Joie de la court in Hartmanns Erec


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Eine thematische Einführung
1.1 Interpretationen von „Joie de la court“ – Mögliche Problemstellungen und Annäherungen an den Text
1.2 Bedeutung der Namen

2. „Joie de la court“ in Hartmanns „Erec“ – mehr als die letzte Aventiure?
2.1 Die Akzente Hartmanns
2.1.1 Ein Vergleich von Hartmanns Ausführung von „Joie de la court“ mit der Vorlage Chrétiens
2.1.2 Die formale Stellung der Episode in Hartmanns Gesamtkonzeption
2.2 Interpretatorische Ansätze
2.2.1 „Joie de la court“ – eine Allegorie?
2.2.2 „Joie de la court“ – Hinweis auf eine heilsgeschichtlich angelegte Romanstruktur?

3. Eine abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1. Eine thematische Einführung

1.1 Interpretationen von „Joie de la court“ – Mögliche Problemstellungen und Annäherungen an den Text

Warum überhaupt sollte man „Joie de la court“, diese letzte Episode in Hartmanns erstem Artus-Roman, einer gesonderten Untersuchung unterziehen? Welche formalen und inhaltlichen Besonderheiten sprechen dafür?

Êrecs reflektierte Aussage „wan bî den liuten ist sô guot“1 , als er sein besiegtes Gegenüber Mâbonagrîn auf dessen bisheriges zurückgezogenes Dasein anspricht, weist auf eine Entwicklung der Titelfigur Êrec hin, die am Ende einer Erkenntniskette als Ergebnis verschiedener Aventiuren steht. Welche Rolle spielt also diese Aventiure insgesamt und der Kampf gegen den roten Ritter im Speziellen in der Folge des Romans?

Da unter anderem auch der Prolog zu Hartmanns „Êrec“ nicht überliefert wurde2 , haben wir keinen direkten Zugang zu Hartmanns Intentionen zu seinem Roman und dieser Episode im Besonderen, außer durch seine laufenden Kommentare, die er in die Erzählung einfließen lässt. An einem anderen Werk Hartmanns, dem „Armen Heinrich“, erkennt man jedoch, wie aufschlussreich gerade der Prolog für das Verständnis von einem Text sein kann3 . Im Verlauf des Romans tritt Hartmann auch immer wieder mit dem Leser in eine Art Zwiegespräch und gibt erläuternde Hinweise.4 Wenn sein wahrscheinlich im Prolog formuliertes Anliegen im Nachhinein so also nicht mehr ermittelt werden kann, könnte es dann möglich sein, anhand Hartmanns Akzentuierungen gegenüber der Vorlage Chrétiens durch Zufügung, Weglassung oder Veränderung etwas über seinen erzählerischen Hintergrund herauszufinden, sich vielleicht einer Erzählabsicht anzunähern? Daher werde ich auch vergleichend die Vorlage der Episode aus Chrétiens „Êrec et Enide“ untersuchen, in Anlehnung an Hrubýs Meinung, dass jede Abweichung Hartmanns „als bewusste Umformung verstanden werden“5 darf.

Hugo Kuhn hat in den 1940er Jahren mit seiner Deutung der Episode als „Allegorie der höfischen Freude“6 viele Literaturwissenschaftler nach ihm dazu gebracht, diese Interpretation zu übernehmen und zu vertiefen. Kuhn selbst fragt sich jedoch 1978 im

Rückblick, ob diese zweite allegorische Dimension, die man dem Text semantisch unterstellt, nicht schon dadurch als gegeben angesehen werden kann, da man eine Symbolstruktur –also syntaktisch - als zweite Dimension bereits als solche wahrnimmt7 . Kann man also dieses letzte Abenteuer als eine Allegorie auf das bis dato Geschehene ansehen? In jedem Fall sollte eine Untersuchung der Episode die Frage nach ihrer allegorischen Struktur zumindest aufgreifen.

Eine weitere Herangehensweise an den Text ist das Untersuchen der Aventiure nach Symbolen für eine heilsgeschichtliche Deutung, wie etwa Ohly sie vorgenommen hat. Im Text selbst finden sich meiner Ansicht nach genügend Anhaltspunkte, die eine solche Deutung zumindest überlegenswert machen. Betrachtet man die übrigen Epen Hartmanns – wieder als Beispiel die legendenhafte Erzählung vom „Armen Heinrich“ – werden parallele inhaltliche Strukturen deutlich, die die Sicht auch auf diesen Artus-Roman als einen Text nach dem Muster der Heilsgeschichte zulassen könnten. Auch dies möchte ich im folgenden untersuchen.

Mit diesen Annäherungen an verschiedene Deutungsweisen mit unterschiedlichen Schwerpunkten scheint es mir am ehesten möglich zu sein, zum einen den tatsächlichen Inhalt der „Joie de la court“-Episode herauszuarbeiten, zum anderen dem übergeordneten Ziel der Arbeit, in der Darstellung dieser Episode eine Art Wertesystem Hartmanns sichtbar zu machen, zumindest nahe zu kommen.

1.2 Namen und ihre Bedeutung

„Joie de la court“ nennt sich die Aventiure, der Êrec entgegengeht, und sie hat ihren Namen von dem Baumgarten, der zu Stadt und Burg Brandigân gehört. Den Begriff „Joie de la court“ hemmungslos mit „Freudenhof“8 zu übersetzen, würde der Bedeutung dieses geheimnisvollen Gartens nicht gerecht, zumal Chrétien dann wohl die Wortstellung „Court de la Joie“ gewählt hätte. Zum zweiten wird der Ort, der als „Joie de la court“ bezeichnet wird, als paradiesähnlicher Garten beschrieben9 , nicht als Hof. Und zum dritten hat Hartmann selbst eindeutig die Übersetzung „des hofes vreude“10 gewählt, bzw. spricht er von der „Joie de la court“ als „genzlîchen nidergelegen“11 , und in einer Interpretation seines Textes sollte seine Übersetzung die maßgebliche sein. Es handelt sich also bei „Court“ nicht um eine lokale Angabe, was die Übersetzung „Freudenhof“ impliziert, sondern um eine gesellschaftliche Bezeichnung. Und selbst wenn man die Episode als solche nicht gleich als eine „Allegorie der höfischen Freude“12 sehen wollte, so kann man dennoch die Symbolträchtigkeit des paradiesischen Gartens nicht leugnen. Darauf werde ich später noch genauer eingehen.

Auch wenn die Bildhaftigkeit der Namen „Êrec“ und „Enite“ auf der Hand liegen mag, möchte ich sie hier kurz ansprechen. Denn schon die Namen der Hauptfiguren weisen auf eine Entwicklung hin, die nach „oben“ gerichtet ist und somit auf die letzte Aventiure als logischen Höhepunkt hinweisen kann. „Êrec“ ist von dem lateinischen Verb erigere abgeleitet, was „emporheben“ und „aufrichten“ bedeutet, in Zusammenhang mit „iacentem, hominem“ auch „dem Menschen einen aufrechten Gang geben“13 . Der Name enthält auch das mittelhochdeutsche „êre“, was heute mit Ansehen und Würde übertragen werden kann. Eine Verheißung, der der Held gerecht werden muss.

Der Name „Enite“ stammt wohl von dem lateinischen Verb „enitere“ ab, was eine ähnliche Bedeutung hat: „emporklimmen“, „sich bemühen“, aber auch in der (selteneren) aktivischen Bedeutung „hervorleuchten“ und „erstrahlen“14 . Der zu beobachtende Zusammenfall der Figur Enite mit Lichtmetaphern15 könnte auf die letztere Bedeutung verweisen. Diese sprechenden Namen mögen ein Indiz dafür sein, dass Chrétien und auch später Hartmann ihre Romane durchaus als frühe Form eines Entwicklungsromans verstanden. Cormeau spricht von einer „fortschreitenden Identitätsentwicklung des Helden“ und dem Weg der Hndlung als einem „Fortschreiten des Bewusstwerdens“.16 Dann leuchtet es auch ein, dass Hartmanns Werk bewusst nur die Figur des Êrec im Titel trägt, da Êrec bei ihm zentral den Entwicklungsweg durchlaufen muss. Auch Cormeau beschreibt die Titelfigur als ein Subjekt, „an dem ein Prozess der Profilierung durchgeführt wird“.17

Dass Enite von Beginn der Erzählung an auf einer höheren „Entwicklungsstufe“ steht als Hartmanns Titelfigur Êrec und so vor diesem ihre ideale Rolle erreicht, zeigt sich für Tax in Hartmanns ausgedehnter Beschreibung von Enites Pferd18 , das für ihn Zeichen einer symbolischen Erhöhung Enites ist, ja einer Art indirekter Krönung. Hier, so Tax, schließe sie ihre Entwicklung zu einem wîp unwandelbaere ab, sodass eine Höherentwicklung nicht mehr möglich sei, bzw. nicht mehr nötig sei.19 Aber es bedarf der Erkenntnis ihrer staete und dem zu ihr möglichen Minneverhältnis durch Êrec, dass auch Enite in der letzten Episode neben Êrec zur Entfaltung der Freude des Hofes beitragen kann.

2. „Joie de la court“ in Hartmanns „Êrec“ – mehr als die letzte Aventiure?

2.1 Die Akzente Hartmanns

Ein Vergleich von Hartmanns Ausführung der „Joie de la court“ mit der Vorlage Chrétiens

Wie in der Einführung angesprochen, ist zunächst davon auszugehen, dass es sich bei den Veränderungen, d.h. Kürzungen, Einfügungen und Erweiterungen Hartmanns um bewusste Umformungen handelt. Er folgt zwar in Schema und Ablauf seiner Vorlage, dennoch sind die einzelnen Unterschiede zu groß, als dass sie sich lediglich als Übertragungsvarianten erklären ließen. Schon allein die Länge von Hartmanns Werk mit etwa 10.400 Versen (berücksichtigt man die verlorenen Textteile20 ) gegenüber Chrétiens „Erec et Enide“ mit 6.900 Versen zeigt diese Differenz. Die Stellen, die er für sein Werk von Chrétien übernommen bzw. übertragen hat, können im Rückschluss also als bewusste Übernahmen gesehen werden, d.h. dass auch Interpretationen, die sich in diesen Passagen auf die altfranzösische Vorlage beziehen, teilweise für Hartmann übernommen werden können. Brunner spricht von einem „rhetorischen Wettstreit“21 , in den Hartmann bei seiner Ausführung des Êrec-Stoffes mit Chrétien tritt. Insgesamt verdeutliche Hartmanns Version von Chrétien angelegte Konflikte durch teils neue, teils verstärkte Kontraste, was daher an manchen Stellen statisch wirken kann. Jedoch sei seine Bearbeitung stärker auf Logik aufgebaut als die seines französischen Vorgängers, bei dem sich die Figuren mehr von natürlichen Empfindungen und Gefühlsregungen treiben zu lassen scheinen. Ich möchte im folgenden nur auf diejenigen Akzentuierungen Hartmanns eingehen, die besonders zum Verständnis der „Joie de la court“-Aventiure beitragen und damit zum Ziel dieser Seminararbeit.

[...]


1 H 9438

2 Mertens 1998: S. 51

3 In Hartmanns Einführung zum „Armen Heinrich“ heißt es: „an im wart erzeiget, als ouch an Absalône, daz diu üppige krône werltlîcher süeze vellet under die füeze ab ir besten werdekeit, als uns diu schrift hât geseit.“ (V. 84- 90) Hier greift Hartmann der Handlung vor und liefert durch den deutlichen Verweis auf die Bibel Anlass zur heilsgeschichtlichen Deutung seiner legendenhaften Erzählung.

4 Ein Beispiel in „Joie de la court“ ist die Kommentierung der Schönheit der Witwen durch ihn als Erzähler: H 8221 ff.

5 Hrubý 1964: S. 343

6 Kuhn1984: Êrec, S. 35

7 Kuhn 1979: S. 206/207 „Die Grenzen zwischen Erzählstruktur und erzählter Allegorie sind weiterhin ganz unklar (...).“

8 Förster nach Kuhn 1973: S. 35

9 H 8896 ff.

10 H 8002-8006

11 H 9601-9602

12 Hugo Kuhn 1973: S.35

13 Pertsch 1991: S.408

14 Pertsch 1991: S.402

15 Lichtmetaphern in Zshg. mit Enite: H 1562-1565, 1717, 2027, 2291 ff. uvm.

16 Cormeau 1979: S.194, 201

17 Cormeau/Störmer 1985 : S.191

18 H 7274-7365

19 Tax 1963: S. 287

20 Mertens 1998: S.52

21 Brunner 1993: S.110

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Joie de la court in Hartmanns Erec
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Ältere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V10352
ISBN (eBook)
9783638168014
ISBN (Buch)
9783640676163
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Epik, Artusroman, Mittelalterliches Wertesystem, Heilsgeschichte, Allegorie, Minne
Arbeit zitieren
Magistra Artium Katharina Kirsch (Autor), 2002, Joie de la court in Hartmanns Erec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10352

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