Hat Immanuel Kant die eigene Rassentheorie in seinen Spätschriften der 1790er Jahre tatsächlich verworfen?

Eine kritische Diskussion der Thesen von Pauline Kleingeld zu Kants Rassismus


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

Das Problem der Zeitlichkeit:

Kants Rassismus:

Der historische Kontext:

Pauline Kleingelds zentrale Thesen und Argumente:

Kritische Diskussion der Thesen von Pauline Kleingeld:

Fazit:

Literaturverzeichnis:

Einleitung:

Der Konigsberger Philosoph Immanuel Kant gehort zu den wenigen Philosoph*Innen, die auch aufterhalb der akademischen Sphare bis heute grofte Aufmerksamkeit genieften, insbesondere, wenn Fragen der Moral-, der Erkenntnis- oder der Rechtsphilosophie diskutiert werden sollen. Dass Immanuel Kant wie viele andere Aufklarungsphilosophen aufterdem ausfuhrliche Rassentheorien entwarfen, wird dabei nur selten thematisiert. Im Rahmen der „Black Lives Matter“- Bewegung ist allerdings erneut die Diskussion entfacht, welchen Stellenwert der Rassismus in Kants Anthropologie einnimmt und wie er in Bezug auf sein Gesamtwerk zu bewerten ist. Diese Arbeit soll als Beitrag verstanden werden, eine Antwort auf die Frage nach dem Spannungsfeld von Rassismus und Universalismus bei Immanuel Kant zu finden.

Immanuel Kant gilt eigentlich gemeinhin als Wegbereiter des kritischen Denkens und der Aufklarung. Selbst Kritiker*Innen Immanuel Kants und der Aufklarung, wie Theodor W. Adorno, sehen in Kants Kritik der reinen Vernunft den Beweis, dass „er es (...) mit der Kritik als substantiellem Prinzip des Philosophierens ernst gemeint habe“ (Reitemeyer 2009: 2). Trotzdem lassen sich in den heute weniger bekannten anthropologischen Schriften und Vorlesungen Textstellen wie die folgende finden: „Der Neger kann disciplinirt und cultivirt, niemals aber acht civilisiert werden. Er verfallt von selbst in die Wildheit. (...) Amerikaner und Neger konnen sich nicht selbst regiren. Dienen also nur zu Sclaven.“ (Anthr., AA XV: 878).

Wie kann es nun sein, dass sich ausgerechnet im Herzen der Aufklarung eindeutig antiaufklarerische und rassistische Aussagen finden lassen, die diametral dem entgegen stehen, was wir unter kritischem Denken verstehen? Glucklicherweise finden sich in der zeitgenossischen Philosophie vermehrt Theoretiker*Innen, die dieser Frage nachgehen; zu ihnen gehort Robert Bernasconi, dessen Ideen neben dem Artikel „Kant's second thoughts on race“ von Pauline Kleingeld, die Grundlage fur die folgende Literaturanalyse darstellen sollen.

In der aktuellen Forschungsliteratur zu diesem Thema wird nicht diskutiert, ob Kants Aussagen in den anthropologischen Schriften rassistisch seien, denn dass sie es sind, bleibt weiterhin unbestritten. Vielmehr wird diskutiert, wie man diese Passagen in Verhaltnis zu seinem Gesamtwerk lesen soll. Pauline Kleingeld teilt den bisherigen Forschungskanon in drei philosophische Lager ein: Die erste Gruppe, zu der vornehmlich postkoloniale Philosoph*innen zahlen, lese Kant als „consistent inegalitarian“, d.h., sie vertreten die Position, dass Kant konsequent in der nicht-egalitaren Haltung sei (Kleingeld 2007: 575). Die zweite Gruppe lese Immanuel Kant als „inconsistent egalitarian“ (vgl. ebd.), also als einen Philosophen, der eine wirklich egalitare Philosophie vorgelegt habe, diese jedoch nicht konsequent in der Theoriebildung verfolge. Der dritten Lesart nach habe Immanuel Kant zu Beginn der kritischen Periode seine Meinung zu unterschiedlichen Hierarchien innerhalb der Menschengattung geandert (vgl. ebd.). Entgegen dieser Deutungen arbeitet Pauline Kleingeld im oben genannten Artikel die These heraus, dass Immanuel Kant seine Meinung erst Anfang der 1790er Jahre hin zu einem kosmopolitischeren Standpunkt geandert habe.

Als Erstes soll erklart werden, wie diese Arbeit mit der Zeitlichkeit von Kants Schriften umgeht, welche Auspragung rassistischen Denkens sich Kant uberhaupt zuschreiben lasst und in welchem gesellschaftlichen Kontext diese Aussagen getatigt wurden. Anschlieftend sollen die wichtigsten Thesen aus Pauline Kleingelds Artikel „Kant's second thoughts on race“ herausgearbeitet und anschlieftend kritisch gepruft werden, um im Fazit eine Antwort auf die Frage: „Hat Immanuel Kant in seinen Spatschriften der 1790er Jahre, tatsachlich die eigene Rassentheorie verworfen?“ zu finden.

In der Forschungsliteratur zu diesem Thema wird haufig betont, dass Immanuel Kants Rassismus zusammen mit seinem Sexismus und Antisemitismus untersucht werden soll. Der Rahmen dieser Arbeit ermoglicht allerdings nur eine Auseinandersetzung mit seinem Rassismus. Fur weitere Forschungen im Bereich der kritischen Aufarbeitung der Aufklarungsphilosophie sollten aber auch diese Ideologien untersucht werden.

Wenn in dieser Arbeit Begriffe wie „Menschenrasse“ oder „Neger“ verwendet werden, bedeutet dies keineswegs, dass ich glaube, dass die Verwendung dieser Begriffe redlich ist, oder dass es so etwas wie unterschiedliche „Menschenrassen“ uberhaupt gibt. Bei der Behandlung dieses Themas wird es allerdings nicht moglich sein, diese Begriffe auszuklammern; dies betrifft u.a. Zitate aus den Originaltexten oder englischsprachigen Sekundarliteratur.

Das Problem der Zeitlichkeit:

Fur die Beantwortung der oben genannten Forschungsfrage erweist sich das Problem der Zeitlichkeit als erste Herausforderung: Zum einen hat sich die Gesellschaft seit Immanuel Kants Lebzeiten radikal verandert, zum anderen hat sich ebenso mit der Gesellschaft, die Philosophie und die Sprache verandert. Deshalb handelt es sich bei Kants Rassismus um einen abstrakten philosophischen Untersuchungsgegenstand, der kurze Exkurse in die Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und politische Ideengeschichte notwendig macht. Weiter wird sich diese Arbeit nicht nur personenbezogen mit Immanuel Kant beschaftigen, sondern auch problembezogen mit Ideologien und Denkrichtungen des achzehnten Jahrhunderts. Die Schwierigkeit, mit philosophischen Texten umzugehen, die vor langer Zeit verfasst worden sind, beschaftigt die Philosophie seit Jahrhunderten und es herrscht alles andere als Einigkeit daruber, wie methodisch vorgegangen werden muss (vgl. Busen und Weift 2013: 1). In Anlehnung an Walter Benjamin soll dieser Arbeit der Gedanke zugrunde liegen, „dass Sach- und Wahrheitsgehalt eines Werks mit fortschreitender Zeit auseinandertreten“ (Weiftpflug 2013: 12). Der Zeitunterschied wird dadurch nicht fur die Kritik hinderlich, sondern dienlich, denn durch die Erfahrungen der letzten zwei Jahrhunderte von Kolonialismus, Imperialismus und Nationalsozialismus wird die Kritik an Immanuel Kants Philosophie offensichtlicher, als es vielleicht fur den*ie ein oder andere(n) seiner Zeitgenoss*Innen noch der Fall war. Wir konnen auf diese Weise den Zeitunterschied als „Prufstein der Kritik“ betrachten (ebd.), denn diejenigen Ideen Immanuel Kants, die dem Common Sense seiner Zeit entsprechen, erschienen seinen Zeitgenoss*Innen als selbstverstandlich, sind heute allerdings in Teilen hochst erklarungsbedurftig.

Kants Rassismus:

Es ist anzumerken, dass zu Immanuel Kants Lebzeiten die (Natur-)Wissenschaften noch nicht uber die Erkenntnisse von Charles Darwin oder Gregor Mendel verfugten und daher wirken aus heutiger Perspektive auch die weniger rassistischen Passagen aus Immanuel Kants anthropologischen Schriften in vielen Punkten sehr seltsam. Ein erster Gedanke zu diesem Thema legt den Schluss nahe, dass Kant sprichwortlich ein Kind seiner Zeit war und die rassistischen Thesen dem ublichen Common Sense entsprachen. Dieser Gedanke muss allerdings aus mehreren Grunden differenziert werden. Als erstes ist hier zu bemerken, dass mehrere Zeitgenossen Immanuel Kant wiederholt und ausfuhrlich dafur kritisiert haben, dass sowohl die Erkenntnistheorie seiner Anthropologie, sowie die rassistischen Schlussfolgerungen fehlerhaft seien (vgl. Riedel 1981: 49). So hat beispielsweise der deutsche Naturforscher und Reiseschriftsteller Georg Forster Immanuel Kant aus einer humanistisch-christlichen Perspektive heraus dafur kritisiert, dass das „naturgeschliche Theorem [...], das zur Rechtfertigung der Sklaverei dienen kann“, sich nicht mehr „ethisch kompensieren“ lasse und die Gefahr berge, dass humanistische Ideale in der Aufklarung verloren gehen konnen (ebd.). Man kann Kants Schriften auch nicht als ungluckliche und marginale Fehltritte werten, da Immanuel Kant nicht nur mehrere Vorlesungen und hunderte Seiten der Anthropologie gewidmet hat, sondern er versteht sich, wie aus den Briefen mit Marcus Marz hervorgeht, als Begrunder der (philosophischen) Anthropologie (vgl. Baranzke 2002:154). Seine Anthropologie- Vorlesungen zahlten zu den am besten besuchten seiner Vorlesungen und sie erfuhren auch nach Kants Tod grofte Aufmerksamkeit (vgl. ebd). Auch wenn er es offensichtlich hatte anders wissen konnen, leitete Immanuel Kant aus fehlerhaften Reiseberichten eine Form des Rassismus ab, die vor allem die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und die Anpassung daran als wichtigste Ursache fur das unterschiedliche Verhalten und das unterschiedliche Aussehen der Menschen verantwortlich macht (vgl. Kleingeld 2007: 575). Diese Idee hat grofte Aufmerksamkeit im Europa des achtzehnten Jahrhunderts gefunden und wurde nicht nur von Immanuel Kant vertreten (vgl. Muhlmann 1968: 30). Diese unterschiedlichen Merkmale sind bei Immanuel Kant nicht wertfrei, sondern wie aus dem eingangs vorgestellten Zitat hervorgeht, hierarchisiert. Ganz oben in der Hierarchie steht seiner Meinung nach die „Race der Weiften“ (P.G., AA IX, 316).

Einige Zeitgenossen Immanuel Kants haben offenbar bereits erkannt, dass seine Argumente koloniale Herrschaft rechtfertigen und in der Tat wurde im spaten neunzehnten Jahrhundert koloniale Herrschaft durch abolitionistische Rhetorik gerechtfertigt (Eckert 2012: 1), die sich zwar von Immanuel Kants Philosophie unterscheidet, jedoch liest sich Kants Beschreibung von Afrikanern wie eine sakulare und moralistische Version des Abolitionismus des achtzehnten Jahrhunderts. Dieser Gedanke wird spater noch einmal aufgegriffen und weiter erklart werden. Aus den genannten Grunden muss der Rassismus von Immanuel Kant historisch und nicht nur analytisch begriffen werden. Immanuel Kant kann mit dem „Kind seiner Zeit“ Argument auch deshalb nicht verteidigt werden, da es so etwas wie einen „Zeitgeist“ nicht gibt (Firla 1997: 13). Jede Kultur ist zu jeder Zeit von sehr vielen unterschiedlichen Diskursen gepragt und wie oben gezeigt wurde, hatte Immanuel Kant die Wahl, im Diskurs die rassistische oder die antirassistische Position einzunehmen und entschied sich fur erstere.

Der historische Kontext:

Bevor auf Pauline Kleingelds Argumentation naher eingegangen werden kann, mussen historische Entwicklungen berucksichtigt werden, die sich zu Kants Lebzeiten zugetragen haben. Die politischen, okonomischen und sozialen Strukturen seiner Zeit unterlagen enormen Transformationen, die hier aber nicht in Ganze wiedergegeben werden konnen. Daher soll sich der Blick auf die Sklaverei und koloniale Herrschaft der Europaer sowie deren ideologische Rechtfertigungen begrenzen. Die Franzosen Georges-Louis Leclerc de Buffon und Charles de Montesquieu, auf welche Immanuel Kant sich bezieht, teilten das populare Narrativ, wonach sich die „klimatischen Auswirkungen auf Physis und Psyche in vorgeschichtlicher Zeit genetisch fixiert hatten“ (Firla 1997: 8). Dieses Narrativ diente in erster Linie der Rechtfertigung der Sklaverei, die wie im folgenden Abschnitt gezeigt werden soll, auch in Deutschland ab den 1790er Jahren unpopularer wurde. Dass Immanuel Kant nicht unbeeindruckt von den Debatten seiner Zeit war, zeigt die Nahe seiner Argumentation zu den Ideologien seiner Zeit. Sebastian Jobs fasst ein europaisches Narrativ des achtzehnten Jahrhunderts folgendermaften zusammen: „Im rassistischen Weltbild europaischer Handler waren afrikanische Arbeiter wegen ihrer vermeintlichen korperlichen Starke ideale Arbeitskrafte - gleichzeitig rechtfertigten die Europaer die Versklavung mit der vermeintlichen intellektuellen und kulturellen Unterlegenheit der Entfuhrten“ (Jobs 2016: 1). An dieses Narrativ scheint Immanuel Kant mit der Aussage: „Der Neger kann disciplinirt und cultivirt, niemals aber acht civilisiert werden“ anzuknupfen (Anthr., AA XV: 878).

Mit dem Aufkommen der Abolitionismusbewegung spatestens in den 1780er Jahren, wurde die Sklaverei allerdings von britischen Christ*Innen sowie von Handlern und Okonomen als unmoralisch und unrentabel kritisiert (vgl. Jobs 2016: 1). Auch hier knupft Immanuel Kant an einen kolonialen Diskurs an und kritisiert 1795 im gleichen Satz die Unrentabilitat sowie das moralische Problem der Sklaverei (ZeF., AA VIII, 359). Nicht nur Immanuel Kant bewegte sich hier in einem ideologischen Widerspruch, sondern auch die damaligen europaischen Groftmachte. Beispielsweise wurde es wahrend der Franzosischen Revolution schwer zu begrunden, wie liberte, egalite, fraternite mit Sklaverei einhergehen sollte, schlieftlich feierte Europa die vermeintliche moralische und kulturelle Uberlegenheit gegenuber dem Rest der Welt. Um diesen Widerspruch aufzulosen musste entweder die Sklaverei abgeschafft, oder nicht-Europaer zu nicht- Menschen erklart werden. Im weiteren Verlauf der abolitionistischen Bewegung, die sich als Ziel setzte, die Sklaverei abzuschaffen, entwickelte sich jedoch eine Form kolonialer Ideologie, die eine andere Antwort fand. Die abolitionistische Bewegung betrachtete namlich den afrikanischen Kontinent als einen von Sklaverei durchzogenen Kontinent, in dem nicht nur Europaer Afrikaner versklaven, sondern vor allem Afrikaner sich gegenseitig (vgl. Jobs 2016: 1). Eben diese paternalistische Perspektive ermogliche, dass sich koloniale Politik in Afrika im Deckmantel christlich-humanistischer Motive etablieren und rechtfertigen konnte (vgl. ebd.). Im Selbstverstandnis begriffen sich die Kolonialmachte als „zivilisationsbringend, die Afrikaner hingegen als Sklavenhalter, zur Ordnung und Selbstkontrolle nicht fahig“ (ebd.). Auf diese Weise war es moglich, ohne die (pseudo-)biologistischen Rassismen weifte Vorherrschaft zu rechtfertigen.

Pauline Kleingelds zentrale Thesen und Argumente:

Um zu ihrer zentralen These zu gelangen, analysiert Pauline Kleingeld die bisherige Forschungsliteratur zur Beantwortung der Frage nach der angemessenen Haltung von kantianischen Theoretiker*Innen oder Kant-Kommentatoren zu seinem Gesamtwerk (vgl. Kleingeld 2007: 582). Wie der Titel ihres Artikels bereits vorweg nimmt, kommt sie zum Schluss und zur Haltung, dass Immanuel Kant seine Meinung geandert habe. Die erste Gruppe aus der Forschungsliteratur beantworte die Frage damit, dass Kants Rassismus ein bedauerlicher und entsetzlicher Fakt sei, aber dass sich diese Passagen nur an der Peripherie seiner Philosophie befanden und sich von der restlichen Philosophie leicht isolieren lieften (vgl. ebd.). Nach deren Ansicht seien Immanuel Kants politische und moralphilosophische Ansichten daher nicht mit dem Rassismus seiner anthropologischen Schriften kontaminiert (vgl. Kleingeld 2007: 583). Die zweite Gruppe deute den Sachverhalt umgekehrt und kritisiere erstere scharf (vgl. ebd.). Kants Moral- und Rechtsphilosophie sei alles andere als universalistisch und stehe daher nicht in Widerspruch zu seinem Rassismus. Wenn Immanuel Kant beispielsweise schreibt, dass niemand fur fremde Zwecke instrumentalisiert werden darf und der Mensch als Selbstzweck respektiert werden muss, dann meine er nach Auffassung der zweiten Gruppierung in Wirklichkeit, dass es weifte Menschen seien, die respektiert werden mussen und nicht instrumentalisiert werden durfen. Sein sogenannter Universalismus sei in Wirklichkeit nichts anderes als ein weifter Egalitarismus (vgl. Kleingeld 2007: 583). Beide Seiten fokussieren sich nach Pauline Kleingelds Ansicht (einseitig) auf die Frage nach dem Zusammenhang von Rassismus und Moral -und Rechtsphilosophie (vgl. Kleingeld 2007: 584). Dieses Bild mochte sie differenzieren, indem sie feststellt, dass die wichtigsten Prinzipen (wie der Kategorische Imperativ), zwar neutral gegenuber Hautfarbe und „Race“ formuliert seien, der Rassismus jedoch spurbaren Einzug in die Nebenprinzipien und Themenauswahl gefunden habe (vgl. ebd.). Daher fordert sie, dass das grofte Ganze seiner praktischen Philosophie betrachtet werden soll, um zu beurteilen, welche Rolle der Rassismus im kantischen Denken spielt. Es seien eben nicht nur einzelne empirische Irrtumer, die isoliert werden konnen, sondern der Rassismus sei systematisch in die Theoriebildung mit eingeflossen, auch wenn die wichtigsten Prinzipien nicht rassistisch formuliert seien (vgl. ebd.). Das Ziel dieser Herangehensweise sei es, herauszufinden was notig sei, um den Rassismus aus seinem Gesamtwerk beiseite zu schieben (vgl. Kleingeld 2007: 584). Die Schwierigkeit dabei liege darin, dass es notwendig sei, Schwachen der Theorien durch positive Veranderungen zu ersetzen und nicht nur aus dem Gesamtwerk herauszustreichen. Dies macht Pauline Kleingeld am Beispiel fest, dass Immanuel Kant seine politischen Theorien in den 1790er Jahren durch das sogenannte Weltburgerrecht erganzt habe, das inkompatibel mit Sklaverei und Rassismus sei (vgl. ebd.). Davon ausgehend formuliert sie ihre wichtigste These in diesem Artikel und zwar, dass Immanuel Kant seine Meinung zu den verschiedenen „Menschenrassen“ zu Beginn der 1790er Jahre radikal verandert habe. Trotzdem warnt sie, dass kantianische Theoretiker*Innen, die die Struktur der kantischen Moralphilosophie ubernehmen, ohne kritisch zu beobachten, dass Rassismus in manche Nebenprinzipien Einzug erhalten haben könnte, Gefahr laufen, den Rassismus weiterzutragen (vgl. Kleingeld 2007: 585).

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hat Immanuel Kant die eigene Rassentheorie in seinen Spätschriften der 1790er Jahre tatsächlich verworfen?
Untertitel
Eine kritische Diskussion der Thesen von Pauline Kleingeld zu Kants Rassismus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1039481
ISBN (eBook)
9783346454041
ISBN (Buch)
9783346454058
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Rassismus, Black, Lives, Matter, BLM, Ideologiekritik
Arbeit zitieren
Naim Mejdoub (Autor:in), 2020, Hat Immanuel Kant die eigene Rassentheorie in seinen Spätschriften der 1790er Jahre tatsächlich verworfen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039481

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