Das Migrationspotential im Zuge der EU-Osterweiterung

Verfahren, Ergebnisse und ökonomische Konsequenzen


Seminararbeit, 2002
24 Seiten, Note: 1,0 (sehr gut)

Leseprobe

Eingereicht im Seminar: International Trade and Factor Mobility

Das folgende Papier beschäftigt sich mit Schätzungen des Migrationspotentials im Zuge der EU-Osterweiterung.

Dabei wird zunächst kurz der Stand der Beitrittsverhandlungen, sowie die wichtigsten Migrationstheorien dargestellt. Des Weiteren wird ein Überblick über verschiedene Schätzverfahren gegeben und die Probleme bei deren Anwendung dargestellt. Am Beispiel von zwei ausgewählten Schätzungen wird das mögliche Potential, einmal für die EU und einmal für Deutschland, abgeschätzt und darauf aufbauend werden die positiven wie negativen ökonomischen Auswirkungen der Migration aufgezeigt.

Die Ausführungen kommen zu dem Schluss, dass es möglich ist, Migrationspotentiale zu schätzen, obgleich die Schätzungen mit Problemen behaftet sind. Außerdem ist der Großteil der geschätzten Potentiale deutlich geringer, als dies in öffentlichen Diskussionen oftmals angeführt wird und die Auswirkungen der Migration sind bei Weitem nicht nur negativer Natur.

Keywords: EU-Osterweiterung, Migrationspotential, Migrationstheorien, Schätzverfahren

* Thorsten Wilke, T.Wilke@gmx.de

Ich bedanke mich für zwei sehr hilfreiche Kommentare. Etwaige verbleibende Fehler liegen in meinem Verantwortungsbereich.

„Sie werden auf allen Wegen, mit allen Mitteln, unter allen Gefahren in endlosen Massen herandrängen - überallhin, wo es nur um ein geringeres besser zu sein scheint, als in ihrer Heimat.“

Martin Neuffer (1982), S. 61

1. Einleitung

Die Erweiterung der Europäischen Union (EU) um die Transformationsländer in Mittel- und Osteuropa (MOEL) bietet für alle Beteiligten große Chancen, wirft aber auch zahlreiche Fragen und Probleme auf. Mit der Vollmitgliedschaft erhalten die Beitrittskandidaten uneingeschränkt die vier Grundfreiheiten des gemeinsamen Marktes: freier Verkehr von Waren, Kapital, Dienstleistungen und Personen. Der freie Personenverkehr wird im Osten und Westen Europas als besonders wichtiger Verhandlungsgegenstand gesehen. In den bisherigen EU-Ländern herrscht z.T. Angst darüber, dass ein Wegfall rechtlicher Migrationsschranken die Lage auf den westeuropäischen Arbeitsmärkten weiter verschärft und die mögliche Magnetwirkung des umfangreichen Angebots an staatlich bereitgestellten Gütern und Sozialleistungen der Marktwirtschaften der EU zu einer Massenwanderung von Ost- nach Westeuropa führe. Besonders relevant für die zukünftige Europa-Politik ist daher die Frage, wie viele Menschen nach der Öffnung der Grenzen in die alten EU-Länder migrieren werden. Mit Layard, Blanchard, Dornbusch und Krugman (Layard et al. (1992)) oder Baldwin (1994) haben sich Ökonomen früh mit der Ost-West-Migration auseinandergesetzt und extrem hohe Potentiale von bis zu 10% der MOEL-Bevölkerung ausgemacht.

Im Rahmen meiner Arbeit werde ich zunächst den Stand der Beitrittsverhandlungen darstellen (Kapitel 2). Anschließend präsentiere ich die wichtigsten Migrationstheorien (Kapitel 3) und verschiedene mögliche Schätzverfahren, sowie deren Probleme (Kapitel 4).

Darauf aufbauend stelle ich in Kapitel 5 mit Hilfe von zwei Studien das Migrationspotential für verschiedene Szenarien dar und weise auf wichtige Kritikpunkte der Potentialschätzungen hin.

Abschließend gehe ich im 6. Kapitel auf die möglichen positiven und negativen ökonomischen Auswirkungen der Freizügigkeit der Arbeitskräfte ein und fasse die Ergebnisse in einem Fazit zusammen (Kapitel 7).

2. Der Stand der Beitrittsverhandlungen

Am 9.Oktober 2002 hat die EU-Kommission in den „Fortschrittsberichten für die EU-Osterweiterung“ die Aufnahme von zehn MOEL empfohlen[1]. Diese zehn Länder sind: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Malta und Zypern (s. Abb. 1 im Anhang). Sie haben nach Ansicht der EU-Kommission den acquis communautaire[2] am weitesten umgesetzt und sind politisch wie ökonomisch am weitesten fortgeschritten. Bulgarien und Rumänien wurde ein Abschluss der Verhandlungen im Jahr 2007 in Aussicht gestellt. Auf dem EU-Gipfel am 12. und 13. Dezember 2002 sollen die Verhandlungen mit diesen 10 Ländern beendet werden. Im Jahr 2003 müssen die Beitrittsverträge von den nationalen Parlamenten ratifiziert werden. Nach Empfehlung der EU-Kommission wird es eine 5-jährige Übergangszeit geben, in der sukzessive die Freiheiten der EU auf die neuen Mitgliedsländer übergehen, da diese bei Aufnahme in die EU noch nicht den ganzen aquis communautaire übernommen haben werden. In dieser Zeit regeln die Staaten den Zugang zu ihren Arbeitsmärkten national. Diejenigen, die Arbeitskräfte benötigen, können ihre Grenzen sofort für Arbeitnehmer öffnen. Andere brauchen das erst in fünf Jahren zu tun. Länder, die ihren Arbeitsmarkt auch nach dieser Übergangsfrist noch nicht liberalisieren wollen, können darüber hinaus eine zweijährige Verlängerungsfrist beanspruchen.

Für die Zielländer von entscheidender Bedeutung ist nun, wie viele Menschen aus den MOEL in die alten EU-Länder wandern werden. Man spricht vom sog. Migrationspotential. Bevor ich Ergebnisse ausgewählter Schätzungen präsentiere, stelle ich zunächst kurz einige theoretische Erklärungsansätze für Migration, sowie Methoden zur Abschätzung des Migrationspotentials dar.

3. Theoretische Ansätze zur Erklärung von Migration

Als Begründer der Migrationsforschung wird im allgemeinen Ernest G. Ravenstein angesehen. Sein Gravitationsansatz beruht auf der Idee, menschliches Verhalten nach dem Prinzip der Newtonschen Gravitationsgesetze zu erklären. Dabei wird die Zuwanderung nach Ravenstein (1885) mit Hilfe einer Formel beschrieben, mit der ein Grundstein zur Auseinandersetzung mit Migration auf mathematische Art und Weise gelegt wurde[3]. Dabei wurden soziologische Faktoren berücksichtigt, die, in Zahlenwerte umgewandelt, in die Formeln integriert wurden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass vieler der soziologischen Variablen sehr schwer oder gar nicht zu ermitteln und nur bedingt mathematisch umzuwandeln sind.

Traditionelle mikroökonomische Ansätze der Migrationstheorie verstehen den Wanderungsentscheid als Ergebnis eines individuellen Such- und Optimierungsprozesses. Angenommen wird, dass Menschen Vor- und Nachteile des Wanderns bzw. des Verharrens rational abwägen und anstreben, mit ihrem Verhalten ihren persönlichen Nutzen zu maximieren. Nach diesem Ansatz tätigt ein Wirtschaftssubjekt eine Investition in Form von Wanderungskosten, um zukünftige Erträge in Form höheren Nutzens zu realisieren. Dabei geht die Theorie davon aus, dass der potentielle Migrant ausreichende Informationen über alle denkbaren Migrationsziele besitzt. Eine Wanderung wird dann erfolgen, wenn die erwarteten Gewinne die erwarteten Wanderungskosten übersteigen, wobei jenes Zielland gewählt wird, welches den höchsten Nutzenzuwachs ermöglicht. Dieser sog. Humankapitalansatz von Sjaastad (1962) bildet die Grundlage der mikroökonomischen Migrationstheorien. In vielen dieser Modelle wird der Nutzen mit Einkommen gleichgesetzt und Einkommen wiederum mit Arbeitseinkommen. Der potentielle Migrant wird dann dorthin wandern, wo er das größte Arbeitseinkommen erzielen kann und die Wanderungsentscheidung ist abhängig von der Einkommensdifferenz zwischen zwei Regionen.

Pull- und Pushmodelle vergleichen die Situationen in den heimischen und den potentiellen Zielregionen[4]. Push-Faktoren veranlassen die potentiellen Migranten, das eigene Land zu verlassen. Hierzu zählen aus ökonomischer Sicht z.B. die Angebotsdruckwanderung, ausgelöst durch eine hohe Arbeitslosigkeit im Ursprungsland oder die Sozialstaatswanderung, ausgelöst durch geringeres pro-Kopf-Einkommen gegenüber den Zielländern bzw. deutlich bessere Sozialleistungen in den Zielländern. Pull-Faktoren veranlassen potentielle Migranten, im eigenen Land zu verbleiben. Hierbei spielen im wesentlichen sozio-psychologische Faktoren die wichtigste Rolle und sollen an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Migration findet statt, wenn die Push-Faktoren die Pull-Faktoren überwiegen.

In Gleichgewichtsmodellen wird die Wanderung von Arbeitskräften allein auf Unterschiede in den Reallöhnen zurückgeführt, deren Ursachen in unterschiedlichen Faktorausstattungen oder Technologieniveaus der Länder liegen. Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftenachfrage bestimmen im Gleichgewicht das Lohnniveau. Dieses Gleichgewicht ist zunächst aber nur regionaler Art. Als Reaktion auf unterschiedliche Lohnniveaus in verschiedenen Regionen treten Wanderungen auf. Internationale Bewegungen des Faktors Arbeit wird man solange beobachten können, wie sich die reale Entlohnung in den Ländern unterscheidet[5]. Da in den alten EU-Ländern aufgrund der höheren Produktivität die Faktorpreise für Arbeit deutlich höher sind, wird es zu Migration von Arbeitskräften aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern in die alten EU-Länder kommen. Hierbei handelt es sich technisch gesprochen um die innereuropäische Mobilität des Produktionsfaktors Arbeit. Dieser theoretische Ansatz kann jedoch nach Sjaastad (1962) empirisch nicht bestätigt werden und wird nach Parnreiter (2000) sogar widerlegt, da eben nicht die ärmsten Länder und/oder Regionen die größten Auswanderungsraten haben. So bestehen z.B. zwischen dem Norden und dem Süden der EU, trotz großer Lohnunterschiede und geringen politischen Hindernissen, kaum Migrationsbewegungen. Auch gleichen sich die Lohnniveaus weltweit nicht an, wie es gemäß der Theorie eigentlich sein müsste, sondern entfernen sich immer weiter voneinander. Außerdem beachtet diese Theorie nicht, dass viele Fähigkeiten nur regional einsetzbar sind, und Migranten darum meistens im Zielland schlechtere Arbeitsmöglichkeiten als im Herkunftsland vorfinden.

[...]


[1] Die Fortschrittsberichte der zehn Länder können unter www.mehr-europa.de heruntergeladen werden.

[2] Die EU-Erweiterung, ihr Umfang und ihr Zeitpunkt wird vom Abschluss der Verhandlungen mit den Beitrittskandidaten bestimmt. Hauptgegenstand der Verhandlungen ist der 31 Kapitel umfassende acquis communautaire, die Übernahme des Besitzstandes. Dieses sind die zu übernehmenden Rechtsregeln aus diversen Bereichen, wie Landwirtschaft, Verbraucherschutz, Finanzkontrolle etc. Von den Beitrittsländern wird verlangt, ein nationales Programm für die Übernahme des Besitzstandes mit Zeitplänen auszuarbeiten und den personellen sowie finanziellen Aufwand darzulegen. Die EU gewährt den Beitrittskandidaten das Recht, an den EU-Programmen teilzunehmen und gewährt zur Umsetzung der 31 Kapitel des Acquis auch finanzielle Unterstützung, die bis 2006 bereits im EU-Haushalt mit EUR 58 Mrd. einkalkuliert und gesichert sind.

[3] mit: iMj = Wanderung vom Ursprungsort j nach dem Aufnahmeort i; f(Pi) = Funktion der Bevölkerungszahl von i; Dij = Distanz zwischen Ausgangs- (j) und Zielort (i)

[4] Einen genaueren Überblick über die Pull- und Pushfaktoren liefert Heitzer-Suša (2001).

[5] Für weitere Ausführungen verweise ich auf Siebert (2000).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Migrationspotential im Zuge der EU-Osterweiterung
Untertitel
Verfahren, Ergebnisse und ökonomische Konsequenzen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Volkswirtschaftslehre - Lehrstuhl für Mikroökonomie)
Veranstaltung
Seminar: International Trade and Factor Mobility
Note
1,0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V10369
ISBN (eBook)
9783638168120
ISBN (Buch)
9783638641432
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationspotential, Zuge, EU-Osterweiterung, Seminar, International, Trade, Factor, Mobility
Arbeit zitieren
Thorsten Wilke (Autor), 2002, Das Migrationspotential im Zuge der EU-Osterweiterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10369

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