Das Gerücht vom Gerücht - die Verschwörungstheorie von der Verschwörungstheorie.


Ausarbeitung, 2001
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Das Gerücht vom Gerücht - die Verschwörungstheorie von der Verschwörungstheorie. Überlegungen zu einem Artikel von Andrian Kreye in der SZ (Das jüngste Gerücht, 15.12.2000 (Feuilleton))

Marco Clausen

Das jüngste Gerücht. George W. Bush im Licht der Verschwörungstheorie

Die Wahl ist entschieden, das Warten hat ein Ende. Doch der kathartische Moment, auf den die Welt gewartet hat, blieb aus. Die letzten 24 Stunden der großen Krise begannen mit Reportern, die vor den Stufen des Supre- me Court verwirrt in den 65 Seiten des Gerichtsdokuments blätterten und vergeblich nach dem salomonischen Urteil suc hten. Und sie endeten mit einem zornigen Gore, der sich nur widerwillig geschlagen gab, gefolgt von einem bedrückten Bush, der nur zögerlich seinen Sieg verkündete. Von Patriotismus war die Rede und vom Ende der Parteipolitik. Schon nächste Woche werden sich die beiden Kontrahenten treffen und öffentlich Versöhnung demonstrieren. Und sie werden das ernst meinen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Ein grandioses Finale, das keine Fragen offen lässt, hätte die Angelegenheit ein für allemal erledigt. Eine Geste, eine Szene, eine star- ker Abgang oder Auftritt. Doch für beide Parteien ist mit dem flauen Ende der großen Krise ein neuer, übermäc h- tiger Gegner am Horizont aufgetaucht: der Zweifel. Nicht an den Politikern. Am System an sich.

Mag sein, dass für den Großteil der amerikanischen Bevölkerung schon bald der Alltag einkehrt. Dass sie ihre parteipolitischen Fehden bis zu den nächsten Wahlen vergessen, und dass bis dahin viel Gras über die Sache gewachsen ist. Es ist auch nicht so, dass die Wahlkrise 2000 als Trauma vom Kaliber JFK-Attentat, Vietnam oder Watergate in die Geschichte eingehen wird. Doch an der Basis brodelt es. Die frische Politikbegeisterung des Jahres 2000 wird kippen. Und mangels Alternativen wird sie sich im Zweiparteienland der USA ein gefährliches Ventil suchen: nämlich in Form der Verschwörungstheorien, einer schon traditionellen Form der amerikanischen Folklore. Verschwörungstheorien gibt es rechts wie links von der politischen Mitte - und noch nie haben sie sich so hartnäckig gehalten wie heute.

Natürlich gibt es die vernünftigen Zweifler, die ganz gesunde Reformen des politischen Systems einfordern. Die nicht einsehen, dass eine Regierung ihrem Volk so wenig traut, dass nicht die Wähler, sondern die Wahlmänner den Präsidenten bestimmen. Die den Einsatz von Wahlautomaten aus dem 19. Jahrhundert im Zeitalter des Internet für eine technologische Blamage halten. Deren Stimmen werden im Wust der Rechtsfragen verloren gehen, die die G erichte und Ausschüsse noch einige Monate beschäftigen werden. Doch an den Rändern der Gesellschaft rühren sich schon Stimmen, die trotz ihrer Irrationalität nicht zu unterschätzen sind.

Die ersten Spuren sind schon gelegt. Und zwar von ganz oben. Bundesrichter John P. Stevens kritisierte die

Entscheidung seines eigenen Supreme Court mit den mittlerweile geflügelten Worten: „Auch wenn wir die Identi- tät des wahren Siegers dieser Präsidentschaftswahl nie mit vollständiger Sicherheit kennen werden, steht die Identität des Verlierers doch fest: Das Vertrauen der Nation in den Richter als unparteiischen Wäc hter der Rechtsstaatlichkeit. “ Und das schlechte Gewissen der Nation, Reverend Jesse Jackson, schimpfte im New Yor- ker Stadtfernsehen: „Bush mag der legale Präsident sein, doch er wird ohne die moralische Autorität regieren. Er verdankt sein Amt nicht den Wählern, sondern dem Obersten Gerichtshof. “ Das ist kein Gerede, das ist eine Fundamental-Kritik am System.

Die Saat wird aufgehen. Sie wird sich in Windeseile übers ganze Land ausbreiten, denn die traditionellen Nachrichtenkanäle der Verschwörungstheoretiker, die Gerüchteküchen auf der Straße und im sozialen Umfeld der Kneipen und Betriebe, haben mit den neuen Medien eine Synergie entwickelt, die den idealen Nährboden für Irrationalität und Verdachtsmomente liefert. In den unzähligen Radiotalkshows kommt die Stimme des Volkes ungefiltert mit mehreren tausend Watt zu Wort, und im Internet manifestieren sich die wirren Ideen gleicherm a- ßen ungeschminkt.

Von dort aus werden die Theorien den Zyklus der Populärkultur durchlaufen, in dessen Verlauf es immer schwie- riger sein wird, Fakten von nur vermeintlichen Wahrheiten zu trennen. Den ersten Schritt von der verbalen und elektronischen in die gedruckte Form haben die Verschwörungstheorien schon durchlaufen. Auf Bumper Sti- ckern, jenen Aufklebern, mit denen man in Amerika auf der Auto-Stoßstange seine Meinung formuliert, ist das zu lesen, was niemand öffentlich behaupten mag. Zum Beispiel: „Es ist nicht vorbei, bis dein Bruder die Stimmen zählt. “ Das ist eine Anspielung auf den Mastercard-Werbespot: „Wahlkampf: 184 Millionen. Ein kleiner Bruder, der dir die Wahl fälscht: unbezahlbar. “ Oder für die Altlinken: „Nicaragua war nur die Probe. Florida war echt. “

Die ersten Artikel in radikalen Magazinen werden erscheinen. Untergrundfilmer werden sich die unzähligen Videoschnipsel der letzten Wochen und Monate so zusammenschneiden, dass sie ihre Theorien bestätigt sehen. Die ersten Bücher werden veröffentlicht werden. Und bis die Verschwörungstheorien am Ende des Zyklus ange- langt sind, bis also ein Spielfilm mit viel Geld und Stars gedreht wird, gehören sie schon so fest zum Kulturgut, dass selbst vernünftige und gebildete Menschen die pseudohistorischen Konstrukte nicht nur belächeln werden. Immerhin basieren einige der großen Hollywoodfilme auf Verschwörungstheorien. Das reicht von Oliver Stones „JFK“ bis zu Roland Emmerichs „Independence Day“, Sylvester Stallones „Rambo“-Serie gehört genauso dazu wie der neue Politthriller „The Contender“.

Unterm Weihnachtsbaum George W. Bush bietet sich sowohl für die linken wie die rechten Verschwörungstheorien als perfekte Symbolfi- gur an. War es ein Zufall, dass er seine Siegesrede in Texas vor einem zwei Stockwerke hohen Weihnachtsbaum hielt? Hat er sein Amt nicht geschenkt bekommen? In allerletzter Instanz von fünf Bundesrichtern, von denen einer von Richard Nixon, drei von Ronald Reagan und einer von seinem Vater ernannt wurden?

Für die Linke und vor allem für die Minderheiten repräsentiert George W. Bush das alte Establishment der White Anglo Saxon Protestants. Die Kongressabgeordnete Corrine Brown aus Duval County in Florida verlangt derzeit eine Untersuchung rassistischer Vorfälle in ihrem Wahlbezirk. Schwarze seien am Wahltag mutwillig wegen min- derer Vergehen festgehalten worden. Andere seien aus unerfindlichen Gründen nicht in den Wählerverzeichnis- sen zu finden gewesen. Frisch eingebürgerte Haitianer seien mit Fehlinformationen am Wählen gehindert wor- den. Außerdem habe der Drogenkrieg vor allem Schwarze ins Gefängnis und damit um ihr Wahlrecht gebracht. Da ist der gedankliche Weg zur Angst vor einer gezielten Vernichtung der amerikanischen Minderheiten nicht weit.

Doch auch für die Rechten repräsentiert George W. Bush als Sohn seines Vaters eine Elite, die dem Volk nichts Gutes will. George Bush senior war in seinem Amt von Beginn an Mittelpunkt absurder Verschwörungstheorien, die den ehemaligen CIA-Chef als Schlüsselfigur in einem Komplott von Geheimorganisationen sahen. Organisa- tionen, die Amerika in die Knechtschaft einer dubiosen Weltregierung unter der Ägide der Vereinten Nationen treiben wollen. Ganz eifrige Anhänger dieser Theorie sehen seither in jedem abgezäunten Bauhof der Regierung ein potentielles Konzentrationslager und phantasieren von den schwarzen Invasionshubschraubern der UNO über der amerikanischen Prärie.

In all den Verschwörungstheorien werden die Körnchen der Wahrheit wild durcheinandergewirbelt, aufgeblasen und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Mag sein, dass sich die unzähligen Fehler im System der komplexen amerikanischen Demokratie in einer großen Krise entladen haben. Das kann auch sein Gutes haben.

George W. Bush wird den Makel der geschenkten oder vielleic ht sogar gestohlenen Präsidentschaft überwinden müssen und deswegen hoffentlich enger mit Demokraten und Minderheiten zusammenarbeiten, als je ein Repub- likaner zuvor. Die unzähligen Einzelfälle von Schlamperei, Rassismus und unsauberen Praktiken in Florida wer- den Untersuchungen nach sich ziehen, die vielleicht zu Änderungen führen. Doch Verschwörungstheorien sind stärker als Mißtrauen und Kritik. Je weiter sie sich verbreiten, desto absurder und mächtiger werden sie.

Einem ordentlichen demokratischen Diskurs und einer Lösung wirklicher Probleme können sie nur schaden.

ANDRIAN KREYE

LESARTEN: DIE VERSCHWÖRUNGSTHEORIE VON DER VERSCHWÖRUNGSTHEORIE

Eindringlich werden wir von Andrian Kreye vor dem unordentlichen demokratischen Diskurs und seinen falschen Problemen gewarnt. Das Gerücht vom unrechtmäßigen Wahlsieg George W. Bushs verdichtet sich, so Kreyes Diagnose, zur Verschwörungstheorie und stellt das System fundamental in Frage. Was aber, wenn sich heraus- stellt, daß diese Warnung vor der unheilbringenden Kraft der Verschwörungstheorie sich eben jenem Genre ver- pflichtet weiß, das sie kritisiert? Leider enthält uns der Text vor, was so eine Verschwörungstheorie denn im Kern auszeichnet. Versuchen wir es also provisorisch selbst: Die paranoide Wirkung verschwörungstheoretischer

Aussagen beruht vielleicht auf ihrem paradoxen Charakter: in ihnen wird eine Gefahr konstatiert und gleichzeitig ein solches Erkennen für unmöglich erklärt. Das gefährliche der Gefahr besteht in ihrer Unsichtbarkeit; hinter Masken der Anständigkeit verborgen, sind dunkle Mächte überall aber unerkannt am Werk, die geheiligten Insti- tutionen zu unterwandern, um schließlich die bestehende Ordnung umzustürzen. Klassische Beispiele für solche Parallelwelten konstruierenden Aussagenformationen sind nicht nur jene Menschen zum Verwechseln ähnelnde Marsbewohner, sondern ebensogut und weit populärer die Gespenster des „organisierten Verbrechens“. Ent- scheidend ist, daß nur die Eingeweihten zu sehen vermögen, was allen anderen notwendig entgeht: „Sie sind unter uns“. Der Verschwörungs- ist damit zugleich immer auch Beschwörungsdiskurs und er ist ebenso esote- risch, wie er paranoid ist. Um die Gespenster zu erkennen, bedarf es der Figur des Sehers. Und eben ein solcher will nun auch Andrian Kreye sein. Er macht uns einen Gegner erkennen, den wir alle übersehen mußten, der anwesend abwesend ist, überall und doch ungreifbar. Nur der Aussichtsturm Feuilleton erlaubt einen Blick auf den „Horizont“, an dem sich noch undeutlich und verschwommen etwas Herannahendes zeigt. Und dieses etwas ist die unaufhaltsame Katastrophe, denn eines dramaturgischen Zuges darf die Verschwörungstheorie nicht ent- behren: der apokalyptischen Dimension. Deswegen muß Kreye das Gerücht vom Gerücht als „übermächtigem Gegner“ verbreiten und der Titel winkt nicht zufällig mit dem jüngsten Gericht. Auge in Auge sehen wir unseren Helden dem Schicksal gegenüber stehen und sein Rufen trägt unverkennbar die Signatur des Tragischen: „Doch Verschwörungstheorien sind stärker als M ißtrauen und Kritik. Je weiter sie sich verbreiten, desto absurder wer- den sie.“ Während wir Ahnungslosen noch in die Macht der bestehenden Institutionen vertrauen, allen voran in die Unabhängigkeit der Justiz, hat sich der Feind bereits überall eingenistet: er besetzt zentrale Positionen (ein Bundesrichter und Jesse Jackson werden als Wegbereiter demaskiert, man hätte auch Norm an Birnbaum, der für den Nac hbarartikel zeichnet, dazuzählen können), breitet sich in Windeseile aus, bedient sich der unsichtbaren und unkontrollierten Kanäle von Radio und Internet sowie des unerbittlichen „Zyklus der Populärkultur“. Aber diese Welt von Feinden bleibt verborgen, sie hinterläßt lediglich „Spuren“ und Kreye ist unser auf das Unsichtba- re abgerichtete Spürhund. Er zieht den Konspirateur hinter seiner Maske hervor. Was sich uns da aber im grellen Licht der Verhörlampe Öffentlic hkeit zeigt, muß bestürzen. Nicht wie die Verschwörungstheorien uns weiß ma- chen wollen, sind es die Mächtigen, die die Ordnung heimlich unterwandern. Die Verschwörunsgtheorie selbst ist die Gefahr. Für die USA, wo sie, wie Kreye erkennt, bereits Folklore ist, bedeutet das nichts anderes, als daß das Volk sich gegen sich selbst verschworen hat. Unmerklich hat es sich verwandelt: Zunächst stiftet es mittels der Wahlstimme die Legitimität der dem okratischen Ordnung. Diese Legitimität ist auch dann nicht berührt, wenn sich die vermeintliche quantitative Eindeutigkeit der Wahlautomaten als problematisch erweist, wir haben ja unsere juristisch und journalistisch berufenen Interpreten. Aber das Volk mutiert zu Mister Hyde, seine vernünftige Stim me zum gefährlichen Rauschen des Gerüchts, ist es erst aus der Wahlzelle auf ‚die Straße und das soziale Um- feld der Kneipen und Betriebe‘ entlassen. Elektronisch verstärkt „kommt die Stimme des Volkes ungefiltert mit mehreren tausend Watt zu Wort“ und bedroht mit ihren „wirren Ideen“ die Ordnung, die sie eben erst bestätigt hat. Mit der Gefahr des „ungefilterten“ und „ungeschminkten“ spielt Kreye noch auf einer ganz anderen topischen Klaviatur, aber davon später.

Man sieht, wie hier die Enttarnung der Verschwörungstheorie als Verschwörungstheorie inszeniert wird. Dabei will Kreyes eigener Diskurs im Gegensatz zu demjenigen der amerikanischen Alltagskultur „ordentlich“ sein, Aus- druck „vernünftigen Zweifels“. D. h. vor allem, daß er sich den „Fakten“ verpflichtet weiß und nicht wie sein Ge- genpart auf dem Aufblasen, Durcheinanderwirbeln und Verzerren von Wahrheitskörnchen beruht. Das Paradigma dieser verschwörungstheoretischen Technik findet Kreye an den Schneidetischen der dunklen subkulturellen Keller, wo „Untergrundfilmer [...] sich die unzähligen Videoschnipsel der letzten Wochen und Monate so zusam- menschneiden [werden], dass sie ihre Theorien bestätigt sehen.“ Hiervon gilt es sich im Namen der ordentlichen, rationalen, faktengesättigten Analyse abzugrenzen. Aber außer einer solchen wiederholten Beschwörung der Differenz zu den „pseudohistorischen Konstrukten“, weiß man nicht so recht, was den „vernünftigen Zweifel“ Kreyes ausmachen soll. Denn auch er erweist sich als Meister des jump cuts. Was hier überzeugen soll, ist kei- neswegs die beschworene Faktenanalyse, sondern das virtuose Sampling suggestiver Bilder: in dic hter Folge werden Statements hochgestellter Persönlichkeiten, das vermeintliche Gerücht auf der Straße und in der Kneipe, Vorstellungen von der wuchernden und unkontrollierten Anschlußkommunikation der Populärkultur, der Verdacht einer systematischen Benachteiligung von Minderheiten zu dem Szenario einer ubiquitärer Bedrohung, eines konzertierten Angriffs auf das System zusammenmontiert. Statt vom konstatierenden „ist“ wird der Text dabei von einem prophetischen „Es-wird-geschehen“ getragen: Es wird gesendet, gedruckt, geschnitten, gefilmt werden und dieser Prozeß wird nicht aufzuhalten sein: „Die Saat wird aufgehen“. Weil erst die Zukunft die Existenz des Feindes und sein Zerstörungswerk sichtbar machen wird, werden wir auch bei Kreye auf den Glauben an seine seherischen Fähigkeiten verwiesen. Die Geltung seiner als rational deklarierten Verschwörungstheorie wird allein durch den Ort des Sprechens verbürgt. Damit kommen wir auf einen zweiten zentralen Punkt. Kreye bedient sich nämlich nicht nur verschwörungstheoretischer Technik und Rhetorik, sondern amalgamiert diese mit einem alten politischen Topos; Schon seit der Antike wissen die Besten von uns, die Gefahr kommt von unten: es ist das Volk, sein Gerede, seine Meinung, seine zügellose Stimme, welche den politischen Körper zersetzen wird, un- terbindet man diese gefährliche, unterirdische Krankheit nicht rechtzeitig. Thomas Hobbes [hops] wußte es: „Die Zunge des Menschen aber ist gleichsam die T rompete des Krieges und des Aufruhrs“, und auch Carl Schmitt sah: das „ewige Gespräch“ und die Verwandlung der Gesellschaft in einen „ungeheuren Klub“, sie werden uns um Sinn, Ordnung, Einheit und Entscheidung bringen. Der politische Skandalpar excellenceist das Volk, das außerhalb seines Ortes (in unserem Fall der Wahlkabine) spricht. Auch für Kreye gilt es, dieses „ungefilterte“ und „ungeschminkte“ Rauschen in einem „ordentlichen demokratischen Diskurs“ zu bändigen. Über die Frage der Rationalität oder Irrationalität von Äußerungen entscheidet die Legitimität der Geburt. Und illegitimer Herkunft sind die Verschwörungstheorien vor allem deshalb, weil sie im zwielichtigen und schmutzigen Milieus gezeugt werden: auf der Straße, in der Kneipe, am politischen Rand, im Untergrund, in der Populärkultur, durch die Min derheiten. Das legitime Sprechen dagegen, es kommt aus der sauberen politischen Mitte, plaziert sich im Feuille ton der alten Medien und bedient sich der Rhetorik staatsbürgerlicher Verantwortung. Wenn man in dieser Form fein säuberlich Zuständigkeiten aufteilt, verortet und zuweist und dabei die legitime Stimme des Volkes auf das Kreuz in der Wahlkabine reduziert, dann muß man sich vielleicht nicht wundern, daß dieses „Volk“ Verschwörun- gen in jenen Räumen phantasiert, zu denen ihm der Zugang verwehrt bleibt, wo seine Stimme nur mittelbar zu hören ist, aus dem Munde jener, die im Namen von ... gebieten. Bei Kreye können wir lernen, daß sich legitim nur von jenem Ort aus sprechen läßt, der da „vernünftig“ und „ordentlich“ genannt wird. Nur in den schallisolierten

Kabinen, in denen die Schreibtische der Richter, Journalisten und anderer berufener Interpreten des Volkswillens stehen, eröffnet sich in High-Fidelity das wahre und unverfälschte Hörerlebnis: abgeschirmt von den Störgeräu- schen aus Straße, Kneipe, Betrieb, Radio und Internet lauschen wir dem repetitiven Beat der Wahlautomaten.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Das Gerücht vom Gerücht - die Verschwörungstheorie von der Verschwörungstheorie.
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V103999
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überlegungen zu einem Artikel von Andrian Kreye in der SZ (Das jüngste Gerücht, 15.12.2000 (Feuilleton))
Schlagworte
Gerücht, Verschwörungstheorie
Arbeit zitieren
Marco Clausen (Autor), 2001, Das Gerücht vom Gerücht - die Verschwörungstheorie von der Verschwörungstheorie. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103999

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