In dieser Arbeit wird sich zunächst mit einer leibphänomenologischen Sicht auf Behinderung beschäftigt. In einem weiteren Schritt wird der Konstruktivismus als eine weitere Sichtweise vorgestellt und daraufhin mit der leibphänomenologischen Sicht verglichen. Am Ende soll dann in einem Fazit noch einmal auf die angesprochenen Sichtweisen eingegangen, diese kritisch reflektiert und die Meinung des Autors zum Ausdruck gebracht werden.
Bist du eigentlich behindert? Diese Frage könnten geneigte Rezipienten nun als Beleidigung auffassen. Schließlich ist eine Behinderung negativ konnotiert. Nicht selten wird eine Behinderung auch mit einer Krankheit verglichen. Ist jemand verärgert, wird der Begriff der Behinderung sogar wie oben beschrieben als eine Beleidigung eingesetzt.
Doch was steckt eigentlich hinter diesem Begriff der Behinderung? Wann kann man von einer Behinderung sprechen? Es gibt eine Vielzahl von Definitionen und doch gibt es nicht die eine Definition für Behinderung. Eine Sichtweise lautet wie folgt: „Der Mensch mit geistiger Behinderung wird als ein leiblich-soziales Wesen verstanden. Daher sind Behinderungen verstehbar als nicht-terminierbare, negative Abweichungen von generalisierten Wahrnehmungs- und Verhaltensanforderungen, die sich aus der Interaktion von körpergebundenen Relikten eines Schädigungsprozesses mit sozialen und außersozialen Lebensbedingungen ergeben.
Daher kann man sagen: auch wenn der Mensch durch äußere Bedingungen behindert ‚wird‘, so ist diese Sicht zu ergänzen durch ein ‚Behindertsein‘“. Diese Definition beschreibt den Begriff der Behinderung aus leibphänomenologischer Sicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Hinführung: Probleme bei verschiedenen Definitionen in der Statistik
2. Erläuterung zur Definition
2.1 Der Mensch […] als ein leiblich-soziales Wesen
2.2. Behinderungen [sind] nicht-terminierbar
2.2.1 Exkurs: nicht-terminierbar als schwammiges Kriterium
2.3 Behinderungen [sind] negative Abweichungen
2.4 Abweichungen von generalisierten Wahrnehmungs- und Verhaltensanforderungen
2.5 Interaktion von körpergebundenen Relikten eines Schädigungsprozesses mit sozialen und außersozialen Lebensbedingungen
2.6 Der Mensch wird von außen behindert, ist aber auch selbst behindert
3. Weitere Metatheorie: Der Konstruktivismus
4. Die Sichtweisen im Vergleich
4.1 Der Mensch […] als ein leiblich-soziales Wesen – ein Vergleich
4.2. Behinderungen [sind] nicht-terminierbar – ein Vergleich
4.3 Behinderungen [sind] negative Abweichungen – ein Vergleich
4.4 Abweichungen von generalisierten Wahrnehmungs- und Verhaltensanforderungen – ein Vergleich
4.5 Der Mensch wird von außen behindert, ist aber auch selbst behindert – ein Vergleich
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der Behinderung durch einen vergleichenden Blick auf zwei unterschiedliche metatheoretische Sichtweisen: die leibphänomenologische Perspektive und den Konstruktivismus. Ziel ist es, die Definitionen von Behinderung kritisch zu hinterfragen und zu verdeutlichen, wie verschiedene theoretische Ansätze das Verständnis von Behinderung prägen und welche Konsequenzen sich daraus für die Wahrnehmung betroffener Menschen ergeben.
- Analyse des leibphänomenologischen Verständnisses von Behinderung.
- Untersuchung des konstruktivistischen Ansatzes, der Behinderung als soziales Konstrukt deutet.
- Vergleichende Gegenüberstellung beider Metatheorien anhand zentraler Kategorien.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Körperlichkeit und der sozialen Interaktion.
- Reflexion über die Grenzen der vorgestellten Theorien, insbesondere unter Einbeziehung biologischer Aspekte.
Auszug aus dem Buch
2.5 Interaktion von körpergebundenen Relikten eines Schädigungsprozesses mit sozialen und außersozialen Lebensbedingungen
Ein Relikt ist „etwas, was aus einer zurückliegenden Zeit übrig geblieben ist“ (Relikt, kein Datum). Es wird auch als „Überbleibsel“ oder „Überrest“ beschrieben (Relikt, kein Datum). Dieser Punkt stellt in der leibphänomenologischen Sichtweise einen zentralen Gedanken dar. Der Mensch wird nicht nur durch äußere Prozesse behindert. Diese Behinderung muss sich auch körperlich durch ein Relikt oder Überrest niederschlagen. Das heißt, „der Körper muss in der Vergangenheit von einem schädigenden Prozess betroffen gewesen sein“ (Kastl, 2017, S. 92). Dabei wird zwischen dem Schädigungsprozess, der ein Relikt, also eine Schädigung zurück lässt, unterschieden. Erst das Wechselspiel zwischen dem Relikt und äußeren Umweltbedingungen und Einflussfaktoren „ergeben die eigentliche Behinderung“ (Kastl, 2017, S. 92). Veranschaulichen wir dies an einem Beispiel. Kai stürzt beim Fahrradfahren und holt sich dabei schwere Verletzungen an der Wirbelsäule infolgedessen er nicht mehr laufen kann. Der Schädigungsprozess ist in diesem Falle also der Sturz und die damit verbundenen Verletzungen. Das Relikt sind die irreparablen Verletzungen an der Wirbelsäule, die ihm die Fähigkeit nehmen zu laufen. Die Behinderung tritt nun im Wechselspiel mit äußeren Einflüssen zusammen auf. Kai kann keine Treppen mehr laufen und hat nun Probleme sich in seinem Zuhause zu bewegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Behinderungsdefinition ein und stellt die leitende Forschungsfrage sowie das geplante Vorgehen der Arbeit vor.
2. Hinführung: Probleme bei verschiedenen Definitionen in der Statistik: Dieses Kapitel erläutert die Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung von Behinderung aufgrund fehlender international einheitlicher Kriterien.
2. Erläuterung zur Definition: Hier wird die leibphänomenologische Sichtweise detailliert dargelegt und Begriffe wie Körperlichkeit, Nicht-Terminierbarkeit und Relikte diskutiert.
3. Weitere Metatheorie: Der Konstruktivismus: Dieses Kapitel stellt den Konstruktivismus als ergänzende, auf subjektiver Wahrnehmung basierende Sichtweise auf Behinderung vor.
4. Die Sichtweisen im Vergleich: In diesem Hauptteil werden die beiden zuvor eingeführten Metatheorien in einem systematischen Vergleich gegenübergestellt.
5. Fazit: Das Fazit reflektiert die Stärken und Schwächen beider Ansätze und führt eine eigene kritische Position des Autors ein, die insbesondere biologische Aspekte als fehlendes Element ergänzt.
Schlüsselwörter
Behinderung, Leibphänomenologie, Konstruktivismus, Körperlichkeit, Schädigungsprozess, Relikt, soziale Interaktion, Normabweichung, subjektive Realität, Behindertsein, Behindert werden, Inklusion, statistische Definition, Diskurs, bio-soziales Wesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie „Behinderung“ aus theoretischer Sicht definiert wird und welche verschiedenen Sichtweisen es gibt, um den Begriff zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die leibphänomenologische Sichtweise auf Behinderung und der konstruktivistische Ansatz, die gemeinsam kritisch analysiert und verglichen werden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch den Vergleich der beiden Metatheorien ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Behinderung entsteht, wahrgenommen wird und in welchen Kontexten sie Bedeutung gewinnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die bestehende wissenschaftliche Theorien sowie Definitionen aus der Soziologie und Leibphänomenologie gegenüberstellt und reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Vorstellung der zwei Metatheorien und ihren systematischen Vergleich anhand von Kategorien wie Körpergebundenheit, Zeitlichkeit und Normabweichungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Behinderung, Leibphänomenologie, Konstruktivismus, Körperlichkeit, Schädigungsprozess und soziale Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt der Untersuchung.
Warum reicht nach Ansicht des Autors eine rein soziale Sicht auf Behinderung nicht aus?
Der Autor argumentiert, dass eine rein konstruktivistische Sichtweise die leibliche Dimension vernachlässigt, weshalb die leibphänomenologische Sichtweise als umfassender erachtet wird.
Welche zusätzliche Perspektive fordert der Autor im Fazit?
Der Autor bemängelt das Fehlen einer stärkeren biologischen Perspektive, die insbesondere bei genetisch bedingten Behinderungen für ein vollständiges Verständnis notwendig wäre.
- Arbeit zitieren
- Marius Schmidt (Autor:in), 2020, Behinderung aus einer leibphänomenologischen und konstruktivistischen Sicht. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036745