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Die Entwicklung der femme fragile von der Romantik bis zum Naturalismus

Von der Heiligen zur Hure

Title: Die Entwicklung der femme fragile von der Romantik bis zum Naturalismus

Thesis (M.A.) , 1999 , 91 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Wiebke Neumann (Author)

German Studies - Literature of History, Eras
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In der Gesellschaft war die Verheiratung von „Kindsbräuten“ bereits um 1800 anstößig geworden. Gleichzeitig jedoch wurde der männliche Wunsch nach einer leicht zu führenden Kindfrau in Abgrenzung zur selbstbewussten erwachsenen Frau immer größer. Diese Arbeit wird nach der Darlegung der Untersuchungskriterien zeigen, wie dieser Wunsch bereits in einzelnen Werken der Romantik und des Realismus Vorformen der femme fragile entstehen lässt, bis diese um 1900 unter Einfluss der Décadence in ihrer Reinform zu finden ist.

Außerdem wird gezeigt, wie sich die zeitlich und gesellschaftlich bedingte Veränderung des Blickwinkels auf die Darstellung der femme fragile auswirkt: Je länger sich das Bild in der Literatur hält und je weiter sich die gesellschaftliche Realität von ihm entfernt, desto deutlicher treten die Wünsche seiner männlichen Konstrukteure und damit die Hintergründe hervor, die zu seiner Entstehung führten. Die Entwicklung der femme fragile von der Romantik bis zum Naturalismus ist die Entwicklung von der Heiligen zur Hure.

Frauenbilder und Frauenideale - sei es in der Literatur oder in der bildenden Kunst - stehen immer in engem Bezug zum gesellschaftlichen Status quo; ihre Wandlung ist ein Zeichen gesellschaftlicher und politischer Veränderungen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die femme fragile

2.1 Merkmale der femme fragile

2.2 Biographische Einflüsse

2.3 Zusammenfassung

3 Religion und Liebe

3.1 Priesterin der Liebe

3.2 Heilsbringerinnen im Tod

3.3 Preis für christliches Gottvertrauen

3.4 Zusammenfassung

4 Natur und Schicksal

4.1 Naturkinder

4.2 Schuldlose Opfer

4.3 Zusammenfassung

5 Unschuld und Krankheit

5.1 Erotische Kinder

5.2 Sterbende Rätsel

5.3 Befleckte Reinheit

5.4 Zusammenfassung

6 Exkurs: Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ (1903)

6.1 Werk und Wirkung

6.2 Die Ideen des Otto Weininger

6.3 Weininger und die femme fragile

7 Techniken der Verführung: Die Sexualisierung der femme fragile

7.1 Märchen und Mythos

7.2 Trieb und Amoral

8 Schlußbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und literarische Konstruktion des Frauentypus der "femme fragile" vom 19. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie dieser Typus – die zerbrechliche, kindliche und oft kranke Frau – als Projektionsfläche für männliche Unsicherheiten, sexuelle Verdrängung und gesellschaftliche Idealvorstellungen dient, und wie sich deren Darstellung über verschiedene Literaturepochen hinweg von der religiösen Verklärung zur expliziten Sexualisierung wandelt.

  • Die Entwicklung der "femme fragile" von der Romantik bis zum Naturalismus.
  • Die Rolle der "femme fragile" als passives Objekt männlicher Projektionen.
  • Der Zusammenhang zwischen Krankheit, Tod und Vergeistigung als Maske für unterdrückte Sexualität.
  • Der Einfluss gesellschaftspolitischer Umbrüche und psychoanalytischer Ansätze auf Frauenbilder.
  • Die Spiegelung männlicher Selbstbilder und Geschlechterkonstruktionen in der Literatur.

Auszug aus dem Buch

2.1.2. Krankheit und Tod

Oft ist die femme fragile krank oder erkrankt im Verlauf des Geschehens; die zumeist tödlich verlaufende Krankheit, die geduldig ertragen wird, wird oft nicht deutlich benannt. Die femme fragile stirbt an Tuberkulose oder an allgemeinem Zerfall, an der bloßen Berührung mit ihrer Lebensumwelt. Die schwere Krankheit erklärt außerdem die durchscheinende Blässe und die Passivität der Fragilen. Sie dient als Mittel, „die femme fragile als ätherisch-passives Kunstwesen zu enthumanisieren“21. Oft wird der Fragilen ein „brutal gesunder“ oder extrem unsensibler, gefühlskalter Partner zur Seite gestellt, „um ihre finesse gegen seine gesunde Grobheit abzuheben“22. Die femme fragile leidet zwar an diesem Gegensatz, handelt aber nicht. Sie scheint durch ihren nahen Tod der Welt schon entrückt, was ihr Desinteresse an ihrer Lebensumwelt erklärt. Auffällig ist, daß in der Beschreibung der Krankheit alle häßlich oder abstoßend wirkenden Symptome ausgespart werden. Die Krankheit wirkt - losgelöst vom eigentlich Körperlichen - als beseeltes und durchaus willkommenes Abschiednehmen von der Welt. Das Sterben der femme fragile wird ebenfalls nicht deutlich geschildert; der Tod der Fragilen wird romantisiert, sie schwindet dahin, verwelkt wie eine Blume und stirbt für den Leser unsichtbar. Während ihrer Krankheit durchläuft sie oft einen inneren Vergeistigungs und Läuterungsprozeß, aus dem sie als gereinigter Mensch hervorgeht, der „der ganzen Welt Verzeihung gewährt“23, so daß ihr Sterben oftmals eine Symbolfunktion hat.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Verknüpfung von Frauenbildern mit dem gesellschaftlichen Status quo ein und stellt das Stereotyp der femme fragile als Gegenbild zur femme fatale im 19. Jahrhundert vor.

2 Die femme fragile: Dieses Kapitel definiert die zentralen Merkmale der femme fragile, wie etwa ihr fragiles Äußeres, ihre Tendenz zur Krankheit, ihre Passivität und ihre symbolische Verklärung.

3 Religion und Liebe: Hier wird analysiert, wie in der Romantik die femme fragile als religiös überhöhte Mittlerin zwischen Mann und Gott fungiert, wobei ihre Liebe den Mann zur höheren Erkenntnis führt.

4 Natur und Schicksal: Dieses Kapitel behandelt die Ablösung der rein religiösen Verklärung durch eine engere Definition der Frau über ihre vermeintlich schicksalshafte Naturverbundenheit.

5 Unschuld und Krankheit: Hier wird die Rolle der Krankheit als Mittel zur Vermeidung von Sexualität thematisiert, wobei die Reinheit der Kindfrau durch deren frühzeitigen Verfall geschützt wird.

6 Exkurs: Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ (1903): Dieser Exkurs beleuchtet, wie Weiningers pseudowissenschaftliche Theorien die damalige männliche Sicht auf das "seelenlose" Weib und die Sexualität widerspiegeln und bestärken.

7 Techniken der Verführung: Die Sexualisierung der femme fragile: Dieses Kapitel zeigt den Wandel hin zu einer expliziteren Sexualisierung der femme fragile in der Literatur des Naturalismus und darüber hinaus.

8 Schlußbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass die femme fragile über Epochen hinweg ein machtloses Projektionsfeld männlicher Wünsche bleibt, das mehr über männliche Konstruktionen aussagt als über die Frau selbst.

Schlüsselwörter

femme fragile, Geschlechterrollen, 19. Jahrhundert, Romantik, Naturalismus, Kindfrau, männliche Projektion, Sexualität, Verdrängung, Krankheit, Symbolismus, Frauenbild, Otto Weininger, Literaturgeschichte, Seelenkult

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das literarische Motiv der "femme fragile" – einer zerbrechlichen, kindlichen Frauengestalt – und analysiert, welche gesellschaftlichen und psychologischen Funktionen dieses Frauenbild im 19. und frühen 20. Jahrhundert erfüllte.

Was sind die zentralen Themenfelder dieser Studie?

Die zentralen Themen sind die Konstruktion von Weiblichkeit, die Verknüpfung von Krankheit und Tod mit dem "weiblichen Wesen", die Bedeutung der Natur als Metapher sowie das männliche Bedürfnis nach Kontrolle und Projektion.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Darstellung der femme fragile von der romantischen religiösen Verklärung hin zur sexualisierten Figur des Fin de siècle entwickelte und dass sie dabei stets ein männliches Konstrukt blieb.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der ausgewählte literarische Werke chronologisch untersucht und im Kontext der zeitgenössischen gesellschaftlichen und biographischen Diskurse der jeweiligen Autoren interpretiert werden.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Epochen und thematische Aspekte, von der religiösen Überhöhung der Frau in der Romantik bis hin zur späteren Sexualisierung und der Rolle der Wissenschaft bei Weininger.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie femme fragile, Geschlechterkonstruktion, Sexualitätsverdrängung, 19. Jahrhundert, Kindfrau und Seelenkult geprägt.

Welche Bedeutung kommt der Krankheit in dieser literarischen Figur zu?

Die Krankheit dient als Hilfskonstruktion der Dichter, um die Frau als "ätherisches Kunstwesen" zu definieren, ihre Handlungsunfähigkeit zu rechtfertigen und einer als bedrohlich empfundenen weiblichen Sexualität auszuweichen.

Wie verändern sich die "femme fragile" und ihre Funktion ab der Jahrhundertwende?

Nach der Jahrhundertwende wird die Figur zunehmend von der Krankheit zur "erotischen Vision" sexualisiert, wobei die Autoren versuchen, die Frau als unschuldiges Naturwesen trotz expliziterer Erotik von moralischer Verantwortung freizusprechen.

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Details

Title
Die Entwicklung der femme fragile von der Romantik bis zum Naturalismus
Subtitle
Von der Heiligen zur Hure
College
Bielefeld University
Grade
1,0
Author
Wiebke Neumann (Author)
Publication Year
1999
Pages
91
Catalog Number
V1036908
ISBN (eBook)
9783346447876
ISBN (Book)
9783346447883
Language
German
Tags
femme fragile Romantik Naturalismus Frauenbilder
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Wiebke Neumann (Author), 1999, Die Entwicklung der femme fragile von der Romantik bis zum Naturalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1036908
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