Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht eine tiefgehende Analyse der neunten Invention in f-Moll.
Der innere Reichtum dieses Stücks, sowie die Tatsache, dass es in der Literatur bisher wenig behandelt wurde, sind Gründe, die die Autorin zur Auseinandersetzung mit diesem Stück geführt haben. Hier wird versucht den analytischen Ansatz von Fritz Jöde einerseits zu erproben, anderseits weiterzuentwickeln. Dafür werden jenseits des von Fritz Jödes Buch gegebenen ersten Impulses eine Menge weiterer Ideen verwendet, sowie eigene Methoden und Gedanken der Autorin.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist, inwieweit unser Verständnis der Inventionen und die Art und Weise, mit der wir sie betrachten, der Anschauung der Zeit, in der diese Stücke entstanden sind, entspricht. Dies wäre ein Grund, einen Teil der Literatur zu den Inventionen infrage zu stellen. Obwohl das Verständnis einer Musik, das auf ihrer zeitgenössischen Theorie und Praxis beruht, ein vernünftiger Ausgangspunkt zu sein scheint, könnten Denkweisen anderer Art unsere Anschauung dieser Musik, und damit ihr Potenzial, deutlich vergrößern. Es sollte bei der Analyse ein Gleichgewicht zwischen der phänomenologischen Betrachtung einer Musik und der Berücksichtigung ihres historisch-musikalischen Kontextes herrschen. Eine bloße phänomenologische Betrachtung würde dazu führen, historisch relevante Tatsachen zu vernachlässigen, während das Gegenteil eine zu restriktive Anschauung mit sich brächte.
Der Umfang der Inventionen ermöglicht eine tiefgreifende Analyse, die auf die verschiedensten Aspekte zielt. Wäre der Gegenstand ein Stück einer größeren Dauer und anderer Art (z. B. eine Toccata oder ein Konzert), müsste man selbstverständlich die angewandte Verfahrensweise anpasst werden.
Der erste Arbeitsschritt der Analyse konzentrierte sich zunächst auf die Darstellung verschiedener Grundaspekte, wie Tonarten, Taktgruppen, Harmonik, Kontrapunkt, etc. Es ging darum, Erkenntnisse über das Stück zu gewinnen, auf denen sich allmählich eine detaillierte Analyse aufbauen liess. Beim zweiten Schritt der Analyse lag der Schwerpunkt auf der Darstellung weiterer Aspekte, wie Metrik, Melodik, Motivik, Dissonanzen, Satzmodelle, etc. Die zuletzt erwähnten Aspekte unterscheiden sich im Prinzip nicht von denen der ersten Phase, sie vertreten lediglich einen höheren Komplexitätsgrad.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1- Praeambula: zur Entstehung der 15 zweistimmigen Inventionen
1.1. Das Clavier-Büchlein vor Wilhelm Friedemann Bach
1.2. Praeambulum
1.3. Musikgeschichtlicher Hintergrund der 15 praeambula
1.4. Inventio(n)
1.5. Die 15 zweistimmigen Inventionen
1.6. Die ursprüngliche Ordnung der Inventionen und ihr Sinn
2- Überblick zur Literatur zu den Inventionen
2.1. Einleitung
2.2. Allgemeiner Überblick zur Literatur
- Fritz Jöde
- Johann Nepomuk David
- Erwin Ratz
- Schenkersche Analyse
- Rhetorische Musikanalyse
2.3. Ausgewählte Werke im Detail und Vergleich ihrer Ansätze
- Fritz Jöde: Die Kunst Bachs : dargestellt an seinen Inventionen "um darneben einen starken Vorschmack Komposition zu überkommen"
- Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre : über Formprinzipien in den Inventionen J. S. Bachs und ihre Bedeutung für die Kompositionstechnik Beethovens
- Laurence Dreyfuss: Bach and the Patterns of Invention
2.4. Zusammenfassung: Ziel bisheriger Analysen
3- Analyse der neunten Invention in f-Moll
I Erster Abschnitt
II Formaler Überblick
III Die Anschauung der Inventionen nach Ratz
IV Stimmführung vor den Themenanfängen
V Modifikationen im Übergangsteil
V Harmonik
VII Fritz Jödes Musikbetrachtung und der hypothetische Keim
VIII Die Takte 25-28
IX Eine musikalisch-rhetorische Anschauung
- Zusammenfassung
4- Ausblick: Nachläufer
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die 15 zweistimmigen Inventionen von J. S. Bach sowohl musikgeschichtlich zu kontextualisieren als auch ihre musikalische Struktur durch verschiedene analytische Ansätze zu durchdringen, um insbesondere die neunte Invention in f-Moll einer detaillierten musikalischen Analyse zu unterziehen.
- Musikgeschichtliche Kontextualisierung der 15 Inventionen
- Diskussion und Vergleich verschiedener musiktheoretischer Analyseansätze
- Vertiefte Analyse der neunten Invention in f-Moll
- Reflexion über das Verhältnis von Form und Inhalt in Bachs Inventionen
- Untersuchung von Kompositionsverfahren und rhetorischen Figuren
Auszug aus dem Buch
Die fünfteilige Urform
„Um das Wesen der musikalischen Form zu erfassen, müssen wir versuchen, Prinzipien zu finden, die allen Formen gemeinsam sind. Analog dem Begriff der Urpflanze in der Metamorphosenlehre Goethes legt auch die funktionelle Formenlehre ihren Betrachtungen eine Urform zugrunde [...]. Diese Urform besteht aus fünf Teilen:
Teil: Erster Teil - Funktion: Exponiert die Tonika
Teil: Zweiter Teil - Funktion: Führt von der Tonika weg
Teil: Dritter Teil - Funktion: Verweilt in entfernteren Regionen
Teil: Vierter Teil - Funktion: Führt zurück auf die Dominante der Haupttonart
Teil: Fünfter Teil - Funktion: Bekräftigt die wieder erreichte Tonika“
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die Motivation des Autors zur Analyse der Inventionen und die Einbettung in den musikgeschichtlichen Kontext.
1- Praeambula: zur Entstehung der 15 zweistimmigen Inventionen: Historische Untersuchung der Entstehung und der Umbenennung der Inventionen sowie ihres musikpädagogischen Hintergrunds.
2- Überblick zur Literatur zu den Inventionen: Diskussion und Kategorisierung verschiedener musiktheoretischer Ansätze und Analysen, unter anderem von Jöde, Ratz und Dreyfus.
3- Analyse der neunten Invention in f-Moll: Detaillierte musikalische Untersuchung der f-Moll Invention unter Anwendung der diskutierten analytischen Methoden.
4- Ausblick: Nachläufer: Betrachtung der Rezeption und des Einflusses der Bachschen Inventionen auf Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
J. S. Bach, Inventionen, Musiktheorie, Musikanalyse, Fritz Jöde, Erwin Ratz, Laurence Dreyfus, f-Moll Invention, Kontrapunkt, Rhetorik, Formenlehre, musikalische Organik, Schenker-Analyse, Kompositionsverfahren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die 15 zweistimmigen Inventionen von J. S. Bach durch eine Kombination aus historischer Kontextualisierung und detaillierten musiktheoretischen Analysen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Entstehungsgeschichte der Inventionen, der Vergleich analytischer Methoden (wie Schenker oder Rhetorik) und die spezifische Analyse der Invention Nr. 9.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Verständnis für die Kompositionsstruktur der Inventionen zu vertiefen und den analytischen Ansatz von Fritz Jöde auf die neunte Invention anzuwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt verschiedene analytische Ansätze, darunter die musikalische Rhetorik, Schenkersche Schichtenmodelle und Jödes musikalische Organik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Literaturübersicht über existierende Analysen und der tiefgreifenden, schrittweisen Analyse der f-Moll Invention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kontrapunkt, Kompositionsverfahren, musikalische Rhetorik, Inventionen und Bachs Kompositionstechnik charakterisieren.
Warum spielt die neunte Invention eine besondere Rolle?
Sie ist ein komplexes, in der Literatur bisher wenig behandeltes Stück, das sich hervorragend eignet, um verschiedene analytische Konzepte zu erproben.
Welche Rolle spielen die Begriffe "Mechanisch" und "Organisch" in den Analysen?
Diese Begriffe stammen primär von Fritz Jöde und bilden das Spannungsfeld seiner Interpretation der Inventionen als lebendige, organisch gewachsene Musikstücke.
Was ist die "fonte-Sequenz"?
Dies ist ein in der Analyse der f-Moll Invention erwähntes spezifisches Satzmodell, das zur Modulation und formalen Gliederung des Stücks eingesetzt wird.
Wie unterscheidet sich die Auffassung der Formenlehre zwischen Jöde und Ratz?
Während Ratz die Formenlehre als Werkzeug zur Identifikation von Gesetzmäßigkeiten nutzt, lehnt Jöde starre formale Kategorien ab und fokussiert stattdessen auf den Prozess der "Formung".
- Arbeit zitieren
- Unai Ruiz de Gordejuela (Autor:in), 2021, Die f-Moll Invention J. S. Bachs und seine zweistimmigen Inventionen. Eine analytische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036739