Zur Biographie von Grete Hermann


Studienarbeit, 2001
38 Seiten, Note: 1

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Gliederung

1. Vorwort

2. Zur Biographie Grete Hermanns
2.1. Lebenslauf im Überblick
2.2. Kindheit und Studienjahre
2.3 Didaktische Mitwirkung im Landschulheim Walkenmühle
2.4. Politisches Engagement im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und im Internationalen Jungen Bund (IJB)
2.5. Nachkriegsjahre und Lebensende

3. Anhang: Wissenschaftliche Arbeiten Grete Hermanns
3.1. Wahrnehmung und Erfahrung
3.2. Zur Klassischen Physik
3.3. Zur Problematik der Quantenmechanik

4. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die meisten Erörterungen, die sich mit den Grenzen der Kausalität im Naturgeschehen befassen, gehen von der Behauptung aus, die Quantenmechanik habe akausale Vorgänge im Atomaren nachgewiesen; gewisse Vorgänge an einzelnen atomaren Teilchen, an Elektronen, Protonen oder Lichtquanten etwa seien nur durch statistische, nicht durch streng kausal determinierende Naturgesetze bestimmt.

Grete Hermann erkannte die in der Behauptung liegende Schwierigkeit, der aus Erfahrung nachgewiesenen Vorstellung des Naturgeschehens. So warf sie in ihrem Essay über Die Kausalität in der Physik von 1948 die Frage auf, wie aus Erfahrung nachgewiesen werden kann, dass es für irgendeinen Vorgang, den wir beobachtet haben, keine - oder mindestens keine hinreichenden - Ursachen gäbe. Grete Hermann bezeichnete die menschliche Erfahrung als unabgeschlossen. Nach ihrer Meinung lässt sich nicht ausschließen, dass untersuchte Dinge und Vorgänge noch weitere, vorläufig noch unbekannte Qualitäten aufweisen könnten. Mit anderen Worten: So lange die Ursachen eines beobachteten Vorganges nicht erkennbar sind, ist es ein physikalisch sinnvolles Problem, nach ihnen zu suchen.

Das Prinzip des Denkens fand sich auch in ihren Zielen pädagogischen Handelns wieder. Sie verstand unter Pädagogik Bildung durch Selbsterziehung. Bildung sollte, im Gegensatz zur formalen Erziehung, aus dem eigenen Denken entstehen.

Mit ihrer Arbeit in der Walkemühle und auch in der von ihr später mitbegründeten Pädagogischen Hochschule in Bremen lehrte sie die Pädagogik der Sokratischen Methode:

Der Individualität des Menschen den Raum zu geben, welches er für sein eigenes Denken benötigt, ohne dabei die Bildung des Verständnisses, sich innerhalb seines Lebensumfeldes als soziale Gruppe zu definieren, außer Acht zu lassen.

Mit einer minimalen inhaltlichen Vorgabe seitens der „LehrerIn“ konnten die SchülerInnen ihre Umwelt erfahren und durch Mitteilung an andere Gruppenmitglieder ihre Erfahrungen austauschen. Die Wechselkommunikation führte zu einem Spektrum von individuellen Erlebnissen bis hin zu Erkenntnissen der kausalen Gesetze der Wahrnehmung. Es galt für Grete Hermann, die Kausalität von Ereignissen nicht nur theoretisch zu erfassen, sondern diese auch über die Sinnesorgane wahrnehmbar zu erleben. Mit der von ihr praktizierten Sokratischen Methode „Bildung durch Vernunft“ etablierte Grete Hermann mit Minna Specht und Leonard Nelson u.a. eine neue Form der Erziehung in Deutschland, welche durch Hitlers Machtübernahme 1933 ihr jähes Ende fand. 1937 wurde die Einrichtung Walkenmühle von den Nazis geschlossen. Grete Hermann floh, wie viele andere auch, ins Exil. Erst viele Jahre später konnte sie ihre Arbeit im Nachkriegsdeutschland wieder aufnehmen.

Grete Hermann wird bis heute kaum in der Sekundärliteratur und ebenso wenig in Vorlesungen, erwähnt. Bekannt wurde sie durch den 1936, von der Sächsischen Akademie der Wissenschaft, an sie vergebenen Richard-Avenarius-Preis. Trotzdem geriet sie mit ihren Fragestellungen und Thesen zur Theorie der Erkenntnis zunehmend in Vergessenheit. Den Richard-Avenarius-Preis erhielt sie für ihre Arbeit zum Thema: „Welche Konsequenzen haben die Quantentheorie und die Feldtheorie der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis?“

Werner Heisenberg, der für seine Theorie der Unschärferelation bekannt wurde, gehört zu den wenigen Ausnahmen, der Grete Hermanns Gedanken zur Erkenntnistheorie aufgriff. Werner Heisenberg widmete ihr in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ immerhin ein ganzes Kapitel. Er bemerkte darin, dass die „junge Philosophin“ ihm und seinen Kollegen Friedrich von Weizsäcker wichtige Einsichten vermittelt hat.1

Die eigenständig verfasste Bibliographie über Grete Hermann soll Einsicht in ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Arbeit als Pädagogin und Philosophin vermitteln.

2. Zur Biographie Grete Hermanns

2.1. Lebenslauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Kindheit und Studienjahre

Grete Hermann wurde am 2. März 1901 in der Moselstraße in Bremen geboren. Sie war das dritte Kind und die erste Tochter der Familie Hermann. Der Vater, ein Seemann und Kaufmann, betrieb mit mäßigem Erfolg einen Fliesengroßhandel; die Mutter, eine gläubige Frau, erzog Grete Hermann und ihre Geschwister. Später kamen noch zwei Brüder und zwei Schwestern hinzu, so dass Grete Hermann insgesamt sechs Geschwister hatte. Die Mutter legte damals großen Wert auf eine gute Schulausbildung. So durften Grete Hermann und ihre Brüder das Gymnasium besuchen. Für Mädchen war es zu jener Zeit nur über eine Sondergenehmigung erlaubt, ein Gymnasium zu besuchen.

Grete Herrmann schloss im Alter von 19 Jahren, zwei Jahre nach Beendigung des ersten Weltkrieges, am „Neuen Gymnasium“ ihre Schulausbildung mit dem Abitur ab. Ein Jahr später errang sie die Lehrbefähigung für den Unterricht an Volks- und Mittelschulen. In dieser Zeit entschloss sich der Vater, sein bürgerliches Leben aufzugeben. Aus Grete Hermanns Erinnerung:

„Mein Vater hatte im Jahr 1921 nach religiös-weltanschaulichem Suchen und nach schwerer persönlicher Erfahrung mit dem bürgerlichen Leben gebrochen. Er hatte sein Geschäft und sein ganzes Vermögen auf meine Mutter überschreiben lassen und zog nun, mit langem Haar und Bart, in Lodenjoppen, Kniehosen und Galoschen als „Wanderprediger“, wie er sich selber nannte, umher oder lebte einsam meditierend für sich.“2

Grete Hermann entschloss sich für ein Studium in einer entfernten Stadt, in Göttingen. Sie schrieb sich für die Studiengänge Mathematik und Philosophie ein. Ihre zwei älteren Brüder studierten bereits in Göttingen; ihr Bruder Wilhelm entschied sich für ein Theologiestudium, während Carl Mathematik, später mehr mit dem Schwerpunkt auf Physik und Chemie studierte.3

Göttingen war damals das unbestrittene Zentrum der Mathematik und eines der Hauptzentren weltweit. Felix Klein, David Hilbert und Emmy Noether u.a. forschten und lehrten in Göttingen. Bei Emmy Noether promovierte Grete Hermann später.

Emmy Noether war Dozentin der Algebra und erhielt eine minimale Besoldung. Sie erhielt keine ordentliche Berufung in Deutschland trotz ihres Fürsprechers David Hilbert. Emmy Noether konnte sich ihrer Arbeit nur dank eines Erbes widmen. Mit ihrer Abkehr vom Rechnerischen und der Herausbildung algebraischer Strukturen, wie Körper, Ringe und dergleichen mehr, trug sie Entscheidendes zur modernen Mathematik bei.

Göttingen entwickelte sich zu jenem Zeitpunkt zu einem physikalischen Zentrum. Die noch junge Quantenmechanik nahm in dem Institut von Max Born einen rasanten Aufschwung. Niels Bohr hielt 1922 seine berühmten physikalischen Vorträge, die als Bohr-Festspiele bekannt wurden. In diesem Institut arbeiteten bekannte Physiker wie: W. Pauli, Werner Heisenberg, E. Fermie, P. Jordan und viele andere, die der Quantenmechanik zum Erfolg verhalfen.

Durch den Kontakt von Grete Hermann zu Physikern konnte sie somit dem Entstehen der modernen Mathematik als auch der Quantenmechanik beiwohnen. Die bis dahin starren naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Definitionen wurden durch neue Gedanken und gedanklichen Richtungen, belegt durch Experimente, in ihrer Form regelrecht erschüttert. Es entstand ein Umbruch im Denken. Die bisher angenommene Kenntnis über das physikalische Naturgeschehen musste durch Wahrscheinlichkeitsregeln ergänzt werden.

Ihr Bruder Carl hatte im vorangegangenen Winter an einem Seminar von Leonard Nelson teilgenommen. Neugierig geworden durch die Erzählungen ihres Bruders auf die Person Leonard Nelsons und dessen Theorie zur modernen Philosophie entschloss sie sich, seine Vorlesung „Typischer Denkfehler in der Philosophie“ im Sommersemester 1921 zu hören.

„Die logische Schärfe der Vorlesung begeisterte mich, aber mein Urteil fiel im wesentlichen negativ aus: Wie eingebildet er ist! Er glaubt ja, die Wahrheit gepachtet zu haben. Dieser Mensch glaubt tatsächlich, dass das, was er für wahr hält, auch wahr ist.“4

Leonard Nelson (1882 - 1927) war Philosoph und hatte als Privatdozent eine Stelle an der naturwissenschaftlichen Fakultät im Fach Philosophie inne. Seine Philosophie umfasste Erkenntnistheorie, Ethik und Pädagogik, Rechtslehre und Politik. Sie gründete sich auf dem Philosophen Jacob Fries (1773 - 1843) und Immanuel Kant (1724 - 1804).5 Nelsons Hauptproblem war die wissenschaftliche Begründung von Ethik. Unter Ethik verstand er eine praktische Naturlehre.

Zur Erläuterung der Naturlehre als Erfahrungswissenschaft schrieb Grete Hermann in ihren Memoiren:

„Wie die Naturwissenschaft (theoretische Naturlehre) sich auf unsere Erfahrungen von den Dingen und Vorgängen in der Natur gründet, so muß die Ethik sich gründen auf unser Erfahren von Zwecken und unser Erfahren der Art und Weise, wie Zwecke unser Handeln bestimmen.“6

Nelson war mit dem Mathematiker David Hilbert befreundet. In seiner strengen axiomatischen Begründung der Mathematik sah Nelson ein Vorbild für den Aufbau einer „strengen Wissenschaft“ der Ethik.

Sein außerordentliches Vertrauen in die Vernunft, geprägt durch Immanuel Kant und dessen Schüler Jacob Fries, bestimmte seine Auffassung von Rechtsphilosophie. Darin vertrat er den Grundsatz:

„Alle vernünftigen Wesen haben das gleiche Recht auf die gleiche äußere Möglichkeit, zur Selbstbestimmung zu gelangen. [...] denn es geht hier nicht um das, was ist oder was wird, sondern um das, was von Rechts wegen sein und werden soll.“7

Seine politische Philosophie gründete auf den „liberalen Sozialismus“. Er nahm Stellung gegen die soziale Ungerechtigkeit, Kriegsverherrlichung und die kapitalistische Ausbeutung. Seine politischen Grundwerte und Leitlinien wurden für den Aufbau des Godesberger Programmes der SPD geltend gemacht.

Für Grete Hermann gab es keine vollkommene Wahrheit. Für sie bestand die Weltanschauung aus zu vielen Fragezeichen. Obwohl sie Nelsons vollkommene Überzeugung von sich und seiner Lehre als absurd empfand, war sie von seiner Lehre der Selbstverantwortung fasziniert. Sie besuchte im folgenden Wintersemester eine weitere Vorlesung: „Religionsphilosophie von Leonard Nelson“. Über die erste Übungsstunde der Veranstaltung schrieb sie Folgendes:

„Die Besprechung der Teilnahmebedingungen war mir peinlich und ich ließ sie nur widerstrebend über mich ergehen. Pünktlichkeit, lautes Sprechen, regelmäßige Beteiligung an der Aussprache waren bestimmt gute Dinge, und ich war auch bereit, sie mit größerer als der sonst üblichen Genauigkeit einzuhalten, wenn Nelson solchen Wert darauf legte. Aber warum mussten wir einen ganzen Abend darüber sprechen!

Nur eine Bedingung, die Nelson stellte, fand meinen ungeteilten Beifall. Es war die Aufforderung, sich nie aus Furcht vor Blamage vom Antworten abhalten zu lassen.“8

Grete Hermann war von Nelsons Art zu argumentieren und zu denken alsbald gefesselt, vor allem von Nelsons Konsequenz, richtig Erkanntes im eigenen Leben umzusetzen. Sie wollte diese Methode für ihr eigenes Denken nutzen und suchte nach einem gedanklichen Weg, um zu einer gesicherten Weltanschauung zu kommen. Gleichzeitig scheute sie sich aber davor, mit Nelson eine Auseinandersetzung über religiöse Werte zu führen. Über den damaligen Konflikt schrieb Grete Hermann:

„[...] ich fürchtete [...], dass die Auseinandersetzung mit Nelson mich vor die Alternative stellen würde, entweder die Hoffnung auf ein mit der eigenen Weltanschauung zusammen stimmendes religiöses Leben preiszugeben und außerdem unliebsame ethische Konsequenzen zu ziehen, oder die Methode des Philosophierens, von deren Sicherheit und Notwendigkeit ich überzeugt war, so wenig ich sie damals noch auch kannte, zu verraten.“9

Sie befürchtete, sich den Zugang zu religiösen Werte zu verbauen, wenn sie mit den Anforderungen der wissenschaftlichen Philosophie ernst machte. Sie war seit ihren Kindertagen religiös verpflichtet. Mit ihrer Mutter und ihrer Familie war sie sehr stark verbunden, die ihrerseits aus voller Überzeugung Christen waren. Sie nahm zunächst zwei Jahre von der Philosophie Leonard Nelsons Abstand. Gemeinsam mit ihren Brüdern nahm sie an theologischen Seminaren von Karl Barth teil, die zum selben Zeitpunkt wie die von Leonard Nelson stattfanden und mit dessen Familie die Geschwister Hermann gut befreundet war. Sie ging für ein Jahr nach Freiburg und studierte dort die folgenden Semester an der Philosophischen Fakultät.

Nach zweijährigem Abstand fasste Grete Hermann den Entschluss, zum Entsetzen ihrer Mutter, aus der Kirche auszutreten.

Sie kehrte nach Göttingen zurück und promovierte mit „sehr gut“ im Alter von 24 Jahren bei der Mathematikerin Emmy Noether mit dem Thema: „Die Frage der endlich vielen Schritte in der Theorie der Polynomideale“.

Während der Osterzeit legte Grete Hermann ihr mündliches, während der Sommerferien ihr schriftliches Staatsexamen für den höheren Schuldienst bei Leonard Nelson ab. Während der Ausarbeitung des schriftlichen Examens kam sie zu folgender Erkenntnis:

„Ich sagte mir: Was dem ruhigen, methodisch sicheren und vorurteilsfreien Denken nicht standhält, kann kein wirklicher Wert sein; und umgekehrt: Was mir von jeher mit gefühlsmäßiger Sicherheit als wertvoll erschienen war, das war offenbar durch eine - vielleicht noch fast völlig dunkle - Erkenntnis aufgefasst worden. Es muss möglich sein, diese Erkenntnis als solche aufzuweisen.“10

Als Grete Hermann das Angebot von Nelson erhielt, bei seiner Herausgabe der Ethik- und Pädagogikvorlesung als Assistentin mitzuwirken, geriet sie erneut in einen inneren Konflikt. Obwohl sie darin eine große Herausforderung für sich erkannte, ergriff sie am Abend nach ihrer Entscheidung für diese Aufgabe eine große Angst. Sie schrieb dazu:

„Auf einem langen Spaziergang bemühte ich mich, dem (Anm.: Der Furcht) auf den Grund zu gehen, und fand heraus, mich bedrängte die Sorge, Nelsons Persönlichkeit gegenüber nicht stark genug zu sein, um die eigene geistige Selbständigkeit zu wahren. Bei manchen seiner Schüler hatte ich den Eindruck gehabt, sie seien im eigenen Denken und Wollen ihm gegenüber abhängig und unfrei, nun plagt mich der Zweifel, ob meine Widerstandskraft dieser anscheinend von ihm ausgehenden Verführung standhalten werde. Schließlich sagte ich mir, das könne nur durch einen Versuch entschieden werden, und bei negativen Ausgang des Experimentes würde sich dann eben meine Geisteskraft als zu schwach für produktive eigene Arbeit erwiesen haben. Eben deswegen sei es aber auch sinnlos, aus Angst vor diesem Risiko die sich mir hier bietende Chance preiszugeben. Ich fasste den Entschluss, mir selber gegenüber wachsam zu sein und es mir zur Regel zu machen, keiner der mir bekannten großen und kleinen Lebensforderungen Nelsons nachzukommen, es sei denn ich sei - unabhängig davon, dass er sie vertrat - selber überzeugt, das tun zu sollen.“11

Die Zusammenarbeit von Grete Hermann und Leonard Nelson dauerte nur knapp zwei Jahre. Im Oktober 1927 starb Leonard Nelson. Mit Minna Specht12, Nelsons langjähriger Mitarbeiterin und Leiterin des von ihm gegründeten Landschulheimes „Walkenmühle“, setzte sie die Arbeit von Nelson fort und gab seine Schriften heraus.

2.3. Didaktische Mitwirkung im Landschulheim Walkenmühle

Die freien Landerziehungsheime in Deutschland waren private Schulheime auf dem Land, in denen Lehrer, Schüler und Helfer zusammenlebten. Hermann Lietz (1868 -1919) gründete nach englischem Vorbild die ersten deutschen Schulen dieses Typs. Ihm folgte u.a. Paul Geheeb im Jahre 1910 mit der Odenwaldschule.

Diese ersten Schullandheime, die im Kaiserreich gegründet wurden, hatten Verbindungen zu emanzipatorischen Bewegungen, vor allem zu der Jugend- und Frauenbewegung. Priorität galt der Abschaffung der autoritär-hierarchischen Beziehung zwischen SchülerInnen und LehrerInnen. Sie wurde ersetzt durch ein offenes kameradschaftliches Verhältnis von Gleichberechtigten, das die Voraussetzung für eine demokratische Erziehung schaffen sollte. Durch die Einführung von Gartenbau, Landwirtschaft und in einigen Fällen auch Bergbau, sowie durch die Einrichtung von Werkstätten, sollte einer einseitigen Ausbildung des Intellekts entgegengewirkt werden. SchülerInnen wurden auch an der Schulverwaltung beteiligt.

Bis zum Jahre 1918 sind gut zehn Schulen dieser Art errichtet worden. Während der Weimarer Republik wurden die hervorragenden Vertreter der Landerziehungsheime vom preußischen Innen- und dem preußische Kultusministerium, sowie der bayrischen Regierung zu Beratern beim Aufbau des neuen Schulwesens berufen. Diese Berater waren Gustav Wyneken, Hermann Lietz und Leonard Nelson.

Leonard Nelson übernahm 1923 das Landerziehungsheim Walkenmühle nahe Kassel von dem Pädagogen Ludwig Wunder. Das Landerziehungsheim Walkenmühle wurde von Minna Specht unter dessen Einfluss geleitet.

Die finanzielle Grundlage der Schule wurde durch ein großzügiges Geldgeschenk von Hermann Roos, einem in England tätigen Geschäftsmann und Mäzen, durch Spenden, die die Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-Politischen Akademie einnahmen, und durch die beträchtliche Unterstützung des Seifenfabrikanten in Steinau, Max Wolf, gesichert. Einige Freunde übernahmen Patenschaften für die Kinder.

Die pädagogische Grundhaltung, die in der Walkenmühle vorherrschte, verwarf sowohl das Autoritätsprinzip als auch das Opportunitätsprinzip, welches sich nach der Vorteilhaftigkeit richtet. Es galt das Prinzip der spontanen Vernunft, ein Selbstständigkeitsprinzip, das sich auf die Stimme der Vernunft gründet, wie sie in jedem Menschen vorhanden ist.

Aus dieser pädagogischen Grundhaltung heraus vertraten die MitarbeiterInnen und PädagogInnen der Walkenmühle eine kritische bis ablehnende Haltung gegenüber den herkömmlichen Schulen.

Ein Zitat von Leonard Nelson soll die pädagogische Grundhaltung zu herkömmlichen Schulen verdeutlichen, die auch Grete Hermann in ihren wissenschaftlichen Arbeiten vertrat:

„Wozu braucht man heute eine Schule? Man sagt: um die jungen Menschen in die Gesellschaftsordnung einzuführen. Und in der Tat: Wie würden sich Kinder ohne den kostspieligen und kunstvollen Aufwand der an ihnen geleisteten Arbeit in unserer Gesellschaftsordnung einfügen? Wie könnte diese überhaupt weiterbestehen? Die Menschen würden sich bewahren, was sie als unverdorbene Kinder mitbringen: Glauben an die Wahrheit, Selbstvertrauen und Rechtsgefühl, wie sie sich äußern in Mut und Beharrlichkeit beim Vertreten der eigenen Überzeugung. Sie würden unbeirrt Lüge „Lüge“, Diebstahl „Diebstahl“ und Mord „Mord“ nennen, eine Ungezogenheit, die den unabwendbaren Zusammenbruch unserer kunstvoll aufrechterhaltenden Gesellschaftsordnung zur Folge hätte. Worin besteht in Wahrheit die Überlegenheit der Erwachsenen? Im Übergewicht der physischen Stärke und allenfalls darin, dass sie durch Erfahrung gewitzter sind.

Diese Überlegenheit können sie gebrauchen, um ihr Urteil und ihren Willen den Kindern aufzuzwingen und damit deren Ehrlichkeit und Mut zu brechen, eine Gewalt die bereits damit anfängt, dass der Lehrer sein Urteil überhaupt ausspricht.

Dieselbe Überlegenheit könnte auch gebraucht werden, um Kinder gegen solche Gewalt zu schützen. Das heißt ihnen eine Freistatt zu schaffen, die es ermöglicht, sie aus unserer Gesellschaftsordnung heraus zu führen.

Eine moderne Freistatt - für Kinder ohne Unterschied der Nation, Rasse oder Klasse - will das Landerziehungsheim „Walkenmühle“ sein.

Wenn ich [...] von der pädagogischen Eigenart dieser Schule [...] sagen soll, so kann es daher nur das sein: In dieser Schule braucht man nicht zu lügen. Ich höre die Schulreformer fragen: Ist das nicht zu wenig? Darüber zu reden, wird sich lohnen, wenn erst einmal jenes Wenige erreicht ist. Das wenige nämlich, dass Menschen heranwachsen, die sich die mutige Überzeugungstreue der Kinder bewahren und als Erwachsene dann die erworbene Stärke und Erfahrung nutzen werden, um mit diesem doppelten Rüstzeug die Überzeugung zu verfechten, dass auch ihre Mitmenschen das Recht haben, als ehrliche Menschen aufzuwachsen und zu leben.“13

Die Pädagogen der Walkenmühle, zu denen zeitweise auch Grete Hermann gehörte, vertraten die Ansicht, dass Drill, Auswendiglernen und Überschätzung des Wissensstoffes zur „Ertötung“ des Interesses des Kindes führt.

„Die Schule gründet sich auf die pädagogischen Prinzipien, die die Konsequenzen aus der Kantschen Philosophie sind, und das Ziel der Schule - um es in wenigen Worten zu sagen - ist die Erziehung zur vernünftigen Selbstbestimmung“14

1933 wurden die eindeutig „linksorientierten“ Landschulheime geschlossen, während andere entweder mit dem faschistischen System „gleichgeschaltet“ wurden, oder freiwillig sich der neuen Pädagogik anschlossen.

Das Landerziehungsheim Walkenmühle bestand aus zwei Schulen, der Erwachsenen- und der Kinderabteilung, die sich unter dem gleichen Dach befanden, jedoch nach ganz verschiedenen Prinzipien geleitet wurden. Jede Schule hatte ihre eigene Zweckbestimmung; es bestand keine Arbeitsgemeinschaft zwischen ihnen.

Die Erwachsenenabteilung war eine Schule der Funktionäre des Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) mit dem Ziel, politische Führer heran zu bilden, während in der Kinderabteilung die Kinder ohne autoritären Druck erzogen werden sollten.

In der Erwachsenenbildung fanden vor allem Drei-Jahres-Kurse für Jugendliche ab 17 und 20 Jahren statt. Daneben gab es noch einjährige Kurse für Menschen, die schon im Beruf oder im politischen Leben standen. Bei den Funktionärskursen wurde großer Wert auf die Erziehung der Willensstärke und auf die Ausbildung organisatorischer Fähigkeiten gelegt, welche in der täglich praktischen Arbeit der Werkstätten, Haus und Garten, sowie in der Schulverwaltung geübt wurden. Hinzu kamen Exkursionen in wissenschaftliche Bereiche als auch in die Arbeitswelt. Jeder Kurs begann mit drei Monaten praktischer Arbeit in den Werkstätten. Die SchülerInnen sollten Zusammenarbeit und Geduld lernen.

Leonard Nelson entdeckte für seine Pädagogik die „Sokratische Methode“ wieder neu: Sie war die wichtigste Unterrichtsmethode in der Erwachsenenabteilung der Walkenmühle. Die sokratische Methode gründet sich auf das Vertrauen in die Vernunft des Menschen, in ihre Fähigkeit, durch intensives gemeinsames Nachdenken philosophische und mathematische Wahrheiten zu erkennen. Sie wird in Gesprächen miteinander verwirklicht, in denen man gemeinsam zu Urteilen über Einzelfälle kommt und diese Urteile wiederum auf ihre Voraussetzungen zurückführt (regressive Methode der Abstraktion).15 Die Schüler sollten lernen, in Gemeinschaft selbständig logisch zu denken. Der Lehrer durfte nicht durch sein eigenes Urteil eingreifen.

„Um das Charakteristische der Pädagogik von Nelson deutlich zu machen, welches im Landerziehungsheim Walkenmühle in die Praxis umgesetzt werden sollte, seien zwei pädagogisch wichtige Ergebnisse der „Kritischen Philosophie“ Nelsons erwähnt: 1. Der Grundgedanke der kritischen Philosophie ist es, dass die „Vernunft der letzte Prüfstein der Wahrheit“ ist. Jeder Mensch hat als Vernunftwesen diesen Prüfstein also in sich selbst; er ist nicht genötigt, Dogmen von äußeren Autoritäten anzunehmen.

Wird er dazu gezwungen, so wird seine Menschenwürde verletzt. In diesem Autonomieprinzip findet das Ideal des freien Menschen seinen Ausdruck. 2. Die Anerkennung einer ethischen Wahrheit bedeutet auch die Anerkennung von Aufgaben für den menschlichen Willen und vor allem die Anerkennung einer Pflicht. Was unsere Pflicht ist, ist nicht willkürlich, sondern objektiv bestimmt durch ethische Normen, die von uns erkannt werden können.“16

So sollten die LehrerInnen bemüht sein, bei den SchülerInnen die Fähigkeit eines Willens zu entwickeln und sie dazu zu führen, sich der moralischen Wahrheit zu unterwerfen, nachdem diese Wahrheit in freier Selbsttätigkeit erkannt wurde.

Um dieses Ziel zu erreichen, waren SchülerInnen, LehrerInnen und HelferInnen nicht nur während des Unterrichts zusammen, sondern wohnten auch gemeinsam in ihrer Schule. Die darin vielfältig auftretenden Probleme des täglichen Zusammenlebens, die Ordnung und die Aufgaben, die in so einer Gemeinschaft erforderlich waren, boten ein praktisches Übungsfeld. So wurde geübt, zu den Begebenheiten des täglichen Lebens Stellung zu nehmen, sich eine Meinung durch sachliche Besprechung in der Gemeinschaft zu bilden und die so gewonnenen Einsichten in das Leben in der Schule einfließen zu lassen. (vergl. Birgit S. Nielsen, Erziehung zum Selbstvertrauen, Seite 36).

Es wurde an die Kursteilnehmer die Anforderung gestellt, auf Nikotin und Alkohol zu verzichten, eine vegetarische Lebensweise zu führen, die Nelsonschen Philosophie anzuerkennen sowie aus der Kirche auszutreten und die Mitgliedschaft in einer sozialistischen Partei anzunehmen. Die SchülerInnen sollten sich allein darauf konzentrieren, ihre seelischen und geistigen Kräfte und den Charakter so auszubilden, dass sie in der Lage sein würden, die Umgestaltung der Gesellschaft entsprechend dem Rechtsgesetz durchzuführen.

In der Kinderabteilung der Walkenmühle gab es diese hohen Anforderungen nicht. Vielmehr sollten diese ihre sittlichen, geistigen und ästhetischen Kräfte ohne Bevormundung frei entfalten können. Dieser Grundsatz blieb ein offener Konflikt zwischen Grete Hermann und Leonard Nelson. Sie schrieb ihm dazu:

„[...] durch äußere Einwirkung einen Menschen zu bestimmen, sich nicht durch äußere Einwirkung bestimmen zu lassen ist ein paradox erscheinendes Ziel.“17

Die Kinderabteilung hatte eine Kindergartengruppe und mehrere Gruppen schulpflichtiger Kinder, die u.a. von Minna Specht und Grete Hermann unterrichtet wurden. Es wurden Jungen und Mädchen, egal welcher Klasse oder Nationalität sie angehörten, aufgenommen. So gab es neben Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen auch viele Arbeiterkinder. Dies war nur durch die besondere wirtschaftliche Unterstützung von außen und durch die sparsame Lebensweise möglich. Deswegen und aus Gründen der Pädagogik wurden die Kinder der Kinderabteilung dazu angehalten, selber zu erfahren, wie schwer es ist, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie verrichteten, soweit es ihnen möglich war, wie die anderen anfallende Arbeiten. Das Leben war den anderen Landerziehungsheimen gleich, ländlich einfach und spartanisch angelegt. Der Tag wurde mit Gymnastik und einem Waldlauf begonnen, danach galt es, das Zimmer aufzuräumen. Von halb neun bis dreizehn Uhr folgte der Unterricht mit einer halben Stunde Pause. Von halb zwei bis halb vier war Freizeit, in der die Kinder spielten. Nachmittags von vier bis sechs waren oft noch gemeinsame Aktivitäten, Sport oder Spiel. Je an zwei Abenden der Woche gab es eine „Kapelle“, wo regelmäßig Literatur vorgelesen oder Musik gespielt wurde. Dazu setzten sich alle an einen Tisch, manche machten nebenher auch Handarbeit oder bastelten, was als sehr gemütlich in den Memoiren von ehemaligen SchülerInnen und Besuchern beschrieben wurde.

Es gab LehrerInnen und MitarbeiterInnen, jedoch kein Dienstpersonal. Die MitarbeiterInnen waren Fachleute in den jeweiligen Bereichen, z.B. in der Schreiner- und der Schmiedewerkstatt, in der Küche und im Garten. Die SchülerInnen und LehrerInnen nahmen an deren Arbeiten teil, so dass die MitarbeiterInnen Zeit hatten, sich an verschiedenen anderen Aktivitäten der Schule zu beteiligen. Alle duzten sich, die Menschen lebten als eine sozialistische Gemeinschaft miteinander. Jeder bekam nur soviel, wie zum Lebensunterhalt nötig war. Es gab kein Gehalt. Wer persönliches Vermögen hatte, gab es an die Schule ab.

Zensuren oder Examen gab es nicht. Die Kinder bildeten im Unterricht Arbeitsgruppen, um sich je nach Interesse mit bestimmten Themen zu befassen. Es fanden sogenannte „Prüfungstage“ statt, wo die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppen mitgeteilt wurden. So kamen Kinder aller Stufen, MitarbeiterInnen und LehrerInnen zusammen und stellten gleichsam zur Selbstkontrolle fest, was sie im vergangenen Schulabschnitt gelernt hatten und wo noch Schwächen waren. Da vom Ergebnis weder Versetzung noch Zeugnisse abhingen, fehlte solchen Prüfungen der sonst übliche Leistungsdruck.

Die Pädagogik innerhalb der Kinderabteilung lässt sich aus der Schrift „Erziehungsplan der Schule Möllevangen“ von Minna Specht ersehen. Darin wird die Entfaltung der Kräfte durch die Entwicklungsgesetze des menschlichen Geistes in drei Stufen wie folgt beschrieben:

„Auf der ersten Stufe sind es im wesentlichen die Sinne, durch die sich das Kind der Außenwelt bemächtigt. Anschauung im weitesten Sinne liefert in dieser Zeit dem Geist das unentbehrliche Material für seine weitere Entwicklung.

Diese Entwicklung nimmt ihren Fortgang auf der zweiten Stufe, in der der Anschauungsstoff den Geist anregt, ihn zu Erfahrungen zu verarbeiten. Der heranwachsende Mensch fahndet nach Zusammenhängen, nach Naturgesetzen, die die bunte Fülle der Erscheinungen ordnen und dem Geist den Schlüssel liefern, sich die Natur dienstbar zu machen. Auf der dritten Stufe endlich fragt der Mensch nach dem Wert und Sinn der Erscheinungen. Er prüft die Umwelt und das eigene Leben, was sie ihm und seinen Ideen18 bedeuten. Er dringt vor zu moralischen, politischen und religiösen Problemen und sucht Lösungen, um einen festen Standort im Leben zu gewinnen.“19

Im Herbst 1931 wurde die Erwachsenenbildung der Walkenmühle geschlossen, um alle Kräfte auf den politischen Kampf gegen Hitler zu konzentrieren. Anfang 1933 wurde die Walkenmühle von der SA besetzt. Am 17. März 1933 wurde sie beschlagnahmt und geschlossen.

Minna Specht richtete daraufhin die sozialistische Exilschule, nach Prinzip der Walkenmühle, in Dänemark ein. Grete Hermann hielt sich sehr oft und lange in Dänemark auf. Sie gehörte mit zum Vorstand20 und half, nachdem die Schule mit ihren 20 SchülerInnen zweimal die Orte wechseln musste, bei der Instandsetzung des endgültigen Schulgebäudes in Östrupgård mit. Nicht zuletzt wegen der faschistischen Verhältnisse in Deutschland wurde für Grete Hermann Östrupgård ihr zu Hause. Dort hielt sich sie sich auf, sofern sie sich nicht auf Reisen zu politischen oder wissenschaftlichen Zwecken befand, und arbeitete mit ihrer Freundin Minna Specht an der Publikation von Leonard Nelsons Schriften. Ihr Name war genauso im Putz-, Koch- und Gartenarbeitsplan wiederzufinden, wie all die anderen.

Zu Minna Specht hielt Grete Hermann einen engen Kontakt. Ab 1932 arbeitete sie an der Tageszeitung der ISK „Der Funke -Tageszeitung für Recht, Freiheit und Kultur“ mit, die es sich zu ihrer Aufgabe gemacht hatte, an der Schaffung einer sozialistischen Einheitsfront gegen Hitler mitzuwirken. Trotz ihres Widerstandskampfes gegen das faschistische System fand sie Zeit, in Leipzig auf Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker zu treffen, um Gespräche über quantenmechanische Problemstellungen zu diskutieren. 1932 bis 1938 erschienen Veröffentlichungen21 zu naturphilosophischen Problemen der Quantenmechanik.

2.4. Politisches Engagement Grete Hermanns im Internationalen Jugend Bund (IJB) und im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK)

Nach dem Tod von Nelson im Jahr 1927 wurde Grete Hermann Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der zusammen von Leonard Nelson und Minna Specht 1926 gegründet wurde. 1932 arbeitete sie an der parteipolitischen Zeitschrift „Der Funke“ mit.

Nelson hatte nie versucht, Grete Hermann für seine politischen Aktivitäten zu gewinnen. Er sah, dass ihre Motivation der kritischen Philosophie galt und wollte sie darin unterstützen. Grete Hermann schrieb in ihrer Erinnerung ihren politischen Beginn wie folgt:

„Die Vorbehalte und Hemmungen, um deretwillen ich mich bis dahin von Nelsons praktischer Arbeit im IJB und ISK ferngehalten hatte, deutete ich mir selbst als die bloße Angst vor Konsequenzen, die zu ziehen ich nicht bereit gewesen war. Ich meinte nach Nelsons Tod nicht länger zögern zu dürfen, mich voll in die Arbeit hineinzustellen. So trat ich dem ISK bei.“22

Die IJB und ISK sind beides von Leonard Nelson gegründete politische Organisationen. Der IJB wurde bereits 1917 ins Leben gerufen. Die jungen Mitglieder waren vorwiegend aus den Kreisen der Arbeiterjugend, die sich gegen die Kriegsverherrlichung und die kapitalistische Ausbeutung stark machten.

Zur Gründungszeit des ISK gehörten der Partei knapp 200 Mitglieder an. Die Leitung der Partei übernahm Willi Eichler. Der ISK war eine Kaderpartei, die von ihren Mitgliedern verlangte, ihre Freizeit der Partei zur Verfügung zu stellen und hohe Mitgliedsbeiträge, entsprechend ihrem Einkommen, zu zahlen.

Gegen Ende der Weimarer Republik hatte der ISK in 32 Städten Ortsgruppen mit durchschnittlich neun Mitgliedern. In seinem eigentlichen Organisationskern gehörten dem ISK ca. 300 Mitglieder an. Sein Freundeskreis umfasste ca. 600 bis 1000 Personen, zu denen u.a. Persönlichkeiten wie Albert Einstein und Käthe Kollwitz gehörten. Im Ausland hatte der ISK nur wenige Kontakte. In England arbeitete eine kleine Gruppe des Kampfbundes.

Die vegetarischen Speisehäuser, die von den Mitgliedern betrieben wurden, waren Treffpunkte und wichtige Einnahmequellen.

Dank der großen finanziellen Opfer war es dem ISK möglich, einen Verlag zu gründen und eine eigene Monatszeitung herauszugeben. Die „isk“ erschien mit einer Auflage von 5.000 bis 6.000 Blättern. Ab 1929 gab es auch eine englische und eine Esperanto-Ausgabe. Vom 1. Januar 1932 bis zum 17. Februar 1933 gab der ISK die Tageszeitung „Der Funke“ in Berlin heraus.

Die Organisationsform und Aufnahmebedingungen des ISK waren strenger als die im IJB: um Mitglied zu werden, brauchte der Antragsteller zwei schriftlich begründete Unterstützungsbriefe von zwei Bürgen, die mindestens schon seit zwei Jahren im ISK Mitglied waren. In diesen Unterstützungsbriefen mussten die beiden Mitglieder bezeugen, dass der Antragsteller in der Lage und gewillt sei, seine Kraft für die Verwirklichung des Parteiprogramms einzusetzen. Die Mitgliedschaft musste jedes Jahr erneuert werden. Vegetarismus und Abstinenz waren Voraussetzung für diese. Um mit wichtigen Aufgaben betraut zu werden, mussten die Mitglieder ihre Charakterstärke unter Beweis stellen. Mit einer wichtigen Funktion innerhalb der Gruppe waren keine materielle Vorteile verbunden, eher mehr Pflichten. Durch systematische Auswahl sollte eine Führungselite von „Berufsrevolutionären“ heranwachsen. Nelsons Vorbild hierfür war Lenins „aktionsfähige, revolutionäre Kampfpartei“, die zum Durchbruch einer planmäßig vorbereiteten „proletarischem Revolution“ in Rußland und zur Absetzung des Zaren 1917 führte.

Die Politik des ISK war in den ersten Jahren nach der Gründung von Angriffen auf die anderen Arbeiterparteien gekennzeichnet. Von 1930 an konzentrierten sie sich auf den Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die einzige Möglichkeit, diesen abzuwehren, sahen sie in der Bildung einer Einheitsfront gegen die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei (NSDAP). Im Zusammenhang mit den Reichstagswahlen 1932 veranstaltete der ISK eine große Unterschriftensammlung: In einem dringenden Appell wurden alle Arbeiter aufgefordert, über ihre Gewerkschaften Druck auf die beiden großen Arbeiterparteien, SPD und KPD, auszuüben, sich zusammenzuschließen oder zu mindestens eine Listenverbindung bei den Wahlen einzugehen. Diesem Appell schlossen sich weder die Sozialdemokratischen Partei (SPD) noch die Kommunistische Partei Deutschland (KPD) an. Der Appell wurde u.a. von vielen Publizisten, Künstlern und Wissenschaftlern unterschrieben, wie z.B. Albert Einstein, Walter Hammer, Kurt Hiller, Erich Kästner, Käthe und Karl Kollwitz, Heinrich Mann, Arnold Zweig und vielen anderen.

Der ISK erreichte mit seinem Anliegen die Masse der Arbeiter nicht.

Zu Ostern 1933 wurde der offizielle Hauptzweig des ISK aufgelöst, um von nun an in der Illegalität weiterzuarbeiten. Durch seine Struktur war dies in wohlgeordnetem Maße möglich. Die vegetarischen Restaurants, die in verschiedenen Städten von ISK-Mitgliedern betrieben wurden, dienten als wichtige Kontaktzentren. Ebenso wichtig für die illegale Arbeit war die Seifenfabrik von Max Wolf. Diese bot Arbeitsmöglichkeiten und durch die finanzielle Unterstützung seitens Max Wolfs Reisemöglichkeiten. Willi Eichler leitete den antifaschistischen Kampf von Paris aus, wo auch des öfteren Grete Hermann zu Besuch war. In den gemeinsam mit Minna Specht herausgegebenen Werken von Leonard Nelson schreibt sie im Vorwort, datiert vom 31. August 1931:

„Es ist ein langer Weg, der vom Aufbau des Systems der Ethik und Pädagogik über die Politik zur Herrschaft ethischer Ideale im öffentlichen Leben führt.“23

Grete Hermann versuchte diesem Ziel näher zu kommen, in dem sie an reformpädagogischen Schulmodellen in Deutschland und Dänemark mitarbeitete. In der Hochphase ihres politischen Engagements beschäftigte sie sich gleichzeitig mit den Grundlagen der Quantenmechanik. 1934 hielt sich Grete Hermann für drei Monate in Leipzig auf, um ihren Fragen nach dem Verhältnis der modernen Physik zur Naturphilosophie nachzugehen. So traf sie sich des öfteren am physikalischen Institut in Leipzig mit Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker, zwei Autoritäten auf diesem Gebiet. Mit eigenen Veröffentlichungen machte sie sich einen immer bekannteren Namen.

1936 erhielt sie den Richard-Avenarius-Preis, vergeben von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, für ihre Arbeit zum Thema „Welche Konsequenzen haben die Quantentheorie und die Feldtheorie der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis?“24

Grete Hermann konnte sich zu diesem Zeitpunkt, im Gegensatz zu vielen ihrer politischen Freunde und Genossen, noch relativ ungefährdet in dem faschistischen Deutschland bewegen. Ihre wissenschaftlichen Reisen nutzte sie auch für ihre politische Arbeit. In einem Brief an Birgit Nielsen schrieb sie:

„Über die behandelten Fragen [Anm.: Fragen zu ihrer naturphilosophischen Ausarbeitung] habe ich in den Jahren 1934-36 in einer Reihe physikalischer Institute und wissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland Vorträge gehalten. [...]. Gewiss habe ich auf solchen Reisen, wo es möglich war, auch illegal arbeitende Freunde getroffen - nicht um an ihren Aktivitäten teilzunehmen, sondern um mit ihnen in intensiven Aussprachen den Sinn ihres Widerstandes zu durchdenken. Das waren philosophische Kurse; sie gingen tiefer und waren lebendiger als wohl alle Unterrichtsarbeit, wie ich sie sonst in meinem Leben geleitet habe.“25

Für sie galt, dass Mut und Bereitschaft zum Widerstand durch gedankliche Klärung der Werte gestärkt werden können. In diesem Sinne hielt sie philosophische Reden vor Genossen und diskutierte anschließend mit ihnen über das Gehörte und ihre eigenen Meinungen. Nach der Verhaftung und Flucht vieler ihrer Freunde verließ auch Grete Hermann Deutschland, um nicht sich und andere zu gefährden. Nach einem Aufenthalt in Paris ging sie 1938 nach London.

Die Kriegsgefahr und die damit verbundene Gefahr einer deutschen Besetzung Dänemarks bedrohte den Fortbestand der Exilschule. Auch Minna Specht zog in dieser Zeit in Erwägung, mit der Schule nach England überzusiedeln.

Um weiterhin die Möglichkeit zu haben, ihre politischen Freunde durch Reisen zu kontaktieren, schloss Grete zum Erwerb der britischen Staatsangehörigkeit eine Ehe mit Eduard Henry, die nach dem Krieg geschieden wurde. Sie wurde führendes Mitglied des ISK und widmete sich in London vollkommen der politischen Arbeit.

1941 wurde sie stellvertretendes Mitglied des ISK in der UNION und von April bis August 1943 war sie Mitglied der Kommission zur Ausarbeitung eines Aktionsprogramms zum Aufbau einer sozialistischen Einheitsfront. Sie beteiligte sich damit an führender Stelle an der Bekämpfung des nationalsozialistischen Regimes.

2.5. Nachkriegsjahre und Lebensende

Nach Bremen kehrte sie 1946, ein Jahr nach Kriegsende, zurück. Grete Hermann-Henry übernahm die Leitung der im Aufbau befindlichen Pädagogischen Hochschule.

Ihr Hauptanliegen war es, die junge Generation im demokratischen Geist zu erziehen. Sie organisierte Diskussionszirkel mit den Studenten, die unter dem Nationalsozialismus aufgewachsen und sichtlich verunsichert waren. Sie versuchte so die Vergangenheit mit ihren StudentInnen aufzuarbeiten Wie sich manche StudentInnen erinnerten, gab sie durch ihren menschlichen Einfluss Halt und Orientierung, die sie anderswo kaum erfuhren.26 Von 1950 bis 1966, nach ihrem Rücktritt als Leiterin der Hochschule, lehrte sie an der PH Physik und Philosophie und bildete die neue LehrerInnengeneration aus. Zusätzlich zu ihrer Lehrtätigkeit engagierte sie sich für die Erneuerung und Verbesserung des Bildungssystems. Ihr Anliegen und ihre Hoffnung war, durch die Bildung in Deutschland, eine demokratische, gerechte Gesellschaft entstehen zu lassen. Es folgten zahlreiche Aktivitäten in Bildungsgremien. Sie gründete die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) und arbeitete aktiv in den bildungs- und kulturpolitischen Gremien der SPD mit. In den Jahren 1954 bis 1966 war sie Mitglied in dem 20köpfigen parteiübergreifenden „Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen“.

Auch in diesen Jahren des aktiven Wiederaufbaus des Bildungswesens befaßte sich Grete Hermann weiter mit der kritischen Philosophie. Sie schrieb „Die Überwindung des Zufalls - kritische Betrachtung zu Leonard Nelsons Begründung der Ethik als Wissenschaft“. Ihr philosophisches Engagement führte sie zum Vorsitz der Philosophisch-Politischen Akademie in Frankfurt, einer der SPD nahestehenden Institution.

Während all der Jahre blieb sie mit ihrer vertrauten Mitarbeiterin und Freundin Minna Specht in Kontakt. Als Minna Specht als Leiterin der Odenwald-Schule pensioniert wurde, zog sie 1954 zu Grete Hermann nach Bremen. Minna Specht erkrankte bald darauf und wurde von Grete Hermann bis zu ihrem Tod 1961 gepflegt. In den letzten Lebensjahren zog sich Grete immer stärker zurück und trat kaum noch in der Öffentlichkeit auf.

Bis zu ihrem Tod am 15.04.1984 setzte sie sich mit der kritischen Philosophie auseinander.

ANHANG

3. Wissenschaftliche Arbeiten Grete Hermanns

Der folgende Text stützt sich auf drei erkenntnistheoretische Arbeiten von Grete Hermann, die sie in der Zeit von 1935 bis 1937 veröffentlichte. Sie werden im Text wie folgt abgekürzt:

QM: „Die naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik“27

GR: „Über die Grundlagen physikalischer Aussagen in den älteren und den modernen Theorien“28

BE: „Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis“29

3.1. Wahrnehmung und Erfahrung

Für Grete Hermann und die Erkenntnistheorie ist die physikalische Theorie nur eine Weiterentwicklung von Prozessen, die bereits bei alltäglichen Wahrnehmungen und alltäglichen Folgerungen aus diesen ablaufen.

Die Wahrnehmung ist zunächst einfach nur ein unmittelbarer, unstrukturierter Sinneseindruck. Um der zunächst während der direkten Wahrnehmung vorhandenen „Wahrnehmungsgewissheit“ Dauer zu verleihen und ein Reagieren auf Eindrücke zu ermöglichen, müssen die Wahrnehmungen erst verarbeitet werden. Sie müssen geordnet und zueinander in Beziehung gesetzt werden:

„Die Aufgabe der Naturerkenntnis ist es, diesen Zusammenhang des Naturgeschehens zu erforschen. Sie geht dabei aus von der Wahrnehmung, in dem Sinn, dass die Wahrnehmung zum entscheidenden Kriterium wird, dem jede Aussage über die Natur, und zwar hinsichtlich aller darin behaupteten Daten der Naturbeschreibung untersteht.“30

Dieses Einordnen in den Naturzusammenhang geschieht meist so unmittelbar mit der Wahrnehmung verknüpft, dass es uns gar nicht mehr bewusst wird. So wenden wir bereits bei der Wahrnehmung Begriffe an, die in der Wahrnehmung nicht enthalten sind.

Wenn wir beispielsweise den Wahrnehmungseindruck, den wir von einem vor uns liegenden Blatt Papier erhalten, beschreiben als „ich sehe etwas Weißes“, dann enthält diese Aussage bereits zwei Kategorien, die in der Wahrnehmung selbst nicht enthalten sind. Das „etwas“ steht für den Begriff einer fortdauernden, mit sich selbst identischen und auch in verschiedenen Zusammenhängen identifizierbaren Substanz, dem als Trägermaterial bestimmte Eigenschaften, hier „Weiß“, zugeordnet werden können. Selbst in dieser denkbar einfachen Aussage benutzen wir schon die zwei Kategorien Substanz und Eigenschaft, mit deren Hilfe wir den Wahrnehmungseindruck strukturieren (vgl. GR, S.9f)

Andererseits aber kann die Naturerkenntnis durch die Wahrnehmung allein nicht begründet werden.[...] In der Naturerkenntnis findet also ein Übergang von der Wahrnehmung zum Erfahrungsurteil statt, der über den Inhalt der Wahrnehmungsgewissheit hinausgreift. Das

Wahrgenommene wird dabei in einen Naturzusammenhang eingeordnet und so zur Erfahrung verarbeitet.“31

Die Erkenntnistheorie versucht die Maßstäbe und Begriffe zu finden, die wir in unserer Wahrnehmungsverarbeitung anwenden.

„Es ist die wichtigste Aufgabe einer Theorie der Naturerkenntnis, dieses Zustandekommen der Erfahrungsurteile zu klären und insbesondere die Erkenntnisquellen aufzuweisen, die außer der Wahrnehmung bei der Entwicklung jener theoretischen Ansätze mitgewirkt haben.“32

Dies wurde erstmals von Immanuel Kant versucht zu erarbeiten. Die von ihm begründete „Kritische Philosophie“ oder „Transzendentalphilosophie“ bezeichnet die der Erfahrung zugrundeliegenden Maßstäbe und Begriffe als Kategorien oder Erkenntnisse a priori. Grete Hermann nennt als solche Kategorien Raum und Zeit, Substanz und Kausalität. Während die Kategorien von Zeit und Raum sich an die anschaulichen Daten der Wahrnehmung anschließen, tun die Vorstellungen der dauerhaften, mit sich selbst identischen Substanz und der Kausalität dies nicht. Sie treten erst in der Erfahrung hinzu.

Wir sehen z.B. Flächen verschiedener Farben „gleichzeitig“, d.h. „in einem Augenblick“. Gewisse räumliche und zeitliche Strukturen lassen sich also direkt in der Wahrnehmung aufweisen. Um aber Kausalität „wahrzunehmen", bedarf es bereits mehrerer Wahrnehmungseindrücke, die wir in Beziehung zueinander setzen. In einer einzelnen Wahrnehmung lassen sich die Kausalität und die mit sich selbst identische Substanz nicht entdecken.

Es lässt sich Folgendes über die Wahrnehmung zur Erfahrung und damit zur Naturerkenntnis sagen:

„Der Übergang von der Wahrnehmung zur Erfahrung stellt sich demnach so dar, dass in der Wahrnehmung dem Erkenntnisvermögen eine Aufgabe gestellt wird. Es ist die Aufgabe, die wahrgenommenen Daten, die zunächst nur mit der der Wahrnehmung eigentümlichen Gewissheit als augenblicklich gegeben aufgefasst worden sind, einzuordnen in einen Naturzusammenhang, in dem das Einzelne miteinander verbunden ist, in den anschaulichen Ordnungen von Raum und Zeit und durch die realen Verknüpfungen wiedererkennbarer, den Raum erfüllender Substanzen und kausal bestimmter Änderungen ihrer Eigenschaften. Schon die Erfahrungsurteile des täglichen Lebens sind Lösungsversuche dieser Aufgabe; wir sind allerdings aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit den Ansätzen zu diesen Lösungen derart vertraut, dass diese Lösungsversuche ohne jedes Suchen, so gut wie gleichzeitig mit der Wahrnehmung ins Bewusstsein treten. [...] Und wird schließlich erst in der systematischen Arbeit des Physikers einer wissenschaftlich methodischen Untersuchung unterzogen.“33

3.2. Zur Klassischen Physik

Die physikalischen Experimente zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Resultate geliefert, die mit der bereits existierenden Theorie der klassischen Physik und der Feldtheorie nicht zu klären waren. Bevor diese Ergebnisse der Experimente in der Theoretischen Physik erneute Fragen aufwarfen, waren die PhysikerInnen überzeugt, jeden Naturvorgang adäquat beschreiben zu können.

Die klassische Theorie lieferte die Möglichkeit, jede Art der Bewegung von Teilchen (d.h. von Massen bzw. Massepunkten) zu beschreiben und bei Kenntnis des augenblicklichen Zustands dieser Teilchen deren künftige Bewegungsrichtung voraussagen zu können.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde von dem Physiker Maxwell eine Theorie zur Beschreibung und Vorausberechenbarkeit von elektromagnetischer Strahlung formuliert. Durch diese Theorie konnten auch Ereignisse, die der Strahlungsnatur angehörten (z.B. Licht, elektrodynamische Prozesse, Röntgenstrahlung, kosmische Strahlung u.s.w.) erklärt werden.

Die Physik basierte also zu jener Zeit auf zwei tragende Theorien zur Beschreibung von Naturvorgängen, die heute als Klassische Physik bezeichnet werden:

In der Theorie der Klassischen Physik werden Teilchen mechanische Eigenschaften zugeordnet, die den physikalischen Zustand eines Teilchens charakterisieren. Zugehörige charakteristische physikalische Größen sind Raum, Masse und Zeit.

Bewegungsprozesse von „substanzlosen Größen“ können durch ein modellhaftes Konstrukt eines Feldes mit Wellencharakter beschrieben werden. So können z.B. Lichtwellen als periodische Änderungen des elektromagnetischen Feldes erklärt werden. Je nach Anwendungsgebiet konnte zwischen einem mechanischen Prozess und einem Strahlungsprozess unterschieden werden. Grete Hermann schrieb zur klassischen Physik Folgendes:

„Die Klassische Physik hat stillschweigend vorausgesetzt, dass der physikalischen Theorie gelingen werde, die Naturvorgänge eindeutig und adäquat nach ihren räumlichen und zeitlichen Verhältnissen zu bestimmen und aufgrund der gegenseitigen Wechselwirkung des den Raum Erfüllenden als streng kausal determiniertes Geschehen erklären zu können. Die klassische Naturerklärung geht daher stets auf ein in den Formen von Raum und Zeit konstruiertes Modell aus, das den Anspruch erhebt, die wirklichen Verhältnisse der Natur widerzugeben und an ihnen die naturgesetzlichen Zusammenhänge aufzuweisen.“34

„Die Idee des Laplaceschen Dämons, der den augenblicklichen Zustand der Natur vollständig kennt, sämtliche Naturgesetze überschaut und auf Grund dieser Kenntnis den zukünftigen Gang der Ereignisse in allen Einzelheiten vorhersagen kann, [...] (war) der Ausdruck der sicheren Überzeugung, dass jedes Naturgeschehen in allen seinen Zügen durch vorangehende Ereignisse verursacht worden ist und daher für einen der Naturgesetze Kundigen aus diesen Ursachen vorausberechenbar sein müsse.“35

Die Vorausberechenbarkeit zukünftiger Ereignisse lieferte auch das Kriterium dafür, ob ein Naturereignis richtig erfasst wurde. Eine Theorie muss sich anhand ihrer Voraussagen durch bestätigende Experimente und Beobachtungen überprüfen lassen.

Die klassische Physik ging also ursprünglich von folgenden Annahmen aus:

1.) Das Naturgeschehen ist kausal bestimmt und lässt sich daher bei genügend genauer Kenntnis der Gesetze und der physikalischen Größen aus seinen Ursachen vorausberechnen.

2.) Es ist prinzipiell möglich, alle physikalischen Größen eines Systems exakt zu messen, und seinen Zustand objektiv, d.h. unabhängig vom Beobachter und von dem Beobachtungszusammenhang, zu charakterisieren.

3.) Es lassen sich anschauliche, raum-zeitliche Modelle entwickeln, die das Naturgeschehen adäquat beschreiben, d.h. der Wirklichkeit entsprechen. Eine einzige, einheitliche Beschreibung für das Naturgeschehen ist möglich.

Der Quantenmechanik liegen dagegen folgende Grundaussagen zugrunde:

1.) Das Naturgeschehen ist zwar streng kausal bestimmt, jedoch nur beschränkt vorausberechenbar

2.) Die Exaktheit der Messung ist durch die Unschärferelationen beschränkt. Ein System kann nur relativ zum jeweiligen Beobachtungszusammenhang charakterisiert werden.

3.3. Zur Problematik der Quantenmechanik

Würde nur die Energie der Wellenlänge bzw. der Frequenz des Lichtes das Auslösen der Elektronen aus ihrem Atomverband bewirken, würde es ca. 3.000 Stunden dauern, bis die Elektronen die Energie erreicht hätten, die zur Emission nötig wäre.36 Der Photoeffekt setzt aber ohne zeitliche Verzögerung bei λ=400 nm ein, d.h. vollkommen trägheitslos. Das Experiment „Photoeffekt“37 ließ sich damit nicht mehr durch die Wellennatur des Lichtes erklären. Es mußte bei dem Experiment des Photoeffekts angenommen werden, dass das Licht einen Teilchencharakter besitzt, der dieses Experiment sinnvoll interpretieren lässt.

PhysikerInnen sprechen daher von einem Teilchencharakter des Lichtes, dem sogenannten Photon (Lichtquant). Die Anzahl, der in einer bestimmten Zeit auftreffenden Lichtquanten, bestimmt die Anzahl der ausgelösten Elektronen.

Unter einem Teilchen, wie dem Elektron, stellte man sich in der klassischen Physik ein kleines elastisches Kügelchen vor. Diesem Teilchen konnte ein bestimmter Radius, eine Masse und eine bestimmte Ladung zuordnen werden. Dass diese Vorstellung falsch war, zeigte ein 1927 von dem Physiker Thomson durchgeführtes Experiment. In diesem Experiment wurde ein Elektronenstrahl auf ein dünnes Blättchen aus gepresstem Kristallpulver gerichtet. Nachdem die Elektronen des Strahls das Plättchen passiert hatten, wurden sie auf einer Photoplatte registriert. Das auf diese Weise gewonnene Bild hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Interferenzbild, welches man bei der Bestrahlung von kristallenen Materials mit Röntgenstrahlung erhielt. Hätten sich die Elektronen so verhalten, wie man dies in der klassischen Physik von Teilchen erwartete, so hätte Thomson bei seinem Versuch ein verschwommenes Bild mit gleichmäßig abnehmender Belichtung vom Zentrum der Photoplatte zu deren Ränder hin erhalten müssen. Entstanden war aber eine Figur aus Kreisen. Die Figur konnte nur durch das Superpositionsprinzip38 erklärt werden.

Bei dem von Thomson durchgeführten Experiment wurden Elektronen an einem Kristallgitter gebeugt39. Es entstanden durch Interferenz Beugungsmaxima und -Minima. Es mußte daher davon ausgegangen werden, daß Elektronen einen Wellencharakter besitzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die als solche bezeichneten Dualismusexperimente zeigten, dass die Bilder von Welle und Teilchen unzureichend waren. Beide Beschreibungsweisen konnten nicht absolut zutreffen. Jede von ihnen schränkte vielmehr die Anwendbarkeit der anderen ein. Aus den Daten der Experimente hatte Heisenberg diese Beschränkung in der Anwendbarkeit jedes der beiden Bilder mathematisch festlegt. Die bekannteste dieser Beschränkungsformeln ist die Unschärferelation40, wonach die Angabe des Ortes bei der Bestimmung eines atomaren Korpuskel um so mehr unbestimmter wird, je genauer der Impuls der Partikel bestimmt ist, und umgekehrt. Grete Hermann schreibt zur Unbestimmtheit der Vorhersagen:

„Da aber die beiden Bilder nur beschränkt anwendbar sind, so sind notwendigerweise auch die aus ihnen abgeleiteten Vorhersagen beschränkt; sie lassen das Ergebnis in einem ihrer eigenen Unbestimmtheit entsprechenden Intervall unbestimmt.“41

Die mathematische Formulierung bezeichnet die Größe des Ortes und des Impulses als Intervall (ΔOrt x ΔImpuls ≥ Planksch´es Wirkungsquantum).

Der genaue Ort des Elektron und dessen Wellenfunktion lassen sich nicht aus den Anfangsbedingungen vorhersagen. Hier setzte nun Grete Hermanns Kritik an der Interpretation von Ereignissen an:

Was also, wenn, [...] , der Möglichkeit solcher Voraussagen Schranken gezogen sind? Wer sich darüber mit der Ausrede hinwegsetzen wollte, dass zwar die Erkenntnis der die Vorgänge determinierenden Ursachen beschränkt, das Vorliegende solcher Ursachen aber nicht in Zweifel gezogen sei, der verweist das Kausalgesetz aus dem Bereich der die Naturerkenntnis leitenden Prinzipien in den der Mystik.“42

Und weiter:

„Solange sich für ein beobachtetes Ereignis noch keine hinreichenden Ursachen angeben lassen, bleibt es wegen der prinzipiellen Unabgeschlossenheit der Erfahrung stets ein noch offenes Problem und physikalisch sinnvolles Problem, durch Experimente mit ähnlich verlaufenden Vorgängen gewisse der Beobachtung bisher entgangene Merkmale aufzusuchen, aus denen sich das fragliche Geschehen kausal erklären lässt.“43

Dem Nachweis der Nichtgültigkeit des Kausalgesetzes stellt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit entgegen: der Gedanke der Unabgeschlossenheit der Erfahrung. Es ist für die Erfahrung schlicht unmöglich, Akausalität zu beweisen, da diese für die Erfahrung vom Fall mangelnder Kenntnisse nicht unterscheidbar ist.

„Wenn das Verhältnis von Ursache und Wirkung in nichts anderem besteht, als darin, dass die Wirkung vorausgesagt werden kann wenn die Ursache bekannt ist, dann gibt es für prinzipiell nicht vorausberechenbare Ereignisse keine Ursache. Die Tatsache, dass die Quantenphysik auch für nicht vorausberechenbare Ereignisse eine naturgesetzliche Erklärung voraussetzt und aufsucht, zeigt somit, dass die Gleichsetzung beider Begriffe auf eine Verwechslung beruht. Die kausale Verknüpfung betrifft unmittelbar nur die notwendige Abfolge der Ereignisse selber. Die Möglichkeit, diese auf Grund der Einsicht in die Kausalzusammenhänge vorauszuberechnen, liefert das Kriterium für die richtige Anwendung der Kausalvorstellung. [...] Wie aber steht es mit dem Kriterium der Kausalität? Auch die Quantenphysik ist auf ein Kriterium angewiesen und entnimmt es, ebenso wie die klassische Physik der Möglichkeit, künftige Ereignisse vorauszusagen. Im Gegensatz zur klassischen Physik aber hat sie mit der Voraussetzung gebrochen, dass jede Kausalbehauptung sich unmittelbar durch die Vorhersage der Wirkung kontrollieren lasse. Auch für nicht vorausberechenbare Ereignisse gibt die Quantenphysik eine kausale Erklärung und prüft diese durch Voraussagen. Aber diese Kontrolle erfolgt über einen Umweg: Aus den nicht vorausberechenbaren Ereignissen wird auf ihre Ursache zurückgeschlossen und aus der Annahme, dass diese Ursache vorgelegen hat, werden dann wiederum Voraussagen über kommende Ereignisse abgeleitet, deren Eintreten empirisch kontrolliert werden kann.“44

Der Erklärungswert einer Hypothese kann nur durch die Vorausberechenbarkeit künftiger Naturgeschehen kontrolliert werden. Ohne die Möglichkeit solch einer Kontrolle büßt die Behauptung kausaler Zusammenhänge den Charakter der Naturerkenntnis ein. Dennoch sind die Begriffe der Kausalität und die der Vorausberechenbarkeit nicht identisch, wovon fälschlicherweise in der Physik ausgegangen wurde. Durch die Klärung der Begrifflichkeiten, insbesondere in ihrem Essay: „Die Bedeutung der moderne Physik für die Theorie der Erkenntnis“, hebt Grete Hermann den scheinbaren Widerspruch - die Beschreibung von nicht-kausalen Abläufen durch die beschränkte Vorausberechenbarkeit - in der Quantenphysik auf.

Sie gibt zu bedenken:

„Hat aber das Elektron nach diesen Überlegungen nicht gleichzeitig einen genauen Ort und Impuls, dann kann sein genauer Ort und sein genauer Impuls für seine weitere Bewegung nicht maßgebend sein. Fällt diese Annahme, dann ist die Tür offen für die Frage, ob sich nicht andere Merkmale finden lassen, von denen der Ablauf der Bewegung abhängt und aus denen er sich vorausberechnen läßt. Der Formalismus der Quantenphysik kennt solche Merkmale nicht. Aber daraus folgt nicht das Recht, sie für unmöglich zu erklären.“45

Grete Hermann folgert daraus:

„Die Grenze, bis zu der das eine oder das andere Modell Verwendung findet, ist ihrerseits keine objektive Eigenschaft des Gegenstandes; sie hängt viel mehr vom jeweiligen Beobachtungsverfahren ab.“46

Zwar rechnet die Quantenmechanik mit der Möglichkeit einer Erweiterung der Kenntnis von atomaren Gebilden und deren Vorgängen, schließt aber eine Hinzunahme unbekannter Qualitäten aus47.

4. Literaturverzeichnis

dtv-Lexikon, Verlag F. A. Brockhaus, Wiesbaden, 1972

Heisenberg, Werner

Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis derAtomphysik, München: dtv 1973

Grete Henry-Hermann

Die Überwindung des Zufalls - Kritische Betrachtungen zu Leonard Nelsons Begründung der Ethik als Wissenschaft, Verlag öffentliches Leben, Frankfurt 1953

Grete Hermann

Die naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik in Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 2; (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1935)

Grete Hermann

Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis, Verlag von S. Hirtzel, Leipzig 1937.

Grete, Hermann

Über die Grundlagen physikalischer Aussagen in den älteren und den modernen Theorien in: Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 3 u. 4 (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1937)

Hermann, G. / May E. / Vogel, Th. Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis, 1937, Verlag von S. Hirtzel, Leipzig

Corona Hepp

Avantgarde - Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertbewegung, dtv, München 1992.

Helmut Lindner

Physik für Ingenieure, Verlag Vieweg 1969

Birgit S. Nielsen

Erziehung zum Selbstvertrauen - Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933-1938, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1985.

Karin Wenzel

Grete Hermann - Die naturphilosophischen Probleme der Quantenmechanik, Skript aus dem Vortrag im Mai 1993 des 20. Bundesweiten Kongresses von Frauen in Naturwissenschaft und Technik.

[...]


1 Heisenberg, Werner, Der Teil und das Ganze, Gespräche im Umkreis der Atomphysik, München: dtv 1973 (Kapitel 10: Quantenmechanik und Kantsche Philosophie)

2 Henry-Hermann, Grete: Die Überwindung des Zufalls - Kritische Betrachtungen zu Leonard Nelsons Begründung der Ethik als Wissenschaft, Verlag öffentliches Leben, Frankfurt 1953 , Seite 198

3 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., S. 180

4 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 179/180

5 dtv-Lexikon: Verfasser u.a. der „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) und „Kritik der Urteilskraft“ (1790). In diesen Werken wird u.a. die Erkenntnistheorie beleuchtet. Kant behauptet, dass der Zugriff der menschlichen Erkenntnis sich auf die „Erscheinungswelt“ beschränkt. Diese Erscheinungen sind uns nicht anders zugänglich als in ihren Formen, die der menschliche Geist in sie hinein trägt. Die Erfahrung schließt damit schon eine Verarbeitung durch apriorische Begriffe und Anschauungsformen in sich ein. Die Anschauungsformen sind nach Kant Raum und Zeit. Der Raum und die Zeit sind weder bloße Realitätsbegriffe, noch absolute Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, sondern subjektive Formen, unter denen wir Dinge anschauen. So ist nach Kant zwischen Erscheinungen, Dinge, sofern wir sie unter den subjektiven Formen von Raum und Zeit überhaupt anschauen können, und „Dingen an sich“, sofern der Verstand sie unabhängig von der Art der Anschauung erwägt, zu unterscheiden. Die reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) sind Kausalität, Einheit und Vielfalt usw. , insgesamt zwölf. Über die Dinge an sich sind keine Aussagen möglich. Er befasst sich mit der allgemeinen Gültigkeit von ästhetischen Geschmacksurteilen und deutet die wesentlichen Stücke der christlichen Glaubenslehre im Sinne von Grundgedanken um. Dies trug ihm ein Verbot des Ministers Wöllner ein, weiter in dieser Richtung zu lehren. Jakob Fries war ein Schüler Kants.

6 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite XII

7 Nielsen, Birgit S., Erziehung zum Selbstvertrauen, 1985, Seite 16

8 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 180

9 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 180

10 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 191

11 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 196

12 Minna Specht, geboren am 22.12.1879, in Reinbek, war ausgebildete Lehrerin und von 1896 bis 1902 als Erzieherin in einer Adelsfamilie tätig. Sie unterbrach ihre berufliche Tätigkeit, um von 1906 bis 1909 in Göttingen und München Geschichte, Geographie und Philosophie und von 1912 bis 1914 in Göttingen Mathematik zu studieren.

13 Nielsen, Birgit S., a.a.O., Seite 33

14 Nielsen, Birgit S., a.a.O., Seite 33, Zitat aus Gustav Heckmann: Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung für die Schule im Exil in Dänemark vom 22.07.1933

15 dtv-Lexikon: Sokrates, griech. Philosoph, *Athen 470 v.Chr., = 399 v. Chr. Wurde wegen angeblicher Gottlosigkeit zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Sokrates hat keine Schriften hinterlassen. Seine Lehre beruht auf den Berichten seiner Schüler Xenophon und Plato. Durch eindringliches Fragen wollte er vermeintliches und scheinbares Wissen zerstören und zum „Wissen des Nichtwissens“ hinführen. Durch Infragestellen des Herkömmlichen wollte er zu einem Wissen gelangen, in dem wahres, dauerndes Sein erfasst wird. Durch die Methode des ruhelosen Fragens (sokratische Methode) kann sich jeder dieses Wissen selbst erarbeiten.

16 Nielsen, Birgit S., a.a.O., Seite 34 , Aus Minna Spechts Beilage über die philosophisch-pädagogischen Grundlagen der Walkenmühle zur Erreichung der Aufnahme der Schule im dänischen Exil

17 Nielsen, Birgit S., Erziehung zum Selbstvertrauen, 1985, S. 32

18 dtv-Lexikon: Die Antwort auf das natürliche Streben des menschlichen Erkennungsvermögen nach dem „Abschließendem“, Unbedingten findet Kant in den „Ideen“. Diese sind nicht Verstandes-, sondern Vernunftbegriffe und haben „regulative“ Bedeutung für die Verarbeitung des Erfahrungsstoffes; sie ordnen die Erfahrung zusammen, erbringen aber keine Erkenntnis des Unbedingten. Die höchsten theoretischen Ideen nach Kant sind: Seele, Welt und Gott.

19 Birgit S. Nielsen, a.a.O., S. 61

20 Der Vorsitz des Vorstandes wurde durch Minna Specht, Grete Hermann und Marie Benedicte bekleidet.

21 Hermann, Grete, Die naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik, in Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 2; (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1935) Hermann, Grete, Über die Grundlagen physikalischer Aussagen in den älteren und den modernen Theorien, in: Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 3 und 4 (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1937)

22 Henry-Hermann, Grete a.a.O., Seite 195

23 Miller Susanne, a.a.O., Seite 222

24 Hermann, G. / May E. / Vogel, Th., Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis, 1937, Verlag von S. Hirtzel, Leipzig

25 Nielsen, Birgit S., a.a.O., Seite 222

26 Miller, Susanne in Henry-Hermann, G., a.a.O., Seite 219

27 Hermann, Grete, Die naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik, in Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 2; (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1935)

28 Hermann, Grete, Über die Grundlagen physikalischer Aussagen in den älteren und den modernen Theorien, in: Abhandlungen der Fries´schen Schule, N.F. Band 6, Heft 3 und 4 (auch als Sonderdruck, Berlin: Verlag von S. Hirtzel 1937)

29 Hermann, G. / May E. / Vogel, Th., Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis, 1937, Verlag von S. Hirtzel, Leipzig

30 GR, Seite 15f

31 GR, Seite 16

32 BE, Seite 4

33 GR, Seite 40f

34 BE, Seite 41

35 QM, Seite 79

36 Vergl. Helmut Lindner, Physik für Ingenieure, Kapitel Wellen und Teilchen, 1969

37 Das Experiment wurde 1888 von W. Hallwachs durchgeführt. Im Jahre 1900 wurde von Max Plank der Begriff des Energiequant eingeführt. 1905 stellte Einstein die Hypothese auf, wonach Lichtquanten auch in der Zeit zwischen ihrer Emission und Absorption als Korpuskel definierter Energie und definiertem Impuls bestehen. (Einsteinsche Lichtquantenhypothese)

38 Die Superposition bezeichnet die Überlagerung von Wellen. Ist die Phase der Amplituden gleich, so ist die Elongation der resultierende Welle gleich der Summe der Amplituden der Einzelwellen. Bei entgegen gesetzter Phase löschen sich die Amplituden der Einzelwellen gegenseitig aus. Interferenz bezeichnet die Gesamtheit der charakteristischen Überlagerungserscheinungen, die mit fester Phasenbeziehung untereinander am gleichen Raumpunkt beobachtbar sind, und die dieselbe Frequenz (Schwingungsdauer) besitzen.

39 Abweichung von der gradlinigen Ausbreitung einer Welle an den Grenzen eines Hindernisses

40 Anm.: In der Quantentheorie lassen sich nicht gleichzeitig Ort und Impuls eines Teilchens bestimmen. Je genauer man die eine Größe bestimmt, um so ungenauer ist die andere bestimmbar. Derselben UnschärfeBeziehung gehorcht die Energie und die Zeit zum Zeitpunkt eines Ereignisses.

41 QM, Seite 86

42 QM, Seite 80f

43 GR, Seite 10

44 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 13

45 Henry-Hermann, Grete, a.a.O., Seite 9

46 QM, Seite 135

47 Heisenberg formulierte in seinem Buch Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft von 1947 auf Seite 45, dass die Quantentheorie gestattet „die Gründe für das Eintreten eines Ergebnisses stets vollständig aufzuzählen, selbst wenn sie eine Voraussage des zukünftigen Ereignisses nicht möglich macht.“

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Details

Titel
Zur Biographie von Grete Hermann
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
38
Katalognummer
V103740
ISBN (Buch)
9783640411924
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Biographie von Grete Hermann Anhang: Wahrnehmmung und Erfahrung
Schlagworte
Biographie, Grete, Hermann
Arbeit zitieren
Vera Venz (Autor), 2001, Zur Biographie von Grete Hermann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103740

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