In dieser Arbeit wird die Frage untersucht, ob der damalige Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen nur dem Schutz des guten Rufes und damit dem Erhalt der Institution, oder einer tatsächlichen Aufarbeitung diente. Infolgedessen wird beleuchtet, ob einem geistlichen Täter eine andere Rechtsprechung zu Teil wird als einem weltlichen beziehungsweise welche Art von Konsequenzen einen Kirchenvertreter erwarten, der ein Kind sexuell missbraucht. Hierbei wird die Thematik des Schweigens in Bezug zu der Veröffentlichung der Missbrauchsvorwürfe gesetzt.
Die daraus resultierende gesellschaftliche Debatte wird im ersten Teil der Arbeit analysiert. Hierzu werden die verschiedenen beteiligten Parteien, sowie deren Ansichten und Reaktionen auf die Missbrauchsanschuldigungen dargestellt und anhand verschiedener Gesichtspunkte, wie beispielsweise der verschiedenen Phasen, die eine Missbrauchs-Bekanntmachung mit sich bringt, belegt. Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der literarischen Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche, die in dem Roman "Silentium!", verfasst von Wolf Haas, thematisiert wurde.
Die gewonnenen Forschungsergebnisse aus dem Theorie-Teil werden auf "Silentium!" bezogen und im Hinblick auf die im Roman stattfindende Kirchenkritik untersucht. Hierbei wird beleuchtet, ob es sich in Silentium! nur um eine Kritik an Missbrauchsfällen in der Kirche handelt, oder ob der Roman eine Kritik an den grundlegenden Strukturen der römisch-katholischen Kirche darstellt. Das Hauptaugenmerk der Analyse liegt hierbei auf dem symbolischen Motiv des Schweigens, wie auch der Frage, welche Parallelen der fiktive Missbrauchsskandal in "Silentium!" und die Causa Groër zueinander aufweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gesellschaftliche Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche
3 Kirchenkritik und Bezug auf Silentium!
3.1 Symbolik
3.2 Euphemistische Darstellung des Missbrauchs
3.3 Erzählersprache
4 Fazit
5 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang der römisch-katholischen Kirche mit Missbrauchsvorwürfen gegen Geistliche, indem sie reale Fälle wie die Causa Groër einer literarischen Analyse des Romans Silentium! von Wolf Haas gegenüberstellt. Ziel ist es zu beleuchten, ob die institutionellen Reaktionen der Aufarbeitung oder der Wahrung des eigenen Rufs dienten und wie sich das Motiv des Schweigens sowie euphemistische Sprachmuster in der Aufarbeitung dieser Vorfälle widerspiegeln.
- Analyse der gesellschaftlichen Debatte um Missbrauchsfälle in der Kirche
- Untersuchung des Schweigens als institutionelles Machtinstrument
- Vergleich der realen Causa Groër mit der fiktiven Darstellung in Silentium!
- Analyse sprachlicher Mittel (Euphemismen) zur Verharmlosung von Missbrauch
- Reflexion der Rolle der Kirche als eigene, unantastbare Instanz
Auszug aus dem Buch
3.1 Symbolik
Der Titel des Romans Silentium! bedeutet Schweigen. Das Schweigen und die Stille ziehen sich als symbolisches Motiv durch die ganze Erzählung. „Silentium begegnet dem Leser im Roman insgesamt 19-mal und einmal als inkorrekte Orthographie ‚Silenzium‘“. Selbst im Zimmer des Regens-Büros ist das Wort Silentium in goldener Farbe an die Wand gemalt. Den Schülern wird somit schon von klein auf illustriert, dass das Schweigen eine goldene Regel darstellt, deren Einhaltung erstrebenswert ist. Dies ist in den Köpfen der Kinder, wie auch bei Gottlieb, dem Opfer, das schließlich über die Vorkommnisse berichtet, so weit verinnerlicht, dass sogar über sexuellen Missbrauch Jahrzehnte langes Schweigen bewahrt werden kann. Doch nicht nur die schutzbefohlenen Kinder schweigen, auch die Spirituale, Präfekte und Lehrer halten sich an das so oft verinnerlichte und auf den Gängen und Fluren gepredigte Silentium. Denn es gibt sowohl das „[S]chweigen aus Angst“, als auch das „Schweigen aus Berechnung: das absichtsvolle Verschweigen. Der Verschweiger will ganz gezielt nicht, dass etwas ans Tageslicht kommt. […] Um aufzuklären, braucht es dann oft Jahre“. Bei beiden Missbrauchsfällen handelt es sich offensichtlich um eine Kombination aus den zwei genannten Gründen. Das Opfer schweigt aus Angst und Scham, wie auch der Täter, der mit voller Absicht, aus Angst vor den Konsequenzen seines Amtsmissbrauchs, stumm bleibt. Das Schweigen schweißt zusammen. Es bildet sich eine Gemeinschaft, die durch das Todschweigen bestimmter Vorkommnisse in erster Linie ihren guten Ruf und ihre positive Wahrnehmung in der Gesellschaft schützen möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ein und stellt die Forschungsfrage, ob der kirchliche Umgang primär dem Schutz der Institution oder der Aufarbeitung diente.
2 Gesellschaftliche Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Dieses Kapitel analysiert die öffentliche Debatte im Kontext der Causa Groër und beleuchtet die Rolle von Medien, Politik und den betroffenen Opfern.
3 Kirchenkritik und Bezug auf Silentium!: Hier werden die Ergebnisse aus der gesellschaftlichen Debatte auf den Roman Silentium! übertragen, um die literarische Aufarbeitung von Machtstrukturen und Schweigen zu untersuchen.
3.1 Symbolik: Der Abschnitt untersucht das Motiv des Schweigens und die Rolle der Institution Kirche als exklusive Gemeinschaft, die nach außen Stille und nach innen Disziplin fordert.
3.2 Euphemistische Darstellung des Missbrauchs: Dieses Kapitel analysiert, wie durch die Verwendung euphemistischer Begriffe der Missbrauch bagatellisiert und die Schuld der Täter verschleiert wird.
3.3 Erzählersprache: Hier wird die Rolle des Erzählers im Roman kritisch hinterfragt, insbesondere wie durch das Aussparen von Verben eine Kritik an der Erstarrung kirchlicher Machtstrukturen formuliert wird.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kirche in den untersuchten Fällen stets die Hoheit über die Rechtsprechung beanspruchte, wobei der Schutz der Institution über das Schicksal der Opfer gestellt wurde.
5 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Römisch-katholische Kirche, sexueller Missbrauch, Causa Groër, Silentium!, Wolf Haas, Schweigen, Machtmissbrauch, Euphemismen, Institution, Aufarbeitung, Diskurs, Gesellschaft, Täter-Opfer-Verhältnis, Kindesmissbrauch, Kirchenkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den systematischen Umgang der römisch-katholischen Kirche mit Missbrauchsvorwürfen gegen Geistliche anhand realer Ereignisse und deren literarischer Aufarbeitung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der gesellschaftlichen Debatte um Missbrauch, dem Motiv des Schweigens, dem strukturellen Machtgefüge der Kirche und der Analyse von Sprache als Mittel zur Verharmlosung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie institutionelle Mechanismen der Kirche dazu genutzt wurden, den eigenen Ruf zu schützen und eine tatsächliche Aufarbeitung von Missbrauchsfällen zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und diskursanalytische Arbeit, die theoriegestützt reale Ereignisse der 90er Jahre mit der fiktiven Darstellung im Roman Silentium! vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Causa Groër sowie eine detaillierte literarische Untersuchung des Romans hinsichtlich Symbolik, Euphemismen und der Erzählersprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Schweigen, Machtmissbrauch, institutionelle Vertuschung, Euphemismen und die kirchenkritische Auseinandersetzung.
Welche Rolle spielt der Roman "Silentium!"?
Der Roman dient als literarisches Fallbeispiel, das die Reiz-Reaktionsthematik und das Schweigen der Kirchenvertreter aufgreift und metaphorisch in eine Kriminalgeschichte übersetzt.
Was bedeutet "Silentium" in diesem Kontext?
Es steht nicht nur für ein physisches Schweigen, sondern symbolisiert die erzwungene Disziplin innerhalb der Kirche, die darauf abzielt, interne Skandale unter den Teppich zu kehren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Institution?
Die Institution wird als ein weitgehend autonomes System dargestellt, das sich der externen Kontrolle entzieht und durch die Beichte und das Schweigegebot die Deutungshoheit über die Wahrheit behält.
Was ist die Schlussfolgerung bezüglich der Sprachverwendung?
Die Autorin stellt fest, dass durch das gezielte Aussparen von Verben und die Wahl beschönigender Euphemismen eine Verharmlosung der Taten erreicht wird, die den Schutz der Täter über das Leid der Kinder stellt.
- Quote paper
- Natalie Hoffmann (Author), 2020, Missbrauchsskandale in der Kirche und ihre Folgen. Aufarbeitung und Kritik in Wolf Haas' Roman "Silentium!", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039234