Das Internet und die moralische Krise der Gegenwart nach Alasdair MacIntyre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. MacIntyre: Der Verlust der Tugend und die moralische Krise der Gegenwart

III. Exkurs: Der digitalisierte Mensch – Oder: Der Weg zum Homo Digitalis?

IV. Die moralische Krise im Kontext des World Wide Webs
1. Die Individualisierung im Netz, am Beispiel von Sozialen Netzwerken
2. Postfaktualismus, Fake News, Meinungsmache und Co. – blühender Emotivismus?

V. Online Communitys und der Begriff von Praxis und Tradition
1. Gemeinschaften und Online-Communities
2. Sind Spielgemeinschaften vereinbar mit dem Begriff von Praxis und Tradition?

VI. Fazit – Verstärkt das WWW die moralische Krise der Gegenwart?

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Als im Jahr 1981 die Originalausgabe des Buches „After Virtue A Study in Moral Theory” von Alasdair MacIntyre erschien, steckte die Digitalisierung und das Internet noch in den Kinderschuhen. Heute, vierzig Jahre später, ist die digitale Revolution im vollen Gange und bringt neue Herausforderungen für Mensch und Gesellschaft mit sich, die auch das moralische Verhalten der Menschen neu herausfordern. Eine moralische Debatte kann heute nicht mehr unter dem Ausschluss der Digitalisierung geführt werden, dafür nimmt sie einen zu hohen Stellenwert in der heutigen Gesellschaft ein. Deshalb geht es in dieser Arbeit darum, die MacIntyre´sche Theorie der moralischen Krise auf die neue digitale Realität zu übertragen und sie in den Kontext der Digitalisierung zu setzen. Ausgehend der Forschungsfrage wird sich primär auf die Aspekte Individualisierung, Praxis und Tradition und auf den Emotivismus konzentriert. Die genannten Punkte werden dahingegen untersucht, ob der Effekt der moralischen Krise durch das Internet zusätzlich verstärkt wird und ob das Internet Bereiche bietet, die der Vorstellung von Tradition und Praxis, nach MacIntyre, entsprechen. Im ersten Kapitel wird zunächst die MacIntyre´sche Theorie in ihren Grundzügen zusammengefasst. Anschließend gilt es in einem Exkurs den digitalisierten Mensch zu skizzieren – Das erste und zweite Kapitel bilden die Basis für die weitere Argumentation. Das dritte Kapitel dient der tieferen Auseinandersetzung. Der Individualismus im Netz wird anhand Sozialer Netzwerke verdeutlicht, wobei die Theorie des Emotivismus in Beziehung zum Postfaktualismus, Fake News und Co. gesetzt wird. Das vierte Kapitel greift die Hypothese MacIntyres zur Gemeinschaft, sowie Tradition und Praxis auf, die bei MacIntyre unmittelbar zusammenhängen und untersucht, ob Onlinespiele das Potenzial besitzen Traditionen und Praxen zu fördern, bzw. ob sie als solche gelten können. Im anschließenden Fazit werden die einzelnen Bereiche nochmals zusammengefasst und abschließend bewertet.

II. MacIntyre: Der Verlust der Tugend und die moralische Krise der Gegenwart

Das Werk „Der Verlust der Tugend – Zur moralischen Krise der Gegenwart“1 (deutscher Titel, 1987) stellt eine umfangreiche Kritik der modernen Gesellschaft und ihrem Moralverständnis dar. Alasdair MacIntyre formuliert die These, dass die heutige Gesellschaft nicht dazu in der Lage sei, eine einheitliche und rationale Moraltheorie zu definieren. Die Folge, eine tiefgreifende Krise, die sich durch ein emotivistisches Verhalten innerhalb der Gesellschaft und des moralischen Diskurses auszeichnet. Moralische Debatten seien lediglich dazu da „Meinungsunterschiede“ zu äußern, ohne dabei einen rationalen Anspruch erheben zu können. Daher appelliert MacIntyre dazu, die aristotelische Tugendethik und Tradition zu reanimieren und rehabilitieren, denn in dieser sieht er einen Ausweg aus der moralischen Krise, weil sie das Vermögen besitzt die Moral rational rechtfertigen zu können.

Die Zeit der Aufklärung bildet eine Zäsur in der Moraltheorie. (MacIntyre: 89) Das Erstarken des Bürgertums, das aufkeimende Misstrauen gegenüber der Kirche, die Geburt des Individuums, führten zu einer kulturellen und moralischen Neuorientierung der Gesellschaft. (MacIntyre, 5. Kapitel) Durch den Umbruch begünstig, versuchten die Philosophen der Aufklärung die Moral unabhängig der Religion zu konzipieren und zu rechtfertigen, denn durch diese hatte sie bis dato einen rationalen Anspruch erhalten, so dass die Moral durch die Religion ihre Autorität verliehen bekam. Durch ihren Wegfall verlor die Moraltheorie ihr Fundament. Woraufhin die Philosophen der Aufklärung anschließend versuchten die Moral aus der Wesensbeschaffenheit des Menschen herzuleiten. Das hatte zur Folge, dass die Moral verallgemeinert wurde und lediglich zu einem rationalen Test, wie bspw. bei Kant, mutierte, ohne ein Ziel zu formulieren, blieb die Moraltheorie jedoch ein rein abstraktes Konstrukt, ohne autoritären und rationalen Gehalt, urteilt MacIntyre. (MacIntyre: 66ff.) Er schließt, dass „Das Projekt der rationalen Rechtfertigung der Moral [war]; gescheitert [war]“ (MacIntyre: 74) Die Konsequenz für MacIntyre ist der Verlust jeglicher gemeinsamer logischer Grundlagen oder Rechtfertigungen der Moral, mit der anschließenden Abkapslung der moralischen Debatte von der Öffentlichkeit, büßte sie gänzlich den Kontakt zu den Menschen und damit ihren Wert für diese ein. (MacIntyre: 74)

MacIntyre versucht den Nachweis zu erbringen, dass das Scheitern des Projekts der Aufklärung und die unzureichende Auseinandersetzung der Philosophen mit der eigenen Philosophiegeschichte, den Weg für den Emotivismus ebnete. Zusammengenommen führte dies letztlich dazu, dass „die Sprache der Moral“ verwahrloste, so dass unzusammenhängende Sprachfragmenten, einst kohärenter Theorien, übrigblieben. Ein Ergebnis davon war z. B., dass die Vernunft ihren Stellenwert innerhalb des Moralsystems verlor. Als Erbe einer christlichen Vergangenheit haben die Philosophen der Aufklärung gelernt der Vernunft zu misstrauen. Das erlernte Misstrauen blieb – eingeführt durch den Sündenfall im Christentum – obwohl die Religion aus dem Moralsystem verbannt wurde. (MacInytre: 79) Das Zurückweisen der Leistungsfähigkeit der Vernunft, bedeutete auch ein Ablehnen der aristotelischen Tugendethik, denn diese hatte im aristotelischen Moralsystem eine besondere Funktion. Die Tugendethik bei Aristoteles war ein System, welches aus drei Einheiten bestand. Die Vernunft hatte die Aufgabe, dem Menschen zu zeigen welches Potenzial er besitzt, d. h., sie definierte, wie der Mensch sein könnte, wenn er sein Telos erkennen würde. Die Potenzialität des Menschen ist das Bindeglied, zwischen dem Menschen im Naturzustand, also, dem wie er ist und den moralischen Geboten, die einen Zustandswechsel herbeiführen können, sofern der Mensch sein Telos erkennt und entfaltet. (MacIntyre: 77f.) Das Telos in der aristotelischen Tugendethik ist das formulierte „Gute“. Das „Gute“ für den Menschen wird aus seiner narrativen Einheit abgeleitet und dient als Grundgerüst der aristotelischen Moralphilosophie, dadurch konnte diese rational gerechtfertigt werden und bot den Menschen einen moralischen Rahmen, über den sie ihr Verhalten definieren und bewerten konnten. Dieses Verständnis setzt moralisches Verhalten in die Abhängigkeit zum Kollektiv, denn Moral wird durch das kollektive Narrativ konstruiert. Wird die Vernunft im Umkehrschluss herabgesetzt, bedeutet das einen Verlust zur Erkennung des Telos und damit des „guten“ Lebens und ohne das Telos, kein rationaler Anspruch. Das aristotelische Dreiersystem wurde so im Zuge der Aufklärung und der Modernen in ein widersprüchliches Zweisystem transformiert. (MacIntyre: 79) Diese Konklusion ist zugleich eine Widerlegung des Emotivismus, der „im Kern aus[sagt], daß es keine gültigen rationalen Rechtfertigungen für jede Behauptung, daß objektive und sachliche moralische Normen existieren, gibt oder geben kann“. (MacIntyre: 36) Diese Annahme weist MacIntyre entschieden zurück, denn „die zentrale These meines Buches ist, daß die aristotelische moralische Tradition das beste Beispiel für eine Tradition ist, deren Anhänger rational Anspruch auf ein hohes Maß an Vertrauen in ihre epistemologischen und moralischen Mittel haben“ (MacIntyre: 368) können, so MacIntyre.

MacIntyre stellt dahingegen die Hypothese auf, dass die Menschen heute so lebten, als sei der Emotivismus war. (MacIntyre: 39) Daraus zieht MacIntyre das Fazit, dass heutige moralische Debatten endlose Debatten seien, die bloß den Anschein von Rationalität besitzen. Denn jedes moralische Argument ist für sich allein logisch und schlüssig, allerdings können die einzelnen Argumente nicht gegeneinander konkurrieren, da sie auf divergenten Bedeutungen und Normen fußen, so dass moralische Debatten letztlich endlos und unvereinbar seien, diesen Umstand bezeichnet MacIntyre als „begriffliche Inkommensurabilität“. (MacIntyre: 21)

Durch die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und die Tradition, der Etablierung von sozialen Praxen verspricht sich MacIntyre einen Ausweg aus der Krise. Er plädiert zur Bildung lokaler Kollektive, die so, im aristotelischen Sinne gemeinsame Werte und Normen bilden können und der Moral damit ihren rationalen Gehalt in der Modernen zurückgeben.

III. Exkurs: Der digitalisierte Mensch – Oder: Der Weg zum Homo Digitalis?

Um die Forschungsfrage angemessen beantworten zu können, bedarf es einer Einordnung zur Entwicklung der Digitalisierung und des Internets, bzw. World Wide Webs. So skizziert dieses Kapitel den Stellenwert von Internet und Technik im Leben des modernen Menschen und gibt einen kurzen Überblick über soziale und moralische Herausforderungen die Digitalisierung mit sich bringt. Zur begrifflichen Bestimmung:

„Der Begriff der Digitalisierung hat mehrere Bedeutungen. Er kann die digitale Umwandlung und Darstellung bzw. Durchführung von Informationen und Kommunikation oder die digitale Modifikation von Instrumenten, Geräten und Fahrzeugen ebenso meinen wie die digitale Revolution, die auch als dritte Revolution bekannt ist“2

Das Internet hat die Basis für die digitale Revolution geschaffen. Es bezeichnet „den Austausch von Daten zwischen Computern über Telekommunikationsnetze“3 und stellt ein „heterogenes[e]; Computernetzwerk“4 dar, auf dessen Basis verschiedene Dienste wie das World Wide Web (WWW) oder der E-Mail-Dienst, zu erreichen sind. Das WWW ist nicht mit dem Internet gleichzusetzen, obwohl es umgangssprachlich üblich ist, handelt es sich um zwei verschiedene Systeme. Wobei der Dienst des WWWs auf der Infrastruktur des Internets basiert5. Das WWW ist ein „multimedialer Dienst“, mit dessen Hilfe Text-, Bild- Ton- und Videodateien dargestellt werden können. Die Darstellung erfolgt über einen Browser.6 1993 wurde das WWW für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung gestellt. Infolgedessen veränderte sich das Leben der Menschen nachhaltig, so dass eine nie dagewesene Vernetzung der Welt entstand. Es transformierte die Art und Weise der Kommunikation und legte den Grundstein für weitere Informations- und Kommunikationstechniken (IKT), wie bspw. das Smartphone. Das Resultat war die Auflösung von raum-zeitlichen Schranken, so dass die Menschen auf der ganzen Welt in Echtzeit miteinander kommunizieren können. Neben einer grenzenlosen Kommunikation ermöglichte das Internet auch einen unbegrenzten Zugang zum Wissen, dieser wurde ebenfalls von seiner raum-zeitlichen Begrenzungen losgekoppelt. Wissen ist im Netz frei verfügbar, von enzyklopädischen Webseiten, bis hin zu wissenschaftlichen Studien, E-Books und Co. bietet das WWW eine Fülle an Informationen. Eine der Hauptbeschäftigungen im Internet dient der Informationsbeschaffung (94 Prozent) und der Kommunikation (77 Prozent).7 Das WWW steht ganz im Zeichen der Aufklärung, für ein freies und selbstbestimmtes Individuum und fördert zunächst eine Wissensgesellschaft zutage. Im folgenden Kapiteln (3) werden die Nachteile des ungefilterten Wissenszugangs näher erörtert. Zunächst sind die Eigenschaften Kommunikation und Wissen neutral zu betrachten und als Kernaspekte eines digitalisierten Menschen zu definieren.

In den letzten Jahren ist eine zunehmende Verschmelzung zwischen Mensch und Technik zu beobachten. Die Erfindung des Smartphones trug maßgeblich zur steigenden Akzeptanz von Technik innerhalb der Gesellschaft bei. Heute besitzen 60,74 Millionen Menschen in Deutschland ein Smartphone, das sind 86 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich, im Jahr 2012 waren es nur 36 Prozent.8 Mit der zunehmenden Akzeptanz verlagert sich auch das Leben zunehmend in die virtuelle Welt. Im Schnitt verbrachten Personen im Jahr 2018 196 Minuten pro Tag im Internet, 2010 waren es nur 77 Minuten pro Tag, wir verbringen also immer mehr Zeit im Netz.9

Die Digitalisierung, neue Techniken und das Internet werden oftmals kritisch als künstlich erzeugte Leistungssteigerungen des Menschen verstanden, die menschliche Mängel ausgleichen und das Leben erleichtern. So wird das Smartphone umgangssprachlich gerne als Erweiterung des menschlichen Gedächtnisses betitelt, um der eingeschränkten Gedächtnisleistung des Menschen entgegenzuwirken.10 Der Zwang nach Leistungssteigerung und Optimierung birgt allerlei Gefahren. Unzählige Artikel behandeln bspw. das Thema Smartphone-Sucht (Smombie, Jugendwort des Jahres 2015), die zum Teil ähnliche Eigenschaften aufweist wie eine Drogensucht. Es wird zur Herausforderung werden, dass der Mensch die Technik beherrscht und nicht, dass der Mensch von der Technik beherrscht wird

Die letzte Stufe der Verschmelzung zwischen Technik und Menschen ist der „Homo Digitalis“. Der „Homo Digitalis“ beschreibt eine Metamorphose von Menschen und Technik. Bezeichnungen, die im Zusammenhang oft genannt werden, sind z. B. das Internet of Things, Cyborgs und KIs (Künstliche Intelligenz). Eine eindeutige Definition des Begriffs „Homo Digitalis“ existiert derzeit nicht, denn er beschreibt eine Zukunftsvision.

Eine Studie11 untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Lebensbereiche des Menschen, in den Bereichen: Techniknutzung, Konzentrationsfähigkeit, Gesundheit, Sexualleben und Arbeitswelten. In der Dokumentationsreihe („Homo Digitalis“) von Arte werden zudem die Auswirkungen der Digitalisierung auf sozialer-, geistiger- und körperlicher Ebene behandelt. Auf sozialer Ebene geht es um die Frage, wie sich das Verhalten des Menschen durch die Interaktion mit Robotern verändert und wie sich diese Veränderung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken. Im Fokus steht die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine und die Frage: wie Maschinen uns in unserer Arbeit unterstützen und entlasten können. Bereits heute sind Industrieroboter im Einsatz (Im Jahr 2016 waren es in Europa 460.000), prognostiziert wird eine sukzessive Steigerung in den nächsten Jahren.12 Laut Studie wird unser „Gehirn [ist] darauf konditioniert, Gegenstände wie Autos, Computer und eben auch Roboter wie soziale, lebendige Wesen mit Bewusstsein zu behandeln“.13 Wissenschaftler/-innen fanden heraus, dass Roboter mit menschlichen Eigenschaften eher toleriert werden als ohne.14 Ist der Roboter dahingegen zu menschlich erzeugt das eine Abneigung und schürt Angst, dieser Effekt wird als „Uncanny Valley“-Effekt bezeichnet.15 Für die Wirtschaft sind solche Informationen wichtig, denn zukünftig sollen uns Roboter nicht nur auf der Arbeit unterstützen, sondern Einzug in unser Privatleben erhalten. In Japan werden bereits Emotionsroboter für den Hausgebrauch verkauft.16 Diese Roboter sind darauf programmiert menschliche Stimmungen zu erkennen und auf diese einzugehen, sie treten in eine Interaktion mit dem Menschen, dadurch entsteht eine emotionale Bindung, die auch das moralische und soziale Verhalten des Menschen fordert.

Der „Homo Digitalis“ beschreibt nicht nur das Zusammenwirken von Mensch und Maschine, sondern definiert den Menschen neu, wenn es darum geht, dass der Mensch selbst zur Maschine wird. Ob Cyberborgs, Implantate für Körper und Gehirn, oder Chips, die die Intelligenz steigern sollen, es ist der Traum vieler Technikmogule den Menschen und seine Fähigkeiten bis ans Maximum zu steigern. Langfristig soll der Mensch gegenüber Maschinen und der Künstlichen Intelligenz (KI) Wettbewerbsfähig bleiben.17 Unter dem Terminus „Cyborg“ fällt auch das Biohacking, mit seiner Sonderform des Bodyhackings. Das Biohacking beschreibt einen „biologische[n], chemische[n] oder technische[n] Eingriff in Organismen mit dem Ziel der Veränderung und Verbesserung“18 Das Bodyhacking stellt eine Variante des Biohackings dar und beschreibt eine technische Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten, wobei beim Biokaching die gesundheitliche Komponente im Vordergrund steht. Als Beispiel für das Biohacking wären Prozesse zu nennen die auf das menschliche Erbgut einwirken und dieses umprogrammieren, z. B. zum Schutz gegen Erbkrankheiten. Das Bodyhacking kommt bereits heute zum Einsatz. Erste Menschen haben sich sogenannte „Near-Field-Communication-Chips“ (NFC-Chip) in die Hand einpflanzen lassen, um damit ihre Haustür zu öffnen, oder Geräte zu bedienen, um zwei Beispiele zu nennen.19 Die gezielte Veränderung durch Optimierung und der damit einhergehenden Leistungssteigerung des Menschen, steht ganz in der Ideologie des Transhumanismus (oder: „Human Enhancement“).20 Der Terminus beschreibt die selbstbestimmte Weiterentwicklung eines Menschen mithilfe von Wissenschaft und Technik.21

Der „Homo Digitalis“ steht für eine radikale Veränderung die nicht nur phänotypisch und genotypisch den menschlichen Organismus verändert, sondern zugleich eine Veränderung des Selbstverständnisses und Selbstbildes des Menschen bewirkt. Was bleibt vom Menschen übrig? Welche Folgen hat die Digitalisierung mit all ihren Modifikationen für die zwischenmenschlichen Beziehungen? das Leben der Menschen wird sich weiter transformieren, somit müssen auch die moralischen Fragen neu verhandelt und definiert werden.

IV. Die moralische Krise im Kontext des World Wide Webs

1. Die Individualisierung im Netz, am Beispiel von Sozialen Netzwerken

In diesem Kapitel geht es darum zu zeigen, dass das WWW ein Ort der Individualisierung darstellt, anhand von Sozialer Netzwerken soll der Individualismus im Netz beschrieben werden. Denn Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Co. sind nicht nur so beschaffen, dass sie den Individualismus fördern, sondern können als eine technische Realisierung des Individualismus verstanden werden. MacIntyre sieht im dominierenden Individualismus ein ausgemachtes Problem der heutigen moralischen Krise:

„Für den liberalen Individualismus ist eine Gemeinschaft einfach ein Schauplatz, auf dem jeder einzelne seine selbstgewählte Vorstellung von gutem Leben verfolgt, und politische Institutionen existieren, um jenes Maß an Ordnung zu sichern, das eine solche frei gewählte Tätigkeit ermöglicht“ (MacIntyre: 261)

Eine liberal-individualistisch geprägte Gesellschaft ist primär auf die Bedürfnisse des Individuums ausgerichtet, dadurch wird der Selbstverwirklichung des einzelnen einen erhöhten Stellenwert beigemessen. Diese Eigenschaft trifft auf die meisten westlichen Kulturen zu, so bezieht sich MacIntyre in seiner Analyse vorzugsweise auf die westliche Gesellschaft im weitesten und auf die amerikanische Gesellschaft im engeren Sinne. In den westlichen Kulturen besitzen die Menschen eher eine „independente Sichtweise ihres Selbst“22, d. h., „sie definieren sich auf der Grundlage der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen“23 in Abgrenzung zu anderen. Im Vergleich dazu steht die interdependente Selbstkonstruktion, die z. B. in vielen asiatischen Kulturen vorherrschend ist.24 Interdependente Kulturen definieren ihr Selbst über die Beziehungen zu anderen „und berücksichtigen, dass das eigene Verhalten oft vom Denken, Fühlen und Handeln anderer bestimmt wird“25, der Fokus liegt auf den Gemeinsamkeiten. Das Gemeinschaftsgefühl steht hier an erster Stelle, so dass das Gefühl einer „gegenseitigen Abhängigkeit“ als positiv gewertet wird und als ein zentraler Wert einer solcher Kulturen gilt.26 Mit der Forderung zur Bildung lokaler Gemeinschaften und der Rückbesinnung auf kollektive Werte, steht MacIntyre ganz in der Tradition der interdependenten Kultur. Sein Bild von einem sozialen Individuum, stellt den Menschen in den Kontext der kollektiven Abhängigkeit. MacIntyre fordert die Menschen dazu auf, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und das hineingeborene Narrativ anzunehmen, nur so kann die Voraussetzung einer gemeinsamen Moralvorstellung geschaffen werden. (MacIntyre: 294f.)

Tanja Carstensen formuliert die These, dass Technologien als „Ausdruck, Materialisierung, bzw. Vergegenständlichung gesellschaftlicher Verhältnisse“ verstanden werden müssen“.27 Unter diesem Gesichtspunkt können Soziale Netzwerke als Symptom einer individualistischen Gesellschaft begriffen werden. Sie unterstehen den gleichen Bedingungen, die auch außerhalb des Netzes für eine individuell geprägte Gesellschaft gelten, wie: „die Anforderung[en]; an Eigenverantwortung, Selbstmanagement, Vernetzung, die Vermarktung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen und nicht zuletzt [die] Selbstdarstellung“.28 Soziale Netzwerke sind technisch so konzipiert, dass sie auf die Selbstdarstellung des Individuums ausgelegt sind. Die Nutzer/-innen werden durch die Profilerstellung zu ebendieser animiert, denn, um von anderen identifiziert werden zu können muss sich das Individuum erkenntlich machen und eine Reihe von Informationen zur eigenen Person veröffentlichen. Das Profil gilt als Aushängeschild. Es wird zum Ausdruck individueller Vorlieben und Interessen gebraucht und dient primär der „Ich“-Präsentation der Nutzer/-innen. Viele Ratgeber im Bereich „Social Media“ geben Tipps und Anleitungen, wie sich Menschen über Soziale Netzwerke als „Personal Brand“ (Personenmarke) vermarkten können, die dargestellte Persönlichkeit kann mit etwas Glück und Ausdauer zu einer Personenmarke werden, so dass damit Geld verdient werden kann. Beim „Personal Brand“ und auf Sozialen Netzwerken allgemein, geht es darum, sich von anderen Nutzern/-innen abzugrenzen, grade wenn eine Karriere als „Influencer“ angestrebt wird, kommt einem ein ausgeklügeltes „Personal Brand“ zugute. „Influencer“ sind Marken, genau so wie Produktmarken, leben sie von ihrer Individualität, d. h. Wiedererkennungswert, das Ziel ist es sich von der Masse im Netz abzuheben, auf dieses Konzept hat sich ein ganzer Marktzweig ausgerichtet.29 Durch das Phänomen „Influencer“ wird der hohe Stellenwert der Individualisierung im Netz nochmals verdeutlicht, denn viele junge Menschen streben heute eine Laufbahn als „Influencer“ an. Da kommt es ihnen zugute, dass in Sozialen Netzwerken anders als bei einer „Face-to-Face“ Kommunikation der Empfänger/-in nur die Informationen erhält, die der Sender/-in öffentlich teilt, dadurch wird das Fremdbild aktiv durch den Sender/-in gesteuert. Eine Studie zeigte, dass Studierende auf karriereorientierten Sozialen Netzwerken wie XING o. Ä. dazu neigen ein idealisiertes Bild ihrer Selbst zu präsentieren, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Allerdings war dieser Effekt weniger ausgeprägt, als angenommen, so wird versucht auf Basis des vorhandenen Lebenslaufs durch gezielte Selektion und Hervorhebung das eigene Selbst zu sublimieren.30

Das Sublimieren der eigenen Person ist nicht nur auf karriereorientierten Plattformen zu beobachten, sondern ist allgemein bezeichnend für Soziale Netzwerke. Allerdings ist eine andere Studie zu dem Ergebnis, dass die Darstellungen auf den Profilen eher der realen Identität entsprechen als einer konstruierten.31 Die Optimierung basiert dann lediglich auf der oben beschrieben Selektion und Hervorhebung der persönlich präferierten Persönlichkeitsmerkmale auf Grundlage des eigenen Selbstbildes. Dadurch entsteht für Außenstehende ein verzerrtes Bild der Person, denn es werden lediglich Ausschnitte aus dem Leben präsentiert, so kann dennoch von einer Modellierung gesprochen werden. Durch die Beobachtung anderer Nutzer/-innen kann ein Gefühl der Unzufriedenheit im eigenen Leben entstehen, denn die Plattformen fördern das Vergleichen mit anderen Menschen und können so auf die Dauer Krank machen.32 Hierdurch können Untugenden wie Neid, Habsucht und Täuschung gefördert werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die so etablierten Untugenden auf das moralische Verhalten in der nicht-virtuelle Welt auswirken können. So neigt eventuell jemand der über die Sozialen Netzwerke ein idealisiertes Selbst präsentiert in der realen Welt eher zum Lügen, um das konstruierte Selbst im Netz aufrechterhalten zu können. Eine erste Zwischenbilanz auf Basis der vorangegangenen Untersuchung bestätigt, dass die Sozialen Netzwerke gewisse Untugenden begünstigen und den Individualismus fördern können, wodurch sich die Krise, sofern die MacIntyre´sche Hypothese, dass der Individualismus mitverantwortlich für den moralischen Untergang der Gegenwart ist, als wahr vorausgesetzt wird, noch verstärken würde.

Nach der Theorie des Individualismus ist der Menschen das, was er zu sein gewählt hat, so MacIntyre. (MacIntyre: 294) Soziale Netzwerke dienen der Selbstkonstruktion, so dass Nutzer/-innen aktiv an der Gestaltung ihres Fremdbildes beteiligt sind, wie oben bereits erörtert. Darüber hinaus stellen die Netzwerke eine Plattform bereit, um diverse Facetten des Selbst zu erproben und sich intensiv mit dem eigenen „Ich“ zu beschäftigen. Sie können so einen Anteil am Individualisierungsprozess, grade von jungen Menschen, haben.33 Da Soziale Netzwerke anonymisiert sind, d. h., jeder mit einer E-Mail-Adresse (diese kann eine „Fake“-Emailadresse sein) besitzt die Möglichkeit sich ein oder mehrere Profile zu erstellen, ohne sich als reale Person outen zu müssen. Dadurch sind die Nutzer/-innen vor Konsequenzen, wie sie im Realleben, bspw. durch Ablehnung möglich sind, geschützt, denn die Nutzer/-innen können sich distanzieren und das Profil löschen. Angesichts dessen können sie gezielt zur Entwicklung einer Identität beitragen und beim Herumexperimentieren helfen, damit der Mensch das sein kann, was er selbst gewählt hat.

Der Begriff „Soziales Netzwerk“ suggeriert, dass es in Sozialen Netzwerken vor allem um soziale Beziehungen und Interaktionen geht. Allerdings stellt sich der soziale Aspekt weit weniger heraus als es der Begriff vermuten ließe, denn soziale Beziehungen und Interaktionen, das beitreten in Gruppen und das Folgen von Nutzern/-innen dient zu einem erheblichen Teil des Ausdrucks der eigenen Identität, so dass darüber persönliche Vorlieben, Interessen und Einstellungen ausgedrückt werden.34

[...]


1 MacIntyre, Alasdair: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Künftig zitiert in runden Klammern mit der Sigle ´MacIntyre´und mit Seitenangabe.

2 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/digitalisierung-54195/version-277247 (besucht am 19.03.2021).

3 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/internet-37192/version-260635 (besucht am 19.03.2021).

4 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/internet-37192/version-260635 (besucht am 19.03.2021).

5 Zur besseren Verständlichkeit werden die Begriffe World Wide Web und Internet, sowie der Begriff Netz, innerhalb dieser Arbeit als Synonyme verwendet, da ihre Differnezierung für die Argumentation keinerlei Bedeutung hat.

6 Vgl. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/world-wide-web-www-49260/version-272496 (besucht am 19.03.2021).

7 Vgl. Statista: Internetnutzung Deutschland. S. 38.

8 Vgl. Statisa: Smartphone-Nutzung in Deutschland. S. 3-4.

9 Vgl. Statista: Internetnutzung Deutschland. S. 30.

10 https://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/04/evolution-smartphone-mensch-weiterentwicklung/seite-2 (besucht am 22.03.2021).

11 Studie („Homo Digitalis“) des Frauenhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Kooperation mit dem BR (Bayrischen Rundfunks) und Arte.

12 Vgl. K. Pollmann/ D. Janssen/ M. Vukelic/ N. Fronemann: Homo Digitalis. Eine Studie über die Auswirkungen neuer Technologien auf verschiedene Lebensbereiche für eine Menschengerechte Digitalisierung der Arbeitswelt. S. 43.

13 Ebd. S. 44.

14 Vgl. Ebd. S. 45.

15 Vgl. Ebd. S. 45.

16 Vgl. https://www.tagesspiegel.de/wissen/roboter-als-freunde-metallische-gefuehle/14846610.html (besucht am 22.03.2021).

17 Vgl. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/cyborg-54197/version-368847 (besucht am 23.03.2021).

18 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/biohacking-100400/version-369946 (besucht am 23.03.2021).

19 Vgl. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/bodyhacking-100401/version-369143 (besucht am 23.03.2021).

20 Vgl. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/human-enhancement-54034/version-368864 (besucht am 23.03.2021).

21 Vgl. Ebd. (besucht am 23.03.2021).

22 E. Aronson/ T. Wilson/ R. Akert: Sozialpsychologie. S. 142.

23 Ebd. S. 142.

24 Vgl. Ebd. S. 143.

25 Ebd. S. 143.

26 Vgl. Ebd. S. 143.

27 https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s11614-014-0132-8.pdf (besucht am 28.03.2021) S. 87.

28 Ebd. S. 87.

29 Vgl. C. Spall/ H. J. Schmidt: Personal Branding. Was Menschen zur Marke macht. S. 134ff.

30 Vgl. F. Storch/ J. Nitsche/ P. Keysers/ H. Staar: Mehr Schein als Sein? – Eine Analyse der Selbstdarstellung von Studierenden im Karrierenetzwerk Xing. 2014. S. 173.

31 Vgl. Kneidinger-Müller, Bernadette: Identitätsbildung in sozialen Medien. S. 4.

32 Vgl. https://www.dw.com/de/whatsapp-instagram-und-co-soziale-medien-setzen-kinder-unter-druck/a-43050622 (besucht am 23.03.2021).

33 Vgl. Guddat, D/ Hajok, D.: Zwischen Selbstdarstellung und Influencer*innen 4f.

34 Vgl. Kneidinger-Müller, Bernadette: Identitätsbildung in sozialen Medien. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Internet und die moralische Krise der Gegenwart nach Alasdair MacIntyre
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophische Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
32
Katalognummer
V1038065
ISBN (eBook)
9783346450708
ISBN (Buch)
9783346450715
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alasdair MacIntyre, moderne Tugendethik, Digitalisierung, moralische Krise der Gegenwart, der digitalisierte Mensch, Online-Communities, Praxis und Tradition
Arbeit zitieren
Vanessa Latz (Autor), 2021, Das Internet und die moralische Krise der Gegenwart nach Alasdair MacIntyre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1038065

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