Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews. Validierung mit einem Fragebogen zur Kulturtransmission


Bachelorarbeit, 2018

74 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Kulturtransmission
2.1.1 Zur Definition von Kultur
2.1.2 Das Kulturtransmissionsmotiv
2.2 Interviewauswertung
2.2.1 Phasen der Auswertung qualitativer Daten
2.2.2 Auswertungsmethoden
2.3 Methoden der Auswertung durch externe Beurteiler
2.4 Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews
2.5 Fragestellung und Hypothesen
2.5.1 Forschungshypothese
2.5.2 Forschungshypothese

3 Methode
3.1 Operationalisierung
3.1.1 Operationalisierung des Aspektes der Kulturtransmission
3.1.2 Auswertung des Interviews: Eine Adaptation der Intuitiven-Beurteiler-Methode
3.2 Stichprobe
3.3 Ablauf
3.4 Ethische Aspekte

4 Ergebnisse
4.1 Soziodemographische Variablen
4.2 Vorbereitende Datenanalyse
4.3 Ergebnisse zur Hypothese
4.3.1 Ubereinstimmung der Beurteilerinnen auf Profilebene
4.3.2 Ubereinstimmung der Beurteilerinnen auf Variablenebene
4.3.3 Ubereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdauskunft auf Profilebene
4.3.4 Ubereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdratings auf der Variablenebene
4.3.5 Ubereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung auf Skalenebene
4.4 Ergebnisse zur Hypothese

5 Diskussion; Implikation und Fazit
5.1 Interpretation und Diskussion der Forschungshypothese H
5.1.1 Ubereinstimmungen der Beurteilerinnen
5.1.2 Ubereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdratings
5.2 Limitationen der vorliegenden Studie und Verbesserungsmoglichkeiten
5.2.1 Fazit zur Auswertungsmethode
5.3 Interpretation und Diskussion der Forschungshypothese H
5.4 Implikation fur die weitere Forschung

6 Literatur

Anhang A: Fragebogen

Anhang B: Leitfaden Interview - Themenkomplexe des Fragebogens

Anhang C: Itemblocke Beurteiler

Anhang D: Instruktion zur Auswertung der Interviews

Anhang E: Evaluation der Auswertungsmethode

1 Einleitung

Die Bedeutung von Kultur und des Wunsches der Weitergabe der eigenen Herkunftskul- tur unter Immigranten ist heutzutage prasenter denn je, weshalb diesem Sachverhalt mehr Auf- merksamkeit geschenkt werden sollte, um ein tieferes Verstandnis fur das Bestreben von im- migrierenden und immigrierten Personen zum Erhalt ihrer Herkunftskultur zu erlangen. Wie schon Mchitarjan und Reisenzein (2015) durch eine weltweite Internetbefragung das Vorhan- densein des Kulturtransmissionsmotives - den Wunsch der Aufrechterhaltung und Weitergabe der Herkunftskultur - in Minderheiten bestatigen konnten, soll die Existenz des Kulturtrans- missionsmotives mit dieser Arbeit durch einen Fragebogen und ein Interview bekraftigt wer- den. Die Zielgruppe der Untersuchung waren Immigranten erster und zweiter Generation, die als gut integriert bezeichnet werden konnen, um zu zeigen, dass selbst jene Personen, die sich teilweise oder vollstandig als „deutsch“ bezeichnen, den Wunsch haben, ihre Herkunftskultur aufrecht zu erhalten.

Des Weiteren befasst sich diese Bachelorarbeit mit der Intuitiven-Beurteiler-Methode, die im Kontext zur Auswertung nonverbaler Informationen bereits angewandt wurde (Reisenzein, Junge, Studtmann, & Huber, 2013), aber auf dem Gebiet der Interviewauswertung eine Neuheit darstellt. Die Anwendung der Methode auf diesem Gebiet soll fur die weitere Forschung und die Auswertung von Interviews einen signifikanten AnstoB geben.

Zunachst wird in der Arbeit der theoretische Hintergrund zur Kulturtransmission und zur Intuitiven-Beurteiler-Methode dargestellt. Der Fokus liegt hierbei auf der Auswertungsme- thode und deren innovativer Anwendung in einem neuen Kontext, wobei nicht geschulte Be- obachter zum Einsatz kommen. AnschlieBend werden die Forschungshypothesen, die unter- sucht wurden, dargelegt. Im Folgenden wird die Methodik der Untersuchung beschrieben, die auf der einen Seite das Interview beinhaltet und zum anderen die Vorbereitung der Auswer- tungsmethode. Diese musste zur Auswertung verbalen Materials adaptiert werden, was eine groBe Herausforderung darstellte. Im Ergebnis- und im darauffolgenden Diskussionsteil wer- den die fur die Hypothesen relevanten Berechnungen vorgezeigt und anschlieBend interpretiert. Zuletzt enthalt die Diskussion AnstoBe zur Verbesserung der Methode und zur Durchfuhrung der Untersuchung sowie Implikation fur die zukunftige Forschung.

2 Theoretischer Hintergrund

Zunachst wird in diesem Kapitel eine Definition von Kultur prasentiert, mit der gearbeitet wurde. Daraufhin wird der aktuelle Stand der Forschung zur Thematik der Kulturtransmission und eine Studie von Mchitarjan und Reisenzein (2015) vorgestellt, die in der vorliegenden Ar­beit aufgegriffen und mit deren Fragebogen gearbeitet wurde. AnschlieBend werden verschie- dene Auswertungsmethoden von Interviews kurz vorgestellt, um dann auf die sogenannte Intu- itive-Beurteiler-Methode einzugehen und aufzuzeigen, wie sie bisher angewandt wurde. Ab- schlieBend werden die theoretischen Uberlegungen, die notwendig waren, um die Methode auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand anwenden zu konnen, dargelegt. Im letzten Schritt werden die Forschungshypothesen der Arbeit vorgestellt.

2.1 Kulturtransmission

2.1.1 Zur Definition von Kultur

In der vorherrschenden Literatur existiert eine Vielzahl von Definitionen von „Kultur“, die sich hinsichtlich ihres thematischen Schwerpunktes mehr oder weniger stark unterscheiden. Kultur kann als „System von Uberzeugungen, Einstellungen, Wertorientierungen, Wahrneh- mungs-, Denk- und Beurteilungsmustern einer sozialen Gruppe, das sowohl im Verhalten der Gruppenmitglieder als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar wird“ ver- standen werden (Mchitarjan, 2013, S.2). Hierbei steht also das Kollektiv im Vordergrund, da Kultur bzw. ein bestimmtes kulturelles System, sich auf eine Gruppe und ihre Mitglieder be- zieht, das nicht von anderen Gruppen geteilt werden muss (Hofstede, 2016). Diese Kollektivitat auBert sich unter anderem darin, dass die Mitlieder einen Satz an gruppenorientierten Zielen und erwunschten Resultaten miteinander gemeinsam haben (Gezentsvey Lamy, Ward, & Liu, 2013). Ebenso umfasst Kultur gemeinsame Gewohnheiten und soziale Normen, z. B. das Ess- verhalten der Menschen innerhalb einer Gruppe, die Sprache und die Regeln des Umgangs mit alteren Menschen (Hofstede, 2016). Um Kulturen und ihre Bedeutung zu verstehen, ist ein Ver- standnis fur die Entwicklung und fur die Ursachen der Entwicklung von Kulturen wichtig. Es kann angenommen werden, dass kulturelle Systeme durch das Lernen bzw. die Sozialisation von Individuen in Gruppen ubertragen werden und einen Leitfaden zur Orientierung innerhalb dieser Gruppe fur das alltagliche Leben und den Umgang mit anderen Person liefern (Mchitarjan, 2013). Evolutionar betrachtet helfen Kulturen den Gruppenmitgliedern, sich an die vorherrschenden Umweltbedingungen anzupassen und konnen somit als nicht „das nicht- biologische Erbgut von sozialen Gruppen“ aufgefasst werden (Wilson 2002, zitiert nach Mchitarjan 2013).

2.1.2 Das Kulturtransmissionsmotiv

Es konnte gezeigt werden, dass eine kollektive Identitat bzw. das Gefuhl der Zugehorig- keit zu einer kulturellen Gemeinschaft ein positiver Pradiktor fur das Wohlbefinden ist (Dimitrova, Chasiotis, Bender, & van de Vijver, 2014). Indem der Mensch interpersonelle Be- ziehungen eingeht und aufrechterhalt, mochte er sein angeborenes Bedurfnis der Zugehorigkeit befriedigen, das als universell betrachtet wird. Dies fuhrt dazu, dass Menschen Gruppen bilden, die sich zwar in ihrer Art und Zusammensetzung unterscheiden konnen, aber alle versuchen dem Bedurfnis nach Zugehorigkeit zu entsprechen (Baumeister & Leary, 1995). Menschen be- notigen andere Personen bzw. Gruppen, um sich selbst zugehorig zu fuhlen (Gifford, 2008). Das kulturelle System einer Gruppe wird von den meisten ihrer Mitglieder als etwas Positives wahrgenommen und sie haben den Wunsch nach Erhaltung und Weitergabe des kulturellen Erbes (Mchitarjan, 2013). Dieser Wunsch wird vor allem dann relevant, wenn Personen fur langere Zeit nicht ihrer Herkunftskultur leben (Mchitarjan, 2013), wie es z.B. bei Immigranten der Fall ist, und sich so als Minoritat gegenuber einer Majoritat begreifen. Mchitarjan und Rei- senzein (2015) haben ein allgemeines handlungstheoretisches Modell der Interaktion zwischen kulturellen Mehr- und Minderheiten vorgeschlagen. Ganz allgemein sind fur die Interaktion von Mehr- und Minderheiten drei Faktorengruppen von Bedeutung: motivationale Faktoren (die Ziele und Motive von Mehr- und Minderheiten), epistemische Faktoren wie die Uberzeu- gung, das Ziel erreichen zu konnen und objektive Handlungsbeschrankungen wie finanzielle Ressourcen oder Gesetze, die in dem jeweiligen Aufenthaltsland herrschen (Mchitarjan & Reisenzein, 2015). Neben anderen gruppencharakteristischen Motiven postulieren Mchitarjan und Reisenzein das Vorhandensein des Kulturtransmissionsmotivs, welches interindividuell unterschiedlich stark ausgepragt sein kann (Mchitarjan, 2013). Es stellt den Kernpunkt der The- orie der Kulturtransmission dar. Mchitarjan (2013) geht davon aus, dass es nicht angeboren ist, sondern im Zuge der Sozialisation erworben wurde. Hierbei erlernen die Individuen auch das Kulturtransmissionsmotiv selbst (Mchitarjan & Reisenzein, 2015). Dabei spielt die Familie eine zentrale Rolle im Sozialisierungsprozess (Sabatier & Berry, 2008) des Motives und ist ein ent- scheidender Faktor dafur, ob die Herkunftskultur in einer Minderheit erhalten bleibt oder nicht. Das heiBt, die kulturelle Transmission hangt insbesondere von der Fahigkeit und Bereitschaft der Eltern ab, das kulturelle Erbe weiterzugeben, anstatt sich an die neue bzw. Mehrheitskultur anzupassen (Ryabichenko & Lebedeva, 2017). Aber auch soziale Netzwerke sind fur den So- zialisierungsprozess von Relevanz wie z.B. der Verwandtschaftskreis, die Nachbarschaft und Peergroups sowie offentliche Bildungseinrichtungen oder Medien (Mchitarjan, 2013). Neben Normen und Werten, die weitergegeben werden sollen, konzentriert sich das Motiv der kultu- rellen Transmission vor allem auf die Sprache. Sie ist einerseits ein auBerliches Zeichen der Zugehorigkeit zu einer bestimmten Gruppe und auBerdem das wichtigste Medium zur Trans­mission kultureller Inhalte, inklusive des Kulturtransmissionsmotives selbst. Jedoch kann der Fokus des Kulturtransmissionsmotivs in verschiedenen kulturellen Gruppen unterschiedlich sein. Zum Beispiel wird in judischen Gruppen die Wichtigkeit der Heirat innerhalb der ethni- schen Gruppe sowie die Beschneidung und das Passahfest betont, wahrend Maori die Wichtig- keit der Sprache und des traditionellen Wissens betonen (Gezentsvey Lamy u. a., 2013) .

Das Kulturtransmissionsmotiv ist den Mitgliedern einer Gruppe nicht andauernd be- wusst, sondern liegt meist in einem latenten Zustand vor (Mchitarjan & Reisenzein, 2014). Das Motiv wird hauptsachlich in Situationen aktiviert, in denen die eigene Herkunftskultur durch auBere Einflusse (so z.B. in Migrationssituationen) bedroht sein konnte (Mchitarjan & Reisenzein, 2014). Durch die Aktivierung des Motives werden Verhaltensweisen angeregt, die dazu beitragen sollen, die Kultur zu schutzen, wenn ihre Transmission gefahrdet ist. Dazu kann eine Vielzahl von Strategien angewendet werden, je nach Einschatzung der Gruppe, wie erfolg- reich die jeweilige Strategie realisierbar ist und zum gewunschten Ergebnis fuhrt (Mchitarjan, 2013). Das Kulturtransmissionsmotiv kann einerseits durch direkte Befragung ermittelt wer- den, manifestiert sich aber auch indirekt in Handlungen oder Handlungstendenzen sowie in Emotionen, die bei der Befriedigung oder Frustration des Motivs auftreten (Mchitarjan & Reisenzein, 2015). Die Annahmen der Theorie der Kulturtransmission wurden von Mchitarjan und Reisenzein (Mchitarjan & Reisenzein, 2013) mithilfe eines Fragebogens uberpruft, mit dem Jugendliche in Deutschland mit turkischem oder russischem Hintergrund befragt wurden. Dabei konnten die Kernannahmen der Theorie bestatigt werden. Der Fragebogen erfasste die Auspragung des Kulturtransmissionsmotives direkt und indirekt uber emotionale Reaktionen oder Handlungstendenzen in Situationen, die diagnostisch fur das Motiv sein konnen. Damit konnte die Existenz des Kulturtransmissionsmotivs bei der Mehrheit der Befragten nachgewie- sen werden, ebenso wie seine Fokussierung auf die Herkunftssprache und auf kulturelle Nor­men. Weiterhin lieferte die Untersuchung Belege dafur, dass das Kulturtransmissionsmotiv in grundlegenderen Motiven verankert ist und dass es sowohl intra- als auch intergenerational relativ stabil zu sein scheint. AuBerdem wurde ein statistisch signifikanter Zusammenhang mitt- lerer Hohe zwischen der Starke des Kulturtransmissionsmotivs und der Bereitschaft der Person, etwas gegen den potentiellen Sprachverlust oder die kulturelle Entfremdung des eigenen Kin- des zu unternehmen (Mchitarjan & Reisenzein, 2014) gefunden. In einer weiteren, wesentlich umfangreicheren Befragung von 844 Immigranten in einer weltweiten Internetumfrage konnten die Kernaussagen der Theorie zur Kulturtransmission nochmals bestatigt werden (Mchitarjan & Reisenzein, 2015).

2.2 Interviewauswertung

Ziel der Untersuchung war, die oben dargestellten Befunde mit einer alternativen Aus- wertungsmethode zu replizieren und zwar durch ein moglichst unstrukturiertes Interview. Aus diesem Grund werden in diesem Abschnitt zuerst die typischen Phasen einer Interviewauswer- tung sowie einige gangige dazu verwendete Methoden vorgestellt. Daraufhin wird die Intuitive- Beurteiler-Methode vorgestellt und es werden einige Uberlegungen zu ihrer Anwendbarkeit zur Auswertung von Interviews berichtet.

2.2.1 Phasen der Auswertung qualitativer Daten

Typischerweise folgen die meisten Auswertungsmethoden von qualitativen Daten inkl. Interviews einer Serie von Auswertungsschritten (Lamnek, 1995). Die Auswertung beginnt ub- licherweise mit der Phase der Datentranskription. In diesem ersten Schritt wird das verbale Datenmaterial verschriftlicht. Wichtig ist hierbei auch, dass nicht nur das verbale Materials des Interviews, sondern z.B. langere Pausen, Lachen oder Rauspern mithilfe expliziter Regeln ver- schriftlicht werden. Wenn dies notig ist, werden bei der Transkription auch Namen und Orte anonymisiert und gegebenenfalls soziale oder biographische Daten hinzugefugt, die nicht im Interview enthalten, aber von Relevanz fur die Untersuchung sind. Daraufhin kann die erste Untersuchung des vorliegenden Materials erfolgen, die auf eine Interpretation des Einzelfalles abzielt. Hierfur werden aus dem verschriftlichen Interview die zentralen Aspekte bzw. Aussa- gen hervorgehoben, die in den folgenden Auswertungsschritten dann weiterverwendet werden. Das heiBt, das Interview wird in eine begrenzte Anzahl von allgemeineren Aussagen zusam- mengefasst, die das Interview gut charakterisieren. Es ist dabei auch wichtig, inhaltliche Diffe- renzen zwischen den Interviews herauszuarbeiten. Durch diesen Schritt der Generalisierung konnen sich nun im nachsten Schritt Muster abzeichnen, die bei einigen oder allen Interviewten typischerweise auftraten. Das heiBt, der Fokus wird bei der Auswertung auf gemeinsame Merk- male gelegt; es wird versucht, abzeichnende Grundtendenzen zu erkennen und eine erste soge- nannte „typisierende Generalisierung“ zu erstellen, wobei jedoch gleichzeitig wichtig ist, Un- terschiede zwischen den interviewten Personen durch die Generalisierung nicht zu unterdru- cken, da diese einen hohen Informationsgehalt haben. Im letzten Schritt folgt eine Kontrolle der Interpretation durch eine erneute Reflektion der gesamten Transkription, um sicherzustel- len, dass wichtige Aspekte im ersten Schritt der Datenreduktion nicht vernachlassigt wurden oder andere Fehler auftraten. Falls dann immer noch Ungereimtheiten vorhanden sind, ist es notwendig, die Originalaufnahme des Interviews nochmals zurate zu ziehen. Wenn im Team gearbeitet wird, sollten sich die auswertenden Personen austauschen und die Auswertung nach intensiver Diskussion gegebenenfalls modifizieren (Lamnek, 1995).

2.2.2 Auswertungsmethoden

Zur Auswertung von Interviews existieren Verfahren, die sich hinsichtlich ihrer Heran- gehensweisen und des Interpretationsgrades stark unterscheiden und in ihrer Fulle zahlreich sind (Mayring, 2016), dass sie im Rahmen dieser Arbeit nicht alle aufgefuhrt werden sollen. Bei Interviews steht verbales Material und dessen inhaltliche Interpretation im Vordergrund. Die Sprache ist das wichtigste Kommunikationsmittel des Menschen, weshalb sich gerade in der Gruppe qualitativer Interviews die verschiedensten Methoden zur Analyse ergeben. Zu den gangigsten Methoden zahlen die Gegenstandsbezogene Theorienbildung, die Qualitative In- haltsanalyse, die Objektive Hermeneutik, die Typologische Analyse, die Phanomenologische Analyse, die Sozialwissenschaftliche Hermeneutische Analyse und die Psychoanalytische Tex­tinterpretation (Mayring, 2016), wovon hier die ersten drei exemplarisch und in Kurzform an- geschnitten werden.

Die Gegenstandsbezogene Theorienbildung , begrundet in der Grounded Theory, (Breuer, Muckel, & Dieris, 2017), lasst bereits wahrend des Prozesses der Datenerhebung das Ziehen interpretativer und gedanklicher Schlusse zu, die dann ihrerseits wiederum beeinflussen, was im Folgenden erhoben wird. Die Methode ist also schon in den ersten Schritten der Befragung fur das Herausarbeiten von Konzepten und Theorien offen ist. Als Hilfsmittel werden soge- nannte „Memos“ genutzt, in denen die situativen und konzeptuellen Bedingungen der Beobach- tung festgehalten werden, um mit ihnen generelle Schlusse zu ziehen. Durch den Vergleich der Memos kann es dann zur Verknupfung und Generalisierung dieser Konzepte kommen (Mayring, 2016).

Die Qualitative Inhaltsanalyse arbeitet wie viele andere Verfahren mithilfe eines theo- riengeleiteten Kategoriensystems, das durch die Datensammlung entwickelt wird. Die Katego- rien im Hinblick auf die Aspekte definiert, die sich durch das Herausfiltern aus dem Interview ergeben. Mithilfe von Ankerbeispielen wird genau bestimmt, was unter eine jeweilige Katego- rie fallt (Mayring, 2016). Ziel ist es, das Material auf die wesentlichen Aspekte reduzieren zu konnen, sodass das gesamte Material in die definierten Kategorien eingeordnet werden kann. Genaue Codierregeln sollen die Einordnung erleichtern, sodass im letzten Schritt das verbale Material innerhalb des Kategoriensystems interpretiert werden kann. Ein Vorteil dieser Me­thode ist, dass das Material auBerdem quantifiziert werden kann, da ermittelt werden kann, welche Kategorie wie oft benutzt wurde (Glaser & Laudel, 2010) .

Ein weiteres Verfahren zur Auswertung von Interviews ist die Objektive Hermeneutik, in der man versucht, allgemeine Schlusse zu ziehen und auf sachliche Strukturen zu schlieBen. Hierfur werden die erhobenen Daten in verschiedene Stucke gegliedert, die den inneren und auBeren Rahmen festlegen sowie allgemeineres Regelwissen beinhalten. Durch diese Heraus- arbeitung werden mogliche Kontexte in sogenannten Strukturhypothesen entworfen, die dann anhand konkreter Bedingungen verifiziert oder falsifiziert werden. Wenn dies Schritt fur Schritt geschieht, kann letztlich auf andere Strukturen generalisiert und es konnen weitere Falle inter- pretiert werden (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014). Bei diesem Verfahren steht nicht das sub- jektive Erleben im Fokus, sondern die dahinterliegenden objektiven Strukturen. Es ist sehr zeit- intensiv bzw. mit groBem Aufwand verbunden (Mayring, 2016).

Die meisten der beschriebenen Methoden zur Auswertung von Interviews erfordern einen hohen Zeit- und Kostenaufwand. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung war es deshalb, eine bereits in anderen Kontexten verwendete Auswertungsmethode fur die Auswertung qualitativer Interviewdaten zu adaptieren und so eine kostengunstige Auswertungsalternative bereitzustel- len, die dennoch annehmbare Ergebnisse liefert. Hierfur wurde die so genannte „Intuitive-Be- urteiler-Methode gewahlt“, die bisher vor allem in der Emotions- und Personlichkeitsforschung angewendet wurde (siehe Reisenzein u.a., 2014; Malesza & Kaczmarek, 2018).

2.3 Methoden der Auswertung durch externe Beurteiler

In der Psychologie finden sich eine Reihe von Verfahren, bei denen Beurteiler zum Ein- satz kommen. Diese Methoden unterscheiden sich in ihrem Aufbau und in Bezug auf den Auf- wand fur die der Vorbereitung und Codierung. Eine erste Gruppe dieser Auswertungsmetho- den, die auf Beurteilern basiert, arbeitet mit Codiersystemen. Diese lassen sich unterscheiden in Systeme zur objektiven Verhaltenscodierung wie das von Ekman und Friesen entwickelte Facial Action Coding System (Ekmann, Friesen, & Hager, 2002), das ein formales Codiersys- tem zur Auswertung nutzt, und in theoriebasierte Methoden, wie zum Beispiel das EMFACS (Kaiser & Wehrle, 2014). Neben diesen Methoden, die einen relativ hohen Aufwand erfordern, existiert als dritte Beurteilermethode die Intuitive-Beurteiler-Methode (Reisenzein u. a., 2014). Bei dieser Methode kommen nichtgeschulte Beobachter zum Einsatz. Die Beurteiler schlieBen dabei z. B. auf die Emotionen der beobachteten Personen allein aufgrund ihres alltagspsycho- logischen Wissens und auf der Basis von Kontext- und Verhaltensbeobachtungen (Reisenzein et al., 2014).

Die Intuitive-Beurteiler-Methode wird vor allem in der Ausdrucksforschung zur Auswer- tung nonverbaler Informationen, speziell Emotionen, angewandt (Reisenzein et al., 2014). Au- Berdem wird sie in der Personlichkeitsforschung und in der Organisationspsychologie verwen- det, um die z.B. Personlichkeit von Angestellten durch Ratings ihrer Peers zu erfassen (Malesza & Kaczmarek, 2018). Die Grundannahme der Methode im Emotionsbereich ist, dass Ruck- schlusse auf Emotionen aus dem Verhalten der Person und dem Kontext, in dem dieses auftritt, im Alltag haufig vorgenommen werden und somit jedem Menschen vertraut sind. Dieses all- tagspsychologische Wissen wird bei der Intuitiven-Beurteiler-Methode genutzt.

Eine gangige Methode zur Beurteilung von Emotionen durch Beobachter ist, die Ab- oder Anwesenheit von bestimmten Emotionen festzustellen. Dabei wird allerdings nicht berucksich- tigt, dass Emotionen in der Intensitat variieren konnen. Deshalb wird manchmal auch die In- tensitat von Emotionen wenigstens auf einem ordinalen Skalenniveau codiert. (Reisenzein et al., 2014).

Nach Reisenzein et al. (2014) hat die Intuitive-Beurteiler-Methode mehrere Vorteile. Sie ist okonomisch, da die Beobachtenden nicht trainiert werden mussen, sondern intuitiv arbeiten. Der Zeitaufwand ist kaum groBer als der fur eine Selbstauskunft. AuBerdem konnen auch solche Kategorien (z. B. Emotionen) beurteilt werden, die in einem formalen Codierungssystem nicht berucksichtigt werden, aber dennoch von Interesse sind. Daher lasst sich die Methode mit rela- tiv geringem Aufwand auf das jeweilige Forschungsinteresse adaptieren. Den beobachtenden Personen wird zudem die Freiheit gelassen, jeden ihnen zuganglichen und verfugbaren Hinweis zu nutzen, um die jeweiligen inneren Zustande wie z.B. Emotionen zu erschlieBen, ohne vor- herige Festlegung durch ein Codierungssystem, was die verfugbaren Informationen maximal ausnutzt. Als letzter Vorteil wird angefuhrt, dass intuitive Beobachter nicht durch ein theorie- geleitetes Codierungssystem voreingenommen sind, sondern durch die Freiheit der Auswertung ganz auf alltagspsychologische Annahmen zuruckgreifen konnen. Dies ist ein entscheidender Vorteil, da sich tief verwurzelte implizite Annahmen uber den emotionalen Ausdruck durch ein Training nach einem Beobachtungscodierungssystem oft nicht uberwinden lassen (Smith, Vivian, & O'Leary, 1990).

Der Einsatz externer Beurteiler wird auch in der Personlichkeitsforschung propagiert. Dies geschieht dort unter anderem aus der Uberlegung heraus, dass Selbstauskunfte fur diverse Storfaktoren anfallig sind. Vor allem soziale Erwunschtheit regt Personen dazu an, ihr Verhal- ten und die Informationen, die sie uber sich preisgeben, zu verfalschen (Ready, Clark, Watson, & Westerhouse, 2000). Im Bereich der Personlichkeitsmessung kann die Selbstauskunft des- halb starken Verzerrungen unterliegen (Connolly, Kavanagh, & Viswesvaran, 2007). Es ist al- lerdings wichtig zu betonen, dass auch externe Beobachter nicht vor systematischen, ebenso wie zufalligen Fehlern geschutzt sind. Auch sie konnen beispielsweise Erinnerungsfehlern un­terliegen oder das Ansehen der zu beurteilenden Person schutzen wollen, indem sie falsche Angaben machen. Dennoch konnen durch externe Beurteiler valide und wertvolle Informatio- nen erhalten werden. Wenn es keinen Unterschied zwischen der Selbstauskunft einer Person und der Fremdauskunft durch einen externen Beurteiler gabe, ware kein Informationsgewinn mit den Fremdratings verbunden. Da sie sich aber unterscheiden, kann mit der zusatzlichen Fremdauskunft durch eine externe Beurteilung ein tieferes Verstandnis des jeweiligen Sachver- haltes gewonnen werden (Connelly & Ones, 2010). Vor allem in Bereichen wie Angaben zur Arbeitsleistung oder anderen akademischen Aspekten sind Ratings durch andere Personen so- gar aussagekraftiger als Selbstratings. Durch Mittelung mehrerer Beurteiler-Ratings besteht zu- dem die Moglichkeit zur Erhohung der Reliabilitat der Beurteilung. Deshalb wird in der Lite- ratur empfohlen, mehrere Beurteiler zu nutzen. Die Angaben uber die optimale Anzahl von Beurteilern schwanken in der Literatur zwischen 2 und 5 (Wagner, Rau, & Lindemann, 2009).

Durch David Funder (2012) wurde das „Realistic Accuracy Model“ entwickelt. In diesem Modell werden vier Bedingungen angenommen, die gegeben sein mussen, damit einen externer Beurteiler ein valides Urteil uber eine andere Person fallen kann (siehe Connelly & Ones, 2010). Zunachst einmal muss die Umgebung zulassen, dass die Zielperson das interessierende Verhalten zeigen kann (relevance); das Verhalten (bzw. handelt es sich im Bereich der Person- lichkeitsbewertung um eine Eigenschaft) muss fur die beurteilende Person wahrnehmbar sein (availibility) und sie muss auBerdem in der Lage sein, Hinweise, die auf die gemessene Eigen- schaft hindeuten, wahrnehmen zu konnen (detection). Als letzte Bedingung nennt Funder, dass die beurteilende Person die Fahigkeit haben muss, alle relevanten Hinweise sammeln und in einen Gesamteindruck von der Zielperson zu integrieren (utilization). Wenn alle vier Bedin­gungen erfullt sind, dann ist die Voraussetzung zur Bildung eines akkuraten Urteiles gegeben (Letzring, Colman, & Roberts, 2018). In der personlichkeitspsychologischen Literatur wird auch auf Studien verwiesen, nach denen die Vertrautheit zwischen Beurteiler und Zielperson zu prazisieren Schatzungen fuhrt. Demnach fuhrt ein Rating durch Familienangehorige oder enge Freunde zu genaueren Ergebnissen als ein Rating durch Fremde. Ein Rating durch fremde Personen kann aber prazisier werden, wenn die Beurteiler im Vorfeld der ihnen zuvor unbe- kannten Zielperson interagieren (Connelly & Ones, 2010)

2.4 Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews

Fur die Auswertung der Daten der vorliegenden Untersuchung wurden verschiedene mogliche Auswertungsmethoden diskutiert. Die entscheidende Frage war letztlich, durch wel- che Auswertungsmethode die mittels Beurteiler erhobenen Daten am besten den Daten des von den interviewten Personen selbst ausgefullten Fragebogens (zum Kulturtransmissionsmotiv) vergleichbar gemacht werden konnen. Beispielsweise wurde in Betracht gezogen, die Daten mittels eines Kategoriensystems nach Mayring (2016) auszuwerten. Dazu hatte man anhand der zentralen Themenkomplexe des Fragebogens Kategorien gebildet, z.B. eine Kategorie fur das Kulturtransmissionsmotiv. Ein Nachteil dieser Auswertungsmethode ist es jedoch, dass die Intensitat der interessierenden Variablen (z. B. des Kulturtransmissionsmotivs) durch solche Kategorien nicht erfasst worden ware, sondern lediglich, ob die Kategorie vorhanden bzw. nicht vorhanden ist.

Demgegenuber bietet die Intuitive-Beurteiler-Methode, die bisher unter anderem in der Ausdrucksforschung angewandt wurde, durch die Verwendung einer gradierten Skala die Mog- lichkeit, nicht nur das Vorhandensein, sondern auch die Intensitat der interessierenden Variab- len zu erfassen. Die Gradauspragung der einzelnen Items ist fur bestimmte der Hypothesen der Kulturtransmissionstheorie wichtig.

Diskutiert wurde auch das mogliche Problem, dass es fur die Beobachter eine Uberfor- derung darstellen konnte, die Intensitat der Items auf einer gradierten Skala angeben zu mussen, da durch das verbale Material der Interviews moglichweise selten eindeutig ist, wie extrem die zu beurteilende Variable fur die interviewte Person von Relevanz ist (z B. wie intensiv ihr Kul- turtransmissionsmotiv ist). Die von Reisenzein et al. (2013) zusammengefassten Befunde zur Intuitiven-Beurteiler-Methode im Bereich der Emotionsforschung darauf hin , dass die Auswer- tungsmethode mittels gradierter Skala funktioniert, auch wenn nicht ganz klar ist, wie genau sie funktioniert (wie genau Personen vorgehen, um z. B. die Intensitat von Arger zu erschlie- Ben). Deshalb ist dieses Bedenken kein Einwand gegen die Intuitive-Beurteiler-Methode. Wenn eine Information uber die Intensitatsauspragung eines Merkmals vorhanden ist, kann sie durch die Intuitive-Beurteiler-Methode genutzt werden; aus den Interviews wird also ein Maximum an Informationen gezogen. Zudem wird der Vergleich von Fremd- und Selbstauskunft dadurch stark vereinfacht.

Der vorliegenden Arbeit lag die Annahme zugrunde, dass die Vorteile, die von Reisenz- ein et al. (2013) fur die Intuitive-Beurteiler-Methode beansprucht werden (siehe 5.3), auch fur die Auswertung von Interviews zutreffen. Zusatzlich zu den bereits genannten ist ein weiterer Vorteil der Intuitiven-Beurteiler-Methode, dass eine Transkription der Interviews, die einen hohen Zeitaufwand erfordert, nicht notwendig ist: Durch den Verzicht der Kategorisierung der Daten war es fur die auswertenden Personen nicht notwendig, sich mit der Definition der Ka- tegorien auseinanderzusetzen; sie mussten sich lediglich mit den Items des Fragebogens ver- traut machen. Aufgrund der oben geschilderten Erwagungen wurde nach zahlreichen Diskussi- onen mit dem Betreuer der vorliegenden Arbeit deshalb entschieden, die Intuitiven-Beurteiler- Methode zu Interviewauswertung zu verwenden, weil sie einen maximalen Informationsgewinn verspricht und optimal auf das Untersuchungsdesign zugeschnitten werden kann.

2.5 Fragestellung und Hypothesen

Die zuvor prasentierten Theorien verweisen auf zwei konkrete Forschungshypothesen, die fur diese Arbeit relevant sein sollen. Der Schwerpunkt liegt auf der Fragestellung, ob sich durch die Intuitive-Beurteiler-Methode ahnliche Ergebnisse wie durch den Fragebogen erge- ben. Thematisch hinten angestellt steht die Hypothese zur inhaltlichen Auswertung der Kultur- transmission.

2.5.1 Forschungshypothese 1

Die Diskussion der Vorteile der Intuitiven-Beurteiler-Methode zur Auswertung von In­terviews legte als Antwort auf die 1. Forschungsfrage der Autorin folgende Hypothese nahe:

H1: Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews stellt ein verlass- liches Mittel zur Auswertung von qualitativ erhobenen Daten dar: Es werden mit ihr ahnliche Befunde erzielt werden wie mit einem thematisch parallelen Selbstauskunfts- Fragebogen.

2.5.2 Forschungshypothese 2

In der vorliegenden Untersuchung sollten gezielt Personen mit Migrationshintergrund untersucht werden, die sich selbst als sehr gut integriert bezeichnen. Aus diesem Grund wurde eine Zielgruppe mit relativ hohem Bildungsniveau gewahlt. Die Fragestellung lautete, ob die zentralen Annahmen der Theorie der Kulturtransmission (Mchitarjan & Reisenzein, 2015) auch bei diesen Personen nachgewiesen werden konnen.

H2: Auch die untersuchte Gruppe von Personen mit Migrationshintergrund hat den Wunsch, die Kultur ihrer Herkunft zu erhalten und weiterzugeben.

3 Methode

Im Folgenden wird auf die Methode der Untersuchung eingegangen. Besprochen wird insbesondere die Adaptation der Intuitiven-Beurteiler-Methode fur Interviews, die verwendeten Fragebogen und die Uberprufung der empirischen Hypothesen. AuBerdem werden die Stich- probe, die Durchfuhrung der Untersuchung und die ethischen Richtlinien der Untersuchung erlautert.

3.1 Operationalisierung

3.1.1 Operationalisierung des Aspektes der Kulturtransmission

Ausgangspunkt dieser Untersuchung war der Fragebogen von Mchitarjan und Reisenzein (2015), der von den Autoren in einer weltweiten Online-Untersuchung zur Uberprufung von insgesamt 8 Hypothesen entwickelt wurde, die aus ihrer Theorie der Kulturtransmission (Mchitarjan & Reisenzein, 2014) abgeleitet worden waren. Zum Zweck der vorliegenden Un- tersuchung wurde der Fragebogen zuerst aus dem Englischen ins Deutsche ubersetzt. Items, die zur Erfassung soziographischer Daten dienten, wurden aus dem Fragebogen weggelassen, da sie bereits zu Beginn des Interviews mundlich erfragt wurden. Einige wenige Items wurden dem Fragebogen (Anhang A) neu hinzugefugt, diese sollten den wahrgenommenen Wunsch des Verwandtschafts- und Bekanntenkreises zur Weitergabe der Kultur erfassen. Zur Beant- wortung der Items wurde mit zwei Ausnahmen stets eine 8-stufige Likert-Skala (0 bis 7) ver- wendet, deren Endpunkte je nach Item teilweise unterschiedlich beschriftet waren, z.B. („gar nicht“ bis „sehr stark“ oder „stimme uberhaupt nicht zu“ bis „stimme vollstandig zu“). Die Ausnahmen waren das Item B6 („Stellen Sie sich vor, dass ein internationaler Sportwettkampf stattfindet, in dem das Nationalteam Ihres Herkunftslandes gegen das Nationalteam von Deutschland antritt. Welchem Team wurden Sie eher die Daumen drucken?“), das auf einer 7- stufigen Skala (-3 bis +3) beantwortet wurde und das Item B28 („Welche Art von Schulunter- richt wurden Sie sich fur Ihre (bereits vorhandenen oder zukunftigen) Kinder am meisten wun- schen (ungeachtet dessen, ob das aktuell moglich ist?“), das auf einer 6-stufigen Skala beant- wortet wurde.

Mehrere Items in dem Fragebogen dienen der Messung des in der Theorie von Mchitarjan und Reisenzein (2014) postulierten Kulturtransmissionsmotivs. Dieses wird sowohl direkt (durch direkte Fragen nach dem Wunsch zur Kulturtransmission) gemessen, als auch indirekt durch Fragen zu motivdiagnostischen Emotionen und Handlungen. Die direkte Erfassung des Kulturtransmissionsmotivs erfolgte durch drei Items: „Wie wichtig ist es fur Sie, die Herkunfts- kultur Ihrer Familie zu bewahren und an Ihre Kinder weiterzugeben?“; „Wie wichtig sind fur Sie die Werte und Normen Ihrer Herkunftskultur (d.h. die Vorstellungen vom „richtigen Le- ben“; die Ansichten daruber, was sich gehort und was sich nicht gehort)?“; und „Wunschen Sie sich, dass die Herkunftskultur Ihrer Familie in der Generation Ihrer (bereits vorhandenen oder zukunftigen) Kinder beibehalten wird?“ Diese Fragen wurden auf 8-stufigen Skalen beantwor- tet, deren Endpunkte fur die ersten zwei Items mit 0 = „gar nicht wichtig“ bis 7 = „sehr wichtig“ und fur das dritte Item 0 = „das ware mir egal“ bis 7 = „das wunsche ich mir sehr“ beschriftet waren. Durch die Mittelung der Ratings dieser Items ergab sich eine Skala fur die direkt ge- messene Starke des Kulturtransmissionsmotivs.

Zusatzlich wurde das Kulturtransmissionsmotiv auch indirekt mittels motivdiagnosti- scher Emotionen und Handlungen gemessen (s. Mchitarjan und Reisenzein, 2015). Zur Erfas- sung motivdiagnostischer Emotionen beantworteten die Teilnehmenden sieben Fragen wie z.B.: „Wurde es Sie traurig stimmen, wenn Ihre (bereits zukunftigen oder vorhandenen) Kinder die Sprache der Herkunftskultur Ihrer Familie verlernen oder verlieren wurden?“ (0 = „das ware mir egal“ bis 7 = „ich ware sehr traurig daruber“). Motivdiagnostische Handlungen bzw. Hand- lungstendenzen wurden durch vier Items erfasst, von denen zwei den eigenen Wunsch bzw. den wahrgenommenen Wunsch der Eltern nach Heirat eines Partners aus der Herkunftskultur er- fassten (z.B. „Als Ehemann/ Ehefrau wurde ich einen Mann/eine Frau aus der Herkunftskultur meiner Familie bevorzugen.“ mit der Skala 0 = „stimmt uberhaupt nicht“ bis 7 = „stimmt voll- standig“).

Der Wunsch nach Transmission der Kultur muss nach Mchitarjan und Reisenzein (2014) bei einer Person nicht in expliziter Form vorhanden sein („Ich wunsche mir, dass meine Her- kunftskultur weiterbesteht.“), sondern durfte sich eher in konkreteren, alltagsbezogenen Wun- schen zeigen, wie zum Beispiel in dem Wunsch, den eigenen Kindern die Sprache weiterzuge- ben oder als Ehemann/Ehefrau einen Partner bzw. eine Partnerin aus der Herkunftskultur zu haben. Dementsprechend werden im Fragebogen auch Fragen nach solchen Wunschen gestellt. AuBerdem werden in dem Interview verschiedene Handlungsbereitschaften erfasst, die durch das Kulturtransmissionsmotiv (laut Theorie) beeinflusst werden sollen, wie z.B. die Bereit- schaft, dem eigenen Kind die Herkunftssprache beizubringen; es werden Fragen zur kulturellen Identitat und Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und zu mehreren weiteren Themen ge- stellt (s. Mchitarjan und Reisenzein, 2015).

Im Interview sollten alle im Fragebogen thematisierten Inhalte abgedeckt werden, ohne jedoch die befragten Personen direkt danach zu fragen. Um dies zu erreichen, wurde versucht, im Interview alle Lebensbereiche der Person anzusprechen, in denen die Herkunftskultur der Person Relevanz haben konnte. Dies sollte (und konnte weitgehend) dadurch realisiert werden, dass die Personen gebeten wurden, frei aus ihrem Alltag und Leben ohne Vorgabe eines be- stimmten Schwerpunktes zu berichten. Die resultierende Interviewmethode kann als ein un- strukturiertes bis semi-strukturiertes Interview beschrieben werden: Es lag zwar ein Leitfaden vor, der jedoch nur dann zum Einsatz kam, wenn die Personen nicht wussten, was sie noch berichten sollten oder um Erlauterungen zu einem bestimmten Themenbereich baten. Insgesamt wurde jedoch versucht, die Untersuchungsteilnehmenden dazu anzuhalten zu berichten, was ihnen zum Thema „Die Bedeutung der Herkunftskultur“ einfiel, ohne Einschrankung durch spezifische Themenvorgabe.

3.1.2 Auswertung des Interviews: Eine Adaptation der Intuitiven-Beurteiler-Methode

Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist, ob durch ein moglichst unstruktu- riertes Interview zur Rolle der Herkunftskultur ahnliche Ergebnisse erhalten werden wie durch den von den Teilnehmenden im Anschluss an das Interview ausgefullten Fragebogen zu diesem Thema. Um diese Frage beantworten zu konnen, musste zunachst sichergestellt werden, dass die im Interview erhobenen qualitativen Daten und die im Fragebogen erhobenen quantitativen Ratings verglichen werden konnen. Als Kriterium dienten die Ratings im von den Teilnehmen- den ausgefullten Fragebogen. Damit vergleichbare Daten im Fragebogen ebenfalls im Inter­view erhoben werden, war es notwendig, dass die Inhalte des Fragebogens auch im Interview zur Sprache kamen. Dazu ist zwar nicht erforderlich, dass jedes Fragebogenitem im Interview inhaltlich direkt angesprochen wird, aber die wichtigsten Themengebiete des Fragebogens mussten durch das Interview abgedeckt werden. Gleichzeitig sollte das Interview jedoch mog- lichst wenig standardisiert sein, um den Personen moglichst groBen Freiraum zu gewahren, uber all das zu berichten, was ihnen zum Thema wichtig erschien. Um diese zwei tendenziell gegenlaufige Zielen zu erreichen, wurde folgendermaBen vorgegangen:

Zuerst wurden die Items des Fragbogens unter 10 Themenkomplexen zusammengefasst. Auf der Grundlage dieser Themenkomplexe wurde dann ein grober Leitfaden (Anhang B) fur das Interview entwickelt. Zum Beispiel gab es einen Themenkomplex „Kultur im Elternhaus“ und einen weiteren „Werte, Normen, Religion der Herkunftskultur im alltaglichen Leben“. Fur jeden Themenkomplex wurde eine moglichst wenig suggestive Frage erarbeitet. Diese wurde von der Interviewerin aber nur dann gestellt, wenn die interviewte Person das betreffende Thema nicht von selbst ansprach. Die Leitfragen wurden zudem so formuliert, dass sie die Auf- merksamkeit der Teilnehmenden auf das erwunschte Thema lenkten ohne eine bestimmte Ant- wortrichtung vorzugeben. Beispielsweise wurde als Leitfrage fur den Themenkomplex „Her- kunftskultur im Elternhaus“ gefragt: „Wie war das bei euch zuhause?“ oder als Leitfrage fur die Rolle von Religion: „War Religion ein Thema bei euch?“ Die 10 definierten Themenkom- plexe waren auf dem Leitfaden (zwei Blatter) durch Linien miteinander verbunden, sodass fur die Interviewerin schnell ersichtlich war, von welchem Thema der Ubergang zu einem der an- deren Themen durch eine einfache Frage leicht gelingen konnte. Ein Ubergang war von den meisten Themen zu anderen fast immer leicht moglich, weil alle Themenkomplexe thematisch mehr oder weniger stark mit anderen verbunden sind.

Zur Vorbereitung auf die Auswertung des Interviews mittels Intuitiver-Beurteiler-Me- thode wurde eine Auswerter- bzw. Beurteilversion des Selbst-Fragebogens erstellt. Dazu wur- den die Items des Fragebogens zuerst systematisch nach den Themenkomplexen angeordnet. Im Selbstfragebogen sind die Items namlich so angeordnet, dass ahnlich klingende Items nicht unmittelbar nacheinander abgefragt werden. Danach wurde aus dem Teilnehmerfragebogen der Beobachterfragebogen FraboA (Anhang A) erzeugt, indem jedes Item von der Ich-Perspektive in die Beobachtungsperspektive umformuliert wurde. Zum Beispiel wurde das Fragebogenitem „Wie wichtig ist es Ihnen, die..umformuliert zu „Wie wichtig ist es der interviewten Person (P), die Herkunftskultur ihre Familie zu bewahren und an ihre Kinder weiterzugeben?“ Vor dem Prozess der Umformung wurde der Uberlegung nachgegangen, die Items zu vereinfachen. Sie wurde letztlich aber in ihrer ursprunglichen Form belassen und lediglich in die Beachtungs- perspektive umformuliert. Zusatzlich wurden 3 ubergeordnete Themenblocke (Selbst, Eltern- haus/Verwandtschaft und Kinder (-erziehung) definiert, in die alle Items des Teilnehmerfrage- bogens eingeordnet wurden. Dies hatte den Sinn, fur die Beurteiler eine Themenstruktur her- zustellen, an der sie sich bei der Beurteilung orientieren konnten. Um diese Orientierung zu erleichtern, wurde eine Kurzliste der Items - ebenfalls in die Blocke Selbst, Elternhaus/Ver- wandtschaft und Kinder (-erziehung) gegliedert - erstellt (Anhang C). Diese enthielt jedes Item in zusammenfassender Form mit der jeweiligen Nummer des Items im Beobachtungsbogen. Diese Liste sollte es den Beurteilern erleichtern, die aktuell zu bewertenden Items schnell im Beobachtungsfragebogen aufzufinden. Da die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung verbaler Informationen der Art, wie sie in einem Interview erhoben wurden, bisher nicht ange- wandt wurde, mussten Regeln fur die Auswertung mittels nichtgeschulter Beobachter entwi- ckelt werden. Die Beurteiler bekamen zu diesem Zweck eine Instruktion (Anhang D), die die zu beachtende Abfolge der einzelnen Auswertungsschritte festhielt. Konkret wurde wie folgt vorgegangen:

1. Die Interviews wurden in 5 Blocke geteilt, die jeweils 10 Interviews enthielten. Diese wurden in systematischer Reihenfolge so angeordnet, dass unmittelbar aufeinander immer Interview von Probanden verschiedener Herkunftskultur und unterschiedli- chen Geschlechts angehort und ausgewertet wurden. Diese systematische festgelegte Abfolge sollte vermeiden, dass die auswertenden Personen die Informationen eines vorherig angehorten Interviews mit dem derzeitigen auszuwertenden aufgrund der Ahnlichkeit der Lebensgeschichte oder Ahnlichkeit der Teilnehmer verwechselten.
2. Nach einer Testauswertung einer Teilnehmerin durch die Autorin wurde entschieden, dass der Beurteiler sich zur Vorbereitung auf die Auswertung zunachst eingehend mit dem Beobachtungsbogen auseinandersetzen sollte, um sich mit dem Inhalt der ein- zelnen Items vertraut zu machen und die Abfolge der Items im Fragebogen zu verin- nerlichen. Zur Unterstutzung erhielten die Beurteiler die Kurzliste der Items.
3. Zu Beginn der Auswertung waren die soziodemographischen Daten, die vor der Auf- nahme des Interviews in schriftlicher Form festgehalten wurden, anzusehen. Diese enthielten Informationen uber Alter, Religion, Bildungsstand und Herkunftskultur des Teilnehmers.
4. Danach sollte das Interview ein erstes Mal angehort werden. Dabei sollte sich die auswertende Person einen groben Uberblick uber die interviewte Person und ihre Ein- stellung zur Herkunftskultur verschaffen und eventuell schon erste Items im Beobach- tungsbogen beantworten. Items, die beim ersten Anhoren nicht beantwortbar waren, wurden im Beobachtungsbogen freigelassen.
5. Ein zweites Anhoren des Interviews sollte die Beantwortung der restlichen Items er- moglichen. Auch hierbei wurden Items, die durch das Interview nicht beantwortbar waren, im Beobachtungsbogen freigelassen. AuBerdem wurden sowohl bei der ersten als auch zweiten Anhorung des Interviews solche Items, die nicht wortlich beantwor- tet wurden, deren Auspragung aber durch den Kontext erschlossen werden konnte, mit einem Sternchen neben der jeweiligen Nummer des Items im Beobachtungsbogen gekennzeichnet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews. Validierung mit einem Fragebogen zur Kulturtransmission
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Psychologie, Emotionspsychologie, Allgemeine Psychologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
74
Katalognummer
V1037006
ISBN (eBook)
9783346454461
ISBN (Buch)
9783346454478
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhang enthält den verwendeten Fragebogen und Interviewleitfaden.
Schlagworte
Kultur, Transmission, Kulturtransmission, Kulturpsychologie, Methodik, Auswertung von qualitativen Interviews, Fragebogen, Intuitive-Beurteiler-Methode, Methodenlehre, Psychologie, Migration
Arbeit zitieren
Maria Schmuck (Autor:in), 2018, Die Intuitive-Beurteiler-Methode zur Auswertung von Interviews. Validierung mit einem Fragebogen zur Kulturtransmission, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1037006

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