Die hundert Tage Stresemanns


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
11 Seiten, Note: 1

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1. Einleitung

In der Zeit vom 13.8.1923 bis zum 30.11.1923 wurde das Deutsche Reich von einem Kabinett unter der Führung des Reichskanzlers Dr. Gustav Stresemann regiert. Trotz dieser recht kurzen Zeitspanne von nur 109 Tagen fielen in diese Zeit mehrere, vor allem innenpolitische Spannungen. Daß die junge Republik diese Periode überlebte ohne in Chaos zu versinken oder in mehrere Kleinstaaten auseinanderzubrechen ist um so verwunderlicher, als daß der Reichskanzler dieser Zeit eigentlich ein überzeugter Monarchist war:

1.1. Stresemanns Werdegang:

Gustav Stresemann wurde 1878 in Berlin geboren. Sein Vater war Gastwirt und Flaschenbierhändler und konnte seinem Sohn den Besuch eines Gymnasiums bezahlen. Nach der Schule studierte dieser Wirtschaftswissenschaften und fertigte eine Dissertation über den Berliner Flaschenbierhandel an. Danach übernahm er Führungsaufgaben in diversen Industrieverbänden ehe er Syndikus des „Bundes der Industriellen“ wurde. Er wurde Mitglied der nationalliberalen Partei, wurde mit 28 Jahren jüngstes Mitglied des Reichstages, und wurde 1917 Fraktionsführer. Während des Weltkrieges befürwortete Stresemann einerseits die Initiativen zur parlamentarischen Verantwortlichkeit der Reichsregierung und der Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechts in Preußen, stand aber außenpolitisch für den „Siegfrieden“ und eine scharfe Annexionspolitik ein. Von Scheidemann wurde er sogar als „die Kriegstrompete“ bezeichnet. Sein Antrag auf Mitgliedschaft in der Deutschen Demokratischen Partei wurde in beleidigender Form zurückgewiesen. Während der Revolution lehnte Stresemann diese aus seiner monarchisch-nationalen Überzeugung heraus ab. Die Deutsche Volkspartei, die unter seiner Mitwirkung gegründet wurde, hatte die Einführung eines vom Volk gestützten Kaisertums, nach den Vorstellungen der Liberalen des 19. Jahrhunderts, zum Ziel. Aber Stresemann selbst erkannte bald die neue Staatsform als gegeben an und war bereit, sich innerhalb ihrer Grenzen politisch zu betätigen. Dies bedeutete allerdings keine Wandlung vom überzeugten Monarchisten zum überzeugten Republikaner, sondern vielmehr wurde er zum „Vernunftrepublikaner“. Bis zu seinem Tode verlor er jedoch nie seine Bewunderung für die Monarchie.

Da Stresemann es verstand, die DVP nach seinen Vorstellungen zu führen, bestimmte er bis zu seinem Tode am 3. Oktober 1929 größtenteils die Politik der Partei, auch wenn er zum Ende hin zunehmende Probleme hatte, das Abdriften seiner Partei nach rechts zu verhindern.

Stresemann war schon mehrfach Kandidat für das Reichskanzleramt gewesen. Er war ein Befürworter der großen Koalition (SPD; DDP, DVP, BVP) und stand für eine Politik des Ausgleichs zwischen Arbeitern und Industrie sowie zwischen den entgegengesetzten politischen Strömungen.

1.2. Die Politische Situation 1923:

Der Vorgänger von Gustav Stresemann im Amt des Reichskanzlers war Wilhelm Cuno. Cuno hatte nicht viel Erfolg gehabt während seiner Amtszeit. Letztendlich hatte er wegen der u.a. durch den Ruhrkampf bedingten desolaten Reichsfinanzen zurücktreten müssen weil er sich nicht dazu entschließen konnte den Ruhrkampf zu beenden und nachdem sich der Koalitionspartner SPD gegen ihn erklärt hatte. Stresemann wurde am 12. August, nur wenige Stunden nach Cunos Rücktritt, vom Reichspräsidenten Friedrich Ebert zum Reichskanzler ernannt. Jedoch war die Regierungsbildung mit der Großen Koalition (Zentrum, SPD, DVP, DDP) von Anfang an mit schweren Problemen verbunden: Viele Mitglieder der DVP waren strikt gegen eine Zusammenarbeit mit der SPD, und die SPD selber war innerlich zerstritten und uneinig über die politische Linie. In ihr hatten sich mehrere Flügel gebildet, von denen der gewerkschaftliche Flügel ein Bündnis mit der industriellen DVP opponierte. Bei der Vertrauensabstimmung im Reichstag konnte auch Stresemanns Autorität nicht das Fehlen eines Drittels der DVP-Fraktion verhindern, und auch große Teile der sozialdemokratischen Fraktion waren abwesend. Stresemann beklagte sich bald, daß angesichts der Unberechenbarkeit der SPD eine Regierung mit ihr fast unmöglich sei. Trotzdem war sie im ersten Kabinett in ungefähr gleicher Stärke, wie die DVP vertreten:

Reichskanzler: Dr. Stresemann (DVP) Wiederaufbau, Stellvertreter: Robert Schmidt (SPD), Gewerkschaftler Auswärtiges: beauftragt Dr. Stresemann (DVP)

Inneres: Wilhelm Sollmann (SPD) Finanzen: Dr. Hilferding (SPD), ehemals USPD, der theoretische Kopf der Sozialdemokratie Wirtschaft: Hans von Raumer (DVP), Syndikus der deutschen Elektroindustrie Arbeit: Dr. Brauns (Zentrum)

Justiz: Dr. Gustav Radbruch (SPD), Heidelberger Rechtsphilosoph Wehr: Dr. Geßler (Dem.)

Post: Dr. Höfle (Zentrum)

Verkehr: Oeser (Dem.)

Ernährung: Dr. Luther (DVP)

Besetzte Gebiete: Fuchs (Zentrum)

Dieses Kabinett regierte in dieser Zusammensetzung bis zum 6.10.1923. Die SPD hatte mit den Resorts Inneres, Finanzen und Justiz drei Schlüsselstellungen im Reich bekommen. Die sozialdemokratischen Minister wollten den Ruhrkrieg beenden, eine Verständigung mit der Entente herbeiführen und die Währung stabilisieren.

2. Die Außenpolitik

Wie aus der obenstehenden Liste der Minister zu ersehen ist, war Gustav

Stresemann nicht nur Reichskanzler sondern auch gleichzeitig Außenminister. Leider lassen sich Informationen über Stresemanns außenpolitischen Vorstellung während seiner Zeit als Reichskanzler nur sehr schwer finden. Es gibt allerdings detaillierte Quellen über seine diesbezüglichen Ziele, sowohl aus seiner Abgeordnetenzeit, als auch aus seiner Zeit als Reichsaußenminister vom 30.11.1923 - 3.10.1929. Mit Hilfe dieser Quellen läßt sich sein außenpolitisches Programm jedoch recht gut

interpolieren.

2.1. Die Ziele:

Stresemanns Außenpolitik verfolgte vor allem folgende Ziele:

- Befreiung des Ruhrgebiets von französischer Besatzung

- Lösung der Reparationsfrage zu Gunsten Deutschlands, Sicherung des Friedens zur Wiedererstarkung Deutschlands

- Schutz der Auslandsdeutschen in den Gebieten, die nach dem Weltkrieg von

Deutschland abgetrennt worden waren

- Korrektur der Ostgrenzen: Wiedergewinnung Danzigs, polnischem Korridor, und die Korrektur des Verlaufs der Grenze in Oberschlesien

- Langfristig: Anschluß von Deutsch-Österreich (Es war Stresemann allerdings klar, daß Deutschland nicht in der Position war ein solches Ziel in der näheren Zukunft zu erreichen)

Die Lösung der Reparationsfrage und die eng damit verbundene Befreiung des Ruhrgebiets gedachte Stresemann vor allem durch entschlossenes Auftreten Deutschlands zu erreichen. Er wollte erreichen, daß sich alle politischen Kräfte in dieser Frage einig würden, um gemeinsam in dieser Frage in der es „um Leben und Tod des deutschen Volkes“ ginge vorzugehen. Seine Strategie Frankreich gegenüber war ein klares Bekenntnis von den Franzosen zu fordern, ob es ihnen wirklich um das Geld ginge oder ob sie Deutschland zerschlagen wollten. In ersterem Falle wollte er durch Kompromißbereitschaft und Kooperation keinen Zweifel an der Zahlungsbereitschaft Deutschlands lassen. Im zweiten Falle würde, so hoffte er, Frankreich international als Aggressor dastehen und eine kompromißlose Linie Deutschlands von den anderen Großmächten verstanden oder sogar unterstützt werden. Er hoffte dabei vor allem auf die Hilfe Großbritanniens.

2.2. Die Ruhrkrise:

Die Außenpolitik wurde in dieser Zeit vor allem durch das Problem der Besetzung des Ruhrgebiets dominiert (die innenpolitischen Aspekte dieser Krise werden später behandelt werden): Ende 1922 hatte Deutschland die nach dem Versailler Vertrag erforderlichen Holzlieferungen nicht erfüllt. Daraufhin stellte die alliierte Reparationskommission am 26.12.22 fest, daß Deutschland gegen den Versailler Vertrag verstoßen habe. Nachdem die Kommission am 9.1.23 auch eine absichtliche Zurückhaltung von Kohlelieferungen festgestellt hatte, und ein amerikanischer Vermittlungsversuch gescheitert war, begann am 11.1. der Einmarsch von fünf französischen und einer belgischen Division in Essen und Gelsenkirchen, bald darauf auch in Bochum, Dortmund und weiteren Städten. Die Invasionstruppen erreichten im Laufe des Jahres eine Stärke von 100.000 Mann.

Die Invasionstruppen überwachten den Abtransport von Holz und Kohle, hatten allerdings Probleme kooperationswilliges Personal zu finden. Dieser „passive Widerstand wurde von der Reichsregierung offen unterstützt. Doch die zusätzlich dazu durchgeführten Sabotageakte trugen nicht gerade zu einer Verbesserung der Verhandlungsposition der Reichsregierung bei.

Nach dem Rücktritt von Reichskanzler Cuno hatte es zunächst nach einer Verbesserung der Lage ausgesehen: Die Britische Regierung hatte die Ruhrbesetzung als illegal verurteilt und den Rückzug der französischen Truppen gefordert. Doch Paris erklärte in seiner Antwortnote vom 20. August, es müsse daran festhalten, das Ruhrgebiet als territoriales Pfand aus dem Reichsgebiet auszugliedern. Die Reichsregierung war nun machtlos, zumal der passive Widerstand zunehmend die Reichsfinanzen belastete. Schließlich wurde der Ruhrkampf aufgegeben und es sollte erst durch den Young-Plan zu einer Lösung der Ruhrgebietsfrage kommen.

3. Die Innenpolitik

Trotz der außenpolitischen Bedeutung der Ruhrbesetzung und den späteren Verdiensten Stresemanns als Außenminister waren die 109 Tage der beiden

Regierungen Stresemanns mehr von der Innenpolitik geprägt. Es kann noch heute Verwunderung hervorrufen, daß die ohnehin instabile Republik an den diversen Krisen nicht zerbrach:

3.1. Ruhrkampf:

a) Das Problem: Wie schon unter 2.2 berichtet, hatte die französische Armee im Januar 1923 mit dem Einmarsch ins Ruhrgebiet begonnen. Daraufhin war ein Sturm der Entrüstung durch alle sozialen Schichten Deutschlands gegangen. Die Reichsregierung stellte alle Reparationslieferungen ein und wies alle Beamten an, soweit es möglich sei, nicht mit den Besatzern zu kooperieren. Am 13. Februar rief Präsident Ebert dann offiziell alle Betriebe zum „passiven Widerstand“ auf. Doch alle Appelle der Reichsregierung konnten nicht verhindern, daß es auch zu aktivem Widerstand, nämlich Sabotageakten, kam, die vor allem von rechtsradikalen Gruppen ausgingen. Als am 26. Mai der 29jährige Albert Leo Schlageter, Mitglied der NSDAP, nach mehreren Sabotageakten hingerichtet wurde, wurde er zum Märtyrer des Widerstandes. Nachdem die Hoffnung auf internationale Hilfe erloschen war, sah sich die Reichsregierung den Problemen alleine ausgesetzt: Der passive Widerstand bröckelte langsam, da immer mehr Leute ihre finanziellen Interessen vor die der Republik stellten. Außerdem entstand eine Separatistenbewegung, die die Abspaltung der besetzten Gebiete vom Reichsgebiet wünschte und einen eigenen Staat mit engen Beziehungen zu Frankreich errichten wollte. Diese Bestrebungen wurden von Frankreich natürlich stark unterstützt. Außerdem hatte die Reichsregierung mit starken finanziellen Problemen zu kämpfen. Der passive Widerstand kostete viel Geld: Die Bevölkerung des Ruhrgebiets mußte praktisch mit Mitteln des Reichshaushalts ernährt werden, während Steuereinnahmen fast ganz ausfielen, da die französischen Behörden jegliche Amtshilfe beim Eintreiben von Steuern ablehnte. Die Kosten beliefen sich auf bis zu 40 Millionen Goldmark täglich.

b) Die Lösung: Stresemann stand nun vor einer schweren Entscheidung: Entweder den passiven Widerstand fortsetzen, damit die Reichsfinanzen weiter belasten und dem ohnehin schwer angeschlagene Währungssystem den Todesstoß versetzen, oder den passiven Widerstand für beendet erklären und sich damit dem Zorn der Rechtsextremen aussetzen (die Morde an Erzberger und Rathenau hatten gezeigt, wozu Extremisten fähig waren). Doch Stresemann schreckte nicht vor der Entscheidung zurück, sondern erklärte am 26. September 1923 den passiven Widerstand formell für beendet. Zehn Tage später trat er vor den Reichstag, um seine Entscheidung zu rechtfertigen. Als ihm Zwischenrufe wie „Verräter“ entgegenschallten, legte er sein Manuskript beiseite und verteidigte in einer leidenschaftlichen Rede seine Entscheidung. Doch diese Rede sollte ihn nicht vor den Attacken der oppositionellen Presse schützen. Fast über Nacht wurde der Reichskanzler zum verhaßtesten Mann des Reiches und wurde von allen Seiten in allen erdenklichen Weisen beschimpft.

Was die Separatistenbewegung anging, so löste sich dieses Problem fast von alleine: Von August bis September 1923 fanden in Landau, Mainz, Wiesbaden, Andernach, Koblenz, Trier und anderen rheinischen Städten mehrere Separatistenputsche statt. Mit beschlagnahmten Waffen der Reichswehr bewaffnete Haufen stürmten Rathäuser und Behörden. Am 21.

Oktober riefen die Separatisten Dorten und Matthes eine „Rheinland-Republik“ aus. Während die französischen Sicherheitskräfte sich offiziell neutral verhielten, wurden die Separatisten doch inoffiziell von ihnen unterstützt. Jedoch konnten auch sie nicht verhindern, daß die aufgebrachte Bevölkerung die Putschisten aus den Rathäusern holte und durch die Städte prügelte. Ende November war der Spuk vorbei, gescheitert am Widerstand der Bevölkerung.

3.2. Die Finanzkrise:

a) Das Problem: In dieser Zeit wurde der Zusammenhalt der Koalition jedoch weniger von dem Ende des Ruhrkampfes, sondern viel mehr von der Lage des Finanzhaushalts belastet. Trotz des Endes des passiven Widerstands war die Währungslage weiterhin kritisch. Die durch Zinszahlungen und Schuldentilgung angespannte Finanzlage war durch die Produktionsausfälle im Rheinland und die Unterstützung der Ausgesperrten arg verschlechtert worden. Die Regierung hatte darauf mit weiteren Kreditaufnahmen und häufiger Betätigung der Notenpresse reagiert. Dies führte zu einem sprunghaften, unkontrollierbaren Anstieg der

Inflation. Die Gemeinden gaben Notgeld im Wert von 200 Trillionen (200.000.000.000) Mark aus und es waren 300 Papierfabriken und 150 Druckereien mit der Herstellung von Banknoten beschäftigt. Aufgrund der rasenden Inflation verlor das Geld bald seine Funktion als Tauschmittel und die Bevölkerung kehrte wieder zum Naturalientausch zurück (Eier, Butter, Zigaretten, Kohle...). Die Bezieher von festen Geldeinkommen und Besitzer von Sparguthaben standen vor dem Ruin, während Schuldner, Mieter und Großunternehmer mit Devisenanlagen von der Inflation profitierten. Um die notwendigen unpopulären Maßnahmen durchsetzen zu können, ersuchte das Kabinett den Reichstag um die Annahme eines Ermächtigungsgesetzes. Doch die vorgesehene Aufhebung des Achtstundentages für Arbeiter forderte den erbitterten Widerstand der SPD heraus. Da Stresemann aber der Meinung war gerade diesen Punkt seiner Gesetzesvorlage nicht streichen zu können, trat er am 3. Oktober 1923 zurück.

b) Die Lösung: Nur drei Tag nach ihrer Auflösung war die Regierung Stresemann wieder auferstanden. Jedoch war der sozialdemokratische Finanzminister Hilferding durch den parteilosen bisherigen Reichsernährungsminister ersetzt worden:

Wiederaufbau: Robert Schmidt (SPD)

Reichskanzler: Dr. Stresemann (DVP)

Auswärtiges: beauftragt Dr. Stresemann (DVP) Inneres: Wilhelm Sollmann (SPD)

Finanzen: Dr. Luther (parteilos - laut Kopien/ DVP - laut Lautemann / Schlenke, S. 591)

Wirtschaft: Dr. h. c. Koeth

Arbeit: Dr. Brauns (Zentrum)

Justiz: Dr. Gustav Radbruch (SPD) Wehr: Dr. Geßler (Dem.)

Post: Dr. Höfle (Zentrum)

Verkehr: Oeser (Dem.)

Ernährung: Graf von Kanitz

Besetzte Gebiete: Fuchs (Zentrum)

Nun war Stresemann auch bereit, einige Abstriche von seinem

Arbeitszeitprogramm zu machen. Die Reichsregierung leitete nach dem Ende des passiven Widerstandes eine Währungsreform ein, die zunächst einen rigorosen Sparkurs, sowie die Einführung einer „Übergangswährung“ vorsah. Am 15. November wurde die „Rentenmark“ als neues Zahlungsmittel eingeführt. Eine Rentenmark kostete bei ihrer Einführung eine Billion Papiermark bzw. 0,24 Dollar. Die Rentenmark wurde von der Bevölkerung unerwartet schnell akzeptiert, obwohl sie nur eine Übergangslösung war.

3.3. Lokale Putschversuche:

a) Das Problem: Doch diese Probleme schienen eher vernachlässigbar im Vergleich zu den Problemen mit denen die Regierung Stresemann im Zusammenhang mit Bayern, Sachsen und Thüringen zu kämpfen hatte:

- Bayern: Für Bayern war die Beteiligung der SPD an der Reichsregierung schon immer ein rotes Tuch gewesen. Als nun diese Regierung auch noch für die Beendigung des Ruhrkampfes verantwortlich war, verhängte das bayerische Kabinett ohne vorherige Absprache mit der Reichsregierung den Ausnahmezustand über Bayern und ernannte den Ministerpräsidenten Gustav v. Kahr zum Generalstaatskommissar mit vollziehender Gewalt. Dies mußte die Reichsführung als einen direkt gegen sie gerichteten Affront interpretieren und ihrerseits den Ausnahmezustand für das gesamte Reich verkünden und den Reichswehrminister Geßler mit der vollziehenden Gewalt betrauen. Trotz der Beteuerungen, v. Kahr sei absolut loyal kannte Stresemann diesen als Vertrauensmann der bayerischen Vaterländischen Verbände. Das Propaganda-Organ der NSDAP, der „Völkische Beobachter“, beschimpfte daraufhin den Reichskanzler und den Reichswehrminister so unflätig, daß Geßler den Kommandeur der in Bayern stationierten 7. Division, General v. Lossow, anwies den, „Völkischen Beobachter“ zu verbieten. Doch dieser verweigerte nach Rücksprache mit v. Kahr die Ausführung des Befehls und wurde daraufhin von Geßler des Kommandos enthoben. Die Bayerische Landesregierung antwortete mit offener Meuterei: v. Lossow wurde zum „bayerischen Landeskommandanten“ ernannt und die Armee mittels einer neuen Eidesformel auf Bayern vereidigt. Die Reichsregierung stand nun vor einem großen Problem: Zwar hatte man gemäß Artikel 48 Absatz 1 der Reichsverfassung nun mit militärischen Mitteln gegen Bayern vorgehen können, jedoch hätte sich die Reichswehr wahrscheinlich nicht spalten lassen und außerdem hätte man mit einem Einmarsch in Bayern einen Bürgerkrieg und damit die Spaltung des Reiches riskiert.

- Sachsen und Thüringen: In Sachsen und Thüringen, zwei Staaten, in denen die SPD traditionellerweise immer starke linke Flügel gehabt hatte, sah das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale jetzt die Gelegenheit gekommen, einen „deutschen Oktober“ nach russischem Vorbild zu inszenieren. Um eine bessere Ausgangsbasis zu haben ließ man zunächst je zwei kommunistische Minister in das sächsische und thüringische Kabinett eintreten. Bayern brach daraufhin den diplomatischen Kontakt zu den beiden Ländern ab.

b) Die Lösung: - Sachsen und Thüringen: Die Lösung für beide Probleme entstand aus dem unüberlegten Handeln der thüringischen und sächsischen Regierungen. Die kommunistischen Minister riefen gemäß der Komintern-Vorgaben zum Aufstand gegen die Reichswehr auf. Doch der erhoffte reichsweite Arbeiteraufstand blieb aus, aber der Aufruf konnte von der Reichsregierung zum Anlaß genommen werden, gemäß Artikel 48 Absatz 1 der Reichsverfassung Reichswehrtruppen in diese Länder zu schicken. Am 27. Oktober forderte Stresemann den sächsischen Ministerpräsidenten zum Rücktritt auf. Als dieser der Forderung nach drei Tagen noch nicht nachgekommen war, wurden Reichswehrregimenter nach Sachsen in Marsch gesetzt. Erst diese Maßnahme konnte den Ministerpräsidenten zum Rücktritt bewegen. Bei den Neuwahlen am 31. Oktober wählte die sächsische Bevölkerung einen neuen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, der ein rein sozialdemokratisches Kabinett bildete. Die Reichsexekution wurde daraufhin aufgehoben.

- Bayern: Aus Protest gegen die Zwangsmaßnahmen, die gegen Sachsen, einem SPD-geführten Land, nicht aber gegen Bayern ergriffen worden waren, traten am 2. November 1923 die drei Reichsminister der SPD (Sollman, Dr. Radbruch, Schmidt) aus der Reichsregierung aus. Damit hatte die Regierung Stresemann zwar ihre Reichstagsmehrheit verloren, aber damit war auch den bayerischen Aufständischen, die ja gegen die „Marxisten“ im Kabinett gewettert hatten, der Wind aus den Segeln genommen worden. Sie waren jeglichen Grundes zur Meuterei beraubt worden. Kahr ließ daraufhin gezwungenermaßen in Berlin Verständnisbereitschaft signalisieren.

c) Der Hitler-Putsch: Für den Abend des 8. November berief Kahr eine Versammlung im Münchener Bürgerbräu Keller ein. Doch diese Versammlung wurde abrupt unterbrochen, als der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, einen Pistolenschuß abfeuerte. Hitler hatte überall in Bayern schwerbewaffnete „Vaterländische Verbände“ unter seinem Kommando stehen, die bereit waren, auf ein Kommando hin nach Berlin vorzustoßen. Hitler, der nun fürchtete, daß nach den jüngsten Entwicklungen Kahr einlenken würde und so die Gelegenheit zu einem reichsweiten Putsch nach Mussolinis Vorbild ungenutzt verstreichen könnte, hatte beschlossen, selber die Initiative zu ergreifen. Als von Kahr nach dem Abfeuern der Waffe in Deckung ging, sprang Hitler aufs Podium und erklärte, er habe soeben den Startschuß für eine „nationale Revolution“ gegeben. Die Rechnung ging auf: Der Landespolizeichef Seißer, v. Kahr, und General Lossow, die alle anwesend waren, glaubten Hitlers Lügen und dachten es wäre klüger sich nicht gegen den zukünftigen Diktator zu stellen. Sie traten sogar vereint als neue „provisorische Nationalregierung“ vor die Versammlung. Doch nachdem Kahr wieder frei war, sah er sofort, daß Hitler nur geblufft hatte, und rief die Polizei und die Reichswehr zum Kampf auf. Auch Stresemann reagierte: Er betraute General von Seeckt mit der vollziehenden Gewalt, um die Befehlswege zu verkürzen. Lossow und das bayerische Offizierskorps verhielten sich in dieser Situation, als hätten sie nie auf einer anderen Seite gestanden, als der des Reiches. Seeckt zog es deshalb vor die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Obwohl Hitler nun ziemlich alleine dastand, führte er am 9. November seine

Anhänger in einem Marsch auf die Feldherrenhalle. Doch die Putschisten wurden von der Landespolizei am Odeonsplatz abgefangen und unter Beschuß genommen. Vierzehn Nationalsozialisten starben, und Hitler wurde wenig später in der Villa eines Freundes festgenommen. Der Putschversuch war gescheitert.

4. Das Ende der Regierung Stresemann

Ende November hatten sich somit fast alle großen Probleme der Reichsregierung aufgelöst. Doch mit den Problemen war auch die Einigkeit der Regierung verflogen. Nun da die Parteien nicht mehr gezwungen waren zusammenzustehen und zusammen um das Überleben des Reiches zu kämpfen, kamen schnell wieder die nur widerwillig beiseite geschobenen Partikularinteressen der Parteien zum Vorschein. Die Kritik am Reichskanzler wuchs von Tag zu Tag. In dieser Situation entschloß sich Stresemann zu einem Schritt, den bis 1930 kein Kanzler mehr wagen sollte: Er verlangte vom Reichstag ein Vertrauensvotum. Doch seine großartige Rede verfehlte ihre Wirkung und sein Antrag wurde am 23. November 1923 abgelehnt. Das Abstimmungsergebnis war 151 gegen 231 Stimmen bei 7 Enthaltungen. Die entscheidenden Gegenstimmen kamen dabei von der SPD, sehr zum Ärger ihres Fraktionsführers Ebert. Gustav Stresemann trat nach der Abstimmung umgehend von seinem Amt als Reichskanzler zurück. Zum neuen Reichkanzler wurde Wilhelm Marx bestimmt, der eine Minderheitsregierung aus DDP, Zentrum, BVP und DVP bildete. Stresemann blieb unter dieser Regierung Außenminister und sollte dieses Amt bis zu seinem Tode am 3. Oktober 1929 innehaben.

5. Fazit:

Das Jahr 1923 war der „Höhepunkt der krisenhaften Nachkriegsentwicklungen in Deutschland“ (Bundeszentrale für politische Bildung, S. 31). Der Hauptverantwortliche dafür, daß Deutschland der Doppelbelastung aus außenpolitischem - Frankreichs Ruhrbesetzung - und innenpolitischem Druck - Finanzprobleme, Aufstände, Hitlerputsch - standhielt, war ohne Zweifel Gustav Stresemann. Durch seine „außergewöhnlichen diplomatischen Fähigkeiten“, seine große Überzeugungskraft und seinen Einsatz bis zum „Zusammenbruch seiner gesundheitlich angeschlagenen Kräfte“ (Benz / Graml) schaffte er es die trotz der vielen verschiedenen Parteiinteressen, seine Politik weitestgehend durchzubringen. Allerdings muß den Parteien der Mitte auch zugestanden werden, daß auch sie sich in den Zeiten größter Krisen ungewohnt kooperativ zeigten. Wenn es um die Existenz Deutschlands als einheitlichem Staat ging, war es für diese Parteien möglich, ihre Partikularinteressen beiseite zu schieben. Anders verhielt es sich mit den extremen Parteien, sowohl links als auch rechts, die die Republik rigoros ablehnten. Sie sahen in der Schwäche des Staates eine Schwäche der Republik und nutzten die Gelegenheit um ihre schon lange gehegten Umsturzgedanken zu verwirklichen. Gustav Stresemann blieb auch nach seinem Rücktritt als Reichskanzler eine dominierende Persönlichkeit in der deutschen Politik. Als Außenminister trug er entscheidend zur internationalen Wiederanerkennung Deutschlands bei. In seine Amtszeit vielen so wichtige Verträge wie der Rapallo Vertrag, die Locarno Verträge und der Young Plan. Doch nicht nur außenpolitisch blieb er von Bedeutung, sondern auch innenpolitisch behielt er einigen Einfluß (Rosenberg, S. 140). Alles in allem war die Ära Stresemann eine der bemerkenswertesten Perioden in der jüngeren deutschen Geschichte. Stresemann selbst wird heutzutage oft als der einzige durchweg positiv zu bewertende Politiker der Weimarer Republik gesehen. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß auch er kein (wie schon unter 1. erwähnt) kein überzeugter Demokrat war. Deshalb zielte zwar seine Politik mehr darauf ab Deutschland zu stärken, sein Ehrgeiz das demokratische System in Deutschland zu festigen hielt sich aber in Grenzen. Dies läßt sich zum Beispiel daran sehen, daß er keine Skrupel hatte mit Hilfe eines Ermächtigungsgesetzes sein Arbeitszeit-

Programm durchzusetzen. Es steht allerdings fest, daß Deutschland am 3. Oktober 1929 einen hervorragenden Politiker und fähigen Staatsmann verlor.

Quellen:

Benz / Graml. Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik München: Verlag C.H. Beck, © 1988

Bundeszentrale für politische Bildung. Informationen zur politischen Bildung - Weimarer Republik

Berlin, © 1998

Georg Westermann Verlag. Chronik des 20. Jahrhunderts

Lautemann / Schlenke. Geschichte in Quellen - Weltkriege und Revolutionen Microsoft Corporation. Microsoft Encarta `98

München: Bayrischer Schulbuch-Verlag, 4. Auflage 1989

Rosenberg, Arthur. Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt, © 1961

Schwabe, Klaus. Die Ruhrkrise 1923

Paderborn: Ferdinand Schönigh Verlag, © 1984

diverse Kopien

10 von 11 Seiten

Details

Titel
Die hundert Tage Stresemanns
Veranstaltung
Geschichte LK
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
11
Katalognummer
V103517
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stresemann, Weimarer Republik, Ruhrkampf, Hitler-Putsch
Arbeit zitieren
Jens Wegener (Autor), 1999, Die hundert Tage Stresemanns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103517

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