Merkmale der Hochsensitivität und ihre psychosozialen Auswirkungen unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Gesichtspunkte


Bachelorarbeit, 2016

72 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Bachelorthesis

1. Einleitung
1.1 Rechercheprozess und Methodisches Vorgehen

2. Hochsensitivität nach E. Aron
2.1 Begriffsklärung Hochsensitivität und Hochsensibilität

3. Forschung
3.1 Geschichtliche Vorläufer
3.2 Allgemeiner Überblick
3.3 Aktuelle Forschungsergebnisse
3.4 Erworben oder Vererbung
3.5 Krankheit oder Störung
3.6 Diagnosestellung

4. Merkmale von Hochsensitivität
4.1 Wahrnehmung
4.2 Reizüberflutung und Erregungsniveau
4.3 Gefühle
4.4 Intuition und Empathie
4.5 Introversion und Extroversion
4.6 Denken
4.7 High Sensation Seeking
4.8 Resilienz und Stress
4.9 Moral und Ethik

5. Hochsensitive Kinder und Jugendliche
5.1 Hochsensitive Kinder
5.2 Hochsensitive Jugendliche

6. Hochsensitivität und andere Phänomene
6.1 Hochsensitivität und AD(H)S
6.2 Hochsensitivität und Autismus-Spektrum
6.3 Hochsensitivität und Hochbegabung
Zusammenfassung:

7. Neurowissenschaftliche Gesichtspunkte
7.1 Das Nervensystem
7.2 Nervenzelle und Funktion
7.3 Die hormonelle Stressachse
7.4 Wahrnehmungsprozess
7.5 Bezug zur Hochsensitivität

8. Psychosoziale Auswirkungen von Hochsensitivität
8.1 Psychosoziale Folgen
8.2 HSM und Beruf

9. Zusammenfassung

10. Kritische Würdigung

11. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Filme:

Anhang

I Abkürzungsverzeichnis

II Autoren verwendeter Literatur

III Links zur Hochsensitivität

IV Abbildungen

Abstract

Hochsensitivität: ein neues Phänomen - ein neuer Forschungszweig.

„Was ist Hochsensitivität, wie verhalten sich hochsensitive Menschen in ihrem Umfeld und wie funktioniert ihr Nervensystem?“ ist die zu bearbeitende Frage in dieser Bachelorarbeit. Der Titel lautet: „Hochsensitivität - Merkmale und ihre psychosozialen Auswirkungen unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Gesichtspunkte“.

Ziel der Arbeit ist es, zu erfahren, was Hochsensitivität bedeutet und wie sich hochsensitive Menschen in ihrem Umfeld verhalten. Durch den neurowissenschaftlichen Bezug sollen die Vorgänge im Nervensystem eines hochsensitiven Menschen erkennbar gemacht werden.

In der vorliegenden Bachelorarbeit wird sich mit Phänomen „High sensory-processing sensitivity“, kurz: Hochsensitivität, befasst, welches von der amerikanischen Wissenschaftlerin Elaine Aron entdeckt und benannt wurde. Auf 52 Seiten, aufgeteilt in 11 Kapitel, setzt sich die Autorin dieser Arbeit mit dem Phänomen Hochsensitivität und deren Merkmalen auseinander. Ein ausführlicher Forschungsteil gibt Überblick über geschichtliche Vorreiter und aktuelle Forschungsergebnisse, einschließlich der Frage nach Krankheit, Störung und Diagnose. Die verschiedenen Merkmale von Hochsensitivität werden in Bezug zu den verwandten Phänomenen AD(H)S, Autismus-Spektrum-Störung und Hochbegabung gesetzt. Die Auseinandersetzung mit dem neurowissenschaftlichen Hintergrund führt zu der Erkenntnis, dass sich hochsensitive Menschen auf Grund ihres anders funktionierenden Nervensystems und der daraus resultierenden Wahrnehmung anders verhalten. Dies hat Auswirkungen auf ihr soziales Leben, ihren Beruf und die Gesundheit. Die Forschungen über Hochsensitivität stehen am Anfang, was sich u.a. in einem Wirrwarr an Begriffen zeigt.

Die Arbeit ist eine literaturgestützte Arbeit. Es wurden Autoren ausgewählt, die sich aktiv mit Hochsensitivität befassen und Untersuchungen mit Klienten/innen durchführten. Einige von ihnen bezeichnen sich selbst als hochsensitiv, so auch Elaine Aron.

„Wahrnehmung ist der zentrale Punkt im Leben

eines Hochsensiblen. Sie ist seine größte

Stärke und Begabung und kann zugleich sein

größter Schwachpunkt sein, wenn er nicht

gelernt hat, damit umzugehen“

(Sellin, 2014,S.71)

1. Einleitung

In meiner jahrelangen pädagogischen Tätigkeit mit Vorschulkindern machte ich oft die Erfahrung, dass Kinder mit unangemessenen Verhaltensweisen von Ärzten/innen und Pädagogen/innen als ADS Kinder tituliert wurden, ohne den jeweiligen Lebenskontext des Kindes in Betracht zu ziehen. „Hauptsächlich waren es die unruhigen, die grenzenlosen, die lauten und unkonzentrierten Kinder, welche auch als AD(H)S Kinder bezeichnet werden, so Schakau-Hübner (2015, S.1).

Trappmann-Korr (2014) unterstützt meine Erfahrungen mit ihrer Aussage: „Schaut man sich die Beschreibungen (…) des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms genauer an, dann fällt zunächst eine gigantische Gemengelage1 auf. Hier wurde nämlich alles, was man so finden konnte, in einen Topf geworfen und ein Etikett mit der Aufschrift ADHS/ADS draufgeklebt“ (S.93). Von einzelnen Pädagogen/innen wird vorwiegend auf das „negative“ Verhalten dieser Kinder geschaut. Die positiven Seiten, wie Neugier und Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Aufnahmefähigkeit und analytisches Denken werden selten beachtet. Meine Annahme dahingehend ist, dass viele Kinder falsch diagnostiziert werden und das „die hohe Reizvielfalt unserer bunten und lauten Welt unsere Kinder maßlos überfordert und sie gegen die verkabelte Handy-, PC-, TV-; und Konsumwelt rebellieren“ (Schakau-Hübner, 2015, S.1).

In meiner Tätigkeit als Heilpädagogin in den Institutionen Frühförderung und Kinder-tagesstätte begegne ich diesen Kindern und gleichermaßen den Pädagogen/innen immer öfters. Gegenüber der schnellen Diagnose AD(H)S bin ich jedoch oft sehr kritisch und stoße damit vielfach auf Unverständnis.

In einem Gespräch mit einer befreundeten Ergotherapeutin kam ich in den Austausch über das Thema AD(H)S und der allgemeinen Reizüberflutung. Ich erfuhr von einem neuen Forschungszweig und dem Konzept Hochsensitivität, deren wichtigstes Charakteristikum eine andersartige Wahrnehmung und Reizüberflutung beinhaltet. Bezüglich meiner anfänglich beschriebenen praktischen Erfahrungen sprach mich das Thema sehr an. Ich befasste mich während meines Studiums im Rahmen des Moduls 15 „Pädiatrie und Neuropädiatrie“ intensiver mit dem Thema „Hochsensitivität“ und schrieb meine erste wissenschaftliche Hausarbeit mit dem Titel „Das hochsensitive Kind“. Während der Erarbeitung fand ich heraus, dass meine Kritik gegenüber der vorschnellen Diagnose AD(H)S einen berechtigten Grund hatte. Ich konnte meinen Zweifeln und Bedenken einen Namen geben: Hochsensitivität.

Durch die Recherchen erfasste ich, dass Hochsensitivität ein neuer Forschungszweig in der Wissenschaft geworden ist.

Die Auseinandersetzung mit dem Konzept von Elaine Aron warf in mir viele Fragen auf, die auch mein persönliches Leben betrafen. Ich beschloss, Antworten auf diese Fragen zu finden und mich in das Thema Hochsensitivität tiefer einzuarbeiten. Das Thema meiner Bachelorarbeit war gefunden, denn:

Aus hochsensitiven Kindern werden hochsensitive Erwachsene. Eine Welt voller Reize, die in Farben und Tönen, in Lautstärke und Hektik kein Ende mehr findet, muss Auswirkungen auf diese „reizbaren“ Menschen haben.

Nach Trappmann-Korr (2009) konnte die allgemeine Reizüberflutung in der Zeit vor 20,30,40 Jahren einigermaßen kompensiert werden2, während die Kinder von heute mit Umweltreizen bombardiert werden und die Konsequenzen offen zutage treten. Sie führen zu Verhaltensauffälligkeiten (…) und zu keiner Zeit wurden so viele Kinder als gestört oder auffällig diagnostiziert wie heute (S.43).

So wählte ich das Thema meiner Bachelorarbeit im Studiengang Heilpädagogik:

„Hochsensitivität - Merkmale und ihre psychosozialen Auswirkungen unter

Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Gesichtspunkte“.

Ich beschäftige mich darin mit der Frage: „Was ist Hochsensitivität, wie verhalten sich hochsensitive Menschen in ihrem Umfeld und wie funktioniert ihr Nervensystem?“

Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, was sich hinter dem Phänomen Hochsensitivität verbirgt, welche Eigenschaften hochsensitive Menschen haben und welchen Auswirkungen diese Merkmale für ihr Leben haben. Mit meinen Kenntnissen aus dem Modul Neurophysiologie möchte ich genauer betrachten, welche Vorgänge sich im Nervensystem der hochsensitiven Menschen abspielen. Besonderes Interesse findet die Auseinandersetzung mit den aktuellen und verwandten Phänomenen AD(H)S, Autismus-Spektrum-Störung und Hochbegabung. Die Phänomene AD(H)S und Hochbegabung begleiten mich seit Jahren innerhalb der Familie.

Nach Fertigstellung dieser Arbeit möchte ich mit meinen erarbeiteten Kenntnissen in Form einer Power-Point-Präsentation Pädagogen/innen in Kindertagesstätten und Frühförderstellen über dieses neue Konzept informieren und sie für hochsensitive Kinder und Erwachsene (die auch Kollegen/innen sein können), sensibilisieren. Zum anderen möchte ich mir viele Fragen zu meiner persönlichen Entwicklung und meinen Familienmitgliedern beantworten.

Die Arbeit gliedert sich in 11 Kapitel. Nach dieser Einleitung und dem Überblick über den Rechercheprozess wird im zweiten Kapitel das Konzept „Hochsensitivität“ vorgestellt und der Versuch unternommen, den Begriff zu definieren. Bei den Recherchen stellte ich fest, dass der Begriff hochsensitiv im deutschen Sprachgebrauch synonym mit hochsensibel verwendet wird. Da mir die Unterscheidung der Begriffe innerhalb dieser Arbeit sehr wichtig ist, wird dieser Teil ausführlich bearbeitet.

Im dritten Gliederungspunkt werden geschichtliche Vorläufer und deren Forschungsergebnisse dokumentiert. Es folgt ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Im Rahmen der Forschungsergebnisse wird sich mit der Frage der Diagnostik von Hochsensitivität, der Vererbung und der Frage nach Krankheit oder Störung befasst.

Im vierten Kapitel werden wesentliche Merkmale von Hochsensitivität beschrieben. Es folgen im fünften Abschnitt die Besonderheiten hochsensitiver Kinder und Jugendlicher. Es fiel auf, dass in der Literatur das Phänomen Hochsensitivität im Zusammenhang mit anderen bekannten Phänomenen diskutiert wird und oft Verwechslungen bzw. Fehldiagnosen gestellt werden. Deshalb wird im sechsten Kapitel Bezug zu den verwandten Phänomenen AD(H)S, Autismus-Spektrum-Störung und Hochbegabung genommen.

Im siebten Abschnitt werden die theoretischen Grundlagen des Nervensystems und die neurologischen Vorgänge im Nervensystem beschrieben und in Bezug zur Hochsensitivität gesetzt. Die neurologischen Vorgänge sind Grundlage, um die psychosozialen Auswirkungen transparent zu machen, die im Kapitel 8 dokumentiert werden.

Im neunten Abschnitt dieser Arbeit erfolgt eine Zusammenfassung der wesentlichsten Erkenntnisse über Hochsensitivität, die im zehnten Gliederungspunkt kritisch diskutiert werden. Die Arbeit schließt mit meinem Fazit und der Beantwortung meiner Forschungsfrage, die eingangs gestellt wurde, ab und endet mit dem Ausblick und drei weiteren Forschungsfragen zu diesem Thema.

1.1 Rechercheprozess und Methodisches Vorgehen

Die Recherche zu der vorliegenden Arbeit konzentrierte sich zuerst auf die Suche nach wissenschaftlicher Literatur zum Thema Hochsensitivität. Die Auslese an Büchern war ergiebig. Die Auswahl der Literatur wurde sorgfältig geprüft. Es wurde unterschieden zwischen Ratgeber-Literatur und wissenschaftlicher Literatur. Da es keine anerkannte Diagnostik von Hochsensitivität gibt, war es nicht möglich, ein leitfadengestütztes Interview mit einem Betroffenen für diese Bachelorarbeit durchzuführen. Somit ist es eine literaturgestützte Abschlussarbeit. Bei der gezielt ausgewählten Literatur handelt es sich vorwiegend um Autoren/innen, die eine therapeutische oder psychologische Ausbildung haben und eigene Untersuchungen mit Klienten/innen in ihren Praxen durchführten. Diese fanden durch Interviews und Gespräche statt und wurden von diesen Autoren/innen dokumentiert. Hinzugezogen wurden einzelne (wenige) Erfahrungsberichte von Betroffenen, die sich auf Grund ihrer eigenen Hochsensitivität mit dem Thema intensiv auseinandersetzten. Im Anhang II finden sich ein Überblick über diese Autoren und ihr Bezug zur Hochsensitivität.

Der Rechercheprozess verlief über einen Zeitraum von ca. zehn Monaten und begann im Vorfeld mit den Recherchen zu meiner Hausarbeit über hochsensitive Kinder.

Begonnen wurde im Katalog der Bibliothek der Universität Bielefeld, der Gütersloher Bibliothek und in der Bibliothek der FHdD Bielefeld. In der Uni-Bib wurde wenig Literatur zu diesem Thema gefunden. Es konnte jedoch auf eine aktuelle empirische Studie über Hochsensitivität von Christina Blach zurückgegriffen werden, die sie an der Uni Bielefeld mit Studierenden durchführte und in ihrer Diplomarbeit veröffentlichte. In der Gütersloher Stadtbücherei, Abteilung Psychologie und der Elternbibliothek, war die Auslese enorm.

Aktuelle wissenschaftliche Interviews der Fachzeitschrift „Psychologie heute“, die Aussagen über aktuelle Forschungen enthielten, konnten verwendet werden. Die aktuelle Homepage vom Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (IFHS), einem Netzwerk, das sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, die Forschungsergebnisse zu koordinieren, wurde einbezogen. Desweiteren konnte Material über die Homepage Elaine Aron gefunden werden. Die Literaturrecherche zur Neurowissenschaft war sehr reichhaltig. Es wurde wissenschaftliche Literatur der hauseigenen Bücherei verwendet.

Da in Deutschland das gesellschaftliche Interesse an dem Thema Hochsensitivität steigt, nahm während meines gesamten Rechercheprozesses und der Erstellung dieser Arbeit das Repertoire an Erfahrungsberichten und Ratgeber-Literatur enorm zu. Es machte den Eindruck, dass Hochsensitivität zu einem Modethema wird. In dieser Zeit kamen in mir Zweifel auf, an diesem Thema weiterzuarbeiten. Durch die laufenden Studien und die zunehmende Forschungsbereitschaft, die ich auf der Homepage des IFHS einsehen konnte und immer aktualisiert wird, wurde mir die Wichtigkeit von Hochsensitivität erneut bewusst. Erfreulicher Weise erschien im Jahr 2015 die erste Dissertation, die ich in dieser Arbeit verwenden konnte. An Universitäten und Fachhochschulen gewinnt das Thema in der Wissenschaft zunehmendes Interesse. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Bachelor- und Masterarbeiten.

Wichtige Schlagwörter waren: Elaine Aron, Highly Sensitivity Person, Zart besaitet, Hochsensitivität, Hochsensibel, Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Reizüberflutung, A(H)DS, ADS, ASS, Sinnessystem, Nervensystem, Neurophysiologie, Trauma, HPA-Achse, Hochbegabung, Psychosomatik.

Der Versuch der Autorin den Begriff Hochsensitivität einheitlich zu definieren, gestaltete sich schwierig. Das vielfältige Angebot von Begriffen in der Literatur bringt große Verwirrung. Um dieser Verwirrung entgegen zu halten, wird innerhalb dieser Bachelorarbeit ausschließlich der Begriff Sensitiv bzw. Sensitivität, Hochsensitivität , in der originalen deutschen Übersetzung des englischen Begriffs: „Highly sensitive“, verwendet. In verwendeten Zitaten, werden alle Begriffe, die mit „Sensibel“ beschrieben werden, durch die Originalübersetzung Sensitiv “, mit Genehmigung der Erstgutachterin Frau Prof. Kiessl, ersetzt. Innerhalb der Arbeit werden verschiedene Abkürzungen verwendet, die aus Zitaten übernommen wurden oder auf Grund der Wortvielfalt eingesetzt wurden. Diese sind im Anhang I nachzulesen.

2. Hochsensitivität nach E. Aron

Die amerikanische Psychotherapeutin und Autorin Dr. phil. Elaine N. Aron hat den Begriff „High Sensitive Person“ und „High sensory-processing sensitivity“ geprägt. Aron forscht seit 1990 in Amerika zum Thema „Hochsensitivität“ und führt bis heute Untersuchungen mit hochsensitiven Erwachsenen und Kindern durch. Aron arbeitete in der University of California in Santa Cruz, als sie mit den Forschungen begann (Aron, 2014, S.13). In ihrem ersten Buch mit dem Titel: „The Highly Sensitive Person“ - How to Thrive When the World Overwhelms You“ (1998, englische Ausgabe) schreibt sie:

Ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht, wie ich diese Eigenschaft eigentlich nennen könnte. Ich wollte nicht den Fehler wiederholen, sie mit Introvertiertheit, Schüchternheit, Gehemmt sein oder einer Menge anderer fälschlicher Bezeichnungen zu verwechseln, die andere Psychologen uns auferlegt haben. Keiner der Begriffe drückt (…) den positiven Aspekt dieser Eigenschaft aus.

(Aron, 2013,S.12).

Hensel (2013, S.32) bestätigt, dass es Aron‘s Wirken zu verdanken ist, dass die Erkenntnisse über das Wesensmerkmal Hochsensitivität in die klassische Psychologie Eingang gefunden haben. Der erste wissenschaftliche Artikel von Aron, so Hensel (ebd.), erschien 1997 unter dem Titel „Sensory processing Sensivity and ist Relation to Introversion and Emotionality“ (Dt. Übersetzung: Empfindlichkeit in der Verarbeitung von Sinnesreizen und deren Bezug zu Introvertiertheit und Emotionalität). In dem Artikel berichtet Aron über sieben durchgeführte Studien, in der sie mit Personen Untersuchungen zum Thema soziale Introversion und Emotionalität durchführte. In diesem Bericht stellt sie ihr Konzept und die HSP-Scala3 mit 27 Postionen vor (http://hsperson.com/).

Blumentritt (2012) fasst in ihrer Studie das Konzept Aron‘s in folgende Worte:

Charakterisierend für das Konzept ‚High sensory-processing senstivity‘ ist eine andere Art der Reizverarbeitung, (vgl. Aron und Aron, 1997, S.362), die mit einer vergleichsweise offeneren und subtileren Wahrnehmung sowie einer intensiveren zentralnervösen Verarbeitung von inneren und äußeren Reizen, d.h. einer stärkeren Erregbarkeit einhergeht“ (S.14f., zitiert nach Becker 2008, S. 83).

Diese Zusammenfassung beschreibt detailliert, was Aron in dem Titel ihres Buches in lyrische Worte kleidet: „ Wie kann man gedeihen, wenn die Welt einen überwältigt“4 ? Der Satz drückt aus, wie hochsensitive Menschen ihre Welt wahrnehmen. Sie werden von den vielen Sinneseindrücken überwältigt.

Blach (2016) beschreibt das Phänomen Hochsensitivität als überschießende psychophysiologische Reaktionen auf verschiedene Sinneseindrücke (S.15). Damit äußert sie, dass hochsensitive Menschen Reaktionen zeigen, die über eine Grenze hinausgehen. Das „Überschießende“ beschreibt Aron mit dem Wort „Überwältigung“.

Viele deutsche Autoren setzten sich mit der Literatur Aron’s auseinander. Einige von ihnen führten daraufhin eigene Forschungen zu dem Thema Sensitivität durch. Es wurde festgestellt, wie eingangs erwähnt, dass in wissenschaftlicher Literatur die Begriffe Hochsensitivität und Hochsensibilität synonym verwendet werden und die Begriffsbezeichnung sehr verwirrend ist. Aus diesem Grund wird sich im folgenden Abschnitt ausführlich mit der genauen Unterscheidung beider Begriffe befasst.

2.1 Begriffsklärung Hochsensitivität und Hochsensibilität

Zu dem Begriff Hochsensitivität konnte keine eindeutige Definition gefunden werden. Aron charakterisiert den Begriff Sensitiv als wissenschaftlichen Begriff und Hochsensibilität als umgangssprachlichen Begriff (http://www.hochsensibilitaet.ch). Hensel (2013) bestätigt, dass man den Begriff Hochsensitivität in medizinischen und psychologischen Lexika vergeblich sucht. Eine einheitliche wissenschaftliche Definition existiert bis heute nicht (S.33). Auch wurde der Begriff weder im ICD-105 noch im DSM-IV6 gefunden.

Blumentritt (2012) schreibt, dass innerhalb der Autoren wissenschaftlicher Literatur die Begriffe Hochsensitivität, Hochsensibilität, Feinfühligkeit, Reizoffenheit, Empfindsamkeit, Zart besaitet und „High Sensitive Person“ (HSP) verwendet werden (S.14). Im deutschen Sprachgebrauch wird vorwiegend von Hochsensibilität gesprochen. Nach Trappmann-Korr (2014) hat sich für den deutschen Sprachgebrauch der Begriff Hochsensibilität eingebürgert, „auch wenn dies eine unzureichende und damit falsche Übersetzung des englischen Begriffs von high sensivity bedeutet“ (S.27).

Schorr (2014) bestätigt, dass der eingeführte Begriff Hochsensibilität im deutschen Sprachgebrauch eine ungenaue Übersetzung ist. Im englischen Original lautet der Begriff Highly Sensitive Person korrekt übersetzt: „Hochsensitive Person“ (S.9). Die Bedeutung der Begriffe spielt eine wesentliche Rolle.

In der Abbildung 1 werden die Begriffe sensitiv und sensibel gegenübergestellt, um Hochsensibilität und Hochsensitivität innerhalb dieser Arbeit zu unterscheiden. Betrachtet man die Synonyme beider Begriffe, werden ähnliche Bedeutungen sichtbar und die Verwirrung wird sehr deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Unterscheidung von Sensibilität und Sensitivität (eigene Darstellung, Schakau-Hübner, 2016, nach http://www.duden.de )

In der Gegenüberstellung fällt bei der Bedeutung des Wortes sensitiv das Wort Über auf. Über kann interpretiert werden als ein Mengenbegriff, als ein Zuviel von „etwas“. Sensitivität ist mehr als nur Empfindsamkeit und Feinfühligkeit und geht über den Begriff Sensibilität hinaus. Der Begriff Sensitivität schließt eine außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit der verschiedenen Sinnessysteme ein und geht über das einfache Empfinden hinaus. Sensibilität ist ein Teilbereich von Hochsensitivität.

Der englische Begriff sensory-processing sensitivity, so Schorr (2014), verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Sensibilität und sensorischen Steuerungsbegriffen, die im Nervensystem geschehen. Die Unterscheidung zwischen hochsensitiv und hochsensibel ist deshalb wichtig, weil im Deutschen mit Hochsensibilität Empathie und Einfühlungsvermögen als sensibles Verhalten assoziiert wird. Das englische Wort heißt sensibility. Das ist nur ein Teil der Hochsensitivität. Nicht alle Hochsensiblen sind empathisch. Bei den hochsensitiven Menschen sind starke Empfindungen über alle Sinnesorgane eingeschlossen (S.10). Trappmann-Korr (2014) bestätigt, dass ein großer Unterschied zwischen sensitiv und sensibel besteht. Ein hochsensitiver Mensch ist immer sensibel, aber ein sensibler Mensch ist nicht immer hochsensitiv. Sensitive Wahrnehmung lässt sich nicht nur rational erklären, sondern beinhaltet u.a. auch feinstoffliche Wahrnehmung, Intuition, Empathie (S.27f.).

3. Forschung

In wissenschaftlicher Literatur der Psychologie und Pädagogik wurden verschiedene Ansätze gefunden, die Merkmale von Hochsensitivität beim Menschen abbilden und die vor den Veröffentlichungen von Elaine Aron unter anderen Begriffen benannt wurden. Hensel (2013) bestätigt, dass es hochsensitive Menschen schon immer gegeben hat, nur hat bis vor 15 Jahren niemand den Wesenszug so genannt. Das heutige Wissen stützt sich nicht nur auf neuere Studien, sondern auf die zurückliegenden Forschungsergebnisse und Theorien. Erst nach den Forschungen Aron’s, Mitte der Neunziger Jahre, fand das Thema Hochsensitivität eine breite Resonanz in der Öffentlichkeit (S.37). Auch Parlow (2003) schreibt: „Schon Iwan Pawlow, Carl Gustav Jung, Alice Miller und andere haben zum Thema Hochempfindlichkeit geforscht (….), doch keiner von ihnen hat die letzten Schlussfolgerungen gezogen, das gesamte Bild wurde nicht erfasst“ (S. 50).

3.1 Geschichtliche Vorläufer

In diesem Kapitel werden die geschichtlichen Vorreiter mit ihren Forschungsthemen vorgestellt. Es wurden diejenigen ausgewählt, die für diese Arbeit relevant sind.

Iwan Pawlow (1849 – 1936): Reizbarkeit und Transmarginale Hemmung

Ivan Pawlow, ein russischer Physiologe, führte Studien zur Reizbarkeit durch, die ergaben, dass ein gleichbleibender Teil der Probanden, ca.15-20%, eine niedrige Reizschwelle aufwiesen als die übrigen 80-85%. Er stellte Versuche zur Empfindsamkeit an, um herauszufinden, ob es eine objektive Messung der Empfindlichkeit gibt. Dabei erreichten 15-20% der Probanden die Grenze der Belastbarkeit sehr schnell. Pawlow schloss daraus, dass das Nervensystem der beiden Probandengruppen sich voneinander unterschied. Seine Erkenntnis erfuhr nicht mehr Beachtung (Schorr, 2014,S.12). Den Punkt, an dem ein Mensch bei Überstimulation dicht macht, nannte der Psychologe C. J. Jung daraufhin „ transmarginale Hemmung“. Aron (2013) schreibt, dass die transmarginale Hemmung erstmalig Anfang des 20.Jahrhunderts durch Pawlow thematisiert wird. Er war davon überzeugt, dass der grundlegendste vererbbarste Unterschied zwischen Menschen darin besteht, wie schnell die Reizschwelle erreicht wird (S.31).

James Kagan: The Nature of the Child

Der amerikanische Entwicklungspsychologe Jerome Kagan (geb.1929) erforschte an der Universität Harvard in den 90iger Jahren das Thema Sensibilität/ Sensitivität unter dem Aspekt Schüchternheit, Hemmung und Ängstlichkeit. Kagan, so Schorr (2014), untermauerte mit seinen Resultaten die Ergebnisse Pawlows und setzte Säuglinge verschiedenen Reizen aus. Er stellte fest, dass 20% stark auf Stimulation reagierten. Sie zappelten, schrien, weinten und versuchten, den Reizen zu entkommen. Kagan bezeichnete diese Kinder als gehemmt, weil sie sich später zu zurückhaltenden Kindern entwickelten (S.13). Er testete die gleichen Kinder auch als Teenager und junge Erwachsene, so Sellin (2014), und nannte diese Gruppe „high reactors“ (S.21). In seiner Veröffentlichung „The Temperamental Thread“7 verwendete er nicht den Begriff Hochsensitivität, hat jedoch mit seiner Langzeitstudie Aron’s Erkenntnissen die wissenschaftliche Bestätigung gegeben. Die Ergebnisse decken sich mit den 15-20% der Gruppe der Hochsensitiven. Kagan (2001) schreibt, dass manche Kinder von Geburt an eine starke Neigung zu gewissen Stimmungen und zu einem bestimmten Stil haben, auf Menschen zu reagieren. Diese Neigung nennt man Temperamentseigenschaften, die durch Erfahrungen verändert werden können (S.99f). Kagan fand heraus, das der Teil des Gehirns, in dem das Warn-System (Verhaltensaktivierungssystem und Verhaltenshemmsystem) sitzt, bei den gehemmten Kindern der aktivere war (Parlow, 2003, S.59). Sellin (2014) bestätigt, dass die Hochreaktiven bei hirnorganischen Untersuchungen Auffälligkeiten in der Amygdala und im Präfrontalen Kortex zeigten (S.21).

Carl Gustav Jung: Persönlichkeitstheorie

Im Jahre 1921 veröffentlichte C. G. Jung (1875-1961) seine Psychologischen Typen.

Jung beschäftigte sich im Rahmen seiner Forschungen der Persönlichkeitspsychologie mit „Introversion und Extroversion“ als Persönlichkeitstypen und fand heraus, das extrovertierte Menschen kontaktfreudig, gesellig und gesprächig sind und introvertierte Menschen ihre psychische Energie nach innen richten (Benecke, 2014, http://www. mensch- und-psyche.de/). Jung hat die zwei psychischen Mechanismen beobachtet, die sich durch eine unterschiedliche Zielrichtung auszeichnen. Nach außen gerichtete Energie versursacht Extroversion, d.h. eine Bewegung des Interesses auf das Objekt hin. Eine Bewegung des Interesses vom Objekt zum Subjekt und zu dessen eigenen psychologischen Vorgängen wird von Jung als Introversion bezeichnet (Wehr, 1969, S. 50). Er unterschied vier Funktionen, so Löhken (2012), die introvertierte, wie auch extrovertierte Menschen in ihrer Persönlichkeit prägen; Denken, Fühlen, Intuition und Empfinden (S.28). Jung nannte sie die „sensitiven Introvertierten“, so Parlow (2003). Introvertierte Menschen neigen durch eine tiefe und sensible Beziehung zu Stimuli zu einer sensorischen Überbelastung. Über die sensiblen Menschen sagt Jung, dass sie viel stärker in Kontakt mit dem Unbewussten standen und ihnen wichtige Informationen und prophetische Vorausschau gab (S. 52). Jungs Auffassungen wurden im Meyers-Briggs-Typindikator (MBTI)8 bekannt, der heute in Therapien zum Einsatz kommt (Crawford, 2010, S.19).

Rudolf Steiner: Die zwölf Sinne

Steiner (1861-1925) beschrieb 1916 in seiner anthropologischen Ansicht die „Sinneslehre“. Die drei Gebiete des menschlichen Lebens, so Faupel (2005), werden unterteilt in: Wahrnehmung des eigenen Körpers, Wahrnehmung der uns umgebenden Umwelt; Wahrnehmung des Mitmenschen als menschliches Wesen. Jedem dieser Gebiete (….) werden jeweils vier Sinne zugeordnet (S.33). Steiner (1983) differenziert diese Sinne als: Ichsinn, Gedankensinn, Wortesinn, Hörsinn, Wärmesinn, Sehsinn und Geschmackssinn als Sinne, die nach außen gerichtet sind. „ Dahingegen, wo wir mehr uns selbst wahrnehmen an den Dingen, wo wir mehr die Wirkungen der Dinge in uns wahrnehmen, da haben wir die anderen Sinne: Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Tastsinn und Geruchssinn “ (S.12). Steiner beschreibt, dass diese inneren Sinne, die sich nach innen öffnen, uns unser Verhältnis zum Kosmos vermitteln. Der Mensch tritt durch die Sinne nach außen. Es erscheinen die Intuitionen durch den Ich-und Gedankensinn (ebd., S. 12f.) Die Wahrnehmungsprozesse dieser Sinnesgruppe laufen unbewusst ab und stellen eine Wechselwirkung des Wollens und der Umwelt dar (Faupel, 2005, S. 33).

J. Bauer: Intuition und Empathie

Der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut J. Bauer forschte zum dem Thema Kommunikation und begründete mit den Spiegelneuronen die Fähigkeit zur Intuition als wichtiges Merkmal der Hochsensitiven. Er geht davon aus, dass die Spiegelneurone für Intuition und Empathie verantwortlich sind (2006, S.8). Der Entdecker der Spiegelneurone, Giacomo Rizzolatti, so Bauer (2006) untersuchte , wie das Gehirn die Planung und Ausführung zielgerichteter Handlungen steuert. Rizzolatti begann in den 80iger Jahren mit den Untersuchungen bei Affen und weitete die Forschungen in den 90iger Jahren auf den Menschen aus. Er unterschied zwischen Handlungsneuronen und Bewegungsneuronen und entdeckte, dass es eine neurobiologische Resonanz gibt: „Die Beobachtung einer durch eine andere vollzogene Handlung aktivierte im Beobachter, in diesem Fall dem Affen, ein eigenes neurobiologisches Programm, und zwar genau das Programm, das die beobachtende Handlung, bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte“ (S.23).

J. A. Gray: Aktivierungssysteme

Der Psychologe J.F. Gray forschte in den 70iger und 80iger Jahren zum Verhalten. Seine Theorie besagt, dass es drei Gehirnsysteme gibt, die das Verhalten des Menschen steuern (Hensel, 2013, S.62). Nach Trappmann-Korr (2014) konnte Gray die verantwortlichen Verhaltenssysteme für das Wahrnehmen, Denken und Handeln nachweisen. Er nannte sie Behavioral Inhibitation System (BIS), das Verhaltenshemmsystem und Behavioral Activation System (BAS), das Verhaltensaktivierungssystem. Das Verhaltensaktivierungssystem löst zielgerichtetes Verhalten als äußere Reaktion aus. Das Verhaltenshemmsystem hemmt äußeres Verhalten und aktiviert inneres Verhalten (S.111 ff.). Pfeiffer (2012) beschreibt das BIS als eigebaute Bremse, die wir zum Überleben brauchen. Es bewahrt den Menschen davor, sich gedankenlos in Gefahr zu begeben. Bei Schüchternen ist es stark ausgeprägt. Das BIS ist ständig mit dem Überprüfen der Situation beschäftigt. Sensible Menschen müssen immer wieder eine Pause zum Überlegen einschalten (S.43). Ein drittes System der Theorie Gray’ s ist das Selbsterhaltungssystem, welches auch aus der Traumatologie bekannt ist: das Fight-Flight-Freezing System (FFFS). Das Selbstschutzsystem kommt bei hochsensitiven Menschen ebenfalls zum Tragen.

Die folgende Abbildung 2 zeigt einen zusammenfassenden Überblick der ausgewählten Vorläufer von Hochsensitivität. Nach dem Überblick werden im nächsten Abschnitt aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt, dem u.a. vier Studien von 2009 bis 2016 zu Grunde liegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2:

Übersicht zu den geschichtlichen Vorläufern von Hochsensitivität (Eigene Darstellung Schakau-Hübner,2016)

3.2 Allgemeiner Überblick

Das Konzept Aron’s war bei Wissenschaftlern bislang in der Kritik. Die Kritik begründete sich darin, dass Aron ihre Ergebnisse auf Beobachtungen und Gesprächen mit Betroffenen aufbaut. Die Zuordnung zum Konstrukt Hochsensitivität geschieht durch die psychometrische Skala von Aron und Aron (siehe Punkt 3.6), einer Selbsteinschätzung durch die betroffenen Klienten (Highly Sensitiv Person Scale9 ).

Elaine Aron und Forscher der Universität Peking fanden durch bildgebende Verfahren heraus, dass das Gehirn der Hochsensitiven anders funktioniert. Bestimmte Netzwerke im Gehirn, so Nasitta und Westphal (2015), waren im Gegensatz zu anderen aktiv und gingen mit einer erhöhten Detaildichte einher und benötigten bei der neuronalen Reizverarbeitung mehr Zeit. Gehirnbereiche, die mit Emotionen und Empathie in Verbindung stehen, waren besser durchblutet und dadurch aktiver. Areale, die in Verbindung mit Aufmerksamkeit und Verarbeitung zusammenstehen, wiesen ebenfalls eine erhöhte Aktivität auf. Chinesische Forscher lieferten 2011 Erkenntnisse, dass es Zusammenhänge zur genetischen Veranlagung gibt. Im Dopamin- System wurden bestimmte Gen-Orte nachgewiesen, die in Verbindung mit Hochsensitivität stehen. Dänische Forscher fanden heraus, dass erhöhte Sensibilität auf ein bestimmtes Serotonin-Transporter-Gen zurückzuführen ist (S. 37).

3.3 Aktuelle Forschungsergebnisse

High sensory-processing sensitivity (Diplomarbeit Blumentritt, 2012)

Blumentritt (2012) führte eine empirisch-quantitative Online-Studie an der Universität Bielefeld durch. Zur wissenschaftlichen Fundierung wird [sic] die Highly Sensitive Person Scale von Aron und Aron (1997) adaptiert und in die deutsche Sprache transferiert (S.10). Es wurde an Hand von 1500 Studierenden untersucht, wie sich das Konstrukt Hochsensitivität in Deutschland verteilt und welche signifikanten10 Zusammenhänge bestehen. In den Ergebnissen wurde bekannt, dass die deutsche Übersetzung des Fragebogens in einigen Items eine Herausforderung darstellte. Unter Berücksichtigung der Einschränkungen bezüglich der Übersetzung bestand das gemessene Konstrukt aus sieben Faktoren: Beeinflussung durch intensive Reize, Umgang mit Zeitdruck, Gesamtvarianz, Empathie, Schmerztoleranz, Lebensweise, Fremdwahrnehmung während der Kindheit, Gewissenhaftigkeit. Diese Faktoren lassen sich zur „Drei Faktoren Lösung“ (Erregbarkeit, Verarbeitungstiefe, Vergegenwärtigung, Vergangenheit) zusammenfassen. Weiterhin kann von dem Vorhandensein von Traits11 bei den Teilnehmenden gesprochen werden (S.181fff.).

Hochsensitivität und Lebenszufriedenheit. Eine Zusammenhangsanalyse.

(Bachelorarbeit, Marie-Lena Lindner, 2013)

Lindner (2013) untersucht in ihrer Studie, inwieweit Hochsensitivität und Lebenszufriedenheit zusammenhängt. Die drei Komponenten; leichte Erregbarkeit, ästhetische Sensitivität und niedrige Reizschwelle wurden im Zusammenhang mit den Bereichen Gesundheit, Arbeit und Beruf, Finanzielle Lage, Freizeit, Ehe, Partnerschaft, eigene Person ect. mittels Online-Fragebogen untersucht. Die Ergebnisse zeigten negative Korrelationen zwischen allen drei Faktoren und Lebenszufriedenheit. Die stärksten Effekte wurden zwischen leichter Erregbarkeit und der Zufriedenheit mit der finanziellen Lage, Gesundheit, sowie der eigenen Person gefunden (Abstract).

Ein empirischer Zugang zum komplexen Phänomen der Hochsensibilität

(Dissertation Blach, 2016)

Blach (2016) beschäftigte sich innerhalb ihrer Forschungen mit dem Phänomen Hochsensitivität und überprüfte, inwieweit Ängstlichkeit, Depression, Stress, Alter und Geschlecht das Konstrukt Hochsensitivität vorhersagen. Psychophysiologisch wurde getestet, ob hochsensitive Personen eine stärkere Stressreaktivität und eine präzisere Herzwahrnehmungsfähigkeit aufweisen (S. 11). Es wurde herausgefunden, dass die Faktoren Ängstlichkeit, Depression, chronisch erlebter Stress „einen Gutteil des offensichtlich mehrdimensionalen Konstrukt Hochsensitivität“ (S.117) vorhersagen. Bezüglich der kardiovaskulären12 Stressreaktionen wurde nicht bestätigt, dass niedrig und höher sensible Personen unterschiedliche Reaktionen zeigen (S.123). Ebenso konnten keine höheren Sensibilitätswerte von präziseren Herzwahrnehmern festgestellt werden (ebd., S.129).

Brain and Behavoir (Amerikanische fMRI-Studie Aron, Aron, Acevedo. Sangster, Collins & Brown ,2014)

In dieser fMRI13 -Studie werden durch bildgebende Verfahren die neuronalen Korrelate untersucht. Die Teilnehmenden, die zur Gruppe der Hochsensitiven gehören, betrachten Fotos von Fremden und ihren Partnern mit verschiedenen Gesichtsausdrücken, die bei den Probanden/innen Emotionen auslösen. Dabei werden die Reaktionen im Gehirn beobachtet. Verstärkte Hirnaktivität wurde beobachtet in dem Zentrum, an dem Aufmerksamkeit und Handlungsplanung beteiligt sind und in der Insula, im Cingulum, in der Frontal- und Temporalhirnrinde, die für Empathie zuständig sind. Durch das Betrachten der Bilder werden durch die sensorischen Informationen diese Hirnregionen aktiviert. Die Untersuchungen zeigen, dass das Gehirn mit verschiedenen Bereichen verschaltet ist. Hochsensitive Menschen reagieren auf positive Bilder bzw. Reize stärker. Damit bestätigt Aron ihre Aussage, dass HSP gegenüber Anderen eine höhere Reaktionsfähigkeit und Gewissenhaftigkeit zeigen. Die Studie zeigt, dass HSP gegenüber Partnern und Fremden ähnliche Reaktionen der Empathie und des Mitgefühls zeigen. Diese Hirnregionen (Insula) sind deutlich aktiviert (Aron, 2014, http://hsperson.com/pdf)

Aktuell laufende Studien Sandra Konrad (seit 2015 bis heute)

In einem Interview, welches in der Zeitschrift „Psychologie Heute“ (2015) abgebildet ist, berichtet Konrad von ihren aktuellen Forschungen zum Thema Hochsensitivität. Konrad führt ca. 20 Studien durch, u.a. zu den sozialen und emotionalen Aspekten von hochsensitiven Personen, zur Rolle der Persönlichkeit und eine Eye Tracking14 Studie, um festzuhalten, wohin Menschen beim Betrachten bestimmter Bilder genau hinschauen. Diesen Studien dienen der wissenschaftlichen Überprüfung der deutschen Version des Fragebogens zur Hochsensitivität von E. Aron. Nach Konrad (ebd., S.25) werden zum jetzigen Zeitpunkt folgende verschiedene Ursachen von Hochsensitivität diskutiert:

- Reize werden weniger oder gefiltert gedämpft. Für diese „Dämpfung“ sind bestimmte Hirnstrukturen und Neuronenverbünde verantwortlich. Sie sind bei Hochsensitiven weniger ausgeprägt, was ein Grund dafür wäre, dass sie mehr wahrnehmen.
- Das Nervensystem stuft mehr Reize als bedeutsam ein.
- Es liegt eine erhöhte Aktivität des Thalamus, in Zusammenhang mit dem Hypothalamus, als „Gefühlsregler“ (z.B. erhöhter Cortisolspiegel, stärkere Empfindlichkeit gegenüber Schlafmangel, Koffein, Hunger) vor.
- Pränatale Einflüsse, wie Stress in der Schwangerschaft sind eine Ursache.

Aktuelle Ergebnisse konnten zum Annäherungs- und Vermeidungsverhalten herausgefunden werden. Es stellte sich heraus, dass mit Zunahme der Sensibilität auch das Verhaltensinhibitionssystem (BIS) stärker aktiviert ist. Die höhere Verhaltenshemmung bei Hochsensitiven führt zu einem dauerhaften Erregungsniveau der Betroffenen. Dieses erhöhte Erregungsniveau verstärkt wiederum die wahrgenommene Intensität von Reizen, die zu einer erhöhten Wahrnehmung und auch Angst führen (S.26).

3.4 Erworben oder Vererbung

In diesem Zusammenhang wird die Frage thematisiert, ob Hochsensitivität ein erworbenes Persönlichkeitsmerkmal ist, was wiederum entscheidend für die Antwort auf die Frage der Vererbung ist. Nach Konrad (2015) ist Hochsensitivität kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Teil des Temperaments, so wie es Aron beschreibt. Eine Persönlichkeit wird aus dem Temperament, den Umwelteinflüssen und den Erfahrungen geprägt. Zu den Umwelteinflüssen zählen Lebensereignisse, soziale Unterstützung, elterliches Erziehungsverhalten und chronische Umweltbedingungen. Das Temperament bestimmt den Umgang mit Gefühlen, die Stärke des Antriebes und die Kontrollfähigkeit. Das Temperament ist in unseren Anlagen angelegt und bleibt im Laufe unseres Lebens beständig (S.25). Im Lexikon der Psychologie wurde der Begriff Temperament definiert, als „die charakteristische emotionale Reaktionsbereitschaft und Reaktionsstärke eines Menschen und als eine Bezeichnung für menschliche Stimmungen, Reaktionen, Antrieb und Aktivität, die sich in Form von Gefühlen, Willensbildung und Triebleben“ äußern (www.lexikon.stangl.).Wird diese Definition in Bezug zu Hochsensitivität gestellt, sind es Reaktionen und das Verhalten des Menschen, die das Temperament zeigen. Pfeifer (2012) bestätigt und beschreibt die menschliche Persönlichkeit als komplexe Mischung aus biologisch begründetem Temperament und den Auswirkungen von guten Erlebnissen und schmerzlichen Verletzungen (S.33). Wird von dieser These ausgegangen, ist Hochsensitivität als Eigenschaft eines Menschen biologisch und auf der Grundlage der Temperamentsforschung nach J. Kagan vererbt. Auch Aron (2013) bestätigt, dass Hochsensitivität vererbt wird. Die Beweislage ist dafür eindeutig und anhand von Studien über Zwillinge belegt, die zwar getrennt aufwuchsen, aber ähnliche Verhaltensmuster zeigten, was die Vermutung nahelegt, das Verhalten zum Teil genetisch bedingt ist (S.39). Demzufolge ist Hochsensitivität kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern im Menschen als Temperament angelegt und wird vererbt.

3.5 Krankheit oder Störung

Blach (2016) beschäftigte sich mit der Überprüfung, inwieweit Ängstlichkeit, Depression, Stress, Alter und Geschlecht das Konstrukt Hochsensitivität vorhersagen. Im Ergebnis ihrer Empirie lässt sie die Annahme zu, dass Hochsensitivität „möglicherweise“ ein primär psychologisches Phänomen ist, das erst sekundär physiologische Wirkung zeigt (S.11). Ausgehend von dieser Studie kann angenommen werden, dass Krankheiten oder psychische Störungen die Folge von Hochsensitivität sein können. Es werden jedoch keine direkten Aussagen darüber gemacht, ob Hochsensitivität eine Krankheit oder Störung ist. Im ICD 10 oder DSM-IV ist Hochsensitivität nicht aufgeführt. Viele Hochsensitive berichten davon, so Sellin (2014), dass in Psychotherapien nur an den Folgen ihrer andersgearteten Reizaufnahme herum kuriert wurde, z.B. an Schüchternheit, an Ängsten und Depressionen, an ihrer geringeren Stressresistenz und an chronifizierten Krankheitssymptomen. Ihre Art der Wahrnehmung wurde nicht thematisiert (S.23). Es lässt sich entnehmen, dass die eigentliche Hochsensitivität durch Symptome psychischer Krankheiten verdeckt werden kann, insofern sich die Symptome ähneln.

Aron (2014) bezieht sich auf das DSM- IV. Demnach ist eine psychische Störung mit einem „momentanen Leiden“ verbunden. Laut der Forschungslage trägt der hochsensitive Mensch ein höheres Risiko von psychischen Krankheiten, wie Depression oder Angst, beeinträchtigt zu werden (S.265). Pfeiffer (2012) beschreibt die Gruppe der Leiden als psychische Störung, die sich in bestimmten Symptomen zeigt. Diese Symptome äußern sich in Angst, Zwang, traurige Verstimmung, erhöhte Sensibilität oder es zeigt sich in bestimmten Eigenschaften, wie Hemmung, Selbstunsicherheit, Gefühlsschwankungen, innere Konfliktfähigkeit (S.104). Er benennt Sensitivität nicht als Krankheit, aber sie erhöht die Empfindlichkeit und kann zu Ängsten und Depressionen führen, die das Leben massiv einschränken (ebd., S.11).

3.6 Diagnosestellung

Nach Konrad (2015) besteht die Schwierigkeit der Diagnose darin, dass diese (….) nicht wissenschaftlich belegt ist. Zum anderen nennt sie Störfaktoren, wenn man Hochsensitivität feststellen will. Diese Faktoren sind akute psychische Störungen, die die Sensibilität erhöhen und die Wahrnehmung verändern. Wenn die psychische Krankheit im Vordergrund steht, kann die eigentliche Hochsensitivität verdeckt werden. Die Ausprägung der Hochsensitivität wird dann verzerrt (S.25f.). Es stellt sich die Frage, ob und wie Hochsensitivität festgestellt werden kann.

Aron entwickelte die HSP Skala15 (Highly Sensitiv Person Scale), um Hochsensitivität in Forschungssituationen zu diagnostizieren. Die Punkte der Skala beruhen auf Selbstbeurteilung. Normen oder Trennwerte gibt es nicht. Nach Aron (2014) kann die Skala helfen, Sensitivität zu identifizieren, ist aber nicht alleiniger Maßstab. Hochsensitivität kommt, wie bei anderen Phänomenen (z.B. AHDS), nicht nur in einem Lebensbereich vor, sondern betrifft alle Lebensbereiche. Die Signale teilt Aron in vier Kategorien ein, die in der Abbildung 3 aufgeführt sind. Diese Bereiche erleichtern die Beurteilung von Hochsensitivität. Soll Hochsensitivität festgestellt werden, werden diese vier Indikatoren zu Grunde gelegt. Hochsensitivität kann nur mittels Fremdeinschätzung und Selbsteinschätzung und dieser vier Kategorien „diagnostiziert“ bzw. vermutet werden (Aron, 2014, S.46).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Vier Kategorien zur Feststellung von Hochsensitivität

(Eigene Darstellung in Anlehnung an Aron, 2014, S.46ff.)

[...]


1 Unübersichtliche Situation

2 Wodurch kompensiert wurde, wurde von der Autorin nicht erwähnt

3 siehe Punkt 3.6

4 Dt. Übersetzung Schakau-Hübner

5 Engl.: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (Klassifikationssystem der WHO (Weltgesundheitsorganisation)

6 Engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen von der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft))

7 Dt. Übersetzung Schakau-Hübner: „Die Kette der Reizreaktionen“

8 MBTI-ist in den USA ein Instrument zur Persönlichkeitsanalyse und gibt Aufschluss über Neigungen und die Auswirkung auf Denken und Verhalten (Trappmann-Knorr, 2014,S.121)

9 Fragebogen zur Hochsensitivität erarbeitet von E. Aron

10 charakteristisch, kennzeichnend

11 Charakterzug, Eigenschaft

12 Herz und Gefäße betreffend

13 Engl.: functional magnetic resonance imaging-bildgebendes Verfahren, um physiologische Funktionen im Inneren des Körpers mit den Methoden der Magnetresonanztomographie darzustellen

14 Wissenschaftliche Methode zur Erfassung von Fixationen (Punkte, die man genau betrachtet, Blickbe wegungen einer Person ( Quelle: Film „Hochsensibilität - Zu viele Reize" 2014).

15 Siehe Anhang-V - HSP-Scala

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Merkmale der Hochsensitivität und ihre psychosozialen Auswirkungen unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Gesichtspunkte
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
72
Katalognummer
V1038409
ISBN (eBook)
9783346456090
ISBN (Buch)
9783346456106
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochsensiblität, Hochsensitivität, Hochbegabung
Arbeit zitieren
Benita Schakau-Hübner (Autor:in), 2016, Merkmale der Hochsensitivität und ihre psychosozialen Auswirkungen unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Gesichtspunkte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1038409

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