Individualtheoretische Erklärungen der Geschlechtersegregation in der Bildung

Der Einfluss von Berufswerten


Essay, 2019

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Einfluss der Berufswerte

Humankapitaltheorie vs. Sozialisationstheorie

Bewertung und Kritik

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schaut man sich die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern an, wird schnell deutlich, dass in frauentypischen Branchen, wie im Gesundheits- und Sozialwesen oder in der Erziehung, tatsächlich ungefähr 77% der erwerbstätigen Frauen tätig sind, wohingegen der Prozentsatz der Männer in diesen Branchen bei 23% liegt. Noch deutlicher ist die Segregation in den typisch männlichen Branchen, wie zum Beispiel im Baugewerbe. Hier liegt der Anteil der Frauen bei ca. 13% und der Anteil der Männer bei 87% (vgl. Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2019: 12).

Doch warum besteht die Geschlechtersegregation in der Wahl der Berufsbildung? Diese Frage soll in dem vorliegenden Essay unter Berücksichtigung der Berufswerte, der Humankapitaltheorie und der Sozialisationstheorie beleuchtet und im Anschluss kritisch bewertet werden. Vor allem wird sich auf folgende Texte bezogen: „Die Geschlechtersegregation beim Berufseinstieg. Berufswerte und ihr Erklärungsbeitrag für die geschlechtstypische Berufswahl“ (A. Busch, 2013a) und „Die berufliche Geschlechtersegregation in Deutschland – Ein Überblick“ (A. Busch, 2013b).

Die Thematik dieses Essays ist in das Thema „Vergangenheitsbezogene Gründe: Sozialisation von Interessen, Werten und wahrgenommenen Fähigkeiten“ des Seminars eingebunden. Die Berufsfelder werden immer stärker ausdifferenziert und die Vielfalt an Informationen wächst, wodurch die Studien- und Berufswahl zu einem komplexen Entscheidungsprozess wird, der die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen überfordern kann (vgl. Oechsle et al. 2009). Aber nicht nur die veränderte Situation auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch die persönlichen Werte der Schülerinnen und Schüler sowie der Studierenden spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung (vgl. ebd.). Die Berufswahl ist für jeden Menschen relevant, da sie prägend für den weiteren Lebenslauf ist. Dabei ist anzumerken, dass die Wahl des Berufs bzw. der Berufsbildung nicht nur für Individuen wichtig ist, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Dadurch lassen sich wichtige Zahlen wie die Arbeitslosenquote bestimmen, Trends für beliebte Berufsfelder ermitteln und die Stärke der Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt bestimmen.

Der Einfluss der Berufswerte

In dem Artikel „Die Geschlechtersegregation beim Berufseinstieg – Berufswerte und ihr Erklärungsbeitrag für die geschlechtstypische Berufswahl“ von Anne Busch wird vor allem die berufliche Geschlechtersegregation behandelt. Berufliche Geschlechtersegregation meint ganz allgemein, dass man Männer und Frauen in vermeintlich typischen weiblichen und typischen männlichen Berufen wiederfindet, was ein konstantes Merkmal von Arbeitsmärkten westlicher Industriegesellschaften ist (vgl. Charles & Bradley 2009: 925). Diese Segregation versteht sich als wichtiger Auslöser der Reproduktion sozialer Ungleichheit zwischen beiden Geschlechtern, da der Verdienst und die Aufstiegsmöglichkeiten in Frauenberufen geringer sind als in den Männerberufen (vgl. Busch 2013a: 47).

Jeder Mensch hat bestimmte berufliche Präferenzen, welche noch vor Berufsbeginn gebildet werden. Diese Präferenzen werden mithilfe von Berufswerten gemessen. Sie erfassen die Signifikanz bestimmter Merkmale der Berufstätigkeit für Personen. Dabei wird zwischen intrinsischen und extrinsischen Werten unterschieden. Intrinsische Berufswerte beziehen sich auf die Wichtigkeit einer erfüllenden Arbeit. Sie umfassen eine hohe Wichtigkeit von selbstbestimmtem Arbeiten und interessanten Tätigkeiten. Extrinsische Berufswerte sind auf die Bedeutsamkeit von Ressourcen bezogen, die durch die Arbeit entstehen, wie Verdienste, Aufstiegschancen oder das Berufsprestige (vgl. Marini et al. 1996: 50).

Es wird außerdem zwischen altruistischen Berufswerten und solchen, die eine gute Work- Life-Balance als wichtig für die Berufstätigkeit erachten, unterschieden (vgl. Lueptow 1980: 50). Frauen und Männer unterscheiden sich hinsichtlich der Einschätzung der Wichtigkeit dieser Berufswerte, was die geschlechtstypische Berufswahl zur Folge hat.

Eine Annahme ist unter anderem, dass Frauen im Vergleich zu Männern stärker familienorientiert seien und daher einen Berufsweg planen, „der stärker durch Familien- und Erziehungsphasen unterbrochen ist” (Busch 2013a: 149).

Daher wählen sie Berufe, die es ermöglichen, den familiären Verpflichtungen nachzugehen und in denen sie keine besonderen Qualifikationen oder Erfahrungen benötigen.

Männer nehmen durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung häufiger die Rolle des Familienernährers an und bevorzugen deshalb Berufe, in denen sie in höhere Positionen aufsteigen können um somit auch den Verdienst zu erhöhen. Laut Busch entwickeln Frauen vor dem Berufseinstieg vor allem Berufswerte in Richtung einer Work-Life-Balance, das heißt, bei dem das Privat- und das Berufsleben miteinander in Einklang stehen, wobei Männer eher extrinsische Berufswerte realisieren (ebd.: 149).

Aufgrund der These, dass Frauenberufe besser mit Familienverpflichtungen vereinbar und Männerberufe mit höheren Verdiensten und Aufstiegschancen verbunden sind, ist anzunehmen, dass die unterschiedlichen Präferenzen von Männern und Frauen entsprechend eine geschlechtstypische Berufswahl unterstützen (vgl. Pollmann-Schult 2009: 140f.). Natürlich muss neben den bestimmten Präferenzen, die jede/r Schüler/in oder Studierende im Laufe seines Lebens herausbildet, auch bedacht werden, dass noch andere Faktoren wie z.B. das Elternhaus, bestimmte Werthaltungen oder Noten in den Schulfächern relevant sind. Beispielsweise fanden Helbig und Leuze in einer Studie heraus, dass Mädchen und Jungen, deren Familie aus bildungsferneren Schichten stammt, eher traditionelle Werthaltungen haben und somit auch tendenziell geschlechtstypische Berufe wählen (vgl. Helbig & Leuze 2012: 113).

Humankapitaltheorie vs. Sozialisationstheorie

Die Humankapitaltheorie geht grundsätzlich von rationalen Kosten-Nutzen Abwägungen aus, die sich in den beruflichen Entscheidungen widerspiegeln. So genannte Humankapitalfaktoren (zum Beispiel Bildung oder Ausbildung) stellen für das Individuum Kosten dar, die für denjenigen oder diejenige nur dann sinnvoll erscheinen, wenn der zukünftig erwartete Nutzen, also beispielsweise das Einkommen, überwiegt (vgl. Busch 2013b: 35f.). Das Humankapital hat zwei Bestandteile: zum einen die allgemeine Komponente, z.B. die Ausbildung, und zum anderen die berufsspezifische Komponente, also bestimmte berufsbezogene Weiterbildungen. Für das Individuum führt Letzteres zu höheren Kosten, da die spezifischen Kenntnisse in anderen Berufen weniger Anwendung finden (vgl. ebd.: 36).

Bezogen auf die Fragestellung, die in diesem Essay thematisiert wird, lässt sich vermuten, dass Frauen und Männer unterschiedliche Humankapitalinvestitionen im Sinn haben. Familienorientierte Frauen bringen geringere Humankapitalinvestitionen für die Ausbildung auf als Männer, da hohe Investitionen sich für sie nicht rentieren. Sie wählen eher Berufe, in denen möglichst gute Bedingungen der Vereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen gegeben sind (vgl. ebd.: 36). Busch erklärt somit den segregierten Arbeitsmarkt folgendermaßen:

„Konkret erfolgt die Erklärung der Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt durch eine so genannte Selbstselektion (Polachek 1981): Frauen wählen als Ergebnis eines rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls vor allem Berufe mit geringen Opportunitätskosten, also solche, die vergleichsweise geringe Humankapitalinvestitionen erfordern (ebd.: 37).“

Die unterschiedlichen Neigungen und Humankapitalinvestitionen von Frauen und Männern führen zu der Entscheidung für Berufe, die in Bezug auf die spezifischen und allgemeinen Anforderungen variieren. Wenn Mädchen am Ende ihrer Schullaufbahn oder Studentinnen nach dem Studienabschluss vor der Entscheidung einer Ausbildungswahl oder Berufswahl stehen und sie im Voraus wissen, dass sie sich im Laufe der Zeit stärker auf Familiengründung fokussieren wollen, wählen sie womöglich einen Weg, bei dem eine Erwerbsunterbrechung keinen allzu drastischen Wertverlust von Humankapital mit sich bringt. Dadurch, dass die Frauen während der Unterbrechung ihre erworbenen Qualifikationen nicht praktisch anwenden, verlieren diese an Wert. Also ist es für familienorientierte Frauen nicht rentabel, in solche Berufe einzusteigen, da die Qualifikationen von Neuen verdrängt werden. Denn bestimmte schnelllebige Berufe, die sehr technisch ausgelegt sind, sind durch den kontinuierlichen technischen Fortschritt immer im Wandel (vgl. ebd.: 37). Männer hingegen präferieren meistens Berufe, in denen sie höhere Verdienst- und Aufstiegschancen haben und weisen demnach höhere Humankapitalinvestitionen auf (vgl. Busch 2013a: 149).

Neben der Humankapitaltheorie soll noch die Sozialisationstheorie aufgegriffen werden, da die Humankapitaltheorie zwar von Präferenzen spricht, jedoch nicht von dem Ursprung dieser Präferenzen. Die Sozialisationstheorie geht „[...] von geschlechtsspezifischen Präferenzen für bestimmte Arbeitsinhalte aus” (Busch 2013a: 149). Die Werte und Normen, die in der Gesellschaft herrschen, werden hauptsächlich über die Eltern, die Schule und die Medien vermittelt. Ebenso werden geschlechtstypische Rollenbilder erlernt, da die geschlechtsspezifischen Normen bezogen auf den Familienbereich und die Erwerbstätigkeit in der Sozialisation von den Individuen verinnerlicht werden (vgl. Marini & Brinton 1984: 195). Durch diesen Prozess entwickeln sich geschlechtsspezifische Präferenzen in Bezug auf den Beruf. Berufe, die größtenteils von einem Geschlecht ausgeübt werden, haben bestimmte Merkmale und Anforderungen, die dann als geschlechtstypisch aufgefasst werden. Folglich werden diese Berufe dann eher weniger in Erwägung gezogen.

Diese Annahme wurde durch die “These des weiblichen Arbeitsvermögens” präzisiert, welche besagt, dass Mädchen durch die Familien- und Hausarbeit in der Erziehung ein weiblich konnotiertes Arbeitsvermögen verinnerlichen, welches über die Jahre fortbestehen bleibt. Mit dem Arbeitsvermögen sind vor allem Fähigkeiten und Eigenschaften gemeint, auf die Bedürfnisse der Familienmitglieder einzugehen. Das sind beispielsweise Empathie, Geduld und Fürsorglichkeit. Durch dieses Arbeitsvermögen entwickeln Frauen vor allem Präferenzen für menschenbezogene Berufe (vgl. Busch 2013a: 149). Die im Prozess der Sozialisation übernommenen sozialen Berufswerte von Frauen sind also laut der Theorie eine Erklärung für eine geschlechtstypische Berufswahl und somit die geschlechtlich getrennte Struktur des Arbeitsmarktes.

Entsprechend der eben erwähnten Theorien (Humankapitaltheorie und Sozialisationstheorie) sind, laut Busch, für Männer höhere intrinsische Berufswerte als für Frauen zu erwarten. Durch die höhere Erwerbsorientierung von Männern ist das Interesse an einer erfüllenden Erwerbstätigkeit hoch. Für Frauen ist die Erwerbstätigkeit eher ein Mittel, um neben den Familienverpflichtungen einen Zuverdienst zum Haushaltseinkommen beizusteuern. Daher ist die Motivation bezogen auf die Wichtigkeit einer erfüllenden Arbeit wahrscheinlich für sie geringer (vgl. Busch 2013a: 150). Eine Annahme ist, dass sowohl Männer als auch Frauen eine erfüllende Tätigkeit vor allem in geschlechtstypischen Berufen finden, „[...] da die entsprechenden Berufe eher mit ihren internalisierten arbeitsbezogenen Präferenzen und Orientierungen korrespondieren” (ebd.: 150). Personen, die hohe intrinsische Berufswerte aufweisen, wählen also möglicherweise eher einen geschlechtstypischen Beruf. Entsprechend werden sich Frauen mit hohen extrinsischen Berufswerten demnach auch eher in Männerberufen wiederfinden und Männer, für die eine gute Work-Life-Balance von Bedeutung ist, wählen auch eher Frauenberufe. Zum Beispiel ist die Entscheidung für den Beruf des Krankenpflegers bei Männern durch spezifische und geschlechtsuntypische Sozialisationserfahrungen während Kindheit und Jugend geprägt, beispielsweise durch eine starke Mithilfe im elterlichen Haushalt (vgl. ebd.: 151).

Bewertung und Kritik

Verschiedene Studien, die versucht haben die Humankapitaltheorie zur Erklärung der Ge- schlechtersegregation zu überprüfen, weisen insgesamt widersprüchliche Befunde auf. Für die USA wurde herausgefunden, dass Frauen mit ununterbrochenen Erwerbsverläufen beziehungsweise wenigen Erwerbsunterbrechungen nicht häufiger in Männerberufen als in Frauenberufen tätig waren (vgl. Okamoto & England 1999). In der Humankapitaltheorie heißt es jedoch, dass Frauen und Männer die Kosten und Nutzen bei Berufsentscheidungen rational abwägen, was also den Befunden in den USA für Berufsentscheidungen von Frauen widerspricht. In Westdeutschland wiederum konnte diese Annahme für Frauen von dem Soziologen Blossfeld (1987) bestätigt werden. Es gibt sicherlich noch viele weitere Studien, die zu diesem Ansatz geforscht haben, jedoch sollten die eben genannten Studien nur als Beispiel zur Verdeutlichung der heterogenen Befunde dienen. Fraglich bleibt, inwieweit man heute noch den humankapitaltheoretischen Ansatz zur Erklärung der Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt heranziehen kann. Durch den Wandel der Geschlechterverhältnisse in den Industriegesellschaften sind mittlerweile die Bildungsabschlüsse und Erwerbsquoten von Frauen gestiegen (vgl. Grunow 2010). Infolgedessen ist bei hochqualifizierten Frauen nur noch eine kurze Unterbrechung der Erwerbstätigkeit zu erwarten. Heutzutage stehen Bildung und Karriere immer mehr im Vordergrund, weshalb Frauen am Ende ihrer Schulbildung womöglich eher auf die Karriere fokussiert sind und dementsprechend mehr Humankapital in ihre berufliche Ausbildung investieren. Außerdem ist es schwierig zu behaupten, dass bestimmte Präferenzen für die Familien- oder die Erwerbsarbeit in der Berufslaufbahn durchgehend konstant sind. Beispielsweise kann ein Mann, der sich für eine bestimmte berufliche Ausbildung entscheidet, anfangs noch hohe Humankapitalinvestitionen in diesem beruflichen Weg hat und karriereorientiert ist, sich im Laufe der Zeit dazu entscheiden, sich mehr auf die Familie zu konzentrieren. Genauso umgekehrt bei Frauen, die sich anfangs vielleicht eher für die Familienarbeit entscheiden, danach jedoch noch Interesse an einer beruflichen Karriere haben.

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Individualtheoretische Erklärungen der Geschlechtersegregation in der Bildung
Untertitel
Der Einfluss von Berufswerten
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V1036848
ISBN (eBook)
9783346466259
Sprache
Deutsch
Schlagworte
individualtheoretische, erklärungen, geschlechtersegregation, bildung, einfluss, berufswerten
Arbeit zitieren
Julia Gandziarski (Autor:in), 2019, Individualtheoretische Erklärungen der Geschlechtersegregation in der Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036848

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