Das Gemälde "Schützengraben" 1923 von Otto Dix


Studienarbeit, 2021

22 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Otto Dix und der Erste Weltkrieg

I. Der Krieg in der Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg II. Otto Dix als Vertreter der Vorkriegsgeneration, als freiwilliger Kriegsteilnehmer und als Dokumentalist des Ersten Weltkriegs Schützengraben – das wahre Gesicht des Krieges

I. Das Gemälde Schützengraben I.1. Entstehung I.2. Beschreibung I.3 Wahrnehmung durch Kritik und Publikum

II. Das Schicksal des Gemäldes II.1 Die Kunst der Nationalsozialisten und ihr Urteil über das Gemälde II.2 Die Ausstellungen des Gemäldes nach 1933 II.3. Die verlorene Spur des Gemäldes

Schluss

Quellen:

Einleitung: Otto Dix und der Erste Weltkrieg

I. Der Krieg in der Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg

Der Krieg ist ein ständiger Begleiter der Menschheitsgeschichte. Bis zu 95% aller bekannten Gesellschaften haben darauf zurückgegriffen, um äußere oder innere Konflikte zu lösen. Nach einer Überzeugung, die sowohl in der Antike, als auch im Mittelalter und in der Neuzeit verbreitet und etwa durch J. J. Rousseau vertreten war, war die Urzeit die einzige friedliche Periode in der Geschichte, und der primitive Mensch (unzivilisierter Wilder) war ein Geschöpf ohne jede Militanz und Aggressivität außer in einzelnen Fällen. Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum Kriege entstehen und welchen Charakter sie tragen. Über das Wesen des Krieges hat sich S. Freud in einem Brief an A. Einstein sehr merkwürdig geäußert. Er schließt den Menschen in das Tierreich ein, wo Interessenkonflikte und Streitfragen durch die Gewalt entschieden werden. S. Freud macht auch auf die Unterschiede zwischen der menschlichen und tierischen Gewalt aufmerksam und zeigt, wie die menschliche Gewalt sich im Laufe der Geschichte entwickelte1.

Krieg als rabiateste Manifestation des menschlichen Willens hat immer Konsequenzen. Zu den negativen Folgen eines Krieges kann in jedem Fall für beide feindlichen Seiten neben dem Verlust von Menschenleben auch das gehören, was als humanitäre Katastrophe bezeichnet wird: Hungersnöte, Epidemien, Vertreibung von Bevölkerungsgruppen und so weiter. Zu den positiven Effekten von kriegerischen Auseinandersetzungen gehören der Informationsaustausch (dank der Schlacht von Talas lernten die Araber von den Chinesen das Geheimnis der Papierherstellung2 ) und die "Beschleunigung des Laufs der Geschichte" (die sogenannten linken Sozial-Demokraten, betrachteten den Krieg als Katalysator für die soziale Revolution) sowie die Beseitigung von Widersprüchen (Krieg als dialektisches Moment der Negation bei Hegel). Einige Forscher bezeichnen auch die folgenden Faktoren als positiv für die menschliche Gesellschaft als Ganzes (nicht für den Einzelnen):

Zuerst bringt der Krieg die biologische Selektion in die menschliche Gesellschaft zurück, indem die Nachkommen von denjenigen Individuen gezeugt werden, die am besten zum Überleben angepasst sind, während unter normalen Bedingungen in der menschlichen Gesellschaft die Gesetze der Biologie bei der Partnerwahl stark abgeschwächt sind. Zweitens werden in der Zeit des Krieges alle Verbote aufgehoben, die den Menschen in der Gesellschaft zu normalen Zeiten auferlegt werden. Infolgedessen kann der Krieg als ein Mittel und eine Methode gesehen werden, um psychologische Spannungen innerhalb einer ganzen Gesellschaft abzubauen (zu diesem Punkt werden wir noch im Laufe der vorliegenden Arbeit zurückkehren). Drittens ist die Angst vor der Auferlegung des Willens eines anderen, die Angst vor der Gefahr, ein außergewöhnlicher Anreiz für den technischen Fortschritt. Es ist kein Zufall, dass viele Innovationen zunächst für militärische Bedürfnisse erfunden werden und erst dann ihre Anwendung im friedlichen Leben finden.

Als eine solche positive Folge des Krieges kann man auch die Gründung der deutschen Nationalstaats mit der Proklamation des Zweiten Deutschen Reiches im Versailler Schloss nach dem Sieg im Preußisch-Französischen Krieg 1870-1871 betrachten. Die zukunftsgerichtete Politik des damaligen preußischen Ministerpräsidenten und Außenministers Otto von Bismarck einigte zahlreiche andere große und kleine deutsche Staaten um Preußen als Kriegssieger. Der Krieg wurde infolgedessen noch viel mehr verherrlicht. Der Geist des ererbten preußischen Militarismus umfasste alle Lebensbereiche. Ein starkes Militär galt als Garantie für ein starkes Land und für einen wichtigen Platz innerhalb der internationalen Ordnung. Außerdem gab es für das starke Heerwesen des kaiserlichen Deutschland noch eine wichtige Ursache. Das deutsche Lebendige Museum Online äußert sich darüber so: „Ausgehend von der Überzeugung, Frankreich werde den Verlust von Elsass-Lothringen nie akzeptieren und stets bestrebt sein, das 1871 an Deutschland verlorene Gebiet mit allen Mitteln zurückzugewinnen, knüpfte Bismarck ein Bündnissystem mit Beistands- und Neutralitätsabkommen. Jedoch suchte Deutschland keine Aussöhnung mit Frankreich, das immer nach einer Revanche für die Niederlage von 1870/71 trachtete“3. 1874 wurde die siebenjährige Wehrpflicht gesetzlich eingeregelt. Drei Jahre musste man in der aktiven Armee dienen und weitere vier Jahre in der Reserve. Offiziere und andere Militärangehörige gehörten zu den gesellschaftlich wichtigsten Personen. Militärische Tugenden wie Gehorsam, Disziplin und Befehlserfüllung wurden sehr hoch geschätzt. Sogar das Alltagsleben der Kinder und Jugendlichen wurde militarisiert: Kinderuniformen und Matrosenanzüge waren im kaiserlichen Deutschland sehr modern und begehrt; Kinder spielten mit Militärspielzeugen und es galt das Recht des Stärkeren. Diese Verehrung von Militär und Krieg trug dazu bei, dass ein großer Teil der Bevölkerung den Krieg unterstützte und die ersten Soldaten begeistert in den Krieg zogen, als der Erste Weltkrieg ausbrach.

Der Militarismus gehört zu den negativ besetzten Begriffen, die mit dem Zweiten Deutschen Reich assoziiert werden, wie Lorenz Abu Ayash in einem zum 150. Jahrestag der Gründung des deutschen Nationalstaates geschriebenen Artikel vom 4.01.2021 feststellt: „Seit seiner Gründung wurde der erste deutsche Nationalstaat mit Militarismus, Großmachtansprüchen, kolonialen Ambitionen und wachsendem Antisemitismus in Verbindung gebracht – aber auch mit der Ausweitung des Wahlrechts, mit Erfolgen der Arbeiter- und der Frauenbewegung sowie dem Beginn der Moderne“4.

II. Otto Dix als Vertreter der Vorkriegsgeneration, als freiwilliger Kriegsteilnehmer und als Dokumentalist des Ersten Weltkriegs

In dem Wilhelminischen Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg gewann der Soldatenstand in der Bevölkerung eine Aura, die durch besonders hohe Achtung, Respekt, Ehrfurcht getragen wurde. Uniformträger hatten an sich eine hierarchisch höherstehende Position inne. Ihr zackiges strenges Verhalten bestimmte das Männlichkeitsbild und damit das Bild des typischen Deutschen zu dieser Zeit. Passivität und Feigheit wurden in der Gesellschaft als Fehler wahrgenommen, besonders unter den jungen Leuten. Pazifismus und Humanität entsprachen den Forderungen der Zeit keinesfalls. Es war kein Wunder, dass während des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs Abertausend junge Leute es als ihre Pflicht und Ehre betrachteten, ohne zu zögern als Freiwillige sich zu melden und für das Vaterland zu kämpfen. Zu ihnen gehörten solche großen Maler wie Max Beckmann, Oskar Kokoschka (als Bürger von Österreich-Ungarn trat in Niederösterreich-Mährisches Dragonerregiment „Erzherzog Josef“Nr.15 ), Ernst Ludwig Kirchner, George Grosz, und mehrere andere bekannte Künstler, die ihre Beziehung zum Krieg später veränderten und die Grausamkeiten des Krieges in ihren Werken widerspiegelten.

Auch der 23-jährige Maler Otto Dix meldete sich wie mehrere seiner Zeitgenossen freiwillig zum Militärdienst, als der Erste Weltkrieg im August 1914 ausbrach. Eva Karcher charakterisiert diese Zeit wie folgt : „Von der gesamten jungen europäischen Generation wurde der Krieg zunächst als Symbol des Aufbruchs in neue Zeit, als Zeichen des fälligen Abschieds von einer in bürgerlicher Engstirnigkeit und Prüderie gefangenen Epoche willkommen geheißen“5. Die Jugend fühlte sich mit dem Ausbruch des Krieges euphorisch und die Professorenschaft teilte diese Gefühle, sie rief die jungen Menschen zum Kampf auf und bezeichnete den Krieg, wie Eva Karcher schreibt, als ein Wunder, etwas Großes, ein durch göttliche Fügung gesandtes Heil. Die italienischen Futuristen bezeichneten den Krieg als „die einzige wichtige Hygiene der Welt“6.

Dix zog in den Krieg mit zwei Büchern in der Tasche, mit der Bibel und Also sprach Zarathustra von Nitzsche. Laut Renate Müller-Buck sei Dix zeitlebens ein großer Nietzsche-Verehrer gewesen7. Der Maler hat seine künstlerische Tätigkeit mit der Darstellung dieses Philosophen angefangen, er hat seine Büste geschaffen, das einzige plastische Werk von Dix, und hat seine künstlerische Karriere kurz vor seinem Tode mit der graphischen Darstellung von Nietzsches Kreuzigung beendet. Den unmittelbaren Kriegskampf begann Dix erst im Herbst 1915 nach einer einjährigen Schulung an der Artillerie-Schule in der Umgebung von Dresden. Schon am Anfang des Kriegsdienstes im Herbst 1915 machte Dix Kriegszeichnungen, die er seiner Freundin Helene Jakob nach Dresden zur Aufbewahrung schickte. Diese insgesamt 46 handtellergroßen Bleistift-, Kohle- und Tuschkriegszeichnungen auf den Rückseiten von Feldpostkarten gehören als „short stories“ zum wertvollsten Besitz der Kunstgalerie Gera.

Ein Jahr später begegnete Otto Dix auf dem Schlachtfeld Otto Griebel, der sein Mitschüler an der Kunstgewerbeschule gewesen war und sich nun wunderte, wie viel Dix im Laufe eines Jahres unter Feldbedingungen geschaffen hatte. Dix zeigte ihm Blätter, auf denen er Kriegserlebnisse in Kreide, Tusche oder in Tempera bald expressionistisch, bald futuristisch festgehalten hatte. Otto Griebel erinnerte sich später an Dix’ künstlerische Beschäftigung während des Krieges: „Mir erschien es kaum begreiflich, dass man so vieles im Graben fertigbringen konnte, denn ich selbst fand nur wenig Möglichkeit dazu. Während wir die Blätter unter reger Aussprache betrachteten, grienten die Leute seiner Gruppe belustigt von ihren Drahtpritschen zu uns herab, worauf Dix meinte:“ Weißt du, diese Kerle fressen so etwas nicht und halten mich für verrückt ! „Am MG(Maschinengewehr)-Stand droben hatte Dix zwei Tafeln des Feindgeländes realistisch in Öl gemalt, die eine Orientierung erleichterten“8. Jede freie Minute zeichnete Dix alles, was er im Krieg sah: den Alltag der Soldaten; die Schützengräben, die Schlachtfelder, einzelne Soldaten, Verwundete und so weiter. Rückblickend sagte Dix lange nach dem Ersten Weltkrieg: „Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen. Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen... Der Krieg ist eben etwas Viehmäßiges: Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche...“9

Schon im Jahre 1916 stand eine kleine Ausstellung von Dix’ Kriegszeichnungen in der Galerie Arnold in Dresden. Helene Jakob hatte die ihr anvertrauten Arbeiten Dix’ der Galerie zur Verfügung gestellt. Dix kämpfte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und gilt als sein Dokumentalist. Die Grauen des Krieges wurden zum Grundbestandteil seiner Nachkriegsbilder. Eines dieser Bilder ist für uns von großem Interesse. Die Erforschung des Schicksals des Bildes Schützengraben (Beilage 1) von 1923 ist das Ziel der vorliegenden Arbeit. Bei dieser Erforschung werden wir versuchen, folgende Frage zu beantworten: Inwiefern kann die Wahrheit der Kunst Ablehnung auslösen?

Schützengraben – das wahre Gesicht des Krieges

I. Das Gemälde Schützengraben

I.1. Entstehung

Otto Dix beendete den Krieg in Schlesien, verbrachte Weihnachten in seiner Heimatstadt Gera und setzte sein Studium Anfang 1919 an der Dresdener Kunstakademie fort, um, wie er selbst gesagt hatte, „ein richtiger Maler zu werden“10. Mit jungen expressionistisch malenden Künstlern, die sich in zwei zu dieser Zeit in Dresden existierenden Künstlergruppen nicht wohl fühlten, gründete er am 29. Januar 1919 die Dresdener Sezession – Gruppe 1919. Die Hauptgrundsätze der Gruppe waren Wahrheit – Brüderlichkeit – Kunst. Hatte O. Dix früher keine toten Soldaten gemalt, begann er erst nach dem Krieg ab 1920 die wahren Schrecken des Krieges zu malen. Zu seinen Arbeiten der Kriegsperiode meint Kira van Lil, sie seien vom Verismus noch weit entfernt und erst einige Jahre später sei der Maler zum Kern des Verismus in den Werken gekommen, die er aus seinen Erinnerungen an den Krieg geschaffen habe: „Sie [die Kriegszeichnungen] stilisieren das Gesehene in einer Mischung aus expressionistischer und futuristischer Vereinfachung und sind weit von dem späteren Verismus entfernt, als dessen Hauptvertreter Dix gilt. In den Gefechtspausen zeichnete er seine Kameraden in genrehaften Szenen, vor allem aber faszinierte ihn die Landschaft: die bizarren Formen der Trümmerstädte und der zerschossenen Wälder sowie die durch Schützengräben und Granatenexplosionen umgestaltete Erde, Verwundete, Sterbende und Gefallene hingegen kommen allenfalls als Platzhalter in Umriss-Formen vor, weder Töten noch Sterben wird in seinen Zeichnungen festgehalten... Protokolle des Krieges fertigt er in diesen Jahren nicht an. Solche Werke entstehen erst später, aus der Erinnerung“11.

Er nahm sein Studium an der Dresdener Kunstakademie wieder auf, um seine künstlerische Meisterschaft zu verbessern und künstlerisches Unvermögen zu vermeiden. Dazu besuchte er auch Anatomievorlesungen des Friedrichstädter Krankenhauses, um Leichen, menschliche Körperteile einschließlich des Gehirns zu besehen und möglichst naturalistisch darstellen zu können. In Palermo (Italien) besuchte Dix Katakomben unter dem Kapizinerkloster, um Studien von Gebeinen, Schädeln und Mumien anzufertigen. So bereitete sich Dix auf die künstlerische Spiegelung und Wiedergabe der an der Front durchlebten Grausamkeiten, die ihn nicht in Ruhe ließen. Er kommentierte am Ende seines Lebens: „Ich glaube, kein anderer hat wie ich die Realität dieses Krieges so gesehen, die Entbehrungen, die Wunden, das Leid. Ich habe die wahrhaftige Reportage des Krieges gewählt, ich wollte die zerstörte Erde, die Leichen, die Wunden zeigen […]. Ich habe jahrelang, mindestens 10 Jahre lang immer diese Träume gehabt, in denen ich durch zertrümmerte Häuser kriechen musste, durch Gänge, durch ich kaum durchkam. Diese Trümmer waren fortwährend in meinen Träumen“12.

Als Otto Dix Anfang 1923 nach Düsseldorf übersiedelte, war die Arbeit am Gemälde Schützengraben schon im Gange. Das Gemälde wurde in Düsseldorf, in dem Meisterschüleratelier von Heinrich Nauen vollendet. In den drei Jahren, während deren Dix an diesem Gemälde arbeitete, fand er für sich einen neuen Stil, „den schonungslosen Realismus“, wie es Kira van Lil formuliert13.

I.2. Beschreibung

Das 1923 vollendete Gemälde Schützengraben hat eine Größe von 2,49 mal 2,29 m. Es ist in Öltechnik auf Leinwand gemalt. Da das Gemälde verschollen ist, sind nur schwarz-weiße Aufnahmen davon vorhanden (Beilage 1). Im Buch DIX. Zum 100.Geburtstag, das 1991 im Verlag Gerd Hatje erschienen ist, ist dieses Gemälde noch mit einzelnen vergrößerten Elementen abgebildet, was eine genauere Betrachtung erlaubt (Beilage 2). Dix stellt hier das Ergebnis des Krieges dar, er zeigt seine erschreckende Zerstörungs- und Tötungsmacht, das Chaos, zu dem er unausweichlich führt.

Vor dem Betrachter öffnet sich in Naturgröße ein Schützengraben nach einer Schlacht. Im Zentrum des Bildes von dem Vordergrund bis zum Hintergrund zieht sich die Tiefe des Schützengrabens, der nicht mehr seine ursprüngliche Höhe hat. Die Oberfläche des Schlachtfeldes ist fast ausgeglichen und es bleiben nur kleine Vertiefungen des Grabens übrig. Dies weist auf den Einsatz moderner, bisher nicht verwendeter Waffen in den Kampfhandlungen hin. Dix kennt die Kraft solcher Waffen sehr gut und wozu sie fähig sind, weil er selbst als Artillerist diente. Die Schüsse dieser Waffen und ihre Explosionen haben alles zerrissen und mit der Erde vermischt. Das Feuer hat auf seinem Weg alles verbrannt und das Gas hat menschliches Fleisch weggefressen. Die Folgen dieser Kriegshandlungen stellt Dix in diesem Gemälde dar. Im unteren Vordergrund sieht man eine Mischung aus verschiedenen menschlichen Körperteilen, Erde, Metallteilen von Handwaffen, Stacheldraht und verkohltem Holz. Im Zentrum liegt ein männlicher Oberkörper ohne Arme, dessen Kopf gespalten ist, so dass das Gehirn aus dem Schädel fließt. Rechts neben ihm sieht man eine Gasmaske, die zu einem schon zersetzten Skelett gehört. Davor ragt eine eiserne Stange in die Höhe, die vor dem Gefecht vermutlich Stacheldraht getragen hat. Etwas höher die Stange entlang sind Hände zu sehen, die schon ganz dunkel geworden sind. Es scheint, dass sie die eiserne Stange fassen wollen, um aus dieser Hölle sich zu retten. In der linken unteren Ecke liegt die Hälfte eines schon geschwollen und verdunkelten Kopfes, an dem das einzige Auge und der Mund geöffnet sind.

In der rechten unteren Ecke sind brennende Holzteile zu sehen. Darunter sieht man das Fragment einer ganz dunklen Hand, die nur noch drei Finger hat. Etwas höher sind Fragmente eines Maschinengewehrgürtels und eines Gewehrkolbens sichtbar. Genau im Zentrum gibt es einen schwarzen Fleck, die Vertiefung des Grabens, die wie ein schwarzes Loch aussieht, als ob es alles verschlucken wollte. Im rechten mittleren Vordergrund sieht man noch eine Leiche mit ausgestreckter Hand und zerschundener Brust. Höher ist ein weiterer männlicher Oberkörper mit zerschlagenem Gesicht erkennbar, weiter oben auch ein Kopf ohne Körper. Überall zieht sich die Verwesung, Schlamm und noch irgendeine unbestimmte Flüssigkeit. Und als Apotheose des Gemäldes zeichnet Dix eine männliche Leiche ganz oben an der linken Seite. Der erschossene Körper ist auf einem Gerüst aus verbogenen Metallstangen gemalt, als ob er auf einem Altar liegen würde. Ihn beleuchtet die aufsteigende Sonne, die von ihm versteckt wird. Trotzdem beleuchtet die Sonne das Bild der vorherigen Schlacht und deutet auf das hin, was die Menschen angerichtet haben.

Es ist sehr interessant, Berichte von Zeugen zu lesen, die die Farbgebung des Gemäldes kommentieren. Alfred Salmony schrieb zum Beispiel 1924 über dieses Bild: „Der erste Eindruck ist nur : unerhörte Farben. Langsam begreift man entsetzt. Ein Schützengraben liegt gänzlich zerschossen, Material mischt sich mit zerfetzten Leibern, Holzstützen zersplittert, Eisenstangen verbogen, Draht, Gasmaske und Armbanduhr blieben unversehrt. Die Phosphorpfütze bildet den Farbmittelpunkt. Gedärm, Fleisch, Blut hängen umher. Ein Teil der Leichen verwest, weiße Würmer kriechen aus, einige scheinen frisch. In seltsam stehender Stellung haben Soldaten mit zerrissenem Gesicht erhalten, einen warf's aufgespießt auf Stützen. In den Bergen des Hintergrundes dämmert es in herrlichen Farben“14.

[...]


1 „Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist es im ganzen Tierreich, von dem der Mensch sich nicht ausschließen sollte; für den Menschen kommen allerdings noch Meinungskonflikte hinzu, die bis zu den höchsten Höhen der Abstraktion reichen und eine andere Technik der Entscheidung zu fordern scheinen. Aber das ist eine spätere Komplikation. Anfänglich, in einer kleinen Menschenhorde, entschied die stärkere Muskelkraft darüber, wem etwas gehören oder wessen Wille zur Ausführung gebracht werden sollte. Muskelkraft verstärkt und ersetzt sich bald durch den Gebrauch von Werkzeugen; es siegt, wer die besseren Waffen hat oder sie geschickter verwendet. Mit der Einführung der Waffe beginnt bereits die geistige Überlegenheit die Stelle der rohen Muskelkraft einzunehmen; die Endabsicht des Kampfes bleibt die nämliche, der eine Teil soll durch die Schädigung, die er erfährt, und durch die Lähmung seiner Kräfte gezwungen werden, seinen Anspruch oder Widerspruch aufzugeben. Dies wird am gründlichsten erreicht, wenn die Gewalt den Gegner dauernd beseitigt, also tötet. Es hat zwei Vorteile, daß er seine Gegnerschaft nicht ein andermal wiederaufnehmen kann und daß sein Schicksal andere abschreckt, seinem Beispiel zu folgen.“ (FREUD, Sigmund: Warum Krieg? herausgegeben vom Institut für geistige Zusammenarbeit am Völkerbund, Paris, 1933)

2 SEEWALD, Berthold: Die Schlacht am Talas, in: Die Welt, 20.05.2005

3 Lebendiges Museum Online - Das Kaiserreich

4 ABU AYYASH, Lorenz: Editorial [150 Jahre Reichsgründung], Aus Politik und Zeitgeschichte, 1-2/2021

5 KARCHER, Ewa: Otto Dix, Bindlach: Gundrum Verlag, 1992, S. 13

6 KARCHER, S. 13.

7 MÜLLER-BUCK, Renate: „Zu Otto Dix’ Nietzsche-Rezeption“

8 Zitiert nach: HOLLMANN, Andrea und Ralph KEUNING: „Berühmt und berüchtigt. Otto Dix 1891-1969: Biographie“, in: Otto Dix. Zum 100. Geburtstag 1891-1991 [Ausstellung in Stuttgart und Berlin], Stuttgart: Galerie der Stadt, Verlag Gerd Hatje, 1991, S. 15

9 MÜLLER-BUCK, S. 14

10 MÜLLER-BUCK, S. 15

11 VAN LIL Kira: „Ein perfekter Skandal. Der Schützengraben von Otto Dix zwischen Kritik und Verfemung“, in: Uwe FLECKNER (Hg.): Das verfemte Meisterwerk: Schicksalswege moderner Kunst in „Dritten Reich“, Berlin: Akademie Verlag, 2009, S. 52

12 zitiert nach: SCHRÖCK-SCHMIDT, Wolfgang: „Der Schicksalsweg des Schützengraben “, in: Otto Dix. Zum 100.Geburtstag 1891-1991 [Ausstellung Stuttgart und Berlin],Stuttgart: Galerie der Stadt, Verlag Gerd Hatje, 1991, S. 161.

13 VAN LIL, S. 53

14 VAN LIL, S. 56

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Gemälde "Schützengraben" 1923 von Otto Dix
Hochschule
Université de Picardie Jules Verne
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1039611
ISBN (eBook)
9783346481405
ISBN (Buch)
9783346481412
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gemälde, schützengraben, otto
Arbeit zitieren
Albina Goussova (Autor:in), 2021, Das Gemälde "Schützengraben" 1923 von Otto Dix, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039611

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