Die literarische Moderne. Eine Analyse von "Das Urteil" und "Die Verwandlung" von Franz Kafka


Hausarbeit, 2014

10 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Merkmale der Moderne

2. Franz Kafkas „Das Urteil“

3. Franz Kafkas „Die Verwandlung“

Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Franz Kafka, das ist der popularste und ratselhafteste deutsche Dichter - eine Ikone der Moderne."1 Der beruhmte deutsche Schriftsteller Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag, damals Osterreich- Ungarn, geboren, wo er knapp 41 Jahre gelebt hat. Am 3. Juni 1924 ist er verstorben.2 Der Autor kann als Reprasentant der literarischen Moderne gesehen werden.3 Beispiele fur die modernistische Literatur Kafkas sind die Erzahlungen „Das Urteil" und „Die Verwandlung", beide im Jahr 1912 entstanden, aber erst spater im Jahr 1913 bzw. 1915 herausgegeben.

Die Erzahlung „Das Urteil" handelt vom Kaufmannssohn Georg Bendemann. Wenn er seinem Freund in Petersburg mal wieder einen Brief schreiben will, schreibt Georg zunachst nichts uber sein erfolgreiches und gluckliches Leben, da er seinen Freund schonen will. Nach langem Uberlegen entschlieRt er sich aber, von seiner bevorstehenden Hochzeit zu erzahlen. Als Georg mit dem Brief zu seinem Vater geht, kommt es zu einem Vater-Sohn-Konflikt. Am Ende des Streites verurteilt der Vater seinen Sohn zum Tode des Ertrinkens. Der Sohn rennt aus dem Haus zum Fluss und da lasst er sich mit den Worten „Aber liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt" hinabfallen. „Die Verwandlung" fangt damit an, dass der Protagonist, Gregor Samsa, eines Morgens erwacht und feststellen muss, dass er sich zu einem „ungeheuren Ungeziefer" verwandelt hat.

Beide Werke sind der Epoche der literarischen Moderne zuzuordnen. Jede Epoche weist gemeinsame Merkmale und Strukturen auf, die epochenspezifisch sind bzw. nicht auf fruhere oder folgende Epochen zutreffen. AuRerdem nehmen verschiedene Bereiche, wie die Gesellschaft, Politik und die Wissenschaft, Einfluss auf die jeweilige Epoche. Im ersten Teil dieser Analyse werden diese Elemente fur die Moderne als literarische Epoche dargestellt und erlautert.

Im zweiten und dritten Teil der Analyse werden die beiden modernistischen Werke Kafkas „Das Urteil" und „Die Verwandlung" genauer in Betracht gezogen. Die Texte Kafkas werden nach modernistischen Merkmalen untersucht. Fur die Merkmale aus dem ersten Teil sollen konkrete Beispiele aus der Literatur gegeben werden.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit der literarischen Moderne und zwei Werke Franz Kafkas, die dieser zugeordnet werden konnen. Aus welchen Grunden werden die Kafka- Erzahlungen der literarischen Moderne zugeordnet?

1. Merkmale der Moderne

Um die Frage, warum „Das Urteil" und „Die Verwandlung" von Franz Kafka so typisch fur die literarische Moderne ist, muss zunachst die Epoche erlautert werden.

Die Literatur der Moderne entsteht ab Ende des 19. Jahrhunderts/Beginn des 20. Jahrhunderts (zwischen etwa 1890 und 19144 ) und reicht bis ins Ende des 20. Jahrhunderts. Neben der Stromung der Moderne gab es in dieser Periode auch andere Stromungen, wie den Expressionismus, Futurismus, Surrealismus und den Dadaismus.

Besonders gepragt haben die neue Stromung die zahlreichen sozialen Veranderungen und die Erschutterung des traditionellen Weltbildes, an der insbesondere die geistesgeschichtlichen Entwicklungen beitrugen. Einen groRen Einfluss auf den Zerfall des traditionellen Welt- und Menschbilds nahmen Max Plancks Quantentheorie, Sigmund Freuds Untersuchung Traumdeutung von 1900 und die Relativitatstheorie Albert Einsteins von 1905. Die auf Tradition beruhende Haltung, die seit der Aufklarung das europaische Weltbild bestimmt, andert sich in eine industrialisierte, stadtische Lebensweise.

In der modernistischen Literatur wird oft, den Alltag ganz normaler Menschen, die nicht besonders zu machen scheinen, dargestellt. Der Erzahlbereich ist viel kleiner als bei anderen Stromungen: Der Modernist konzentriert sich oft auf nur eine Familie oder eine Person. Die individuell erlebte Wirklichkeit wird hiermit hervorgehoben. Viele Modernisten nehmen an, dass nicht die typischen Situationen oder die Auswirkungen groRer gesellschaftlicher Ereignisse den GroRteil des individuellen Lebens ausmachen, sondern die alltaglichen Erlebnisse, wie ein Spaziergang durch die Stadt, ein Mittag im Garten oder der tagliche Stuhlgang.

In diesem Zusammenhang entwickeln sich in dieser Stromung einige neue literarische Techniken, insbesondere hinsichtlich der Narratologie. Eines der wichtigsten Merkmale der Moderne aus diesem Bereich ist die Bewusstseinswiedergabe. Damit wird die Wiedergabe von Gedanken und Sprache der Figuren gemeint. Es lassen sich mehrere Mittel zur Bewusstseinswiedergabe anfuhren.

Erstens spielt die mehrfache Fokalisierung eine wichtige Rolle in den modernistischen Erzahlungen. Martmez und Scheffel definieren Fokalisierung als "Perspektivierung der Darstellung relativ zum Standpunkt des wahrnehmenden Subjekts”5. Man unterscheidet in einem Text zwischen demjenigen, der erzahlt, und demjenigen, aus dessen Sicht man etwas erfahrt. Mit dem Begriff „Fokalisierung" analysiert man die Relation zwischen einem Subjekt, durch das fokalisiert wird, dem Focalizer, und demjenigen, was fokalisiert wird, dem fokalisierten Objekt. Diese Relation resultiert in eine alles umfassende Farbung des Subjekts, des Objekts und der Informationen, die der Leser bekommt. Dies impliziert, dass Fokalisierung subjektiv und ein wichtiges Mittel zur Manipulation ist. Demzufolge kann man in der Moderne dem von nun an wertenden auktorialen Erzahler nicht mehr trauen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Fokalisierung nicht nur auf visuelle Wahrnehmung (Fokus) bezieht, sondern das gesamte sensitive Erlebnis eines Subjekts umfasst.6

Als nachstes Mittel der Bewusstseinsdarstellung wird eine erlebte Rede in Gebrauch genommen. Die Rede stellt eine Zwischenform von indirekter und direkter Rede dar. Einerseits wird die Figurenrede in der dritten Person dargestellt. Anderseits bleibt der Stil der gesprochenen Sprache in dieser Form der Erzahlung so erhalten, dass der Eindruck einer groRen Nahe zur Figurenrede entsteht. Das folgende Beispiel illustriert, wie ein Erzahlerbericht nahtlos in eine erlebte Rede ubergehen kann: „Valtin lief zu Grete an den Gartenzaun: sie hatten ein Vogelnest in ihrem Garten, ganz niedrig und zwei Junge drin.“ Mit diesem Beispiel lasst sich ebenfalls belegen, dass die erlebte Rede kein verbum dicendi (z. B. „sagte er") als Einleitung benotigt.7

Die dritte und sehr populare Erzahlform in der Moderne wird der Bewusstseinsstrom bzw. stream of consciousness genannt und zeigt Impressionen von auRen, Erinnerungen sowie Assoziationen und Gedankengange. William James, Erfinder des Begriffs, wollte damit zum Ausdruck bringen, dass das Bewusstsein nicht hierarchisch, aber auch nicht pur chaotisch geordnet ist, sondern sich in einen Strom manifestiert.8 Der Bewusstseinsstrom wird von Martmez und Scheffel als eine radikale Form des Inneren Monologs beschrieben, die „auf eine geordnete Syntax verzichtet und rational nicht gesteuerte Bewusstseinsablaufe scheinbar authentisch in aller ihrer Inkoharenz darstellt"9. Die streams berucksichtigen also oft nicht die grammatikalischen Regeln der Sprache und verzichten oft auf Interpunktion. Mit „authentisch" und „in aller ihrer Inkoharenz" wird gemeint, dass solche Satze haufig keinen klaren Zusammenhang und keine logische Struktur besitzen. Anhand des folgenden Beispiels aus „Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf lasst sich zeigen, dass der Bewusstseinsstrom auch unterbrochen werden kann, ohne dass dies mit verba dicendi oder Anfuhrungszeichen angegeben wird:

What a lark! What a plunge! For so it had always seemed to her, when, with a little squeak of the hinges, which she could hear now, she had burst open the French windows and plunged at Bourton into the open air. How fresh, how calm, stiller than this of course, the air was in the early morning; like the flap of a wave; the kiss of a wave; chill and sharp and yet (for a girl of eighteen as she then was) solemn, feeling as she did, standing there at the open window, that something awful was about to happen; looking at the flowers, at the trees with the smoke winding off them and the rooks rising, falling; standing and looking until Peter Walsh said, "Musing among the vegetables?"--was that it?--"I prefer men to cauliflowers"--was that it? He must have said it at breakfast one morning when she had gone out on to the terrace--Peter Walsh.10

2. Franz Kafkas „Das Urteil“

Die Erzahlung „Das Urteil“ entstand in einer einzigen Nacht (22./23. September 1912) und handelt vom Kaufmannssohn Georg Bendemann, der seinem Freund in Petersburg mal wieder einen Brief schreiben will. Georg kommt mit seinem Vater in Konflikt, da sein Vater ihm davon beschuldigt, den Freund nicht vollstandig informiert zu haben. Am Ende des Streites verurteilt der Vater seinen Sohn zum Tode des Ertrinkens. Der Sohn rennt aus dem Haus zum Fluss und da lasst er sich mit den Worten „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“11 hinabfallen.

Ein wichtiges, der Moderne zugeordnetes Merkmal dieser Erzahlung ist die Absurditat der Ausgangslage, des Vater-Sohn-Konflikts und des finalen Urteils: Jemand hat den Briefkontakt mit einem im Ausland lebenden Freund nicht intensiv genug gepflegt und wird deswegen von seinem Vater zum Tode verurteilt. Am Ende stellt sich dann auch noch heraus, dass Georg Bendemann das Urteil sowohl annimmt als auch freiwillig ausfuhrt. Wie in der Moderne sehr oft der Fall ist, blieben auch in dieser Kafka-Erzahlung eine Reihe von Fragen unbeantwortet. SchlieRlich weiR man nach dem Lesen nicht, warum das Verhaltnis zum Petersburger Freund einen so groRen Raum einnimmt und welche Rolle diese Figur im Generationenkonflikt uberhaupt spielen soll. Vollig offen bleibt auch die Schuldfrage: Worin besteht die Schuld Georgs uberhaupt?

Die Erzahlhaltung, die im Werk Kafkas verwendet wird, ist ein wichtiges und eigensinniges Mittel, das einer naheren Betrachtung bedarf. Franz Kafka erzahlt in der dritten Person und erzeugt so die Illusion eines auktorialen Erzahlers, der aus raumlicher und zeitlicher Distanz von den Ereignissen berichtet. Lediglich Anfang und Ende der Geschichte, die aus der Perspektive eines scheinbar allwissenden Erzahlers prasentiert werden, weichen von der figuralen Erzahlhaltung ab. Der erste Absatz von „Das Urteil“ gibt Informationen zu Zeit und Ort des Geschehens und macht den Leser mit dem Protagonisten und seiner Lebenssituation bekannt: „[A]n einem Sonntagvormittag im schonsten Fruhjahr" hatte „Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, [...] einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet.“12

Mitten im ersten Satz des zweiten Absatzes findet man ganz unmerklich den ersten Perspektivenwechsel: „Er dachte daruber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rutland sich formlich gefluchtet hatte."13 Hier wird nicht mehr objektiv uber die Ausgangslage berichtet, sondern subjektiv die Uberlegungen Georgs dargestellt. Die Perspektive der Geschichte von der Umgebung Georg Bendemanns geht in die subjektive Innenwelt des Helden. Die Geschichte wird von nun an aus der Sicht des Hauptcharakters dargestellt. Der Leser erfahrt nur seine Gedanken, die AuRenwelt wird nur durch seine Sinne wahrgenommen und interpretiert. Am Schluss der Geschichte kehrt der Erzahler wieder zu diesem objektiven Rahmen zuruck. Verwendet wird hier das erzahltechnische Mittel der erlebten Rede, die im ersten Abschnitt dieser Analyse schon zum Merkmal der Moderne gedeutet wurde.

3. Franz Kafkas „Die Verwandlung“

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Traumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt."14 - diesen komischen Anfangssatz aus „Die Verwandlung" kennt jeder. Er symbolisiert die Lapidaritat des Erzahlstils, die sich in der ganzen Erzahlung finden lasst: Ohne weitere Erlauterungen werden Tatsachen ganz trocken festgestellt und angenommen.

Die Geschichte fangt mit einer unmoglichen und unerwarteten Situation an, namlich, dass die Hauptperson Gregor Samsa in einen Kafer verwandelt ist. Nach dem ersten Satz wird der Leser gleich in die Perspektive der Hauptperson versetzt („»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er."15 ), die ihm fortan, uber den Verlauf der Erzahlung hin, die einzige Moglichkeit bleibt, die Welt zu betrachten. Dieser subjektive Erzahlerstandpunkt und die Beschrankung des Blickwinkels hangt stark mit der

[...]


1 Kermas 2005, S.3.

2 Vlg. Anz 2011, S.7.

3 Vlg. Anz 2011, S.16.

4 Vgl. Meid 2012, S.382.

5 Martinez & Scheffel 2012, S.211.

6 Vgl. Korsten 2009, S.245.

7 Vgl. Martinez & Scheffel 2012, S.55.

8 Vgl. Korsten 2009, S.238.

9 Martinez & Scheffel 2012, S.208.

10 Farbliche Hervorhebungen stammen von mir.

11 Kafka 2005, S.6.

12 Kafka 2005, S.2.

13 Kafka 2005, S.2.

14 Kafka 2011, S.2.

15 Kafka 2011, S.2.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die literarische Moderne. Eine Analyse von "Das Urteil" und "Die Verwandlung" von Franz Kafka
Hochschule
Radboud Universiteit Nijmegen
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V1037179
ISBN (eBook)
9783346450302
ISBN (Buch)
9783346450319
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moderne, analyse, urteil, verwandlung, franz, kafka, Das Urteil, Die Verwandlung, Franz Kafka, literarische Moderne
Arbeit zitieren
Dirk Eismann (Autor), 2014, Die literarische Moderne. Eine Analyse von "Das Urteil" und "Die Verwandlung" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1037179

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