Im Rahmen dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, warum König Theoderich sich gegenüber den Juden so positionierte, wie es aus dem Brief an die Juden von Genua ersichtlich wird. Mit der Analyse wird ein Teilbeitrag zum Gesamtverständnis der Judenpolitik des Amalers geleistet.
Da die zentralen Quellen wie der Zeitgenosse Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator und sein Werk "variae" nur bedingt aussagekräftig sind, soll zur Beantwortung dieser Fragen in erster Linie auf die aktuelle Forschung und deren Theorien zurückgegriffen werden. Hier sind vor allem Noethlichs mit seinen beiden Werken zur Gesetzeslage der Juden im spätantiken Imperium Romanum, und Brennecke mit dem Aufsatz "Imitatio – reparatio – continuatio. Die Judengesetzgebung im Ostgotenreich Theoderichs des Großen als reparatio imperii?" zu nennen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Quelle – Cassiodors variae
3 Theoderichs Entscheidung
3.1 Die Entwicklung der gesetzlichen Lage der Juden im Reich
3.2 Theoderichs spezifische Haltung gegenüber den Juden
4 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Judenpolitik des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen, insbesondere vor dem Hintergrund seines Briefes an die jüdische Bevölkerung von Genua. Ziel ist es, die Beweggründe für seine Entscheidung, den Wiederaufbau einer Synagoge zu gestatten, kritisch zu hinterfragen und im Kontext seines Herrschaftsverständnisses sowie der spätantiken Rechtslage einzuordnen.
- Analyse der Quelle variae von Cassiodor als zentrales Dokument der ostgotischen Verwaltung.
- Untersuchung der rechtlichen Stellung der Juden im spätantiken Imperium Romanum unter Rückgriff auf den Codex Theodosianus.
- Diskussion der Religionszugehörigkeit Theoderichs (Homöismus) und deren Einfluss auf seine Minderheitenpolitik.
- Erörterung des Konzepts der civilitas und des Strebens nach Rechtskontinuität im Ostgotenreich.
- Kritische Einordnung des Begriffs der religiösen Toleranz im Kontext des 6. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
3.2 Theoderichs spezifische Haltung gegenüber den Juden
Nachdem die gesetzliche Ausgangslage nun geklärt ist, kann der Versuch unternommen werden, Theoderichs persönliche Haltung gegenüber den Juden in seinem Reich anhand der Quelle zu erklären. In der Forschung werden verschiedene Hintergründe seines Verhaltens gegenüber den Juden diskutiert, welche auch durchaus ineinandergreifen können.
Zuerst soll die Religionszugehörigkeit von Theoderich zum „homöischen Arianismus“ als zugrundeliegender Faktor untersucht werden. Der unbekannte, antike Autor der Quelle Anonymus Valesianus fand, dass die Juden von den Ostgoten begünstigt werden und begründete dies mit ihrem arianischen Glauben. Der Judaismus-Vorwurf gegenüber dem Homöer rührte aus katholischer Polemik gegen die Juden und Homöer, da beide als Angehörige „falschen Glaubens“ galten. Moorhead und Schäfer werfen die Frage auf, ob nicht diese gemeinsame Situation als religiöse Randgruppe Theoderich dazu bewegt haben könne, die Juden aus Solidarität zu unterstützen. Brennecke hingegen distanziert sich von diesem Ansatz, wenngleich auch er bei Theoderich judenfreundliche Politik sieht. Die Theorie, Theoderich habe die Juden aus solidarischen Gründen besonders behandelt, scheint deshalb ein eher fragiler Ansatz zu sein. Denn für diese Behauptung sind nicht ausreichend Belege vorhanden, die zu einer ausgewogenen Einschätzung der Lage verhelfen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, warum König Theoderich trotz ambivalenter religiöser Vorzeichen eine positive Haltung gegenüber der jüdischen Gemeinde in Genua einnahm.
2 Die Quelle – Cassiodors variae: Das Kapitel stellt die variae als amtliche Sammlung vor, beleuchtet ihre Entstehung durch den Rhetoriker Cassiodor und problematisiert ihre begrenzte Aussagekraft als authentische Darstellung.
3 Theoderichs Entscheidung: Hier wird die historische und juristische Basis der Judenpolitik untersucht, wobei insbesondere der Übergang von der theodosianischen Gesetzgebung zum ostgotischen Verständnis von Recht und Ordnung analysiert wird.
3.1 Die Entwicklung der gesetzlichen Lage der Juden im Reich: Dieser Abschnitt zeichnet den rechtlichen Status der Juden vom Codex Theodosianus bis zu den theodosianischen Novellen nach und setzt diesen in Bezug zum Edictum Theoderici.
3.2 Theoderichs spezifische Haltung gegenüber den Juden: Hier werden verschiedene Forschungstheorien diskutiert, die von religiöser Solidarität bis hin zum politischen Kalkül reichen, um Theoderichs Umgang mit der jüdischen Minderheit zu erklären.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Entscheidung primär als Ausdruck einer angestrebten Rechtskontinuität und civilitas zu verstehen ist, während der Begriff der religiösen Toleranz nach modernem Verständnis nicht zutrifft.
Schlüsselwörter
Theoderich der Große, Ostgotenreich, Cassiodor, Variae, Judenpolitik, Codex Theodosianus, Civilitas, Rechtskontinuität, Religionspolitik, Homöismus, Spätantike, Synagoge, Imperium Romanum, Minderheitenpolitik, Rechtsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Judenpolitik des ostgotischen Königs Theoderich des Großen, basierend auf einem speziellen Brief an die jüdische Gemeinde in Genua.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der rechtlichen Stellung der Juden in der Spätantike, der Rolle von Religionszugehörigkeiten (Homöismus) und dem Konzept der römischen Rechtsstaatlichkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, aus welchen Motiven heraus Theoderich sich gegenüber den Juden so positionierte, dass er den Wiederaufbau einer Synagoge gestattete.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse durchgeführt, die den Brief in der variae-Sammlung durch den Abgleich mit aktueller Forschungsliteratur und historischen Kontexten interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Quelle, die historische Rekonstruktion der judenfeindlichen Gesetzgebung der Spätantike und die Diskussion über Theoderichs persönliche Motivationen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Civilitas, Variae, Rechtskontinuität, Arianismus (Homöismus) und die spätantike Minderheitenpolitik.
Inwiefern beeinflusste das Edictum Theoderici die Entscheidung des Königs?
Theoderich stützte sich auf die im Edikt garantierten Privilegien, um in der Frage des Synagogenbaus eine rechtskonforme Entscheidung im Sinne der imperialen Tradition zu treffen.
War Theoderichs Handeln ein Akt religiöser Toleranz?
Nach heutigem Verständnis ist dies nicht belegbar; vielmehr lässt sich das Handeln eher als Ausdruck eines pragmatischen Rechtsstaatsprinzips zur Wahrung der inneren Ordnung deuten.
Welche Rolle spielt Cassiodor bei der Interpretation der Quelle?
Cassiodor fungierte als Verfasser im Auftrag des Königs; da seine Sammlung variae einem Überarbeitungsprozess unterlag, ist bei der Interpretation der Quellen stets Vorsicht hinsichtlich der Authentizität geboten.
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- Fanny Wenk (Autor:in), 2021, Die Haltung von König Theoderich gegenüber den Juden von Genua, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1035260