In der vorliegenden Arbeit wird die Autorin eine Kritik an Gadamers Celan-Interpretation formulieren. Diese Kritik wird sich insbesondere auf Gadamers fehlendem Umgang mit Celans Poetologie begründen. Hierfür wird in einem ersten Schritt Celans Poetologie – im engeren Sinne seine Unterscheidung von Kunst und Dichtung – in der Meridian-Rede betrachtet und in einem zweiten Schritt der Blick auf Gadamers eigene Kunst und Dichtungsauffassung gerichtet. In einem letzten Schritt wendet Sie sich Gadamers revidierten Kommentar zu Celans Atemkristall zu und wird anhand konkreter Textpassagen aufzeigen, warum eine Kritik an Gadamers Kommentar aus Ihrer Sicht in Bezug auf Gadamers und Celans Verständnis von Dichtung, insbesondere Gadamers Nichtberücksichtigung der Celan’schen Poetologie, gerechtfertigt ist.
Gadamer, der in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode die Dichtung thematisch wenig behandelt, widmet sich in Band neun seiner "Gesammelten Werke" fast ausschließlich dieser. Der Kommentar "Wer bin ich und wer bist du?"ist seine umfangreichste Beschäftigung mit der Celan’schen Dichtung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Paul Celan
2.1 Der zurückzulegende Weg der Dichtung
2.2 Dichtung als radikale Individuation
3 Hans-Georg Gadamer
3.1 Der unmittelbare Wahrheitsanspruch der Kunst
3.2 Dichtung als gemeinsame Sage
4 Gadamers Kommentar zu Celans Atemkristall
5 Zusammenführende Überlegungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Interpretation von Paul Celans Gedichtzyklus Atemkristall durch Hans-Georg Gadamer. Das zentrale Forschungsziel ist es aufzuzeigen, dass Gadamers Auslegung Celans poetologische Konzepte – insbesondere seine Unterscheidung von Kunst und Dichtung – vernachlässigt und eine kritische Auseinandersetzung mit diesem interpretatorischen Ansatz zu begründen.
- Vergleich der Poetik von Paul Celan und der Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer
- Analyse der Begriffe "Kunst" und "Dichtung" in Celans Meridian-Rede
- Untersuchung von Gadamers ontologischem Wahrheitsanspruch der Kunst
- Kritische Würdigung von Gadamers Kommentar zu Atemkristall
- Diskussion der existenziellen Dimension in Celans Lyrik
Auszug aus dem Buch
2.1 Der zurückzulegende Weg der Dichtung
Celan beginnt seine Rede mit dem konkreten Heranziehen einiger Textzitate der Büchner’schen Werke, in denen Kunst thematisiert wird.
Die Kunst, das ist, Sie erinnern sich, ein marionettenhaftes, jambisch-fünffüßiges und – diese Eigenschaft ist auch, durch den Hinweis auf Pygmalion und sein Geschöpf, mythologisch belegt – kinderloses Wesen (M, 1a).
Mit diesem Auszug aus Dantons Tod, leitet Celan die Kunst als etwas Lebloses („marionettenhaftes“), nicht autonom Handlendes, etwas Mittelbares.4 Zudem wird durch das „jambisch-fünffüßige“ auf ihre Form reduziert. Weiter heißt es: „Die Kunst [...], ist [...] ein zäh- und langlebiges, will sagen ewiges [Problem].“ (M, 4a)
Dem Problem der Kunst, als „kunstblinde“ nun entgegenstehend, sieht Celan die Figur der Lucile. Sie ist diejenige, die dem Kunstgespräch von Camille und Danton nicht zuhört, „aber den Sprechenden hört, der ihn »sprechen sieht«, der Sprache wahrgenommen hat und Gestalt, und zugleich auch [...] Atem, das heißt Richtung und Schicksal.“(M, 5a,b) Die Parole von Lucile, „Es lebe der König!“ (M, 6c) bezeichnet Celan als „Gegenwort, [...] das den »Draht« zerreißt“ (M, 7a). Dieses Gegenwort, das „Dazwischenkommende“ nennt Celan die Dichtung: „Das, meine Damen und Herren, hat keinen ein für allemal feststehenden Namen, aber glaube, es ist... die Dichtung“ (M, 9). Hier wird sichtbar, dass Dichtung für Celan im Bereich des Glaubens liegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob Gadamer der Celanschen Poetik gerecht wird, und legt die methodische Vorgehensweise der Kritik dar.
2 Paul Celan: Dieses Kapitel erläutert Celans zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen Kunst und Dichtung sowie die Bedeutung der existenziellen Individuation.
3 Hans-Georg Gadamer: Es werden die Grundpfeiler von Gadamers Ästhetik dargestellt, insbesondere der Wahrheitsanspruch der Kunst und das Konzept der Sprache als gemeinsame Sage.
4 Gadamers Kommentar zu Celans Atemkristall: Hier erfolgt die kritische Analyse von Gadamers Kommentierung an konkreten Textstellen, wobei die Vernachlässigung von Celans eigener Poetik aufgezeigt wird.
5 Zusammenführende Überlegungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass Gadamers Auslegung den spezifischen Gehalt von Celans Dichtung unzureichend erfasst.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Hans-Georg Gadamer, Atemkristall, Meridian-Rede, Hermeneutik, Dichtung, Kunst, Poetik, Wahrheitsanspruch, Individuation, Fremdheit, Interpretation, Sprache, Existenz, Literaturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Verhältnis zwischen dem Dichter Paul Celan und dem Philosophen Hans-Georg Gadamer, speziell fokussiert auf Gadamers Kommentar zu Celans Gedichtzyklus Atemkristall.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die philosophische Hermeneutik der Kunst, die poetologische Abgrenzung von Kunst und Dichtung sowie die Problematik einer werkgerechten Interpretation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Gadamer Celans eigene poetologische Überlegungen bei der Interpretation von Atemkristall weitgehend ignoriert, was die wissenschaftliche Validität seiner Deutung einschränkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die Celans Meridian-Rede als maßgeblichen Maßstab für die Interpretation heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst die Poetik Celans, kontrastiert diese mit Gadamers Kunstphilosophie aus Wahrheit und Methode und prüft anschließend Gadamers konkrete Anwendung seiner Theorie auf den Gedichtband Atemkristall.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Celan, Gadamer, Atemkristall, Poetik, Hermeneutik und die kritische Distanz zwischen philosophischer Auslegung und dichterischem Selbstverständnis charakterisiert.
Wie definiert Celan nach der Analyse den Unterschied zwischen Kunst und Dichtung?
Celan begreift Kunst als etwas Lebloses und Artifizielles, während Dichtung für ihn eine existenzielle, wahrnehmungsbasierte Kategorie ist, die den "Atem" und das Schicksal des Menschen berührt.
Warum übt die Autorin Kritik an Gadamers Kommentar?
Die Kritik basiert darauf, dass Gadamer eine "metaphorische Applikation" vornimmt und Celans Gedichte eher aus einer vorgefassten philosophischen Systematik heraus liest, anstatt sich auf die von Celan geforderte "Fremdheit" und das existenzielle Datum des Gedichts einzulassen.
- Arbeit zitieren
- Flora H. (Autor:in), 2021, "Wer bin ich und wer bist Du?" Hans Georg Gadamers Kommentar zu Paul Celans Dichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1035910