Das Thema Tod bei Katherine Mansfield


Seminararbeit, 2001
19 Seiten, Note: zwei

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Das Thema Tod bei Katherine Mansfield

1. Einleitung

Katherine Mansfields Kurzgeschichten "The fly", "The daughters of the late colonel" und "The stranger" habe ich exemplarisch ausgesucht, weil sie alle gegen Ende ihres Lebens verfaßt wurden; "The daughters of the late colonel" und "The stranger" schrieb sie 1920, "The fly" 19221. In jeder Geschichte geht es um Menschen, die emotionale Unfähigkeit beweisen und auf die sich der Tod eines anderen Menschen in jeweils unterschiedlicher Weise auswirkt.

In "The fly" geht es um einen erfolgreichen Geschäftsmann, der mitten im Leben steht und verzweifelt nach dem Grund sucht, warum er nicht um seinen vor sechs Jahren gestorbenen Sohn trauern kann.

Die beiden "Daughters of the late colonel", Josephine und Constantia, sehen sich nach dem Tod ihres Vaters plötzlich einer Freiheit gegenüber, die sie weder begreifen noch verwirklichen können, und leben weiterhin wie unter Beobachtung, obwohl der Vater nicht mehr lebt.

In "The stranger geht es um die Beziehung zu Mr. Hammonds zu seiner Frau und darum, wie fremd die beiden einander sind. Dies wird Hammond erst richtig klar, als seine Frau von ihrer Hilfe beim Sterben eines Fremden erzählt.

Diese drei Geschichten haben alle eine Gemeinsamkeit: Jedesmal hat der Tod eines Menschen, sei es ein naher Verwandter oder ein völlig Unbekannter, die Situation der Protagonisten entscheidend verändert.

Ich werde diese drei Geschichten nacheinander auf verschiedene Aspekte hin untersuchen. Das eigentliche Thema einer jeden Erzählung soll dabei im Mittelpunkt stehen. Erst zuletzt möchte ich konkret auf das Thema Tod eingehen. Denn augenscheinlich steht nicht nur diese Thema immer im Vordergrund einer jeden Geschichte. Es geht nicht um den Tod an sich, sondern eher um die Auswirkungen, die das Sterben eines Menschen auf sein Umfeld haben kann, und um die Übertragbarkeit des physischen Todes auf das Absterben von Gefühlen und Emotionen. Somit kommen natürlich immer auch andere Themen zur Sprache und nehmen eventuell überhand. Ich werde versuchen, diese Dinge gesondert zu behandeln; deswegen werde ich die allgemeine Interpretation und die Interpretation des Themas Tod in gesonderten Punkten behandeln.

Katherine Mansfield war gezwungen, sich mit dem Tod auseinandersetzen; ihr Bruder starb im ersten Weltkrieg, sie selber war zum Zeitpunkt des Verfassens dieser drei Kurzgeschichten schon todkrank. Diese Tatsachen haben mit Sicherheit auch dazu geführt, daß sie sich mit diesem Thema in den Erzählungen befaßt. Die biographische Deutung der Geschichten wird hier allerdings eher im Hintergrund stehen.

2. Durchführung

2.1 Die Kurzgeschichten

2.1.1 "The Fly"

2.1.1.1 Formaler Aufbau

In der Kurzgeschichte "The fly"2 treten zwei Protagonisten auf: Mr. Woodifield, ein ältlicher Pensionär, und "the boss", dessen richtiger Name nicht genannt wird. Handlungsort ist die ganze Zeit das Büro des boss. Die Kurzgeschichte läßt sich in drei Teile unterteilen: Der erste Teil ist das Gespräch zwischen boss und Woodifield (S. 412- 415), der zweite Teil die Gedanken des boss über seinen toten Sohn und seinen Umgang damit (S. 415-416), und der dritte Teil ist das Experiment mit der Fliege (S.416 - 418).

Bezeichnend für den Stil im ersten Teil der Geschichte sind die Perspektivwechsel. So beginnt Mansfield zum Beispiel aus der Sicht Woodifields zu erzählen (S.412) und setzt schon den nächsten Absatz aus der Sicht des boss fort. Auf Seite 414, während Woodifield erzählt, ist es wiederum nicht ganz klar, aus welcher Sicht berichtet wird.

Die beiden anderen Teile der Geschichte werden von der Erzählform der erlebten Rede (innerer Monolog) dominiert; der boss ist hier die einzige (menschliche) Figur.

2.1.1.2 Inhalt

Zu Beginn der Geschichte wird der Eindruck von Woodifield als ein alter, gebrechlicher Mann vermittelt, der seinen ehemaligen Chef besucht und ihn und seine noch immer präsente Tatkraft sehr bewundert. Die beiden Männer unterhalten sich zuerst über das Büro des boss, auf welches dieser geradezu peinlich stolz ist. Er zeigt seinem Gegenüber seine Neuanschaffungen und sonnt sich in dessen Bewunderung. Auch der Sohn, bzw. seine Fotografie, wird hier zum ersten Mal erwähnt; es wird aber nicht über sie gesprochen, und wer sie bemerkt, Woodifield oder der boss, ist unklar.

Nachdem der boss Woodifield mit einem Schluck Whisky aufgewärmt hat, erinnert dieser sich an den Grund seines Besuchs und erzählt nun, daß seine Töchter am Grab seines Sohnes und dabei auch am Grab des Sohnes des boss gewesen seien. Während Woodifield weiter spricht, reagiert der boss zusehends unfreundlicher. Als sein Besuch dann gegangen ist, beginnt er, über seinen Sohn nachzudenken. Er befaßt sich in Gedanken ausführlich mit seiner Beziehung zu ihm und mit der Bedeutung, die sein Sohn für ihn gehabt hat; er durchlebt auch noch einmal, wie er vom Tod seines Sohnes erfahren hat und erkennt, daß er aus irgendeinem Grund unfähig ist, zu trauern, und daß er nicht weinen kann.

An diesem Punkt setzt der dritte Teil ein: Der boss findet eine Fliege in seinem Tintenfaß und rettet sie. Es fasziniert ihn, wie diese sich wieder erholt, und macht dann etwas völlig Unerwartetes: Er bespritzt sie mit einem Tropfen Tinte. Wiederum beobachtet er, wie sich die Fliege von diesem Rückschlag erholt und sich säubert, und bewundert ihren Mut. Er wiederholt das Experiment noch zweimal, doch beim zweitenmal erholt sich die Fliege nicht - sie ist tot. Traurig und enttäuscht versucht der boss sich zu erinnern, worüber er zuvor nachgedacht hat, aber er kann es nicht. Er wirft die Fliege in den Papierkorb und bittet seinen Angestellten um neues Löschpapier.

2.1.1.3 Interpretationsansätze

Zu Beginn der Geschichte werden zwei völlig unterschiedliche Charaktere vorgestellt: Ein alter Mann, am Ende seines Lebens angelangt, und ein agiler Unternehmertyp, in der Blüte seiner Schaffenskraft. Als sich das Blatt wendet und Woodifield, nachdem er die Gedanken des boss auf dessen toten Sohn gelenkt hat, schließlich geht, hat man den Eindruck, der boss leide nun sehr unter diesem vergangenen Schicksalsschlag. Bald wird jedoch klar, daß er viel mehr darunter leidet, daß er nicht wirklich trauern, nicht richtig weinen kann: "But no tears came yet" (S. 415). Er ergeht sich in Vorstellungen über seinen phantastischen, mustergültigen Sohn, wobei hier schon die Frage auftritt, ob der Sohn wirklich so gewesen ist. Laut J. F. Kobler wird er von seinem Vater jetzt nur verherrlicht, tatsächlich sei er ganz anders gewesen: "lazy, dishonest, conceited, forgiven too much by his mother and sisters - in short, worshiped as the only son and heir."3 Als der boss schließlich mit dem Experiment mit der Fliege beginnt, hat er noch immer nicht weinen können. Das nun folgende Verhalten des boss, seine Brutalität gegenüber der Fliege, ist vielfach interpretierbar. Saralyn Daly sieht darin eine Spiegelung des früheren Verhältnisses zwischen Vater und Sohn: "...his treatment of the fly reflects similar though less extreme behaviour toward his son."4 Oft ist auch das Zitat aus dem King Lear als Interpretationsgrundlage verwendet worden: "'As flys to wanton boys are we to the gods: they kill as for their sport.'"5 Dies würde bedeuten, daß der boss die Fliege "als Sport", aus reinem Sadismus und aufgrund seiner brutalen Machtgelüste umbringt. Allerdings wird bei einer solchen Sichtweise außer Acht gelassen, daß der boss die Fliege gar nicht umbringen möchte, im Gegenteil, er will, daß sie sich erholt und ihm ihren Lebensmut zeigt. Er ist mehr als enttäuscht als sie schließlich stirbt. Peter Halter hält es für wichtig, bei der Interpretation der Fliegenszene in jedem Fall die beiden vorangegangenen Szenen mit einzubeziehen. So erkenne man, laut Halter, daß das eigentliche Problem des boss sei, daß er seine Trauer schon längst überwunden habe, daß ihn dieser Schicksalsschlag nach diesen sechs Jahren nicht mehr mitnimmt, daß er trotzdem ein zufriedener und erfolgreicher Mann, wie in der ersten Szene gesehen, ist6. Nimmt man diesen Ansatz als Grundlage, steht das Experiment mit der Fliege nun eher im Licht der Wahrheits- und Selbstfindung: Der boss erkennt in dem Verhalten der Fliege sein eigenes wieder; ihr Tod, so auch Halter, sei Gleichzusetzen einerseits mit dem Ende der Trauer, andererseits jedoch mit etwas sehr viel Tiefgreifenderem: der "Absurdität und Sinnlosigkeit des Universums"7, eine Erkenntnis, die der boss nicht zulassen möchte.

2.1.1.4. Der Tod als Thema in "The fly"

Die Erkenntnis, mit welcher Endgültigkeit der Tod auf jedes Lebewesen wartet, ist ein Resultat des Experiments mit der Fliege. Der boss reflektiert nicht weiter über dieses Ergebnis, das er mit seiner Untersuchung erzielt hat; er bricht es ab und versucht, zur Tagesordnung überzugehen, indem er in alte Mechanismen verfällt: "He started forward and pressed the bell for Macey."(S.418) Mansfield benutzt hier, so auch Halter8, das Stilmittel der verhinderten Epiphanie.

Der Umgang mit dem Tod ist in dieser Geschichte ein großes Thema. Der Tod wird als etwas Endgültiges dargestellt und in einer sehr brutalen Form gezeigt. In erster Linie geht es darum, daß ein Vater versucht, um seinen Sohn zu trauern. Als ihm dies nicht gelingt, sucht er nach Antworten in einem Experiment; doch die Wahrheit, daß der Tod ein Mechanismus im gesamten Universum ist, dem man letztendlich nicht ausweichen kann und der als gegeben hingenommen werden muß, kann er nicht ertragen - obwohl er selber, und dies ist die Antwort auf seine eigentliche Frage, schon längst den Tod seines Sohnes akzeptiert hat und damit lebt, ohne daß es seinen beruflichen Erfolg und die Zufriedenheit in seinem Leben stört. Man sieht in der ersten Szene, daß der boss eigentlich ein glücklicher und gesunder Mann ist, der erst in sich zusammenfällt, als die Sprache auf seinen toten Sohn kommt. Dies passiert aber nicht, wie man zuerst glaubt, weil er so sehr trauert, sondern vielmehr, weil er gar nicht mehr traurig ist. Er versucht alles mögliche, um den Kummer in sich selbst hervorzurufen; wieder und wieder hält er sich das Bild seines angeblich so mustergültigen Sohnes vor Augen und stellt ihn sich sogar in seinem Grab vor. Aber er kann nicht trauern und sieht sich somit eines Rechtes beraubt. Mansfield spricht mit dieser Geschichte die Unfähigkeit der Menschen an, mit dem Tod umzugehen. Es geht hier außerdem nicht um Angst vor dem Tod oder vor dem Sterben, sondern vielmehr darum, den Zyklus des Lebens mit Geburt, Lebenszeit und Tod als Schicksal des Menschen zu sehen, welches, "im Rahmen des Makrokosmos gesehen, als kaum verschieden von jenem des Insektes betrachtet"9 werden muß. Dies wird auch aus dieser Stelle eines Briefes von Mansfield an ihren Mann John Murry deutlich: "'I felt like a fly who has been dropped into the milk-jug and fished out again, but is still too milky and drowned to start cleaning up yet.'"10. So kann man auch ihren Kampf gegen den eigenen Tod und die Erinnerung an den von vielen Menschen vielleicht schon vergessenen Bruder als biographische Aspekte in dieser Kurzgeschichte betrachten. Auch soll ihr Vater Ähnlichkeiten mit dem boss aufweisen, so Halter und Daly.11

Daß der boss, obwohl ihm sein Experiment die Tatsachen so deutlich vor Augen geführt hat, daraus nicht gelernt hat, wird deutlich, weil er sich nicht mehr daran erinnern kann, an was er zuvor gedacht hat - den Bezug zwischen dem Schicksal der Fliege und seinem eigenem erkennt er nicht; würde er weiter darüber nachdenken, käme er zu dem Schluß, daß er den Tod in seiner Endgültigkeit schon lange akzeptiert hat, daß er quasi mit Gefühlskälte auf den Tod seines Sohnes reagiert, und das kann er nicht; er läßt es nicht an sich herankommen.

2.1.2 The daughters of the late colonel

2.1.2.1 Formaler Aufbau

Die Protagonisten der Kurzgeschichte sind die Schwestern Josephine und Constantia, der Colonel, Nurse Andrews, Cyril, das Hausmädchen Kate und der Pfarrer Mr. Farolles. Handlungsort ist das Haus der Schwestern und ihres Vaters. Die Geschichte ist in zwölf Szenen unterteilt. Auch in dieser Geschichte ist die erlebte Rede in Form des Inneren Monologs ein häufiges Stilmittel. Die Erzählperspektive ist mal die Sicht Josephines, mal die Sicht Constantias, mal die Sicht beider Schwestern, die sich so sehr aneinander angeglichen haben, daß ihre Reaktionen sich sehr ähneln; ihre Assoziationen gehen jedoch gelegentlich auseinander - so beispielsweise in der Vorstellung des laufenden schwarzen Boten (S.273).

Bezeichnend für diese Kurzgeschichte ist außerdem der ständige Sprung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wobei sich gelegentlich nur schwer erkennen läßt, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Peter Halter spricht hier von einer "Schichtung mehrerer Zeitebenen"12.

2.1.2.2 Inhalt

Die Geschichte beginnt eine Woche nach dem Tod des Colonels im Schlafzimmer der Schwestern, die, wie der erste Satz bezeichnenderweise schon sagt, zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich alleine gestellt sind und nun Entscheidungen aus eigenem Ermessen treffen müssen13. Die Erzählung springt in der Zeit vor und zurück: Szene II berichtet von der vergangenen Woche und dem anstrengenden Leben mit Nurse Andrews, die dritte kürzeste Szene beinhaltet den Tod des Vaters. Szene IV wiederum spielt auch in der vergangenen Woche nach dem Tod des Colonels; hier wird von dem Besuch des Pfarrers Mr. Farolles berichtet. Szene V erzählt von der Beerdigung und den damit verbundenen Schuldgefühlen der Schwestern, welche sich auch in Szene VI bei dem Versuch zeigen, das Zimmer des Vaters zu betreten und seine Sachen durchzusehen, woran beide aus Angst vor dem Vater scheitern. Szene VII schließt zeitlich direkt daran an und zeigt die Unterwürfigkeit, die die beiden Schwestern vor dem Hausmädchen Kate an den Tag legen; außerdem überlegen sie, dem Bruder Benny oder dessen Sohn Cyril die Uhr des Vaters zu geben. So wird dann in Szene VIII und IX die Erinnerung an einen Besuch Cyrils im Hause und im Zimmer des Colonels zu dessen Lebzeiten wach. In Szene X und XI stellen die Schwestern Überlegungen an, ob sie das Hausmädchen behalten möchten oder nicht. Szene XII schließlich ist die Schlüsselszene, in denen den beiden Frauen aufgrund eines Leierkastenmannes, den sie nun nicht mehr auf Geheiß des Vaters fortschicken müssen, klar wird, daß ihr Vater tatsächlich gestorben ist. Die wage Vorstellung, daß sich daraus Konsequenzen für sie beide ergeben könnten, die ihr Leben verändern könnte, beginnt beinahe, Form anzunehmen. Doch bevor die eine der anderen davon erzählen kann, ist der Moment vorbei und sie haben die Erkenntnis nicht verinnerlichen können.

2.1.2.3 Interpretationsansätze

Die beiden Schwestern, über die man im ersten Augenblick eigentlich lachen möchte, sind ein Beispiel für Menschen, die sich bedingungslos in ein von Autoritäten unterdrücktes Leben gefügt haben, und sich daraus nicht befreien können. Ihr Umgang mit den Aufgaben des Alltags wirkt ungeschickt und naiv und wird vor allem von der noch immer währenden Präsenz des Vaters dominiert. Ihre große Angst vor ihm wird schon in Szene III deutlich - der Vater stirbt, doch sein eines Auge zornig über seine Töchter:

[...] he suddenly opened one eye. Oh, what a difference it would have made [...] if he had opened both! But no--one eye only. It glared at them a moment and then ... went out.(S. 267)

Als der Vater begraben wird, ist sich Josephine auf einmal sicher, daß er über diese Tatsache und über die ganzen Geldausgaben sehr zornig sein wird und ihnen nie vergeben wird - die beiden Schwestern überlegen ernsthaft, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man den toten Vater in der Wohnung behalten hätte, "[...] just for a time at least" (S. 269). Halter spricht bezüglich dieser Stelle von einer psychischen Deformation, die der Vater seinen Töchtern zugefügt habe14. Ähnlich absurd wie diese Szene ist der Glaube der Schwestern an die Tatsache, daß sich der Vater im Schrank seines Zimmers versteckt hält, den Constantia schließlich abschließt. Auch die Geste, Nurse Andrews für eine weitere Woche einzuladen, zeigt deutlich die Gewöhnung der Schwestern an eine Autorität: Ihnen ist die Krankenschwester zwar unsympathisch, aber sie erhält den ordentlichen Tagesablauf aufrecht und ersetzt somit den Colonel, beziehungsweise wirkt wie sein wachsames Auge. Eben diese Aufgabe erfüllt auch das Hausmädchen Kate, die wie ein Überbleibsel des Vaters wirkt und auf ihre Art die beiden Frauen weiterhin tyrannisiert, ohne daß diese sich gegen so viel Macht und Autorität (eines Hausmädchens!) wehren könnten. Man merkt, daß das Leben der Schwestern weiterhin darauf ausgerichtet ist, den Vater - obwohl er gar nicht mehr lebt - und somit alle Autoritäten in ihrem Leben zufrieden zu stellen. J.F. Kobler formuliert es so:

"...they have given their lives to trying to satisfy him, to make him happy; obviously they have not succeeded, probably because they could not succeed with that man no matter what they had done."15

Das ständige Gefühl, den Vater nicht zufriedengestellt zu haben, überschattet ihr ganzes Leben, auch noch nach seinem Tod. Alle Entscheidungen hat er ihnen bisher abgenommen, er hat sie tyrannisiert, eingesperrt und ihnen jegliche Selbstständigkeit genommen, Halter spricht sogar davon, daß sie ihm "geopfert" worden sind16 ; Saralyn Daly vergleicht sie mit der Maus, die Constantia in der ersten Szene so sehr bedauert und von der sie sich nicht vorstellen kann, wie sie überhaupt lebt17. Halter sieht außerdem in den Temperaturverhältnissen vor und nach dem Tod des Colonels in dessen Zimmer eine Parallelität zu dem Leben der Schwestern und vergleicht diese mit "Treibhauspflanzen": Zu Lebzeiten ihres Vaters war das Zimmer heiß und stickig, nach seinem Tod eiskalt - eiskalt wie die Welt, die auf die beiden wartet, zu kalt, als daß sie sich ihr stellen könnten18.

In der zwölften Szene dringt aufgrund eines Leierkastenmannes die Erkenntnis langsam zu ihnen durch, daß der Vater gestorben ist; die Melodie des Leierkastens singt es beinahe in ihre Köpfe: "It will never thump again" [...] "A week since father died" (S. 282) An dieser Stelle tritt auch die Sonne hinter den Wolken hervor - ein Symbol für die Erkenntnis, die Erleuchtung die ihnen nun widerfahren könnte, ein Zeichen für Freiheit und Freude, Licht in ihrem dunklen Leben. Constantia denkt an Nächte, in denen sie sich, "as though she was crucified" (S.284), in die Strahlen des Mondes gelegt hat (Daly sieht hierin die Sehnsucht nach sexueller Erfüllung19 ), oder daß sie früher in den Ferien manchmal heimlich gesungen hat - sie erinnert sich daran, daß es auch ein anderes Leben geben kann: "There had been this other life..." (S.284). Auch Josephine spürt die Veränderung, doch die beiden hindern sich gegenseitig daran, der Schwester ihre Gefühle mitzuteilen Der Moment verstreicht, eine Wolke schiebt sich wieder vor die Sonne - und sie haben die Erkenntnis, daß sie sich aus ihrem Dasein befreien könnten, nicht erlangt.

Auch hier arbeitet Mansfield also wieder mit dem Mittel der verhinderten Epiphanie. Constantia und Josephine sind beide zu schwach, haben sich zu lange bevormunden lassen, so daß sie sich selbst dabei im Wege stehen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und es zu ändern. Sie können noch nicht einmal in Worte fassen, daß in ihnen etwas aufgekeimt ist, daß einer unbestimmten Hoffnung sehr nahe kommt - sie sind in sich selbst und in ihrem unterdrückten Dasein gefangen.

2.1.2.4 Der Tod als Thema in "The daughters of the late colonel"

Es geht in dieser Geschichte nicht darum, wie der Mensch selber mit seinem eigenen Tod umgeht, sondern wie Veränderungen wie der Tod eines Verwandten das Leben eines Menschen umstellen können. Das eigentliche Thema der Erzählung ist sicherlich nicht das Altern oder der Tod, sondern die Abhängigkeit der Schwestern und ihre Unfähigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Mansfield zeigt mit einer gewissen Grausamkeit - denn jeder Leser muß zuerst einmal schmunzeln - wie unbarmherzig jemand in das Leben zweier Menschen eingegriffen hat und sie mit seinem Machtverhalten "psychisch deformieren"20 konnte. Zwei Töchter haben sich in die vollkommene Abhängigkeit von ihrem Vater begeben und sind darin gefangen. Aber dann stirbt der Vater - ist die ewige Tyrannei nun nicht vorbei? Der Machtmensch, die Autorität schlechthin ist gestorben und ist nicht mehr da, man darf sogar die Frechheit besitzen ihn zu begraben. Aber darf man das wirklich? Der Tod, der eigentlich etwas Endgültiges ist, kann von den beiden Töchtern als so nicht gesehen werden. Der Vater ist zwar tot, aber eigentlich ist er es nicht. Man sollte meinen, daß diese beiden Schwestern ihr Leben lang nur darauf gewartet haben, aus diesem Leben erlöst zu werden; insofern müßte der Tod des Vaters eine wirkliche Erlösung für sie sein. Aber sie weinen um ihn, da sich das Pflichtbewußtsein so tief in sie eingegraben hat, und sie haben sich so sehr in ihr Schicksal gefügt, daß der Tod ihres Vaters nur eine zusätzliche Belastung ihrer Unselbständigkeit bedeutet, nicht aber die tatsächliche Befreiung aus der Tyrannei. So ist in dieser Geschichte mit dem Tod nicht etwas Endgültiges geschehen; jemand ist zwar gestorben, aber er ist beinahe genauso präsent wie vorher - in dem Hausmädchen, in der Krankenschwester, in den beiden Frauen selbst. Der Tod als Erlösung nicht nur für den kranken Sterbenden sondern auch für die Angehörigen, die unter ihm gelitten haben, hätte in dieser Geschichte das Thema sein können. Aber die Epiphanie wird verhindert, und die Erkenntnis, die sich eigentlich in den Köpfen der Schwestern festsetzen sollte, geht wieder verloren, ohne daß sie richtig greifbar war. So ist der Tod des Vaters also keine Erlösung für sie, es hat keine eigentliche Veränderung stattgefunden; die Tyrannei, der sie ausgesetzt waren, setzen sie nun selber fort. Ihre Freiheitsgefühle sind zwar vorhanden, aber abgestumpft, und in dieser letzten Szene entsagen sie ihnen völlig. Dem Leser erscheint es beinahe so, als ob auch Josephine und Constantia sterben. Sie verzichten auf das wirkliche Leben, fügen sich in ein Schicksal, das sie sich nun selbst auferlegt haben. Die Sonne, die an ihrem Fenster vorbeizieht, wird schließlich von einer Wolke verdeckt und nimmt das letzte bißchen Leben mit sich.

Auch Mansfield selber scheint es, als ob ihre "two flowerless" schließlich sterben: "And after that, it seemed to me, they died as surely as Father was dead..."21

2.1.3 "The stranger"

2.1.3.1 Formaler Aufbau

Die Protagonisten der Erzählung sind die Eheleute Janey und John Hammond. Es treten etliche Antagonisten in Erscheinung: Die Menschen am Hafen, die Leute im Hotel, Bedienstete. Handlungsorte sind der Hafen, das Schiff, ein Taxi und das Hotel. Die Geschichte in einzelne Szenen einzuteilen gestaltet sich etwas schwierig; grob gesehen kann man von zwei Abschnitten ausgehen: Der ersten Abschnitt ist das Geschehen im Hafen und umfaßt das Warten Mr. Hammonds auf seine Frau (S. 350- 354), der zweite Abschnitt spielt sich nach ihrer Ankunft ab (S.354-364). Ebensogut wäre es möglich, den zweiten Abschnitt noch auf die verschiedenen Handlungsorte aufzuteilen - auf dem Schiff (S.354-358), im Taxi S. 358-359) und im Hotel (S.359- 364).

Mansfield beginnt die Geschichte mit auktorialer Erzählperspektive; sehr bald ändert sich dies aber schon und es wird personal aus Mr. Hammonds Sicht erzählt.22 Auch in dieser Kurzgeschichte wird viel mit dem inneren Monolog gearbeitet.

2.1.3.2 Inhalt

Die Geschichte setzt ein, indem das Geschehen am Hafen beschrieben wird. Viele Menschen erwarten das Eintreffen eines Schiffes; unter ihnen Mr. John Hammond, der seine Frau, die er zehn Monate nicht gesehen hat, abholen möchte. Er ist sehr ungeduldig, aber in freudiger Erwartung, und glaubt, daß alle anderen Leute sich ebenso sehr auf das Eintreffen von Janey Hammond freuen. Hammond ist sehr freundlich, hebt auch ein kleines Mädchen auf ein Faß und hält es fest, und spricht sehr nett mit den übrigen Leuten. Als aber das Schiff schließlich Kurs auf den Hafen nimmt, kann er sich nicht mehr halten; er schenkt dem Hafenmeister alle seine Zigarren und hält ungeduldig nach Janey Ausschau. Schließlich kann er das Schiff betreten und sie begrüßen, wobei sie direkt nach dem Verbleib der Kinder fragt. Sie ist sehr in Anspruch genommen durch das Verabschieden von den übrigen Passagieren; schließlich läßt sie Hammond, der sich die ganze Zeit nur wünscht, endlich mit ihr alleine zu sein, sogar in ihrer Kabine warten, damit sie sich von dem Schiffsarzt verabschieden kann.

Mit einem Taxi fahren die beiden ins Hotel. Wieder und wieder betont Hammond, laut und in Gedanken, wie glücklich er ist, sie wieder bei sich zu haben. Er wünscht sich nun keine Unterbrechung mehr und möchte sie ganz für sich alleine haben. Ob Janey Hammond ebenso fühlt, bleibt dem Leser verborgen; allerdings macht sie einen zwar freundlichen, aber etwas kühleren Eindruck, und sehnt sich eher nach den Kindern.

Im Hotel gehen die beiden sofort in ihr Zimmer, wo ihr Alleinsein wiederum von dem Portier und dann von den von Janey entdeckten Briefen der Kinder unterbrochen wird. Als sie schließlich auf Hammonds Schoß sitzt, erzählt sie ihm von einem Erlebnis an Deck: Ein Mann ist in ihren Armen gestorben. Hammond ist geschockt, alle Kraft verläßt ihn. Seine Frau erzählt arglos weiter; für ihn jedoch ist es, als entfremde sie sich immer weiter von ihm. Daß sie sich von sich aus selbstlos um einen fremden Mann gekümmert hat, ist für ihn völlig unverständlich. In dem Wissen, nun nie wieder völlig allein mit seiner Frau sein zu können, klammert er sich an sie.

2.1.3.3 Interpretationsansätze

Sehr bezeichnend für diese Kurzgeschichte ist schon der Titel: "The stranger", der Fremde. Gemeint ist hier vordergründig natürlich der fremde Mann, der in den Armen von Janey gestorben ist. Blickt man tiefer, so zeigt sich, daß es in dieser Geschichte noch mehr "Fremde" gibt: Mr. und Mrs Hammond sind sich selbst genauso fremd wie diesem Mann auf dem Schiff.

In dem ersten kurzen Absatz der Geschichte vergleicht Mansfield wieder Menschen mit Insekten:"[...] - little flies walking up and down the dish on the grey crinckled tablecloth."(S.350) Sie erzählt hier von den Menschen auf dem Schiff, die hier sehr winzig, zerbrechlich und irgendwie ausgeliefert erscheinen. Wie in "The fly" bemerkt man bei diesem Vergleich Insekt - Mensch wieder, daß Mansfield das Schicksal des Menschen, im Rahmen des Makrokosmos gesehen, als kaum verschieden von jenem des Insektes betrachtet: in Millionenzahl geboren, haben beide eine winzige Zeit zur Verfügung, gerade genug, um in Licht der Welt Zeugnis abzulegen für eine ebenso wunderbare wie grausame Schöpfung"23 (Peter Halter über das auch in 2.1.1.3 erwähnte Zitat von Mansfield24 ).

John Hammond, der am Hafen sehnsüchtig auf das Eintreffen seiner Frau wartet, macht auf den Leser einen zwar sympathischen, aber etwas übereifrigen Eindruck. Die irrige Vorstellung, daß alle anderen Menschen, die an diesem Hafen warten, ebenfalls nur da sind, um Janey zu begrüßen, macht ihn glücklich. Seinen Wunsch, seine Frau endlich im Arm zu halten, übertragt er auf das kleine Mädchen, welches er auf ein Faß hebt und festhält. Er gibt selber zu: "The movement of holding her [...] relieved him wonderfully, lightened his heart." (S.352) Schon hier wird sein Wunsch zu beschützen, vor allem aber seine Sehnsucht nach körperlicher Nähe sehr deutlich. Er macht in seinem Umgang mit anderen Menschen einen eigentlich souveränen, geübten Eindruck; tatsächlich scheint er nur eine einzige Schwäche zu haben: Seine Frau und den unerfüllten Wunsch, sie voll und ganz zu besitzen. Janey Hammond, das wird sehr schnell deutlich, hat mehr Macht über ihren Mann: "Stand still"(S.358) Es fällt auf, daß sie sich bereits in ihrem zweiten Satz nach den Kindern erkundigt, und im weiteren Verlauf der Geschichte wird klar, daß ihre Kinder das sind, worauf sie sich eigentlich gefreut hat. Beim Anblick ihrer Briefe im Hotel schreit sie leise auf; als sie aber Hammond im Hafen erblickt, ist sie "bereit" (S.354). Sie ist ihrem Mann zwar liebevoll und freundlich zugetan, doch er sagt immer wieder, daß er glaube, daß sie niemals richtig ihm gehöre.25 Er hat das Gefühl, daß sie nie ganz bei ihm ist, das immer etwas fehlt. Wie auch Kobler sagt: "It should be increasingly clear in the story that Hammonds great need is to possess his wife entirely, to make her a mere extension to himself."26

Als Hammond sie schließlich ins Hotel gebracht hat, vorbeigeschleust an allen Menschen, die ihre Aufmerksamkeit wollten und endlich alleine mit ihr ist, sind wiederum die Briefe der Kinder in ihrer Bluse ein Hindernis: "[She was] putting the children symbollically closer to her heart than John has probably ever been."27 Mehr und mehr gewinnt man den Eindruck, daß der Hauptgrund für die Ehe mit diesem Mann für Janey die Kinder sind, das Einzige, was sie ihm näher bringt und sie mit ihm verbindet. Hammonds Drang, sie so nah wie möglich bei sich zu haben, wird immer stärker - er befiehlt ihr beinahe, ihn zu küssen.(S.361). Doch sogar als sie dieser Aufforderung nachkommt, tut sie es, als unterschreibe sie einen Vertrag (S.361) Schließlich aber erzählt sie von dem Mann auf dem Schiff, der gestorben ist, während sie ihn in den Armen hielt. Sie hatte sich also - von sich aus - um einen Mann gekümmert, einen völlig fremden Mann, und hatte ihn liebevoll im Arm gehalten. Genau das, was sich Hammond seit Beginn der Geschichte von seiner Frau wünscht: Daß sie von sich aus impulsiv die Arme um ihn legt und ganz und gar bei ihm ist.

Beim Hören dieses Erlebnisses seiner Frau verfällt Hammond, alle Kraft entweicht aus ihm. Saralyn Daly zieht hier eine Parallele zu dem Tod des Fremden: Hammond erlebe ebenso einen Tod, "a metaphorical death"28. So wie das Feuer in dem Zimmer anfangs wie Hammonds Herz warm brenne, so gehe es auch, als Hammond diesen Tod erlebt, langsam aus. Der Fremde kann also in dieser Geschichte auch als John Hammond in einer anderen Ebene gesehen werden: Er ist seiner Frau genauso fremd wie dieser Mann. Er erkennt hier am Schluß der Geschichte, daß Janey gegenüber anderen - den Kindern, einem fremden Mann - eine Zärtlichkeit an den Tag legt, die sie ihm gegenüber nicht hat, so sehr sie sich auch bemühen mag. Er erkennt, daß Janey nicht völlig ihm gehört, und sein Herz stirbt.29

Die Epiphanie an dieser Stelle kommt somit einer Desillusionierung gleich.

2.1.3.4 Der Tod als Thema in "The stranger"

Die Erzählung aufzulösen, wie S. Daly es versucht hat, gibt dem Geschehen einen viel weiteren Sinn: Der Tod des Fremden auf dem Schiff ist eigentlich nur von geringer Bedeutung. Nur für John Hammond bricht damit eine Welt zusammen, denn er muß sich nun wirklich eingestehen, daß seine Frau für Fremde etwas tut, was sie für ihn einfach nicht tun kann. Der Tod ist hier ein Symbol für das gebrochene Herz, für das Ende einer Illusion. Der fremde Mann stirbt an Herzbeschwerden - ebenso tut es Hammond. Er wird beinahe ohnmächtig, als Janey ihm die Geschichte erzählt, er fühlt alle Kraft aus sich entweichen und von Minute zu Minute wird ihm immer kälter.

Die Geschichte ist deswegen so ergreifend, weil der Leser für beide Seiten Sympathie verspürt: Für Hammond, der sich die uneingeschränkte Liebe seiner Frau so sehr wünscht; und für Janey, die ihr Möglichstes tut, um ihren Mann nicht zu enttäuschen. Aber was er von ihr verlangt, ist dennoch ein Ding der Unmöglichkeit. Er möchte sie nur für sich alleine haben, sie voll und ganz besitzen. Er verlangt einfach zu viel von ihr, aber sie kann ihm auch nur wenig geben. Und als sie ihm dann schließlich diese Geschichte erzählt, während er sie im Arm hält, wie sie den Fremden im Arm gehalten hat, bringt sie ihn sozusagen um. Ihr scheint nicht klar zu sein, was sie ihrem Mann damit antut. Sie erzählt immer weiter und weiter, während er nur noch stammeln kann und am Ende völlig verzweifelt ist, und sein Leben und seine Liebe ganz und gar zerstört sieht. Er wird nie wieder wirklich mit ihr alleine sein: Obwohl er dies auch vorher nie gewesen ist, ist ihm jetzt sogar die Hoffnung darauf zerstört. Dies zerbricht sein Herz.

Es ist unwahrscheinlich, daß Janey nicht bemerkt, was ihre Erzählung bei ihrem Mann bewirkt. Laut Kobler weiß sie es genau und tut es absichtlich, und zwar, um sich und ihrem Mann die Mißstände ihrer Ehe vor Augen zu halten.30 Es ist allerdings ebenso unwahrscheinlich, daß Hammond diese Desillusionierung als Grund nimmt, etwas in seiner Beziehung zu seiner Frau zu ändern; wahrscheinlich wird er weiterhin versuchen, sie in seinen "Besitz" zu bringen. Zwar hat er begriffen, was ihm symbolisiert wurde, er wurde desillusioniert, aber daß er sein Verhalten aufgrund dessen nun ändern wird, ist fraglich.

2.2 Das Thema Tod in anderen Kurzgeschichten Mansfields

Das Thema Tod ist auch in anderen Kurzgeschichten Katherine Manfields präsent. In "Miss Brill", dem Prototyp der 'femme seule', geht es dabei vorrangig um das Altern einer Frau, die ihre Zurückweisung durch die Gesellschaft nicht wahrhaben möchte und deren Selbsttäuschung ihr beim Überleben hilft. Die Epiphanie in dieser Kurzgeschichte wird verhindert; in dem Leben Miss Brills wird sich nach ihrer Desillusionierung wahrscheinlich nichts ändern. Der Tod steht hier eher im Hintergrund; das eigentliche Thema ist das Altern und die Vergänglickeit. In den lyrischen Erzählungen "Prelude" und "At the bay" wird der Tod expliziter thematisiert: In "Prelude" werden die Kinder in der "Entenszene" direkt mit der Endgültigkeit des Todes konfrontiert; sie selber sind es, die einem Tier unwiderruflichen Schaden zufügen. Als Kezia dies erkennt, ist es zu spät. Mansfield spielt hier auf die "motorische Gesetzlichkeit des Lebens" an, der "die Ente noch für Sekunden"31 folgt.

In "At the bay" spricht Kezia mit ihrer Großmutter über den Tod, der für sie unfaßbar in seiner Gewißheit und Endgültigkeit scheint. in allen Personen der beiden Geschichten spiegelt sich das ständige Auf und Ab zwischen Leben und Tod wieder: Kezia, die eine kindliche Furcht vor dem Tod hat; Beryl, die Angst vor dem Ende ihrer Jugend hat; die Großmutter, die sich der Gegenwärtigkeit des Todes gewiß ist; Stanley, der in seinem Sohn den Nachkommen sieht, der ihn eines Tages verdrängen wird; und Linda, die die Vergänglichkeit der Natur als Verschwendung ansieht. Laura in "The Garden Party" wird sich durch eine Epiphanie des Todes wirklich bewußt. Sie fühlt sich danach wie ein neuer Mensch. Mary Burgan spricht von einer "trance of a new identity"32, mit der Laura dann die Party besucht. Mansfield schöpft das Thema Tod in ihren Geschichten also in vielfältiger Hinsicht aus; es geht um das Altern, um Vergänglichkeit, um den Kreislauf Leben - Tod, um das Schicksal, dem die Menschen ausgeliefert sind - wie in "The fly", "The daughters of the late colonel" und "The stranger", in denen der Tod des einen Menschen das gefühlsmäßige Sterben der anderen Menschen bedeutet.

3. Schluß

Das Interessante an den hier behandelten Kurzgeschichten ist also die Übertragung des physischen Sterbens auf den emotionalen Tod .

Der boss in "The fly" führt sich anhand seines Experiments selbst vor Augen, daß man trotz großer Schicksalsschläge wieder weiterleben kann - so wie er selber. Aber so gesehen schlägt sein Experiment eigentlich fehl: Die Fliege stirbt. Die tiefere Wahrheit, die in dem Tod der Fliege liegt, bleibt ihm dennoch verborgen. Der Tod ist endgültig und vor allem unausweichlich - diese Tatsache gehört zu seiner ersten Erkenntnis, dem Ertragen von Schicksalsschlägen. Insgesamt bedeutet das. daß der Mensch einer fremden Art von Macht ausgeliefert ist und somit auf viele Dinge einfach keinen Einfluß hat.

Es ist außerdem möglich, in dem grausamen Tod der Fliege das Abstumpfen der Gefühle des boss zu sehen. Er kann als Sadist gesehen werden, aber dies ist nicht zwangsläufig und bleibt letztendlich eine Interpretationsfrage. Ich glaube allerdings auch, daß der boss den emotionalen Tod schon längst gestorben ist, und das sich dies ebenfalls im Tod der Fliege zeigt. Seine Art und Weise, mit dem Resultat seines Experiments umzugehen, macht dies deutlich: Er ist zu abgestumpft, um nun den tieferen Sinn zu erkennen, der sich ihm offenbart hat.

Die beiden Töchter des Conlonel, Constantia und Josephine, werden von ihrem Vater mit in den Tod genommen - natürlich nicht auf der physischen Ebene, aber die Entgültigkeit, mit der Mansfield die letzte Szene vorüberziehen läßt, macht deutlich, wie ausweglos die Situation der Schwestern ist. Genauso langsam, wie das Sterben ihres Vaters sich hingezogen hat, genauso langsam ist auch der Wunsch nach Freiheit in den beiden Frauen verloren gegangen: Constantia, als die jüngere, kann sich immer noch an ihr gelegentliches Ausbrechen aus den Regeln erinnern - aber sie kann schon nicht mehr genau begreifen, was dies bedeuten kann. Auch sie kann den Gedanken nicht fassen, nicht festhalten - gemeinsam mit ihrer Schwester bleibt sie in dem Gefängnis einer Welt, in die ihr Vater sie beide hineingepreßt hat. Zu lange haben die beiden nach den Regeln dieser Welt leben müssen; Romantik, Freiheit und Glück hatten darin keinen Platz. Jetzt, wo all dies endlich möglich wäre, ist es zu spät: Die Emotionen der Schwestern sind gestorben.

In "The stranger" wird diese Art von Tod von Mansfield noch deutlicher symbolisiert. Gemeinsam mit dem Ausgehen des Feuers vergeht auch Hammond; er spürt direkt das Leben aus sich entweichen. Diese qualvolle Liebe, die er für seine Frau empfindet, grenzt schon ein kleines bißchen an Wahnsinn, der sehnsüchtige Wunsch, sie ganz und gar zu besitzen, macht ihn verrückt. Durch den Liebesentzug, den er wahrscheinlich immer hat erdulden müssen, ist es ihm so wichtig geworden, Beweise für ihre grenzenlose Liebe zu finden, daß er wie im Wahn die ganze Zeit danach lechzt, ganz und gar alleine mit ihr zu sein. Als Janey dann von ihrem

Erlebnis mit dem Fremden erzählt, geht er regelrecht zugrunde. Mansfield beschreibt in dieser Geschichte quasi, wie jemand an den Folgen von Liebeswahn stirbt; wie jemandem das Herz bricht. Hammond muß erkennen, daß er sich die ganze Zeit etwas vorgemacht hat, daß er einem Phantom nachgejagt ist, das nicht existiert. Es ist ungewiß, ob er diese Erkenntnis, die er aus der Epiphanie gezogen hat, in seinem Leben umsetzt. Ganz gewiß ist aber auch er einen emotionalen Tod gestorben; gleichsam wie der tote Fremde in der Geschichte an einem physischen Herzleiden gelitten hat.

Ich habe absichtlich über diese Art von Tod in Mansfields Kurzgeschichten schreiben wollen, denn es ist ein sehr interessanter Aspekt. Einzig in "The fly" ist als Thema auch der Umgang mit dem Tod vorhanden - so wie in "The garden party", "Prelude" und "At the bay" - weshalb man hier auch einen biographischen Bezug sehen kann. Wichtiger ist jedoch, so glaube ich, daß man anhand von diesen drei Kurzgeschichten erkennen kann, wie Mansfield die Welt sieht, über die sie schreibt: Manchmal hat man den Eindruck, sie beobachtet von ganz weit außen und sieht die Menschen so, wie sie zu Beginn von "The stranger" die Menschen auf dem Schiff beschreiben hat: Winzig klein in der unendlichen Weite der Welt, in der Ewigkeit des Kreislaufs zwischen Leben und Tod. Vielleicht hat sie so auch ihren eigenen Tod gesehen: Als ein weiteres Schicksal, daß ein Mensch auf dieser Welt erleiden muß, ohne daß er etwas dagegen tun kann - weil der Kreislauf kein Ende nehmen wird und das Rad sich beständig weiter dreht.

Literaturverzeichnis

Burgan, Mary. Illness, Gender and Writing. The case of Katherine Mansfield. London: 1994.

Daly, Saralyn R. Katherine Mansfield. Revised Edition. New York: 1994,

Halter, Peter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte: Zur Entwicklung und Struktur einer Erzählform. Bern: 1972

Kaplan, Sydney Janet. Katherine Mansfield and the Origins of Modernist Fiction. Ithaca/London: Cornell University Press 1991

Kobler, J. F. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. Boston: 1990

Katherine Mansfield. The collected stories of Katherine Mansfield. Harmondsworth (Penguin): 1981

Scott, Margaret (Hg.). The Katherine Mansfield notebooks. Canterbury, New Zealand [u.a.]: 1997

Stead, C.K. (Hg). The Letters and Journals of Katherine Mansfield: A Selection. Harmondsworth: 1977

[...]


1 Daly, Saralyn R. Katherine Mansfield. Revised Edition. New York 1994, S.XV

2 genutzte Ausgabe bei allen short stories: Katherine Mansfield. The collected stories of Katherine Mansfield. Harmondsworth (Penguin): 1981

Im Folgenden werden im fortlaufenden Text nur noch die Seitenzahlen dieser Ausgabe genannt.

3 Kobler, J. F. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. Boston: 1990. S. 60/61

4 Daly, Saralyn R. Katherine Mansfield. Revised Edition. New York: 1994. S. 101

5 Halter, Peter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte: Zur Entwicklung und Struktur einer Erzählform. Bern: 1972. S.174/175

6 zitiert nach: Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.172

7 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte.S.174

8 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S. 175

9 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.171

10 zitiert nach: Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.171

11 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S. 172 Daly. Katherine Mansfield. S.100

12 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.165

13 "The week after was one of the most busiest weeks of their lives." (S.262)

14 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.166

15 Kobler. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. S.69

16 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.167

17 Daly. Katherine Mansfield. S.99

18 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.167

19 Daly. Katherine Mansfield. S.99

20 siehe 2.1.2.3

21 Stead, C.K (Hg.). The Letters and Journals of Katherine Mansfield: A Selection.. Harmondsworth: 1977

22 "But what a fool - what a fool he had been not to bring any glasses!"(S. 350)

23 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.171

24 "... felt like a fly who has been dropped into a milk-jug and fished out again, but is still too milky and drowned to start cleaning up yet." in:

25 "[...] that he is holding something that never was quite his-his."

26 Kobler. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. S.35

27 Kobler. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. S.35

28 Daly. Katherine Mansfield. S.95

29 Daly. Katherine Mansfield. S.95

30 Kobler. Katherine Mansfield: A study of the short fiction. S.37

31 Halter. Katherine Mansfield und die Kurzgeschichte. S.145

32 Burgan, Mary. Illness, Gender and Writing. The case of Katherine Mansfield. London: 1994. S.36

18 von 19 Seiten

Details

Titel
Das Thema Tod bei Katherine Mansfield
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Proseminar Literaturwissenschaften: Katherine Mansfield - selected stories
Note
zwei
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V103746
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thema, Katherine, Mansfield, Proseminar, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Charlotte Schwarz (Autor), 2001, Das Thema Tod bei Katherine Mansfield, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103746

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