Digitalisierung im Lyrikunterricht. Einbindung von digitalen Medien zur Motivationsförderung


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeine Lyrikdidaktik

3. Digitalisierung im Deutschunterricht – Relevanz des Themas
3.1 Digitalisierung in der Lyrik
3.1.1 Produktionsorientierter Lyrikunterricht
3.1.2 Rezeptionsorientierter Lyrikunterricht
3.2 Social Media und Lyrik im Deutschunterricht
3.2.1 Themeneingrenzung
3.2.2 Ein linguistischer Vergleich von Kommunikation in Sozialen Medien und Gedichten
3.2.3 WhatsApp im Deutschunterricht
3.2.4 Instapoetry im Deutschunterricht
3.3 Lyrik in der Digitalisierung

Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Gespenst geht um in der globalisierten Gesellschaft – das Gespenst der Digitalisierung. Alle Welt sieht das Gespenst, mit frohen Hoffnungen die einen, mit Ängsten und Befürchtungen die anderen“1. In Anspielung an Marx und Engels‘ Manifest des Kommunismus, verweist Precht auf den revolutionären Charakter der Digitalisierung in der globalisierten Gesellschaft, die die Schule vor neue Herausforderungen und Fragen stellt. Während die Hardwareausstattung von Schulen in der Politik diskutiert wird, ist die Bedeutung und der Einfluss von Digitalisierung im Alltag der Jugendlichen thematisch unterrepräsentiert. Da diese gesellschaftliche Umwandlung kritischen Aufklärungsbedarf fordert, kann es durchaus in verschiedenen Fächern unter verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Die Aufgabe für das Fach Deutsch besteht darin, die moralischen und ethischen Gesichtspunkte herauszuarbeiten. Im Folgenden wird aufgezeigt, weshalb Lyrikunterricht bei Schülerinnen und Schüler (SuS) häufig kein beliebtes Unterrichtsthema darstellt. Die Verbindung von digitalen Medien mit Lyrik kann motivationsfördernd wirken, da das Thema lebenspraktische Themen der SuS aufgreift. Drei Schwerpunkte aus dem Lyrikunterricht können das analytische Arbeiten mit dem gesellschaftlichen, als auch persönlichen Prozess begleiten.

Zum einen ist die klassische Auseinandersetzung des Themas im Gedicht genannt. Hier stößt die Lehrkraft schnell an die Grenze, dass es zu dem modernen Thema noch nicht viele Gedichte von bekannten Gegenwartslyrikern gibt. Dies ist neben weiteren Gründen ein Anlass um produktionsorientierten Unterricht zu gestalten. Des Weiteren wird kurz der Stellenwert von internetbasierter Kommunikation unter einem linguistischen Blickfeld diskutiert. Diese Sachanalyse soll Ausgangspunkt sein für eine Unterrichtseinheit, in der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Dichtung und Internetkommunikation herausgearbeitet werden. Anschließend werden produktiv-kreative Schreibformen für den Unterricht vorgestellt. Insbesondere wird die Kommunikation in WhatsApp und Instagram beleuchtet und für den Unterricht fruchtbar gemacht, damit die SuS einen kritisch-reflexiven Umgang mit Social Media pflegen. Abschließend wird auf die noch wenig erforschte Cyberpoetry eingegangen, die erst am Entstehen ist. Allerdings bietet sie für den Unterricht einen erfrischenden Einblick in eine abwechslungsreiche Lyrik.

2. Allgemeine Lyrikdidaktik

Bei SuS hat Lyrik oft einen unbeliebten Ruf. Das liegt zum einen an einer antiquierten Darstellungsweise und zum anderen an einer, in der Sichtweise der SuS, umständlich ausgedrückten Sprache2. Hinzu kommt, dass Lyrikunterricht häufig mit Analysearbeit am Gedicht assoziiert wird, was zu einem zähen Unterrichtsgespräch führen kann. Darum üben einige moderne Didaktiker, vor allem seit den 70er Jahren, Kritik an rezeptionsorientiertem Unterricht aus, der ausschließlich Form- und Stilelemente im Gedicht untersucht. Korte et al. spricht von einer eindimensionalen Beschäftigung im Unterricht3.

Nicht nur, dass Heranwachsenden damit die Lust an Lyrik a priori verleidet wird. Man wird auch der Deutungsvielfalt von Gedichten selten gerecht. Enzensberger, als einer der bekanntesten Lyriker der Gegenwart, beklagt sich darüber in zweierlei Hinsicht: „Ach, wenn es nur die Schule wäre! Aber nein, alle geben ihren Senf dazu. Alle möglichen Leute schreiben sich die Finger wund über Gedichte, und das hört sich dann oft reichlich ätzend an“4. Mit seinem Jugendbuch bezweckt er, der Lyrik ihre Exklusivität und Unerreichbarkeit („etwas für Eingeweihte“5 ) zu nehmen, indem er dem Leser die Allgegenwärtigkeit von Lyrik vor Augen führt.

Spinner sieht in der Lyrik vor allem ein geeignetes Mittel zur Selbstfindung und zum Selbstausdruck für SuS. Da Jugendliche ca. von der 7. bis zur 10. Klasse auf der Suche nach Orientierung sind, neigen sie schnell dazu, sich mit Literatur zu identifizieren6. Fragen der Zugehörigkeit, sei es innerhalb der Peers, aber auch politische oder ethische Standpunkte, treiben Jugendliche um: Wo kann ich mich wiederfinden? Wo ist meine emotionale Heimat? Wenn ein Umgang mit Literatur gepflegt wird, der den SuS Spaß macht und gewisse Rezeptionsspielräume lässt, können Jugendliche hier Antworten auf ihre individuellen Fragen finden. Vor allem in der Lyrik erfahren Menschen diffus etwas, was nicht ad hoc in Worte beschrieben werden kann. Diese affektive Wirkung, die beim Lesen von Lyrik eintritt, bietet ein „unmittelbares Identifikationsangebot“7 für den Leser.

Dadurch kann die Auseinandersetzung mit lyrischen Texten klärend wirken und zur Ich-Findung verhelfen. Ein wesentlicher Baustein in diesem Prozess stellt u. a. die Welterschließung und der Bezug des Selbst zur Welt dar8. In der Produktion von lyrischen Texten sieht Oliver beide Komponenten erfüllt. In seiner Ansicht „steht [jeder, der schreibt], im Dialog mit sich selbst bzw. mit der Welt“9. Somit wird von einem weiteren Didaktiker betont, dass neben der Rezeption von Lyrik auch die Produktion ein wichtiger Schritt für die Auseinandersetzung mit der eigenen Person darstellt. Ausgehend von diesen didaktischen Konzepten wird die Implementierung des Themas Digitalisierung in den Lyrikunterricht in dieser Arbeit dargelegt. Giehrl beschreibt pathetisch, inwiefern Lyrik in der Selbstentfaltung von SuS gewinnbringend wirken kann:

Indem Lyrik […] die Möglichkeiten der Selbstfindung unterstützt, den Menschen aus bloßer Funktionalität befreit und zur Persönlichkeit verhilft, schafft sie zugleich die Voraussetzung für jede echte Begegnung mit dem Mitmenschen und erschließt einen Raum der Freiheit. […] Lyrik führt den Menschen nicht in abseitige Refugien, sondern zeigt ihm die tiefer gegebene und aufgegebene Wirklichkeit, sie macht ihn wacher und hellhöriger für alle Eindrücke seiner Welt.10

Zuletzt sei Ingendahls Theorie kurz vorgestellt, die mehr die psychologische Ebene einer Gedichtrezeption berücksichtigt. Er erklärt, dass ein lyrischer Text eine Veränderung des Ausgangszustandes des Lesers bewirkt. Doch bevor sich das Neue etablieren kann, muss das Alte „überschrieben“ werden11. Ingendahl meint damit, dass Vorstellungen und Konnotationen zu bestimmten Worten und Sachverhalten assoziiert werden, deren Verknüpfung durch ein affektives Ereignis in der Vergangenheit zustande gekommen ist. Um neue Einsichten zu erlangen, müssen Bedeutungen aufgegeben werden. Da sich die Welt bis dato jedoch mit gegebenen Vorstellungen gut hat beschreiben lassen, gibt der Leser sie nicht unmittelbar auf/ab. Diese Umwandlung erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Text, die nicht nur rational auf Verstandesebene stattfinden darf, sondern auch emotionale Anknüpfungspunkte finden muss. Eine handlungsrelevante Änderung des Lesers knüpft Ingendahl an Persönlichkeitseigenschaften des Lesers: „‘interrogativer Wert‘ kann [...] ein poetischer Text nur bei einem Leser entfalten, der sich in Frage stellen läßt, der sich genügend Mut und Selbstwertgefühl zutraut, das utopische Potential der poetischen Anregung gegen seine Lebenswirklichkeit zu stellen“12. Allerdings obliegt es der Lehrkraft einen offenen Raum im Unterricht zu schaffen, der Prozesse der SuS ermöglicht.

Zwischen dem Ist-Zustand und dem Soll-Zustand (der individuell und daher nicht definiert ist) erklärt Ingendahl zwölf sogenannte „Phasen des Verstehens“, die die einzelnen Stadien der psychologischen Veränderung beschreiben und mit methodischen Ratschlägen unterstützen13. Ihre Ausführung würde an dieser Stelle zu weit führen.

Des Weiteren kommt eine ethisch-politische Dimension zur Sprache, die Lyrik oft innehat. Indem sich SuS mit politischen oder gesellschaftskritischen Gedichten auseinandersetzen, entwickeln sie die Fähigkeit ein moralisches Urteil zu bilden14. Diesen Umstand greift die Arbeit auf, was im Folgenden auf das entsprechende Thema hin dargelegt wird.

3. Digitalisierung im Deutschunterricht – Relevanz des Themas

Die Kultusministerkonferenz hat schon 2016 die wachsende Digitalisierung als Herausforderung, aber auch als Chance für Schulen gesehen. Neben den Kompetenzen in Bezug auf Hard- und Software, sind auch Kompetenzen formuliert worden, „die für eine aktive, selbstbestimmte Teilhabe in einer digitalen Welt erforderlich sind“15. Da sich der Prozess nicht nur in der Berufswelt etabliert, sondern in immer größerem Maße auch in privaten Lebensbereichen der Jugendlichen sind die formulierten Aufgaben keine Handlungsempfehlungen, sondern als „verbindliche Anforderungen“16 zu verstehen. „Dies wird nicht über ein eigenes Curriculum für ein eigenes Fach umgesetzt, sondern wird integrativer Teil der Fachcurricula aller Fächer“17. Das Fach Deutsch eignet sich zur moralischen Auseinandersetzung mit Digitalisierung. Der Weg von analogen zu digitalen Werkzeugen und Medien und deren Bedeutung für den Alltag muss den betroffenen Jugendlichen für einen mündigen Umgang bewusst gemacht werden. Die „digital natives“, wie die mit digitalen Medien auswachsende Generation genannt wird, besitzen nicht automatisch die Fähigkeit zu einem mündigen Umgang damit18. Es ist zu hinterfragen, was der unerschöpfliche Zugang zu Wissen für den Einzelnen bedeutet, sowie, vor allem relevant für den Deutschunterricht, die neuen Kommunikationskanäle, mit denen die SuS selbstverständlich aufwachsen und umgehen. Der tägliche Schreib- und Leseprozess durch den Gebrauch der Messenger-Dienste kann im Deutschunterricht besprochen und begleitet werden. Was bei den Jugendlichen unter Freizeitgestaltung verstanden wird, und damit mit intrinsischem Interesse verbunden ist, wird damit im Unterricht unter ein wissenschaftliches Licht gerückt, sodass die Prozesse bewusst wahrgenommen und reflektiert werden.

Neben der Kommunikation profitieren SuS auch von dem Fortschritt durch Digitalisierung in anderen Bereichen, wie z. B. OnlineShopping, OnlineBanking, mobile Navigation oder Virtual Reality. Eine große Bedeutung im Leben der Jugendlichen nehmen digitale Medien ein, da die Erstellung und Verwaltung von Fotos etc. durch die hohe Verfügbarkeit von, z.T. mobilen, Endgeräten wie Smartphones, Tablets, Notebooks, PC keine Hürde mehr darstellt. Um die Aussage mit tatsächlichen Zahlen zu fundieren, kann man die repräsentative KIM-Studie apostrophieren: Laut ihr besitzen 97% der 12-19-Jährigen in Deutschland ein eigenes Smartphone. Des Weiteren sind 89% täglich im Internet und 93% benutzen täglich ihr Smartphone19. Diese Zahlen demonstrieren den hohen Stellenwert von digitalen Medien für SuS. Während die Industrie 4.0 einen festen Platz in der Lebenswirklichkeit der meisten Heranwachsenden eingenommen hat, ist Unterrichtsmaterial zu diesem komplexen Prozess wenig erarbeitet. Didaktische Literatur nimmt kaum Bezug auf diesen Teil der Lebenswelt der SuS, der jedoch einer Begleitung durch eine erzieherische Instanz bedarf, die außerhalb des Elternhauses angesiedelt ist. Der Grund für das marginale Auftreten besteht in der kurzen Lebensphase, die die Digitalisierung erst hinter sich hat. Zu der verzögerten Reaktion der Didaktik auf gesellschaftliche Prozesse, kommt als Faktor der rasante Fortschritt der Digitalisierung und Technisierung hinzu.

Die Schule als Sozialisationsinstanz kann das Thema nicht ausklammern, da die Besprechung von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Prozessen in ihrer Mitverantwortung liegt. Die Allgegenwärtigkeit der fortschreitenden Digitalisierung in allen Lebensbereichen führt dazu, dass Kinder und Jugendliche zwangsläufig im Laufe des Erwachsenwerdens damit konfrontiert werden und auch im Berufsleben eine digitale Arbeitsweise erwartet wird. Ergo ist eine frühe Beschäftigung mit dem zukunftsweisenden Prozess für die SuS sinnvoll, um möglichst früh einen bedachten Umgang mit Medien zu gewährleisten20.

Bei der ethischen Auseinandersetzung mit digitalen Medien und Geräten ist eine moralisierende Herangehensweise wenig gewinnbringend. Die Aufmerksamkeit der SuS erhält die Lehrkraft, wenn sie nicht verurteilend mit den Lebensinhalten der SuS umgeht, sondern interessiert und wohlwollend. Die geläufige Redensart „die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen“ gilt auch hier. Dementsprechend kann ein Unterrichtseinstieg z. B. in einem Erfahrungsaustausch der SuS liegen, so dass vor allem auch die Lehrkraft, einen Überblick über die Benutzung digitaler Geräte in der Klasse bekommt. Des Weiteren scheint eine Unterrichtseinheit für dieses Thema sinnvoller als eine Einzel- oder Doppelstunde, damit man der Komplexität des Themas gerecht wird.

Durch das Handyverbot an den meisten deutschen Schulen ist das Thema im Unterricht durch etwaige Maßregelungen in der Vergangenheit eventuell in den Klassen vorbelastet. Die neutrale Beschäftigung mit dem Thema führt zu einer neuen Konnotation des Geräts innerhalb des Klassenzimmers.

3.1 Digitalisierung in der Lyrik

Obwohl es u. a. die (selbstauferlegte) Aufgabe von Künstlern ist, Paradigmenwechsel in der Gesellschaft zu beschreiben und somit den Menschen bewusst zu machen, ist das Thema Digitalisierung in der Lyrik noch nicht stark vertreten. Auch wenn der Beginn des Digitalisierungsprozesses ins alte Jahrhundert zu verorten ist, handelt es sich um eine relativ kurze Zeitspanne, sodass renommierte Gegenwartslyriker nur begrenzt Möglichkeit hatten, sich dem Thema zu widmen. Nichtsdestotrotz lassen Gedichte über den Fortschritt der Technik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie z. B. von Kästner oder Grillparzer, darauf schließen, dass sich auch Gegenwartslyriker zu gegebener Zeit zu der Thematik äußern werden.

Auf Internetseiten wie z.B. lyrikline.org sind Gedichte über verschiedene Aspekte der Digitalisierung schon zu finden. Diese stammen von Gelegenheits- und Hobbyautoren, die im Internet einen kostengünstigen und einfachen Weg zur Veröffentlichung gefunden haben21. Auch Gedichte, die nicht von einem namhaften Verfasser stammen, können durchaus ihre Berechtigung im Unterricht haben und Vorteile gegenüber großen Namen mitbringen, was im Folgenden genauer untersucht wird.

Die Lernziele, die mit dieser Unterrichtseinheit anvisiert werden, sind von zweierlei Natur. Einerseits sollen die SuS durch den kreativ-gestalterischen Umgang mit Lyrik ein Sprachgefühl entwickeln. Andererseits erwerben SuS Kompetenzen für einen selbstbestimmten, kritischen, sozial verantwortlichen und kreativen Umgang mit Medien.

3.1.1 Produktionsorientierter Lyrikunterricht

Ein markantes Merkmal von Lyrik besteht in dem freieren Spiel von Worten und Sätzen, als es in anderen Gattungen üblich ist. Stilmittel wie Neologismen, Anaphern, Ellipsen oder Inversionen sind in Drama und Prosa kaum anzutreffen, da der Schreibakt an konforme Regeln des Satzbaus gebunden ist22. Ein regulärer deutscher Satz folgt dem Schema Subjekt-Prädikat-Objekt, was in Gedichten nicht unweigerlich eingehalten werden muss. Das Überschreiten von Sprachnormen kann mit einem schöpferischen Moment verbunden sein und neue Ausdrucksweisen zu Tage fördern. Spinner macht vier Bewusstseinsschritte aus, damit ein Autor vorgefertigte Vorstellungen und Grenzen überwinden kann23. Zunächst werden bestehende Normen und Regeln erkannt. Im alltäglichen selbstverständlichen Gebrauch der Muttersprache werden Satzkonstrukte und Wortbedeutungen selten hinterfragt und daher nicht als solche identifiziert. Auf diese Erkenntnis erfolgt die Einsicht, dass die lyrische Produktion nicht dieser Regeln bedarf, sodass eine Loslösung der Einschränkungen passiert. Laut Spinner kommt es zur Kritik seitens des Rezipienten, um daraufhin neue Sichtweisen zu generieren24. Auf diese Weise lernt der Autor festgelegte Sprachnormen, die in der zwischenmenschlichen Kommunikation elementar zur Verständigung sind, in Zusammenhang mit der Lyrik allerdings den kreativen Gedankenfluss hindern, zu entdecken und im kreativen Prozess zu ignorieren. Dadurch wird ein freier experimenteller Umgang mit Sprachnormen freigesetzt. Durch diesen Prozess kann auch von anderen Erwartungen, die an Lyrik gestellt werden, Abstand genommen werden. SuS haben oft die Vorstellung, dass lyrische Texte ausschließlich emotionale Themen behandeln, wie der häufige Umgang mit Liebes- und Naturlyrik im Unterricht suggeriert. Die Digitalisierung stellt kein herkömmliches Thema für die Lyrik dar und weitet somit das Verständnis der SuS von Lyrik.

Wie bereits angedeutet, eignet sich zu dem Thema Digitalisierung produktionsorientierter Unterricht aus verschiedenen Gründen. Abgesehen von dem einfachen, bereits angesprochenen Grund, dass die Gedichtauswahl zu diesem Thema nicht die Bandbreite aufweist, wie zu anderen Themen, gibt es auch didaktische Anlässe.

Wenn man sich erneut auf die KIM-Studie beruft, kann die Lehrkraft heutzutage unbedenklich davon ausgehen, dass jeder SuS ab der 7. Klasse individuelle Erfahrungen mit digitalen Geräten gemacht hat. Das Risiko, dass sich ein Kind aus mangelnder Erfahrung in der digitalen Welt nicht beteiligen kann, ist sehr unwahrscheinlich. Da 97% aller Jugendlichen, die ein eigenes Handy besitzen25, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass eine Stigmatisierung der KlassenkameradInnen stattfindet. Trotz dem alltäglichen Gebrauch sollten zu Anfang der Unterrichtseinheit, je nach Wissensstand der Klasse, Definitionen vorab geklärt werden. Man kann davon ausgehen, dass SuS Begriffe wie Daten, Big Data, Industrie 4.0, Darknet, Cloud kennen, allerdings ist zweifelhaft, ob die genaue Bedeutung klar ist. Nur mittels des Wissens über Fachtermini kann an gesellschaftlichen Diskursen teilgenommen werden, um die Aussage von Artikel etc. zu verstehen.

Durch den hohen Alltagsbezug haben die SuS bereits Erfahrungen gemacht und Gewohnheiten ausgebildet. Diese lassen sich im Schreibprozess gut herauskristallisieren und reflektieren. Das Verschriftlichen der eigenen Sichtweise und automatisierter Angewohnheiten zwingt die SuS zu einer tieferen Auseinandersetzung mit Digitalisierung26: Wie oft und wo benutze ich digitale Geräte? Für was verwende ich sie? Im Anschluss an den oberflächlichen Gebrauch können Fragen gestellt werden, die die Wirkung auf die SuS betreffen: Welche Auswirkung hat der Gebrauch der Medien auf mich? Zudem kann ein vom Lehrer angeleitetes Gedankenspiel in Form einer Zeitreise bei einem Perspektivenwechsel helfen. Indem man sich gedanklich in eine vergangene Zeit begibt, werden selbstverständliche digitale Hilfsmittel als solche entlarvt und die SuS werden für den Gebrauch sensibilisiert.

Nachdem ein Status quo für die Verbreitung digitaler Medien und Geräte innerhalb der Klasse erarbeitet ist und die SuS auf die Alltagsgegenstände aufmerksam gemacht wurden, kann eine Problematisierung des Themas folgen. Da das Thema Digitalisierung verschiedene Dimensionen beinhaltet, eignet sich für diese Erarbeitungsphase auf methodischer Ebene ein Mindmap. Diese Darstellungsweise, die auf eine umfassende Ideensammlung ausgelegt ist, hat den Vorteil, dass SuS genug Anregungen und Beispiele zur Hand haben, um selber produktiv zu werden. Die Aufgabenstellung ein Gedicht zu schreiben, führt bei den meisten SuS zu unwillkürlicher Überforderung27. Oft fehlt ein Thema und der innere Anreiz, der ausschlaggebend für eine kreative Darstellung eines Sachverhaltes ist. Fragen, wie „über was soll ich schreiben?“ sieht sich der LuL konfrontiert, wenn nicht zuvor ein Themenfeld abgesteckt wurde. Innerhalb dessen sind abermals Vorschläge nützlich, um weitere Assoziationen bei SuS anzuregen. Die Software Xmind28 bietet sich aus thematischem Anlass zum Festhalten der Ideen an. Das digitale Werkzeug manövriert SuS intensiver als eine analoge Tafel in die Thematik hinein.

Zudem kann man den Vorteil einer Lerngemeinschaft gegenüber dem stillen kontaktlosen Dichten, ausnutzen und gemeinsam ein umfassenderes Repertoire an Ideen zusammenstellen. Inspiration ist im Schreibprozess ein wichtiges Stichwort, worauf genauer eingegangen werden soll. Auch während der anschließenden Rezeption der Schreibergebnisse in der Klasse ist die Gemeinschaft ein wertvoller Kritiker, sodass Anstöße und Ergänzungen zurückgemeldet werden können29.

Um die Auswirkungen des digitalen Strukturwandels auf die SuS und im Allgemeinen im MindMap festzuhalten, können von der Lehrkraft Oberbegriffe als Denkanstoß und Richtungsweisung angegeben werden. Diese können z.B. aus den Kategorien bestehen: Unterhaltung, Konsum, Haushalt, Bildung, Kommunikation, Sicherheit, Reisen. Je nachdem, worauf der Fokus der SuS gelenkt werden soll, können verschiedene Kategorien sinnvoll sein.

Da der hohe Informations- und Kommunikationsaustausch eine Schlüsselfunktion (WhatsApp, Instagram, TikTok) bei den Jugendlichen darstellt, kann die Lehrkraft dahingehende Wortmeldungen aufgreifen und weiterführen. Beispielsweise ist die ständige Erreich- und Verfügbarkeit mit den Kindern ein wichtiger Faktor30. Zudem kann es zu Gefühlsäußerungen kommen, die nicht zwangsläufig persönlicher Natur sein müssen, wie z.B. sich genervt fühlen, ungeduldiges Warten, Verärgerung über lange Wartezeit auf Antworten, aber auch Freude über eine Nachricht oder Ablenkung. Außerdem kann, angesichts der vielen online Angebote in Facebook etc., die Angst etwas zu verpassen im Unterrichtsgespräch genannt werden, die in der Jugendsprache mit „fomo“ (fear of missing out) einen eigenen Namen bekommen hat. Weitere Wortmeldungen von SuS können zur digitalen Abhängigkeit, bezüglich Computerspiele, Facebook oder Instagram kommen, sei es aus eigenen Erfahrungen im Bekanntenkreis oder aus Medien. Zudem sollten Sicherheit und Schutz der Privatsphäre in digitaler Umgebung angesprochen werden31. Wer hat Zugriff und Berechtigung auf den Nutzen von Daten, die in SocialMedia angegeben werden? Nach Datenschutzskandalen wurden SuS eventuell bereits sensibilisiert für das Thema, sodass besprochen werden kann, was sie zum Schutz unternehmen und ob sie ihr Verhalten auf digitalen Plattformen geändert haben nach abschreckenden Vorkommnissen. Diese Sammlung sollte den SuS beim Schreiben eine Starthilfe sein, da viele Schlagwörter fallen, die wiederum Gefühle und Assoziationen auslösen.

[...]


1 Richard Precht: Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. München: Goldmann 2018, S. 15.

2 Hermann Korte, Klaus-Michael Bogdal: Grundzüge der Literaturdidaktik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002, S. 205.

3 Ebd., S. 206.

4 Andreas Thalmayr: Lyrik nervt. München: Carl Hanser Verlag 2014, S. 4.

5 Ebd., S. 9.

6 Kaspar H. Spinner: Umgang mit Lyrik in der Sekundarstufe 1. Schneider Verlag Hohengehren GmbH: Baltmannsweiler 1995, S. 7.

7 Ebd., S. 6.

8 Ebd., S. 5.

9 Jose Oliver: Lyrisches Schreiben im Unterricht. Vom Wort in die Verdichtung. Seelze: Friedrich Verlag GmbH 2013, S. 28.

10 Hans Giehrl, Erhard P. Müller: Poesie im Unterricht: Gedichte, Balladen, Songs. Interpretationen und Analysen für den Deutschunterricht der 5. bis 10. Jahrgangsstufe. München: Ehrenwirth 1994, S. 64.

11 Werner Ingendahl: Umgangsformen. Produktive Methoden zum Erschließen poetischer Literatur. Frankfurt am Main: Verlag Moritz Diesterweg 1991, S. 99.

12 Ebd., S. 99.

13 Ebd., S. 20.

14 Ebd., S. 101.

15 Der Kultusminister, der Länder: Deutschland in der Bundesrepublik: Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt “. 2016, S. 12.

16 Ebd., S. 11.

17 Ebd., S. 12.

18 Stefan Iske: Unterrichtsentwicklung und digitale Medien. 2014, S 1.

19 Sabine Feierabend et al.: JIM-Studie 2017. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. S. 9.

20 Iske (Anm. 18), S. 2.

21 Lyrikmond.org: Liebe in technischen Zeiten. https://www.lyrikmond.de/gedichte-thema-14-139.php#1332

22 Spinner (Anm. 6), S. 6.

23 Spinner (Anm. 6), S. 15.

24 Ebd., S. 15.

25 JIM-Studie (Anm. 19), S. 9.

26 Spinner (Anm. 6), S. 44.

27 Spinner (Anm. 6), S. 45.

28 https://www.xmind.net/download/xmind8/

29 Ingendahl (Anm. 11), S. 5.

30 KMK (Anm. 15), S. 9.

31 Ebd., S. 10.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Digitalisierung im Lyrikunterricht. Einbindung von digitalen Medien zur Motivationsförderung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V1039229
ISBN (eBook)
9783346460332
ISBN (Buch)
9783346460349
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierung, lyrikunterricht, einbindung, medien, motivationsförderung
Arbeit zitieren
Anika Engler (Autor:in), 2020, Digitalisierung im Lyrikunterricht. Einbindung von digitalen Medien zur Motivationsförderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039229

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