Auf der Suche nach alternativen Verteidigungskonzepten: Gandhis Shanti Sena


Hausarbeit, 2001

11 Seiten, Note: 2.3


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1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit ist die schriftliche Ausführung des vorgetragenen Referats zum Thema nach der Suche nach alternativen Verteidigungskonzepten. Es soll herausgearbeitet werden, inwiefern Mohandas Karamchand Gandhi, der als Mahatma Gandhi durch die indische Unabhängigkeitsbewegung in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts ins Bewusstsein der Menschen über die Grenzen des indischen Subkontinents hinaus gelangte, in der Rolle des Strategen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung wirkte und seine Konzepte Wirkung auf die heutige Gesellschaft erlangten. Zunächst soll kurz auf die Person Gandhis eingegangen werden, die sicherlich kontrovers ist und daher zu Diskussionen Anlass gibt. Anhand der Begriffserklärung der gewaltfreien Philosophie Gandhis wird anschließend eine kurze Erläuterung zu den verschiedenen Aktionsmitteln des gewaltfreien Widerstandes und dem Unterschied zur Nichtzusammenarbeit gegeben. Als zentraler Punkt wird Gandhis Konzept der Shanti Sena, der „Friedensarmee“, behandelt und unter anderem anhand seiner schriftlichen Vorstellungen der Organisation derselben erläutert. Geklärt werden soll auch, inwiefern Gandhi die Vorstellung hatte, die Shanti Sena als Ersatz für Polizei und Militär zu organisieren. Die Realisierung der Shanti Sena als Alternative zur staatlichen Gewaltausübung gelang weder in Indien noch denjenigen, die das Vorhaben als „faszinierend und zukunftsweisend“1 erachteten. Dennoch besann sich die internationale Friedensbewegung auf dieses „große Erbe M. K. Gandhis in dem Konzept der Shanti Sena“.2

Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King äußerte sich über Gandhi dahingehend, dass er sei der erste gewesen sei der „Jesus’ Ethik von der Liebe über eine bloße Wechselwirkung zwischen einzelnen Menschen hinaus zu einer wirksamen sozialen Macht in großen Maßstab erhob“.3 Gandhi gelang die Überwindung der Gegensätze von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, indem er gewaltfrei, im Sinne jesuanischer Ethik handelte. Was eine gewaltfreie Organisation, die hier als Shanti Sena bezeichnet wird, durch ihre Ideologie der Satjagraha gesamtgesellschaftlich für Auswirkungen hat, soll Gegenstand der Erörterung werden.

2. M. K. Gandhis Konzept des gewaltfreien Widerstands

Sicherlich ist es, wie ich eingangs schon erwähnte, wichtig den Lebensweg Mahatma4 Gandhis zu umreißen. Zu einem Menschen gehört unweigerlich seine Geschichte, seine Biographie. Gandhi wurde 1861 als Sohn einer stark religiösen Mutter, die ihn prägte, geboren. Über ein Studium in relativ jungen Jahren in England und seiner Ausbildung als Jurist stellte er seine ersten Überlegungen zur Gewaltfreiheit nicht in Indien an, sondern in Südafrika. Dort lebte er mit seiner Frau Kasturba und ihren Kindern von 1893 bis 1914.5 Die Diskriminierung der Inder als ethnischer Minorität bekam Gandhi dort zu spüren. Er wurde schnell Führer einer Bewegung, die den Kampf um Gleichberechtigung aufnahm. Dabei entwickelte er die Idee des gewaltlosen Widerstandes, die in seinem Konzept des Satjagraha aufging, auf das im weiteren Verlauf noch eingegangen wird. Sein Lebensstil und seine Philosophie wurden von diesen Werdegang stark beeinflusst. Ab 1903 schrieb Gandhi seine sich entwickelnde Ideologie im „Indian Opinion“6 nieder. 1906 gab er seine Anwaltspraxis auf, legte ein Keuschheitsgelübde ab und lebte nur noch für den Dienst an der Sache, der er sich verschrieben hatte.7 Er kehrte zurück nach Indien, als es ihm und seinen Anhängern gelungen war die diskriminierenden Gesetze im Süden Afrikas zu beseitigen. Nach der Rückkehr ging es ihm auch in Indien um die Veränderungen der bestehenden Verhältnisse. Er wollte den Verwaltungsapparat dezentralisieren, ein Bildungssystem für alle einrichten, die niederen Kasten abschaffen, die Kinderheirat beseitigen und vor allem das ländliche Handwerk in dörflichen Einrichtungen wiederbeleben. Hierzu war die Beendigung der Kolonialherrschaft der Engländer die Voraussetzung.

Gandhis „Experimente mit der Wahrheit“, wie er seine Methode nannte, waren der Versuch, Politik und Religion zu einer Lehre zu verbinden. Er war in den angewandten Mitteln und den sich selbst auferlegten Restriktionen unerbittlich.

Seine unbeugsame Willenskraft und seine nahezu übermenschliche Fähigkeit, Leid zu ertragen, ließen ihn vielen seiner Anhänger als „Heiligen“ erscheinen. Er verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis, war oft pausenlos unterwegs, um für seine Ideen zu werben, organisierte dann wieder Kampagnen, die weit über Indien hinaus Aufsehen erregten, so beispielsweise den Salzmarsch 1930.8 Gandhis Prägung, die sicherlich auch durch ihre religiösen und experimentellen Seiten im philosophischen Bereich von Bedeutung ist, soll hier nicht weiter erörtert werden.

Was Gandhi und darauf aufbauend Martin Luther King gelungen ist, nämlich durch Unerschrockenheit für ihre Überzeugung sogar mit ihrem Leben einzutreten, ist ein Fakt, der nicht nur die Herzen vieler Menschen berührte und berührt, sondern darüber hinaus auch seine Unerschütterlichkeit unterstreicht, an Prinzipien festzuhalten. Gandhis Grundsätze und seine Philosophie, die sich im Laufe der Erlangung der Unabhängigkeit Indiens veränderten und herauskristallisierten, beruhen auf einem Begriff, der einer Erklärung bedarf.

3. Begriffsklärung zur gewaltfreien Philosophie Gandhis

Anfänglich ist das dem Sanskrit entnommene Wort Himsa, das mit Gewalt gleichgesetzt werden kann, zu nennen. Es braucht als Teil der menschlichen Erfahrungswelt nicht erst erlernt zu werden. Um „täglicher Gewalt“ entgegenzutreten, bedarf es eines gewaltlosen Handelns - Ahimsa, das mit Gewaltlosigkeit, Gewaltverzicht oder Nichtgewalt (Nonviolance) gleichgesetzt werden kann.9 Unabhängig davon, ob es gelingt, völlig frei von Himsa zu werden, handelt es sich um eine passive Haltung, die durchaus auch in jedermanns Erfahrungswelt existiert. Gandhi meinte, die „absolute Gewaltlosigkeit ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Leben überhaupt“.10

Gandhi versuchte mit dem Kunstwort Satjagraha, auch Satyagraha, ein Wort für ein aktives Handeln zu beschreiben, das nicht allgemeinen Erfahrungsbereich liegt. Satjagraha besteht aus den Sanskritworten Satja, Wahrheit und agraha, Festhalten bzw. Ergreifen ein Wort für aktives Handeln. „Dieses Neuwort, das es zuvor in keiner indischen Sprache gab“11 wurde von ihm im Sinn des gewaltfreien Widerstands verwendet.

Mit Satjagraha, also dem Streben nach oder der Kraft der Wahrheit, die er auch „Kraft der Liebe oder Kraft der Seele“12 genannt hatte, verband er die Kraft Gottes im Menschen.

Satjagraha bedeutet, sowohl mit der Wahrheit als auch für sie zu kämpfen. Natürlich kann Gandhis Auffassung von Wahrheit für sein Gegenüber etwas Gegenteiliges darstellen. Doch Gandhi forderte dazu auf, hierbei Geduld zu üben, die einem Selbstleiden gleichzustellen ist. Satjagraha nahm die Bedeutung von Verteidigung und Rechtfertigung der Wahrheit an: Verteidigung nicht in dem Sinne, dass dem Gegner Leid angetan wird, sondern Leid selbst zu ertragen sei. Gandhi „sprach von Satjagraha, um diese Kraft von der Bewegung zu unterscheiden, die damals in Großbritannien und Südafrika unter dem Namen des passiven Widerstands lief.“13 Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Satjagraha und dem passiven Widerstand zu verdeutlichen, der als Waffe der Schwachen bezeichnet wird. Denn bei Gewaltlosigkeit ist die Anwendung von physischem Druck oder verletzender Gewalt nicht grundsätzlich ausgeschlossen, um ein Ziel zu erreichen. Demgegenüber ist Satjagraha eine Waffe der Stärkeren, bei der die Anwendung von Gewalt in jeder Form ausgeschlossen wird.

Satjagraha verbietet beim Streben nach Wahrheit, dem Gegner Gewalt anzutun. Vielmehr soll er durch Geduld und Mitgefühl von seinem Irrtum abgebracht werden. Voraussetzung dafür ist die Überzeugung von der Richtigkeit der Gewaltlosigkeit. Gewaltfreiheit und gewaltfreier Widerstand fördern die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen und den Respekt vor Andersdenkenden. Individualismus wächst im positiven Sinn. So sind Wesenselemente der Entwicklung gewaltfreier Macht interne Kritik und das Eingestehen von Fehlern. Gewaltfreiheit schließt einen Konflikt nicht aus, sie ist aber als Mittel zur Überwindung des Kampfes zu begreifen. Satjagraha kann ohne vorherige Billigung der Gegner angewandt werden. Sie besitzt Gandhi zufolge gerade dann die größte Ausstrahlungskraft, wenn der Gegner Widerstand leistet. Deshalb sei Satjagraha unwiderstehlich.

4. Ziviler Ungehorsam vs. „Nichtzusammenarbeit“

Nichtzusammenarbeit, noncooperation, bezieht sich auf Aktivitäten, die nicht erzwungen oder erwartet werden. Ihre Steigerung ist das bewusste Überschreiten von Grenzen, meist Gesetzen, was als Ziviler Ungehorsam bezeichnet wird. Dafür ist der bereits erwähnte Salzmarsch von 1930 ein Beispiel.

Dabei spielt das politische System eine bedeutende Rolle. In einer Demokratie wird noncooperation anders aufgefasst und behandelt als beispielsweise in einer Diktatur. In letzterer würde eine Nichtzusammenarbeit wohl eher als eine „political defiance“14, also politische Trotzhaltung, gewertet werden und natürlich rigidere Reaktionen hervorrufen.

Gewaltfreie Aktionen sind Streiks, Boykotte und gewaltfreie Interventionen, also so genannte Go-ins, Sit- ins, Fastenaktionen, aber auch Hungerstreiks. Doch schon ein Training in Konfliktvermeidung kann als eine gewaltfreie Aktion ausgelegt werden. Manche Aktionen sind kleine Schritte, die öffentlich nicht registriert werden. Doch in ihrer härtesten Ahndung ist auch mit einer Festnahme oder Haftstrafe durch die Machthaber des Systems zu rechnen. So hat Gandhi selber insgesamt „fünf Jahre und sieben Monate seines Lebens hinter Gittern verbracht“.15

Ziviler Ungehorsam und noncooperation wurde nicht von Gandhi entdeckt, sind aber von ihm weiterentwickelt worden. Neu an Gandhis Zivilen Ungehorsams war die Notwendigkeit, durch konstruktive Aktionen für Alternativen sorgen zu müssen. Eine Nichtzusammenarbeit ohne Alternative, für die es einzutreten gilt, bewirkt keine nutzvolle Veränderung. Gandhi sah den Vorteil der Verbindung von Zivilem Ungehorsam mit einem Programm der Konstruktiven Aktion darin, dass die Macht des Herrschers oder der Herrschenden nicht auf Gewalt beruht, sondern auf „freiwilliger Unterwerfung“ des Volkes. Um Zugeständnisse oder einen Machtverzicht gewaltfrei zu erzwingen, hat die Bevölkerung durch eine Kampagne der Nichtzusammenarbeit den Herrschern ihre Abhängigkeit vom Volk zu verdeutlichen. Dafür muss Einsicht bei allen Aktivisten der Kampagne bestehen. Ein Zusammenhalten ist notwendig im Hinblick auf die Abwehr von Verlockungen durch persönliche Annehmlichkeiten, wie zum Beispiel Bestechung. Umsetzbar ist es durch das Aufzeigen von konstruktiven Programmen und Maßnahmen oder gemeinsamer Ziele. „Ziviler Ungehorsam ohne Programm sei bloßes Abenteurertum und schlimmer als nutzlos“, er wird sogar mit einer „Martyriumsgeilheit“ verglichen.16

5. Gandhis Konzepte der Shanti Sena und ihrer Realisierung

Gandhi entwarf mit dem Konzept der Shanti Sena, eine Friedensarmee, die anstelle von Militär und Polizei im unabhängigen Indien geeignet wäre, das Gewaltmonopol des Staates zu verwalten. Zunächst fallen zwei Dinge ins Auge. Zum einen fragt sich, wie eine Organisation oder Bewegung, die aktiv gegen Gewalt einwirken soll Armee genannt werden kann. Zum anderen stellt sich die Frage, ob es möglich ist das Gewaltmonopol, das der Staatsrechtslehre zufolge in einer Demokratie immer beim Staat liegen muss, einer Organisation zu überlassen. Die Umsetzung der Idee fand bis zu Gandhis Tod 1948 nicht statt. Im Gegenteil, die Bemühung eines gemeinsamen Aufbaus der gewaltfreien Friedensbrigade aus Muslimen und Hindus wurde durch die katastrophale Teilung Britisch Indiens in die Staaten Indien und Pakistan unterbrochen, wobei es während dieser Teilung zu mindestens einer Million Toter und über sieben Millionen Vertriebener kam. Einen ersten lokalen Einsatz mit dem Ziel der Deeskalation gab es in den fünfziger Jahren.17 Die Shanti Sena, die als ein „Auftrag in der Art eines politischen Testaments“18 Gandhis bezeichnet wird, wurde als eine zwar streitbare jedoch nicht bewaffnete Organisation konzipiert. Die Bezeichnung Armee (Hindi: Sena) für diese Organisation ist zwar nicht allzu gelungen, hat sich aber „glücklicherweise unmissverständlich etabliert“.19 Das Gewaltmonopol des Staates, so schrieb Gandhi am 17.3.1946 in der von ihm veröffentlichten Zeitschrift Haridschan20, sei im Gegensatz zu der von ihm erhofften Organisation den Bewaffneten zwangsweise auferlegt. Die Satjagraha-Brigaden rekrutieren sich jedoch nur aus solchen Akteuren, die gewaltfreie Konfliktvermeidung im Sinne der Satjagraha praktizieren. Zur bestmöglichen Kommunikation untereinander dient das gegenseitige Kennenlernen als „Grundvoraussetzung“.21 Diese bewirkt ein solidarisches Handeln einer Gruppe, das sicherlich effektiver ist als „widersprüchliche, gut gemeinte Aktionen einzelner.“22

Gandhi versuchte das staatliche Machtmonopol zu dezentralisieren. Er plante Verantwortung durch Selbstständigkeit auf Einzelne oder auf Gruppen zu erreichen. Bürger und Bürgerinnen können „selbst für ihre Sicherheit und das Gelten demokratischer Spielregeln sorgen“.23 Dies ist sicherlich auch ein bedeutender Aspekt bei der Frage nach Willensbildung innerhalb einer Gesellschaft. Die Gewaltfreiheit mit ihren Methoden der Stärkung von Eigenverantwortung, dem Respekt vor Andersdenkenden, das Erlernen innerhalb der Gruppe mit Fehlern und Kritik umzugehen und sie einzugestehen „sind Wesenselemente der Entwicklung gewaltfreier Macht von Unten“24.

Es ist also davon auszugehen, dass sich Gewaltfreiheit auf jedes politische System auswirkt. Getreu dem „Prinzip der Öffentlichkeit“25 darf es sich nicht um eine Geheimorganisation handeln. Annähernd an das Rätesystem angelehnt26, spielte die Vorstellung von einer nachbarschaftlichen Organisation und Integration eine Rolle.27 Der einzelne, gewaltfreie Akteur innerhalb der Sena wird als Satayagrahis28 bezeichnet. Das Ziel dieser gewaltfreien Friedensbrigade ist es zwischen die streitenden Fronten zu treten und durch eine gewaltfreie Arbeit deeskalierend zu wirken. Wichtig ist auch hierbei die Forderung im Sinne der Satjagraha, dass „die Gewinnung des Gegners, durch Leiden in der eigenen Person“29 zu erfolgen hat. Ein Unterschied zwischen der gewaltfreien Armee und einer herkömmlichen besteht, Gandhi zufolge, in ihrem Nutzen und ihrer unermüdlichen Arbeit gerade in Friedenszeiten. Die Satayagrahis sollen sich seiner Auffassung nach damit beschäftigen jeder Art von Aufruhr den Boden zu entziehen, Friedenspropaganda zu verbreiten, bereits kriegführende Gemeinschaften zusammenzuführen und sich im Sinne einer Kontaktaufnahme mit ihrem Umfeld, „ihrer Gemeinde“30 zu arrangieren. Wer an die Wahrheit glaubt ist der Praxis der Gewaltlosigkeit nahe.

April Carter, die Friedensaktivistin aus England, meint in Bezug auf die gewaltfreien Methoden, sie „können von einem passiven Widerständler, der sich zu einem gewaltfreien Vorgehen entschließt, (..) ebenso angewandt werden, wie von einem Satyagrahi, der an Gewaltfreiheit als Lebensstil glaubt, aber auch von anderen, deren Position zwischen diesen beiden Extremen liegt.“31 Doch für die Organisation im Sinn der Satjagraha besteht ein enger Zusammenhang zwischen Wahrheit und Liebe: „Liebe ist der Weg, Wahrheit das Ziel. Es gibt keinen Weg zur Wahrheit außer durch Liebe.“32 Zudem hält Gandhi als einzigen Schutz für die Mitglieder der Organisation einen bedingungslosen Glauben an Gott für erforderlich.33

Ferner zeichnet den Satyagrahi - so Gandhi- aus, dass Charakter oder die Seelenkraft als Vorrangig erachtet werden muss. Im Gegensatz zu einer freiwilligen Gruppe, die bei Disziplinverstößen Zwang anwendet ist Gandhi zufolge körperliche Tüchtigkeit als nachrangig anzusehen. Da nur wenige Menschen diese Kriterien erfüllen konzipierte der Mahatma gewaltfreie Gruppen als kleine Einheit zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit.34

Die Vorstellung Gandhis von „Peace Brigades“, die er „erstmals 1938“35 darlegte und seinen Schlussfolgerungen aus den „Straßenunruhen in Bombay 1922“36 folgte, wurden 1957 von seinem Schüler Vinoba Bhave mit der Gründung der Shanti Sena umgesetzt.

Aus den erfolgreichen Tätigkeiten der Gruppe im Hinblick auf Vermittlung, Aufklärung, Gewaltfreiheit und Versöhnungsarbeit bei Straßenunruhen zwischen Hindus und Moslems, wurde Gandhis Idee erstmals in die Tat umgesetzt.

Diese Entwicklung weckte internationale Aufmerksamkeit. Dies führte Anfang der sechziger Jahre37 zur Gründung einer „World Peace Brigades“.38 Nicht zuletzt durch die Vorlage der Denkschriften über das Konzept Gandhis Shanti Sena zehn Jahre nach dessen Tod und der Reise Asha Devi Aryanayakams „1958 durch mehrere europäische Länder, wo sie das Konzept bekannt machen wollte“39, wurde der Gedanke verbreitet, dass „Frieden nicht mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg“.40

6. Schlußteil

Aus heutiger Sicht enthalten die Konzepte Gandhis Mängel, die sicherlich nicht nur auf zeitlich bedingte Veränderung beruhen. Es kann davon ausgegangen werden, dass der „große Mahatma“ sich mit seiner Ideologie auch den „modernen“ und mindestens ebenso zerstörischen Kriegen entgegenstellen würde. In einer Gesellschaft, die durch eine gewaltfreie Macht von unten geprägt ist, wäre sicherlich kaum anzunehmen, dass Handelskriege geführt werden würden. Dies gilt in noch größeren Maße für mit nuklearen Massenvernichtungswaffen geführte Kriege, die das Zeitalter beendeten „in dem der Krieg ein legitimes und einigermaßen rational kalkulierbares Mittel der Politik sein konnte [sondern auch] der Aufgabe, den Frieden zu erhalten, eine historische neue Dimension verliehen“41. Wie bereits dargelegt stellen sich Auswirkungen durch Dezentralisierung im Sinne Gandhis auf die Gesellschaft dar.

Vielmehr scheint das Problem zur Umsetzung der Konzepte Gandhis das Unvermögen der Gesellschaft zu sein Gewaltfreiheit zu praktizieren. Als Beispiel für dieses Unvermögen stehen die geschichtlichen Folgen der Reaktionen der Bevölkerung auf das britische Massaker an Unbewaffneten 1919 in Amritsar. Damals suspendierte Gandhi den bürgerlichen Ungehorsam“ - der Satyagrahis mit den Worten „einen Fehler von der Größe des Himalaya gemacht zu haben“42. Dieses Problem wird durch Arundati Roy in ihrem Buch Das Ende der Illusionen in ähnlicher Weise beschrieben. Sie beschreibt dies als „Kampf der modernen, rationalen progressiven Kräfte des „Fortschritts“ gegen eine Art moderner Maschinenstürmer - einen irrationalen, emotionalen, fortschrittsfeindlichen Wiederstand, genährt vom Traum einer vorindustriellen Idylle“43. Zugespitzt zeichnet die Autorin Gandhis Moral als eine nährende, mütterlich verklärten Dorfrepubliken. Dies wäre wunderbar „wenn wir nur bessere Menschen wären“44. Diesem Ziel haben wir Menschen uns A. Roys zufolge nicht einmal genähert. Ob das wirklich einen Ruf nach neuen Konzepten „gegen unser niederen Triebe“ nach sich zieht will ich bezweifeln. Das durch Gandhi in der indischen Verfassung etablierte System der kommunalen Selbstverwaltung, dem System der Panchayats, würden hierzu Lande sicherlich vielen dem Bedürfnis vieler Menschen nach einer bürgernäheren Gesellschaft entgegenkommen. Auch unter dem Aspekt der Kostenbelastung wäre eine Realisierung des Konzepts der Shanti Sena in Verbindung mit einer Grundausbildung der Bevölkerung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung eine attraktive Alternative zur derzeitigen Bundeswehr. Die Realisierung eines solchen Projekts ist weitaus preiswerter als die bisherige Militärausbildung.

Es ist deshalb meiner Auffassung nach als Herrausforderung aufzufassen von Gandhi zu lernen, anstatt ihn einfach zu imitieren.

Literatur:

Carter, April: Direkte Aktion, Leitfaden für den Gewaltfreien Wiederstand, (engl. Originaltitel: „Peace News“) 3.Auflage, Berlin 1983.

Ebert, Theodor: Ziviler Friedensdienst Alternative zum Militär, Grundausbildung im gewaltfreien Handeln, Münster 1997.

Ebert, Theodor: Unveröffentlichte Texte (Ebert - Skript), Berlin 1997.

Sprenger, Dirk in: Peace Brigades International, Nonviolence in Action, Politische Vierteljahresschrift, Friedens- statt Militäreinsätze Freiwillige Friedensdienste im Aufwind (Hrsg. Pax Christi - Deutsches Sekretariat) 2-3/1994.

Roy, Arundhati: Das Ende der Illusion, (engl. Originaltitel: The Cost of Living), München 1999.

Rothermund, Dietmar: Mahatma Gandhi, Der Revolutionär der Gewaltlosigkeit eine politische Biographie, München 1989.

Sternstein, Wolfgang: Übersetzung und Nachwort von Gandhi, Mahatma: Für Pazifisten, Bharatan Kumarappa. / Mahatma Gandhi, Münster 1996.

Wasmuht, Ulrike C. in: Sonderband der Gewaltfreien Aktion, Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit, Heft 111/112, 29.Jahrgang - 1.2.Quartal 1997.

[...]


1 Ebert, T. 1997: Seite 25.

2 Ebenda.

3 Ebert, T. 1997: Seite 288 und W. Sternstein 1996, Seite 110.

4 Übersetzung: Große Seele

5 Rothermund, D.: Seite15 - 82.

6 Der ersten Schrift in der Gandhi seine Ideen vom Satjagraha publizierte (vergl. Rothermund, Seite 63.)

7 Rothermund, D.: Seite 54.

8 Anm.: Am Ende des Marsches hob Gandhi bei Dandi an der Küste des Arabischen Meeres eine Handvoll Meersalz auf um gegen die Salzsteuer der britischen Kolonialherren zu protestieren und verstießdadurch gegen die bestehenden Gesetze.

9 vergl. Sternstein, W.: Seite 106.

10 Sternstein W.: Seite 107.

11 Rothermund, D.: Seite 58.

12 M. K. Gandhi: Satjagraha. Aus dem Bericht der Kongress-Partei über die Unruhen im Punjab. In: M.K. Gandhis Collected Works, Vol. XVII, S. 151-157. Zitiert nach: Gewaltfreie Aktion, Heft 57 / 58, 3.+4. Quartal 1983, S. 23 ff., Auszüge unter: http://www.friedenspaedagogik.de/frieden/gewaltfr/personen/perso_04.htm, download am 16.6.2001.

13 Ebenda.

14 vergl. Ebert- Skript: Seite 41. Gene Sharp sprach im Zusammenhang von allen Handlungen die erkennen lassen das man sich von der Politik der Herrschenden zu distanzieren versucht.

15 Rothermund, D.: Seite 382.

16 T. Ebert- Skript, Seite 94

17 http://www.dfg-vk.de/diskussion/zivil02.htm, download am 17.6.2001

18 T. Ebert- Skript, Seite 46.

19 Ebd. Seite 47.

20 Sternstein, W.: Seite 29.

21 Sternstein, W.: Seite 31: „Die Mitglieder müssen einander gut kennen“.

22 T. Ebert- Skript, Seite 58.

23 Ebd.: Seite 49.

24 Ebd.: Seite 36. Martin Luther King bezeichnete es als „power from below“.

25 „Geheimorganisationen provozieren auch Versuche, von Seiten des gewalttätigen politischen Gegners mit Foltermethoden die geheimen Informationen herauszupressen“, vergleiche: Ebert- Skript, Seite 96.

26 vergl. Sternstein, W.: Seite 31.

27 Ebert- Skript, Seite 106.

28 Ebd.: Seite 46.

29 Sternstein, W.: Seite 108.

30 Sternstein, W.: Seite 28.

31 Carter, A.: Seite 11.

32 Sternstein, W.: Seite 111.

33 Haridschan, 5.5.1946 in Sternstein, W.: Seite 31.

34 Ebd.: Seite 32.

35 http://www.iwif.de/wf400-30.htm, download am 17.6.2001

36 Sprenger, D.: Seite 64.

37 Sprenger, D.: Seite 64.

38 Anm.: Die „World Peace Brigades“, die 1962 in Beirut von den „War Resisters International“ und dem „Internationalen Versöhnungsbund“ mitbegründeten wurden hatten einige beachtliche Erfolge vorzuweisen. So gelang es ihnen in 1964, einen Waffenstillstand in Nagaland (Nord-Indien) zwischen Aufständischen und der Zentralregierung auszuhandeln und zu überwachen. In 1972/73 begleitete eine Freiwilligengruppe während der Zypernkrise die Wiederansiedlung türkisch-zypriotischer Flüchtlinge. Der lose Bund war bis in die 70er-Jahre aktiv und wurde in China, Indien, Sambia und Zypern tätig. Die Hilfe bei der Repatriierung von Flüchtlingen durch ca. 20 Freiwillige im Zypernkonflikt kann dabei als direkter Ausgangspunkt der internationalen Flüchtlingsbegleitung gesehen werden. Die mehrere tausend Personen starke Organisation übernahm Vermittlerfunktionen, wirkte mit einer unabhängigen und verlässlichen Informationspolitik Gerüchten entgegen und half bei Wiederaufbau- und Versöhnungsprojekten. Quelle: http://www.iwif.de/wf400-30.htm, download am 17.6.2001.

39 Wasmuht, U. C.: Seite 22.

40 Sprenger, D.: Seite 64.

41 Wette, W.: Seite 86.

42 Am 18.4.1919 laut: Rothermund, D.: Seite 111.

36 Roy, A., Seite 18-19.

44 Ebd., Seite 20.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach alternativen Verteidigungskonzepten: Gandhis Shanti Sena
Note
2.3
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V103724
Dateigröße
358 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literaturliste ist nicht perfekt, aber hilft!
Schlagworte
Suche, Verteidigungskonzepten, Gandhis, Shanti, Sena
Arbeit zitieren
Christoph Sprung (Autor), 2001, Auf der Suche nach alternativen Verteidigungskonzepten: Gandhis Shanti Sena, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103724

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