Zum Verhältnis von Schule und Gesellschaft bei Durkheim


Seminararbeit, 1999
13 Seiten

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Émile Durkheim - mehr Soziologe als Pädagoge

Émile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Epinal/ Lothringen geboren und starb am 15. November 1917 in Paris. Der Franzose zählt zu den Begründern der modernen Soziologie und hat sich sein gesamtes Leben lang auch mit der Pädagogik, besonders mit Fragen der Erziehung bzw. Sozialisation hinsichtlich seiner "Morallehre", beschäftigt. Dieses Interesse kam nicht von ungefähr: seit 1887 unterrichtete Durkheim an der Universität Bordeaux Erziehungswissenschaft und Soziologie und übernahm 1896 den Lehrstuhl für beide Fächer. Schon 1902 versammelten sich Lehramtsstudenten an der Sorbonne, um an Durkheims Vorlesung zum Verhältnis von Erziehung und Gesellschaft und Pädagogik und Soziologie teilzunehmen. Im Jahre 1906 wurde Durkheim schließlich zum Ordinarius für die Fächer Pädagogik und Soziologie an die Universität Paris berufen.

Durkheim verfolgte drei große Ziele. Er bemühte sich um die Begründung der Soziologie als empirische Wissenschaft; eine Diagnose der modernen Gesellschaft und außerdem die Entwicklung einer neuen Moral.

Er widmet sich mit Vorliebe der Soziologie und sieht sich mehr als Soziologe statt als Pädagoge. Ausserdem ist er der Meinung, dass Erziehung im Gegensatz zur Vergangenheit zu einer sozialen Angelegenheit geworden ist, womit sie sehr stark von der Soziologie abhängt und nicht einzig und allein von der Psychologie, wie man früher geglaubt hat.

Durkheim: „Erziehung und Gesellschaft und die Theorie moderner Gesellschaften“

Die Erziehung bzw. die Sozialisation sieht Durkheim als eine Art Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft, denn laut Autor wird man nur zu einem vernünftig und moralisch korrekt handelnden Individuum durch die Anpassung an die Gesellschaft, kurz Sozialisation.

Ausgehend von der Frage nach den Gründen für den Zustand der derzeitigen Gesellschaft stellt er fest, dass sich die traditionellen religiösen Wertvorstellungen mehr und mehr auflösen und Elementen der neuen Moralität Platz machen. Diese Elemente unterstehen keinerlei Hierarchie und es handelt sich bei ihnen um den "an die gesellschaftlichen Regeln gewöhnte >>Geist der Disziplin<<, den >>Anschluss an die soziale Gruppe<<, d.h. die Entwicklung altruistischer Haltungen sowie die >>Autonomie des Willens<< als Einsicht in die Notwendigkeit und Vernunft gesellschaftlicher Regeln." (nach: Baumgart F., „Theorien der Sozialisation“, 1997, S.33). Diese drei Elemente müssen von allen Individuen, speziell von en Kindern, verinnerlicht werden, damit das gesellschaftliche Zusammenleben mitsamt Arbeitsteilung und ebenso das Bestehen bzw. die Weiterentwicklung der modernen Gesellschaft gewährleistet werden kann.

Durkheim untersucht in seinem Werk "De la division du travail social: Etude sur l'organisation des sociétés supérieures" (1893) den Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und sozialer Solidarität und fordert zugleich eine "soziale Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaft" (nach: Müller H.-P., „Klassiker des soziologischen Denkens“, 1998, S.157). Von sozialer Solidarität ist dann die Rede, wenn soziale Organisationssysteme und Moraltypen übereinstimmen. Weitergehend erforscht er das Verhältnis von Differenzierung und Integration und die Beziehung zwischen Differenzierung und Individualisierung. An der Arbeitsteilung interessierte ihn v.a. das problemlose Zusammenspiel von Institutionen und ihrer Systemintegration und ebenso die Integration jedes Individuums in die Gesellschaft. Arbeitsteilung hat eine solidarische Wirkung, die Durkheim mit Hilfe einer Gegenüberstellung von primitiver und moderner Gesellschaftsform zu erfassen versucht. Im Gegensatz zu modernen Gesellschaften bestehen primitive Gesellschaften aus segmentierten und eigenständigen Einheiten, wie z.B. Clans und Horden, in denen der Einzelne ausgehend von einem starken Kollektivbewusstsein durch eine mechanische Solidarität direkt in die Gemeinschaft, eingegliedert wird. Hier dominiert das Strafrecht, wobei die Sanktion als Sühne gesehen wird. Das Verbrechen wird nämlich als Angriff auf das existierende Moralsystem gewertet.

In modernen Gesellschaften herrscht dagegen eine organische Solidarität und die dortige Arbeitsteilung bildet ein Netz von Interdependenzen. Der Einzelne ist nur indirekt an die Gesellschaft gebunden; es gibt kein ausgeprägtes Kollektivbewusstsein, was dem Individuum wiederum eine freiere Entwicklung zugesteht. Das Rechtssystem setzt sich aus verschiedenen Rechtsformen zusammen; wichtig für das Zusammenleben sind v.a. Zivilrecht, Strafrecht und Handelsrecht. Auf Verstöße wird mit Wiedergutmachungsforderungen und mit Resozialisierungsmaßnahmen reagiert. (Vergleiche Baumgart F.: a.a.O., S.37).

Somit liefert für Durkheim die Arbeitsteilung die essentielle Erklärung zum Verständnis moderner Gesellschaften. Sie ist die Basis für weitere Überlegungen bezüglich einer neuen, wissenschaftlich begründeten Morallehre und einer dementsprechenden Pädagogik. Für ihn ist die einzig wahre Aufgabe der Pädagogik bzw. der Erziehung die Förderung des Individuums; anstatt dessen benützt die Gesellschaft die Erziehung, um sich die Individuen so zu formen, damit sie weiter existieren kann. Die Gesellschaft kann nur fortbestehen, wenn zwischen allen in der Gesellschaft lebenden Menschen ein gewisser Zusammenhalt besteht.

Damit dieser Zusammenhalt gewährleistet ist, muss Erziehung bei jedem von Geburt an diverse gesellschaftlichen Regeln einbrennen. Andererseits jedoch muss sich die Erziehung auch um eine Art Vielfalt kümmern, da sonst jegliche Art von Zusammenhalt unmöglich wäre. Diese Vielfalt erreicht sie durch Vervielfältigung und Spezialisierung ihrer selbst, d.h. "sie besteht also unter der einen wie anderen Ansicht aus einer methodischen Sozialisierung der jungen Generation" (nach: Baumgart F.: a.a.O., S.50).

Die junge Generation vereint - wie jedes andere menschliche Wesen auch - zwei Wesen in sich: zum einen ein individuelles Wesen, das unsere persönlichen Gefühle, Gedanken und Erlebnisse ausdrückt. Auf der anderen Seite gibt es ein soziales Wesen, auf das die Erziehung Einfluss hat und das somit die Gemeinschaft, ihre Gedanken und Regeln - z.B. religiöse Überzeugungen, moralische Aspekte und Traditionen - verkörpert. Dieses soziale Wesen in uns zu prägen hat sich die Erziehung zum Ziel gemacht, da es nicht das Resultat einer plötzlichen Entwicklung ist.

Laut Durkheim bringt ein Kind bei seiner Geburt, abgesehen von möglichen vererbten Fähigkeiten, nur seine Natur als Individuum mit. Da sich die unterschiedlichen Eigenschaften des sozialen Lebens aufgrund ihrer Kompliziertheit nicht in unser Gewebe einnisten können und somit vererbt werden könnten, muss die Erziehung so schnell wie möglich den egoistischen und asozialen Eigenschaften des Neugeborenen die nötigen sozialen Aspekte und moralischen Grundgedanken für ein Leben in der Gesellschaft lehren. Im Vergleich mit der Erziehung im Tierreich macht Durkheim deutlich, dass es ein spezielles Privileg der menschlichen Erziehung ist, den individuellen Menschen nicht nur in der vorgegebene Richtung zu entwickeln, sondern auch einen neuen Menschen in ihm zu kreieren, der alles in sich vereint, was dem Leben Wert und Würde verleiht (Vergleiche Baumgart F., a.a.O., S.51). Diese für das gesellschaftliche Leben moralischen Fähigkeiten können nur durch äusseren Einfluss erreicht werden.

Durkheim stellt sich die Frage, ob es dann nicht auch andere Eigenschaften gibt, die man lernen möchte, wie z.B. physische Fähigkeiten und Intelligenz, damit man sein Leben besser bewältigen kann. Die Erziehung zielt durch deren Entwicklung auf eine höchstmögliche Vollendung der wesentlichen Eigenschaften des Individuums. Jedoch macht Durkheim darauf aufmerksam, dass auch Gesellschaften existieren, die keinen Wissensdurst stillen wollen, da ihre äusseren Notwendigkeiten dies nicht vorsehen. Bei den physischen Fähigkeiten verweist Durkheim auf die Schulen des Mittelalters; dort war es teilweise so, dass man die physischen Eigenschaften spontan verdrängte, wenn das soziale Umfeld das Asketentum bevorzugte. Ausserdem kann man Erziehung unterschiedlich auffassen: "In Sparta hatte sie das Ziel, den Körper gegen die Müdigkeit zu wappnen; in Athen war sie ein Mittel, um den schönen Körper zu erzielen; in der Zeit des Rittertums verlangte man von ihr bewegliche und geschmeidige Krieger; heute hat sie nur mehr einen hygienischen Zweck und macht sich Gedanken, wie sie die gefährlichen Wirkungen einer allzu intensiven intellektuellen Bildung eindämmt." (nach: Baumgart F.: a.a.O., S.52). Allerdings entscheidet die jeweilige Gesellschaft, welchen Eigenschaften und Spezialisierungen der Mensch nacheifern darf. Und obwohl es in der Natur des Individuums nicht einmal ansatzweise ein bestimmtes Streben in Richtung gesellschaftlich bestimmtes Ideal gibt, gibt die Gesellschaft das Ideal vor, das der Mensch durch die Erziehung realisieren soll. Jedoch besitzt jede Gemeinschaft einen individuellen Erziehungstypus, der dazu bestimmt ist, diese Gruppe in ihren jeweiligen Denkweisen zu repräsentieren. Damals hat man die Erziehung mit lokalen und ethnischen Zusammenhängen in Verbindung gebracht; heute dagegen sind ihre Ziele allgemeiner, jedoch verstärkt kollektiv. Die Gesellschaft fordert Kollektivität, die durch gleichartige Vermittlung wesentlicher gesellschaftlicher Normen schon im Kindesalter erreicht werden soll. Weil der Mensch durch die Gesellschaft so erzogen wird, wie sie ihn haben möchte - eine Art Modellmensch - , haben die Individuen untereinander nichts mehr gemeinsam ausser ihrer Eigenschaft Mensch zu sein. Die Anlagen, die dem Menschen von Natur aus gegeben sind, werden weitgehend ausser Acht gelassen. "Unser pädagogisches Ideal ist, jetzt wie in der Vergangenheit, bis in die Einzelheiten das Werk der Gesellschaft. Sie zeichnet uns das Portrait des Menschen vor, das wir sein müssen, und in diesem Portrait spiegeln sich dann alle Besonderheiten ihrer Organisation." (nach: Baumgart F.: a.a.O.,S.50).

Da es nun die Gesellschaft ist, die das Individuum in starkem Maße beeinflusst, kann also die Psychologie mit ihrer Analyse von rein individuellen und psychischen Angelegenheiten in der Pädagogik nicht ausreichen. Die Psychologie hat nicht die Möglichkeit, dem Erzieher das Ziel aufzuzeigen, das er verfolgen soll. Das ist Aufgabe der Soziologie, weil sie das Ziel in Verbindung mit den sozialen Zuständen bringt, von denen es nun einmal abhängt. Allerdings erhält die Psychologie wieder den Vorrang, was die Wahl der Mittel in der Erziehung betrifft. Da das pädagogische Ideal hauptsächlich die sozialen Notwendigkeiten repräsentiert, so erlangt es seine Erfüllung nur im und durch das Individuum. Man muss deshalb ein Mittel finden, um das Bewusstsein eines jeden Kindes danach zu bilden. Allerdings muss man der Gesetze des Bewusstseins mächtig sein, um sie verändern zu können. Ebenso muss man die Triebfedern kennen, die jemanden dazu bewegen, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. So kann man z.B. die moralische Sensibilität stärker beeinflussen, je besser man über Gewohnheiten, Gefühle und Neigungen Bescheid wissen,kurz gesagt über die Gesamtheit der Phänomene, die von verschiedenen Bedingungen abhängt und von der Form, die sie beim Kind annimmt (Vergleiche Baumgart F.: a.a.O., S.53).

Die Psychologie trägt folglich ihren Teil mit der Beschaffung der Mittel bzw. Methoden bei. Weitergehend unterstützt uns die Psychologie, im Urwald der verschiedenen Intelligenzen und Charaktere nicht die Orientierung zu verlieren, da keine Methode bei allen Kindern in gleicher Art und Weise funktionieren kann. Dennoch kann die Psychologie nicht auf die Hilfe der Soziologie verzichten, da die Ziele der Erziehung sozialer Natur sind. Ergo müssen auch die Mittel, die zu diesen Zielen führen sollen, von sozialem Ursprung sein.

Die Soziologie zeigt auf, was pädagogische Institutionen sind bzw. sein sollten. Je besser die Kenntnisse über die Gesellschaft sind, desto mehr Ahnung hat man von den Angelegenheiten im sozialen Mikrokosmos der Schule.

Die sozialen Zustände beeinflussen auch die Gestaltung der Methoden; Durkheim macht das am Beispiel des Individualismus deutlich: Wenn sich eine Gesellschaft Individualismus zum Hauptziel gemacht hat, dann verabscheut sie alle Erziehungsmethoden, die das Individuum negativ beeinflussen. Anders schaut das wiederum beim Konformismus aus; hier wird dem Individuum verboten sich selbst zu verwirklichen bzw. selbständig zu denken und handeln. "Jedesmal, wenn das System der erzieherischen Methode tiefgehend verändert worden ist, geschah es unter dem Einfluß irgendeiner großen sozialen Strömung, die auf der ganzen Breite des kollektiven Lebens fühlbar wurde." (nach: Baumgart F.: a.a.O., S.54).

Erziehung repräsentiert soziale Notwendigkeiten, kollektive Ideen und Gefühle. Sie bringt das Beste in uns an das Tageslicht. Und da das Beste in uns sozialer Natur ist, sind wir wieder bei der Soziologie. Nur sie kann dem Erzieher bei der Entdeckung der Prinzipien behilflich sein, die auf das Kind übertragen werden sollen.

Durkheim ist der Meinung, dass "der Erzieher nichts nötiger braucht als eine soziologische Bildung." (nach: Baumgart F.: a.a.O., S.55). Zwar liefert uns die Soziologie keine fertigen Anwendungsschemata, aber sie gibt uns verschiedene richtungsweisende Vorschläge, die uns in unserem Handeln unterstützen sollen.

Émile Durkheim: „Individuelle Autonomie und gesellschaftlicher Zwang“

Bisher wurde die Moral als ein System von Regeln, die sich außerhalb des Individuums befinden, dargestellt; dies würde bedeuten, dass der individuelle Wille wie durch Gesetze geregelt wäre, was ja nicht vollständig zutrifft. Heutzutage wird immer deutlicher, dass sich die Moral schon ab diesem Moment entwickelt, in dem wir ins Leben treten, also wir in eine Gesellschaft der Moral hineingeboren werden. Die Veränderungen, die wir während unseres Lebens in der Moral wahrnehmen, sind äußerst begrenzt! Moral ist ein schwer zu definierender Begriff, bei dem mehrere Aspekte zusammenwirken, so dass ein Gesamtbild entsteht: ein Teilbereich ist z.B. das der Mensch und somit das Individuum heilig ist. Dies ist unabhängig von den verschiedenen Glaubensrichtungen und Religionen. Einerseits erscheinen uns die Moralregeln deutlich als etwas, dass außerhalb unseres Willens liegt, aber „wir können einen moralischen Akt nur dann als rein moralisch vorstellen, wenn wir ihn in voller Freiheit und ohne irgendeinen Druck ausgeführt haben. Wir sind aber nicht frei, wenn das Gesetz, nach dem wir unser Benehmen regeln uns aufgezwungen wird, und wenn wir es nicht freiwillig gewollt haben. Diese Tendenz des Moralbewußtseins, die Moralität des Aktes an die Autonomie des Handelnden zu binden, ist die Tatsache, die man nicht verleugnen kann und über die man Rechenschaft ablegen muß.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 58f.)

Moralität, im allgemeinen zusammengefasst, ist das vom Individuum allgemeine, unpersönliche und von seinen Interessen unabhängige Ziele erfüllt werden. Während der ganzen Moralvorstellung folgen wir dem Gesetz der Vernunft und der Natur. Moralität besteht im allgemeinen auch aus Zwang, da man immer sich fragt, ob das individuelle Handeln moralisch vertretbar ist, und mit diesem Gefühl des Zwangs tritt auch ein Gefühl der Verpflichtung auf. Wir müssen uns, gegenüber uns, selbst moralisch vertretbar verhalten, um weder uns noch andere in die Zwickmühle zwischen Leidenschaft und Vernunft zu treiben. Hierbei spielt auch das moralische Bewußtsein eine bedeutende Rolle, dass es wirkliche und wahre Autonomie, von dem Wesen was wir sind und darstellen, verlangt.

Wichtig ist bei der Erklärung von Moralität ebenfalls die Rolle der Welt; wie wirken wir auf unsere Umwelt, was stellt die Welt für uns dar, was bietet uns die Welt und welche Rolle spielt ein jedes Individuum in dieser Welt? Um die Welt als solche zu begreifen und von ihr begriffen zu werden, muss man nur lernen aufmerksam zu denken und unser selbst bewußt zu werden. Dies alles wollen wir wahrnehmen und folgen, solange dies freiwillig geschieht, denn „sich einer Ordnung der Dinge zu unterziehen, weil man sich sicher ist, dass alles so ist, wie es sein soll, heißt dass man sich mit der genaueren Hintergründen der Sachlage beschäftigt, denn freiwillig wollen heißt nicht, dass zu wollen was absurd ist, sondern das zu wollen was vernünftig ist und danach zu handeln.“ (Vergleiche Baumgart F.: a.a.O., S.60) Die Wissenschaft der Natur ist nicht und wird niemals vollständig sein.

Die Gesetzgebung der Moral ist sehr unterschiedlich zu definieren, denn es kann ebensowenig die Vernunft des Individuums wie auch die materielle Welt darstellen. Wir sind die Herren der Moralwelt, jedoch erst im späteren Leben, da wir bei der Geburt die Moral und ihre Regeln nur passiv aufnehmen und bis wir alt und reif genug sind sie zu verändern oder zu befolgen haben wir uns an ihre Regeln zu halten. Dank einem guten Konzept von Regeln und Geboten müssen wir lernen uns gut und in voller Kenntnis der Gründe diesen zu unterwerfen. Häufig werden Wünsche für die Befreiung aus der Moralwelt geäußert, jedoch lernen wir sehr schnell zu verstehen, dass es in der „Kraft der Natur liegt uns zu begrenzen, folglich müssen wir freiwillig diese Begrenzung übernehmen, weil sie natürlich und gut ist, ohne dass sie damit aufhört wirklich zu sein.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 62) Wir sind immer begrenzt, da wir natürliche Wesen sind, und uns so durch die Naturgesetze und die Moralregeln der Gesellschaft lenken und begrenzen lassen. Ebenso wie in der Natur jeder ein Individuum darstellt, benötigt auch jedes Individuum eine eigene Persönlichkeit! Diese Persönlichkeit entsteht indem verschiedene äußere Kräfte zusammentreffen und aus dem Produkt entwickelt sich dann die individuelle Persönlichkeit. Wir müssen uns unserem individuellen Willen bewußt werden und dies ist nur möglich durch die durch Handlung vermittelte Autonomie des Denkens eines menschlichen Wesens. Man kann als Individuum die Regeln der Moralgesellschaft nur dann akzeptieren, wenn man mit Einsicht die Moral als solche wahrnimmt und erkennt, dass man nur dann akzeptiert wird bzw. werden kann, wenn man ihre Regeln befolgt und nach ihrem Willen handelt. Nach moralischen Vorstellungen zu handeln, bedeutet auch gewisse Rechte und Pflichten zu beachten, die meist durch ungeschriebene Gesetze jedem bewußt sind. Die Moral lehren, heißt sie zu erklären!

Weil die Moral Jahrhunderte hindurch eine enge Gemeinschaft mit den religiösen Systemen gebildet hat, hat sie jenen Zaubercharakter bewahrt, der sie noch jetzt in den Augen gewisser Personen außerhalb der eigentlichen Wissenschaft hebt. Denn die Natur ist die beobachtbare Wirklichkeit.

Wirklichkeit und Moral werden meist nur dann möglich und beobachtbar in Einrichtungen, in denen Disziplin beigebracht wird;

Émile Durkheim: „Die Schule und der Geist der Disziplin“

- Die Disziplin und die Psychologie des Kindes

In diesem Kapitel soll deutlich gemacht werden, wie man die verschiedenen Elemente der Disziplin beim Kind ausbilden und entwickeln lassen kann.

Bei dem Geist der Disziplin geht es darum, dem Kind beizubringen, wo seine Ziele liegen können und was sie darzustellen versuchen. „Das Kind hat seine eigene Natur, und da es sich darum handelt, diese Natur zu bilden, müssen wir sie, um in Kenntnis der Dinge auf sie wirken zu können, kennenlernen.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 66) Es muß somit als erstes herausgefunden werden auf welchem geistigen Niveau wir versuchen uns dem Kind zu nähern; meist liegt der momentane geistige Zustand weit unter dem Niveau mit dem wir arbeiten möchten und dessen Ziel wir versuchen zu erreichen. Ein wichtiger Aspekt dieses Regellernens ist die Regelmäßigkeit mit der sie durchgeführt werden sollte, denn das Kollektivleben kann nur dann harmonieren, wenn jedes Individuum mit einer sozialen, häuslichen, bürgerlichen oder professionellen Funktion vertraut ist, und diese im angebrachten Augenblick gewinnbringend, sowohl für andere wie auch für sich, nutzt. Jedoch ist gerade diese Regelmäßigkeit bei Kindern nicht anzutreffen, da der Zorn ebenso schnell verfliegt, wie er kurz zuvor aufgetreten ist und andersherum. Diese Unregelmäßigkeit macht jedoch das Lernverhalten der Kinder aus.

Als weiterer Aspekt des Geistes der Disziplin wird die Mäßigung der Wünsche und die Selbstbeherrschung gesehen. Jedes Kind hat ein erhöhtes Verlangen nach dem was ihm unerreichbar bleibt und da diese Wünsche ihm selten erfüllt werden, denkt es, dass keine normalen Grenzen für die individuellen Bedürfnisse existieren. Hier wird der Unterschied, über die momentane Verfassung des Kindes und der Punkt auf dessen Bedürfnisse und Ziele man kommen möchte, deutlich; es ist ein Unterschied, den das Kind erst in einigen Jahren zu überbrücken lernt.

Das Kind braucht also, wenn schon nicht die Zustände, die man erreichen will, so doch wenigstens allgemeine Anlagen, deren wir uns für unsere Ziele bedienen und die als Hebel dienen können, um das Erziehungswerk bis auf den Grund des kindlichen Bewußtseins voranzutreiben. Spezielle Erziehung stellt nicht die gesamte Erziehung dar, aber alle ruhen auf einer gemeinsamen Basis. Es gibt eine gemeinsame Erziehung, die durch eine gewisse Anzahl von Ideen, Gefühlen, Praktiken und Dingen charakterisiert werden, die der Erzieher jedem Kind beibringen, egal welcher sozialen Kategorie sie angehören, muß.

„Im allgemeinen gibt es zwei Grundzüge der kindlichen Natur: der kindliche Traditionalismus und die Aufgeschlossenheit des Kindes für die Beeinflussung.“ (Vergleiche Baumgart F.: a.a.O., S. 68) So bedeuten für Kinder langsam erworbene Gewohnheiten einen großen Gewinn für das individuelle Leben und die Akzeptanz in der Gesellschaft und vor allem in der Erwachsenenwelt. Kinder haben die Angewohnheit, Sachen immer so oft zu wiederholen, bis sie sich diese verinnerlicht und somit ritualisiert haben; haben sie sich aber eine Gewohnheit angewöhnt, sei sie gut oder schlecht, so werden sie diese so schnell nicht mehr ablegen. Ein Kind respektiert aber nicht nur seine eigenen Gewohnheiten, sondern auch die, die es in seiner Umgebung beobachtet und wahrnimmt. Jede Abweichung dieser Norm bedeutet für die neu erlernte Gewohnheit ein Ärgernis, welches eine Überraschung erregt und mit der das leichte Gefühl der Ablehnung oder Empörung mitschwingt. Wenn man jedoch vor einem Kind immer die selbe Geste, sei sie noch so unbedeutend, auf die gleiche Weise wiederholt, so werden sie Teil seiner Ritualisierung und als solche in sein Leben integriert. Es genügt nicht einem Kind beizubringen, unter den gleichen Umständen die gleichen Handlungen zu vollziehen, es muß auch lernen, dass es außer ihm noch weitere moralische Kräfte gibt, die seine Kräfte einschränken, mit denen er rechnen und vor denen er sich beugen muß. Zwar lernt das menschliche und kindliche Wesen dies schon recht früh, sei es durch die Stärke der Eltern, die ihm ohne Probleme ihren Willen aufzwingen können, jedoch lernt er ebenfalls daraus, seine Kräfte zu eben dieser Willensstärke auszubilden um gleichzeitig oder Jahre später die selbe Kraft auf andere auswirken zu lassen. Der aufgezwungen Wille spielt verstärkt in der Schule eine Rolle.

- Die Schuldisziplin

Uns wurde schon im vorhergehenden Kapitel deutlich gemacht, wie beeinflußbar Kinder sind; somit sind Kinder in der Schule einer großen Gefahr ausgesetzt, denn Lehrer sind dafür da, Kinder zu erziehen und dabei ist es möglich dies auch in einer negativen Weise zu tun. Dies ist meist unabsichtlich, aber durch die geringe Widerstandskraft der Kinder, kann dies verheerende Folgen haben, da Kinder ja wirklich kein Verständnis davon haben, was richtig und falsch ist. Hierbei lastet sowohl beim Lehrer, wie auch beim Schüler ein enormer Druck. Meist entsteht dieser Mißbrauch dann, wenn die Erziehung einseitig, sei es nur von den Eltern, verläuft, denn dadurch entstehen sogenannte Milieus, die schwer zu kontrollieren sind und man so den Kindern den Schutz gegen den Mißbrauch nicht gewährleisten kann. Die Unterwerfung des Menschen unter einen anderen nennt man immoralisch.

„Wie mächtig auch die Wirkmöglichkeiten sind, die uns die kindliche Natur anbietet, sie können von sich aus nicht die Moralentwicklung erreichen, die man erwarten darf.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 70) Die Disziplin ist das schwer ersetzbare Instrument der Moralerziehung. Dass das Kind von Natur aus moralische Veranlagungen hat, die vom Erbgut her bestimmt sind, trifft nicht hundertprozentig zu, denn es hängt alles davon ab, wie man sie verwendet. Schon bei der Geburt sind dem Kind bestimmte Veranlagungen mitgegeben, und wie bei einem unbehandelten Stück Holz kommt es darauf an, was der Handwerker, in diesem Fall der Erzieher, daraus formt. Diesen Zustand nennt man die moralische Neutralität in der sich das kindliche Individuum befindet. Dieser Prozeß beginnt schon durch die Erziehung durch die Eltern und wird weitergetragen durch die Pädagogen und sehr stark unbewußt beeinflußt durch den Umgang denn ein Kind oder Mensch pflegt, sei es die richtigen Freunde oder andere Milieus; diese Moralerziehung wird durch die regelmäßigen Gewohnheiten des Individuums geprägt.

Durch die zahlreiche moralische Gegebenheiten im Umfeld sind Menschen auch sehr schnell daran gewohnt, dass dies alles auch mit Verpflichtungen verbunden ist, denn aufgestellte Regeln sollte man sowohl respektieren als auch erfüllen. Man lernt schon im frühen Alter Benimm-Regeln und Manieren und lernt diesen zu folgen; später kommen dann Dinge wie „man meldet sich und wartet bis man aufgerufen wird“, „man achte auf seine Mitschüler wie auf sich selbst“, „man respektiere die Meinung anderer“ und viele dieser Dinge, ebenso wie man lernt, dass man pflichtbewußt ist und man lernt zu lernen um die Moral zu erfüllen und gleichzeitig um für sich und das Leben zu lernen; dies wird als die sog. Schuldisziplin bezeichnet. Es gibt also eine Menge von Verpflichtungen dem sich das Kind unterwerfen muss. Hierbei sollte deutlich gemacht werden, dass Regeln zwar erforderlich und auch gut sind, aber es äußerst schlecht ist, wenn alles geregelt wird.

Die Schuldisziplin ist im allgemeinen „die Moral der Klasse, wie die eigentliche Moral die Disziplin der Gesellschaft ist. Jede Sozialgruppe, jede Art von Gesellschaft hat ihre Moral, die ihr Wesen ausdrückt.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 73) Die Schuldisziplin und die damit verbundene Schulpflicht dient der Gesellschaft als Bindeglied zwischen der liebevollen Moral der Familie und der strengen Moral des Zivillebens. Sie ist die erste Einführung in die Strenge der Pflicht und hiermit beginnt der Ernst des Lebens.

Als nächste Frage sei uns gestellt, wie man Kinder dazu bekommt nach der Schuldisziplin zu handeln? Sie sollte nicht aufgezwungen werden, denn das Recht der Freiheit bzw. Freiwilligkeit sei auch den Kindern zuzuschreiben. Und auf diese Freiwilligkeit wird gezielt. Das Kind muß die Moralautorität fühlen und erkennen, dass sie sehr wichtig ist, sie als wichtig anzuerkennen und nach ihr handeln zu wollen. Es kommt auf ein Zusammenspiel der äußeren Autorität und des inneren Respektgefühls an, die einen Menschen so handeln lassen, dass es der Moralvorstellung entspricht.

Ein wichtiges Bindeglied für das Erlernen der moralischen Regeln stellt der Lehrer und sein Einwirken dar; er muß „geistige Festigkeit und einige Willensenergie aufweisen. Wie ein Befehl den Wesenszug hat, Zweifel und Zögern zum Schweigen zu bringen, so kann die Regel nur dann dem Kind verpflichtend erscheinen, wenn es sie entschieden angewendet sieht, wenn derjenige, der damit betraut ist, sie ihm bekannt zu machen, immer weiß, was sie zu sein hat.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 75) Ein Lehrer ist ein großes moralisches Organ, dessen Größe und Stärke er sich meist selbst nicht bewußt ist; daher lockt auch die Gefahr des Mißbrauchs dessen Thematik wir schon diskutiert haben. Ein weiteres Problem stellt dar, dass die Schüler anfangs nur den Lehrer als moralische Respektsperson sehen und daher besteht leicht die Gefahr der personell gebundenen Moralität. Somit muß der Lehrer lernen unpersönlich zu handeln, um so beim Kind das Gefühl der Neutralität zu bestätigen und zu zeigen, dass auch er nur einem Moralgesetz unterworfen ist und nach dessen Maxime handeln muß.

Jedoch ist die Schule eine wichtige Instanz beim erlernen der Moralregeln; „die Schule würde sich eine ihrer wichtigsten Pflichten entziehen, wenn sie sich dieser Aufgabe entzöge.“ (nach: Baumgart F.: a.a.O., S. 76)

Kritik:

Wir haben im Laufe des Seminars gelernt, dass Sozialisation die Einordnung des Individuums in die Gesellschaft ist. Jedoch ist dies aus verschiedenen Aspekten heraus, unterschiedlich zu erklären. Korte meinte hierzu, dass man nach den Gründen für den Zustand der zeitgenössischen Gesellschaft fragen sollte, jedoch ließ er hierbei außer Acht, dass sich die Gesellschaft im Laufe einer Generation verändert. Diese Veränderung ist zwar nur sehr minimal, aber trotzdem für alle Betreffenden spürbar; Somit sind die Aspekte von Durkheim über seine „moderne Gesellschaft“ zwar interessant und lehrreich, aber leider ebenso überholt. Moral ist heutzutage ebenfalls noch wichtig und sie wird auch noch bewußt und intensiv gelehrt, jedoch hat sich das heutigen Moralbewußtsein sehr stark verändert und hat mit dem damaligen nicht mehr viel gemein; dies wird z.B. deutlich dadurch, dass die Akzeptanz von sog. Randgruppen schon viel weiter fortgeschritten ist, als dies noch vor ca. 25 Jahren, geschweige denn im 19 Jahrhundert, war. Man kann nur hoffen, sowohl für die Gesellschaft wie auch für das künftige Moralverständnis, dass sog. Randgruppen und die damit zusammenhängende Intoleranz im nächsten Jahrhundert noch weiter zurückgehen wird und man somit tatsächlich von einer gemeinsamen Gesellschaft sprechen kann.

Literaturnachweis:

- Korte, H. : „Durkheims Theorie moderner Gesellschaften“ aus Korte, H. „Einführung in die Geschichte der Soziologie“ in Baumgart, F. [Hrsg.], „Theorien der Sozialisation“, S. 36-43,1997, Rieden
- Müller, H.-P.: „Émile Durkheim“ in Käsler, D. [Hrsg.] „Klassiker des soziologischen Denkens“, Band 1, 1998, München
- Durkheim, É.: „Erziehung und Gesellschaft“ aus Durkheim, É. „Erziehung, Moral und Gesellschaft“ in Baumgart, F. [Hrsg.], „Theorie der Sozialisation“, S. 44-77, Rieden
- Baumgart, F. [Hrsg.]: „Theorien der Sozialisation“, Erläuterungen - Texte - Arbeitsaufgaben, Studienbücher Erziehungswissenschaften Band III, Verlag Julius Klinkhardt, 1997, Bad Heilbrunn/Obb.

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Details

Titel
Zum Verhältnis von Schule und Gesellschaft bei Durkheim
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
1999
Seiten
13
Katalognummer
V103809
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Schule, Gesellschaft, Durkheim
Arbeit zitieren
Christine Popp (Autor), 1999, Zum Verhältnis von Schule und Gesellschaft bei Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103809

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