Die Konstitution des Subjekts bei Foucault, Lacan und Butler

Kann das Subjekt der totalen Vereinnahmung entkommen?


Seminararbeit, 2012

17 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Subjekt – was ist das?

3 Das Subjekt bei Michel Foucault

4 Das Subjekt bei Jacques Lacan

5 Die Subjektivation bei Judith Butler

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage nach der Konstitution des Subjekts ist für kritische Bildungstheorien von zentraler Bedeutung. In der postmodernen Konzeption gibt es allerdings kein ich-identisches und kohärentes Subjekt. Dieses wird durch den Diskurs erst hervorgebracht und ist somit dem Diskurs unterworfen (Heinrichs 2001, S. 218).

Judith Butler fasst das Subjekt wie folgt: es ist

„als sprachliche Kategorie aufzufassen …, als Platzhalter, als in Formierung begriffene Struktur. Individuen besetzen die Stelle, den Ort des Subjekts (als welcher ‚Ort‘ das Subjekt zugleich entsteht) und verständlich werden sie nur, soweit sie gleichsam in der Sprache eingeführt werden. Das Subjekt ist die sprachliche Gelegenheit des Individuums.“ (Butler 2001, 15)

Lehrerin zu sein bedeutet u.a. für mich mitzuhelfen, SchülerInnen zu einem selbst verantwortlichen und selbst bestimmten Leben zu führen.1 Wie kann dies (noch) gelingen, wenn von verschiedenen AutorInnen der Postmoderne ein Subjekt konstruiert wird, dass nicht mehr in der Lage ist, ein solches Leben zu führen, da es in Machttechniken (bei Foucault) eingebettet ist, die es konstruieren und denen es nicht entkommen bzw. denen es nicht Widerstand leisten kann oder wie Lacan ausführt, den Verlust der unwiederbringbaren Einheit zwingend erfahren muss.

Ziel meiner Arbeit ist es, erstens die Subjektkonstitution Foucaults und Lacans2 darzustellen, um zweitens heraus zu arbeiten, ob die Subjektbegriffe der zwei Autoren tatsächlich keine Möglichkeiten bzw. Spielräume bieten, ein Subjekt zu denken, dass zumindest teilweise zu einem selbst verantwortlichen bzw. zu einem selbst bestimmten Leben fähig ist. Wo kann das Subjekt Nischen bzw. Risse finden, um der totalen Vereinnahmung zu entrinnen bzw. diese nutzen, um Widerstand gegen diese Vereinnahmung zu leisten?

Drittens werde ich auf Judith Butlers Subjektkonstitution eingehen, die Foucaults Machtbegriff in lacanianischer Weise interpretiert, um ein Subjekt zu beschrieben, das innerhalb der Normen zum Widerstand fähig ist. (Sarasin 2003, 54f)

Diese Arbeit kann nur als Ansatz gesehen werden, diese Nischen bzw. Risse zu finden. Eine Weiterarbeit mit diesen Brüchen ist in dieser Seminararbeit nur begrenzt möglich, könnte aber Thema einer Masterarbeit sein.

2 Das Subjekt – was ist das?

Zu Beginn möchte ich einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Subjektbegriffes geben. Dieser Abriss erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen Beitrag zur zeitlichen bzw. wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Situierung der Subjektkonstitution bei Foucault, Lacan und Butler bieten.

In Wikipedia (2011) findet man bezüglich des Subjekts folgende Definition: Der Begriff Subjekt (lat. subiectum: das Daruntergeworfene; griech. hypokeimenon: das Zugrundeliegende) bedeutet ursprünglich einen Gegenstand des Handelns oder einen Sachverhalt, über den eine Aussage gemacht wird (ebd., 29.11.2011).

Bereits bei Pythagoras findet eine Trennung des Sinnlichen vom Gedanklichen statt. Die natürliche Sicht wird vom Intellekt unterschieden. In der attischen Philosophie wird das Subjekt als „tuendes, handelndes“ gesehen. Das Subjekt ist ein Akteur, der etwas verursacht. (Tabari, 2000 1.

Weiters wurde die heraklitische Konzeption des Seins als ständige Bewegung, als fließender Wandel durch die parmenidischen verdrängt, die das mit sich selbst identische Sein vertrat. Es entstand die “ Metaphysik des Seins“ (Krempl 1995, 2).

Bei Platon wird der Innenraum des Menschen zu einer Einheit, die als menschlicher Geist, oder Vernunft bekannt ist. Damit entsteht die Idee. Auch die Außenwelt hat eine Ordnung. So spaltet sich das Subjekt (Innenwelt) vom Objekt (Außenwelt). Die Begriffe innen versus außen verwendet allerdings erst Augustinus (354 – 430) explizit. Das Mittelalter hatte im Gegensatz zur Neuzeit einen viel geringeren Abstand zwischen Objekt und Subjekt. (Tabari 2000, 2)

Descartes (1596-1650) verabsolutierte mit seinem „Cogito ergo sum“ die menschliche Rationalität. In der humanistischen Tradition wurde das Subjekt in Begriffen des Bewusstseins definiert. Das „Ich“ nimmt wahr, denkt und fühlt. (Krempl 1995, 3)

Das rationale, erkennende Subjekt der Neuzeit wurde als Subjekt vor dem Objekt gedacht. Einerseits bedeutet dies eine Höherstellung des Subjekts gegenüber dem Objekt und andererseits, dass der Mensch den Gottesstandpunkt eingenommen hat. Das Subjekt ist das weltschaffende Zentrum seiner Erfahrungen und bindet die Objekte stark an es zurück. Da bei Descartes auch die Sinne täuschen können, blieb dem Subjekt nur die rationale, denkende Vergewisserung der Welt. (Dörfler 2001, 26)

Kant (1724-1804) postuliert, dass ohne Verstand und seiner Kategorien keine Vorstellung möglich sei. Bei Kant richten sich die Dinge nach unseren Begriffen. Alles Wissen geht vom erkennenden Subjekt aus. Dieses konstituiert und bringt Wissen hervor. „Der Verstand, so sagt Kant buchstäblich, schreibt der Natur ihre Grundgesetze vor“ (Steenblock 2002, 203). Kants Vernunftlehre und Moral gehen vom Vernunftsubjekt aus (ebd.).

„Seit Kant wird das transzendental aufgewertete Ich zugleich als welterzeugendes und als autonom handelndes Subjekt begriffen“ (Habermas 1992, zit. n. Dörfler 2001,28). Die Erkenntnis geht noch immer vom Subjekt aus. Das Subjekt schafft seine Welt und gruppiert die Phänomene um sich. Dadurch wird es zum erkennenden Zentrum und zu einem unverrückbaren Punkt. Mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erhält das erkennende Subjekt allerdings eine Einschränkung. Die Dinge an sich, das Wesen der Dinge, kann es nicht (mehr) erkennen. (ebd.)

Im 18. Jahrhundert wurde dem Menschen eine eigenständige Disziplin gewidmet, die Anthropologie. Einerseits bildete sich das Bewusstsein heraus, dass der Mensch im Unterschied zum Tier mit seiner Instinktarmut eine zweite Natur, die Kultur ausbildet und andererseits reichten theologisch begründete Erklärungen nicht mehr aus, um der menschlichen Natur (und Kultur) gerecht werden zu können. (Böck 2010, 11)

Spätestens seit der französischen Revolution wurde das Modell des methodischen Vernunftgebrauchs, mit der man glaubte, auch die bedrohliche Natur beherrschen zu können, auch auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen. Die Vorteile, die sich die Menschen dieser Zeit durch das Abstreifen der Abhängigkeit und den wissenschaftlichen Fortschritt erhofften waren groß und teilweise illusionär und daher nicht zur Gänze einlösbar. (Böck 2010,11)

In der Moderne gilt der Mensch als unbestimmtes Wesen, das grundsätzlich selbst seiner Existenz Gestalt verleihen kann. Die Moderne ist in diesem Sinne also vorbildlos und daher bietet sie auch keine Orientierung und keinen Schutz mehr. Subjekt zu sein heißt in der Moderne, „ nur der Bestimmung durch sich selbst zu unterliegen und zwar auf der Basis eines vernünftigen Willens“ (Meyer-Drawe 1996, zit. n. Böck 2010, 11).

Der moderne Subjektbegriff meint zugleich aber auch, dass Menschen der Obrigkeit oder auch äußeren Einflüssen unterworfen sind. So erinnert unser Leib uns jeden Tag daran, dass wir auch Unterworfene sind, dass wir an Grenzen stoßen, die wir, ob wir wollen oder nicht akzeptieren müssen. Das Subjekt hat doppeldeutigen Charakter. Diese Doppeldeutigkeit wurde vergessen, als der Begriff der Subjektivität im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts spezifisch auf den Menschen in seinen souveränen Möglichkeiten zugespitzt wurde (vgl. ebd.). Kurz: das Subjekt ist nicht nur Souverän, sondern immer auch Untertan (Meyer-Drawe 1998, zit. n. Böck 2010, 11).

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wird der Weg frei für einen neuen Diskurs. Das Wort wurde zur willkürlichen Abfolge von Zeichen, es gibt keine feste (wesentliche) Beziehung mehr zwischen den Sprachlauten und den Begriffen/wirklichen Dingen. Für Ferdinand de Saussure3 ergibt sich die Bedeutung von Worten erst aus dem Kontext und aus der Differenz zu anderen Zeichen. Sprache wird zu einem System der Differenzen. Im Strukturalismus wird die Abwesenheit des Selbst bereits akzeptiert, die strukturale Erklärung bezieht sich nicht auf das Bewusstsein von Subjekten, sondern auf Strukturen und Konventionssysteme. (Krempl 1995, 4)

Foucault sagt, dass „ man sehr wohl wetten [kann; Anm. AB], daß [sic] der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (Foucault: Die Ordnung der Dinge, 462, zit.n. Meyer-Drawe 1996, 48). Foucault meint hier allerdings keineswegs das Verschwinden des Menschen im Allgemeinen, sondern das Verschwinden eines bestimmten Menschentyps, nämlich den des modernen, souveränen, nur selbst bestimmten Menschentyps. (Böck 2010, 11)

Eine andere Linie der Kritik am neuzeitlichen Subjekt lässt sich von Nietzsche und Freud herleiten. Beide stellen das Bewusstsein als eine Gewissheit in Frage. Bei Nietzsche siegt das rauschhafte Dionysische über das verstandesmäßige Apollinische und Freud macht das Bewusstsein zu einem Sonderfall unbewusster Prozesse. (Krempl 1995, 4)

Bei Lacans Weiterentwicklung der Psychoanalyse erscheint das Subjekt gefangen und gespalten zwischen seinem Spiegelbild (imago) und der Realität. Nur scheinbar kann sich das Selbst zum autonomen Subjekt erklären, wobei es sich von Anfang an ver-kennt. (ebd.)

Jacques Derridas4 Dekonstruktion entlarvt die abendländische Tradition, das gesprochene Wort höher als die Schrift einzuschätzen, die postuliert, dass das Subjekt in der Rede einen unmittelbaren Zugang zum Denken hat, da im Moment der Rede Sprechen, Hören und Verstehen ein und dieselbe Sache sind. Für Derrida bleibt aber auch das gesprochene Wort immer eine materielle Form, die ebenso wie die geschriebene Form nur durch Differenzen zu anderen Formen funktioniert. Theorien, die sich auf Präsenz berufen – und dazu zählt auch das Subjekt als Selbstbewusstsein - heben sich für Derrida selbst auf, da sich die vorausgesetzte Basis selbst als Produkt eines differentiellen Systems erweist.

Die Philosophen der neuen Technologien versuchen die Auflösung des Subjekts in Bezug zur Lebenspraxis zu schildern. Vilém Flusser zeigt den Einbau des Menschen in das kybernetische (technisch gesteuerte) Netz auf. Die Stellung des Subjekts leitet sich aus der Netzfunktion ab. (Krempl 1995, 4ff)

Jean Baudrillard postuliert, dass das „fraktale Subjekt“ nur noch im Videostadium, das Lacans Spiegelstadium ablöst, zu sich findet. Er beschreibt die Position des Subjekts heute als schlechtweg unhaltbar. (Krempl 1995, 7f)

Reaktionen bzw. Gegenpositionen auf den „Tod des Subjekts“ bzw. die Auflösung des Selbst kommen vor allem von deutschen Intellektuellen, die sich für die Rekonstruktion des Subjekts einsetzen. Habermas z.B. hält am Projekt der Moderne fest und macht das Subjekt in der sprachlich erzeugten Intersubjektivität des Diskurses und der kommunikativen Rationalität fest.

Peter Koslowski knüpft an die jüdisch-christliche Gnosis an und sieht das menschliche Selbst als „unteilbare und ursprüngliche Substanz“, als „Pneuma“, das von gleicher Substanz sei wie das göttliche Selbst.

George Steiner weist die Herausforderung der Dekonstruktion nicht zurück. Sie lehre uns, „ daß [sic] es dort, wo es ‚kein Antlitz‘ Gottes gibt, dem sich das semantische Merkmal zuwenden könnte, keine transzendente oder entscheidbare Verständnismöglichkeit gibt.“ (Krempl 1995, 9). Der Bruch mit dem Postulat des Heiligen sei der Bruch mit jeder stabilen, potentiell zu bestätigenden Bedeutung von Bedeutung. Im Kunstwerk allerdings zeige sich Realpräsenz und Anwesenheit. Kunst sei die Gegenschöpfung zur Schöpfung Gottes. (ebd., 8f)

Steiners Grundhaltung ist eine programmatisch „geisteswissenschaftliche“. Es geht ihm um eine Erneuerung des Substanzdenkens in den Humanwissenschaften. Das „Wesen“ hinter den „Erscheinungen“ soll durch dieses Substanzdenken sichtbar gemacht werden. Das postmoderne Subjekt soll eine genuin ontologisch aufzufassende „subjektiv-objektive“ Welthaltung entwickeln, wie sie etwa in den Künsten des 20. Jahrhunderts, aber auch in der Quantenphysik und Relativitätstheorie zu sehen sei. Eine proto-ästhetische Seins- und Gefühlshaltung sei für die „kommende Generation von Aufklärern“ zu etablieren. (Benedikter [2011, 2])

3 Das Subjekt bei Michel Foucault

„Vor dem Ende des 18. Jahrhunderts existierte der Mensch nicht“ .

(Foucault 141997, zit. n. Dörfler 2001, 36)

„ Es ist ein Subjektbegriff, dem es, im Anschluß [sic] an Nietzsche , nicht mehr um das ‚wahre‘ Subjekt und damit nicht mehr um das mit sich identische Subjekt der idealistischen Philosophie geht, das in ständiger Selbstreflexion seine eigene Identität sucht und sie, so Nietzsche , verfehlt, weil es sich selbst täuscht; dieses Subjekt hat gar keine Wahrheit. Im Zentrum steht vielmehr ein Subjekt, das die Frage der Wahrheit nicht mehr stellt, sondern die Frage nach der Veränderung durch Erfahrung.“

(Bublitz 1998, zit. n. Dörfler 2001, 36)

Michel Foucaults Schaffen wird meist in drei Phasen eingeteilt: die archäologische Phase, die die 60er Jahre umfasst, die genealogische Phase der Siebziger und schließlich das Spätwerk der 80er Jahre.

In der ersten Phase gilt Foucaults Interesse der Freilegung der Strukturen, die unser wissenschaftliches Denken unterschwellig beeinflussen. Diese Arbeit ist verknüpft mit einer radikalen Kritik der Subjektphilosophie, die den „Tod des Menschen“ postuliert.5

In seiner zweiten Phase beschäftigt sich der Autor mit den Umständen der Diskursformation. Kontroll-, Selektions-, Organisations- und Kanalisationsmechanismen kommen in den Blick. Diese Mechanismen wirken nicht nur auf den wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch auf die Gesellschaft. Im Mittelpunkt dieser Phase steht der Begriff der Macht.6

In Foucaults dritter Phase verschiebt sich sein Interesse von den Machtpraktiken zu den unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Subjektivität und Wahrheit. In seinen Ausführungen zur „Ästhetik der Existenz“, das in seinem Spätwerk „Sexualität und Wahrheit“ (1984) nur wenig Raum einnimmt, thematisiert er in seiner Vorlesung am Collége de France (gehalten 19827 ), die „Selbstpraktiken“ der griechischen und römischen Spätantike ausführlich. (Rissling 2004, 2)

In der Nachfolge Nietzsches gibt es für Foucault Objektivität, Wahrheit oder einen naiven, nur beschreibenden Weltbezug nicht. Wahrheit und Objektivität sind obsolet geworden. Die zu einer bestimmten Zeit vorgefundenen „Richtigkeiten“ sind Inhalte eines herrschenden Diskurses. Die Suche nach der Wahrheit ist Teil eines Diskurses:

„ Der Wille zur Wahrheit stützt sich ... auf eine institutionelle Basis: er wird zugleich verstärkt und ständig erneuert von einem ganzen Geflecht von Praktiken wie ... der Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und der Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute.“

(Foucault 141997, zit. n. Dörfler 2001, 93)

Mit Ausnahme der Macht, welche Foucault „apriorisch“ und allgegenwärtig denkt sind seine Analysen kontextabhängig und wandelbar in der Geschichte. Subjekte sind für ihn notwendige Träger eigener Diskursinhalte. Der Diskurs hat aber diese Subjekte erst zugelassen, legitimiert oder erzeugt. Subjekte sind in seinem Sinne eher Diskursträger, als autonom handelnde DiskursteilnehmerInnen.

Die Erkenntnisse einer Epoche sind Abbild diskursiver Praktiken, die durch die Diskursanalyse zugänglich gemacht werden kann. Ein subjektiver Anteil bei der Auswahl oder Darstellung sei unvermeidbar, wodurch es dem Wissenschaftler/der Wissenschaftlerin bzw. dem Historiker/der Historikerin unmöglich sei davon auszugehen, „reine“ Fakten ausweisen zu können. Unsere Geschichte seien Geschichten, die der Diskurs einfärbe. Sie lassen sich nicht vereinheitlichen im Sinne einer Wahrheit und man könne ihr kein Prinzip unterstellen. Wahrheit sei von Machtbeziehungen durchdrungen.

Foucault befragt nicht das Erkenntnissubjekt, welche Fakten man z.B. aus schriftlichen Quellen rekonstruieren kann, sondern den Diskurs als episteme. Er fragt danach, unter welchen Umständen und mit welchen Konsequenzen es dazu kommt, dass gerade dieses Subjekt diese Aussage genauso tätigt. Er fragt also nach den Bedingungen der Möglichkeiten von Aussagen und nicht nach denen von Subjekten.

Ich wollte gern wissen, ob die Individuen, die verantwortlich für den wissenschaftlichen Diskurs sind, nicht in ihrer Situation, ihrer Funktion, ihren perzeptiven Fähigkeiten8 und in ihren praktischen Fähigkeiten von Bedingungen bestimmt werden, von denen sie beherrscht und überwältigt werden.“

(Dörfler 2001, 93)

Das Wissen oder die Erkenntnis steht immer in einem Interessenzusammenhang. Das „historische Apriori“ ist dem Subjekt vorgängig und den Erkenntnismodi der Subjekte auferlegt. Ebenso ist der Mensch kein generelles Erkenntnisziel, sondern rückt nur zu einer gewissen Zeit in den Blick (der Wissenschaft). Durch den Aufweis der Geschichtlichkeit der Erkenntnis vom Menschen, durch die Zufälligkeit des Interesses an ihm, wird der Mensch nicht zum Ziel und letztem Glied einer teleologischen Kette der Entwicklung, sondern zum vorübergehenden Zentrum des (wissenschaftlichen) Blicks. (ebd., 97ff)

Das Subjekt wird bei Foucault nicht länger als souveräner Geist, sondern als zurechtgestutzte Einheit gesetzt. Er kehrt die vom europäischen Idealismus etablierten Verhältnisse von Subjekt und Objekt, Geist und Materie um. Das individuelle Subjekt ist nicht länger als ein Zugrundeliegendes zu sehen, das am göttlichen Geist teilhat, sondern als sozialisiertes, gesellschaftlich Unterworfenes, das von einer aus effizienten und anonymen Machtkonstellationen hervorgehenden Vernunft beherrscht wird. Der Mensch wird nicht mehr primär als Geist, sondern als Körper, als Objekt gesehen. (Zima 2000, 226ff)

Nach Foucaults Verständnis unterwandert der moderne Überwachungsstaat bzw. die überwachende Einschränkung des Körpers das vermeintlich rationale und handlungsmächtige Subjekt. Durch die permanente Wiederholung der Forderung zur Emanzipation sei die Implementierung des Subjekts in den Gefügen der Macht gewährleistet. Die Erkenntnis und Produktion von Wissen wird bei Foucault in den Bereich der Diskurse verlagert, die das Wissen ordnen, reglementieren usw. Die Produzenten von Wissen sind den Regeln und Restriktionen des Sprechens unterworfen, sie sind Teil der herrschenden Diskurse. (Dörfler 2001, 14f)

3.1 Nischen oder Risse bei Foucault

Das zentrale Moment von Foucaults Sozialphilosophie ist die Beschreibung eines Subjekts, das ein Produkt von Machtkonstellationen ist, die als diskursive Formationen beschreibbar sind. Es ist nur kontingentes Produkt eines Diskurses und keine Substanz. Es ist Produkt der Praktiken der Epochen, die den jeweiligen Subjekttypus konstituieren. (vgl. Paulus 2009, 7ff)

Es stellt sich die Frage, ob es ein Subjekt jenseits des Diskurses für Foucault gibt. Zurzeit der „Archäologie des Wissens“ und „Der Wille zur Macht“ entkommt das Subjekt den Fängen der Macht nicht. Allerdings entwirft Foucault in seinen Vorlesungen am Collège de France (1981/82) die Idee der Selbstsorge anhand theoretischer Formulierungen sowie praktischer Handlungen der klassischen Antike und der Spätantike9, deren Intention in Richtung Aufwertung des Subjekts oder des Subjektiven gesehen werden kann. In der Antike sei das „Erkenne dich selbst“ der „Sorge um sich selbst“ untergeordnet gewesen. Im Laufe der Philosophiegeschichte habe die Konstitution des Selbst als Erkenntnissubjekt den Themenkomplex der Selbstsorge verdrängt. (Rissing 2004, 1)

[...]


1 Dieses Ziel ist ein ideal gedachtes.

2 Foucault und Lacan habe ich deswegen gewählt, weil es einerseits für beide kein Subjekt außerhalb der Macht bzw. des Gesetzes gibt (bei Foucault zumindest in seinen ersten zwei Schaffensphasen nicht), andererseits aber Unterscheide zwischen beiden Konzeptionen dennoch markant sind. (Siehe dazu Sarasin 2005, 156f) Während Lacan sich für das Verhältnis des Subjekts zur Wahrheit interessierte, frage Foucault, wie Diskurse über Subjekte gehalten werden. Erst in der „Hermeneutik des Subjekts“ (1982) fragt auch er nach dem Verhältnis von Subjekt und Wahrheit. (ebd., 23)

3 Ferdinand de Saussures (1857-1913) strukturale Linguistik hatte großen Einfluss auf die Entstehung des Strukturalismus (Kunzmann, Burkard 142009, 239).

4 Derrida postuliert ein Philosophieren ohne Zentrum, ohne letzten Grundbegriff (im Modus der „Differenz“) und fordert die „Dekonstruktion“ überkommener Sinn-Konzepte. (Steenblock 2002, 402).

5 Vgl. dazu u.a.: „Die Ordnung der Dinge“ (1966) und „Die Archäologie des Wissens“ (1969)

6 Vgl. dazu u.a.: „Die Ordnung des Diskurses“ (1971), „Überwachen und Strafen“ (1975)

7 Diese Vorlesungen sind 2004 im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Michel Foucault. Hermeneutik des Subjekts. Vorlesungen am Collège de France (1981/82)“ erschienen.

8 Der Satzteil „ihren perzeptiven Fähigkeiten“ ist bei Dörfler nicht kursiv gestellt.

9 Er analysierte vor allem zwei Momente und zwei Formen der antiken Selbstkultur: Die „Technologien des Selbst“ in Alkibiades von Platon und die Kultur der „Sorge um sich“ in der römischen Kaiserzeit. (Sarasin 2005, 197)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Konstitution des Subjekts bei Foucault, Lacan und Butler
Untertitel
Kann das Subjekt der totalen Vereinnahmung entkommen?
Veranstaltung
Methodologien der sozial- und medienwissenschaftlichen Diskursanalyse
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V1039828
ISBN (eBook)
9783346456878
ISBN (Buch)
9783346456885
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subjekt, Bulter, Foucault, Lacan, Diskurs
Arbeit zitieren
Andrea Böck (Autor:in), 2012, Die Konstitution des Subjekts bei Foucault, Lacan und Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039828

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