Das Qualitative Interview


Seminararbeit, 2001

12 Seiten, Note: 1,5


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Gliederung:

1. Grundlagen qualitativer Interviews

2. Prinzipien qualitativer Interviews

3. Interviewformen/ Leitfadenerstellung
3.1 Narratives Interview
3.2 Problemzentriertes Interview
3.3 Fokussiertes Interview
3.4 Tiefeninterview

4. Auswahl der zu Befragenden

5. Interviewsituation/ Datenerhebung
5.1 Interviewsituation
5.2 Datenerhebung während des Interviews
5.3 Datenerhebung nach dem Interview (Postskriptum)

6. Allgemeines Verfahren der qualitativen Datenanalyse

Literatur:

- FLICK, Uwe (1995): „Qualitative Forschung, Reinbek, Rowohlt
- LAMNEK, Siegfried (1995): Qualitative Sozialforschung, Bd 1-2, München

1. Grundlagen qualitativer Interviews

Dieser Abschnitt behandelt einige grundlegende, allgemeine und typische Elemente, welche für das qualitative Interview charakteristisch sind. Hierbei handelt es sich vordergründig um verschiedene Arten der Befragung.

Intention des Interviewers

Ein bedeutendes Unterscheidungskriterium für Interviews ist die Richtung des Informationsflusses. Hierbei wird unterschieden zwischen ermittelnden und vermittelnden Interviews.

Bei ermittelnden Interviews fließt der Informationsfluss einseitig vom Befragten zum Interviewer, das heißt der Befragte informiert als Träger abrufbarer Informationen.

Bei vermittelnden Interviews ist der Informationsfluss umgekehrt, das heißt die Befragungsperson ist derjenige, der das Ziel der Informationen darstellt. Dabei ist die Intention, eine Erkenntnis- oder Bewusstseinsveränderung auf Seiten der befragten Person zu provozieren (Beispiel: Psychiater; psychologisch-therapeutisches Gespräch).

Die ermittelnden Interviews lassen sich in drei Untergruppen aufgliedern:

- das informatorische Interview, das der deskriptiven Erfassung von Tatsachen dient, wobei der Befragte als Experte angesehen wird und als Informationslieferant dient (Beispiele: Journalistisches Interview, Zeugenbefragung, Experteninterview)
- das analytische Interview, das soziale Sachverhalte zu erfassen versucht; „Der Interviewer analysiert und beschreibt Äußerungen des Befragten aufgrund theoretischer Überlegungen und Konzepte.“
- das diagnostische Interview, welches der „Ermittlung eines fest definierten Merkmalprofils einer Person dient“, es ist oft Grundlage für vermittelnde Interviews und ist außerdem hilfreich beim Erstellen von Individualprognosen. Beispiele hierfür sind das Gespräch Arzt-Patient, Persönlichkeitstests sowie Vorstellungsgespräche bei Bewerbungsverfahren.

Beim qualitativen Interview kann es sich sowohl um ermittelnde als auch vermittelnde (überwiegen) Interviews handeln.

Standardisierung

Ein weiterer Punkt ist der Grad der Standardisierung eines Interviews. Beim qualitativen Interview handelt es sich um nicht-standardisierte Interviews, denn gerade durch die erforderliche situative Anpassung sind vorformulierte Fragen und deren Reihenfolge nicht vorgebbar, wie es bei standardisierten Befragungen (mit detailliert ausgearbeiteten Fragebögen) der Fall ist.

Bei der offenen, nicht-standardisierten qualitativen Befragung ist in der Regel nur ein Rahmenthema vorgegeben, nicht aber die Fragen und deren Abfolge. Ein qualitatives Interview kann auch halb-standardisiert sein, das heißt, dass ein Leitfaden vorgegeben ist, die Reihenfolge und Formulierung der Fragen aber dem Interviewer überlassen bleibt.

Die nicht-standardisierte Frage hat folgende Vorteile: Sie ermutigt zu lebensnäheren Antworten, da sie der alltäglichen Gesprächssituation angepasst ist; sie ist flexibler in der Durchführung; eine Prädetermination, also eine Vorherbstimmung des Forschungsprozesses, durch den Forscher bzw. Interviewer findet nicht statt.

Nachteile gegenüber dem standardisierten Interview sind die schwierigere Durchführung des Interviews, die geringere Vergleichbarkeit der Antworten und die geringere Zuverlässigkeit sowie ein größerer Zeitaufwand.

Struktur der Befragten

Man unterscheidet zwischen Einzel -und Gruppenbefragungen.

Die Gruppenbefragung kann zwei verschiedene Formen einnehmen, nämlich die der Gruppendiskussion und „paper & pencil“ (Stift und Papier). Bei qualitativen Interviews handelt es sich in der Regel um Einzelbefragungen, da die Themen häufig sehr persönlich sind. Eine Gruppenbefragung in Form einer Gruppendiskussion ist jedoch nicht auszuschließen.

Die „paper & pencil“-Methode ist gänzlich ungeeignet, der Grund hierfür wird unter Punkt 4 erläutert.

Die Form der Kommunikation

Mit Form der Kommunikation ist gemeint, ob die Präsentation der Fragen mündlich oder schriftlich erfolgt.

Bei einer schriftlichen Präsentation füllt der zu Befragende einen Fragebogen selbständig aus, was zur Folge hat, dass der Fragebogen hoch standardisiert sein muss, da die personale Unterstützung beim Ausfüllen wegfällt. Dadurch, dass der Interviewer bei der schriftlichen Befragung wegfällt, ist diese für das qualitative Interview ungeeignet, da die Prinzipien von Offenheit und Flexibilität verletzt werden würden. Die Antwortmöglichkeiten wären zu sehr eingeschränkt.

Die qualitative Befragung ist im Regelfall immer das (mündliche) Interview.

Stil der Kommunikation/Interviewerverhalten

Der Interviewstil des qualitativen Interviews ist neutral bis weich. „Weich“ bedeutet in diesem Fall, dass der Interviewer versucht ein Vertrauensverhältnis zu seinem Gesprächspartner aufzubauen, indem er Sympathie demonstriert und versucht, sympathisierendes Verständnis zum Ausdruck zu bringen.

Das Schaffen eines Vertrauensverhältnis ist eine wichtige Voraussetzung für verlässliche Befunde. Das Einfühlen in die Situation des Befragten und das nötige Fingerspitzengefühl ist auf Seiten des Interviewers also unverzichtbar. Der Interviewer hat bei dieser Art der Interviewführung eine passive Rolle inne und greift vorwiegend nur bei Themenwechseln ein.

Das neutrale Interviewverhalten ist durch den unpersönlichen Charakter der Befragung und durch soziale Distanz gekennzeichnet.

Beide Formen zielen auf eine weitestgehend wahrheitsgetreue, zuverlässige und gültige Beantwortung der Fragen ab.

Die Art der Fragen

Unter Rhetorik-Fachleuten gilt die Frage als Königin der Dialektik. Mit Fragen kann man ein Gespräch hervorragend lenken. Besonderer Beliebtheit erfreut sich da die offene Frage. Sie erlaubt dem Befragten nicht, einfach mit „ja“ oder „nein“, „dafür“ oder „dagegen“ etc. zu antworten wie bei der geschlossenen Frage, sondern provoziert längere Antwortsätze und eine ausführlichere verbale Darstellung.

Genau darauf kommt es dem Interviewer bei der qualitativen Befragung an, denn je mehr sein Gegenüber spricht, desto mehr an Informationen erhofft er sich.

Das Kommunikationsmedium

Bei qualitativen Interviews steht der personale Aspekt im Vordergrund. Das Schlagwort lautet „face to face“ (frei übersetzt: Auge in Auge). Deshalb scheiden Telefoninterviews, schriftliche Befragungen und dergleichen aus.

2. Prinzipien qualitativer Interviews/Interviewerrolle

Beim qualitativen Interview gibt es für den Interviewer einige Richtlinien und Grundsätze, die er zu beachten hat. Die wichtigsten dieser Prinzipien werden hier kurz erläutert.

Das Prinzip der Offenheit besagt etwa, dass der Interviewer auch für unerwartete Informationen zugänglich sein soll.

Es gehört zu den Aufgaben des Interviewers/Forschers, in Interviewsituationen variabel auf die Bedürfnisse der Befragten zu reagieren (Prinzip der Flexibilität).

Bei dieser Interviewform soll hauptsächlich der Befragte zu Wort kommen (Prinzip der Zurückhaltung durch den Forscher).

Das Prinzip der Relevanzsysteme beabsichtigt, dass es zu keiner Prädetermination durch den Forscher kommt, sondern Wirklichkeitsdefinition durch den Befragten erfolgt.

Die Interviews erfolgen im alltäglichen Milieu des Befragten, um eine möglichst natürliche Situation herzustellen und authentische Informationen zu erhalten. Die Kommunikation ist asymmetrisch, das heißt, dass Einer erzählt und der Andere zuhört, wie im Alltagsgespräch (Prinzip des Alltagsgesprächs). Die Atmosphäre muss absolut vertraulich und freundschaftlich-kollegial sein, eine Vertrauensbasis ist sehr bedeutsam. Diese Prinzipien bringen mit sich, dass vom Interviewer ein hohes Maßan Kompetenz gefordert wird (oft Forscher selbst), aber auch vom Befragten. Er muss Verbalisierungs- und Artikulationsvermögen besitzen. Die zeitliche Länge des qualitativen Interviews darf selbstverständlich nicht limitiert sein..

3. Interviewformen/Leitfadenerstellung

Vergleichskriterien/ Methodologische Prämissen

Die unter 3.1 - 3.4 aufgelisteten Interviewtypen werden nach einer einführenden Beschreibung jeweils unter vier bestimmten Vergleichskriterien betrachtet.

Die „Offenheit“ gibt an, inwieweit der Befragte über Zielsetzung, Gegenstand und Konzeptgebundenheit des Interviews informiert ist.

Die „Kommunikation“ beschreibt die Art der Fragestellung und die Schärfe der Unterhaltung.

Das Kriterium „Flexibilität“ gibt die Variationsmöglichkeiten des Interviewverlaufs und die Abweichungsmöglichkeit im Falle eines schon bestehenden Konzeptes an

Mit „Theoretischen Voraussetzungen“ sind die Vorkenntnisse des Interviewleiters gemeint, inwiefern sich der Interviewer im Vorfeld mit einer bestimmten Materie auseinandersetzen muss.

3.1 Narratives Interview

Das „narrative Interview“ kann als Prototyp der qualitativen Interviews benannt werden. Dabei wird der Befragte durch den Interviewer zur Erzählung aufgefordert. Der Interviewstil ist weich bis neutral in einer möglichst kollegialfreundschaftlichen Vertrauensatmosphäre.

Besonders bei diesem Interviewtyp kann der Befragte Inhalt und Verlauf des Gesprächs selbst bestimmen. Als vermeintlicher Experte sollte man seine Aussagen als retrospektive Interpretation verstehen. Nach dem Motto „erzählen kann jeder“ findet man narrative Interviews häufig in der Lebenslauf- und Biographieforschung.

Grob gegliedert wird das Gespräch in fünf Phasen:

In der Erklärungsphase soll der Befragte vom Interviewer über Zweck und Inhalt sowie Anonymität und Vertraulichkeit des Gesprächs aufgeklärt werden. In der Einleitung wird dem Befragten der Einstieg in das Thema durch solidarisierende Aussagen oder auflockernde Anekdoten erleichtert, so dass in der Erzählphase der Befragte möglichst flüssig über das gewählte Thema sprechen kann. Nachdem der Befragte das Ende seiner Erzählung selbst bestimmt hat, kann der Interviewer in der Nachfragephase Verständnisfragen stellen oder eine Möglichkeit zur Vertiefung eines Aspektes bieten. In der Bilanzierungsfrage wird das Gespräch evtl. mit einem Fazit oder einer kurzen Zusammenfassung beendet.

Die Offenheit des Interviewleiters ist vollständig gegeben, der Befragte wird im Vorfeld über Inhalt und Zielsetzung informiert. Die Kommunikation verläuft erzählend und die Flexibilität ist bei wenig theoretischen Vorraussetzungen sehr hoch. Ein Konzept besteht nicht, sondern soll sehr flexibel erst während des Gespräches entstehen.

3.2 Problemzentriertes Interview

Bei dieser Form besteht bereits ein grobes wissenschaftliches Konzept des Interviewers, das aber bei Bedarf modifiziert werden. Durch den inhaltlichen Gegenstand wie z.B. ein medizinisches Fachgebiet ist ein theoretischwissenschaftliches Vorverständnis erforderlich.

Auch hier folgt man dem Erzählprinzip, wobei die inhaltlichen Richtlinien nicht ganz frei sind, weil sich das Gespräch mit einem bestimmten Gegenstand oder Problem beschäftigen soll.

Als evtl. Verbindung zum quantitativen Interview nutzt man hier gelegentlich eine Kombination mit einem standardisierten Kurzfragebogen, bei dem z.B. statistische Werte erfragt werden können.

Die Offenheit ist in den meisten Fällen weitgehend gegeben, Die Kommunikation verläuft ebenfalls erzählend, wobei der Interviewer zielorientiert Fragen stellt. Durch die eingeschränkte Themenvorgabe ist die Flexibilität eingeschränkt. Der Leitfaden kann immer dann verlassen werden wenn durch eine leichte Themenabwandelung die erwünschten Interviewergebnisse leichter oder schneller zu erreichen sind.

Der Interviewer muss sich im Vorfeld angemessene theoretische Vorraussetzungen aneignen.

3.3 Fokussiertes Interview

Der Interviewer drängt auf bei diesem Interviewtyp auf Spezifizierung. Die zu Befragenden haben eine spezifische, konkrete, nicht experimentell konstruierte Situation erfahren und erlebt, über die sie evtl. nicht gern sprechen möchten. Das Ziel ist die Entwicklung und Überprüfung von Hypothesen. Dafür ist natürlich ein gewisses Vorwissen sowie ein Leitfaden notwendig, der aber für eine Spezifizierung verlassen werden kann.

Im Gegensatz zum narrativen Interview muss Tiefgründigkeit erreicht werden und der Befragte darf nicht beeinflusst werden. Der Gesprächsverlauf wird vom Interviewer in eine bestimmte Richtung gelenkt, ohne den Befragten dabei zu unterbrechen oder das Gefühl zu vermitteln, man würde das Interesse oder die Geduld verlieren.

Die Offenheit ist gerade bei unangenehmen Themen nicht unbedingt gegeben, weil sonst evtl. das gewünschte Gesprächsergebnis beeinflusst werden könnte. Die Kommunikation verläuft erzählen, wobei der Interviewer seinen vorhandenen Leitfaden nur verlässt, wenn er zu keinem Ergebnis kommen würde. Daraus resultiert eine geringe aber denkbare Flexibilität. Ein weitgehendes Konzept und damit auch ein gewisses Maßtheoretischer Vorkenntnisse ist unabdingbar.

3.4 Tiefeninterview

Ein Tiefeninterview wird z.B. in der Psychoanalyse verwand. Das Ziel ist die Aufdeckung tiefliegender Motivstrukturen des Befragten. Dafür verwendet der Interviewer „alltagsweltliche Fragen und Antworten“, um seine meistens schon bestehende theoretische Vorstellung zu stützen.

Offenheit ist beim Tiefeninterview deshalb kaum denkbar. Die Kommunikation verläuft sehr weich und in der Erzählform. Als theoretische Vorraussetzung sollte zwar ein Konzept bestehen, wobei die Flexibilität hierbei aber nahezu unbegrenzt ist.

4. Auswahl der zu Befragenden

Die Auswahl der zu Befragenden erfolgt nach dem Prinzip des „theoretical sampling“. Man sucht sich nach seinen Erkenntnisinteressen einzelne Fälle für die Befragung aus. Es handelt sich also um eine gezielte Auswahl, da es bei qualitativen Verfahren um typische Fälle geht und eben nicht um Verallgemeinerungen.

Aus diesem Grund werden keine Zufallsstichproben durchgeführt. Einen Anspruch auf Repräsentativität gibt es nicht. Zudem sind große Fallzahlen ausgeschlossen.

Dieses Auswahlverfahren macht eine Selbstkontrolle des Forschers unbedingt erforderlich, denn die Suche nach geeigneten Gesprächspartnern ist stark interessen- geleitet. Es muss verhindert werden, dass durch Vororientierungen eine verzerrte, weil untypische Auswahl vorgenommen wird. Des weiteren sollte der zu Befragende nicht aus dem Bekanntenkreis des Forschers kommen, weil auch dies zu verzerrten Erkenntnissen führen kann.

Eine wichtige Rolle spielen bei der Auswahlentscheidung fast immer informelle Kontakte zu den zu untersuchenden Personen oder Gruppen. Außerdem sollte der Forscher offen sein für von seinen Vorstellungen abweichenden Fällen und gegebenenfalls die Auswahl im Verlauf des Forschungsprozesses nach und nach Schritt für Schritt erweitern.

5. Interviewsituation/ Datenerhebung

5.1 Interviewsituation

Ein qualitatives Interview sollte prinzipiell in einer „natürlichen Feldsituation“ mit „ähnlichen Bedingungen“, wie der Interviewte sie gewohnt ist, stattfinden, da die Situation eines Interviews schon sehr außergewöhnlich ist. Wenn nun noch die Aufregung und Spannung eines neuen Umfeldes dazukommt, bei dem sich der Befragte evtl. nicht wohl fühlt, kann das Ergebnis des Interviews leicht verfälscht werden.

Zu Beginn des Gespräches sollte der Befragte so weit wie möglich über Zweck, Gegenstand und Durchführung des Interviews informiert werden. Zumindest Anonymität und Vertraulichkeit müssen zugesichert werden und negative Sanktionen ausgeschlossen werden.

Der Interviewer sollte sich an das jeweilige Sprachniveau anpassen, ohne dabei lächerlich zu sein. Wenn z. B. versucht wird, einen bestimmten Dialekt oder Sprachfehler nachzuahmen, könnte das verletzend wirken. Wissenschaftliche Begriffe sollten möglichst vermieden werden.

Die Fragen werden offen formuliert, ggf. sollte man nachfragen („Habe ich Sie jetzt richtig verstanden, dass...?“). Der Erzählfluss darf möglichst nicht unterbrochen werden.

Gelegentlich sollte Interesse gezeigt werden, wobei keine eigenen Erfahrungen erzählt werden sollen (höchstens einleitend oder zur Solidarisierung). Ansonsten kann es leicht passieren, dass der Interviewer plötzlich selbst zum Befragten wird und somit das „einer fragt, einer antwortet“ -Prinzip vertauscht wird.

5.2 Datenerhebung während des Interviews

Ein Interview ohne Datenerhebung und -erfassung ist prinzipiell sinnlos. Kein Interviewer kann Gespräche von unter Umständen mehreren Tagen exakt behalten.

Stenographie, Videokamera oder Tonbandgeräte sind gängige Methoden zur Aufzeichnung. Man sollte möglichst dezente Mittel wählen weil sonst schnell gehemmte oder verfälschte Aussagen gemacht werden könnten.

5.3 Datenerhebung nach dem Interview (Postskriptum)

Relevante Fragen, Aussagen oder Gesten nach dem eigentlichen Interview sollten sofort aufgeschrieben werden, insofern die Aufzeichnungsgeräte bereits ausgeschaltet sind.

Eine Beschreibung des Wohnumfeldes und der Wohnlage kann wie die Atmosphäre der Wohnung besonders bei soziologischen Untersuchungen essentiell sein.

Prägnante Charakterzüge und Gestiken wie z.B. Nervosität, Langeweile etc. können im Nachhinein Aufschluss geben über ungewöhnliche Aussagen.

Störungen oder Anwesenheit Dritter muss sofort vermerkt werden, weil diese unter umständen das Interview unbrauchbar machen können.

6. Allgemeines Verfahren der qualitativen Datenanalyse

Die im Anschluss an ein Interview erfolgende Datenanalyse kann verallgemeinert in vier grobe Phasen gegliedert werden.

Während der ersten Phase, der Transkription, sollte das Tonband oder die Videoaufzeichnung von einer geübten Schreibkraft in lesbare Form gebracht werden Besonders nonverbale Aspekte müssen in das Skript mit aufgenommen (zappeln, lachen, räuspern etc.) werden.

Die Informationen werden, wie den Befragten zugesichert, anonymisiert. D.h. Namen und Daten werden unabhängig von ihrer Relevanz gestrichen und stattdessen evtl. Hinweise auf Verwandtschaftsbeziehungen oder andere Verhältnisse eingefügt.

Um die Auswertung hinterher zu vereinfachen, können ggf. sozialstatistische Daten hinzugefügt werden sowie, falls ausgefüllt, die Daten eines quantitativen Fragebogens.

Zum Ende muss die Transkription Korrektur gelesen werden, da man von nun an nur noch mit dieser schriftlichen Basis arbeitet.

In der zweiten Phase, der Einzelanalyse, beginnt die inhaltliche Arbeit, indem zuerst Nebensächlichkeiten entfernt und die prägnantesten Textstellen entnommen werden, so dass ein gekürzter und konzentrierter Text entsteht.

Eine erste Charakterisierung des Interviews erfolgt sowie eine Einzelfallanalyse, die die Besonderheiten und das Allgemeine dieses Gespräches herausstellt.

In der dritte Phase erfolgt die Generalisierende Analyse, bei der bei mehreren Interviews nach Gemeinsamkeiten und Differenzen gesucht wird, so dass erste Grundtendenzen festgestellt werden können.

Die Art der Befragten, z. B. der soziale Status oder bestimmte Altersklassen kann hier ebenfalls miteinbezogen werden, so das sich auch hier erste Ergebnisse herausstellen könnten.

In der letzten Phase, der Kontrollphase, sollten Zweifel berücksichtigt und Ergebnisse im Team verglichen, ausgetauscht und diskutiert werden. Die ausgewerteten Daten sollten mit der Originaltranskription verglichen werden und bei andauernden Zweifeln sollte die Datenauswertung oder das Interview wiederholt werden.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Das Qualitative Interview
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V103734
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
8 Seiten lang, Basisinformationen
Schlagworte
Qualitative, Interview
Arbeit zitieren
Katja Schmidt (Autor), 2001, Das Qualitative Interview, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103734

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