Martin Heidegger und die Technik


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2021

8 Seiten


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Heidegger und die Technik – seriöse Kritik öder „höherer Blödsinn“?

Technik gibt es, ähnlich wie den Erfindungsgeist, nicht nur in Wirtschaft und Industrie, sondern auch in Wissenschaft, Kunst, Literatur und Philosophie, wo die Bedeutungen des Begriffs sich allenthalben mit anderen überschneiden, so mit Verfahren, Methode, Vorgehensweise, Kunstfertigkeit und Ähnlichem. Als Synonyme für Technik nannte Martin Heidegger (1889-1976) im Jahre 1950 u.a. „das Sein“, „das Ge-stell“ und „das Her-vor-bringen“. Wozu er gut ein Vierteljahrhundert später, kurz vor seinem Tod, in einem SPIEGEL-Interview vom 31. Mai 1976, bemerkte, der Begriff „Ge-stell“ sei von ihm vielleicht etwas „ungeschickt“ gewählt und von anderen oft „verlacht“ worden; festzuhalten bleibe aber: „Das Walten des Ge-stells besagt: Der Mensch ist gestellt und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht beherrscht. Zu dieser Einsicht zu verhelfen: mehr verlangt das Denken nicht. Die Philosophie ist am Ende.“ (a.a.O. S. 209). Kurz zuvor hatte er behauptet, die Philosophie sei schon fast vollständig durch die Wissenschaften ersetzt worden und werde schließlich ganz in „Kybernetik“ aufgehen. – Das ist natürlich eine Bankrotterklärung der Philosophie und zugleich eine Kapitulation vor der angeblichen Allmacht der Technik.

Wie konnte es dazu kommen? Antworten finden sich in dem Vortrag über Die Frage nach der Technik, den Heidegger im Jahre 1950 vor der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gehalten hat. Darin will er das Wesen der Technik ergründen. Dieses sei nicht im Technischen, nicht in der Technik selbst zu finden, sondern in einer der altgriechischen Grundbedeutungen des Begriffs ‚techne‘, nämlich der ‚poiesis‘, dem urtümlichen „Erschaffen“, in dem stets ein „Her-vor-bringen“ vonstatten gehe.1 Dies aber gelte auch bereits für die Physis, die Natur, und zwar „im höchsten Sinne“, da die Natur selbst die Her-vor-bringerin sei, was beim Menschen, so in Kunst, Handwerk usw., nur indirekt der Fall sei; während überall in Natur, Kunst und sonstigem Schaffen das „Veranlassen“ bzw. die Kausalität anzutreffen sei, die Heidegger auch „das Entbergen“ nennt, wofür aber auch der Begriff ‚Wahrheit‘ (griech ‚aletheia‘) zu verwenden sei, aber nicht als bloße „Richtigkeit des Vorstellens“, sondern im Zusammenhang mit der ‚Episteme‘, dem Erkennen: das Her-vor-bringen des zuvor Verborgenen (a.O. S. 12 f.).

Moderne Technik begnügt sich jedoch nicht damit. Sie verzichtet auf jeglichen Kunst-Anspruch zu Gunsten der puren Vernutzung und Ausbeutung der Natur, die „Energie zu liefern“ habe. Da geht es nicht mehr um bloßes „Entbergen“, sondern um „ Herausforderung“ (=Heraus-Fordern!). Wozu Heidegger eine Reihe weiterer, teils seltsamer Bestimmungen vornimmt. Die Natur werde ein „bestellbares Objekt“ (S. 15) und das Herausfordern der Natur vollziehe sich stets unter den Aspekten der „Steuerung und Sicherung“. „Bestellen“ führe zum „Be-stand“ als der „Weise, wie alles anwest, was vom herausfordernden Entbergen betroffen wird“ (S. 16). Außerdem hätten alle diese Bestimmungen ihren Grund „in dem, was zur Sprache kommt“ (S. 17; was ich für höchst aufschlussreich halte, denn Heidegger meint offensichtlich, das, was bei ihm zur „Sprache“ kommt, d.h. in seine eigenartigen Bezeichnungen und Deutungen eingeht. Darunter auch das „Ge-stell“, das H. auch definiert als „das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, d.h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen. Ge-stell heißt die Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen Technik waltet und selber nichts Technisches ist.“ (S. 20).

Hierdurch werde auch die landläufige Auffassung, die „nur anthropologische Bestimmung“ von Technik hinfällig, wonach diese nichts anderes als ein Tun als Mittel zum Zweck bedeute (S. 20-21). – Schon hierdurch aber wird m.E. die Technik unheimlich, geradezu dämonisch, geht sie doch in Heideggers Sicht auf das Ganze von Natur und Kultur, letztlich auf das ganze „Sein“, das ja stets das Menschsein nicht nur umschließt, sondern auch übersteigt, bis ins Ur- und Abgründige hinein: „Die Technik, deren Wesen das Sein selbst ist, läßt sich durch den Menschen niemals überwinden. Das hieße doch, der Mensch sei der Herr des Seins.“ (S. 38).

Zur Gefahr werde die moderne Technik vor allem deshalb, weil sie ein „Geschick“ sei, also von Unbegreiflichem, Abgründigem herrühre, wobei Heidegger sich jedoch in Widersprüche verstrickt. Denn plötzlich, wenn auch auf Grund neuer Überlegungen, behauptet er, das Ge-stell verstelle „das Scheinen und Walten der Wahrheit“ (S. 27, während er zuvor Ge-stell und ‚aletheia‘ = Wahrheit als synonym bezeichnet hatte, S. 20). Nicht als solche, sondern durch das Walten des Ge-stells im „Geschick“ werde die moderne Technik zur Gefahr für den Menschen; wofür Heidegger jedoch sogleich, und zwar mit Hölderlin, ein probates Gegenmittel bereithält: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ (S. 28). Wonach es dann nicht mehr um Technik, sondern um eine typisch heideggersche Auslegung des Hölderlin-Verses geht, wohingegen sich die Frage stellt: Wenn das Ge-stell nunmehr nicht nur die Poiesis, sondern auch die Wahrheit „verstellt“, worin besteht dann noch das Rettende in der modernen Technik? Im Jahre 1950 hielt H. es noch für benennbar: Es sei das „Wesende der Technik“, das der Mensch immer besser zu „wahren“ lerne. Zwar müsse man die „äußerste Gefahr im Blick behalten“ (S. 33), aber alles sei vergeblich, wenn „alles Ent-bergen im Bestellen aufgeht und alles sich nur in der Unverborgenheit des Bestandes darstellt“ (S. 34). Wogegen Heidegger empfiehlt, sich auf die Grundbedeutung ‚poiesis‘ von ‚techne‘ zu besinnen. Erst das Poetische könne das Wesende ins Schöne entbergen. Künstlerische Besinnung führe zurück zum „Glanz“ der Wahrheit (S. 35).

Aber: Auch an diesen Glanz glaubt Heidegger am Ende seines Lebens offenbar nicht mehr. Wenn die Technik so übermächtig geworden ist, dass sie den Menschen „immer mehr von der Erde losreißt und entwurzelt“, geht dem Menschen schließlich sogar die Erde verloren, gibt es keine Rettung mehr, und die Philosophie (Heideggers!?) ist tatsächlich am Ende! („Wir haben nur noch rein technische Verhältnisse. Das ist keine Erde mehr, auf der der Mensch heute lebt.“, sagt H. in dem zitierten SPIEGEL-Interview vom 31.5.1976, S. 206.)

Heidegger-Kritik. Heidegger war sicherlich ein bedeutender Denker der besonderen Art. Voll zustimmen konnte und kann ich seinen Erklärungen des Verstehens als Existenzial – und insbesondere seinem Zeit-Begriff, mit dem es ihm gelungen ist, subjektive und objektive Aspekte des Phänomens in Einklang zu bringen.2 – Anders steht es mit seinem ehrgeizigen Ziel, das Sein – im Unterschied zum „Seienden“ – zu erklären. Dies hat er nicht erreicht, weil er in den in Sein und Zeit und andernorts vorgetragenen Daseins-Analysen über die subjektive Beschreibung von Seiendem nicht hinausgekommen ist. Umso schwerer wiegt die Tatsache, dass er in dem Vortrag von 1950 das Sein als Technik identifiziert, und zwar aus relativ nahe liegenden Gründen. Will man das Wesen der Technik ergründen, kann man nicht umhin, deren charakteristische Merkmale und Eigenschaften herauszufinden und zu analysieren. Dieser Mühe unterzieht Heidegger sich jedoch nicht, sondern schreitet sogleich zur Interpretation, wobei er sich ganz auf die eigenen, „zur Sprache kommenden“ Assoziationen, Begriffe und Wortklaubereien („Ge-stell“ usw.) verlässt, die ihm jeweils gerade in den Sinn kommen. Wobei zu beachten ist, dass Heidegger darin kein Problem sieht, weil Sprache für ihn eine überpersönliche, nicht-individuelle Wesenheit ist. Die „Sprache des Wesens“ hält er für das Wesen der Sprache. – Aber welches Wesen spricht denn, wenn nicht der je einzelne Mensch? Wie so häufig treten hier bei Heidegger irrationale Behauptungen an die Stelle rationaler Erklärungen. Wie es leicht passiert, wenn man sich statt auf konkrete Sach-Analysen auf die eigenen phantastischen sprachlichen Assoziationen verlässt.

Diese Art Phantasie verleitet den Autor zu immer neuen Wort- und Begriffsbildungen, deren Objektbezüge oft kaum zu erkennen sind. Dahinter stecken jedoch, wie ich meine, nicht bloße Launen, sondern handfeste ideologische Interessen und Absichten. Warum setzt H. zunächst Technik, Sein, Wahrheit, Kunst und Ge-stell ineins, um später das „herausfordernde Ge-stell“ der modernen Technik zum Widersacher der Wahrheit zu erklären? Warum lehnt er die gängige, „rein anthropologische“ Bestimmung ab, wonach Technik ein Tun des Menschen als Mittel zum Zweck ist? Warum stilisiert er die von der modernen Technik ausgehende existenzielle Bedrohung zum Seins-„Geschick“, von dem er 1950 noch – mit Hölderlin – „Rettung“ verspricht, während er in seinem Todesjahr 1976 alles, sogar die ganze Erde, vor der angeblichen Allmacht der Technik kapitulieren lässt?

Ich vermute hinter alledem Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus, von der er sich nie distanziert hat. Wer im Jahre 1950 über die moderne Technik als „höchste Gefahr“ für die Menschheit redet und dabei das verschweigt, was wenige Jahre zuvor in Auschwitz und Hiroshima geschehen ist, muss dafür triftige Gründe haben. Heidegger hatte sie. Er hätte nämlich zugeben müssen, dass die Technik-Beflissenheit und -Besessenheit der Nazis eine der Hauptursachen für die genannten Katastrophen war. Warum entwickelten die Nazis solche Terror-Kriegswaffen wie die V2-Raketen, Überschall-Kampfflugzeuge – und fast sogar die erste Atombombe? Doch nur, um ihre größenwahnsinnigen Welteroberungspläne zu verwirklichen. („Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt!“) Zum Glück hat die einigermaßen vernünftig gebliebene übrige Welt die Nazis und ihre Kriegs-Verbündeten gestoppt, aber um einen furchtbaren Preis: den Atombomben-Terror von Hiroshima und Nagasaki, gefolgt von der bis heute andauernden Gefahr eines atomaren Holocausts. Zu der Mitschuld der Nazis daran wollte Heidegger sich offensichtlich nicht bekennen; lieber blieb er bis an sein Lebensende überzeugter Nazi. Und warum leugnete er kurz zuvor noch jegliche Möglichkeit, die Technik durch Menschen beherrschbar zu machen? Hat er erkannt, dass die noch 1950 aufgestellte Gleichung Technik = Ge-stell = Sein = Kunst = Wahrheit nicht aufgeht, dass vielmehr genau diese Gleichung die Nazi-Gesinnung ihres Urhebers verrät?

[...]


1 Heidegger 1962/1996, S. 11

2 Vgl. Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 1963, S. 350, und meine Hypothese zur ursprünglichen Weltzeit, in: Robra 2015, S. 479-481

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Details

Titel
Martin Heidegger und die Technik
Autor
Jahr
2021
Seiten
8
Katalognummer
V1038195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
technik, das Gestell = das Sein = das Her-vor-bringen - Philosophie am Ende - NS-Verstrickung - NS-Technik-Besessenheit - Technikfolgenabschätzung
Arbeit zitieren
Klaus Robra (Autor), 2021, Martin Heidegger und die Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1038195

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