister

Auch Novalis schloss sich dem Lob seiner romantischen Mitstreiter an. Er beschäftigte sich vor allem im Jahr 1797 sehr intensiv mit dem „Meister“. Damals noch galt ihm Goethe als „der wahre Statthalter des poetischen Geistes auf Erden“ (Blütenstaub Fragment, Nr. 106). Er bewunderte vor allem Goethes „Bildungskunst“ als Dichter der Wirklichkeit, „er macht wirklich etwas, während andere nur etwas möglich - oder notwendig machen“ (Entwurf zu einem Goethe Essay von (1798)).

Allerdings zeigten sich bereits in dieser Schrift seine ambivalente Haltung zu Goethes Werk und sein Standpunkt zum Inhalt der Lehrjahre. Der Roman ist für ihn „ein Kunstprodukt, ein Werk des Verstandes“. Schreibt er doch, „Goethe wird und muss übertroffen werden“, hier allerdings noch mit dem Zusatz „Aber nur wie die Alten übertroffen werden“. Und dennoch bleibt für ihn zunächst bestehen: „Die Philosophie und Moral des Romans sind romantisch. Das Gemeinste wird wie das Wichtigste, mit romantischer Ironie angesehn und dargestellt“.

In seiner Auseinandersetzung mit dem Roman wird ihm aber fortlaufend bewusst, dass für ihn das neue Zeitalter, das für die Romantiker mit Ausbruch der französischen Revolution bereits im Entstehen ist, sich eben aus den von Goethe in den Lehrjahren gesetzten Grundsätzen lösen muss, den Verstand als vorgesetzte Instanz zu betrachten, die Welt mit bestehenden Naturgesetzen zu erklären und die Vernunft als einzige Wahrheit gebende Kraft zu beschreiben.

So äußert er 1800 in Briefen an Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, dass die Lehrjahre im ganzen „gewissermaaßen durchaus prosaisch - und modern“ seien. „Das Romantische“, „die Naturpoesie“, „das Wunderbare“ gingen darin zugrunde. Ein „Künstlerischer Atheismus“, in dem die „Oeconomie“ und die Vernunft die Poesie besiegen, sei im ganzen Werk vorherrschend, was das Buch „undichterisch im höchsten Grade“ mache. Die poetische Darstellung des „prosaischen Stoffs“ lasse aus „Stroh und Hobelspänen“ ein wohlschmeckendes Gericht, ein Götterbild, entstehen“.

Novalis sieht Goethes Protagonisten Wilhelm mit jedem Schritt, den er während seiner Reise tut, sich auch immer mehr von seinen jugendlichen Phantasien, Zielen und Idealen entfernen und ihn am Ende des Romans in einem „werktätigen Leben“ aufgehen, das Goethe als höchstes Ziel eines jeden gebildeten Menschen erscheinen lässt. Es scheint fast, als missbrauche Goethe in seinen Augen die Poesie, indem er die Dichtung zur Verherrlichung dieses vernünftigen und weltbürgerlichen Lebens benutzt.

Als „Candide gegen die Poesie“ bezeichnet Novalis den Meister in einem Brief an Tieck (ebenfalls 1800), man wisse nicht, wer schlechter wegkömme - die Poesie oder der Adel, jene weil er sie zum Adel, dieser weil er sie zur Poesie rechnete. Seine Kritik, so scheint es, richtet sich also primär gegen diesen Missbrauch der Dichtkunst, die er in einem völlig anderen Zusammenhang versteht.

Novalis möchte die Poesie nicht als Kunstform, sondern vielmehr als Universalpoesie, als Einheit von Philosophie, Religion und den verschiedenen Dichtungsgattungen verstanden wissen. Der Künstler bemächtigt sich seiner Einbildungskraft und macht so seine geistige Aktivität sichtbar. "Die Philosophie erhebt die Poesie zum Grundsatz. Sie lehrt uns den Wert der Poesie kennen" (2), schreibt Novalis hierzu.

Die Ideen der Vernunft, die in seinen Augen zwar nie Gegenstand der Erkenntnis und doch für eine sinnvolle Auslegung der Wirklichkeit notwendig sind, erhalten Novalis‘ Meinung nach ihre normative Kraft durch die unerschöpflichen Bilder der Poesie. Es muss also mit Hilfe der Poesie eine neue, allgemein anerkannte Mythologie geschaffen, das Leben poetisiert werden, um die ideellen Ansprüche der Vernunft mit Natur, Geschichte und Gesellschaft zu vereinen. Diese neue Mythologie soll die positiven Errungenschaften der Aufklärung nicht aufgeben, sondern mythologisch chiffrieren, um sie allen Menschen zugänglich zu machen. "Wenn die Philosophie durch ihre Gesetzgebung die Welt erst zu dem wirksamen Einfluss der Ideen bereitet, so ist gleichsam Poesie der Schlüssel der Philosophie, ihr Zweck und ihre Bedeutung; denn die Poesie bildet die schöne Gesellschaft - die Weltfamilie - die schöne Haushaltung des Universums" (3) schreibt Novalis dazu.

Ähnlich äußert sich auch Schlegel zu dieser Auslegung der Poesie 1803 in seinem Aufsatz „Literatur“: „Esoterisch aber nennen wir diejenige Poesie, die über den Menschen hinausgeht, und zugleich die Welt und die Natur zu umfassen strebt, wodurch sie mehr oder weniger in das Gebiet der Wissenschaft übergeht, und auch an den Empfänger ungleich höhere oder doch combinirtere Forderungen macht“.

Für Novalis folgt aus dieser Neuauffassung der Poesie, dass der Meister nicht nur übertroffen („wie die Alten übertroffen werden können“) sondern überwunden werden muß.

Novalis‘ Gegenentwurf zu Goethes Wilhelm Meister: Heinrich von Ofterdingen So entstehen schließlich 1799 die Idee und das Konzept zu seinem Gegenentwurf, dem Fragment „Heinrich von Ofterdingen“. Die Arbeiten am Heinrich von Ofterdingen beginnen im Dezember 1799 und enden im Oktober 1800, als den Dichter eine „langwierige Krankheit des Unterleibes und der Brust völlig außer Tätigkeit gesetzt“ hatte (Brief an Tieck). So kann der zweite Teil des Werkes auch von Novalis nicht fertiggestellt werden, bevor er am 15. März 1801 verstirbt. Das Werk bleibt ein Fragment.

Dieses Bruchstückhafte schließt an die Romangestaltung der Romantiker an, die ihre Arbeiten häufig fragmentarisch gestalten, um Ideenreichtum und Phantasie zu beflügeln, wobei die Unabgeschlossenheit des ganzen Romans natürlich ungewollt, die Gestaltung der fertiggestellten Teile aber ganz klar diesem Stil folgt.

Und obwohl Novalis in seiner Erzählweise nach der Schlichtheit des Goetheschen Werkes strebt, unterscheidet sich die Form beider Romane deutlich. Die einzelnen Märchen und Träume im Ofterdingen, die fragmentarisch bleiben und dem Leser wie dem Protagonisten eine offene Auslegung erlauben, unterscheiden sich deutlich von der als ganzes durchdachten Geschichte des Wilhelm Meister, in dem sogar die Geschichte in der Geschichte, die Bekenntnisse einer schönen Seele, sich auf perfekte Weise in die Handlung des Romans einbinden.

Seinen Protagonisten entleiht Novalis der nicht belegbaren Saga des Minnesängers Heinrich von Ofterdingen, auf die er in verschiedenen spätmittelalterlichen Legendensammlungen trifft. Er benutzt hier ein von den Romantikern gerne verwendetes Stoffgebiet: das Mittelalter, welches in der Klassik als dunkles Zeitalter angesehen wurde, das erst durch die Aufklärung erlöst wurde, erlangt in der Romantik neuen Glanz als Epoche des Heldentums und der innigsten Frömmigkeit, wie dies etwa mit den Gralsrittersagen übermittelt wurde.

Die Geschichte folgt dann aber Goethes Roman. Der junge Heinrich begibt sich wie der junge Meister auf eine Reise, die seine Eltern für ihn vorgesehen haben und die ihm letztendlich den Weg in das erwachsene Leben zeigen soll. Doch bereits in diesem Aufbruch zur Wanderschaft zeigt sich Novalis differenzierte Einstellung zur Bildung des Menschen. Während Meister sich zwar dem Willen des Vaters scheinbar beugt, um dann aus den vorgegebenen Strukturen auszubrechen, läßt sich Heinrich von der Mutter an die Hand nehmen und statt einem in seinem Inneren herangewachsenen Plan zu folgen, lässt er sich auf alle Einflüsse ein, die während seiner Reise auf ihn einwirken. Mit großen staunenden Augen geht er in die Welt hinaus und erlebt statt zu planen.

Novalis lehrt also hier, dass die Realität nicht primär durch Handeln zu verändern ist, sondern durch umfassende Reflexion neu auszulegen, dass sich eine Veränderung des Lebens also im Bewusstsein des Individuums vollzieht.

Sicher ist hier ein weiteres wichtiges Moment, dass nämlich die Bildung, die Wilhelm während seiner Wanderung erlangt, auf gewisse Weise von außen eingegeben bzw. erlernt ist. So entwickelt Wilhelm - wiederum in der Hamlet-Besprechung - eine neue Interpretation und Aufführungsart des Stückes gemeinsam mit seiner Schauspielertruppe. Ofterdingen hingegen kann die Poesie, die später sein „Handwerk“ werden soll, nicht erlernen sondern er schließt sie aus seinem Inneren. Seine Träume und die Märchen, die ihm während seiner ‚Reise erzählt werden, berühren ihn zutiefst, so dass die Dichtkunst in ihm reifen kann.

Statt also, wie Novalis Goethe unterstellt, dem „Evangelium der Oeconomie“(3) zu huldigen, versucht er eine Apotheose der Poesie, in der die Dichtkunst in einem künstlerischen Roman, also die Poesie durch die Poesie vergöttlicht wird.

Betrachtet man die in beiden Romanen auftretenden und die beiden Hauptfiguren beeinflussenden Personen und Gruppen, können auch hier durchaus Parallelen gezogen werden. Novalis selbst findet in Goethes Roman die immer wieder in anderen Variationen wiederkehrenden Charaktere, was besonders deutlich in der Figur der Natalie herausgehoben wird, ist sie doch eine perfekte Symbiose aus der Tante, die als die schöne Seele beschrieben wird, und der praktischen und lebensnahen Therese, die beide zu verschiedenen Zeitpunkten einen starken Einfluss auf Meister haben. Novalis spielt dieses Verwandlungsspiel in seinem Roman weiter. Der Einsiedler, der Graf von Hohenzollern, nimmt später die Gestalt Klingsohrs an, weiterhin wird Mathilde, die Tochter Klingsohrs zu Cyane, die wiederum die Tochter des Grafen ist, bis sich zum Ende des Romans, der allerdings nur in einer Zusammenfassung von Tieck vorhanden ist, alle Charaktere selbst in Märchengestalten verwandeln und im goldenen Zeitalter aufgehen.

Im Gegensatz zu Goethe, der seine Figuren zwar immer weiter entwickelt und deren positive Eigenschaften von Wilhelm aufgenommen werden, ist bei Novalis nun aber nicht mehr das einzelne Individuum wichtig, sondern ein Zusammenspiel aus allen Charakteren und deren Wesenszügen, eine „Symphonie“ der Fühlenden, Ofterdingen als Roman der Seelenwanderung. So fragt Heinrich Cyane: „Warst du schon einmal gestorben?“, was sie mit der Gegenfrage „Wie könnte ich sonst leben?“ beantwortet. (4)

Eine „Symphonie“ entsteht aber nicht nur aus den im Ofterdingen beschriebenen Figuren und Charakteren, sondern ebenfalls in deren Zusammenspiel mit der Natur. Während bei Goethe die Natur noch als Beobachtung der Wirklichkeit beschrieben wird, zeigt sich bei Novalis bereits die den Romantikern eigene Naturverbundenheit. Die Natur und ihre Erscheinungen werden zum Sinnbild für geheimnisvolle Empfindungen der Figuren, natürliche Erscheinungen werden gefühlsmäßig erfasst. So wandert Heinrich im fünften Kapitel des ersten Romanteils dem Berg zu, in dem er den Einsiedler treffen soll und wird von den mondbeschienenen Hügeln über die er wandert in eine ganz traumwandlerische Stimmung versetzt, die sein Gemüt bereits auf das Kommende, zu Erlebende vorbereiten.

Gegenentwurf oder Weiterführung

Nach Novalis eigener Aussage ist sein „Heinrich von Ofterdingen“ der Versuch, Goethes „Wilhelm Meister“ zu übertreffen. Gleichzeitig ist der Meister aber auch sein Vorbild, dem er durch formale und inhaltliche Annäherung gleichzukommen versucht. Der Ofterdingen also als Neuinterpretation der von Goethe notierten Thematik und Novalis als einer, der auszog, die Meisterschaft zu erlangen?

Sicherlich beschreibt Novalis in seinem Roman auch seine Wunschgedanken, ein Dichter, ein Verkünder und Bringer des goldenen Zeitalters zu sein. Er sieht sich selbst darin, die Poesie durch seine Poesie, seinen Roman zu vergöttlichen. Allerdings gibt er ganz klar zu, dass eine übergeordnete Lehrerfigur ihn in diese Dichtkunst einweisen muss. Diese ist im Roman in der Klingsohrgestalt zu finden, die in der Rezensionsgeschichte des Romans sehr oft als Goethefigur interpretiert wird.

Im Roman selbst kann beispielsweise die Personenbeschreibung Klingsohrs im sechsten Kapitel des ersten Teils als Indiz dafür herangezogen werden. „Ein edles Ansehen“, das durch den „ heitren Ernst“ seines Gesichts, „eine offene schön gewölbte Stirn“, „große schwarze durchdringende und feste Augen, ein schalkhafter Zug um den Mund und durchaus klare, männliche Verhältnisse“ (5) verstärkt wird, malen das Bild eines Goethes, wie er auch auf zahlreichen zeitgenössischen Gemälden dargestellt wird. Auch legt er seinem Klingsohr Elemente der Goetheschen Weltanschauung und Poetik in den Mund und zeichnet so das Wunschbild seines Dichtervaters.

So stark also Novalis‘ Kritik an Goethes überholbarem Weltbild und seiner Ideologie ist, so erkennt er ihn dennoch stets als Vorbereiter einer neuen Ideologie an, die jungen Dichter, eben indem sie die alten übertreffen, aufgreifen und somit das goldene Zeitalter einleiten können.

Anmerkungen

(1) Ehrhard Bar, Erläuterungen und Dokumente, Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Reclam, Ditzingen 1995, S. 298.
(2) Novalis Werke. Hrsg. von Gerhard Schulz, Beck, München 1981, S. 401.
(3) Novalis Werke. Hrsg. von Gerhard Schulz. Beck, München 1981. S. 378.
(4) Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Reclam, Ditzingen 1987, S.163.

Bibliographie

Bar, Ehrhard - Erläuterungen und Dokumente, Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Reclam, Ditzingen 1995.

Von Goethe, Johann Wolfgang - Wilhelm Meisters Lehrjahre, Fischer, Frankfurt 1999.

Götze, Martin - Philosophische Ästhetik - Ästhetische Philosophie, (Teil I und II) Forum for Philosophy and Culture - (1992) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/kunst/rom1.htm

Novalis - Heinrich von Ofterdingen, Reclam, Ditzingen 1987.

Ritzenhoff, Ursula - Erläuterungen und Dokumente, Novalis: Heinrich von Ofterdingen, Reclam, Ditzingen 1999.

Schulz, Gerhard - Novalis Werke. Hrsg. von Gerhard Schulz, Beck, München 1981.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Novalis` von Ofterdingen als romantischer Gegenentwurf zu Goethes Meister
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
10
Katalognummer
V103479
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novalis`, Ofterdingen, Gegenentwurf, Goethes, Meister
Arbeit zitieren
Petra Filipowski (Autor), 2001, Novalis` von Ofterdingen als romantischer Gegenentwurf zu Goethes Meister, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103479

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