Widerspruch oder Kontinuität? György Konrád vor und nach Ende des kalten Krieges.


Seminararbeit, 2001

10 Seiten, Note: 1,3


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erster Teil: Das System Jaltas als Bedrohung für Europa

3. Zweiter Teil: Die europäische Lösung

4. Dritter Teil: Der ost- und mitteleuropäische Weg

5. Vierter Teil: Kontinuität oder Diskontinuität der Antipolitik?

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand der folgender Untersuchung soll ein ungarischer Autor sein. Ein Autor, der besonders in den achtziger Jahren viel zur Wiederbelebung der Mitteleuropadiskussion beigetragen hat: György Konrad. Interessant erscheinen mir seine Gedanken deshalb, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Systemkritikern, wie z.B. Vaclav Havel oder auch Adam Michnik in relativer Freiheit schreiben konnte, so schrieb er abwechselnd aus Berlin und Wien, und „im Hintergrund seiner langen, sprunghaften Abhandlungen hören wir nicht das Schlagen der Gefängnistüren, sondern das Klirren der Kaffeetassen im Café Landtmann oder das vertrauliche Gemurmel eines Friedensseminars.“1 Zweitens scheinen sind Bücher nicht nur in sich widersprüchlich und verwirrend, auch miteinander verglichen scheinen sie zunächst alles andere als Kontinuitäten aufzuzeigen.

Sein Buch „Antipolitik: Mitteleuropäische Meditationen“ aus dem Jahre 19842 erscheint auf den ersten Blick tatsächlich verwirrend und widersprüchlich. Es ist ein Sammelsurium verschiedenster Ideen, „die eine nach der anderen aufgegriffen werden, fest miteinander verwoben, neu formuliert, dann wieder zugunsten anderer, hübscherer, jüngerer (aber leider doch widersprüchlicher) Ideen verworfen werden.“3 Nach einiger Zeit gelingt es jedoch eine gewisse Logik in dieses Buch hineinzubringen, und es in vier Teile zu untergliedern, die allerdings immer wieder in einander übergreifen und keine feste Abfolge darstellen.

Ich möchte dieses Buch jedoch nicht zusammenzufassen, sondern es mit einem weiteren Werk von ihm vergleichen. Es handelt sich um eine Vorlesung im Wiener Rathaus vom 29. September 1998: „Die Erweiterung der Mitte Europa und Osteuropa am Ende des 20. Jahrhunderts.“4 Interessant ist ein Vergleich deshalb, da beide Bücher unter unterschiedlichen Ausgangsbedingungen geschrieben wurden. Das erste im Jahre 1984, also zur Zeit des kalten Krieges, das zweite 1998, neun Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges. Wie steht Konrád im Jahre 1998 z.B. dem westlichen Gesellschaftssystem gegenüber, welches er 1984 genauso wie das östliche ablehnte, „mit dem Westen können wir uns nicht und mit dem Osten wollen wir nicht identifizieren“ und für Mitteleuropa geradezu einen Weg zwischen beiden Gesellschaftssystemen anstrebte.

2. Erster Teil: Das System Jalta als Bedrohung für Europa

Wie bereits erwähnt, greifen die verschiedenen Teile seines Buches Antipolitik immer wieder in einander über, sodass es schwer ist, klare Trennlinien zu ziehen. Im ersten Teil beschäftigt sich Konrád zunächst mit dem Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, dem bipolaren Weltsystem, welches aus der Konferenz von Jalta 1945 hervorgegangen ist:

„Jalta ist das Symbol einer Großmachtlogik: Drei alte Männer entscheiden für Jahrzehnte über das Schicksal von hundert Millionen Menschen, und die hundert Millionen müssen diese Übereinkunft respektieren, sonst wird auf sie geschossen.“5

Es ist dieses bipolare Weltsystem, das System Washingtons und Moskaus, dem ganz Euro-pa zum Opfer fallen kann. Zwei Ideologien stehen sich feindlich gegenüber. Doch dieser Kampf der Ideologien ist ein zwanghafter Mythos, denn grundlegender und bestimmender Faktor ist die nationalstaatliche Strategie, die die politische Klasse als nationales Interesse deklariert: Arbeiterklasse und Sozialismus gegen Christentum und Freiheit. Dieser ideo- logische Krieg ist die Zensur der östlichen und westlichen Gesellschaften. Die Ideologien dienen als Begründung der Atombewaffnung und üben gleichsam eine Polizeifunktion aus:

„Die feindlichen Blöcke schüchtern gegenseitig ihre Bevölkerung ein. Das Gleichgewicht des Schreckens, die gegenseitige Abschreckung, das militärische Gleichgewicht, der militärische Status-quo, der Warschauer Pakt und die NATO sind kollektiv auch zur polizeilichen Einschüchterung der Gesellschaften geeignet.“6

Aber die Ost-West-Dichotomie bildet die Welt nicht real ab, sie dient zur Legitimierung Kalten Krieges. Jalta heißt, dass die Gesellschaften sich fügen, weil die andere Seite der Teufel ist. „Gegen den Teufel muss man Krieg führen oder sich auf den Krieg gegen ihn vorbereiten. Jalta heißt, die andere Seite dämonisieren.“7 Die Krieggefahr begründet er mit den historischen Erfahrungen des deutsch- französischen Gegensatzes, der zu zwei Weltkriegen führte. Kämpften damals diese beiden europäischen Mächte um die Herrschaft in Europa, so sind es heute die beiden Supermächte. Konrád sieht im Kampf UdSSR versus USA auch einen Kampf um die alte Welt. Wer soll die Vorherrschaft in Europa haben, fragt er: niemand. Im Jahre 1998 stellt er fest, dass es überhaupt nicht möglich ist, über Europa zu herrschen, denn Europa bedeutet, dass es niemand beherrschen kann. Den Versuch hätten zwar schon viele unternommen, jedoch konnte sich niemand diese Macht über einen längeren Zeitraum hinweg erhalten.

Seit 1989 existiert die Blockkonfrontation nicht mehr. Ost- und Westeuropa stehen sich nicht mehr feindlich gegenüber. Kein Eiserner Vorhang verunstaltet die Landschaft. Dabei übersieht er jedoch, dass mit dem Jahre 1989 zwar die bipolare Weltordnung zerfallen ist, das System Jaltas in seinem Grundzügen und Institutionen aber weiterbesteht, z.B. dem Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder im Weltsicherheitsrat.

Der ideologische Krieg gehört der Vergangenheit an, der Kommunismus als Staatsideologie ist bis auf wenige Ausnahmen verschwunden. Die einzige Ideologie, die den Kalten Krieg überlebt hat, scheint die der europäischen Einigung zu sein. Europa sieht sich jedoch einer neuen alten Gefahr aus gesetzt, die bereits zu zwei Weltkriegen führte, es ist nicht der Kommunismus, „denn der hat ausgespielt und kann nicht mehr auferstehen - sondern jene Kraft, der auch bei der Zerschlagung des Kommunismus eine wichtige Rolle zugefallen ist, dem Nationalismus.“8 Eine Gefahr, die er bereits 1984 sieht, denn es sei immer schwieriger den wieder erwachten osteuropäischen Nationalismus zum Verstummen zu bringen.9 Jedoch diente dieser Nationalismus zunächst zur Befreiung von der sowjetischen Bevormundung. Europa ist deshalb vor allem dazu berufen, sich in erster Linie selbst zu retten, und zwar vor den eigenen Dämonen, denn die beiden Weltkriege sind von ein und dem selben hysterischen Nationalismus entfesselt worden. Diese Beschreibung des System Jaltas und die daraus resultierende Kriegsgefahr können wir als Ausgangspunkt für seine folgenden Gedanken ansehen.

3. Zweiter Teil: Die Europäische Lösung

Um der Bipolarität nicht zum Opfer zu fallen, müsse Europa sich endlich als eigenständiges Objekt zu Wort melden, einen eigenen Weg finden, eine eigene Ideologie, denn wenn es eine amerikanische und russische gibt warum dann keine europäische? Ein historischer Kompromiss müsse gefunden werden. Die Beseitigung des Eisernen Vorhanges. Ein Kompromiss zwischen der Sowjetunion und den europäischen Staaten, zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten. Ein Dialog zwischen Osteuropäern und Westeuropäern. Europa solle eine Vermittlerrolle zwischen Ost und West übernehmen, denn aufgrund seiner Lage zwischen den Supermächten ist es am stärksten gefährdet. Die Mitte verhilft der Zwietracht zur Versöhnung, „wir profanisieren die militanten Extreme, wir exerzieren die paradoxe Mitte, wir machen in uns das Unvergleichliche durch.“10

Europas historische Realität verlange zudem ein differenzierteres Organisationsschema als den Ost-West-Konflikt. Es ist alt genug, sich selbst zu regieren. Zunächst solle sich Westeuropa integrieren, denn um dem Osten zu helfen muss es zunächst seine Identität stärken. Die Integration Westeuropas ist demnach nur ein erster Schritt zur gesamteuropäischen Einigung. So sind für Konrád auch nur Vereinigte Staaten von Europa denkbar. Vereinigte Staaten von Westeuropa hingegen sind nicht möglich.11 Zur Überwindung Jaltas ist also eine Gesamt europäische Lösung notwendig und diese ist: „geistreich, flexibel, realistisch und utopistisch, sie versucht, die nervöse Aggressivität zu beruhigen. Die europäische Lösung verlangt nicht die Sprache des Zwanges, nicht das Ethos des Kampfes, nicht die gemeinsame Mentalität des Drohens, der Vorbereitung auf das Zuschlagen und nicht den Kampf auf Leben und Tod.“12

Europäische Modernität bedeutet für ihn, sich von der Vormundschaft der zwei atomaren Weltmächte zu emanzipieren. Gleichberechtigte Beziehungen sollen mit beiden aufgebaut werden. Dieser zweite Teil der „Antipolitik“ baut also auf dem ersten Teil auf und stellt Forderungen an Europa, nämlich sich seiner Eigenständigkeit zu erinnern. Wie sieht Konrád die Situation 15 Jahre später, wenn es „in Richtung Osten, zwischen Westeuropa und Eurasien, keine Grenze (gibt), die bewaffnet verteidigt werden müsste?“13

Wo ist Europa im Jahre 1998? Es ist dort, wo sich um den einzelnen Menschen gekümmert wird. Dort wo die Rechtsordnung das Individuum vor Willkür und Übergriffen der Behörden schützt. Eine europäische Lösung existiert noch immer: der Eurohumanismus:

„Geboren werden soll ein neuer, mündiger und weltbürgerlicher Humanismus, für dessen Austragen Berlin, Budapest und natürlich auch Dresden, die mitteleuropäischen Treffpunkte zwischen Ost und West gute Chancen haben. In ganz Europa ist die metropolitane Gesellschaft der Lernenden, deren kulturelles Interesse trotz aller beängstigenden Nachrichten besteht, sich sozusagen als physisches Bedürfnis erweist, im Entstehen begriffen.“14

Aber dieser Humanismus spielt auf Zeit, wenn die Situation jedoch reif geworden ist, dann unternimmt er Schritte. Er kann sowohl abwarten aber auch handeln. In der europäischen Union, der europäische-amerikanischen politischen Gemeinschaft, sieht er die Vollendung der europäischen Lösung, sie verlangt nicht die Sprache des Zwanges, aber die der Disziplin. Er begreift die Europäische Union als einen Entwicklungsprozess, in dem die Rechte der Staatsbürger geschützt und im Interesse der

Bürger die Souveränität der einzelnen Staaten eingeschränkt werden. Noch ist Europa für ihn ein Staatenbund, der jedoch dazu tendiert, eine Verfassung auszuarbeiten, ein entscheidungsfähiges Parlament und eine Regierung auszubauen.

„Wirklichkeit wird die EU, wenn Integrität und Würde der einzelnen Staatsbürger und Personen in sämtlichen assoziierten oder in den Assoziierungsprozess eingebundenen Ländern geachtet werden, wenn der gemeinsame Menschenrechtsschutz dem Machtmissbrauch und den Bestrebungen der Regierungen nach Alleinherrschaft eine Grenze setzt.“15

4. Dritter Teil: Der ost- und mitteleuropäische Weg

Im dritten Teil seiner „Antipolitik“ erläutert Konrad seine Vorstellung von Mitteleuropa. Mitteleuropa ist für ihn der Teil Osteuropas, der sich von der sowjetischen Bevormundung ema nzipieren möchte. Osteuropa ist der Teil Europas der sich im sowjetischen Einflussbereich, im Einflussbereich des „Reiches„ befindet und ist somit der Gegenpol zu Westeuropa, der Einflusssphäre Amerikas.

Mitteleuropa sucht seine authentisches Bewegung, welche der gegenwärtigen Realtät entwächst. „Unabhängig nicht nur von östlichen, sondern auch von westlichen Mustern. Wirklich ähneln können wir auch diesen nicht, selbst wenn wir wollten.“16 Wie Europa, was im Grunde genommen Westeuropa bedeutet, verfolgt auc h Osteuropa eine Strategie: sie ist weich, individuell und biologisch und verfolgt den Weg des geringsten Widerstandes. Träger sei der einzelne, der sich nicht gern organisiert, aber weiß das es ohne Organisation nicht geht. Die Strategie ist aber auch hart - denn Niederlagen gehören zu Spiel. Sie seien „die Meilensteine auf dem Weg der osteuropäischen Befreiung.“17 Eine Anspielung auf die drei gescheiterten Versuche in Ungarn 1956, in der CSSR 1968 und in Polen 1981. Die Ansprüche die Mitteleuropa stellt sind folgende: Neutralität, Mehrparteiensystem und Selbstverwaltung. Die kapitalistische Demokratie ist für ihn nur liberal demokratisch ausgerichtet, die Wirtschaft dagegen basiere auf Entscheidungen des Besitzers, sie wird von oben gelenkt und ist hierarchisch strukturiert. Auch steht in der parlamentarischen Demokratie, in der es keine Selbstverwaltung gibt, die politische Klasse allein auf der Bühne: „Der Politiker redet, der Zuschauer sieht zu. Bis zur nächsten Wahl besitzt er nicht mehr Rechte als der Bürger Osteuropas: Er kann den Fernseher ausschalten.“18 Deshalb seine Forderung nach einer antikapitalistischen sozialistischen Demokratie, die theoretisch auf einem Mehrparteiensystem auf Regierungsebene beruht.

In der Selbstverwaltung sieht er das organis che Zentrum der mitteleuropäischen Ideologie. Sie bedeutet die Ausdehnung der parlamentarischen Demokratie von den nur politischen Sphären auf die wirtschaftliche und kulturelle Sphäre. Demokratie bedeutet für Konrád also Demokratie in der Gesamtheit der Institutionen, und unterscheidet sich daher vom westlichen Demokratieverständnis.

„Universelles Legitimationsprinzip wird die Demokratie vermutlich in Gesellschaften, die wir als postkommunistisch und zugleich als postkapitalistisch bezeichnen können. Solche Gesellschaften existieren heute irgendwo.“19

War bis 1989 klar was Osteuropa ist, und auch was Mitteleuropa bzw. Ostmitteleuropa, nämlich der Raum, der zum Westen strebt und aktiv versucht sich von der sowjetischen Oberherrschaft zu befreien ist, stellt er nun, 1998, die Frage was ist von Mitteleuropa geblieben ist. „Länder, die dem Weg des Westens folgen? Zurückgebliebene Westeuropäer? Rand des Westens?“20

Mitteleuropäisch sind für Konrád heute die Länder, in denen eine siegreiche bürgerliche demokratische Revolution nicht stattgefunden hat, oder die die erste erfolgreiche Revolution im Jahre 1989 erlebten. Es sind die Länder, die sich am energischsten aus Osteuropa herausgearbeitet haben und nun nach Westeuropa streben. Es sind also immer noch die drei oder vier selben Staaten: Polen, Ungarn und die Tschecho (-Slowakei). Die Mitteleuropäer von heute sind brave Schüler, die sich nicht auf Schießereien einlassen und bei denen die Alternanz funktioniert. Mitteleuropa übt sich im euroamerikanischen Wertesystem „wie ein kleiner Hund im Bellen.“21 Alles für Europa! Hier kritisiert er die so gelehrigen Mitteleuropäer, die mit aller Macht das westliche System übernehmen wollen. Aber Mitteleuropa muss gelehrig sein, denn wer zu Europa gehören will muss sich disziplinieren. Eine Mitgliedschaft in der EU ist zwar keine Pflicht, wer jedoch dazu gehören will, hat sich einer strengen Prüfung zu unterwerfen. Der europäischen öffentlichen Meinung hat man sich anzupassen. Also wieder Anpassung, diesmal jedoch freiwillig.

Mitteleuropa strebt nach Europa und geht in ihm auf. Doch was ist mit dem restlichen Osteuropa? Besteht nicht doch die Gefahr einer erneuten Spaltung Europas, was er zunächst verneint? Ja, sie besteht tatsächlich. Und zwar dann, wenn die Ostgrenze der EU erstarrt. Die vor der Tür gebliebenen werden sich zusammenschließen, um von außen

Ressentiments gegen ihre Widersacher zu schüren. Russland muss integriert werden, auch ist ohne eine organische Einbeziehung des Balkans Europa nicht vorstellbar. Europa muss dyna misch bleiben, bleibt es dynamisch, bleibt auch der ehemalige Ostblock dynamisch, denn das Ziel heißt Europa. Flaue diese Dynamik ab, „werden die Wortführer der nationalistischen Separierung und der Desintegration auf die Mode kommen.“22 Wieder: Vereinigte Staaten Westeuropas sind nicht möglich. Möglich sind nur Vereinigte Staaten Europas.

5. Vierter Teil: Kontinuität oder Diskontinuität der Antipolitik

Der vierte und letzte Teil seines Buches „Antipolitik„ ist der bei weitem am schwersten zu fassende, in ihm befasst Konrád sich direkt mit der Antipolitik. Diese ist kein Zukunftstraum, sondern die Würde der Gegenwart. Osteuropa beschäftigt nicht die Frage ob eine Politik gut oder schlecht ist, sondern die Tatsache, dass der Bürger überall von allzu viel Politik umgeben wird, deshalb sei die Zeit der Antipolitik gekommen. Sie bedeutet den Schutz der Arbeitsstelle und der Arbeit, den Schutz der Stellung in der sich der einzelne befindet und auch bleiben will.

Antipolitik ist die Gegenmacht, die nicht zur Macht kommen kann und auch nicht will, aber Macht aufgrund ihres moralisch-kulturellen Gewichtes besitzt. Sie will die Politik auf ihren Platz verweisen. Ziel der Antipolitik ist die Vergesellschaftung des Staatssozialismus, das Politisieren von Menschen, die keine Macht und Politiker wollen. Sie ist weder Stütze der Regierung noch der Opposition. Sie bedeutet Öffentlichkeit und schlägt differenzierten Wettbewerb der Qualitäten vor.

„Antipolitik heißt Verneinung des Machtmonopols der politischen Klasse. Die Beziehungen von Politik und Antipolitik können wir bildlich als die Beziehungen zweier Berge begreifen.“23

Ein Antipolitiker ist in seinem Denken nicht politisch, denn er fragt nicht nach der politischen Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit seines Handelns. Antipolitiker ist derjenige, der den Staat zum Abnehmen zwingen will.

Inwieweit findet sich die Gedanken der Antipolitik 15 Jahre später in seinem Denken wieder? Vielleicht sind es gerade seine fast zynischen Bemerkungen über die Musterknaben Mitteleuropas und ihrer bedingungslosen Übernahme westlicher Normen und Werte, wobei die Regierungen die Wünsche der Bürger selten beachten. Oder lebt die

Antipolitik gerade in der Europäische Union, in der die Rechte der Staatsbürger geschützt und im Interesse der Bürger die Souveränität der einzelnen Staaten eingeschränkt werden? Oder sieht er die Antipolitik in der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft? Die Verantwortung individualisiert sich, weg vom allgegenwärtigen Staat, an dem noch viele Bürger hängen.

„Hier (in Mitteleuropa) erwarten die Bürger auch noch heute vieles, allzu vieles von der Regierung, deretwegen sie glücklich oder unglücklich sind, in ihr suchen sie nach dem omnipotenten Urgrund für ihre Sorgen und Hoffnungen.“24

6. Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Konrád sich 1998 nicht allzu weit von seinen Gedanken aus dem Jahre 1983 entfernt hat. Es scheint als habe er sie modernisiert und den neuen Gegebenheiten angepasst. Ziel ist nicht mehr die Überwindung des Systemkonflikts, sondern die Integration Europas, insbesondere die Integration des ehemaligen Ostblocks in die Europäischen Union, sie ist europäische Lösung. Vereinigte Staaten von Europa müssen entstehen. Die europäische Einigung darf jedoch nicht auf Kosten von Russland gehen, denn dieses ist Bestandteil Europas. Europa muss dynamisch bleiben oder es erstarrt und eine neue Spaltung droht, die diesmal durch den Nationalismus hervorgerufen werden könnte. Ostmitteleuropa geht in Europa auf, bleibt jedoch eine Brücke zwische n Ost und West, denn der Weg von West nach Ost führt über die Mitte. Antipoltische Gedanken leben versteckt weiter, offen wird eine Forderung nach einer Antipolitik nicht mehr ausgesprochen.

Literaturverzeichnis

Ash, Timothy Gayton, Ein Jahrhundert wird abgewählt, München 1990.

Konrád, György, Antipolitik: Mitteleuropäische Meditationen, Frankfurt/Main 1985.

Konrád,György, Die Erweiterung der Mitte Europa und Osteuropa am Ende des 20. Jahrhunderts, Wien 1999.

[...]


1 Ash, Timothy Gayton, Ein Jahrhundert wird abgewählt, München 1990, S. 192.

2 Konrád, György, Antipolitik: Mitteleuropäische Meditationen, Frankfurt/Main 1985.

3 Sh. Anm. 1 ebd.

4 Konrád,G., Die Erweiterung der Mitte Europa und Osteuropa am Ende des 20. Jahrhunderts, Wien 1999,15

5 Sh. Anm. 2, S. 7

6 ebd. S. 34

7 ebd. S. 37

8 Sh. Anm. 4, S. 19

9 Sh. Anm. 2, S. 10

10 Sh. Anm. 2, S. 112

11 ebd. S. 13

12 ebd. S. 63

13 Sh. Anm. 4, S. 27

14 ebd. S. 38

15 ebd. S. 67

16 Sh. Anm. 2, S. 183

17 ebd. S. 115

18 ebd. S. 132

19 ebd. S. 135

20 Sh. Anm. 4, S. 7

21 ebd. S. 15

22 ebd. S. 29

23 Sh. Anm. 2, S. 213

24 Sh. Anm. 4, S. 15

9 von 10 Seiten

Details

Titel
Widerspruch oder Kontinuität? György Konrád vor und nach Ende des kalten Krieges.
Hochschule
Univerzita Karlova v Praze
Veranstaltung
Západní, východní a støední Evropa.
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
10
Katalognummer
V103882
Dateigröße
349 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Widerspruch, Kontinuität, György, Konrád, Ende, Krieges, Západní, Evropa
Arbeit zitieren
Dirk Mathias Dalberg (Autor), 2001, Widerspruch oder Kontinuität? György Konrád vor und nach Ende des kalten Krieges., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103882

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Widerspruch oder Kontinuität? György Konrád vor und nach Ende des kalten Krieges.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden