Die expressionistische Idee des Weltuntergangs in "Antigone" von Walter Hasenclever


Essay, 2015

5 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Das Werk Antigone wurde im Jahre 1917 von Walter Hasenclever geschrieben und ist auf die altgriechische gleichnamige Tragodie des Dichters Sophokles zuruckzufuhren.

Die Geschichte handelt vom Konig Kreon, der nach dem Krieg die Bestattung des Feindes Polyneikes verbietet. Antigone, Polyneikes' Schwester, ist anderer Meinung und ubertritt schlieBlich das Verbot. Daraufhin wird sie von Kreon lebendig mit genug Essen eingemauert. Am Ende wird eine Kette von Selbstmorden ausgelost: Antigone hangt sich selbst auf, auch totet Haimon, Kreons Sohn, sich selbst und schlieBlich nimmt sich Eurydike das Leben.

Ziel dieser Arbeit es, folgender These nachzugehen: In Walter Hasenclevers Antigone (1917) findet man die (expressionistische) Idee des Weltuntergangs. Anhand einer Interpretation sollen die Pro- und Contra-Argumente dieser These dargelegt werden. Daraus soll eine Schlussfolgerung gezogen und schlieBlich eine Stellungnahme zur zentralen These abgegeben werden. Bei der Auseinandersetzung mit dieser These wird das Werk in einem literarischen Kontext analysiert.

Literarischer Kontext dieses Werkes ist vor allem die literarische Stromung des Expressionismus, aufgrund der Tatsache, dass dieses Werk im Jahre 1917, der Periode des Ersten Weltkriegs, und von Walter Hasenclever, einem - auf seinen anderen Werken basierend - expressionistischen Schriftsteller, verfasst wurde. Hauptmerkmale dieser Stromung sind die radikale Abkehr von der burgerlichen Kunst der vorangehenden Epoche, eine neue Deutung der Welt wegen tiefgreifender Krise und die Bewegung gegen die Welt der Vater.

Zuerst mochte ich anhand eines Zitats aus Thomas Anz‘ Literatur des Expressionismus die Idee des Weltuntergangs erklaren. Anz erklart das apokalyptische Erzahlen wie folgt: „Die groBen Entwurfe des Neuen Menschen folgen in der Moderne alten Mustern. Es sind die des apokalyptischen Erzahlens. [...] Dem entspricht in der expressionistischen Moderne ein wiederkehrendes Muster des Text- und Handlungsverlaufs: Der Darstellung einer Ekel, Angst, Langeweile, Verzweiflung oder Hass hervorrufenden alten Welt, die in der Gegenwart weiter existiert, doch dem Untergang geweiht ist, und des in ihr gefangenen und beschadigten Subjekts folgt die hymnische Evokation eines neuen Zustands.“1

Am Anfang der Geschichte steht insbesondere der Hass auf das Alte im Vordergrund.

Einerseits uberzeugt der neue Konig Kreon seinem Volk vom Hass auf den alten toten Feind und ,Verrater‘ Polyneikes, andererseits bekampft Antigone diese Hassgefuhle. Ersteres lasst sich dadurch erklaren, dass Polyneikes sich wahrend des Krieges die Herrschaft uber Theben heranziehen wollte. Folge dieses Hasses ist, dass Polyneikes nicht bestattet werden darf, sondern auf dem Schlachtfeld liegen gelassen werden soll. Diesen Hass wird dem Volk auferlegt, dadurch, dass ein Verbot auf das Begraben des Feindes eingefuhrt und dessen Ubertritt auf Befehl Kreons mit dem Tod geahndet wird: „Wer des Verbotes ungeheure Mahnung ubertritt - wer dieser Leiche letzte Ehre spendet, der wird zu Tod gesteinigt, sein Kadaver jenem zugesellt.“ (S.364, Z.7-11). In Kreons eigener Rede wird diese Botschaft nur unterstrichen: „Noch einmal hier befehle ich mit meiner ganzen Strenge: Kein Grab fur seinen Uberrest! Mag in die Welt, wo Volker wohnen, der Pestgeruch von seinem Namen dringen." (S.372, Z.1-5). Am letzten Satz ist auBerdem zu erkennen, wie stark der Hass anwesend ist. Wahrend das ganze Volk wegen des Kriegsendes feiert, erklart sich Antigone nicht mit dem Verbot einverstanden: „Wo steht das, Schwester, daB man die Toten nicht begraben soll? Er ist ein Mensch. Er ist mein Bruder. Ich kenne keine Feinde, die man schandet, keinen HaB, der noch den Tod beschimpft." (S.367, Z.17-21). Antigone steht fur die Liebe zum Mitmenschen und den Respekt fur den Toten, obwohl Polyneikes ein Feind des Volkes war.

Die Einheit von unterschiedlichen Tendenzen des Expressionismus bestand laut Kotsiaros „in der gemeinsamen ablehnenden Haltung gegenuber einer Gesellschaft, die als in der Krise befindlich, dem Untergang geweiht und der Erneuerung bedurftig betrachtet wurde. In diesem Sinne pragten Vorstellungen, Bilder und Visionen von Verfall, Untergang, Krieg, Weltende und Depression die Kunst des Expressionismus, aber gleichzeitig auch solche von Aufbruch, Revolution, Offenbarung und Gluck."2 Die letzten Vorstellungen sieht man insbesondere in der Rede von Kreon und bei den Junglingen zuruck, wahrend die negativen Visionen vor allem bei den Armen, bei Antigone und spater - nach Antigones Suhne - auch beim Volk zu finden sind. Beim Konig Kreon findet man zuerst das Gefuhl des Gluckes, wie seiner Rede zu entnehmen ist: „Mein Volk! Gewonnen ist der Krieg. Beweint die Toten. Zu neuen Taten rustet euch!" (S.372, Z.13-15). Noch starker ist es unter den Junglingen, bei denen am Anfang der Geschichte ein Gefuhl von Revolution herrschte: „Hort auf mich. Wir sind jung. Manner werden geboren. Wir werden hinausziehn. Der Krieg ist schon." (S.365, Z.12-14). Total unterschiedliche Gefuhle herrschen unter anderem bei den Alten, die sich nach Kreons Rede uber seine Politik beschweren: Die Felder seien nicht bestellt, das Vieh sei obdachlos, die Kinder wurden hungern und die Weiber wurden am Fieber sterben (vgl. S.372, Z.27-34). Nachdem sich Antigone zu der Bestattung von Polyneikes‘ Leiche bekannt hat und Kreon sie zu Tode verurteilt hat, erklart sie sich mit dem Urteil nicht einverstanden: „Halt ein - Wo ist der Geist, der dies Gesetz erfindet? Ich kenne ein Gesetz, noch ungeschrieben, von keinem Herold in die Welt posaunt, so alt wie du und ich: Es heiBt die Liebe." (S.378, Z.32-35). Wo das Volk erst nach dem Krieg den Konig unterstutze, wechselt das Volk jetzt auf die Seite der Antigone und wendet sich jetzt auf gegen die Macht des Konigs.

AbschlieBend lasst sich sagen, dass die Idee des Weltuntergangs und das apokalyptische Erzahlen sehr wohl in der Geschichte vorhanden ist. Alle Figuren in der Geschichte setzen sich mit dem Weltuntergang auseinander. Am Anfang der Geschichte - obwohl auch andere Gefuhle in dieser Analyse beschrieben wurde - konnte bei bestimmten Figuren deutlich die Unzufriedenheit uber die alte Welt, die nach dem Krieg weiter existierte, gezeigt werden. Im funften Akt, nach den Toden, wird eigentlich ein totales gesellschaftliches Durcheinander beschreiben - mit Elementen wie Feuer, Rauchwolken, Asche, usw. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Aus diesen Grunden mochte ich bei der zentralen These dieser Analyse, dass in Walter Hasenclevers Antigone (1917) die (expressionistische) Idee des Weltuntergangs zu finden ist, anschlieBen.

Literaturangabe

Primarliteratur

Hasenclever, Walter: „Antigone". In: Hasenclever, Walter: Samtliche Werke. Bd. II.1: Stucke bis 1924. Bearb. von Annelie Zurhelle und Christoph Brauer. Mainz: von Hase & Koehler 1992, S.362-420.

Sekundarliteratur

Anz, Thomas: Literatur des Expressionismus. Stuttgart: Metzler 2002, S.45f.

Kotsiaros, Konstantinos: Walter Hasenclevers und Bertolt Brechts Bearbeitungen der

Sophokleischen Antigone. Dissertation, Freie Universitat Berlin 2006, S.52. Gesehen auf www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS thesis 000000002244, am 07.02.2015.

[...]


1 Anz 2002, S.45f.

2 Kotsiaros 2006, S.52.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Die expressionistische Idee des Weltuntergangs in "Antigone" von Walter Hasenclever
Hochschule
Radboud Universiteit Nijmegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V1037181
ISBN (eBook)
9783346454317
Sprache
Deutsch
Schlagworte
idee, weltuntergangs, antigone, walter, hasenclever
Arbeit zitieren
Dirk Eismann (Autor), 2015, Die expressionistische Idee des Weltuntergangs in "Antigone" von Walter Hasenclever, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1037181

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