Platon und sein Höhlengleichnis


Seminararbeit, 2000

17 Seiten


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ABSTRAKT

In meiner vorliegenden Seminararbeit von Platons Höhlengleichnis versuche ich den Aspekt der Zentrierung in die Interpretation mit einzubeziehen.

Mit der Botschaft des Höhlengleichnisses, stellt sich sowohl die Frage nach der Fähigkeit, als auch nach dem Verlangen jedes einzelnen Menschen, nach Bildung in Form von Wissen.

Inwieweit ist der Mensch dazu in der Lage, Wissenskontexte zu erstellen und inwieweit hat er das Bedürfnis danach, aufgrund der Erfahrung, daß ihm Wissen einem gewissen Grad an Sicherheit gewährt?

EINLEITUNG

Das Höhlengleichnis ist in den „Staat“ von Platon eingebettet und dient neben dem dort beschriebenen Sonnengleichnis und dem Liniengleichnis zur Verdeutlichung der Idee des Guten.

Im Sonnengleichnis wird die Idee des Guten mit der Sonne gleichgesetzt.

So wie der Mensch erst durch die Sonne dazu in der Lage ist, Dinge in der Welt zu sehen, so ist es dem Menschen nur durch die Idee des Guten vergönnt, Dinge auf der Welt zu verstehen.

Im Liniengleichnis geht es um die schrittweise Abstraktion von Gegenständen, die letztendlich in der allgemeinsten Grundform, sprich in der Idee, münden.

Hierbei ist das Höhlengleichnis im Zusammenhang mit den beiden anderen Gleichnissen zu verstehen, da sie aufeinander aufbauen.

Die Idee des Guten gilt nicht nur als die Urheberin alles Rechten und Guten, sondern ist zudem der Schlüssel zur Bildung.

Die Ideen sind in einem angenommenen Reich immaterieller, ewiger und unveränderlicher Wesenheiten zu Hause und sind die Urbilder der Realität, nach denen die Gegenstände der sichtbaren Welt geformt sind.

Die Idee verkörpert die Grundform, das Charakteristikum der einzelnen Dinge. Die Existenz der Ideen ist eine objektive, das bedeutet, sie bestehen unabhängig von uns Menschen.

Nur, wer die Idee des Guten einmal geschaut hat, kann einsichtig handeln.

Das Höhlengleichnis beinhaltet Gedanken über die Wahrheit und die Wirklichkeit. Hier lernen wi r, daß die Wahrheit in der Ideenwelt zuhause ist.

Um Zusammenhänge verstehen zu können, muß man die Mutter aller Ideen kennen, denn nur dann ist man auch dazu in der Lage, die anderen Grundformen vollständig zu erfassen.

Auf diesem Wege ist es Einem möglich, Kenntnis über die Vernunft und die Gerechtigkeit zu erlangen.

Um die Bedeutsamkeit dieser Grundform zu verdeutlichen, vergleicht Platon seine Auffassung der Dreiteilung der Seele - Begierde, Emotionen und Vernunft

- mit der Grundaufteilung seines Staates - Bürger, Wächter und Herrscher -.

So wie die Seele nur im Einklang schwingt, wenn die Vernunft herrscht, so kann ein Staat nur funktionieren, wenn sein Herrscher die Prinzipien eben dieser Vernunft anwendet, denn die Vernunft ist das Strebevermögen nach dem Guten. Daher kann auch nur der Gerechte glücklich sein, denn seine Seele befindet sich im Einklang.

Da nur die Philosophen ein sicheres Wissen von der Idee des Guten vorweisen können, sind auch nur jene dazu auserkoren, die Funktion der Herrschaft in Platons Staat zu übernehmen.

Im „Staat“ steht die Frage nach dem idealen Politiker im Vordergrund. Platon macht sich Gedanken darüber, wie ein idealer Staat aussehen könnte. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß es eine Staatsform sein muß, in der die Gerechtigkeit herrscht.

Die Tugend der Gerechtigkeit kann nur durch die Kenntnis der Idee des Guten erlangt werden.

Um eine Polis gerecht regieren zu können, müssen ihre Herrscher diese Kenntnis besitzen, denn jegliches Wissen ist ohne die Kenntnis der Idee des Guten wertlos.

Das Hauptaugenmerk muß auf die Erziehung und Ausbildung der Kinder und Jugendlichen gelegt werden, die später einmal die Staatsgeschäfte übernehmen sollen, wobei das Ziel dieser Erziehung darin besteht, Einsicht in die Idee des Guten zu erlangen.

Im Höhlengleichnis steht die Frage nach der Bildung des Menschen im Vordergrund. Anhand einer Metapher führt uns Platon die verschiedenen Zustände der Wissensbildung vor Augen.

Der Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung des mit Mühen und Schmerzen verbundenen Erkenntnisweges.

Da sich uns Naturzusammenhänge nicht konkret zeigen, muß Wissen von uns Menschen immer erst erworben werden.

NACHERZÄHLUNG VOM HÖHLENGLEICHNIS

Mit dem Höhlengleichnis beschreibt Platon den Aufstieg zu den Ideen. Hierfür verwendet Platon folgendes Bild:

Wir sollen uns Menschen vorstellen, die von Geburt an gefesselt in einer Höhle leben. Sie sind weder dazu in der Lage, ihren Kopf zu wenden, noch sich zu erheben, um ihren Lebensraum zu verlassen.

Der Ausgang, der nach oben führt, liegt hinter ihnen und ihr Blick ist stets auf die vor ihnen liegende Höhlenwand gerichtet.

Vor der Höhle flackert ein Feuer. Zwischen diesem Feuer und dem Höhleneingang befindet sich allerdings noch eine Mauer, hinter der Menschen vorbeilaufen und verschiedene Dinge mit sich tragen.

Durch den flackernden Schein werden diese Objekte auf die Höhlenwand projeziert. Somit sind für die Höhlenbewohner lediglich die Schatten der vorbeigetragenen Dinge bekannt.

Diese Menschen leben in einer Schattenwelt, denn sie kennen nur die Schatten von sich und die Schatten von der ihnen unbekannten Welt.

Nun nehmen wir an, wir würden einen dieser Menschen auswählen und von seinen Fesseln lösen. Wir zwingen ihn aufzustehen und sich umzuwenden. Er würde nur widerwillig seinen gewohnten Lebensraum verlassen.

Doch nun kann er seinen Blick schweifen lassen und sich seine Höhle, in der er von Geburt an sein Leben verbracht hat, genau anschauen. Er kann nicht umhin festzustellen, daß all die Schatten, die für ihn so real und einzig existierend waren, nichts anderes sind, als eben nur Schatten.

Mit dem Gang zum Feuer durchschaut er langsam, wie seine Lebenswelt zu stande kommt.

Doch was für eine Verwirrung und was für ein Schmerz. Sein ganzes Lebensbild muß komplett umgestoßen werden. Nichts ist mehr so, wie es zuvor gewesen ist. Damit nicht genug, wird er nun auch noch aus der Höhle heraus, in die Welt an der Oberfläche geführt.

Jetzt beginnt der Aufstieg zur Sonne. Alles um ihn herum wird noch heller, um nicht zu sagen zu hell, denn der Blick in das strahlende Licht bedeutet für die an die Dunkelheit gewöhnten Augen Schmerzen. Sie sind geblendet. Daher ist der „Höhlenmensch“ zunächst auch nicht in der Lage die Realität vollständig zu erfassen. Um ihn herum ist alles gleißend hell und seine Augen tun weh. Nach einer langsamen Gewöhnung jedoch, wird ihm alles nach und nach klar werden. Zunächst erkennt er die Spiegelungen im Wasser, bevor er dazu übergeht, die natürlichen Dinge an sich zu erfassen.

Ganz am Ende ist es ihm schließlich möglich, die Sonne als Urheberin aller Dinge zu erblicken. Sämtliche Eindrücke können sich, einem Puzzle gleich, neu zusammenfügen.

Mit diesem Moment der Erkenntnis kommt zugleich der Zeitpunkt der Umkehr. Er muß mit dem bewältigten Aufstieg wieder zurück in seine Höhle gehen. Weg von der Sonne, zurück in die Finsternis.

Es ist seine Aufgabe, daß neu erworbene Wissen in den Alltag zu übertragen. Dies kann er nur tun, wenn er Schritt für Schritt seinen Aufstieg nachvollzieht. Nun hat er wiederum Anpassungsprobleme an die vormals vertraute Welt und er wird sich vermutlich lächerlich machen, denn abermals müssen sich seine Augen umgewöhnen.

Die Anderen geben aber nicht der Dunkelheit, sondern dem Aufstieg schuld an seiner Verwirrung.

Und würde man gar versuchen, Einen von ihnen mit nach oben zu nehmen, sie würden sich wehren, vielleicht sogar töten.

INTERPRETATION VOM HÖHLENGLEICHNIS

Wir können das Höhlengleichnis als eine Verfremdung der menschlichen Situation deuten.

Die Wohnstätte der Gefesselten, sprich die Höhle, steht für unser Alltagsleben. Dabei entsprechen die Schatten und die Gegenstände in der Höhle unserer sinnlichen Wahrnehmung, während die Welt im Tageslicht den Gedanken entspricht.

Unser Lebensraum ist eine Welt von Abbildern, die es zu verstehen gilt. Hierzu müssen diese beiden Bereiche in Verbindung gebracht werden.

Die Stufen des Aufstiegs korrelieren mit den Bereichen des Liniengleichnisses, wobei das Feuer den Übergang von der Erfahrungswelt zu der Welt der Gedanken kennzeichnet.

Der Aufstieg und die anschließende Betrachtung der oberen Welt führt uns den Aufschwung der Seele in das Reich des nur Denkbaren vor Augen. Nur so können wir von der Welt des Scheins und der Bilder zum wahren Sein gelangen.

Kennt der Bewohner im Höhlengleichnis zunächst nur die Schatten von Abbildern, so erfasst er nach seinem Fortgang aus der Höhle schrittweise zunächst die künstlichen Abbilder, sodann die Schatten der natürlichen Dinge im Wasser, bis er schlußendlich die wirklichen Gegenstände, die Ideen, erkennt.

Mit dem Fortgang aus der Höhle wird unsere Seele vom Zustand der Unwissenheit geheilt, dafür müssen wir uns jedoch der Mühsal des Lernens aussetzen. Oftmals ist uns der Hang zum Alten und Vertrauten dabei hinderlich, infolgedessen sind wir darauf angewiesen nach oben zur Sonne begleitet zu werden.

Der Vorgang des Wissensaufbaus geht nicht ohne Konfusion von statten.

So wie wir vom grellen Sonnenlicht zunächst geblendet sind und die einfachsten Dinge nicht mehr erkennen können, so müssen wir während dem ständig andauernden Lernvorgang immerfort unsere Informationsbestände aktualisieren und umstrukturieren.

Nachdem wir erst einmal von den Schatten und Abbildern auf die Wirklichkeit schließen mußten, so sind wir nach dem Blick von der Sonne, hinab in das Tal der Schatten, dazu in der Lage, die Realität durchgehend nachvollziehen zu können. Wie aus dem Sonnengleichnis bereits folgt, versinnbildlicht die Sonne die Idee des Guten. Durch die Erkenntnis der verschiedenen Ideen sind wir dazu in der Lage umfassendes Wissen zu erlangen.

Mit dem Erlangen vollständiger Zusammenhänge, ist es uns erst möglich, tatsächlich von Abbildern auf die Wirklichkeit zu schließen.

Die Sonne offenbart sich uns als Ursache allen Wandels und Seins. Wir erkennen in ihr die Urheberin der Jahreszeiten und der Jahresläufe, des Wachstums von Pflanzen und des gesamten Werdens.

Das „Sein“ beruht auf verschiedenen Schichten, diese Schichten bauen aufeinander auf.

Wer die Idee des Guten einmal erkannt hat, möchte sich keinen menschlichen Alltagsgeschäften mehr widmen, denn sie erscheinen ihm trivial.

Doch zum Einen sollen wir unsere Mitmenschen an unserer Erkenntnis teilhaben lassen, zum Anderen ist es für ein vollständiges Verständnis wichtig, die erlangte Klarheit Schritt für Schritt Revue passieren zu lassen, anstatt sich auf seinen „Lorbeeren auszuruhen“.

Durch Platons Bild des Abstieges zurück in die Höhle, wird uns das Prinzip der Dialektik vor Augen geführt. Logische Begründungen verlaufen von oben nach unten. Lernvorgänge sind somit immer eine Auf- und eine Abwärtsbewegung.

Wissen häuft sich durch Addition an und seine Bausteine werden miteinander zu einer komplexen Struktur verwoben, bis sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Die anschließende Erläuterung verläuft genau umgekehrt, da sich das Gebilde wieder in seine Bestandteile zerlegen lassen muss.

In der Höhle finden wir zwar eine Ermangelung von Bildung vor, dies bedeutet aber keineswegs, daß wir dort keine intakte, funktionierende Welt mit eigenem System vorfinden.

Diese Höhle charakterisiert einen eigenen vollständigen Wissenskontext. Sie stellt sozusagen das Basiswissen, die Fähigkeit mit dem alltäglichen Leben umzugehen, dar.

Da ohne Grundwissen kein fundiertes Wissen möglich ist, können wir auch nicht behaupten, daß die Bewohner von Platons Höhle dumm sind. Sie sind ungebildet, da sie nicht dazu im Stande sind, ihr bereits erworbenes Wissen zu erweitern und somit unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Die Höhlenbewohner leben ihr eigenes Leben und haben sich dort bestens eingerichtet.

Sie nehmen zwar lediglich die Schatten verschiedener Gegenstände wahr, erkennen und benennen aber die verschiedenen Formen. Sie entwickeln ihre eigene Sprache und konstruieren ihr eigenes System, das dort absolute Gültigkeit besitzt.

Durch die Voraussage von Wahrscheinlichkeiten kann man in der Höhle zu Ehre und Macht gelangen. Die Bewohner beobachten spezifische Regelmäßigkeiten und ziehen ihre Schlüsse daraus. Stellen sie x fest, so muß y folgen.

Auf diese Weise bauen sie innerhalb ihrer Schattenwelt vollständiges Wissen auf. Sie entwickeln eine soziale Hierarchie und Ordnung, die in ihrer Höhle allgemeine Gültigkeit erringt, denn da der Mensch ein Bedürfnis nach Regularität und Ordnung besitzt, schafft er eine Existenz von Ordnungskriterien und Grundformen.

Diese Ordnungformen kommen durch zwischenmenschliche Vereinbarungen zu Stande und sind daher künstlich. Bezeichnungen für unbekannte Dinge müssen immer völlig neu erfunden werden.

Wenn nun unser ehemaliger Höhlenbewohner, nachdem er den Aufstieg zur Idee des Guten vollbracht hat, wieder in seinen ehemals vertrauten Lebensbereich zurückkehrte, wie würde er sich in seinem alten System zurechtfinden? Vermutlich hätte er Anpassungsprobleme an seine alte Welt und würde sich dort nur lächerlich machen.

Denn in dem selben Maße, wie sich seine Augen nach und nach an das helle Licht der Sonne gewöhnen mußten, sind seine Augen nun dazu gezwungen die dunklen Verhältnisse zu durchschauen. Er würde wiederum einen verwirrten Eindruck hinterlassen, genau wie vormals beim Verlassen der Höhle.

Daraufhin gäben seine früheren Mitbewohner dem Aufstieg in die „andere Welt“ alle Schuld, nicht ihrer eigenen, sie umgebenden Düsterkeit. Sie würden nichts gutes am Fortgang finden können, denn alles was ihnen auffiele, wäre seine Ungeschicklichkeit. Würde man ihnen gar empfehlen selbst den Aufstieg zu wagen, so würden sie sich heftig wehren.

Die Höhlenbewohner wollen die Wahrheit nicht hören, denn ihr Leben läuft in geordneten Bahnen. Sie beabsichtigen an ihren alten Verhaltensmustern festzuhalten, ebenso wie vormals der nun „Erleuchtete“.

In dieser negativen Einstellung schwingen mehrere Befürchtungen mit.

Schnell empfinden wir eine Umgestaltung in unserem Leben als eine Bedrohung unseres mühsam entworfenen Weltbildes; zudem werten wir solch eingreifende Veränderungen oftmals als Hinweis auf unsere eigene Unzulänglichkeit, die wir uns keinesfalls eingestehen wollen.

Auch der Hang zur Bequemlichkeit sollte nicht außer Acht gelassen werden. Die Bewohner vo n Platons Höhle haben sich ihr Leben eingerichtet und es wäre nun mit Umstand verbunden, ein ganzes funktionierendes System umzustoßen.

Doch ständiger Wandel ist nun einmal eine unabänderliche Voraussetzung für Fortschritt, so wie hier alte und verkrustete Denkweisen keinen Aufbau an Wissen und somit an Bildung bewirken.

Derjenige, der es aber einmal geschafft hat, in mühsamer Kleinarbeit sein Wissen zu gewinnen, stellt sich wahrscheinlich die Frage, warum er vom hellen Licht der Sonne wieder zurück in diese Finsternis sollte?

Das Prinzip der Dialektik zwingt den ehemaligen Bewohner dazu, zurück in seine alte Höhle hinabzusteigen. Er soll noch einmal von Anfang an den zurückgelegten Weg nachvollziehen.

Das Vermischen von Theorie und Praxis ist ein wichtiger Faktor in der richtigen Anwendung von Bildung.

So, wie es nicht genug ist, lediglich unseren Organismus am leben zu erhalten, so wenig nützen uns bloße Theorien, die keinerlei Anwendung in unserem alltäglichen Leben finden. Es muß ein Bezug zwischen der sinnlichen und der gedanklichen Welt hergestellt werden. Erst dann ist das Ziel unserer Menschwerdung erreicht.

Wahrnehmung sollte durch Erkenntnis erfolgen, erst dann kann man sich auch sicher sein, keinem Trugbild zu erliegen, sondern die wahren Sachverhalte zu durchschauen.

Ferner sollen wir Andere an der Erkenntnis teilhaben lassen, und wie wir während des gesamten Gleichnisses beobachten konnten, sind wir auf die Hilfe eines Anderen angewiesen. Dies ist die Bestimmung des nun gebildeten Bewohners.

ASPEKT DER ZENTRIERUNG

Wenn wir nun das Höhlengleichnis unter dem Aspekt der Zentrierung näher betrachten, so stellen wir fest, daß innerhalb des Gleichnisses bereits eine natürliche Zentrierung durch die jeweiligen Erkenntnisstufen gegeben ist.

Jede dieser Erkenntnisstufen, wie sie aus dem bereits erwähnten Liniengleichnis resultiert, ist mit einem vollständigen Kontext vergleichbar. Bezeichnend ist hierbei, daß es sich um eine Kontinuitätsreihe handelt. Der Aufstieg kann nur nach und nach erfolgen, ein Überspringen der verschiedenen Aufbauten ist nicht möglich. Die Erfahrung der „Aufstiegsbewegung“ sollte Einem hierfür geläufig sein.

Das menschliche Lernen ist vor allem ein Erfahrungslernen. Anhand gegebener Situationen erlernen wir, Dinge zu deuten und in Bezug zu vorher Erfahrenem zu setzen.

Betrachten wir also Kontexte auch als Situationen. Situationen, die verändert werden müssen, um zu einem vollständigen Kontext zu avancieren.

Nun haben wir bereits bei unserer Interpretation von Platons Gleichnis erfahren, daß Menschen sehr in ihrer Alltagssituation verhaftet sind.

Konkrete Ordnungen werden geliebt und wird man in ein anderes System geführt, schmerzt der Verlust der bisher gewohnten Ordnung.

Wenn wir aber dazu in der Lage sind, zu erkennen, daß das Grundprinzip bestehen bleibt, müssen wir auch zugeben, daß eigentlich eine Erweiterung stattfindet. Diese Erweiterung, die eben keinen Verlust, sondern einen Gewinn beherbergt, ist mit dem dargestellten Aufstieg zur höchsten aller Ideen gemeint.

Wissen bringt verschiedene Seelenzustände mit sich. Die Mannigfaltigkeit der Seele kann sich nur entfalten, wenn sich der Geist weiterentwickelt.

Die Kraft des Eros, die jeder Situation eine gewisse Erotik anhaftet, bringt den Menschen beständig zum Verzweifeln.

Der Eros, der die treibende Macht für das Streben nach dem Schönen und dem Guten darstellt, bringt den Menschen erst dazu, den Weg aus der Höhle zu wagen. Doch andererseits wohnt durch dieselbe Kraft der jeweiligen Situation eine Schönheit inne, die der Mensch nicht verlieren will.

Doch wenn man die bestimmten Anteile eines erlebten Gefüges mehr liebt, als die allgemeinen Anteile, bekommt man insofern ein Problem, als daß man sich nicht mehr so gut von einer vertrauten, liebgewonnenen Situation lösen kann. Daher wird es Einem auch schwer fallen glücklich zu sein, denn man bleibt dem sinnlich-irdischen zu sehr verhaftet.

Das Allgemeine ist wichtig und nach diesem ewig gültigem Urprinzip streben die Menschen.

Doch der Lernprozeß hört niemals auf, da der Mensch niemals alle Aspekte der reinen Idee erfassen kann; sonst wäre er ein Gott.

Das ist das Dilemma, dem wir Menschen, als Bestandteil der Welt des Werdens ausgesetzt sind. Durch die Macht des Eros streben wir nach der Welt des Seins, doch niemals werden wi r endgültig dorthin gelangen. Die Welt des Seins und somit der Ideen bleibt den Göttern vorbehalten.

Neben der Zentrierung durch die zu erlangenden Wissensstufen findet sich in dem Gleichnis eine Selbstzentrierung, denn der Mensch ist der Träger von Wahrheit,Gewißheit und Ordnung.

Jeder Mensch ist von Natur aus dazu befähigt, sich Wissen anzueignen, denn er bringt von sich aus eine Erinnerungsfähigkeit mit, die Anamnesis genannt wird. Durch diese Ananmnesis können wir Gesetzmäßigkeiten sowohl erkennen, als auch benennen.

Zudem besitzt der Mensch die Fähigkeit zur Abstraktion, ohne die es undenkbar wäre, in das Reich der Ideen vorzudringen.

Diese Begabungen sind die Voraussetzung zum Wissenserwerb.

Der Mensch ist nicht nur einfach lernbedürftig, sondern vor allem lernfähig.

Da sich Wissen aus einem stufenweisen Aufbau zusammensetzt, stellen wir uns einen schrittweisen Ausbau von einem gegebenem Grundkontext vor. Mit jeder neuen Höhle stocken wir unser vorhandenes Wissen neu auf und sind so in der Lage, schließlich kompaktes Wissen zu erlangen.

Da es ein aufeinander aufbauendes Wissen ist, kann man das Ganze nur erkennen, wenn einem die Basis, das „Eins“, geläufig ist.

Die „Eins“ ist der Ursprung der Ordnung. Ohne die „Eins“ kann es kein „Zwei“ geben; ohne die Einheit kann keine Vielheit entstehen und umgekehrt.

Die Begriffe Einheit und Vielheit in einem Atemzug zu nennen und sie auch noch einander bedingend auszuweisen klingt zwar widersprüchlich, ist aber doch zu erklären.

Die Idee wird als allumfassende Einheit verstanden, die Erscheinungsformen in unserer räumlichen Welt machen die Vielheit aus.

Nehmen wir die Idee „Tier“ als Beispiel. Hunde, Katzen, Vögel. Sie alle sind Tiere. Nehmen wir die Idee „Hund“. Labradore, Collies, Schäferhunde. Sie alle sind wiederum Hunde. Nehmen wir die Idee „Labrador“. Der eine heißt Maxi, der andere Roki.

Ich denke, an diesem tierischen Beispiel sieht man den augenscheinlichen Widerspruch der Einheit und der Vielheit, der in diesem Sinne gar keiner ist.

Das Begreifen von Gegensätzen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Philosophie. Gegensätze wie beispielsweise Kontinuität und Diskontinuität oder eben Einheit und Vielheit.

Denn wäre die Welt einfach nur schwarz - weiß, müßten wir nicht diesen mühseligen Weg des Lernens beschreiten, sondern lebten in einer einzigen, großen, dunklen Höhle.

LITERATURVERZEICHNIS

Bordt, M. (1999).Platon. Freiburg: Herder.

Ferber, R. (1998). In Sloterdijk, P. (Hrsg.). Platon. München: dtv.

Hirschberger, J. (1976). Geschichte der Philosophie. Band I. Altertum und Mittelalter. Freiburg: Herder.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Platon und sein Höhlengleichnis
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V103980
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Höhlengleichnis
Arbeit zitieren
Anja Emmerich (Autor), 2000, Platon und sein Höhlengleichnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103980

Kommentare

  • Gast am 8.11.2001

    danke.

    danke für diese interessanten gedankenlichen aspekte! hat mir vor meiner philosphieklausur einen druchblick verliehen! nochmals danke,..weiter so

  • Gast am 18.4.2002

    Dem schließe ich mich an!!.

    Ich finde, dass das eine sehr gute ausarbeitung ist. In vielen Punkten stimme ich it deiner meinung überein.

    Vielen Dank für die Analyse
    (die wird mir bestimmt in der Klausur helfen!!!!)

    cYa Chris

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Titel: Platon und sein Höhlengleichnis



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