Gelebte Erfahrungen zum Thema Tod von Pflegefachkräften in der Hospiz- und Palliativversorgung


Seminararbeit, 2021

31 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung und Relevanz

2 Zielsetzung

3 Theoretische Grundlagen

4 Methodik
4.1 Einschlusskriterien und Studienauswahl
4.2 Qualitatsbewertung
4.3 Analyse

5 Ergebnisse
5.1 Gefuhle und Gedanken uber den Tod (existentielle Uberlegungen)
5.1.1 Bedeutung von Tod
5.1.2 Beziehungen und tiefes Verstandnis
5.2 Hospiz- und Palliativpflege als wichtige Einheit
5.2.1 Comfort Care
5.2.2 Erfahrungswissen und berufliche Expertise

6 Diskussion

7 Limitationen

8 Fazit

9 Quellenverzeichnis

10 Appendix

1 Problemstellung und Relevanz

Jedes Kind und jeder Erwachsene hat ein individuelles Konzept uber den Tod. Alle bewusst- seinsrelevanten Einflusse (Erfahrungen, Vorstellungen und Bilder usw.) treffen hier aufei- nander und stellen eine Verknupfung zum individuellen Verstandnis her. Setzt sich der Mensch mit dem Tod auseinander, entstehen Gefuhle, die auf einem kognitiven und emoti- onalen Geschehen basieren (Wittkowski, 1990 zitiert nach Wittwer, 2010, p. 11).

Nach Stevens (2009) ist in unserer westlichen Gesellschaft der Tod ein Tabuthema. Die fehlende Auseinandersetzung und der Mangel an Erfahrung mit dem Tod und Sterben fuhren zu einem negativen Verstandnis und diversen Ansichten, die ebenso Angst erzeugen konnen. Die Hospiz- und Palliativpflege (im weiteren Verlauf als HPP abgekurzt) spielt im letzten Abschnitt des Lebens von Sterbenden eine wichtige Rolle. So vermag sie, Angste und Unsicherheiten zu minimieren und die Lebensqualitat der Betroffenen und Angehorigen zu verbessern (Stevens, 2009, p. 1). Eine der 4 Grundprinzipien des ICN1 Ethikkodex (2012) fur professionell Pflegende ist „Leiden zu lindern“ (ICN, 2012). Diesen Aspekt greift die HPP umfassend als ganzheitlichen, also holistischen Ansatz auf, jedoch wird der Tod selbst nicht als „Leid“ thematisiert, sondern als naturlichen Prozess des Lebens. Als „Leid“ sind mogliche Symptome und Angste wahrend des naturlichen Sterbeprozesses zu interpretieren und dementsprechend zu „lindern“.

Nach der Hospice Foundation of America (2018) wird durch die HPP bei unheilbarer Krankheit nicht nur eine medizinische Versorgung gesichert, sondern ebenfalls ein interdis- ziplinarer Ansatz verfolgt, der physische, psychische und spirituelle Bedurfnisse der Sterben- den und Angehorigen erkennt und erfullt. Symptommanagement (z. B. Schmerzbehandlung, palliative Chemotherapie usw.), Kommunikation, Koordination und Entscheidungsfindung stehen im Fokus der Pflegenden im Einvernehmen mit den Wunschen und Zielen der ster- benden Person (Hospice Foundation of America, 2018).

Zuruckblickend auf die Aussage von Stevens (2009), wonach Sterben ein Tabuthema in der westlichen Gesellschaft ist, lohnt es sich, die kritische Ansicht von Muller (2018) zu reflektieren. Hiernach werden bereits in der Ausbildung von Pflegefachkraften grundlegende Ansatze der Thanatologie2 quantitativ und qualitativ unzureichend gelehrt. Auszubildende sind dadurch zu unvorbereitet, um Sterbende und Angehorige professionell zu begleiten. Es pragen sich erste negative Erfahrungen ein und formen die personliche Haltung zum Sterben und Tod (Muller, 2018, p. 8 ff).

Es fehlt nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch Unterstutzung wahrend der Ausbildungspraxis, so argumentieren Mutto et al. (2010), dies verhindere eine emotionale Verbindung zu Sterbenden. Die Auszubildenden reduzieren ihre Tatigkeit strikt auf die Er- ledigung manueller Pflege und vermeiden im schlimmsten Fall den Umgang mit Sterbenden ausnahmslos (Mutto et al., 2010, zitiert nach Ek et al., 2014, p. 514). MaBgeblich fuhrt es also zu einer Ambivalenz gegenuber dem Thema Tod und kann eine erhohte Angst vor dem Sterben auslosen auf professioneller und personlicher Basis. Nach Sliter, Sinclair, Yuan, & Mohr (2014) ist bekannt, dass die Angst vor dem Sterben u. a. Burn-out bei Pflegenden for- cieren kann und damit auch ein reduziertes Engagement zur Folge hat. Sie sind der Meinung, dass Berufsgruppen, die eine erhohte Mortalitatssalienz3 erleben, im Umgang mit dieser und den Effekten aufgeklart sein mussen, um negative Folgen zu reduzieren. Sie empfehlen grundsatzlich Edukation in Thanatologie, innerbetriebliche Beratung und geben Hinweise fur zukunftige Forschungsrichtungen (Sliter et al., 2014, p. 763).

Trotz einer immer noch bestehenden gesellschaftlichen Tabuisierung des Todes und oft unvollstandigen Lehre der Thanatologie gibt es Pflegefachkrafte, die sich ganz bewusst der HPP zuwenden, einer Fachrichtung also, in der eine erhohte Mortalitatssalienz besteht. Welche Fahigkeiten und Besonderheiten besitzen diese Personen gegenuber Personen ande- rer Fachdisziplinen?

In der Studie von Amenta (1984) wird deutlich, dass Hospizpflegefachkrafte eine star- kere Durchsetzungskraft besitzen, unabhangiger, autonomer arbeiten, erfinderischer und li- beraler sind als Fachkrafte aus traditionellen Fachgebieten. Die Studie sollte damals als Grundlage dienen, um Personalauswahl fur HPP zu erleichtern. Amenta argumentiert weiter, dass die Fahigkeiten und Eigenschaften von pflegerischem Hospiz Personal geeignete Grundlage biete, um z. B. Todesangst, religiose Aspekte und den Sinn des Lebens tiefer zu erforschen (Amenta, 1984, p. 418ff). Es ist demnach von Bedeutung fur die Pflegewissen- schaft und die Hospiz- und Palliativversorgung, die individuellen Deutungen und gelebten Erfahrungen der Pflegefachkrafte zu untersuchen, sind diese doch zentrale Faktoren der pflegerischen Arbeit und mogen damit einen direkten Einfluss auf die direkte Pflege sowie die Einstellungen zu existentiellen Uberlegungen der Pflegenden haben.

Die Forschungsfrage, die Grundlage dieses Review ist, soll dahingehend sein: Wie erle- ben Hospiz- und Palliativpflegefachkrafte den Tod, das Sterben in ihrer Welt?

2 Zielsetzung

Basierend auf der Relevanz, soll diese Arbeit herausfinden, welche Erfahrungen, Einstellun- gen und Erkenntnisse sich bei den Pflegefachkraften durch die tagliche Arbeit mit Sterben- den herausgebildet haben. Sie soll dazu anregen, dass Pflegekrafte offener mit ihren Erfah- rungen umgehen, diese reflektieren und als Komponente ihres pflegerischen Auftrages er- kennen. Sie soll eine Verstandigung uber das Sterben und den Tod innerhalb der Pflegecom- munity fordern und idealerweise zur festen Einbindung von Thanatologie und Thanatopsy- chologie in Pflegecurricula fuhren. Die gesamtgesellschaftliche Einstellungen zum Tod, oft- mals basierend auf einer negativen Grundhaltung und Ambivalenz, konnen durch die offe- nen Deutungen und Erfahrungen aus dem Berufsfeld der HPP, reduziert oder positiv um- gewandelt werden.

3 Theoretische Grundlagen

“Understood existentially, birth is never something past in the sense of what is no longer objectively present, and death is just as far from having the kind of being of something outstanding that is not yet objectively present, but will come. Factically Dasein exists as born, and, born, it is already dying in the sense of being-towards-death.” (Heidegger, 1996, p. 343 in Svenaeus, 2018, p. 10)

Nach Capurro (1996) haben wir die Bedeutung zum Vor-Denken des Todes, die „praemedi- tatio mortis“, verlernt. In der antiken Philosophie wurde es praktiziert und in die damalige Gesellschaft getragen. Die Schrift von Heidegger, „Vorlaufen zum Tode“ (in ,Sein und Zeit‘ 1927), gehort in dieses Brauchtum. Cappuro ist der Meinung, dass durch die Technologisierung (z. B. Internet) unserer heutigen Gesellschaft die Ansicht zum Vor-Den- ken des Todes und der Zugang einer „gottlichen Transzendenz“ im Tode verborgen bleibt. Es fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Tod und somit wird er nicht mehr ernst genom- men. Dies fuhrt heute zu einer Entwicklung von Todesangsten, die es bisher in dieser Form in der Menschheitsgeschichte nicht gab (Capurro, 1996).

Laut Shariatinia (2015) ist fur Heidegger das Wissen uber den Tod die Grundlage zur Er- kenntnis des Universums. Nicht uber den Tod nachzudenken stellt fur ihn ein Hindernis des ursprunglichen Menschseins dar, denn der Tod gehort zur vollen Charakteristik der mensch- lichen Existenz. Nietzsche dagegen hielt es fur notwendig, sich mehr Gedanken uber das Leben zu machen als uber den Tod, denn im Tode stunde ein „Nichtvorhandensein“ von Abstraktionsdenken und metaphysischen Reflektionen. In der Moderne wurde der Tod mehr und mehr zu einem Thema der Wissenschaft und entfernte sich von der Philosophie. Seit- dem wird der Tod als Bedrohung angesehen, die ein Wohlergehen des Menschen gefahrdet (Shariatinia, 2015, p. 92f).

Ginzel (2008) erklart, dass sich im Moment des Todes eines Anderen die zwei Ge- sichter des Todes (Anfang und Ende) gleichzeitig offenbaren.

„Der Tod bedeutet der Affektivitat des Anderen ein Ende, ist Stillstand des Ausdrucks und Zerfall des Antlitzes, Aufbruch ohne Wiederkehr, reines Fragezeichen. Den Tod so zu verstehen, bedeutet aber eben auch, ihn als gesetztes Zeichen zu verstehen, welches uns als Wegweiser gur Idee der Unendlichkeit fuhrt. “ (Ginzel, 2008, p. 87)

Die einseitige Betrachtung des Todes, als Phanomen welches das Ende eines Lebens dar- stellt, greift daher zu kurz (Ginzel, 2008, p. 51 & 86f).

„Der Tod [des Anderen] enthullt sich zwar als Verlust, aber mehr als solcher, den die Verbleibenden efahren. [...] Wir efahren nicht im genuinen Sinne das Sterben der Anderen, sondern sind hochstens immer nur»dabei«. “ (Heidegger M., 2006, p.239 zitiert in Ginzel, 2008, p. 50)

Dieses Zitat wurde bewusst gewahlt, um darzustellen, dass es sich bei der Begleitung von Sterbenden stets um ein „Dabei Sein“ handelt. Jedes „Dabei Sein“ ist verschiedenartig ge- pragt mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die einzelne Pflegefachkraft, dem Team, den Sterbenden selbst und deren Angehorige. Die Begleitung Sterbender, die quantitativ den an- deren Fachrichtungen uberlegen ist, birgt sowohl Risiken (z.B. Burn-out, Todesangst) als auch Chancen (existenzielle Uberlegungen und Erfahrungen) fur das Hospizpersonal (vgl. Barnett, Moore, & Garza, 2019; Peters et al., 2013; Peters et al., 2012).

Harper (1994) macht deutlich, dass es 6 Phasen der Anpassung bezuglich der Pflege Ster- bender gibt. Die 1. Phase ist die Angst vor der Pflege am Ende des Lebens. Der Verlust von Patientinnen und Patienten stellt die 2. Phase dar. In der 3. Phase trauert die Fachkraft selbst und ebenso um Patienten und Angehorige. Die 4. Phase auBert sich durch die Entwicklung von Fertigkeiten der Sterbebegleitung. Die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Empa- thie befinden sich in der 5. Phase bis hin zur 6. Phase, in der sich ein tiefes Mitgefuhl und ein Bewusstwerden der menschlichen Endlichkeit vollzieht, (zitiert nach Harper, 1994 in Caton & Klemm, 2006, p. 607).

Um die Chancen fur eine erfullende Tatigkeit in der HPP zu fordern, erklart Tanhan (2013), dass das individuelle Bewusstsein vom Phanomen des Todes in der Pflege gestarkt werden musse, weil dieser Berufszweig haufig mit Sterbenden und trauernden Angehorigen konfron- tiert wird. Negative Einstellungen sollen idealerweise in positive umgewandelt werden, damit die existenzielle Beziehung des Lebens mit dem Tode verstanden wird (Tanhan, 2013 zitiert nach Temelli & Cerit, 2019, p. 4).

Dahinfuhrend war die erste, im Jahre 1965, veroffentlichte Grounded Theory ihrer Art, „A- wareness of Dying“ von Glaser und Strauss richtungsweisend hinsichtlich der engen Bezie- hung zwischen dem Verstandnis vom Tod bei Pflegenden und dessen direkte Beeinflussung auf die Pflege mit Sterbenden. Nach Andrews (2015) wollten Glaser und Strauss mit ihrer Arbeit die Versorgung von Sterbenden in stationaren Einrichtungen verbessern. Sechs Jahre verbrachten sie damit, Interviews und Beobachtungen durchzufuhren und konnten dadurch verschiedene Aspekte des Sterbens erfassen. Die Ergebnisse waren „augenoffnend“, denn der Bewusstseinsgrad der Pflegenden, Medizinern und Medizinerinnen uber den Sterbepro- zess beeinflusst die direkte Patientenversorgung. Die Ergebnisse zeigen, dass Personal, wel­ches empathisch, ehrlich, sensibel und kommunikativ bewandt ist, Sterbenden eine wichtige Unterstutzung bietet, um ihre letzten Lebenstage wurdevoll zu verbringen. Die resultierende Theorie dieser Studie kann auch heute noch als praktischer Leitfaden dienlich sein (Andrews, 2015, p. 3ff).

4 Methodik

Nach Butler, Hall, & Copnell (2016) gibt es zahlreiche Leitlinien uber die Durchfuhrung quantitativer SRs4 fur EinsteigerInnen in der Forschung, aber nur wenige uber qualitative SRs innerhalb der Pflegewissenschaft. In ihrer Leitlinie empfehlen sie, die Frageformulierung aus der quantitativen Forschung PICO5 in PCO6 umzuwandeln, da dies eher der Grundlage einer qualitativen Methodik entspricht (Butler et al., 2016, p. 241f).

Vorab wurde die Forschungsfrage, „Wie erleben Hospiz- und Palliativpflegefachkrafte den Tod, das Sterben in ihrer Welt?“, wurde in englischer Sprache anhand PCO zerlegt und strukturiert, in Anlehnung an das Modell von Butler et al. (2016). (P) Hospice and Palliative Care Nurses, (C) death and dying in inpatient hospice care, (O) Experience of Hospice and Palliative Care Nurses. Mit dieser Vorgabe wurden englische Keywords fur die Literatur- recherche entwickelt (s. Abb.1). Die Suchbegriffe wurden in den Datenbanken TRIP Data­base, Pubmed, Livivo durchgefuhrt. Die Suchstrategie wurde in allen Datenbanken in ahnli- cher Weise angewandt.

Abb. 1 SR PCO Suchbegriffe Englisch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Boolesche Operator 'OR' und 'AND' wurde verwendet, um Synonyme zu unterscheiden und Suchbegriffe zu kombinieren. Die Suche wurde auf Studien beschrankt, die zwischen Januar 1990 und Dezember 2020 veroffentlicht wurden. Die Recherche begann 1990, da in diesem Zeitabschnitt die Forschungen und Publikationen zur Versorgung Sterbender im Zu- sammenhang mit der Entwicklung der Palliativmedizin deutlich zunahm. Solche Referenz- listen der Publikationen, die die Einschlusskriterien erfullten, wurden manuell uberpruft, um zusatzliche Studien zu identifizieren, die bei der digitalen Suche nicht erfasst wurden.

4.1 Einschlusskriterien und Studienauswahl

Das vorliegende Review betrachtet die Erfahrungen von Pflegekraften, die mit Sterbenden und deren Tod konfrontiert sind, als das Phanomen von Bedeutung. Studien wurden einge- schlossen, wenn sie die folgenden Einschlusskriterien erfullten: (a) Primarstudie mit qualita- tiver Methodik; (b) Fokus auf Erfahrungen und Erkenntnisse mit Sterbenden und Tod in HPP c) Fokus auf Pflegefachkrafte, die mindestens 1 Jahr Berufserfahrung in dieser Fach- richtung aufweisen; und (d) in englischer Sprache. Es gab keine Einschrankung hinsichtlich der Art, Schwere und Prognose der terminalen Erkrankungen bei Patienten und Patientin- nen, des geographischen Ursprungs der Studien und der Kultur sowie Religion der Pflege- fachkrafte.

Die Suche wurde jedoch auf Studien beschrankt, die in Englisch veroffentlicht wurden, da die Forscherin die Sprache flieBend beherrscht und die Studienlage in englischer Sprache umfangreicher ist. Studien, die sich explizit auf eine padiatrische Hospiz- und Palliativver- sorgung beziehen, wurden ausgeschlossen.

Einschlusskriterien wurden auf Titel und Abstracts der Suchergebnisse angewendet. 318 Stu- dien wurden identifiziert und in die Software Endnote X9 importiert. Aus dieser Stichprobe wurden doppelte Publikationen identifiziert und entfernt. Die verbleibenden 311 Datensatze wurden auf Relevanz von Titel und Abstract gepruft. 22 Volltexte wurden abgerufen und gemaB der Einschlusskriterien uberpruft. Insgesamt wurden 9 Arbeiten als geeignet fur die Qualitatsbeurteilung eingestuft. Die Suchergebnisse sind als PRISMA Flussdiagramm in Ab- bildung 2 dargestellt.

Abb. 2 PRISMA Flussdiagramm7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fur die kritische Bewertung der einzelnen Studien wurde die Critical Appraisal Skills Pro­gramme (CASP)-Checkliste (The Oxford Centre for Triple Value Healthcare, 2018) (s. Ap­pendix II) verwendet. Dieses Instrument wurde gewahlt, weil es eine Reihe von Screening- Fragen zur systematischen Bewertung von qualitativen Forschungsstudien enthalt (Huang, O'Connor, & Lee, 2014). Der Qualitatsbewertungsprozesses wird durch die Autorin an 9 eingeschlossenen Arbeiten selbstandig durchgefuhrt.

4.3 Analyse

Von den insgesamt 9 Studien, verfolgten 6 den methodischen Ansatz der Phanomenologie (Evans & Hallett, 2007; Karlsson, Kasen, & Warna-Furu, 2017; Rittman, Paige, Rivera, Sutphin, & Godown, 1997; Torn0e, Danbolt, Kvigne, & S0rlie, 2014; Wu & Volker, 2009).

7 eigene Darstellung adaptiert nach Moher, Liberati, Tetzlaff, Altman, and Group (2009) Zwei Studien basieren auf der Inhaltsanalyse (Andersson, Salickiene, & Rosengren, 2016; Temelli & Cerit, 2019) und eine weitere auf der Diskursanalyse (Funes, Moraes, Cunha, & Almeida, 2020) als Methodik. In Appendix I wird ein umfassender Uberblick geschaffen uber Methodik, Konzept, Sampling und Ergebnisse der Studien. Die Gesamtheit der Daten wurde auf Komponenten und Hauptaspekte untersucht. Fokus war hier die Thematik und die Glie- derung dieser in Kategorien (vgl. McCallum, Jackson, Walthall, & Aveyard, 2018).

Aus den 9 Studien wurden 13 kondensierte Bedeutungseinheiten analysiert und in 4 Katego- rien gegliedert. Aus diesen ergaben sich 2 synthetisierte Hauptkategorien (s. Appendix I, Tab.1). In der Abhangigkeit vom Urteilsvermogen und Interpretationsfahigkeit der gutach- tenden Person ist diese Phase die wohl umstrittenste und am schwierigsten zu beschreibende (Thomas & Harden, 2008, p. 7).

5 Ergebnisse

Im weiteren Verlauf werden die Ergebnisse nach den oben benannten Kategorien die Stu- dien ausfuhrlich beschrieben, verglichen und interpretiert.

5.1 Gefuhle und Gedanken uber den Tod (existentielle Oberlegungen)

Nach Heidegger (in Ireton, 1997, p. 480) integriert die ontologische7 Sichtweise das Bewusst- sein und die Akzeptanz des Todes in das Zentrum des menschlichen Seins, wo er als ein grundlegendes Phanomen der Existenz gilt. Diese Denkweise spiegelt sich im folgenden Ab- schnitt wider.

5.1.1 Bedeutung von Tod

Funes et al. (2020) analysiert in ihrer Studie die Einstellung zum Tod und wie dieser definiert wird von Pflegefachkraften. Es hat sich gezeigt, dass Pflegefachkrafte in der HPP den Tod als Ereignis der Umwandlung in eine andere Dimension deuten.

Nurse: ” ...For me, dying means only a transition to another dimension. (E1)”

Nurse: ” ... I see death as a process of disembodiment, where the spirit continues to live. (E2)”

Er wird ebenso auf physiologischer Ebene betrachtet, als ein biologischer und naturlicher Prozess.

Nurse: “Hmm... [pause] ... it's the interruption of brain functions, due to the lack of nutrients and oxygen to keep neurons alive. (E3)“

Sie glauben, dass der Tod nicht den Endpunkt des Lebens darstellt. Der Tod ist bereits vom Schicksal vorbestimmt und jeder sollte sich auf das Ereignis in seinem Leben vorbereiten.

Nurse: “Death... we have to know that one day we'll die. One day we'll die, and it will end. Because if we don't have a perspective that our life is going to end, we wouldn't do things willingly... we would have a lot of time to do it. So, it's good that everything has to have a limit... life is one of them. (E5)”

Das Sterben ist wie die Geburt, ein Grundstein des Lebens, wenn auch schwer zu begreifen. Die Pflegefachkrafte suchen fur das Verstandnis uber den Tod Unterstutzung durch religi­ose, spirituelle oder philosophische Aspekte und Theorien. Die Reflektion uber den eigenen Tod und den Tod der PatientInnen ist fur sie ein Motivationsfaktor, um in diesem Leben Ziele zu verfolgen und zu realisieren (Funes et al., 2020).

In der Studie von Seno (2010) haben die Pflegefachkrafte eine wahre, authentische Grund- haltung zum Tod geauBert. Aus ihren Ergebnissen ergaben sich einzelne Muster. Das erste Muster ist, dass sie den Tod akzeptieren, als das was er ist, namlich die Bedingung des authen- tischen Seins. Das zweite Muster zeigt, dass sie personliche/familiare Erfahrungen mit Tod und Sterben hatten- dies bewirke eine Verbindung zu den Sterbenden, Angehorigen und zwischen den Fachdisziplinen. Das dritte Muster beschreibt einen vorteilhaften (realistischen) Geisteszustand, den des authentischen Seins gegenuber dem Tod. Das vierte Muster bezieht sich auf das Abrufen (zuhoren, Probleme identifizieren, Optionen erlautern) dessen, was die Sterbenden fuhlen und sie somit zum Reden bringt. Musterfunf 'beschreibt, wie sich die Pfle- gefachkrafte auf den zwischenmenschlichen Raum einstellen und diesen managen, bezuglich der Umstande innerhalb der Organisation oder des Gesundheitssystems, der Sterbenden so- wie Angehorigen. Seno argumentiert, dass alle Muster eine ganzheitliche Einheit bilden in der Arbeit mit Sterbenden und der authentischen Grundhaltung zum Tod. Zudem empfiehlt sie, sich ausgiebig mit Heideggers Verstandnis von Tod zu beschaftigen. Sie ist der Annahme, dass sich mit Hilfe dieses Verstandnisses die Einstellung zum Tod positiv verandern kann (Seno, 2010, p. 377ff).

[...]


1 International Council of Nurses

2 „Wissenschaft von den Ursachen und Umstanden des Todes. Schwerpunkte der Thanatologie sind u. a. die Einstellung zum Tod, Todesvorstellungen, Vortoderfahrungen, Sterbeprozess (auch Suizid) und Ster- bebeistand, Interaktion mit Sterbenden, Trauer sowie Bestattungsformen.“ (Pschyrembel, 2020)

3 Die (mitunter unbewusste) Zuganglichkeit der eigenen Sterblichkeit; aktiviert durch kurzes Nachdenken uber den eigenen Tod. (Schindler, 2019)

4 Abk. Systematische Review(s)

5 Abk. fur Population, Intervention, Comparison, Outcome (Riesenberg & Justice, 2014)

6 Abk. fur Population, Context, Outcome

7 Definition Ontologie: Lehre vom Sein, vom Seienden (Dudenredaktion, o. J.)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Gelebte Erfahrungen zum Thema Tod von Pflegefachkräften in der Hospiz- und Palliativversorgung
Hochschule
Hochschule Neubrandenburg  (Gesundheit-Pflege-Management)
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
31
Katalognummer
V1036125
ISBN (eBook)
9783346454256
ISBN (Buch)
9783346454263
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie, systematische Übersichtsarbeit, Hermeneutik, qualitative systematische Übersichtsarbeit, Sterben, Tod, Erfahrungen, Palliativpflege, Hospizpflege
Arbeit zitieren
Claudia Snow (Autor:in), 2021, Gelebte Erfahrungen zum Thema Tod von Pflegefachkräften in der Hospiz- und Palliativversorgung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036125

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