Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Vergleich zwischen Welt des Prinzen und Welt Odoardos


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

4 Seiten, Note: 2


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„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Versuche desselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“ (Kennwort 11, S. 15).

Diese Definition für den Begriff Aufklärung wurde 1784, nur 12 Jahre nach der Uraufführung des Trauerspiels „Emilia Galotti“, von J. Kant verfasst. In ihr spiegelt sich der Unmut des erwachenden Bürgertums gegenüber den Lehren und Zuständen der damaligen Zeit wieder. Erstmals in der Geschichte trafen zwei grundsätzlich verschiedene Weltanschauungen aufeinander. Die des Hofes und die des Bürgertums. Diese beiden gegensätzlichen Welten sollen hier am Beispiel des Trauerspiels „Emilia Galotti“ von G. E. Lessing dargestellt werden.

Als erstes soll die Welt des Prinzen und des höfischen Lebens betrachtet werden. Für die damalige Zeit ganz normal, und sich großer Beliebtheit an Herrscherhöfen der ganzen Welt erfreuend, war die Auftragskunst. Der Herrscher vergab Aufträge an Künstler, um seine Macht, Größe, Gnädigkeit und Schönheit nach außen zu repräsentieren (vgl. S. 6, Z. 28 ff). Dadurch wurde das Volk auch getäuscht, denn der Herrscher ließ sich gerne in einem anderen Licht darstellen, als er es eigentlich war.

„Alles was die Kunst aus den großen, hervorragenden, sturen, starren Medusenaugen der Gräfin Gütes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich daraus gemacht“ (S.7, Z. 32-35).

Ebenso soll darauf hingewiesen werden, dass an den europäischen Herrscherhöfen moralische Verderbtheit und Sittenverfall an der Tagesordnung waren. Das Mätressenwesen, „neben so einer Gemahlin sieht die Geliebte noch immer ihren Platz“ (S. 12, Z. 17-18), wurde nicht als etwas Lasterhaftes angesehen, sondern wurde allgemein toleriert. Prinz Hettore von Guastalla hält sich die Gräfin Orsina weiterhin als Mätresse, obwohl seine Vermählung mit der Prinzessin von Massa kurz bevorsteht. Zu diesem Zweck werden Lustschlösser erbaut, um sich dort mit der Geliebten oder den Geliebten treffen und vergnügen zu können. Oftmals wurden diese Lustschlösser auch als Rückzugsort für den Herrscher genutzt. „Aber bleiben Sie nicht in der Stadt. Fahren Sie sogleich nach ihrem Luftschlosse, nach Dosalo“(S. 16, Z. 38-39). Zur moralischen Verderbtheit des Hofes gehören auch die gerne und häufig gesponnenen Intrigen, um sich seiner Widersacher zu entledigen. Um die geplante Hochzeit zwischen Emilia und Graf Appiani zu vereiteln, überträgt der Prinz seinem Vertrautem Marinelli sämtliche Vollmachten, die dieser nutzt um einen Überfall auf das Hochzeitsgeleit vorzutäuschen., bei dem der Graf um kommt.

“Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue? Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann(S. 16, Z. 33-36). Bei dem Handeln des Prinzen und Marinellis sind Parallelen zu einem antiken Ereignis erkennbar. Kaiser Nero ließ einen gewissen Plantus erst auf Grund falscher Anschuldigungen verbannen. Doch dann kamen Gerüchte von einem von Plantus geplanten Aufstand auf. Nero überträgt seinem Prätorianerkommandanten und engsten Vertrautem Tigellinus ebenfalls sämtliche Vollmachten, worauf hin ihm dieser Plantus Kopf liefert (vgl. PM-History, S. 27 ff).

Ebenfalls zur Welt des Prinzen und des höfischen Lebens gehört die Tatsache der Alleinherrschaft. Der Prinz ist der absolute, feudale Herrscher, der sich keinen Regeln und Gesetzen zu beugen braucht. Das Volk war der Willkür des Herrschers völlig ausgeliefert, da er das Gesetz und somit Herr über Leben und Tod war. Die Willkür und Nachlässigkeit des Prinzen wurde am Beispiel des zu unterschreibenden Todesurteils deutlich. “Ein Todesurteil wäre zu unterschreiben. Recht gern. - Nur her! geschwind“ (S. 18, Z. 23-24). Außerdem missbraucht der Prinz sein Amt um private Interessen durchzusetzen. Hettore nimmt sich auf Grund seines Gewaltmonopols das Recht heraus, über den Kopf von Odoardo Galotti hinweg zu entscheiden, was mit Emilia zu geschehen hat. Damit Emilia in seinem Einflussbereich bleibt, ordnet er für sie „besondere Verwahrung“ (S. 77, Z. 4) an und will sie von Vater und Mutter trennen. Bei der Durchsetzung dieser privaten Interessen schreckt der Prinz auch nicht vor Gewalt und Mord zurück. Der Mord an Appiani kommt ihm nicht ungelegen. Für ihn ist ein Verbrechen wie dieses nichts verabscheuungswürdiges. Ihm ist nur sehr daran gelegen, dass nichts von seiner Beteiligung, an diesem Komplott, an die Öffentlichkeit kommt (S 52, Z. 37 ff).

Auch sollte erwähnt werden, dass das höfische Leben nur ein sehr eingeschränktes Privatleben zuließ. Das Leben am Hofe und das eines Prinzen war durch eine strenge Etikette und politische Verpflichtung bestimmt. Zu den politischen Pflichten des Prinzen zählten unter anderem das Durcharbeiten von Bittschriften (vgl. S. 4, Z. 6 ff) und die Urteilssprechung in Rechtsfragen (vgl. S. 18, Z. 21 ff). Sogenannte Konvenienzehen, Ehen die aus politischen Gründen geschlossen werden, um die Macht zu vergrößern oder zu sichern, gehörten ebenfalls zu den politischen Verpflichtungen und schränkten das Privatleben ein.

Bei der bevorstehenden Hochzeit Hettores, mit der Prinzessin von Massa, handelt es sich auch um ein solches Bündnis. „Mein Herz wird das Opfer eines elenden Staatsinteresses“ (S. 12, Z. 10-11).

„Den traurigen höfischen Geschäften des Prinzen“(KE S. 80, Z. 8). steht die Welt Odoardos und seiner Familie gegenüber. Die moralische Grundeinstellung des Bürgertums der damaligen Zeit wird am Beispiel Odoardos und seiner Familie deutlich. Das bürgerlich Leben war von einem Streben nach moralischer Vollkommenheit geprägt. Der Familienvater Odoardo übt sich in bürgerlichen Tugenden und stellt dies über alles. Nichts ist ihm wichtiger als die Tugendhaftigkeit und Ehrbarkeit seiner Tochter und Frau zu wahren. „Odoardo vertritt die Tugend ländlicher Sittlichkeit mit militärischer Strenge“ (Königs-Erläuterungen S. 38, Z. 10-11) und weiß um die Verführbarkeit seiner Tochter, die er darum nur ungern ohne Aufsicht lässt (vgl. Königs-Erläuterung S. 87, Z. 29 ff). Doch in seinen festgefahrenen moralischen Vorstellungen ist Odoardo „noch weit von aufklärerischen Positionen entfernt“ (König Erläuterungen S. 88, Z. 3-4). Schließlich geht er sogar soweit, seine eigene Tochter Emilia zu erstechen, um sie vor den Nachstellungen des Prinzen zu schützen und somit den Verlust ihrer Unschuld und Ehre zu verhindern. „Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert“(S. 82, Z. 19-20).

Emilia Galotti stellt in Lessings Werk die Figur der aufklärerischen Person dar. Ihre Tugend, ihre Unschuld und ihr Witz sind Zentralbegriffe der bürgerlich, aufklärerischen

Gesellschaftsentwürfe und Menschenbilder (vgl. Königs-Erläuterungen S. 83, Z. 27 ff). Emilia gerät in einen Zwist der vom Vater vorgelebten Moralvorstellungen und ihrer Sinnlichkeit. Darum wünscht sie sich den Tod. Sie kann als moderne Frau bezeichnet werden, da sie jede Schuld von ihrem Vater nimmt. „Nicht Sie, mein Vater -Ich selbst - ich selbst“ (S. 82, Z. 32). Diese aufgeklärt selbständig handelnde Frau passte nicht in das Bild der bürgerlichen Normen (vgl. Königs-Erläuterungen S. 95, Z. 25 f).

(Vgl. K-E S. 78, Z 4 ff) Die tiefe religiöse Verbundenheit und Frömmigkeit des Bürgertums wird besonders am Beispiel Emilias deutlich. Emilia geht regelmäßig in die Kirche, „nie hätte meine Andacht inniger , brünstiger sein sollen“ (S. 25, Z. 31-32), um zu beten. Im 18. Jahrhundert wurde noch ein Großteil des alltäglichen Leben durch den Glauben geregelt. Odoardo, der fest an die Lehren der Kirche glaubt, prophezeit dem Prinzen, dass dieser sich im Jenseits vor dem Angesicht Gottes für seine Taten verantworten muss (vgl. S. 83, Z. 12- 14).

Doch die tugendlichen Vorstellungen Odoardos lassen sich nur durch Distanz vom Hof aufrechterhalten. Odoardo verabscheut das Leben in der Stadt, da sich der Hof in unmittelbarer Nähe befindet. Für ihn ist der Hof ein Ort des Lasters und der Unzucht und der Prinz ein Wollüstling (vgl. Königs-Erläuterungen S. 38, Z. 9). Die einzige Möglichkeit Emilia vor dem Einfluss des Vaters zu bewahren ist ein Leben in ländlicher Abgeschiedenheit oder im Kloster. Odoardo möchte Emilia auf sein Landgut „nach Guastalla“ (S. 72, Z. 21) bringen. Als das vom Prinzen nicht gestattet wird, beschließt er sie in „ein Kloster“ (S. 74, Z. 28) zu schicken. Auch Appiani, der sich nach der Hochzeit mit Emilia in einem Bergtal niederlassen will, sucht die ländliche Abgeschiedenheit und den Abstand zum Hof. Mit den „väterlichen Tälern“ und dem Hof treffen gegensätzliche Lebensprogramme aufeinander, „die genau dem Widerspruch entsprechen, der sich als aufklärerisches Denkmodell und als politische Gegebenheit im vorrevolutionären Frankreich entwickelt hatte“ (Königs-Erläuterungen S. 49, Z. 15-19).

Eine unbestrittene Tatsache war im 18. Jahrhundert die Herrschaft des „Pater Familias“ als Familienoberhaupt. Odoardo stellt genau diesen strengen und nach moralischen Vorstellungen handelnden Vater und Ehemann dar. Er besitzt die Verfügungsgewalt über Frau und Tochter und ist für eine strenge Rollentrennung innerhalb der Familie. Emilia und Claudia können zwar ihre Meinung äußern, doch Odoardo hat immer das letzte Wort. Die Mutteer hat so viel Respekt vor Odoardo, dass sie Emilia drängt, ihm nichts von den Annäherungsversuchen des Prinzen zu erzählen. „Gott! Gott! Wenn dein Vater das wüsste!“ (S. 28, Z. 6 f). Ebenso möchte er Emilia in ein Kloster schicken. Als Odoardo vom Tod Appianis erfährt, glaubt er, dass Emilia etwas damit zu tun haben könnte und will ihr seine Liebe entziehen, falls es sich als wahr herausstellen sollte (S. 76). Odoardo kann als absoluter Herrscher innerhalb der Familie bezeichnet werden, der seine Liebe vergibt wie ein Fürst seine Gunst an Untertanen.

Abschließend kann gesagt werden, dass Lessings Werk genau den Geist des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung beschreibt. Es gab praktisch zwei verschiedene Lebenssphären, die des Adels und die des nach Unabhängigkeit strebenden Bürgertums. Heutzutage gibt es fast keinen Unterschied zwischen Adel und Bürgertum mehr, doch hat genau dies bereits in Emilia Galotti ansatzweise beschrieben Streben des aufgeklärten Bürgertums und einiger aufgeklärter Adliger zu diesen Veränderungen geführt. Die Tugenden der Figur Emilias bildeten nur wenige Jahre später den Schlachtruf der Französischen Revolution.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Quellen:

1. G. E. Lessing; Emilia Galotti, München 1971
2. Bernhardt Rüdiger; Königs Erläuterungen Emilia Galotti, Hollfeld 1997
3. PM History - Magazin für Geschichte, Hamburg 2000
4. Schroedel, Kennwort 11 - Literaturgeschichtliches Arbeitsbuch, Hannover 1992
5. Cornelsen, Wege durch die Geschichte 11, Berlin 1992

4 von 4 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Vergleich zwischen Welt des Prinzen und Welt Odoardos
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V103865
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nach anfänglichem Zögern hat mir die Arbeit zu diesem Aufsatz nach einiger Zeit sogar richtig Spass gemacht!Nico
Schlagworte
Emilia Galotti / Vergleich odoardo prinz
Arbeit zitieren
Nico Brehm (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Vergleich zwischen Welt des Prinzen und Welt Odoardos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103865

Kommentare

  • Gast am 4.12.2001

    Emilia Galotti - Vergleich.

    danke, sehr interessant geschrieben und zudem noch informativ und hilfreich!!!hat mir sehr geholfen!

  • Gast am 18.3.2002

    Kommentar.

    Sprachlich gut, aber ich würde niemals Emilia als eine aufgeklärte junge Frau bezeichnen. Im Gegenteil würde ich sie als die unaufgeklärte Frau bezeichnen, die keinen eigenen Willen hat, und sich in ihren Gedanken nur von ihrer Mutter bestimmen lässt.

  • Gast am 1.12.2002

    sauber.

    Einwandfrei geschrieben und inhaltlich richtig. Emilia ist eine aufgekläre Persönlichkeit, was durch den Schluss belegt ist. Sehr gute Arbeit.

    Junichi

  • Gast am 10.11.2003

    jo.

    richtig klasse

  • Gast am 27.11.2003

    Ist eine ganz gute Arbeit. Man merkt, dass sich der Autor Mühe gegeben hat, auch andere Beispile zu finden. Jedoch finde ich einige Argumente unschlüssig bzw. habe darüber schon gegensätzliche Dinge gelesen.

  • Gast am 24.3.2007

    :).

    mal ne frage,...woher nimmt man bitte soviel zeit ud lust eine so ausführliche "Hausaufgabe" zu machen?trotzdem echt gut!

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