Das Leben und die Karriere der Marie Curie


Bachelorarbeit, 2000

16 Seiten, Note: 1,0


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Gliederung:

I. Die wissenschaftliche Bedeutung Marie Curies

II. Ihr Weg zum Studium
2.1 Maries Kindheit und Elternhaus
2.2 Jugendzeit
2.3 Erste berufliche „Gehversuche“

III. Ihre wissenschaftliche Karriere
3.1 Studium an der Sorbonne
3.2 Zusammenarbeit mit Pierre Curie
3.3 Der erste Nobelpreis
3.4 Maries Professur
3.5 Der zweite Nobelpreis
3.6 Erfüllung durch Arbeit
3.7 Das Ende - Krankheit und Tod Maries

IV. Die Stellung der Frau aus damaliger und heutiger Sicht
4.1 Das kaiserliche Gymnasium
4.2 Solidarität zweier Schwestern
4.3 Verleihung der Nobelpreise
4.4 Die Pariser Akademie der Wissenschaften
4.5 Heutige Würdigung in der Literatur

V. Irène und Eve: Marie und ihre Töchter

VI. Marie Curie - Rebellin oder „moderne Frau“?

VII. Zusammenfassung

I. Die Wissenschaftliche Bedeutung Marie Curies

Mit dem Namen Marie Curie verbindet man zuerst den Nobelpreis, den sie 1903 mit ihrem Mann Pierre für die Entdeckung der Elemente Polonium und Radium erhielt.

Doch hinter diesem Namen verbirgt sich viel mehr, nämlich eine Frau, die sich unter schwierigen Bedingungen ein Studium in einem fremden Land er- möglichte, die in die Männerdomäne der Naturwissenschaften einbrach und als erste Frau einen Nobelpreis bekam, danach sogar einen zweiten für die Isolie- rung von zwei neuen Elementen, und als erste Frau an der Pariser Universität als außerordentliche, später sogar ordentliche Professorin angestellt wurde.

Gemeinsam mit ihrem Mann erhielt sie die Davy-Medaille, die höchste Auszeichnung Englands für Wissenschaftler. Sie definierte einen internationa- len Radium-Standard mit der Einheit Curie. Auf Maries Betreiben hin wurde unter ihrer Leitung in Paris das erste Radium-Institut gegründet, später auch eines in Warschau.

Im ersten Weltkrieg bildete sie unter Mithilfe ihrer Tochter über 150 Ra- diologen für die praktische Hilfe im Lazarett aus und kümmerte sich um Kon- struktion und Bau von mehr als 20 immobilen und 200 mobilen Röntgen- geräten.

Ihr zu Ehren wurde die „Fondation Curie“ gegründet, um die CurieTherapie zur Krebsbekämpfung weiter zu entwickeln.

Ihre zahlreichen Veröffentlichungen sind noch heute Standard-Lektüre für Physiker. Durch Mitarbeit in zahlreichen internationalen Organisationen förderte sie die Verbreitung von Wissen und Wissenschaft.

II. Ihr Weg zum Studium

2.1 Maries Kindheit und Elternhaus

Maries Mutter Bronislawa Sklodowska , geb. Boguska, leitete ein Mäd- chenpensionat, welches sie nach Maries Geburt aber aufgeben musste, um in eine größere, weit entfernte Wohnung zu ziehen. Während ihrer letzten Schwangerschaft infizierte sie sich mit Tuberkulose, die damals unheilbar war, obwohl Bronislawa viele Ärzte konsultierte und mehrere Kuren unternahm. Aus Ansteckungsgefahr vermied sie jegliche Zärtlichkeiten mit ihren Kindern.

Maries Vater, Wladislaw Sklodowska, entstammte dem gebildeten Land- adel, studierte in St. Petersburg Physik und Mathe und lehrte diese Fächer dann an einem Jungengymnasium und wurde später sogar Professor.

Die Ehe war zwar harmonisch, aber häufig durch Krankheit und finanziel-len Schwierigkeiten, die eine große Familie mit sich bringt, überla-gert. Es wurde in dieser ernsthaften, hochgebildeten Umgebung wenig gelacht.

Die sechsköpfige Familie lebte in der oberen Etage des Mädchenpensio-nats, bis am 7. November 1867 Maria Salomee Sklodowska als letztes von fünf Kindern nach Sofia, Bronislawa, Helena und Josef in Warschau, Polen zur Welt kam. Mit ihrer Geburt wurde die Wohnung über dem Mädchenpensionat zu klein: Maries Leben begann mit einem Umzug.

Marie wurde als scheu, schüchtern und zurückhaltend beschrieben. Ihr Leben lang sollte sie Probleme gehabt haben, Kontakte zu knüpfen, was vermutlich aus dem zwar liebevollen, aber berührungsarmen Verhältnis zu ihrer Mutter resultierte.

Schon in jungen Jahren zeigte sich Maries Hochbegabung. Ihre ältere Schwester Bronislawa lernte in der Schule lesen und schreiben und wollte zu Hause Schule spielen, wobei Marie die Schülerin darstellte: Marie lernte lesen und schreiben. Als Bronislawa ihren Eltern ganz stolz stockend ein paar Worte aus einem Buch vorlesen wollte, nahm Marie genervt ihrer älteren Schwester das Buch aus der Hand und las schnell und flüssig die ersten Absätze vor: mit vier Jahren.

1873, Marie war sechs Jahre alt, verlor Wladislaw seine Arbeitsstelle und damit auch die Dienstwohnung. Da Polen damals unter russischer Fremdherrschaft stand, konnte sein russischer Vorgesetzter nach jahrelangen Unstimmigkeiten seine Entlassung aus diesem Amt erwirken. Viele Umzüge folgten, bis eine Wohnung gefunden wurde, in der Wladislaw ein Jungen-Pensionat mit zehn Schülern einrichten konnte, bei dem nicht viele Rück-zugsmöglichkeiten für die eigenen Kinder bestanden, Marie flüchtete sich in ihre Bücher und entwickelte hohe Konzentrationsfähigkeit. Ihr zu Hause war ein Pensionat: sie wuchs in der Atmosphäre ständigen Lernens auf.

Als Marie acht Jahre alt wurde, erkrankten ihre Schwestern Bronia und Sofia an Typhus, Sofia verstarb. Zwei Jahre später verlor Marie auch noch ihre Mutter, die der Tuberkulose erlag. Marie wurde noch stiller und verkroch sich hinter Büchern, ein Weg aus der für sie tristen Wirklichkeit.

2.2 Jugendzeit

Sie liebte die Schule und das schon fast verbissene Lernen. Schnell hob sie sich mit ihren Leistungen von ihren Klassenkameradinnen ab.

Sehr früh beschloss sie, sich durch einen Schulwechsel zu einem kaiserli-chen Gymnasium die Option eines Auslandsstudiums offen zu halten. Die hei-mischen Universitäten waren Frauen verschlossen.

Mit fünfzehn bekamen sie ihr Abschlusszeugnis, wie schon zwei ihrer Geschwister wurde sie mit einer goldenen Medaille für die jahrgangsbeste Leistung ausgezeichnet Sie hatte in allen Fächern die beste Note.

Gemeinsam mit Bronia begann sie, Nachhilfestunden zu geben.

Nebenbei besuchten sie die „Fliegende Universität“. Diese polnische Einrichtung stand auch Frauen offen und war illegal. Die überwiegend weib-lich besetzte Gruppe traf sich in Privatwohnungen. Durch die hier geführten Diskussionen erhielt Marie die Prägung, dass an Stelle von blutigen Auf-ständen und sporadischen Terroraktionen der Aufbau eines geistigen Potentials als Triebfeder zur Veränderung treten solle:

Wissenschaft statt Krieg.

2.3 Erste berufliche Gehversuche

Um ihrer Schwester ein Medizinstudium an der Sorbonne in Paris zu finanzieren, nahm die siebzehnjährige Marie ab Oktober 1885 eine Stelle als Gouvernante in einer Juristenfamilie in Warschau an. Sie hasste diese Arbeitsstelle und wechselte nach sechs Monaten zu einem Gut einer neunköpfigen Familie auf dem Lande. Marie musste sehr viel und hart arbeiten, so dass ihr wenig Zeit für eigene Studien blieb.

Gemeinsam mit der ältesten Tochter eröffnete sie in ihrem eigenen kleinen Zimmer eine „Schulklasse“, in der sie unentgeltlich erst zehn, später achtzehn einheimische Kinder in polnischer Sprache und Schrift unterrichtete.

Im Sommer verliebte sich Marie in den ältesten Sohn ihrer Arbeitgeberfamilie, Student der Naturwissenschaften, und er sich ebenso schnell in die hübsche und intellektuell ebenbürtige Marie, doch seine Eltern lehnten eine Heirat aus Standesgründen ab.

Im Frühjahr 1889 lief der Dienstvertrag aus, Marie ging wieder nach War- schau. Dort konnte sie zwar weniger verdienen, aber inzwischen war es ihrem Vater möglich, Bronias Studium zu unterstützen und Marie konnte jetzt endlich für ihr eigenes Studium sparen. Sie nahm wieder Kontakt auf zur „Fliegenden Universität“, gab zusätzlich Nachhilfestunden und sparte eisern.

Durch einen Vetter erhielt sie illegalen Unterricht in Physik und Chemie. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam sie die Möglichkeit, in einem kleinen Labor einfache physikalische und chemische Versuche durchzuführen: Ihr Drang nach Verständnis, Wissen und experimenteller Forschung wurde ge- weckt.

III. Ihre wissenschaftliche Karriere

3.1 Studium an der Sorbonne

Die ersten sechs Monate lebte Marie bei ihrer Schwester und deren polnischem Mann, ebenfalls Mediziner. Sie hatten zwar kaum Geld, aber dafür boten sie Marie ein gemütliches, fröhliches Heim. Viele polnische Studenten gingen hier ein und aus und erleichterten Marie durch „ein bisschen Heimat“ den Einstieg in die fremde Stadt.

Am 3.11.1891 besuchte Marie, die sich auf den Namen Marie Sklodowska für Physik immatrikuliert hatte, ihre erste Vorlesung. Sie betrat eine neue Welt: die Professoren trugen Frack, sie erhielt ihren eigenen Physik-Laborplatz und durfte unter 23 Professoren ihre Lehrer auswählen.

Schnell musste sie erkennen, dass ihre Kenntnisse trotz ihrer auto- didaktischen Studien weit hinter dem Wissensstand der französischen Studen- ten zurücklagen, hinzu kamen noch ihre anfänglichen Sprachschwierigkeiten. Durch viel Fleißund Ehrgeiz holte sie aber schnell auf. Ihre praktischen Fer- tigkeiten aus dem polnischen Labor waren ihr von großem Vorteil, und sie be- kam von ihrem Professor kleine Forschungsaufgaben zugewiesen.

Ihre persönlichen Kontakte beschränkten sich auf hochwissenschaftliche, von Männern dominierte Kreise und spätere Nobelpreisträger.

Nach den ersten sechs Monaten zog Marie in eine kleine Dachkammer um. Sie ernährte sich sehr schlecht, weniger aus Geldmangel als aus Desinteresse. Durch die gleichzeitige Überarbeitung bekam sie häufig Schwindelanfälle. Als Bronia davon erfuhr, holte sie Marie sofort zu sich nach Hause.

Marie hatte hochgesteckte Ziele: sie wollte nicht nur Physik, sondern da- nach auch noch Mathe studieren. Um von der Warschauer Studienstiftung un- terstützt zu werden, musste Marie also überdurchschnittlich abschneiden: als Beste von 30 Studenten erhielt sie das Stipendium.

Um die Physik nicht vollständig aus den Augen zu verlieren, nahm Marie Forschungsaufträge der „Gesellschaft zur Förderung der Nationalen Industrie“ an und untersuchte die magnetischen Eigenschaften verschiedener Metalle. Der ihr im Laboratorium zugeteilte Platz reichte dafür nicht aus und sie bemühte sich im Jahre 1894 um Ersatz. Ein Landsmann und Physikprofessor stellte sie deswegen einem französischen Wissenschaftler vor, der an der „Schule für Industrielle Physik und Chemie“ unterrichtete und Laboratoriumsleiter war: Pierre Curie.

3.2 Zusammenarbeit mit Pierre Curie

Pierre, als Sohn eines Arztes am 15. Mai 1859 geboren, machte mit sechzehn Abitur und absolvierte mit achtzehn ein Physikstudium an der Sorbonne. Mit neunzehn nahm er seine erste universitäre Assistentenstelle an , leitete ca. fünf Jahre Seminare an der „Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät“. Nebenbei forschte er mit seinem Bruder und sie machten einige weitreichende Entdeckungen, die noch heute nach ihnen benannt sind.

Während ihrer wissenschaftlichen Arbeiten lernten sich Marie und Pierre kennen. Er stellte sie seinen Eltern vor, sie lud ihn zu sich auf das Studenten- zimmer ein.

Durch Ernennung zum Professor verdoppelte sich sein Gehalt. Er wäre in der Lage gewesen, Marie zu versorgen. Sie lehnte seinen Heiratsantrag trotz- dem ab.

Sie kehrte im Herbst 1894 nach Polen zurück, fand dort aber keine Anstellung. Um zusätzliche Qualifikationen zu erwerben, ging sie wieder an die Sorbonne und nahm ihre Arbeit im Laboratorium wieder auf.

Nach acht Monaten, am 26. Juli 1895, heirateten sie. Die Feier war schlicht, sie tauschten keine Ringe und ihre Hochzeitsreise war eine Fahrradtour durch Frankreich und der Besuch bei seinen Eltern.

Es wurde Marie gestattet, in Pierres Labor mitzuarbeiten. Sie forschte über die „Veränderung der magnetischen Eigenschaften einiger Stahlsorten bei un- terschiedlichen Temperaturen“, ihr Ehemann war gleichzeitig Ratgeber und Gesprächspartner. Er forschte inzwischen auf seinem Spezialgebiet über „Wachstum von Kristallen“.

Die Ehe verlief sehr glücklich. Sie arbeiteten viel im Labor und ihr gemeinsamer Forschungsdrang und gleichzeitige Naturverbundenheit schweißte sie zu einem guten Team zusammen. Ihre Wohnung war schlicht, aber zweckmäßig eingerichtet als Ort zum gelegentlichen Essen und Schlafen, meistens hielten sie sich entweder im Labor oder in der freien Natur auf.

Bei den Prüfungen zu ihren Zusatzqualifikationen schloss sie wie immer als Beste ab.

Marie bekam am 12. September 1897 mit dreißig Jahren, für damalige Verhältnisse sehr spät, ihre erste Tochter Irène.

Maries nächstes Ziel war der Doktortitel, den sie 1903 mit der Auszeichnung „très honorable“ für ihre Dissertationsschrift „Forschung über radioaktive Substanzen“ erhielt.

3.3 Der erste Nobelpreis

Während Röntgen die x-Strahlen, wie er sie nannte, künstlich durch Anregung von Materie erzeugt hatte, entdeckte Becquerel natürliche, von sich aus aktive Strahlungsquellen, die Salze des Schwermetalls Uran. Als Ausgangsmaterial für ihre Dissertationsschrift standen Marie acht Aufzeichnungen zur Verfügung von Henri Becquerel.

Pierre unterstützte Marie, wo er nur konnte und organisierte einen Ort zum Durchführen der Experimente: Eine verglaste Arbeitstätte im Erdgeschoss einer Schule, die ursprünglich als Lager und Maschinensaal diente. Marie konnte die technischen Mängel durch ihr Organisationstalent kompensieren, aber gegen Wind und Wetter war sie machtlos.

Während ihrer Forschungen stießsie bei den Metallverbindungen „Pech- blende“ und „Chalkolith“ auf eine überhöhte Strahlungsintensität.

In ihren eigenen Veröffentlichungen benutzte sie 1898 zum ersten Mal den Begriff „Radioaktivität“ und schlug vor, das von ihr entdeckte Element „Polo-nium“ zu nennen.

Nach der Isolation des neuen Elementes von der Pechblende war immer noch andauernde Strahlung, Pierre und Marie kamen zu der Ansicht, ein weiteres Element entdeckt zu haben: Radium.

Im Sommerurlaub 1898 klagten Marie und Pierre das erste Mal über schnelle Ermüdung, Rheumabeschwerden und entzündete Fingerspitzen, die beginnende Strahlenkrankheit.

Die Curies hatten ihr ganzes Leben der Wissenschaft untergeordnet, sie besuchten weder Theater noch Konzert, selbst alltägliche Dinge wie Nahrungsaufnahme wurden im Labor nebenbei erledigt. Der Freundeskreis bestand nur aus Wissenschaftlern, mit denen sie am liebsten über Radioaktivität diskutierten, das einzige Thema, bei dem Marie ihre Schüchternheit verlor und eifrig und gleichberechtigt mitdiskutierte.

Die Curies erhielten Anstellung bei der Zentralgesellschaft chemischer Produkte, um in industriellem Maßstab Radium zu isolieren. Sie nahmen die große Arbeitserleichterung gern an. Um ihre Forschung nicht zu unterbrechen oder herauszuzögern, lehnte Pierre einen Ruf für Physik an die Genfer Univer- sität ab, obwohl das ein Ende aller finanzielle Sorgen und schlechter Labors bedeutet hätte.

Als Marie wieder schwanger wurde, hätte sie wegen ihrer schlechten körperlichen Verfassung unbedingt eine Ruhepause gebraucht, die sie sich aber nicht gönnte. Wenige Monate später hatte sie eine Fehlgeburt, für die sie sich heftige Selbstvorwürfe machte.

1903 erhielten Pierre und Marie die Davy-Medaille, die höchste Auszeichnung Englands für Wissenschaftler, im Anschluss daran gemeinsam mit Henri Becquerel den Nobelpreis der Physik für die Entdeckung der zwei Elemente Radium und Polonium.

Die Curies stellten ihre Forschungsergebnisse der ganzen Welt unentgelt- lich zur Verfügung. Bewusst verzichteten sie auf pekuniäre Ausbeu-tung ihrer Entdeckungen. Außerdem hatten sie durch großzügige Preisgelder ein finan- zielles Polster.

Pierre erhielt an der Sorbonne einen eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Physik, Marie erhielt eine der drei Assistentenstellen.

Als Marie erneut schwanger wurde, verzichtete sie auf Unterrichtsstunden, um keine unnötigen Risiken einzugehen: Am 6.Dezember 1904 wurde ihre zweite Tochter Eve geboren.

3.4 Maries Professur

Am 19.April 1906 verunglückte Pierre tödlich und hinterließeine große Leere in Maries Leben: Marie verlor gleichzeitig ihren Mann, ihren besten Freund und Forschungspartner und lebte mit großer Traurigkeit nur noch für ihre Kinder und ihre Arbeit.

Knapp einen Monat nach Pierres Tod offerierte man ihr seinen Lehrstuhl, weil sie in ganz Frankreich die einzige Physikerin war, die mit vergleichbarer Kompetenz seine Arbeiten fertig stellen konnte. Sie nahm den Posten an und wurde die erste außerordentliche Professorin, die je an der Sorbonne unterrich- tet hatte, zwei Jahre später wurde Marie zur ordentlichen Professorin ernannt.

3.5 Der zweite Nobelpreis

Um alle Zweifel an den zwei neuen Elementen zu beseitigen, begann Marie 1907 erfolgreich, Polonium und Radium soweit zu isolieren, bis unter dem Spektroskop eindeutig deren Existenz nachgewiesen werden konnte. Für diese einzigartige mühselige Arbeit erhielt sie 1911 den Nobelpreis der Chemie. Das Gramm isoliertes Radium, das mit einem Preis von ca. 1 Millionen Francs das wertvollste Element war , schenkte sie dem späteren Radium-Institut.

3.6 Erfüllung durch Arbeit

Marie wurde, psychisch und physisch völlig geschwächt, für zwei Monate in ein Krankenhaus eingewiesen und verbrachte danach einige Monate in Sanatorien. Die Leitung des geplanten Warschauer Radium-Institutes lehnte sie wegen ihrer Kinder und der schlechten Lebensbedingungen in Polen ab, obwohl das für sie die Heimkehr in ihr Heimatland bedeutet hätte. Stattdessen beschäftigte sie sich aktiv mit dem Bau des Pariser Radium-Institutes. Kein Schritt durfte ohne ihre Genehmigung ausgeführt werden.

Immer wieder nahm sie an internationalen Kongressen teil, um von ihren Erfahrungen und Forschungen zu berichten.

Um sich während des ersten Weltkrieges ihrer Wahlheimat als nützlich zu erweisen, wurde Marie Leiterin des Röntgendienstes des Roten Kreuzes. Sie entwickelte insgesamt über 20 immobile und 200 fahrbare Röntgenstationen, die mobil in den Feldlazaretten verwendet werden konnten und bildete gemeinsam mit ihrer Tochter Irène 150 Soldaten zu Radiologen aus. Obwohl ihr Röntgendienst mehr als einer Millionen Verletzter zugute kam, wurde sie bei der Auszeichnung besonderer Dienste nicht berücksichtigt.

Ihre Freunde beschrieben Marie in dieser Zeit als traurig, blass und schüch- tern. Sie hatte den Verlust Pierres nie überwunden und steckte noch immer jede freie Minute in ihre wissenschaftliche Arbeit und die ersten massiven Strahlen- schäden machten sich bemerkbar. Marie unternahm 1921 eine große Amerika- reise mit Besuch des weißen Hauses, um ein Gramm Radium für ihr Pariser Institut in Empfang zu nehmen. Die Reise endete mit Schwächeanfällen und der Diagnose, dass Marie auf beiden Augen am grauen Star erkrankt war.

Aus gesundheitlichen Gründen musste sie die praktische Forschung aufge- ben und sie verlagerte ihre Labor- auf die bisher vernachlässigte Öffentlich- keitsarbeit und nahm 1922 die Ernennung zum Mitglied der „Inter-nationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit“ in Genf an, später wurde sie sogar Vizepräsidentin. In deren Auftrag bereiste sie ganz Europa, Südamerika und den fernen Osten.

3.7 Krankheit und Tod Maries

In den folgenden Jahren musste Marie sich immer häufiger Augenoperatio- nen unterziehen und ihre schwindende Lebenskraft sorgte für den teilweisen Rückzug aus der Öffentlichkeit. Sie fühlte sich den Verpflichtungen nicht mehr gewachsen und verbrachte stattdessen viele Stunden mit ihrem ersten Enkel- kind.

Trotzdem nahm sie 1927 noch eine zweijährige Amerikareise auf sich, um Spenden für das nach ihr benannte Warschauer Radium-Institut zu sammeln.

1930 muss sie sich einer vierten Augenoperation unterziehen, was sie nicht hinderte, für die nachrückende Generation Naturwissenschaftler verbesserte Arbeitsbedingungen vom Staat zu erstreiten, weil dieser letztendlich Nutznie-ßer der Forschungsergebnisse sei.

Zur Einweihung des Warschauer Institutes trat sie 1932 ihre letzte Heim- reise an, nach ihrer Rückkehr übergab sie die Leitung für das Pariser Institut in Irènes Hände.

Noch kurz vor ihrem Tod beschäftigte sie sich mit Plänen einer dritten Amerika-Reise, plante den Bau einer Villa und schrieb ein Buch über ihr Lebenswerk „Radioaktivität“.

Sie erlebte noch die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität durch ihre Tochter und deren Mann, aber nicht mehr deren Auszeichnung durch den No- belpreis.

Im Juli 1934 starb Marie Curie mit 66 Jahren in den Armen ihrer Tochter Eve infolge der an dauernden Einwirkung radioaktiver Strahlung (Leukämie).

IV. Die Stellung der Frau aus damaliger und heutiger Sicht

4.1 Das kaiserliche Gymnasium

Zu Maries Zeit war es zwar in Polen Mädchen erlaubt, Abitur zu machen, doch die Hochschultüren blieben ihnen verschlossen: Frauen waren nicht zugelassen. Die einzige Studienmöglichkeit bestand im Ausland, die mit Trennung vom Vaterland und hohem finanziellen Aufwand verbunden war. Der Fall „studierende Frau“ war weder vorgesehen noch unterstützt, so dass die polnischen Universitäten durchgängig mit Männern besetzt waren.

Marie besuchte zunächst eine normale polnische Mädchenschule, die aber international nicht anerkannt wurde. Deshalb wechselte sie zum kaiserlichen Gymnasium unter russischer Herrschaft, dessen Abschluss ihr Zugang zu internationalen Universitäten verschaffte.

4.2 Solidarität zweier Schwestern

Marie und Bronia erkannten, dass sie gegenseitig ihre einzige Chance auf ein Studium waren, so dass sie sich versprachen, nacheinander für das Studium der anderen an der Pariser Sorbonne finanziell aufzukommen. Marie nahm dafür eine lange Zeit der Entbehrungen auf sich.

Während für das Studium des Bruders natürlich die Gelder eisern gespart wur- den, waren die Mädchen von Beginn an auf sich allein gestellt. Ihr Vater unter- stützte sie zwar, sobald Geld übrig war, primär mussten sie aber für ihre Ver- sorgung selbst aufkommen, der Fall „studierende Töchter“ war auch hier nicht vorgesehen.

4.3 Die Verleihung der Nobelpreise

„Der Erfolg von Professor und Madame Curie ist die beste Illustration des alten Sprichwortes ’coniuncta valem’: Einigkeit macht stark. Das lässt uns auch Gottes Wort in einem neuen Licht erblicken: Es ist nicht gut, dass der Mann allein sei; ich will ihm eine Gefährtin geben.“

Mit diesen Worten beschrieb der Präsident der schwedischen Akademie, die den Nobelpreis verlieh, das Ehepaar Curie. In der heutigen Zeit wäre es schwer denkbar, Frau Doktor Curie zur Gefährtin zu reduzieren, obwohl sie die Hauptarbeit geleistet hatte.

Aber in ihrer Zeit war Marie eine Sensation: die erste Frau, die einen Nobelpreis erhielt, und dann auch noch in der Männerdomäne Naturwissen-schaft.

Pierre bekam im Anschluss einen eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Physik, Marie dagegen nur eine der drei Assistentenstellen, so wie sie auch vorher in seinen Laboratorien immer nur „mitarbeiten durfte“.

4.4 Die Pariser Akademie der Wissenschaften

1911 versuchte Marie erfolglos, für eine Mitgliedschaft in der Pariser A- kademie der Wissenschaften zu kandidieren. Trotz ihres hohen internationa-len Ansehens und des zweiten Nobelpreises war einer Frau diese Tür versperrt, Pierre dagegen hatte sofort nach dem ersten Nobelpreis einen Platz erhalten; bei seiner Frau reichten nicht einmal 2 Nobelpreise, unangezweifelte Kompetenz und hohes internationales Ansehen. Begründet wurde die Ablehnung mit einer von der Presse zur Affäre aufgebauschten Beziehung zu Paul Langevin. Frauen wurden damals gern als „nicht tragbar“ abgespeist.

4.5 Heutige Würdigung in der Literatur

Bei meinen Recherchen habe ich mehrere Bücher von verschiedenen Auto- ren bearbeitet, wobei mir die stark unterschiedliche Darstellung Marie Curies auffiel. Zwar erkennt jeder Autor/ jede Autorin ihre wissenschaftliche Leistung und Einzigartigkeit an. Trotzdem wird sie an vielen Stellen zu „Pierres Gefähr- tin“ abgestellt und reduziert, die „zärtliche Romanze“ der beiden wird seiten- lang beschrieben.

Sicherlich hat ihr Mann eine große Rolle für sie gespielt, aber eine herausragen- de Schülerin und Studentin war sie auch ohne ihn. Die Entscheidung, ihr Hei- matland unter ungewissen Bedingungen für ein Studium in Paris zu verlassen, traf sie allein. Die Forscherkarriere leitete sie ein, bevor sie Pierre das erste Mal begegnete und führte sie auch nach seinem Tode mit beachtlichem Erfolg fort.

V. Irène und Eve: Marie und ihre Töchter

Marie kannte ihre Mutter nur als Hausfrau und Mutter von fünf Kindern, die den ganzen Tag über zu Hause war. Sie kam zwar aus einem gebildeten und studiertem Haus, musste sich ihren Weg zum Studium allerdings selber ebnen.

Ihre Kinder dagegen wuchsen mit einem ganz anderen Frauenbild auf, die Gleichberechtigung wurde nicht propagiert, sondern gelebt. Marie war voll berufstätig.

Sie traf nie eine bewusste Entscheidung für Familie oder Beruf, sie wollte immer beides. Instinktiv erzog sie ihre Töchter Eve und Irène zu modernen Frauen, die selbst über die Berufung ihres Lebens zu entscheiden hatten.

Morgens zog Marie die Kleinen an, fütterte sie, war ihre Mutter. Tagsüber wuchsen die Mädchen unter der fürsorglichen Obhut von Pierres Vater auf, Marie ging ihrer Arbeit im Labor nach, war Physikerin. Abends brachten Pierre und sie ihre Kinder nach dem Abendessen ins Bett. Die langen und zahlreichen Ferien verbrachte die gesamte Familie Curie gemeinsam auf dem Land.

Trotz ihrer zahlreichen Aktivitäten gelang es Marie, ein enges und liebevolles Verhältnis zu ihren Mädchen aufzubauen, das belegen zahlreiche Briefwechsel aus ihrem Nachlass. In ihren Tagebüchern notierte sie sorgfältig jeden kleinen Fortschritt ihrer Kinder.

Auf die Schulausbildung hatte sie ein waches Auge, als sie diese für unzureichend hielt, erarbeitete sie mit befreundeten Wissenschaftlern ein Konzept für eine mobile Privatschule, deren Lehrer sie selbst waren. So wurden die Mädchen zwei Jahre lang von hochkarätigen Wissenschaftlern und späteren Nobelpreisträgern unterrichtet.

Irène wählte für ihr eigenes Leben das gleiche Modell wie schon ihre Mutter. Sie studierte Physik und Mathe, wobei sie sogar Vorlesungen von Marie besuchte. Sie forschte auf dem Gebiet der Radioaktivität, heiratete einen Wissenschaftler, mit dem sie wie schon Pierre und Marie eng zusammen-arbeitete. Sie bekam zwei Kinder, Hélène und Pierre. Sie erhielt einen Nobel-preis der Chemie für die Entdeckung künstlicher Radioaktivität und wurde spä-ter Professorin an der Sorbonne. Zwischendurch gehörte sie zu den drei ersten an der französischen Regierung beteiligten Frauen.

Eve dagegen wurde Journalistin und schlug damit einen ganz anderen Weg als ihre Mutter ein. Sie legte viel mehr Wert auf Kleidung und ein gepflegtes Äußeres.

Nach Pierres Tod trat Irène an seine Stelle und wurde liebste und fähigste Mitarbeiterin, Eve dagegen sorgte für eine häusliche harmonische Atmosphäre. Bis 1977 schrieb Eve eine Biographie ihrer Mutter, in der sie ihre tiefe Liebe und Bewunderung ausdrückt.

Marie Curie ist ein einzigartiges Beispiel, dass keine Entscheidung gegen Familie oder Beruf und Karriere getroffen werden muss. Sie liebte sowohl ihre Arbeit als auch ihre Familie und meisterte beide Herausforderungen mit Bra- vour.

VI. Marie Curie- Rebellin oder „moderne Frau“?

Eine „Rebellin“ stellen wir uns, überspitzt dargestellt, automatisch als kriegerische, männermordende Emanze vor, die, vor nichts zurückschreckend, ihre absolut revolutionären Ideen auf Blutrache sinnend umsetzt und mit Waffengewalt gegen gesellschaftliche Strukturen aufbegehrt.

Unter diesem Aspekt wären Intelligenz, Fleiß, Ergeiz und Zielstrebigkeit Maries Waffen gewesen, mit denen sie in die Männerdomänen Naturwissenschaft, Nobelpreis und Professur einbrach. Sicherlich hätten es die nachfolgenden Frauen ohne Maries Vorreiterrolle wesentlich schwerer gehabt.

Trotzdem schrecke ich davor zurück, Marie mit einer für Rebellinnen typischen Radikalität zu versehen, weil sie im Grunde das Leben gelebt hat, dass jeder modernen Frau zusteht und Normalität sein sollte. Erklärte man Marie Curie zu einer Rebellin, wäre jede moderne Frau eine.

Ihre Tochter Irène dagegen war viel mehr „Rebellin“ als ihre Mutter. Ihr ging es nicht nur darum, ihre wissenschaftliche Karriere voranzutreiben, sie wollte bewusst Rechte für Frauen erkämpfen. Während Marie z.B. wegen der pekuniären Vorteile Mitglied in der Akademie der Wissenschaften werden wollte, versuchte Irène das Gleiche aus Prinzip, leider vergeblich.

Maries Öffentlichkeitsarbeit stand im Zeichen der Physik und Chemie, es ging ihr um bessere internationale Zusammenarbeit oder Spenden für Laborausrüs- tungen. Irène dagegen nutzt ihr hohes Ansehen für frauenpolitische Aspekte.

VII. Zusammenfassung

Marie Curie, auf dem Hintergrund frauenbewegter Zielvorgaben betrachtet, steht beispielhaft für Selbstverwirklichung, die gegen oder trotz widriger Zeitund Lebensverhältnisse gelungen ist.

Ich persönlich ziehe es daher vor, Marie Curies Leben nicht als Rebellion, sondern moderne Normalität zu deklarieren. Sie hat trotz erheblicher Schwierigkeiten auf dem Weg zum Studium eine einzigartige berufliche Karriere vorgelebt, ohne auf ihre Familie zu verzichten.

LITERATUR:

1. KERNER, Charlotte (1990): „Nicht nur Madame Curie- Frauen, die den Nobelpreis bekamen“, Hemsbach, Beltz & Gelbach Verlag
2. CURIE, Eve (1977): „Madame Curie“, Reutlingen, Fischer Verlag
3. MORITZBERGER, Ludwig (1992): „Das strahlende Metall- Leben und Werk von Marie und Pierre Curie“, Stuttgart, Verlag Urachhaus
4. KSOLL, Peter u.a. (1988): „Marie Curie“, Hamburg, rororo Bildmonographien
5. ADELBERGER, Michaela u.a. (1999): „Rebellinnen- Leben als Aufstand“, München, Gold- mann Verlag
6. KLOTZ, Hans u.a. (1981): „Das neue Fischer Lexikon“, Frankfurt, Fischer Verlag

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Das Leben und die Karriere der Marie Curie
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Rebellinnen
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V103731
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Curie, Marie, Rebellinnen
Arbeit zitieren
Katja Schmidt (Autor), 2000, Das Leben und die Karriere der Marie Curie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103731

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