Männliche Homosexualität als Thema der deutschen problemorientierten Literatur seit den 1950er Jahren. Der Einfluss des sozialen Umfelds

Am Beispiel von "Verwirrnis" von Christoph Hein, "Kleinstadtnovelle" von Ronald M. Schernikau und "#ichwillihnberühren" von OJ&ER


Examensarbeit, 2021

128 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. Homosexualität
1.1 Homosexualität aus der biologischen Sicht
1.1.1 Hormone und das Gehirn
1.1.2 Gene

2. Religion und Homosexualität
2.1 Homosexualität aus katholischer Sicht

3. Gesellschaft und Homosexualität
3.1 Geschichtlicher Abriss
3.2 Homosexualität im Nationalsozialismus
3.3 Homosexualität seit 1945 bis heute
3.4 Formen der Homosexualität
3.5 Homophobie und Liberalisierung

4. Psycho-soziale Entwicklung des Menschen
4.1 Soziale Interaktion des Individuums mit anderen Personen
4.2 Erziehung und Sozialisierung
4.3 Familie als die wichtigste soziale Gruppe
4.4 Lokales Umfeld und Erziehung
4.5 Entwicklungsverlauf eines Individuums
4.5.1 Pubertät
4.5.2 Adoleszenz
4.5.3 Geschlechterrolle, Identitätsbildung und intime Beziehungen
4.5.4 Spezifische Entwicklungsprobleme
4.6 Coming-Out, der homosexuelle Bewusstseinsprozess

5. Vorurteile in der Gesellschaft
6. Christoph Hein: „Verwirrnis“
6.1 Zum Autor
6.2 Zum Werk
6.2.1 Struktur des Werkes
6.2.2 Inhaltsangabe
6.3 Figuren- und stofflich-thematische Analyse
6.3.1 Figurenanalyse
6.3.2 Aspekt: Zwei deutsche Staaten
6.3.3 Soziales Umfeld

7. Ronald M. Schernikau: „Kleinstadtnovelle“
7.1 Zum Autor
7.2 Zum Werk
7.2.1 Struktur des Werkes
7.2.2 Inhaltsangabe
7.3 Figuren- und stofflich-thematische Analyse
7.3.1 Figurenanalyse
7.3.2 Soziales Umfeld

8. OJ&ER: „#ichwillihnberühren“
8.1 Zu den Autoren
8.2 Zum Werk
8.2.1 Struktur des Werkes
8.2.2 Inhaltsangabe
8.3 Figuren- und stofflich-thematische Analyse
8.3.1 Figurenanalyse
8.3.2 Aspekt: Digitale Welt

9. Wahrnehmung von Homosexualität am Beispiel ausgewählter Werke

FAZIT

LIteraturverzeichnis

Anhang
1) Interview mit Jodler,
2) Liste von literarischen Werken mit der Thematik von Homosexualität im
20. Jahrhundert:

Bibliographische Beschreibung:

Mgr. Karel Mika:

Wahrnehmung der männlichen Homosexualität als Thema der deutschen problemorientierten Literatur seit den 1950er Jahren am Beispiel von Verwirrnis von Christoph Hein, Kleinstadtnovelle von Ronald M. Schernikau und #ichwillihnberühren von OJ&ER 2021, 135 S., 3 Anlagen

Abstrakt in englischer Sprache:

This qualification thesis deals with the topic of perception of male homosexuality since the second half of the 20th century in Germany on the example of three selected works of German adolescent literature focused on the issue of sexual identity.

The work aims to analyze the perception of homosexuality since the 1950s. For this purpose, the works Verwirrnis (2018) by Christoph Hein, Kleinstadtnovelle (1980) by Ronald M. Schernikau and #ichwillihnberühren by Oj & Er are analyzed. The same issues are discussed in selected works, namely the homosexual process of awareness and reaction of the immediate social environment. The researched period is between the 1950s and 2017.

Based on the literature analysis, several aspects are examined, especially with regard to the attitudes of psychology and sociology. The focus is on the family and the nearest social environment of the main characters. Satisfaction with one's own sexuality is shaped by complicated processes. At the forefront of the analysis is the question of whether this process is facilitated or made more difficult by the immediate social environment.

Among the affected families, educational models and their transformation over time are examined, among other things. The church and its influence on family life are also taken into account. The closest social environment includes friends, the school or the city in which the main characters live. Within the analysis of the immediate social environment, the following aspects are emphasized for this purpose: the reaction of the circle of friends to homosexuality, the emotional climate at school and the anonymity of the big city.

Based on the analysis and the following comparison of the established conditions, it is examined whether prejudices and clichés that appeared in the company in the 1950s continue to appear in society, or whether the persons concerned must resist the same fears and worries. Developments and changes within families as such and in the immediate social environment are also examined.

The first chapters of this work are devoted to professional knowledge of homosexuality. The researched works deal with the main issues from the point of view of adolescents. An outline of the psychosocial development of the human individual is considered necessary to analyze and understand the events, needs and possible consequences of the actions of the main characters and their social environment. The largest space is devoted to the course of development of the individual with emphasis on the social environment. The local environment and the most important roles of the family are emphasized.

The above-mentioned primary works are primarily factually and thematically analyzed and then compared together.

Keywords:

Anonymity, coming- out process, Christoph Hein, homophobia, homosexuality, educational example, identity formation, Kleinstadtnovelle, liberalization, literature, OJ&ER, Ronald M. Schernikau, confusion, prejudices, #ichwillihnberühren.

Abstrakt in deutscher Sprache:

Diese Qualifikationsarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Wahrnehmung der männlichen Homosexualität seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland am Beispiel von drei ausgewählten Werken der deutschen problemorientierten Adoleszenzliteratur.

Die Arbeit stellt sich zum Ziel, die Wahrnehmung der Homosexualität seit den 1950er Jahren zu untersuchen. Analysiert werden diesbezüglich Verwirrnis (2018) von Christoph Hein, Kleinstadtnovelle (1980) von Ronald M. Schernikau und #ichwillihnberühren (2017) von den Autoren Oj&Er. In den gewählten Werken wird die gleiche Problematik behandelt, nämlich der homosexuelle Bewusstseinsprozess und die Reaktionen des nächsten sozialen Umfelds. Die untersuchte Zeitperiode liegt zwischen den 1950er Jahren und dem Jahre 2017.

Anhand einer literarischen Analyse werden mehrere Aspekte untersucht, berücksichtigt werden dabei besonders die Sicht der Psychologie und der Soziologie. Im Fokus stehen die Familie und das nächste soziale Umfeld der Hauptdarsteller. Die Zufriedenheit mit eigener Sexualität wird durch einen komplizierten Prozess gebildet. Im Vordergrund der Analyse steht die Frage, ob dieser Prozess durch das nächste soziale Umfeld erleichtert oder erschwert wird.

Im Bereich der betroffenen Familien werden u. a. die Erziehungsmodelle und ihr Wandel im Laufe der Zeit untersucht. Ebenfalls wird die Rolle der Kirche und ihr Einfluss auf das Familienleben in Betracht gezogen. Zum nächsten sozialen Umfeld gehören Freunde und Freundinnen, Schule oder auch die Stadt, in der die Hauptdarsteller wohnen. Im Rahmen der Analyse des nächsten sozialen Umfelds werden diesbezüglich folgende Aspekte betont: Reaktionen des Freundeskreises auf die Homosexualität, emotionales Klima in der Schule oder Anonymität der Großstädte.

Aufgrund der Analyse und dem folgenden Vergleich der Zustände wird nachher festgestellt, ob die gleichen Vorurteile und Klischees in der Gesellschaft von 2017 noch immer präsent sind, wie in den 1950er Jahren, beziehungsweise ob die behandelten Personen die gleichen Sorgen und Befürchtungen bekämpfen müssen. Es werden sowohl die Entwicklungen und der Wandel innerhalb der Familien und im nächsten sozialen Umfeld der Hauptprotagonisten verfolgt.

Die ersten Kapitel dieser Arbeit werden dem fachlichen Wissen über die Problematik der Homosexualität gewidmet. Die untersuchten Werke behandeln die Hauptproblematik aus der Sicht der Adoleszenten. Die Schilderung der psychosozialen Entwicklung des menschlichen Individuums wird als notwendig betrachtet, um die Geschehnisse, Bedürfnisse und mögliche Konsequenzen des Verhaltens der Hauptdarsteller und ihres sozialen Umfelds analysieren und verstehen zu können. Der meiste Raum wurde dem Entwicklungsverlauf eines Individuums mit dem Akzent auf die soziale Umgebung gewidmet. Das lokale Umfeld und die wichtigste Rolle der Familie werden betont.

Die oben genannten primären Werke werden vorwiegend stofflich und thematisch analysiert und miteinander kompariert.

Schlüsselwörter:

Anonymität, Coming-Out-Prozess, Christoph Hein, Homophobie, Homosexualität, Erziehungsmodelle, Identitätsbildung, Kleinstadtnovelle, Liberalisierung, problemorientierte Literatur, OJ&ER, Ronald M. Schernikau, Verwirrnis, Vorurteile, #ichwillihnberühren.

Abstrakt in tschechischer Sprache:

Tato kvalifikační práce se zabývá tématem vnímaní mužské homosexuality od druhé poloviny 20. století v Německu na příkladu třech vybraných děl německé adolescentní literatury orientované na problematiku sexuální identity.

Práce si klade za cíl analýzu percepce homosexuality od 50. let 20. století. K tomuto účelu jsou analyzovány díla Verwirrnis (2018) od Christopha Heina, Kleinstadtnovelle (1980) od Ronalda M. Schernikau a #ichwillihnberühren autorů Oj&Er. Ve vybraných dílech je pojednávána stejná problematika, a to homosexuální proces uvědomění se a reakce nejbližšího sociálního okolí. Zkoumané období je v rozmezí 50. let 20. století a roku 2017.

Na základě literární analýzy je zkoumáno několik aspektů s ohledem obzvláště na postoje psychologie a sociologie. V centru zájmu stojí rodina a nejbližší sociální prostředí hlavních hrdinů. Spokojenost s vlastní sexualitou je utvářena komplikovaných procesem. V popředí analýzy se objevuje otázka, zda je tento proces nejbližším sociálním okolím ulehčován či ztěžován.

V rámci dotčených rodin jsou mimo jiné zkoumány výchovné modely a jejich proměna v čase. V potaz je také brána církev a její vliv na život rodiny. K nejbližšímu sociálnímu prostředí patří přátelé, škola nebo město, ve kterém hlavní postavy žijí. V rámci analýzy nejbližšího sociálního okolí jsou za tímto účelem akcentovány následující aspekty: reakce okruhu přátel na homosexualitu, emocionální klima ve škole a anonymita velkoměst.

Na základě analýzy a následujícího porovnání zjištěných poměrů je zkoumáno, jestli se ve společnosti v roce 2017 nadále objevují předsudky a klišé, jaké se objevovaly v 50. letech 20. století, respektive zda dotčené osoby musí odolávat stejným obavám a starostem. Zkoumány jsou také vývoj a změny uvnitř rodin jako takových a v nejbližším sociálním okolí.

První kapitoly této práce jsou věnovány odborným poznatkům problematice homosexuality. Zkoumaná díla pojednávají o hlavní problematice z pohledu adolescentů. Nastínění psychosociálního vývoje lidského jedince je považováno za nutné k analýze a pochopení dějů, potřeb a možných následků jednání hlavních postav a jejich sociálního prostředí. Největší prostor je věnován průběhu vývoje jedince s důrazem na sociální okolí. Lokální prostředí a nejdůležitější role rodiny jsou akcentovány.

Výše zmíněná primární díla jsou především věcně a tematicky analyzována a následně spolu porovnána.

Klíčová slova:

Anonymita, proces coming-outu, Christoph Hein, homofobie, homosexualita, výchovné modely, tvorba identity, Kleinstadtnovelle, liberalizace, literatura orientovaná na problém, OJ&ER, Ronald M. Schernikau, Verwirrnis, předsudky, #ichwillihnberühren.

Danksagung

Ich möchte mich an dieser Stelle vor allem bei meiner Familie bedanken, die meine Homosexualität als vollkommen natürlich betrachtete. Dank der großen Unterstützung meiner eigenen Familie gelang es mir und meinem Lebenspartner sogar eine Familie zu gründen. Diese Arbeit möge auch anderen Menschen in gleichen Situationen behilflich sein, um die Sorgen des Alltagslebens leichter überwinden zu können.

EINLEITUNG

Kinder und Jugendliche, die mit homosexueller Orientierung geboren wurden, haben dieselben Entwicklungsaufgaben und Gesundheits- und andere Bedürfnisse wie ihre gleichaltrigen Freunde. Jedoch sind sie mit zusätzlichen Aufforderungen konfrontiert, die überwiegend mit der sozialen Diskriminierung zu beobachten sind. Nicht nur im Rahmen des engsten sozialen Umfelds, sondern auch im Rahmen der eigenen Familie selbst.

Es folgen psychosoziale Probleme, die von Kopfschmerzen, Depressionen und Isolation bis zum Selbstmord führen können. Wie entwickelte sich die Gesellschaft in Deutschland in Bezug auf die Perzeption von Homosexualität seit den 1950er Jahren? Sind noch dieselben Vorurteile und Klischees in dem sozialen Umfeld präsent, wie in den 1950er Jahren? Ist überhaupt Homosexualität im Jahre 2017 immer noch ein Tabu-Thema?

Es werden drei Titel der Adoleszenzliteratur aus dem deutschsprachigen Raum untersucht. Die Werke wurden zwar 1980 (Kleinstadtnovelle), 2017 (#ichwillihnberühren) und 2018 (Verwirrnis) geschrieben, sie spiegeln jedoch die untersuchte Zeitperiode wider. Alle Titel haben das selbe Thema: Homosexueller Bewusstseinsprozess in der Phase der Adoleszenz. Es werden Reaktionen der Familien, des nächsten sozialen Umfelds und der lokalen Umgebung beobachtet und analysiert. Die Tendenzen des Wandels innerhalb der Familien von dem autoritären Erziehungsmodell bis zu dem heutigen demokratischen Erziehungsmodell werden untersucht.

Christoph Hein widmet sich in seinem Verwirrnis (2018) einem homosexuell orientierten Jungen in den 1950er Jahren auf einem kleinen Dorf mit einem strengen Vater. Die Familie ist dazu noch stark religiös. Wie spiegelt sich die Rolle der Kirche in der Erziehung wider? Gibt es Konflikte zwischen dem Sohn und dem Vater, welche Rolle spielen die Mutter, der Bruder und die erste Beziehung?

Ronald M. Schernikau widmet sich der gleichen Problematik in Kleinstadtnovelle (1980) aus der kleinstädtischen Sicht in den 1970er und 1980er Jahren. Das homosexuell orientierte Kind lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter. Wie reagiert sie auf die Homosexualität des eigenen Sohnes? Wie nehmen diese Tatsache die Schule und der Freundeskreis wahr? Spielt in den 1980er Jahren immer noch die Religion eine beeinflussende Rolle im Leben der Familie?

Die unter Wahrung der Anonymität stehenden Autoren Oj & Er widmen sich in ihrem Titel #ichwillihnberühren aus dem Jahre 2017 der Problematik von Homosexualität in einer Großstadt. Welchen Einfluss hat die Familie, die engste soziale Umgebung? Muss sich der junge Homosexuelle vor den selben Sachen fürchten, wie der Gleichaltrige in den 1950er Jahren? Welche Rolle spielt die Religion, welche die Familie? Sind diesem Jugendlichen die gleichen Werte wichtig wie dem gleichen Jungen vor 60 Jahren? Wie veränderte sich die Gesellschaft? Worin besteht der Wandel?

Die drei oben genannten Titel können als Adoleszenzliteratur, beziehungsweise Jugendliteratur bezeichnet werden. Sie zeigen nämlich den Jugendalltag, die innere Welt des Jugendlichen. Die Adoleszenzliteratur ist nicht nur den Angehörigen dieser Gruppe bestimmt. Im Gegenteil, es werden Gefühle geschildert, die Wahrnehmungen der Welt aus der Sicht des betroffenen Jugendlichen. Die Schilderungen und innere Monologe in den untersuchten Werken werden zu einem Fenster in die Seele der gleichgeschlechtlich orientierten Kinder für die Erwachsenen.

Die ausgewählten Werke können ebenfalls der problemorientierten Jugendliteratur zugeordnet werden. Zum Ziel der problemorientierten Jugendliteratur gehört die Auseinandersetzung mit Tabuthemen der Gesellschaft. Zu Tabuthemen gehören zum Beispiel Angst, Tod, Gewalt, Mobb, Scheidung oder die menschliche Sexualität. Es muss in den Werken der problemorientierten Jugendliteratur nicht immer eine konkrete Lösung zu bestimmten Problemen gefunden werden, wichtig ist jedoch das Vorweisen von realen Geschichten und Problemen, die die Protagonisten lösen mussten. Die Geschehnisse mögen nämlich den Rezipienten andeuten, dass auch andere Jugendliche Probleme und Schwierigkeiten behandeln müssen. Die betroffenen Leser und Leserinnen sollen auch das Gefühl gewinnen, sie sind nicht allein.

Die Adoleszenzliteratur verfügt über typische Merkmale. Es sind die vermeintliche Einfachheit, Linearität, Regelhaftigkeit, Handlungsdominanz oder typisierende Figurengestaltung.1 Von größerer Bedeutung als die Handlungslinie und Form ist bei dem Thema der Homosexualität die psycho-soziale Linie zu verstehen. Um ein komplexeres Bild zu erzielen, werden in dieser Arbeit sowohl Inhaltsangaben der drei primären Werke angegeben.

Von besonderem Wert ist bei der Adoleszenzliteratur die Rolle der Adaption, die Wahrnehmung des Werkes. Das komplizierte Thema der Homosexualität, ihrer Perzeption durch die Familie und Gesellschaft, die Formierung der Selbstidentität und der Persönlichkeit im Ganzen, sollen durch die Werke der problemorientierten Adoleszenzliteratur dem Kind erleichtert werden. Durch eine gute Adaption des Werkes besteht die Möglichkeit, dass sich das Kind mit seinem ‚Problem‘ nicht mehr allein fühlt. Die Adaption verläuft stofflich, formal, sprachlich-stilistisch, thematisch, axiologisch und medial.2 Diese Arbeit widmet sich vorwiegend der stofflichen und thematischen Adaption der oben genannten Titel.

Im 20. Jahrhundert widmeten sich dem Thema der Homosexualität in der Literatur viele AutorInnen aus der ganzen Welt. Im deutschsprachigen Raum handelt es sich beispielsweise um Thomas Mann, Robert Musil oder Wolfgang Koeppen. In der statistischen Aufarbeitung wird die Anzahl der erschienenen Werke weltweit nach Jahrzenten dargestellt.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es kann der Statistik entnommen werden, dass die Anzahl der erschienenen Werke, in denen die Problematik der Homosexualität thematisiert wird, seit den 1970er Jahren steigt. Es wird deutlich ein Wandel im kollektiven Denken der Gesellschaft angedeutet. Bleiben trotz des Wandels Vorurteile und Klischees gegenüber den Homosexuellen in der Gesellschaft präsent?

Die für die Zwecke dieser Qualifikationsarbeit ausgewählten Werke können der Jugend- beziehungsweise Adoleszenzliteratur zugeordnet werden. Nicht alle oben erwähnten Werke, die im 20. Jahrhundert erschienen sind, können der Adoleszenzliteratur zugeschrieben werden. Der Begriff Adoleszenzliteratur wird als schwierig definierbar präsentiert. Im weitesten Sinne können alle Werke der Erwachsenenliteratur als Adoleszenzliteratur gelten, falls diese von den Adoleszenten gelesen werden. Der Hauptgrund für die Zuordnung der drei ausgewählten Werke in die Adoleszenzliteratur wird in der Möglichkeit sich in die Hauptprotagonisten einzufühlen betrachtet, weil sie ungefähr im Alter der Leser sind.

Durch stofflich-thematische Aktualität können Tabus durchbrochen werden. Es ist keine einfache Aufgabe, ein Tabu zu durchbrechen, wenn es ständig in der Gesellschaft Vorurteile und Klischees gibt. Die Mühe darf aber nicht aufgegeben werden, denn es gibt immer neuen Kinder und Jugendliche, die mit der eigenen ‚neuerworbenen‘ homosexuellen Identität zurechtkommen müssen und nach diesem langen Prozess noch mit eigener Familie und sozialem Umfeld kämpfen sollen. Die problemorientierten Texte gewinnen ihre Wirksamkeit aus der Authentizität des Dargestellten, der Bezogenheit auf die Wirklichkeit und hauptsächlich aus dem Wiedererkennungseffekt.4

Außer der Figurenpsychologie und der stofflich-thematischen Analyse der oben genannten Texte widmet sich die Arbeit auch der Homosexualität als solcher. Es ist notwendig zu wissen, was es für einen Jugendlichen bedeutet, homosexuell zu sein, wie man eigentlich homosexuell wird und wessen Schuld das ist? Begehen die Eltern einen Fehler, erziehen sie das Kind nicht ordentlich? Oder ist es die Schule beziehungsweise der Freundeskreis, die daran schuldig sind? Für diese Zwecke der Untersuchungen wurden Werke benutzt, die das Fachwissen vorwiegend aus den Bereichen der Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Historie und Medizin vermitteln.

Im ersten Kapitel widmet sich die Arbeit überwiegend der Homosexualität aus der biologischen Sicht. Bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht hundertprozentig sicher, wie, wann und unter welchen Bedingungen die Homosexualität entsteht. Die Gesellschaft wurde aber bereits belehrt, dass die gleichgeschlechtliche Sexualität natürlich und erworben ist, nicht erlernt. Den Untersuchungen zufolge wurde ein Verhaltensmuster ausgeschlossen.

Das zweite Kapitel wird der Homosexualität aus der religiösen Sicht gewidmet. Da es sich um drei ausgewählte Werke aus dem deutschsprachigen Raum handelt, wird nur die katholische Kirche in Betracht gezogen. Wie entwickelte sich die Sicht der Kirche auf diese in der Vergangenheit bezeichnete Krankheit – die gleichgeschlechtliche Orientierung?

Von der Kirche geht die Arbeit auf die ganze Gesellschaft über. Das dritte Kapitel widmet sich der Anschauung der Gesellschaft auf Homosexualität. Veränderte sich die Stellung zu der sexuellen Orientierung in der Gesellschaft im Laufe der Zeit? Welche Formen kann die Homosexualität haben und was wird unter Homophobie und Liberalisierung verstanden? Kann die Homophobie zu ernsten Entwicklungsstörungen führen? Die Homophobie ist immer noch ein wahrnehmbares Phänomen der heutigen europäischen Gemeinschaft. Von Beleidigungen kann es leicht zu brutaler Gewalt kommen.5 Diese Ängste und Befürchtungen müssen die homosexuellen Jugendlichen bewältigen.

Die meiste Aufmerksamkeit wird dem vierten Kapitel gewidmet. Es beinhaltet die Aspekte der psycho-sozialen Entwicklung eines Individuums. Nicht nur die Genetik und Biologie sind für die Entwicklung eines Menschen maßgebend. Die Erziehung und soziales Umfeld spielen mit dem höheren Alter eine größere Rolle. Einer der Aspekte ist die Sozialisierung des Menschen, die im Rahmen der sozialen Gruppen verläuft.

Unter sozialen Gruppen werden Familie, Schule, Freunde und beispielsweise auch die Stadt oder das Land verstanden. Alle diese sozialen Gruppen beeinflussen entweder positiv oder auch negativ die Entwicklung einer Persönlichkeit. Für den homosexuellen Bewusstseinsprozess sind meistens zwei Lebensphasen von größter Bedeutung, nämlich die Pubertät und die Adoleszenz. Diese zwei Lebensphasen werden eingehend beschrieben, sowohl die Gefahren, die in diesem Alter jedem Jugendlichen drohen.

Es gibt immer noch Vorurteile und Klischees unter den Menschen. Diese können eventuell auch zu psycho-sozialen Störungen beitragen. Ist die Homosexualität noch heute ein Tabu-Thema? Ein sehr großer Teil des Leidens der gleichgeschlechtlich orientierten Personen ist durch den Mangel an Informationen über homosexuelle Lebensweisen und die fehlende Vermittlung des bestehenden Wissens bedingt.

Die letzten vier Kapitel werden der Analyse der oben genannten Werke und dem Vergleich der Primärliteratur anhand der untersuchten Phänomene gewidmet. Veränderte sich die Gesellschaft seit den 1950er Jahren? Haben die heutigen homosexuellen Jugendlichen die gleichen Sorgen, wie die Gleichaltrigen damals? Welche Auswirkungen haben die Kleinstadt, Großstadt oder gar das Lande auf die Entwicklung einer Persönlichkeit?

In allen Werken werden gemeinsame Merkmale analysiert, zu diesen werden Familie, Schule und Vorurteile gegenüber der homosexuellen Minderheit gezählt. Die Reaktionen des nächsten sozialen Umfelds werden als markanteste für den Adoleszenten empfunden. Die Situation kann durch die Reaktionen erleichtert oder auch erschwert werden. Zu dem nächsten sozialen Umfeld werden besonders Familie, Freunde, Schule oder Kirche gezählt. Begegnen alle Protagonisten den gleichwertigen Vorurteilen in der Gesellschaft?

Seit den 1970er Jahren steigt ständig die Anzahl der erschienenen Werke, die der Problematik der Homosexualität von Jugendlichen gewidmet sind. Die Wissenschaft beschäftigt sich ebenfalls mit der menschlichen Sexualität, betont werden u. a. die Forschungsdisziplinen wie Psychologie, Soziologie oder Biologie. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Problematik erfolgt auch im Rahmen der Literaturwissenschaft. Als Beispiel werden im deutschsprachigen Raum Oliver Bock mit seiner Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur (2002) und Sabine Lommatzsch mit Kathrin Kadasch mit ihrem Fachbuch Ja, Nein, Vielleicht? – Homosexualität und Coming Out in der deutschen Jugendliteratur (2013) genannt . Die bisher verfassten Werke mit dem Leitthema der Homosexualität in der Jugendliteratur befassen sich jedoch lediglich mit Analysen der einzelnen Werke. Eine Untersuchung des Wandels in Perzeption der männlichen Homosexualität in der deutschen Gesellschaft in der zu erforschten Zeitperiode anhand von einer Analyse der ausgewählten literarischen Werke wurde noch nicht durchgeführt.

Die Homosexualität wird in alle Aspekte des Lebens integriert. Es muss sich die Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität entwickeln. Allein diese Entwicklung ist ein höchstkomplizierter Prozess. Wird dieser durch das soziale Umfeld erleichtert oder erschwert? Erlebte die Gesellschaft in diesem Sinne seit den 1950er Jahren einen Wandel? Anhand der drei oben genannten Werke werden die Fragen in dieser Qualifikationsarbeit beantwortet.

1. Homosexualität

Seit jeher existieren nahe Beziehungen zwischen Männern. Ob auf der Basis von Freundschaften, Liebesbeziehungen oder erotischen Verhältnissen. Diese Beziehungen hatten es nie in dem christlichen Europa an Rosen gebettet.

Als die Wissenschaft den Platz des Gottes eingenommen hatte, wurden die oben beschriebenen Beziehungen zu einer Krankheit, begrifflich Homosexualität. Viele wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich heutzutage nicht mehr mit der Krankheit, sondern mit einer möglichen Form von Sexualität, der Homosexualität. Die Sicht der Sexuologie ist für die Zwecke dieser Arbeit eine der bedeutendsten.

Für ein besseres Verständnis, wie die sexuellen Minderheiten ihre Identitäten im Laufe der Zeit konstruieren, müssen drei Begriffe erklärt werden und unter denen muss unterschieden werden. Es handelt sich dabei um die sexuelle Orientierung, das sexuelle Verhalten und die sexuelle Identität.6

Unter der sexuellen Orientierung wird verstanden, dass ein Individuum physisch überwiegend zu Männern oder zu Frauen herangezogen wird, seltener dann zu beiden Geschlechtern. Die Orientierung ist ziemlich stabil in Zeit und bei den meisten erwachsenen Männern ist sie gegen Veränderungsversuchen widerstandsfähig.7

Die vorwiegende Orientierung auf ein Geschlecht schließt jedoch den sexuellen Verkehr mit dem anderen Geschlecht nicht aus. Das sexuelle Verhalten spiegelt nicht die sexuelle Orientierung auf geradliniger Weise wider. Es wird stark durch die Lokalkulturregeln, elterlichen oder berufsbezogenen Aspirationen, jedoch aber außersexuellen Gefühlen und Gelegenheiten und Verfügbarkeiten von Partnern bedingt.

Die sexuelle Identität wird oft mit der Orientierung oder dem Verhalten verwechselt. Manchmal wird sie als Euphemismus für diese Erscheinungen verwendet. Die sexuelle Identität stellt aber ein kulturspezifisches Projekt des Selbstwahrnehmens dar, in dem die Individuen den Sinn ihrer Gefühle und Erlebnisse finden. Gleichzeitig wird entschieden, zu welchen konkreten Gruppen und Kategorien sie sich herangezogen fühlen.8 In verschiedenen Kulturen und historischen Ären wurden für die Identität verschiedene Lebensaspekte betont. Obwohl sich häufig unter diesen Aspekten der menschlichen Sexualität Zusammenhänge ergeben, unterliegt jeder von denen sehr verschiedenen Begrenzungen, Motivationen und zeitlichen Veränderungen.

Es existieren vielfache Definitionen von Homosexualität, die meisten basieren auf dem sexuellen Verkehr und Kontakt zweier Menschen gleichen Geschlechts. Praktisch keine dieser Definitionen erwähnt die emotionale Seite eines Menschen. Die Gefühlsaspekte kommen in der Definition von Reinisch und Beasley vor:

„Homosexualität ist die Bezeichnung für eine sexuelle Orientierung, bei der sich jemand in Angehörige des eigenen Geschlechts verliebt, sie sexuell begehrt bzw. mit ihnen sexuell verkehrt.“9

Der sexuelle Verkehr wird aber nicht ausschließlich und anhaltend auf Menschen gleichen Geschlechts gerichtet, zufolge dem sexuellen Verkehr kann nicht entschieden werden, dass jemand „rein“ heterosexuell oder homosexuell sei. Wer sexuelle Handlungen nicht nur mit gleichgeschlechtlichen Personen ausübt, sondern auch mit dem anderen Geschlecht, der/die wird als bisexuell bezeichnet. Es gibt also keine Zuordnung „entweder-oder“, die moderne Fassung kennt mindestens drei Begriffe, die sich mit der menschlichen Sexualität befassen – heterosexuell, bisexuell und homosexuell.

Jedoch kann die Homosexualität auch die Gesellschaft reflektieren. Issay behauptet, dass:

„[…] das sexuelle Verhalten durch gesellschaftliche Zwänge oder innere Konflikte beeinträchtigt sein kann, muss sich ein Mann nicht unbedingt homosexuell betätigen, um homosexuell zu sein.“10

Die Homosexualität kann also nicht eindeutig kategorisiert werden, der Begriff beinhaltet viele Aspekte, die ihn wiederum beeinflussen. Im Rahmen dieser Arbeit werden eher die emotionalen und psycho-sozialen Aspekte der homosexuellen Menschen betrachtet, obwohl ein Teil des sexuellen Verhaltens auch einbezogen werden kann.

Die immer noch unbeantwortete Frage, wie ein Mann homosexuell wird, steht im Vordergrund des sexuologischen Forschens. Es gibt zwei Hypothesen: die Homosexualität ist entweder angeboren oder das homosexuelle Verhalten sei erlernt, bedingt durch Erziehung, Umgebung und äußere Faktoren.

Die neuzeitliche Medizin ist der Meinung, dass die Homosexualität mit den Genen eines Menschen verbunden ist, deswegen angeboren. Dagegen wird in der Kirche die bestehende Meinung betrachtet, dass die Homosexualität sogar eine Sünde sei, auf keinen Fall angeboren, sondern erlernt. Die nächsten Kapitel widmen sich unter anderem dieser Problematik.

1.1 Homosexualität aus der biologischen Sicht

Die Medizin erlebt seit dem 19. Jahrhundert ständigen Fortschritt. Dank dieses Fortschritts wurde die Heilkunde zu einer der entscheidenden Instanzen in Frage der Homosexualität. Seit dem 19. Jahrhundert gelang es, öffentlich über die Natürlichkeit in dem Sinn der biologischen Bedingtheit zu sprechen.11

Das Fühlen der homosexuellen Menschen sei angeboren und deswegen auch unabänderlich. Das angeborene Fühlen und Benehmen der Menschen wurden analog zu den damals dominanten medizinisch-biologischen Theorien der Geschlechtsentwicklung hergeleitet. Es wurde in der Medizin festgestellt, dass jeder Embryo das Ausbildungspotential für das Schöpfen sowohl der weiblichen, als auch der männlichen Geschlechtsmerkmale in sich beinhaltet. In diesem Sinne wird im bestimmten Maße jeder Mensch als weiblich und männlich zugleich betrachtet.12

1.1.1 Hormone und das Gehirn

Seit den 1970er Jahren werden mit der Sexualität, beziehungsweise auch der Homosexualität, immer stärker die Hormone verbunden. Vornehmlich in der Keimdrüse gebildeten Hormone sind bedeutungsvoll für die geschlechtsspezifische Entwicklung sowohl physischer, als auch psychischer Merkmale eines Menschen. Es wurde bewiesen, dass diese Hormone das Geschlecht differenzieren. Vor allem wird über Androgene und Östrogene gesprochen. Androgene bestimmen dabei das männliche Geschlecht. Östrogene sind dagegen typisch weiblich. Östrogene führen ergo unter anderem zu weiblichen Geschlechtsmerkmalen, aber auch zum als weiblich betrachteten Verhalten.13

Bestimmte Forschungen zu Bereichen des Hypothalamus und die gehirnchirurgische Praxis sind indes für Menschen gefährlich, die Studien seit den 1990er Jahren und die Forschungsergebnisse bleiben dementsprechend dürftig. Simon LeVay veröffentlichte im Jahre 1991 einen Artikel, in dem er Unterschiede zwischen dem Hypothalamus eines heterosexuellen und eines homosexuellen Mannes beschreibt.14

Ein Bereich des anterioren Hypothalamus (INAH 3 = Interstitial nuclei oft he anterior hypothalamus)15 weist bestimmte Unterschiede auf. Der adäquate Bereich der homosexuellen Männer sei kleiner und ähnlich dem der heterosexuellen Frauen. Untersucht wurden 19 homosexuelle Männer, 16 heterosexuelle Männer und 6 heterosexuelle Frauen.

Seit 1991 handelt es sich um die zentrale Studie, die für die Verbindung zwischen dem Gehirn und der Sexualität (also auch Homosexualität) wissenschaftlich angeführt wird. Die Homosexualität sei deswegen nur auf die Biologie zurückgeführt, nicht auf das soziale Verhalten, daher ist die Homosexualität angeboren.

LeVay´s Beschließung:

„Bei Ratten entwickelt sich ein sexueller Unterschied eines offensichtlich vergleichbaren Kernbereiches des Hypothalamus, indem die ihn konstituierenden Neurone in einer vorgeburtlich hierfür sensitiven Phase auf zirkulierende Androgene reagieren. Auch wenn die Möglichkeit der Übertragbarkeit zwischen verschiedenen Arten fraglich ist, erscheint es eher wahrscheinlich, dass sich (der vergleichbare Kernbereich beim Menschen, Anm. HV) INAH 3 in frühen Phasen des Lebens herausbildet und später das Sexualverhalten beeinflusst, als dass das Gegenteil der Fall ist.“ 16

1.1.2 Gene

Kann die sexuelle Orientierung etwa geerbt werden? Gibt es dazu eine genetische Prädisposition? Solche Fragen beschäftigten die Sozietät besonders am Anfang des 20. Jahrhunderts. 1909 und 1911 wurden die zwei sich unterscheidende Chromosomen im Chromosomenpaar benannt – das größere Chromosom als „X“ und das kleinere Chromosom als „Y“.17

Biologisch betrachtet hat jeder Embryo eines Menschen das Potential, sich männlich oder weiblich zu entfalten. Die Zwischenstufen sind dabei auch möglich. Es liegen chromosomal die Männlichkeitsfaktoren vor. Sehr wahrscheinlich befindet sich einer dieser männlichen Faktoren auf dem Chromosom X, der andere Faktor dann auf den Körperchromosomen, den so genannten Autosomen. Die männlichen Determinierungsstoffe werden durch diese Faktoren freigesetzt. Die Menge der freigesetzten Determinierungsstoffe entscheidet danach welches Geschlecht sich durchsetzen wird.18

Die Erblichkeit, gemeint als genetische Prädisposition eines Menschen, beide Geschlechter potentiell zu haben, beziehungsweise homosexuell zu werden, verlor auch deswegen im Laufe der Zeit an Bedeutung, weil die Homosexualität als solche in der nahen Vergangenheit pathologisiert und psychiatrisiert wurde. Es war unerwünscht, dass die homosexuell-orientierten Menschen an Selbstbewusstsein gewinnen. Erst seit den späten 1980er Jahren sind diese Theorien in zunehmendem Maß verfolgt und letztendlich ein einzelner Chromosomenbereich als bedeutungsvoll entworfen.

1993 bewies die Arbeit der Forschungsgruppe um Dean Hamer wissenschaftlich, dass ein Bereich auf dem X-Chromosom für die Sexualität eines Mannes verantwortlich werden soll. Der Bereich Xq28 wurde beschrieben als „in die Ausprägung homosexuellen Verhaltens involviert“ – das schwule Gen. 19

Die bestehenden Ergebnisse der Genetik, als auch der Gehirnforschung mögen dürftig und widersprüchlich wirken. Die Medizin bemüht sich, die Homosexualität nicht mehr als Abweichung von der Norm oder als Störung einer völlig normalen Entwicklung zu betrachten. Die komplexe homosexuelle Verhaltensweise ist dennoch natürlich und sie soll als vorgegeben betrachtet werden.

2. Religion und Homosexualität

Die theoretischen Erklärungen für alle Zustände in der Gesellschaft in Europa vor dem 15. Jahrhundert, als die europäische Moderne mit der Renaissance begann, waren simple gegeben. Gott schuf alles, was es jemals gab, gibt und je geben wird, und zwar mit einem einzigen Akt. Alles, was passiert, ist der Gottes Wille. Sein Wille ist es, weil er Mann und Frau schuf, dass diese zwei Geschlechter miteinander sexuell begehren und das Ziel ist die Fortpflanzung der Menschheit.

Jede Verfehlung von diesem vom Gott gewollten Verhalten sollte mit einem Beichtvater besprochen und gelöst werden. Der Beichtvater unterlag dem Beichtgeheimnis. Der Sünder konnte von seiner Sünde durch die Beichte befreit werden. Seit dem 13. Jahrhundert gewann das Kirchenrecht, das sogenannte Kanonische Recht, in Europa an Bedeutung.

Das Kirchenrecht eröffnete weitere Wege, wie die Kirche mit den Sündern umgehen konnte. Es bat sogar mehrere Sanktionsmöglichkeiten an. Das homosexuelle Verhalten wurde als Sodomie bezeichnet. Die Sodomiten wurden massiv verfolgt und bestraft, auch bis hin zum Tode.20

Seit der ökonomischen und industriellen Moderne in Europa im18. Jahrhundert, verliert die Kirche ihre Macht und die Frage der homosexuell orientierten Menschen übernimmt die Wissenschaft. Trotzdem bleiben abertausende Menschen streng gläubig und die Kirche musste auch in den 20. und 21. Jahrhunderten ihre Stellung zur Homosexualität einnehmen.

In der Bundesrepublik Deutschland gehören die meisten Gläubigen zu zwei Kirchen an – der katholischen und der protestantischen. Die Arbeit widmet sich vorwiegend den Einstellungen der katholischen Kirche zur Homosexualität. Für die Zwecke dieser Arbeit sind andere Religionen und deren Anschauungen auf die Homosexualität unbedeutend.

2.1 Homosexualität aus katholischer Sicht

Obwohl es immer noch Vorurteile gegenüber den Homosexuellen gibt, gilt die Auffassung, dass Homosexualität der Heterosexualität gleichgestellt ist. In der Kirche herrscht eine andere Auffassung. Die Lehre der katholischen Kirche besagt, dass homosexuelle Neigungen ungeordnet sind, die homosexuellen Neigungen sündhaft sind und die Homosexuellen keusch leben sollen.21

In der Bibel, der heiligen Schrift der Kristen, wird über die Schöpfungsordnung und ihren Rahmen gesprochen, wie der vom Gott geschaffene Mensch auf das Gesetz reagieren soll, das in die Natur und Natürlichkeit eingeschrieben ist.

Im Alten Testament wird Homosexualität verworfen. In dem Ersten Buch der Tora, dem Schöpfungsbuch – Genesis, wird über die Geschichte von Sodom berichtet. Die Stadt wurde eingeäschert, denn ihre Sünde war zu schwer. Es gibt in dem Buch keine Spezifikation, um welche Sünde es sich handelt, die Erzählung berichtet aber nur von einem einzigen Vergehen, nämlich dem Gleichgeschlechtlichen.22

Im dritten Buch der Tora, in dem Buch der Gesetzvorschriften auch zur Familie, Levitikus, spricht Gott über Gräueltaten. Innerhalb des Heiligkeitsgesetzes heißt es: „Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.“23 Mit dem Wort Gräuel wird etwas Abwertendes und Abscheuliches gemeint. Der gleichgeschlechtliche sexuelle Verkehr wird dem mit Tieren gleichgesetzt, der Mensch würde dadurch „unrein“. Es wird dann von dem Ekel Gottes gesprochen. Dieses Tun wird in der Tora hart bestraft: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben […] beide den Tod verdient.“24 Diese werden dann vom Volk Gottes ausgeschlossen.

In der Bibel, im Alten Testament, wird auch über das Vergeuden des Samens gesprochen. Da der homosexuelle Verkehr das Vergeuden des Samens nach sich zieht, wird daraus bei vielen Kristen der Schluss gezogen, dass auch diese Erwähnung den Homosexuellen gehört. Im Schöpfungsbuch wird über Onan berichtet, dem Gott missbilligte, dass dieser seinen Samen auf die Erde fallen ließ und ihn verderbte.25

Die Widerrechtlichkeit des homosexuellen Verhaltens wird in der Bibel auch aus der Schöpfungsordnung und der Stellung eines Menschen abgeleitet. Frau und Mann entsprechen einander, sind sich gemeinsam behilflich und bilden zusammen das Bild Gottes. Ihre Leibe können sich gegenseitig ergänzen, womit sie Gottes Einheit darstellen. Sie sollen sich mehren und sind fruchtbar, sie sind fähig „ein Fleisch“ zu werden.26

Im Neuen Testament kann die Homosexualität unter dem Sammelwort „Unzucht“ beobachtet werden. Unter diesem Begriff werden unter anderem Selbstbefriedigung, sexueller Verkehr vor der Ehe und sexueller Verkehr mit einer Person gleichen Geschlechts oder mit Tieren verstanden – alle diese Taten gelten als sündhaft. Jesus selbst spricht nicht ausdrücklich von der Unzucht im Sinne der Homosexualität. Im Gegensatz, er heiligt die Ehe zwischen Mann und Frau, indem er sagt: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“27 Die Menschheit berief er in seine Nachfolge, darin kann eine Andeutung auf die Fortpflanzfunktion des Menschen gesehen werden.

In den Apostelbriefen nähert sich vor allem Paulus dem Thema der Homosexualität. Im Römerbrief beschreibt er dieses Verhalten als Folge von Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit.28 Nach Paulus handelt es sich um haltloses Denken, das alle Laster nach sich zieht.

„[…] ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“29

Im Korintherbrief äußert sich Paulus zu allen Menschen, die das Reich Gottes nicht erben werden. Erwähnt werden unter anderem auch Sünder und Unzüchtige. Da Unzucht als Sammelwort auch für das homosexuelle Verhalten gilt, sind die Tore vom Paradies den betroffenen Personen versagt. Wörtlich widmet sich Paulus auch der Knabenliebe. Unter diesem Begriff wird die Form der Homosexualität verstanden, die meistens in Altem Rom toleriert wurde, spezifisch handelte es sich um die Liebe zwischen einem älteren Mann und einem jüngeren Knaben.

Im Allgemeinen wird die Homosexualität als Götzendienst betrachtet, der auf die Ungehorsamen den Zorn des Gottes ziehen wird.30 Diese Bibelstelle diente für die Zwecke der frühen kirchlichen Gesetzgebung als Verweisstelle. Sie befindet sich im Epheserbrief und spricht generell von der Unzucht.

Zu einem verstoßt also die Homosexualität in der Bibel gegen die Schöpferungsordnung und ist deswegen widernatürlich, zum anderen verstoßt sie auch gegen das göttliche Gebot und ist deswegen auch widerrechtlich und strafbar. Die Strafe hier mündet in den ewigen Tod.

Der Ausgangspunkt für die katholische Lehre zur Homosexualität und Sexualität allgemein ist die in der Bibel beinhaltete Schöpfungs- und Ehelehre. Männer und Frauen haben ihre Geschlechter von der Natur aus angeboren, mitsamt der Fortpflanzungsfunktion. Sie sollen die Ehe schließen und sich mehren. Dieses können die Homosexuellen natürlich nicht, sie sind deswegen zur Enthaltsamkeit aufgerufen.

Die Kirche unterscheidet in dem homosexuellen Verhalten zwei Begriffe, die homosexuelle Neigung und die homosexuellen Handlungen. Für die homosexuelle Neigung ist der Mensch nicht zuständig, sie ist also nicht unbedingt sündhaft, trotzdem aber ungeordnet, denn die Neigung entspricht nicht der Schöpfungsordnung.

Für die homosexuellen Handlungen ist der Mensch aber völlig verantwortlich, deswegen sind sie sündhaft. Daher sind sie unbedingt zu meiden und zu unterlassen.

Die gleichgeschlechtliche Liebe kann als Erbsünde betrachtet werden, mindestens die Neigung dazu. Die Sünde des ersten Menschenpaares war es, dass es gegen Gottes Willen handelte und durch das Böse nachgab. Diese Sünde betrachtet man als Erbsünde, die vom Menschen zum Menschen übergeht.

Die betroffenen Personen sind also keine schlechteren Menschen, sie erleiden das nicht durch eigene Schuld. Es handelt sich um persönliche Schuld erst dann, wenn diese homosexuelle Neigung in die Handlungen übergeht. Die Handlungen eines Menschen sind nämlich bewusst und willentlich frei.

3. Gesellschaft und Homosexualität

Die gleichgeschlechtliche Sexualität gibt es auf der Erde seit dem Anfang der ersten menschlichen Gemeinschaft. Die Gesellschaften, die sich im Laufe der Ären bildeten, waren und sind rein soziale Konstrukte. Die künstlich gebildeten Konstrukte mussten das Thema der Homosexualität behandeln und eine Meinung zu dem Zusammenleben von zwei Männern und dem homosexuellen Verhalten äußern.

Wie sich diese Gesellschaften bildeten, so entwickelten sich auch die Wissenschaften, wie zum Beispiel Medizin, die die Meinung der Gesellschaft veränderte. Trotz der heutigen Wissenschaft und dem heutigen kollektiven Wissen gibt es aber immer noch Vorurteile gegenüber den Homosexuellen.

3.1 Geschichtlicher Abriss

Homosexualität als wissenschaftlicher Begriff ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Der Begriff der Homosexualität löschte den ablehnenden Begriff von Sodomie. Die biblische Stadt Sodom wurde nämlich wegen der Verfehlung des Beischlafs von Männern mit Männern zerstört.

Die Homosexualität gab es aber selbstverständlich längst vor dem 19. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert ist eher dafür interessant, dass sich ein neues Verständnis von der gleichgeschlechtlichen Sexualität in der europäischen Gemeinschaft durchsetzte.

Die heutige Westzivilisation wurde hauptsächlich durch das antike Griechenland und Rom formiert. Die Historiker fangen ihre Forschung der Geschichte der Homosexualität gerade in dem klassischen Griechenland und Rom um das Jahr 800 vor unserer Zeitrechnung an.31

Das moderne Wissen und die Vorstellungen der Mehrheit der europäischen Population gehen von der komplizierten Geschichte der Stellung von gleichgeschlechtlicher Sexualität aus.

In der Ära der Antike wurde Homosexualität eher positiv betrachtet, auch wenn nur in bestimmten streng festgelegten Formen.32 Unter diese Formen kann unter anderem die Päderastie zugeordnet werden. Es handelte sich um eine historische Form des Zusammenlebens, die als eine Beziehung zwischen einem älteren, in der Gesellschaft bedeutungsvollem Mann, mit einem jüngeren Mann im Alter vom 12. bis zu dem 24. Lebensjahr definiert werden kann. Die Altgriechen und Altrömer verstanden jedoch die gleichgeschlechtliche Liebe anders als heutzutage, außer der oben genannten Form ging es eher um die sexuellen Bedürfnisse der Männer.

Mit dem Antritt des Christentums in Europa wandelte die damals unterstützte Päderastie zur Sodomie um. Die Sodomie ist ein Typ von verbotener Handlung, die Homosexualität wurde zu einer Straftat, die sich nach den christlichen und auch den weltlichen Rechten richtete.

Die Sodomiten, aus der heutigen Sicht also Menschen mit gleichgeschlechtlicher Sexualität, wurden oft im Mittelalter als die Schuldigen für Naturkatastrophen und Epidemien bezeichnet.33

Im Mittelalter beginnt eine lange Ära des Versteckens, weil die gleichgeschlechtliche Sexualität begrenzt und verfolgt von der Mehrheit der Population wurde.

Die Wende erlebte die Homosexualität erst im Laufe des 19. Jahrhunderts dank der Medizin. Aus der Sodomie, einer Sünde, wurde eine Krankheit. Die Wissenschaft setzte sich zum Ziel, diese psychische Störung objektiv zu beschreiben und möglichst auch zu heilen.

Es folgten zahlreiche Forschungen mit dem Fokus an der Bestimmung der Unterschiedlichkeit von homosexuellen und heterosexuellen Menschen vorzugsweise auf der physischen Ebene. Außer der biologischen Determinationen bemühten sich die Wissenschaft und moderne Medizin, die mögliche Ursache für das homosexuelle Verhalten auch in der Psyche jedes einzelnen Individuums zu finden.

3.2 Homosexualität im Nationalsozialismus

Es kam zu einer rasanten Verschärfung der Situation um homosexuell orientierte Population während der Vorherrschaft der NSDAP, und zwar gegen jede beliebige Form der Homosexualität. Die Homosexuellen wurden zu Staatsfeinden, sie verkörperten das Bild, das nicht mit den typischen Geschlechterrollen korrespondierte und schon überhaupt nicht mit der Meinung über das nationalsozialistische Familienideal.34

Die gleichgeschlechtliche Sexualität wurde immer stärker als Krankheit definiert. Gegen die Betrachtung dieser Sexualität als Krankheit wurde sie oft als Verbrechen am Volk bezeichnet, denn die Rasse konnte sich auf dieser Weise nicht weiter entwickeln und wachsen.

Es verbreitete sich mehr Angst vor der Homosexualität und den Homosexuellen durch die Ansicht, dass die körperliche Zuneigung zu gleichem Geschlecht übertragbar ist. Doch nicht die Homophobie wurde zum Auslöser für die herrschende antihomosexuelle Haltung in der Gemeinschaft, es zeigte sich später, dass es eher um politische Kämpfe ging, in denen man die Gegner des gewünschten Systems leicht angreifbar machte.

Im Jahre 1933 wurden in den bestehenden Konzentrationslagern Abteilungen für die Kategorie „homosexuell“ eingerichtet.35 Nach Röhm-Affäre im Jahre 1934, nach der der SA-Führer Ernst Röhm aus dem Grunde eines angeblichen Putschversuchs hingerichtet wurde, der auf Röhms Homosexualität zurückzugewiesen ist, wurde die Verfolgung der Homosexuellen gesteigert und die Legitimation solcher Handlungen geschafft.

Nach Röhms Tod wurde der § 175 StGB (Strafgesetzbuch) neu gefasst und das homosexuelle Vergehen gemäß diesem Paragraphen noch härter bestraft. Dieses Verbrechen gegen das Volk wurde mit mindestens 3 Monaten bis zu 10 Jahren Zuchthaus geahndet. Milder bestraft wurden dabei Jugendliche unter 21 Jahre, offiziell für „widernatürliche Unzucht zwischen Männern“ 36. In der Generation der Jugendlichen kamen relativ häufig homosexuelle Kontakte vor, deswegen hatten sie diesen besonderen Schutz.

Zu diesen Zeiten entstanden in dem Nationalsozialistischen Staat eigene Behörden zur Bekämpfung von Homosexualität und Abtreibung. Es wurde lediglich männliche Homosexualität bestraft, Frauen gestand man keine eigene Sexualität zu:

„Die weibliche Sexualität ist nur über den Mann definiert, lesbische Liebe ist in diesem Sinne unmöglich. Kommt sie dennoch vor, beruhigen sich die Männer in hohen NS-Positionen damit, dass diese lesbischen Tendenzen niemals staatsgefährdende Qualitäten entwickeln werden, da Frauen nur eine Randposition in Politik und Beruf einnehmen“37

Es wurden immer mehr Männer gemäß dem Paragraphen § 175 StGB verurteilt. Wer nach der Verurteilung nicht ins Zuchthaus deponiert wurde, konnte ins Konzentrationslager deportiert werden. Die Bestraften wurden dann in der Gefangenenhierarchie zusammen mit den Juden auf die unterste Stufe gesetzt. Es war jedoch nie ein Ziel des Naziregimes die Homosexuellen komplett auszurotten, denn die Homosexualität wurde als kein Merkmal einer Rasse betrachtet, eher als moralisches Verbrechen. Für die Angehörigen der SA (Sturmabteilung), des Militärs und der Polizei galt bei homosexuellen Kontakten die Todesstrafe.

Bei den Zwangssterilisationen und Zwangskastrationen konnte keine Rede über die Freiwilligkeit sein. Nur gemäß dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden ca. 400.000 Menschen im Hitlerfaschismus sterilisiert. Andere Menschenexperimente wurden an den Häftlingen in Konzentrationslagern durchgeführt.38 Noch in den ersten Nachkriegsjahren starben wegen der unmenschlichen Experimenten Tausende Menschen in psychiatrischen Anstalten.

3.3 Homosexualität seit 1945 bis heute

Mit dem Kriegsende verbesserte sich die Lage der homosexuell orientierten Menschen auf dem Gebiet der heutigen BRD kaum. Die nicht humanen Behandlungspraxen der Medizin wurden weiter auf dem Laufenden behalten. Die Sterilisationen und Kastrationen verliefen aber im Laufe der Zeit „freiwillig“. Noch im Jahre 1976 starb in Folge einer „freiwilligen“ Kastration Jürgen Bartsch, ein Kindermörder. Die Kastration ließ er in der Hoffnung vollziehen, dass er „geheilt“ wird und wieder in Freiheit kommt.39

Bei Männern, die bestraft für homosexuellen Verkehr mit Jungen im Alter von 15-17 Jahren wurden, praktizierte man chirurgische Eingriffe im Gehirn. Die Homosexualität wurde stets als scheinheilbare Krankheit betrachtet.

Der Paragraph Nummer 175 blieb in der Nachkriegsverfassung der BRD bestehen. Die gleichgeschlechtlich orientierten Menschen wurden weiterhin gemäß diesem Paragraphen verurteilt. In anderen europäischen Staaten wurde jedoch stufenweise die Strafe für homosexuelles Verhalten aufgehoben. Zu den ersten Staaten mit der Straffreiheit gehörten in Europa die Schweiz, die Niederlande, Dänemark und Schweden.40

In den 1950er Jahren wurde die Kleinfamilie zum Stichwort in der Gesellschaft. Die sozialen Verhältnisse mussten neu geordnet und die Geburtenraten erhöht werden, damit die Wirtschaft gestärkt werden konnte. Seit 1949 existierten dabei zwei deutsche Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. In den beiden Staaten blieb der erwähnte Paragraph 175 gültig.

In der DDR war jedoch der Einblick auf homosexuelles Verhalten gemäßigter. Die Wende kommt erst in den 1960er Jahren. Die DDR kriminalisierte die gleichgeschlechtlich orientierten Menschen weniger als die BRD. Es fand in beiden Staaten eine Liberalisierung statt, die auch bestimmte Auswirkungen auf die Homosexualität hatte.

Der oben erwähnte Paragraph wurde in der Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal erst 1969 novelliert. Männer ab 21 Jahren durften mit anderen Männern sexuellen Kontakt ausüben. Im Jahre 1973 wurde diese Altersgrenze auf 18 Jahren geschoben.41

Trotz dieser Gesetzänderung veränderte sich aber die generelle Akzeptanz gegenüber der homosexuellen Minderheit nur wenig. Es bildeten sich Vereine, die auf der geschlechtlichen Gleichstellung basierten und unter anderem die homosexuellen Menschen versammelten. Als Vorbild nahmen sich die deutschen Vereine die Verbände aus den USA, in denen der Emanzipationsprozess ein paar Jahre früher begann. Langsam entwickelten sich das homosexuelle Bewusstsein und das Gefühl einer Zusammengehörigkeit, meistens dank Demonstrationen und Protestaktionen.

Nach den Fortschritten in den 1970er Jahren stagnierte der Prozess der homosexuellen Emanzipation in den 1980er Jahren. In diesem Jahrzehnt beschädigte das Bild der Homosexuellen die Krankheit AIDS. Viele sahen diese Krankheit als gerechte Sanktionierung der Homosexuellen. Die ganze Situation beruhigte sich erst dann, als die Wissenschaft bewies, dass die Krankheit nicht auf die Homosexualität bezogen werden kann.

In der DDR wurde die Strafbarkeit von homosexuellem Verhalten im Jahre 1988 abgeschafft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 galt aber immer noch in beiden Staatsverfassungen der Paragraph 175. Erst 1994 wurde dieser endgültig gestritten.

3.4 Formen der Homosexualität

Da in der Jugendliteratur nur sehr selten die Darstellung von Homosexualität auf den sexuellen Verkehr der Protagonisten reduziert wird, sollen hier die verschiedensten Definitionen und Aufklärungen des Begriffs Homosexualität vollendet werden.

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich die Ansicht der Gesellschaft gegenüber der gleichgeschlechtlichen Sexualität mehrmals. Die Homosexualität wurde gezwungen, sich den gesellschaftlichen und soziokulturellen Restriktionen zu unterwerfen. Nach Lautmann wird unter drei Typen der Homosexualität unterschieden:42

Dem Lautmann zufolge wird der erste Typ als der intergenerationelle Typus bezeichnet. Für diesen Typus ist der Altersunterschied zwischen den Partnern charakteristisch. Die männlichen Beziehungen in der Antike sind ein typisches Beispiel für diese Form der Homosexualität. Dieser Typ korreliert mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der heutigen Ära kaum mehr.

Der zweite bezeichnete Typus wurde als intersexuell benannt. Er bezieht sich auf das bipolare Verhältnis zwischen den Geschlechtern und es wird auf die universelle Zweiteilung der zwei Geschlechter angegangen. Eine Anerkennung kann nur dann erwartet werden, wo einer der beiden Partner seine Geschlechterrolle mit der antithetischen Geschlechterrolle neu definiert. Es werden von der sozialen Umgebung emotionale und physische Merkmale des anderen Geschlechts erwartet. Diese Meinung ist in der Sozietät seit dem 18. Jahrhundert präsent und spiegelt sich immer noch in dem kollektiven sozialen Bewusstsein wider.

Lautmanns dritter Typus wird als modern bezeichnet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es keinen Generationsabstand, keine Symbole des anderen Geschlechts, keine Heirat, keine aktiven oder passiven Rollen. Das Homosexuell-Sein wird als selbstverständlich betrachtet, es wird in das Selbstverständnis und die alltägliche Realität integriert. Die Geschlechtsidentität ist beibehalten.

Mit dem modernen Typus bildet sich also eine homosexuelle Identität heraus. Diese erlaubt dann einem homosexuell orientierten Menschen sich selbst zu definieren, seine Geschlechtsrolle und Identität auch in seinen Beziehungen zu bewahren.

Um den Prozess zur Bildung einer eigenen Identität von Homosexuellen überhaupt beginnen zu können, musste die Homosexualität erst klassifiziert werden. Der Begriff Homosexualität wurde von dem Arzt Karl Maria Benkert im Jahre 1869 geprägt.43

Der soziokulturelle Durchbruch fand dann in den 1970er Jahren statt. Es kam zu einer Klassifizierung der allgemeinen sexuellen Identität. Grob gesehen wurde über hetero-, homo- und bisexuelle Orientierung gesprochen. Anhand dieser Klassifikation konnte der Weg nach der Suche nach der eigenen Identität fortkommen. Das Schwul-Sein bedeutete von nun an mehr als nur den sexuellen Verkehr, es waren auch Psyche und Emotionen beinhaltet und die Identität der Homosexuellen konnte somit entstehen.

Neben den drei Lautmanns oben genannten Typen von Homosexualität existieren noch andere Typen. Die zwei wesentlichsten und bedeutendsten für das Verstehen des kollektiven Bewusstseins über Homosexualität sind die Entwicklungshomosexualität und Hemmungshomosexualität.

Bei der Entwicklungshomosexualität handelt es sich um die sogenannte Jugendhomosexualität. Diese ist zwar mit gleichgeschlechtlichen Sexualakten verbunden, bleibt doch weder anhaltend noch ausschließlich. Diese sexuellen Kontakte motivieren die Adoleszenten, die Unsicherheit und die damit verbundenen Ängste gegenüber dem anderen Geschlecht zu überwinden.

Im Falle der Hemmungshomosexualität handelt es sich auch um sexuellen Verkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Personen, aber meistens aus dem Grunde des Mangels an heterosexuellen Gelegenheiten. Diese Fälle werden heutzutage insbesondere in den Gefängnissen oder in militärischen Anstalten beschrieben. Der homosexuelle Kontakt bedeutet auch in diesem Fall nicht, dass er anhaltend und ausschließlich bleibt. Die betroffenen Personen haben keine andere Möglichkeit, ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

3.5 Homophobie und Liberalisierung

In der Geschichte der Menschheit wurden mehrere Formen und Typen der Homosexualität bewiesen, doch die Anzahl der betroffenen Menschen bleibt unbekannt. Es ist auch fraglich, ob die ständigen Umstrukturierungen des gesellschaftlichen Lebens und der Form selbst einen Einfluss auf die Anzahl der Menschen hatten, die das eigene Geschlecht sexuell begehren.

Die ersten Zählungen waren erst dann möglich, als es zu der Erforschung der Sexualität am Anfang des 20. Jahrhunderts kam. Es gab seit dem Beginn dieses Jahrhunderts mehrere Fragebögen, die die wahre Anzahl dieser Menschen zusammenzählen sollten, die Ansicht ist aber nicht eindeutig geklärt. Diese Tatsache basiert auf mehreren Gründen.

In den 1950er Jahren wurde erforscht, dass es etwa 3% – 4% homosexuell orientierte Männer in der Gesellschaft gibt.44 Weitere Untersuchungen in den kommenden Jahrzenten ergaben immer zwischen 5% und 10% der Bevölkerung seien homosexuell orientiert.

Die Größe der Diskrepanz zwischen den Statistiken und der Realität, der tatsächlichen Anzahl von Homosexuellen ist unbekannt. Beasley kommentiert den Zustand mit folgenden Worten:

„Auch wenn diese Daten schon in den vierziger und fünfziger Jahren – und vorwiegend an Weißen der Mittelklasse – erhoben worden sind, bilden sie doch noch immer die beste wissenschaftliche Grundlage für Schätzwerte. Ob sich nun aber herausstellt, dass 3% oder 10% der Bevölkerung vor allem homosexuell orientiert sind, dürfte längst nicht so bedeutsam sein wie die Feststellung, dass die tatsächliche Zahl der Menschen mit homosexueller Erfahrung sehr groß ist.“ 45

In der Entwicklungshomosexualität lässt sich ein klarer Trend beobachten, in den 1960er Jahren waren es 37% der Jugendlichen, die einen sexuellen Kontakt mit dem gleichen Geschlecht hatten, in den 1990er Jahren nur noch 20% der befragten Jugendlichen in der BRD.46 Diese Senkung kann durch die Veränderungen im Selbstbewusstsein der jungen Menschen, durch stärkere gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber sexuellen Handlungen und durch die zunehmende sexuelle Freizügigkeit erklärt werden.

Die fortschreitende Toleranz, Akzeptanz und die damit verbundene Liberalisierung werden indes vor allem durch das immer noch auftretende homophobe Verhalten mancher Menschen beschränkt. Unter dem Begriff Homophobie wird die irrationale Furcht heterosexueller Menschen im Umgang mit homosexuellen Personen verstanden.

Einige Theorien zur Entstehung der Homophobie verweisen auf die typischen Geschlechterrollen. Das homophobe Verhalten wird hier als Schutzmechanismus zum Erhalten dieser Rollen und der Ansicht an die traditionelle Familie verstanden.

Ein weiterer möglicher Ursprung des homophoben Verhaltens kann in der sogenannten „Sündenbock-Funktion“ festgestellt werden. Es handelt sich in diesem Falle um Projizierungen der eigenen Misserfolge, Frustrationen und vielleicht auch verdrängten homosexuellen Drangansprüchen. Diese äußern sich gegenüber den Homosexuellen in der Ablehnung, der Abscheu oder auch der Gewalt.47

Xenophobie, die allgemeine Angst vor dem Unbekannten könnte auch ein Grund für die Homophobie darstellen. Menschen bekommen keine Kompetenzen in den Bereichen, mit denen sie keinen Kontakt haben. In diesem Falle kommen die Menschen in keinen Umgang mit homosexuell orientierten Menschen zusammen. Deswegen erwerben sie keine Handlungskompetenzen und können Angst oder Furcht vor diesen Menschen empfinden.

Trotz der in der Gesellschaft immer noch anwesenden Homophobie entwickelt sich auch die Liberalisierung von Homosexualität. Diese ist aber durch die gesellschaftliche Verachtung bedingt. Am häufigsten wird die Angst vor dem Reagieren des sozialen Umfelds in der Entdeckungsphase der eigenen Homosexualität in dem Coming-out Prozess beobachtet. Es handelt sich um Angst vor Repressionen, gesellschaftlicher Verachtung, Abscheu und Gewalt aufgrund von Homophobie.

Zu der wachsenden Liberalisierung trugen vor allem drei Tatsachen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts bei. Im Vordergrund der kommenden Liberalisierung stehen die 1960er und 1970er Jahre. Die sozialen Strukturen, kollektive Moral und allgemeingültige Werte und Normen wurden in Frage gestellt. Die sexuelle Revolution der 1960er Jahre half der Sexualität generell damit, dass sie die sexuelle Freizügigkeit manifestierte.

Die Geschlechterrollen im traditionellen Sinne verloren an Bedeutung. Es kam zu einem Austausch der typisch männlichen und weiblichen Eigenschaften. Dieser setzte jedem Individuum einen größeren und mannigfaltigeren Spielraum ohne Restriktionen seitens des sozialen Umfelds befürchten zu müssen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildeten sich Verbände und Vereine, die die homosexuell orientierten Menschen versammelten und deutlich zu der Liberalisierung beitrugen. Es verstärkte sich das Gefühl einer gemeinsamen Identität, es wurde gegen Vorurteile und kollektive Ängste öffentlich und gemeinsam gekämpft. Die Vereine versuchten überall präsent zu sein, alles wollte transparent gemacht werden, der Öffentlichkeit wurde das bisher Verborgene sichtbar gemacht.

Infolge der sich ständig entwickelnden Wissenschaft, insbesondere der Medizin, kam es inzwischen zur Loslösung der Fortpflanzungsfunktion von der Sexualität. Die Sexualität wurde nicht mehr unbedingt mit der Fortpflanzung verbunden, sie wurde also von den Zwecken befreit. Die Akzeptanz der Homosexualität nahm in der Bevölkerung zu.48

4. Psycho-soziale Entwicklung des Menschen

Der Begriff „Entwicklung“ bedeutet immer einen Prozess, wobei sich ein System im Laufe der Zeit verändert. Diese Entwicklung verläuft aufgrund der innerlichen Gesetze des Systems, gleichzeitig handelt es sich aber um Interaktion zwischen der Umgebung und dem System. Die Einflüsse der Umgebung können dem System behilflich sein, sie können es aber auch verlangsamen oder gar zerstören. Eines der Systeme, die sich entwickeln, stellt auch der Mensch dar. Der Mensch wird durch die Biologie, Gene und die Umgebung beeinflusst.

„Über die Entwicklung einer Persönlichkeit wird gesagt, dass sie zwei gegenseitig verknüpfte Aspekte beinhaltet – Reifen und gegenseitige Beeinflussung des Individuums und des Umfelds.“ [übers. v. KM]49

Die Entwicklung eines menschlichen Individuums unterliegt hauptsächlich folgenden Bedingungen:

Die äußeren Bedingungen sind: Familie, Freunde, Individuen und Gruppen, Schule und Schulklasse, Lokalität und die Umwelt.

Zu den oben genannten äußeren Bedingungen müssen auch die inneren gezählt werden, vorzugsweise biologische Bedingungen, psychische Prozesse, Zustände und Eigenschaften.

Es gibt auch mehrere Mechanismen, mit derer Hilfe die Interaktion zwischen dem menschlichen Individuum und seiner Umgebung verläuft, nach Čáp handelt es sich um Tätigkeiten und Lernen, Sozialisation, soziales Lernen, Interaktion, Kommunikation und Perzeption, Übernehmen von sozialen Rollen, Konflikte und Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen. Die Bedingungen sind bei jedem Menschen individualisiert.50

4.1 Soziale Interaktion des Individuums mit anderen Personen

Im Laufe des Lebens treffen Menschen eine riesengroße Menge von anderen Menschen. Die Entwicklung verläuft, obwohl auch unbekannt, ständig. Diese Entwicklung beginnt in der Familie, setzt weiter in der Schule fort und endet erst mit dem Tod des Menschen. Am wichtigsten für die soziale Interaktion und das soziale Verhalten sind aber die ersten Lebensjahre.

Anhand des Beispiels, das ein Kind in seiner Kindheit von seiner sozialen Umgebung bekommt, bildet sich das Kind die zukünftigen Beziehungen und Verknüpfungen zur Familie, zum Partner und zu den Freunden.

„Die Grundbedingung für eine vorteilhafte Entwicklung des Kindes ist die positive emotionale Beziehung zu der Person, die sich um das Kind kümmert, in meisten Fällen also zu den Eltern. Im weiteren Laufe des Lebens ist das dann die positive emotionale Beziehung von anderen bedeutsamen Personen, auch von der kleinen sozialen Gruppe.“ [übers. v. KM] 51

Die positiven emotionalen Äußerungen gegenüber dem Kind unterstützen seine Leistung und sein Verhalten im Einklang mit den Anforderungen der Erwachsenen. Sollten diese emotionalen Äußerungen negativ sein, werden die Leistung und das Verhalten des Kindes in der Zukunft bedroht. Solche Äußerungen können sogar zur Entwicklung einer gegenseitig negativen Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind beitragen.

Die wichtigsten Formen des sozialen Lernens nach Čáp sind Imitation, Lernen durch soziale Stärkung (Belohnung und Bestrafung), Lernen durch Identifikation, Übernehmen oder Ablehnen von Modellen, soziales Lernen mit Begründung, das auf Kognition basiert, wobei dem Kind erklärt wird, was zu lernen sei.52

Für das soziale Lernen des Kindes sind seine Umgebung und seine Familie verantwortlich. Die Ansprüche, die gegenüber dem Kind gesetzt werden, müssen angemessen sein, damit sich die Persönlichkeit richtig entwickeln kann. Sind die Ansprüche zu niedrig oder zu hoch, haben sie missgünstige Effekte in der Entwicklung der Persönlichkeit zu Folge.

4.2 Erziehung und Sozialisierung

Unter Erziehungsmodellen werden nach Čáp hauptsächlich folgende Momente verstanden:

„Es sind vor allem emotionale Beziehungen zwischen den Erwachsenen und deren Kindern, die Kommunikationsart, die Menge der Ansprüche gegenüber dem Kind, die Art und Weise, wie man diese Ansprüche beauftragt und nachher kontrolliert. Die Modelle verdeutlichen sich durch die Wahl der Erziehungsmittel und der Reaktion des Kindes auf diese Mittel.“ [übers. v. KM] 53

In den 1940er Jahren herrschte in Deutschland die Meinung, unter dem Einfluss von halbfeudalen, militaristischen und faschistischen Traditionen, dass das Kind in dem Zustand der Unterordnung zu halten ist. Dagegen herrschte zum Beispiel in den USA die Ansicht, dass das Kind dem Erwachsenen gleichgeordnet ist. Im heutigen Sinne der Erziehung werden drei Grundmodelle der Erziehung unterschieden. Es handelt sich um autoritative Führung, liberale Führung und demokratische Führung der Erziehung.54

Bei dem autoritativen Modell kommandiert der Erwachsene viel, er bedroht und bestraft, haltet sich nur wenig an Wünschen des Kindes, er respektiert kaum die Bedürfnisse des Kindes, gibt dem Kind wenig Selbstständigkeit und Initiative. Dieses Erziehungsmodell führt die Kinder zur größeren Spannung, Aggressivität und Dominanz. Unter die möglichen Folgen dieses Erziehungsmodells wird die wahrscheinliche Flucht des Kindes von der Familie gezählt.

Das liberale Erziehungsmodell ist das Gegenteil. Der Erwachsene leitet die Kinder kaum oder gar nicht. Er macht keine direkten Ansprüche, falls er einen Anspruch macht, dann ohne nachherige Kontrolle.

Das demokratische Führen der Erziehung ist durch die Übersicht gekennzeichnet. Das Kind und der Erwachsene sind Partner. Der Erwachsene macht zwar weniger Ansprüche, hört aber der Initiative des Kindes zu. Er wirkt als ein Beispiel für das richtige Verhalten. Es wird mit dem Kind oft diskutiert und es werden Vorschläge gemacht, Kompromisse werden eingegangen. Dieses Erziehungsmodell wird in der heutigen Sozietät als optimal bezeichnet und wird vor den zwei oben genannten Modellen bevorzugt.

Das demokratische Erziehungsmodell wurde aber in der Vergangenheit nicht bevorzugt. Die Bedingungen, die auf die Persönlichkeit bewirkten, veränderten sich im Laufe der Zeit und somit auch das bevorzugte Erziehungsmodell. Die Familie und die soziale Umgebung erfüllen in verschiedenen Zeiten ihre Funktionen anders. Sie befriedigen oder auf der anderen Seite auch frustrieren die Bedürfnisse der Mitglieder dieser sozialen Gruppe. Es handelt sich dabei um die Bedürfnisse von Liebe, sozialer Kommunikation, gegenseitiger Hilfe oder dem Erreichen von Lebenszielen.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts schienen viele Familien als funktionsfähig, doch die Wirklichkeit war häufig mit Frustration, Leiden und Tragödien gegossen.55 Die traditionelle Familie war patriarchal. Es herrschte in den meisten Familien das autoritäre Erziehungsmodell, die Ehefrau und die Kinder mussten sich dem Vater unterordnen. Erst die historische Entwicklung in Europa brachte auch in die Familien das demokratische Erziehungsmodell. Es veränderten sich die Geschlechterrollen und damit auch die ganzen gesellschaftlichen Normen.

Doch auch diese Veränderung der traditionellen Familie brachte bestimmte Schwierigkeiten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Familienumgebung demokratisiert. Die Familien werden isolierter, die Nachbarschaftsbeziehungen werden unbedeutend, es gibt immer weniger Mehrgenerationsfamilien. Die Familien werden kleiner, häufig bleibt nur ein Elternteil mit dem Kind zu Hause. Die Familien werden desintegriert, vor allem als Folge der neuen online sozialen Welt. Letztendlich werden die Familien überfordert, um ökonomisch überleben zu können. Je mehr die Familie überfordert ist, desto weniger Zeit bleibt für die Erziehung der Kinder.

Eine der wesentlichsten Rollen in der Sozialisierung des Kindes spielt auch die Schule. Durch die Schule werden die gesellschaftlichen Ansprüche übermittelt.

„Die Schule vermittelt dem Kind die Kulturerbschaft, versammelte Kenntnisse, Erfahrung, sowie die Normen im Rahmen des Verhaltens und der Handlung. Sie bewahrt die gesellschaftliche Tradition.“ [übers. v. KM] 56

4.3 Familie als die wichtigste soziale Gruppe

Die Familie wird als die wichtigste soziale Gruppe betrachtet, in der das Individuum lebt. Sie befriedigt die physischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse des Menschen. Sie liefert dem Kind das nötige Umfeld zu der gesellschaftlichen Selbstrealisierung, ist die Quelle der Erfahrung und ein Verhaltensmuster.57

In manchen Fällen funktioniert aber die Familie nicht korrekt und kann zur Belastung werden. Die Störungen in der Entwicklung der Persönlichkeit und Identität des Kindes sind dann möglich. In Bezug auf die Entwicklung des Kindes handelt es sich um folgende Probleme: das Problem der Dysfunktion der Familie, insbesondere mit psychischen Deprivationen verbunden, das Problem der anomalen Persönlichkeit der Eltern, das Problem der Vollständigkeit der Familie oder die Problematik des missbrauchten oder vernachlässigten Kindes. Diese Probleme können als Störungen der Elternrolle bezeichnet werden.58

[...]


1 Vgl. GANSEL, Carsten. Moderne Kinder- und Jugendliteratur: Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht. 5., aktualisierte Auflage. Berlin: Cornelsen Schulverlage, 2014. ISBN 978-3-589-22927-7., S. 12.

2 Vgl. GANSEL, Carsten. Moderne Kinder- und Jugendliteratur: Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht. 5., aktualisierte Auflage. Berlin: Cornelsen Schulverlage, 2014. ISBN 978-3-589-22927-7., S. 25.

3 Im Anhang 2 befindet sich die Liste mit in der Statistik aufgenommenen Werken

4 Vgl. GANSEL, Carsten. Moderne Kinder- und Jugendliteratur: Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht. 5., aktualisierte Auflage. Berlin: Cornelsen Schulverlage, 2014. ISBN 978-3-589-22927-7., S. 163.

5 Vgl. VONDERLEHR, Tobias. Homosexualität und Bildungsplan: (K)ein Weg in die Zukunft?. Hamburg: Diplomica Verlag, 2014. ISBN 978-3-95850-813-2, S. 1.

6 Vgl. HIML, Pavel und Jan SEIDL, SCHINDLER, Franz, ed. Miluji tvory svého pohlaví: Homosexualita v dějinách a společnosti českých zemí. Praha: Argo, 2013. ISBN 978-80-257-0876-7, S. 531

7 Ebda., S. 531.

8 Vgl. MCADAMS, Dan P. Commentary. Sexual Lives. The development of traits, adaptations, and stories. Human Development 48, 2005, S. 298-302.

9 REINISCH, June M. / BEASLEY, Ruth. Der neue Kinsey Institut Report, Sexualität heute. München, 1991, S. 159.

10 ISSAY, Richard A. Schwul sein, Die psychologische Entwicklung des Homosexuellen. München, 1990, S. 19.

11 Vgl. VOSS, Heinz-Jürgen. Biologie & Homosexualität. Münster: UNRAST-Verlag, 2013. ISBN 987-3-89771-122-8, S. 12.

12 Ebda., S. 13.

13 Vgl. VOSS, Heinz-Jürgen. Biologie & Homosexualität. Münster: UNRAST-Verlag, 2013. ISBN 987-3-89771-122-8, S. 37.

14 Ebda., S. 47.

15 FAUSTO-STERLING, A. Myths of Gender. Biological Theories about Women and Men. New York: Basic Books, 1992, S. 223-259.

16 LEVAY, S. A Difference in Hypothalamic Structure Between Heterosexual and Homosexual Men. Science, 1991, 253: 1034-7.

17 Vgl. VOSS, Heinz-Jürgen. Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld, Transcript Verlag, 2010.

18 Vgl. GOLDSCHMIDT, R. B. Die sexuellen Zwischenstufen. Berlin, Julis Springer, 1931.

19 Vgl. HAMER, D. H. A linkage between DNA markers on the X chromosome and male sexual orientation. Science, 1993, 261 (5119): 321-7.

20 Vgl. KLAUDA, G. Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg: Männerschwarm Verlag, 2008.

21 Vgl. JESCH, Johanna Maria. Homosexualität aus katholischer Sicht. 2. Kißlegg: CHRISTIANA-VERLAG, 2019. ISBN 978-3-7171-1308-9, S. 9.

22 Ebda., S. 31, In: Gen 18,20.

23 Ebda., S. 32, In: Lev 18,22.

24 Ebda., S. 32, In: Lev 18,22.

25 Ebda., S. 33, In: Gen 38,9-10.

26 Ebda., S. 34.

27 Vgl. JESCH, Johanna Maria. Homosexualität aus katholischer Sicht. 2. Kißlegg: CHRISTIANA-VERLAG, 2019. ISBN 978-3-7171-1308-9, S. 37.

28 Ebda., S. 38, In: Röm 1,18

29 Ebda., S. 38, In: Röm 1,18

30 Ebda., S. 38, In: Eph 5,5-6.

31 Vgl. COULANGES, de Fustel. Antická obec. Praha: Sofis, 1998.

32 Vgl. CROMPTON, Louis. Homosexuality & Civilization. London: Bellknap Press of Harvard University Press, 2006.

33 Vgl. SPENCER, Colin. Dejiny homosexuality. Bratislava: Slovart, 1999.

34 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 17.

35 Vgl. STÜMKE, Hans Georg. Rosa Winkel, Rosa Listen, Homosexuelle und „gesundes Volksemfinden“ von Auschwitz bis heute. Reinbek bei Hamburg, 1981, S. 238.

36 Ebda., S. 269.

37 BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 18.

38 Vgl. VOSS, Heinz-Jürgen. Biologie & Homosexualität. Münster: UNRAST-Verlag, 2013. ISBN 987-3-89771-122-8, S. 27.

39 Ebda., S. 32.

40 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 19.

41 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 18.

42 BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 23.

43 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 24.

44 Vgl. REINISCH, June M. / BEASLEY, Ruth. Der neue Kinsey Institut Report, Sexualität heute. München, 1991, S. 160.

45 Vgl. REINISCH, June M. / BEASLEY, Ruth. Der neue Kinsey Institut Report, Sexualität heute. München, 1991, S. 160.

46 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 29.

47 Ebda., S. 28.

48 Vgl. BOCK, Oliver. Homosexualität als Thema in der Jugendliteratur. Norderstedt: GRIN Verlag, 2002. ISBN 978-3-640-56395-1. Hausarbeit. Technische Universität Braunschweig, S. 28.

49 ČÁP, Jan und Jiří MAREŠ. Psychologie pro učitele. Vyd. 2. Praha: Portál, 2007. ISBN 978-80-7367-273-7, S. 181. „O vývoji osobnosti se zjednodušeně říká, že zahrnuje dva navzájem spjaté aspekty – zrání a vzájemné ovlivňování jedince a prostředí.“

50 Ebda., S. 184.

51 ČÁP, Jan und Jiří MAREŠ. Psychologie pro učitele. Vyd. 2. Praha: Portál, 2007. ISBN 978-80-7367-273-7, S. 190. „Základní podmínkou příznivého vývoje osobnosti je kladný emoční vztah matky nebo jiné pečující osoby k dítěti a v dalším běhu života kladný emoční vztah dalších významných druhých, jednotlivých osob i malé sociální skupiny.“

52 Ebda., S. 192.

53 ČÁP, Jan und Jiří MAREŠ. Psychologie pro učitele. Vyd. 2. Praha: Portál, 2007. ISBN 978-80-7367-273-7, S. 303. „Zejména emoční vztahy dospělých a dětí, jejich způsob komunikace, velikost požadavků na dítě, způsob jejich kladení a kontroly. Projevuje se též volbou výchovných prostředků a způsobem reagování dítěte na ně.“

54 Vgl. ČÁP, Jan und Jiří MAREŠ. Psychologie pro učitele. Vyd. 2. Praha: Portál, 2007. ISBN 978-80-7367-273-7, S. 304.

55 Ebda., S. 61.

56 ČÁP, Jan und Jiří MAREŠ. Psychologie pro učitele. Vyd. 2. Praha: Portál, 2007. ISBN 978-80-7367-273-7, S. 64. „Škola předává dítěti kulturní dědictví, nashromážděné poznatky, zkušenosti i normy chování a jednání. Uchovává, konzervuje společenskou tradici.“

57 Vgl. FISCHER, Slavomil und Jiří ŠKODA. Sociální patologie: závažné sociálně patologické jevy, příčiny, prevence, možnosti řešení. 2., rozš. a aktualiz. vyd. Grada, 2014. Psyché (Grada). ISBN 978-80-247-5046-0, S. 156.

58 Vgl. FISCHER, Slavomil und Jiří ŠKODA. Sociální patologie: závažné sociálně patologické jevy, příčiny, prevence, možnosti řešení. 2., rozš. a aktualiz. vyd. Grada, 2014. Psyché (Grada). ISBN 978-80-247-5046-0, S. 156.

Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Männliche Homosexualität als Thema der deutschen problemorientierten Literatur seit den 1950er Jahren. Der Einfluss des sozialen Umfelds
Untertitel
Am Beispiel von "Verwirrnis" von Christoph Hein, "Kleinstadtnovelle" von Ronald M. Schernikau und "#ichwillihnberühren" von OJ&ER
Hochschule
Univerzita Jana Evangelisty Purkyně v Ústí nad Labem  (Philosophische Fakultät, Institut für Germanistik)
Autor
Jahr
2021
Seiten
128
Katalognummer
V1039340
ISBN (eBook)
9783346456137
ISBN (Buch)
9783346456144
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anonymität, Coming-Out-Prozess, Christoph Hein, Homophobie, Homosexualität, Erziehungsmodelle, Identitätsbildung, Kleinstadtnovelle, Liberalisierung, problemorientierte Literatur, OJ&ER, Ronald M. Schernikau, Verwirrnis, Vorurteile, #ichwillihnberühren.
Arbeit zitieren
Karel Mika (Autor:in), 2021, Männliche Homosexualität als Thema der deutschen problemorientierten Literatur seit den 1950er Jahren. Der Einfluss des sozialen Umfelds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039340

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