Sozialisation benachteiligter Jugendlicher in der Gegenwartsgesellschaft


Ausarbeitung, 2001
8 Seiten, Note: 1,3

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1 Einleitung

Bei der Vorbereitung auf diese Arbeit nahm ich mir die 13. SHELL-Jugendstudie 2000 zur Hand. Dort stieß ich auf ein Phänomen. Es scheint nämlich (grob) zwei Richtungen zu geben, in die sich die Jugendlichen bewegen. Die einen die - wenn auch nicht fröhlich-optimistisch und mit einigen Unsicherheiten - die Herausforde- rungen unserer Zeit annehmen und das für sie Beste daraus machen wollen. Die an- dern - die SHELL-Studie schätzt deren Anteil vorsichtig auf ca. 10% - die stark ver- unsichert und ratlos sind. Diese 10% bezeichnet die SHELL-Studie als die „Pessimis- ten“. Auffällig ist, dass es sich bei dieser Gruppe um Jugendliche handelt, die be- nachteiligt sind, was ihre Startbedingungen angeht: niedriges Bildungsniveau (auch das der Eltern), eigene Arbeitslosigkeit (oder der Eltern), schlechte Wohnverhältnis- se, schlechte und unsichere ökonomische Lage (SHE etc.) fi sozial benachteiligte Jugendliche.

Das hat mich zu der Frage bewogen, wo der Zusammenhang besteht.

Wenn die Pessimisten denselben sozialen Hintergrund haben, muss es eine Ge- meinsamkeit von Eigenschaften oder auch Defiziten und Mängeln geben, die dafür verantwortlich sind, dass das Vertrauen in die eigene Person, die Situation und Zu- kunft so gering ist.

Ich werde in dieser Arbeit deutlich machen, dass das persönliche Fortkommen eines Menschen - heute mehr denn je - von den sozial-strukturellen Bedingungen abhä n- gig ist, in denen er aufwächst und lebt und dass die vielzitierten Chancengleichheiten und Freiheiten nur scheinbare sind.

Im ersten Teil der Arbeit werde ich die Bedeutung einer stabilen Ich-Identität heraus- stellen und die Fähigkeiten und Grundqualifikationen, die ein Mensch braucht, um überhaupt an Gesellschaft und Kultur aktiv und handlungsfähig teilzunehmen. Dies im Kontext der gesellschaftlichen Situation, durch die soziale Benachteiligung ihre Brisanz erhält. Daraus wird deutlich, dass deviantes Verhalten von benachteiligten Jugendlichen eine logische Konsequenz zur Problembewältigung darstellen kann.

Im letzen Teil resümiere ich meine Ausführungen und mache mir zudem Gedanken, was dies für die pädagogische Arbeit bedeutet.

2 Sozialisation und Identität in der Lebensphase Jugend

Der Begriff der Sozialisation beschreibt und erklärt alle Vorgänge und Prozesse, in deren Verlauf der Mensch zum Mitglied einer Gesellschaft und Kultur wird. Durch diese gewinnt der Mensch seine Identität als eine in der Gesellschaft aktive und handlungsfähige Persönlichkeit.

In der Phase der Adoleszenz we rden soziale Vorgaben und Orientierungen aus der sozialen Umwelt als Bezugspunkte zur Erlangung und Sicherung eines subjektiven Lebenssinns herangezogen.

Die Suche nach Orientierung und Sinngebung ist charakteristisch für die Umbruc h- phase Jugend.

Sozialisation bedeutet zum einen Integration („Vergesellschaftung“ des Menschen); der Jugendliche soll sich an die gesellschaftlichen Werte, Normen, Verhaltensstandards und Anforderungen anpassen ? soziale Identität Zum anderen bedeutet Sozialisation Individuation. Mit der Individuation, der Entwick- lung einer besonderen, unverwechselbaren Persönlichkeitsstruktur geht die Entwick- lung der personalen Identität einher. Der Jugendliche sollte die Fähigkeit erwerben, sich durch selbständiges, autonomes Verhalten in seinem sozialen Umfeld zu be- haupten. Um dies zu erreichen, braucht er bestimmte Grundqualifikationen.

In seinem Buch „Soziologische Dimensionen der Identität“ beschreibt Lothar Krappmann Identität als eine vom Individuum für die Beteiligung an Kommunikation und gemeinsamen Handeln zu erbringende Leistung.

Diese Leistung geht aus den strukturellen Notwendigkeiten des Interaktionsprozesses hervor.

Er sieht die Identitätsentwicklung als einen lebenslangen Lernprozess, der in die soziale Interaktion eingebettet ist.

Nach E. Erikson bildet sich die Ich-Identität (die in den früheren Entwicklungsphasen ihre Vorläufer hatte) erst in der für das Jugendalter typischen Krise heraus. Er sieht in der inhaltlichen Festlegung die Voraussetzung von Ich-Identität. Die Ich-Stärke be- ruht für ihn auf einer nur schwer zerbrechlichen, gefestigten Identitätsstruktur.

Krappmann dagegen hält diese Festlegung eher für hinderlich. Er geht davon aus, dass der Mensch seine Identität nur dann wahren kann, wenn es ihm möglich ist, alle seine Identifikationen durch neue Interpretationen für die aktuelle Interaktion aufzu- arbeiten. Die Notwendigkeit zur Interpretation besteht auch schon in der Familie, in der das kleine Kind lebt. Hier wird es mit ambivalenten und teilweise widersprüchli- chen Erwartungen der Eltern konfrontiert. Gegen sie sich zu behaupten, sei das I- dentitätsproblem.

Diese divergierende Anforderungen und Erwartungen müssen vom Individuum interpretiert und in Einklang mit der eigenen Persönlichkeit gebracht werden. Dies geschieht in der Identitäts- oder auch Ich-Balance.

E. Goffman führte hier die Begriffe der „sozialen“ und der „persönlichen“ Identität ein. Diese Balance aufrechtzuerhalten, ist eine Bedingung für die Ich-Identität.

Eine weitere Bedingung ist das erfolgreiche Rollenhandeln (kommunikatives Handeln zwischen Interaktionspartnern).

Jeder Interaktionsprozess modifiziert die eigene Identitätsbalance, denn das Individuum kann die jeweiligen Normen für kommunikatives Handeln in Rollen nicht einfach ignorieren, wenn es sich an Interaktionen überhaupt beteiligen will.

Die interpretative Leistung des Individuums führt jeweils ein bis dahin unbekanntes Element in den Interaktionsprozess ein. Dieses unvorhergesehene Element beschreibt G.H. Mead mit „I“ (also die persönliche Identität). Das „I“ geht dann als „me“ (soziale Identität) in die Interaktion ein.

Voraussetzung, um die Ich-Balance aufrechtzuerhalten und erfolgreich in Rollen zu handeln, sind folgende Fähigkeiten: Sprachkompetenz (gemeinsames Symbolsystem der Interaktionspartner), Rollendistanz (Reflexion und Interpretation von Normen), Empathie („role-taking“, das Hineinfühlen in andere Menschen), Ambiguitätstoleranz (das Ertragen von divergierenden Erwartungen und Anforderungen) und Frustrations- toleranz (Fähigkeit, Enttäuschungen auch hinnehmen zu können) verfügen.

Identität heißt - heute mehr denn je - auch Bildung, die Erziehung zur Mündigkeit. Bildung bedeutet nicht nur die reine Wissensvermittlung, sondern auch die Vermittlung von Fähigkeiten zur Erlangung von Identität, die ein Jugendlicher in seiner primären Sozialisation möglicherweise nicht ausbilden konnte.

Die Erziehung zur Mündigkeit - und damit auch zu einer stabilen Ich-Identität - setzt eigenständiges Denken, Argumentationsfähigkeit und Auseinandersetzung mit dem Interaktionspartner voraus. Erst daraus erwächst die Möglichkeit sich zu orientieren, ethische Werte zu finden, die für die eigene Person Gültigkeit haben und vom Gewissen immer aufs Neue geprüft werden können.

Diese Grundqualifikationen versetzen das Individuum überhaupt erst in die Lage, erfolgreich, aktiv und als handlungsfähige Persönlichkeit, an gesellschaftlichen Interaktionen teilne hmen.

Sozialisation bedeutet somit mehr als die reine Anpassung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Sie setzt eine stabile Identität voraus.

Das Gegenteil einer stabilen Identität ist die Nicht-Identität. Diese droht dem Men- schen von zwei Seiten, nach denen er fallen kann: er kann die Balance verlieren, in dem er in den Erwartungen der anderen voll aufgeht oder wenn er diese Erwartun- gen zurückweist.

Die Chance für eine für alle befriedigende Interaktion wächst mit der Gleichberechti- gung der Partner und wird geschmälert, je asymmetrischer die Beziehung wird. Je weniger Diskussionen es zwischen den Interaktionssystemen (z.B. in der Familie o- der in der Schule) und in ihnen gibt, desto geringer sind die Möglichkeiten für die Bil- dung von Identität.

In einem sozialen Umfeld, in dem keine „identitätsfördernden“ Interaktionen stattfinden, hat der Mensch wenig Chancen, seine Identität auf die Diskussion divergierender Normen zu gründen.

Ihm fehlt die Möglichkeit, eine reflektive Einstellung im Handeln und die IchAutonomie zu entwickeln.

Sozial benachteiligten Jugendlichen fehlt i.d.R. die notwendige Bildung, die Grundqualifikation zur Interaktion und somit zur Identitätsbildung.

Die Erlangung und Wahrung von Identität ist also zu einem wichtigen Teil abhängig von den sozial-strukturellen Bedingungen, unter denen ein Mensch aufwächst.

3 Sozial benachteiligte Jugendliche im Kontext der zweiten Moderne

Ulrich Beck hat in seinem Buch „Risikogesellschaft, Auf dem Weg in eine andere Moderne“ die gegenwärtige gesellschaftliche Situation verdeutlicht.

Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen im Zuge der Modernisierung aus traditionellen Klassenbedingungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen wurden.

Durch Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten ist jeder für seine Exis- tenz selber verantwortlich. Es gibt keine Schicksale mehr, nur noch eigenes Ver- schulden. Die individualisierte Privatexistenz ist von Verhältnissen abhängig, die sich ihrem Zugriff vollstä ndig entziehen. Die Pluralisierung bringt zwar für den Einzelnen größere Entscheidungsmöglichkeiten, birgt aber auch mehr Risiken in sich, durch das gesellschaftliche und soziale Netz zu fallen. Die neue Freiheit mit ihren individu- ellen Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten ist in Wirklichkeit nur eine scheinbare. Den Menschen werden vielerlei Entscheidungen in allen Lebensbereichen abver- langt, kollektive Vorentscheidungen werden nicht mehr angeboten, Konventionen, Sitten und Bräuche sind brüchig geworden oder ganz weggefallen. Die Familie als ehemaliger Sinn- und Lebensbereich zerfällt zusehend. Der schwierige Typus der Bastelbiographie hat sich herausgebildet.

Während feststehende Werte, Normen und damit klare Orientierungen das Leben der Menschen früherer Generationen bestimmten, scheint heute angesichts lebensla n- gen Lernens, Umlernens, gehäufter Erwerbsunterbrechungen, rasanter Innovations- geschwindigkeiten im Hightech- und Kommunikationsbereich die Zeit der stabilen Leitbilder und homogener Wertstrukturen vo rbei zu sein. Die Globalisierung hat eine neue Wertevielfalt beschert. Jugendliche konstruieren heute ihren eigenen „Werte- himmel“.

Der Verlust der tradierten Werte und Normen hat u.a. zur Folge, dass es vielen Men- schen (und besonders Jugendlichen) nicht mehr gelingt, den Standort auf ihrem Le- bensweg und das Ziel ihres Lebens zu bestimmen. Hohe Leistungsanforderungen und die Gewissheit, dass man bei Versagen keine Aussicht auf einen „guten“ Job hat, führen bei vielen zu einem immensen Druck und der Angst, diese Anforderungen nicht erfüllen zu können.

Nur wer genug Eigenaktivität und Flexibilität aufbringt, hat eine Vielzahl von Optio- nen, seinen Lebenslauf gelingend zu gestalten. Sozial benachteiligte Jugendliche sind lt. SHELL-Studie eher rückwärtsgewandt und passiv. Es zeigt sich, dass klare Lebensplanungen, individuelle Entwicklungschancen, Berufsorientierung, Flexibilität und Mobilität weniger ausgeprägt sind. Sie wollen einfach nur viel Geld verdienen und einen sicheren Arbeitsplatz. An Familie orientieren sie sich weniger (auch auf- grund negativer Erfahrungen), Freunde und andere Bezugspersonen sind seltener. Die politische Landschaft ist heute undurchschaubarer denn je. Auch hier scheinen Werte und Moral kaum noch etwas zu bedeuten. Das Interesse an Politik seitens der Bevölkerung - und besonders bei den Jugendlichen - lässt spürbar nach. Auch die „Pessimisten“ der Studie sind politisch eher uninteressiert und haben auf der Befra- gungsskala „Ausländerfeindlichkeit“ einen höheren Mittelwert.

Eine besondere Bedeutung kommt den Medien zu ⇒ Massenmediengesellschaft Multimediale Einflüsse prägen Gesellschaft und Kultur in einem bisher ungekannten Ausmaß. Das Internet hat inzwischen fast alle Bereiche des täglichen Lebens erreicht. Die „Pessimisten“ sind an neuen Technologien weniger interessiert bzw. haben sie seltener Zugang zu ihnen und zum Internet.

Medien sind zu wichtigen „Sozialisationsagenten“, besonders für moralische und ge- sellschaftliche Einstellungen, geworden. Durch sie (insbesondere durch das Fernse- hen) werden Normen, Werthaltungen, politische und religiöse Anschauungen verbrei- tet. Und das am liebsten in diversen Talk-Shows, die den ganzen Tag über im priva- ten Fernsehen aufen und unterstes kulturelles Niveau präsentieren. Die Einschalt- quoten sind hoch. Nicht nur dort wird dem Zuschauer ein Menschenbild jenseits von Würde und Anstand geboten. Aktuelle Studien besagen, dass Kinder und Jugendli- che im Durchschnitt 17,5 Stunden in der Woche Fernsehen schauen. Die große Menge an Werbespots verweist auf die massive Beeinflussung der Zuschauer. Die Studie besagt, dass die „Pessimisten“ im Durchschnitt längere Zeit am Tag vor dem Fernseher sitzen.

Noch nie hatte der Mensch so viel Freizeit wie heute (⇒ Freizeit- und Erlebnisgesellschaft), die am besten zur Erlangung seines Lebensglücks und zur Selbstverwirklichung genutzt werden sollte. Die Werbespots sagen ihm, wie das geht. Um im Sinne der propagierten Ideale unserer kommerzialisierten Jugendkultur zu leben, bedarf es eines gut gefüllten Portemonnaies - die Kaufkraft ist entscheidend, Glück ist materiell. Wer nicht mithalten kann, wird schnell zum Außenseiter.

Gleichzeitig sind in dieser Konsum - und Wohlstandsgesellschaft immer mehr Kinder und Jugendliche von Armut bedroht. 14% der jungen Menschen unter 16 Jahren le- ben in relativer Armut. Der traditionelle Arbeitsmarkt wird - nicht zuletzt im Zuge der Globalisierung - aufgeweicht und abgebaut. Unsichere Arbeitsplätze, zunehmende Arbeitslosigkeit und der damit verbundene soziale Abstieg führen zu einem sozialen Gefälle, das die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klaffen lässt. Leistungsgesetze wie Bundessozialhilfegesetz und Arbeitsförderungsgesetzt werden eingeschränkt. In allen sozialen Bereichen wird der Ro tstift angesetzt. Der Sozialstaat bröckelt in einer Zeit, in der er besonders gebraucht wird.

4 Deviantes Verhalten als mögliche Konsequenz

Lt. SHELL-Studie machen die „Pessimisten“ den Eindruck, als ob sie sich selbst kaum gezielt um eine Verbesserung ihrer Situation bemühen. Ihre düstere Sicht der Zukunft scheint eine Verlängerung ihres persönlichen Pessimismus zu sein.

Sie haben wenig Möglichkeiten, sich dem Wandel in allen Lebensbereichen anzu- passen, geschweige denn darin ihre Chance zu nutzen - und sie wissen das.

Die Ursache von deviantem Verhalten liegt demnach auf der Hand: unsere Gesell- schaft fordert von allen Menschen an erster Stelle das Erlangen von Wohlstand. Dar- aus folgt, dass alle Menschen gleichermaßen unter dem Druck stehen, dieses Ziel zu erreichen.

Theoretisch hat auch jeder in einer „offenen“ Gesellschaft die Möglichkeiten dazu. In der Realität jedoch sind soziale Schichten nach wie vor vorhanden.

Risiko- und Devianzverhalten von sozial benachteiligten Jugendlichen kann somit z.T. als eine folgerichtige Reaktion verstanden werden, um ihre belastende Situation zu bewältigen.

Meistens äußert sich deviantes Verhalten in Form von nach außen-gerichteter Aggression. Vandalismus oder Gewalt, um Sachen oder Menschen zu schädigen oder um auf sich und die eigene Situation aufmerksam zu machen. Devianz auch als Mittel zum Zweck (z.B. in Form von Delinquenz), um sich die erforderlichen finanziellen Mittel zu sichern, die es braucht, um dazuzugehören (oft Voraussetzung zur Integration in die Gleichaltrigengruppe).

Besondere Bedeutung kommen dem Schulversagen und der Schulverweigerung (in allen Varianten) zu. Schule entscheidet über den weiteren Lebensweg eines eden Kindes und Jugendlichen und selektiert in Integrierte und Ausgegrenzte. Mit dem Schulversagen und der schwindenden Aussicht auf einen Abschluss beginnt der Anfang vom Ende. Oft geraten die betroffenen Schüler schon während des Schulbesuchs in eine Art „psychische Arbeitslosigkeit“, die charakterisiert ist durch Perspektivlosigkeit, Resignation und fehlendem Vertrauen in die eigene Leistungsfä- higkeit.

Nach aktuellen Schätzungen verlassen ca. 80.000 SchülerInnen die Schule ohne Abschluss. Feldstudien belegen den klaren Zusammenhang zwischen benachteiligten sozialen Schichten, Sozialisation, Schulversagen und - verweigerung.

Deviantes Verhaltens insgesamt ist i.d.R. als Ausdruck von geringem Selbstwert zu verstehen, der mangelnden Anerkennung, von Misserfolgserlebnissen und einer instabilen Persönlichkeitsstruktur durch die in der Familie und dem sozialen Umfeld verursachten Beeinträchtigungen der Identitätsbildung.

Radikale Gruppierungen und Sekten, die ihr - scheinbares Glück und Sicherheit verheißendes - Wertesystem gut verkaufen können, nutzen diese Orientierungslosigkeit gnadenlos aus.

Gesellschaftlich wird oben geschildertes Verhalten natürlich nicht akzeptiert.

Man fragt selten nach den Ursachen sondern versucht, die Symptome zu beseitigen. Der Jugendlichen wird in seiner „Not“ nicht wahrgenommen sondern bestraft und als an sich „devianter Jugendlicher“ abgestempelt.

Dies hat zur Folge, dass er sich - jetzt in seinem Umfeld stigmatisiert und einge- schränkt - selbst als deviant begreift. Dies führt dann zwangsläufig zu weiterem de- vianten Verhalten (Teufelskreislauf). Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind die Zukunftsaussichten dieses Jugendlichen wirklich düster.

6 Resümee und Ausblick

Individuelle Ressourcen und persönliche Bearbeitungsstile entscheiden heute mehr denn je, welche Chancen der Jugendliche hat und nutzen kann, um seinen weiteren Lebensweg gelingend zu gestalten. Hat er Defizite in diesen Bereichen, so hat er auch weniger Möglichkeiten auf ein autonomes, selbstbewussten Leben.

Sozial benachteiligte Jugendliche kommen i.d.R. aus Familien mit autoritären Strukturen, in denen traditionelle Rollenmuster vorherrschen und Pflichten, mehr als Rechte vorrangig sind. Viele Eltern haben (aus den unterschiedlichsten Gründen) ihre Erziehungsaufgabe längst an andere Institutionen abgegeben und sind nicht in der Lage, die Entwicklung ihres Kindes zu fördern.

Die Sozialisationsinstanz Schule ist ebenfalls nicht in der Lage, Kindern und Jugendlichen diese Möglichkeiten einzuräumen. Sie ist als System nicht darauf ausgelegt, junge Menschen in ihrer Individualität und ihrer Ganzheitlichkeit wahrzunehmen. Die reine Wissensvermittlung ist aber aufgrund veränderter struktureller gesellschaftlicher und ökonomischer Bedingungen nicht (mehr) zeitgemäß. Vermehrte massive Störungen des täglichen Unterrichts machen dies mehr als deutlich.

Wünschenswert wäre eine Bildung, die Grundfähigkeiten und Grundhaltungen, Selbständigkeit und Selbstverantwortung, Flexibilität, Kreativität, Leistungswille und Toleranz vermittelt.

Die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen und insbesondere das bestehende Bil- dungssystem (weitere Aufwertung von Ober- und Hochschulen bei gleichzeitiger Ab- wertung der Hauptschulen) macht eh schon benachteiligte Jugendliche zu Verlierern. Die gesellschaftliche Entwicklung trägt zu eine r Verschärfung dieser Situation bei.

Es braucht ein soziales Netzwerk aller an Sozialisation beteiligter Institutionen um zu verhindern, dass sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht weiterhin durch den gesellschaftlichen Rost fallen.

Im Interesse dieser Kinder und Jugendlichen werden Schule und Jugendhilfe in Zukunft enger zusammen arbeiten müssen: Schule, weil sie den geänderten Ansprüchen an Bildung und Erziehung gerecht werden muss; Jugendhilfe, weil sie die Kinder und Jugendlichen in der Schule vorfindet. Im Rahmen des § 13 KHJG ist die Arbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen gesetzlich geregelt.

Erste Schritte in dieser Kooperation sind schon getan. Es gibt eine Reihe von ge- meinsamen Projekten und Angeboten (z.B. im Bereich der Gewalt- und Suchtpräve n- tion und in der Arbeit mit „schulmüden“ Jugendlichen) aber es ist erst ein Anfang. Eine Reform des Bildungssystems setzt natürlich ein allgemeines gesellschaftliches Umdenken voraus.

Nicht zuletzt müssten Politik und Ökonomie ihre heimliche Gleichgültigkeit gegenüber sozial Benachteiligten aufgeben und endlich anfangen, die Jugendlichen und ihre Belange wirklich ernst zu nehmen und sie auch aktiv zu beteiligen.

Erst, wenn oben angedeutetes in die Tat umgesetzt oder weiter ausgebaut wird, können auch sozial benachteiligte Jugendliche (Ausnahmen bestätigen die Regel) die Chance auf eine Biografie haben, die nicht von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und staatlichen Alimentationsleistungen geprägt ist.

Literatur:

- Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000, Leske + Budrich, Opladen 2000
- Engel, U. / Hurrelmann, K.: Was Jugendliche wagen, Juventa , 3. Auflage 1998
- Heiderich, R. / Rohr, G.: Wertewandel, Olzog Verlag GmbH, München 1999
- Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend, Juventa, 4. Auflage 1995
- Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität, Clett-Cotta, Rieden am Forgensee 2000
- Wenger-Hadwig, Angelika (Hg.): Verführungen in orientierungsloser Zeit, Tyrolia- Verlag, Innsbruck-Wien 1999

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Sozialisation benachteiligter Jugendlicher in der Gegenwartsgesellschaft
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
8
Katalognummer
V103912
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Benachteiligte, Jugendliche, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Esther Turz (Autor), 2001, Sozialisation benachteiligter Jugendlicher in der Gegenwartsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103912

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