Der Kult um Atatürk. Wie hat sich der Kult um Atatürk in der Türkei seit der Republiksgründung entwickelt?


Akademische Arbeit, 2013

27 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Hauptteil
I. Mustafa Kemal Atatürks historisches Wirken
1. Seine Rolle im Befreiungskrieg
2. Atatürk als Kulturrevolutionär.
II. Die Entwicklung des Kultes um Atatürkvon der Republiksgründung bis heute
III. Betrachtung der Position und Darstellung Atatürks in ausgewählten Bereichen
1. Stellung Atatürks in der Verfassung und in den Gesetzen
2. Sinn und Zweck der Darstellungsweise Atatürks in der Schule
3. Die Rolle der Statuen Atatürks für den Kult
4. Die Rolle des Mausoleums von Atatürk für den Kult

C) Fazit

D) Literaturverzeichnis

A) Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des Kultes um Atatürk in der Türkei. Da Mustafa Kemal Atatürk eine wichtige historische Persönlichkeit ist, möchte ich zunächst auf diese eingehen. Dazu werde ich zunächst seine Leistungen im Türkischen Befreiungskrieg, der von 1919 bis 1923 angedauert hat und dem anschließend auf die Reformen eingehen, die Atatürk mit der Gründung der Türkischen Republik durchgeführt hat. Danach werde ich mich der eigentlichen Frage der Arbeit, nämlich der Entwicklung des Kultes um Atatürk von der Republiksgründung bis zur Gegenwart, widmen. Dazu werde ich zunächst den Kult in seinem historischen Verlauf darstellen. Es soll hierbei aufgezeigt werden, unter welchen Umständen und zu welchem Zweck der Staat oder Teile der Bevölkerung sich auf Atatürk berufen haben. Dann möchte ich auf spezifischere Bereiche eingehen, in denen Atatürk seinen Platz findet beziehungsweise die mit ihm direkt in Verbindung stehen. Dazu soll zunächst seine Stellung in der Verfassung und in den Gesetzen aufgezeigt werden und dann seine Darstellungsweise in der Schule und die jeweils dahinterliegenden Ziele. Schließlich möchte ich darstellen welche Rolle die Statuen Atatürks und sein Mausoleum, das Anitkabir, für den Kult gespielt haben und im Fazit zu diesem Kult Stellung beziehen. Ich habe versucht so viel wie möglich deutsch- und englischsprachige Literatur zu verwenden. Wo es nicht anders ging habe ich auf türkische Literatur zurückgegriffen und sowohl die englischen, als auch die türkischen Textstellen ins Deutsche übersetzt.

B) Hauptteil

I. Mustafa Kemal Atatürks historisches Wirken

In diesem Kapitel möchte ich kurz das historische Wirken Mustafa Kemal Atatürks darstellen. Dazu werde ich seine Rolle im Befreiungskrieg als General der türkischen Armee und als Kulturrevolutionär erläutern.1 1. Seine Rolle im Befreiungskrieg Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg Unterzeichnete das Osmanische Reich am 10. August 1920 den Friedensvertrag von Sevrès. Diesem Vertrag zufolge sollte die Türkei auf einen Kleinstaat in Zentralanatolien reduziert werden, der abhängig von den europäischen Mächten sein würde. „Dass dieses Szenario schliesslich nicht realisiert werden konnte, gilt zu einem grossen Teil als das Verdienst des Generals und Kriegshelden Mustafa Kemal, der [...] zum Begründer und Kulturheros der modernen Türkei geworden ist.2 " Dieser wurde nämlich noch vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages vom Sultan in Istanbul beauftragt, die Unruhen in Anatolien zu unterdrücken und gemäß dem zuvor Unterzeichneten Waffenstillstandsabkommen vom 30. April 1919, der den ersten Weltkrieg für die osmanische Seite beendete, die Demobilisierung der türkischen Armee zu überwachen. Dieser widersetzte sich jedoch den Vorgaben des Sultans und es gelang ihm nach seiner Ankunft in der Stadt Samsun am 19. Mai 1919 einen zivilen und militärischen Widerstand zu organisieren und diesen in eine Nationalbewegung umzuwandeln. Diese Bewegung unter Mustafa Kemal führte daraufhin einen Befreiungskrieg gegen die alliierte Okkupation und gegen die Sultansregierung in Istanbul, die sich den alliierten Bestimmungen beugte und ebenfalls die Nationalbewegung bekämpfte. Nach dem Sieg an der Ostfront gegen die Franzosen und dem Sieg an der Südfront gegen die Armenier, konnte sich die Nationalbewegung der wichtigsten Front, nämlich der Westfront gegen die Griechen, zuwenden und errang am 26. August 1922 unter der Führung von Mustafa Kemal den entscheidenden Sieg beim Ort Dumlupinar. Die Einnahme der Stadt Izmir am 9. September 1922 beendete praktisch den Befreiungskrieg, da sich neben den Franzosen und Italienern nun auch die Engländer für Verhandlungen bereit erklärten. Eine der wichtigsten revolutionären Entscheidungen erfolgte bereits am 1. Oktober 1922 mit der Trennung des Sultanats vom Kalifat und der Abschaffung des Ersteren. Damit wurde faktisch die Existenz des Osmanischen Reichs beendet. Das Land erhielt mit der Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne am 24. Juli 1923 das gesamte Territorium der heutigen Türkei bis auf Antakya zurück. Am 29. Oktober 1923 proklamierte Mustafa Kemal die Türkische Republik, gründete als Staatspartei die sogenannte Republikanische Volkspartei (CHP) und wurde zum Staatspräsidenten ernannt.

2. Atatürk als Kulturrevolutionär

„Wenn sich ein solcher Mann nach einem leidenschaftlichen Freiheitskrieg im Besitz der politischen Macht sieht, ist alles möglich. Und so setzt er [...] eine der frühesten und radikalsten Kulturrevolutionen des 20. Jahrhunderts in Gang."3

Der Abschaffung des Sultanats bereits am 1.10.1922, also noch vor der Gründung der Republik, folgte am 3. März 1924 auch die Abschaffung des Kalifats und die Ausweisung der osmanischen Herrscherfamilie aus der Türkei. Das Recht der Republik wurde durch die Übernahme des Schweizer Zivilgesetzes und des italienischen Strafrechts im Jahre 1926 säkularisiert und 1928 wurde die islamische Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Am 1. November 1928 wurde das lateinische Alphabet zur offiziellen Schriftsprache erklärt und dieser Reform folgte auch die Einführung des Gregorianischen Kalenders und des Sonntags als Wochenfeiertag. „Damit war auch die letzte Verbindung zur alten Ordnung und ihren religiösen Grundlagen gekappt."4 Weitere Veränderungen waren das Verbot des Gebetsrufs auf arabisch und der traditionellen türkischen Musik und 1934 das Gesetz zur Einführung von Nachnamen. Die ideologische Grundlage dieser Revolutionen sollte der Kemalismus mit seinen "6 Pfeilen" bilden, die auch das Parteiemblem der CHP bis heute geblieben sind. Dieser kemalistische Katechismus, der auf den Überzeugungen von Mustafa Kemal Atatürk fußt, besteht aus folgenden Prinzipien: Republikanismus, Populismus, Nationalismus, Laizismus, Etatismus und Revolutionsmus. „Die "5 Säulen" des Islam wurden quasi durch die "6 Prinzipien" des Kemalismus ersetzt"5 und wurden 1931 in das Parteiprogramm der CHP und 1937 in die türkische Verfassung aufgenommen, die den nachfolgenden Verfassungen ebenfalls als Grundlage dienten. „Seitdem wurden sie von allen Regierungen zur Begründung ihrer jeweiligen Politik herangezogen, und alle Parteien berufen sich bis heute in ihren Programmen mehr oder weniger deutlich auf sie."6

II. Die Entwicklung des Kultes um Atatürk von der Republiksgründung bis heute

Nun möchte ich darstellen wie der Kult um Atatürk sich seit der Republiksgründung bis heute entwickelt hat. Dazu werde ich aufzeigen unter welchen Umständen und zu welchem Zweck sich der Staat und die Gesellschaft auf Atatürk berufen haben.

Atatürk ist allgegenwärtig in der Türkei. In jeder Stadt und fast jedem Stadtviertel lässt sich ein Denkmal von ihm finden aber auch Straßen, Brücken, Schulen, Stadien und Krankenhäuser, die nach ihm benannt sind. Drei Universitäten, ein Staudamm und einer der beiden Flughäfen in Istanbul tragen seinen Namen. In den öffentlichen Einrichtung und in den meisten Büros, Geschäften, Hotels, Kinos und Restaurants ist entweder auf eine Büste, eine Maske oder oft auf mehrere Bilder von ihm anzutreffen. An allen Staatsfeiertagen wird ihm gedenkt und an solchen Tagen ist in den öffentlichen und in fast allen privaten Fernsehsendern in der rechten oberen Bildschirmecke des Fernsehers sein Bild zu sehen. Auf einer Seite einer jeden Geldmünze und Geldscheins ist sein Kopf abgedruckt. Von der Grundschule bis zur Universität sind er und seine Reformen Teil des Lehrplans, wobei es in jeder Universität einen Fachbereich "Revolutionsgeschichte" gibt. Jede Partei versucht sich irgendwie auf Atatürk zu berufen und „nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Staatsgründer Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) selbst Soldat war ("Pascha" steht für General), sieht sich das Militär in der Türkei traditionell als "Hüter" der Republik und des kemalistischen Erbes (=> Kemalismus). Aus diesem Selbstverständnis heraus mischte sich das türkische Militär mehrfach in die Politik ein, zweimal übernahm es - befristet - die Regierungsgewalt."7 Jeden lO.November um 9.05, also zum Todeszeitpunkt Atatürks, halten die meisten Fahrzeuge und Menschen an, um ihm für eine Minute lang zu gedenken.

„Das historische Wirken Atatürks hat ihn so sehr zu Identifikationsfigur der Türkei werden lassen und entrückt, dass Kritik als "Sakrileg" erscheint."8 Bis heute fungiert die Person Atatürks, versehen mit dem Charisma und der Autorität eines nationalen "Übervaters", als das zentrale Symbol der türkischen Republik und garantiert die Präsenz und Akzeptanz der kemalistischen Prinzipien.9 Themen wie der Laizismus oder die Einheit der Nation werden somit häufig vor öffentlicher Kritik bewahrt.

Kurz nach der Republiksgründung fingen die Regierungskader an, alle begrenzten Ressourcen des Staates zu mobilisieren, um den Atatürk-Kult zu erschaffen und zu verbreiten, der das neue Symbol sein sollte, um die Nation zu vereinen.10 Sein Ansehen aus dem Befreiungskrieg wurde benutzt, um Unterstützung für ein Reformprogramm zu bekommen, das selbst unbeliebt war.11 Aufgrund solch einer Einheit Atatürks mit der Republik, konnte man die Bindung, die Liebe und den Respekt für Atatürk wie eine Zivilreligion verwenden, um das neue Regime aufzubauen und zu legitimieren.12 Er wurde also zum „neuen Gesicht" des neuen Regimes.

„Am lO.November 1938 starb Atatürk. Der "Vater der Türken" blieb jedoch das Maß aller Dinge, und seine Politik und seine Reden wurden als "Kemalismus" oder "Atatürkcülük" [Atatürkismus; C.G.] zur offiziellen Ideologie des Staates."13 Nach seinem Tod wurde er zum "ewigen Führer" und sein Nachfolger Ismet Inönü, der zweite Staatspräsident und engste Gefährte Atatürks, zum "nationalen Führer" ernannt. Auch unter Inönü blieb der Personenkult weiterhin bestehen, doch jener schwächte diesen allmählich ab und versuchte ihn durch seinen eigenen Kult zu ersetzen. Inönü wollte nämlich unter seinem Charisma die Bevölkerung Zusammenhalten, denn zu jener Zeit hielt der 2.Weltkrieg weiterhin an14. Dazu ließ er unter anderem die Bilder Atatürks von den Banknoten, Briefmarken und Postkarten entfernen und seine aufdrucken, er ließ seine eigenen Statuen aufstellen und ordnete auch an seine Portraits in den öffentlichen Einrichtungen aufzuhängen. Aber nichtsdestotrotz führte er Atatürks Reformen weiter.

Mit dem Übergang zum Mehrparteiensystem kam die Demokratische Partei (DP) 1950 unter Adnan Menderes an die Regierung. Gegen den nun als Oppositionsführer in Erscheinung tretenden Inönü, benutzte die DP ebenfalls den Kult um Atatürk. Sie ließen die Bilder Inönüs von den Geldscheinen und Briefmarken entfernen und ersetzten diese wieder mit den Bildern Atatürks, stellten erneut dessen Statuen auf, verabschiedeten das Gesetz zum Schutze des Andenkens an Atatürk und ließen sein Mausoleum fertigstellen. Auf politischer Ebene hingegen schrieben sie alle Erfolge des kemalistischen Regimes Atatürk und alle Fehler Inönü zu. Dadurch, dass die DP auf den Kult um Atatürk setzte, wollte sie den Konkurrenten und Parteivorsitzenden derCHP Inönü schwächen beziehungsweise "loswerden", denn Inönü repräsentierte zugleich die alte republikanische Elite der CHP.15 Durch die Ehrung Atatürks zeigte die Demokratische Partei, dass sie dem Regime verbunden war und kappte die Verbindung zwischen der CHP und Atatürk und weitete somit ihr politisches Angriffsfeld aus.16

Am 27. Mai I960 kam es zum ersten Putsch, weil die Militärs der Meinung waren, dass die Demokratische Partei gegen die Prinzipien Atatürks und insbesondere gegen den Laizismus verstoßen würde. Somit legten sie einen Grundstein für nachfolgende Interventionen des Militärs, die tragische Folgen hatten. Nach dem Putsch einigten sich die Mitglieder der Junta darauf, "den Geist Atatürks wiederzubeleben und das Volk stärker an die Prinzipien Atatürks zu binden"17 und verabschiedeten eine eher liberale Verfassung, infolgedessen sich die politische Landschaft vergrößerte und sich verschiedene Parteien gründeten. Folglich vervielfältigte sich auch der Atatürk-Kult, da nun von rechts bis links sich alle Parteien auf Atatürk beriefen und ihn als "einen von ihnen" darzustellen versuchten.18 Im Zeitraum von 1960-1980 kam es somit insgesamt zu einer hohen politischen Zersplitterung, die auch oft im Gegensatz zur Staatsideologie stand und zu ihrer Schwächung beitrug.

Am 12. September 1980 putschte das Militär aufgrund von bürgerkriegsähnlichen Zustände erneut und berief sich dabei wieder auf Atatürk. Die Militärjunta benutzte Atatürk als ihr Hauptsymbol, um die geteilte Nation zu vereinigen und die Autorität des Staates wiederherzustellen.19 Sie unterdrückte zunächst die ihrerseits als abwegig bezeichneten Ideologien (Sozialismus, Kommunismus und Islamismus) und förderte eine spezielle Sorte des Atatürkismus mit Nationalismus, Militarismus und Dirigismus als ihren Leitwerten.20 Die Putscherklärung von General Evren bezog sich auch direkt auf Atatürk. Hier wurde erklärt, dass Atatürks Prinzipien nicht befolgt wurden und somit abwegige Ideologien das Volk und den von Atatürk anvertrauten Staat an den Rand eines Bürgerkrieges gebracht hätten.21 Im Bereich der Erziehung, so hieß es, würde man alles unternehmen, um so schnell wie möglich den Nationalismus Atatürks in die entferntesten Ecken des Landes zu bringen und diesen den Kindern und Schülern beizubringen, damit sie nicht unter dem Einfluss fremder Ideologien zu Anarchisten werden würden.22 Somit sollte die Jugend im Geiste Atatürks erzogen und rechte und linke Ideologien durch den Atatürkismus ersetzt werden. Zu diesem Zweck verabschiedete man unter anderem eine neue Verfassung und erstellte neue Lehrpläne für die Schulen. Ergo versuchte die Militärjunta nicht nur den Staat, sondern auch die Gesellschaft im Geiste Atatürks neu zu ordnen. Man kann also sehen, dass mit der Etablierung des Mehrparteiensystems der Atatürkismus und somit auch der Kult um Atatürk in der Politik und in der Gesellschaft an Bedeutung verloren. Doch die Militärputsche schafften diese wieder zu beleben und zu stärken.

Mit dem Machtzuwachs des politischen Islam in den 90er Jahren und vor allem mit dem Einzug der Wohlfahrtspartei in die Stadtverwaltungen und der Übernahme der Regierungen von Ankara und Istanbul im Jahre 1994, erreichte der Konflikt zwischen den Kemalisten und den Islamisten seinen Höhepunkt. Parallel dazu vermehrten sich islamische Symbole wie zum Beispiel das Kopftuch, islamische Autoaufkleber, islamische Radiosender und islamische Restaurants, die keinen Alkohol ausschenken. Im selben Maß wie der politische Islam wuchs, so wuchs auch wieder das Bekenntnis zu Mustafa Kemal. Der tote Führer sollte das Land retten vor den "Reaktionären", wie die Islamisten genannt wurden.23 Somit begannen die Kemalisten, Atatürk als Symbol im Kampf gegen die Islamisten zu verwenden, denn es gab kein anderes Symbol des Laizismus und des „westlichen Lebensstils", das sie hätten verwenden können, um Legitimität zu erlangen. So fingen zunächst Staatsbeamte und Angehörige des Militärs an, eine beträchtliche Anzahl von Statuen, Büsten und Portraits von Atatürk, zu den bereits vorhandenen, hinzuzufügen.24 Außerdem bildete sich ein ziviler Atatürk-Kult, ein Kult, der nicht primär von den Organen des Staates gefördert wurde, sondern von Nichtregierungsorganisationen, die als Protest gegen eine wahrnehmbare Islamisierung des Landes gegründet wurden. Dieser Kult beinhaltete Konferenzen, Demonstrationen, Marschzüge zu den Statuen Atatürks und auch mehr und mehr zu seinem Mausoleum in Ankara. Für diese Anhänger wurde der tote Führer zu einer lebenden Kraft: Ein Symbol, welches immer noch unter den türkischen Bürgern weilte und fähig war, Einfluss auf den Lauf der Geschichte auszuüben.25 Da die Bürger aufgrund begrenzter Kapazitäten sich nicht wie der Staat anhand von riesigen Statuen oder Bildern ausdrücken konnten, griffen sie auf Kleidungsstücke oder Accessoires mit dem Bild Atatürks wie T-Shirts, Schlüsselanhänger, Ringe, Uhren, Kalender, Postkarten Feuerzeuge, Anstecknadeln und Ähnliches zurück und dekorierten auch ihre Häuser und Büros mit seinen Bildern oder Masken. Anhänger Atatürks, egal ob Frau oder Mann trugen diese nach außen, um sich sichtbar von den Islamisten zu unterscheiden und ihren eigenen Lebensstil zu verteidigen.26 In den 90ern wurden somit islamische Symbole wie das Kopftuch und Atatürk in unterschiedlichen Erscheinungsformen zu Symbolen kultureller Identität, die infolgedessen auch kommerzialisiert wurden. So kann die Allgegenwärtigkeit Atatürks nur zu einem Teil dem Staat zugeschrieben werden. Anders ist dies bei den islamistischen Bewegungen gewesen, die gegen den Säkularismus und die Verwestlichung Atatürks sind. Diese weckten andere Staatsoberhäupter wieder zum Leben und brachten sie zur Geltung, wie zum Beispiel Fatih Sultan Mehmet, den Eroberer Konstantinopels. In der Tat versuchte die Wohlfahrtspartei Atatürk als "Symbol des Staates" abzuschaffen und durch Fatih Sultan Mehmet zu ersetzen.27 Oft stellten sie auch keine Atatürk-Statuen in ihren Bezirken auf, sondern investierten in Moscheen und gaben den religiösen Feiertagen, dem Jahrestag der Eroberung Konstantinopels und dem Andenken der osmanischen Sultane viel mehr Aufmerksamkeit als den Staatsfeiertagen und dem Andenken an Atatürk. Dass sich diese Partei jedoch so lange behaupten konnte, lag unter anderem daran, dass sich der Ministerpräsident und Parteivorsitzende Erbakan öffentlich zum Laizismus und zum revolutionären Vorbild Atatürks bekannte.28 Denn die Bindung an ihn und seine Prinzipien oder zumindest der Respekt vor denselben, stellt eine Bedingung für die Legitimität jeder politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Bewegung dar.29

[...]


1 Für eine detailliertere Darstellung empfehle ich die Werke von Adanir, Fikret: Geschichte der Republik Türkei und Kreiser, Klaus/Neumann, Ch. K.: Kleine Geschichte der Türkei

2 Käufeler, Heinz: Das anatolische Dilemma, Zürich 2002, S. 153

3 Schwarz, Hans-Peter: Das Gesicht des Jahrhunderts, Berlin 1998, S. 168

4 Kramer, Heinz: Vom Reich zur Republik: die „kemalistische Revolution“, Bonn Dezember 2011,S.8

5 Dreßler, Markus: Die civil religion der Türkei, Würzburg 1999, S. 32

6 Kramer, Heinz: VomReichzurRepublik: die „kemalistische Revolution“, a.a.O., S. 10

7 Jung, Dietrich: Das politische Leben: Institutionen, Organisationen und politische Kultur, Bonn 2012,S.104

8 Tröndle, Dirk: Mustafa Kemal Atatürk. Starker Vater mit Schwächen, in: http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/dirk-troendle-mustafa-kemal-atatuerk-starker-vater-mit- schwaechen-11680496.html (abgerufen am 14.12.2013)

9 Vgl. Yesilgül, Inan: Die Türkei auf dem Weg nach Europa ?, Berlin 2013, S. 112

10 Vgl. Özyürek, Esra: Nostalgia for the Modem, Durham u.a. 2006, S. 95

11 Vgl. Zürcher, Jan-Erik: In the name of the father, the teacher and the hero, London [u.a.] 2012, S. 132

12 Vgl. Ünder, Hasan: Atatürk Imgesinin Siyasal Ya§amdaki Rolü, 5. Auflage Istanbul 2006, S. 151

13 Seufert, Günter/Kubaseck, Christoph: Die Türkei. Politik, Geschichte, Kultur, Bonn 2006, S. 91

14 Vgl. Inönü Paralara Niye Resmini Bastirdi ?, in: http://www.habervitrini.com/haber/inonu-paralara-nive- resmini-bastirdi-335585/. abgerufenam 14.12.2013

15 Vgl. Özdemir, Cem: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur, Weinheim 2008, S. 63

16 Vgl. Tekiner Aylin: Atatürk Heykelleri, Istanbul 2010, S. 157f.

17 Vgl. Akyaz, Dogan: Ordu ve Resmi Atatürkgülük, 5. Auflage, Istanbul 2006, S. 181

18 Vgl. Zürcher, Erik-Jan: In the name of the father, the teacher and the hero, a.a.O., S. 134

19 Vgl. Özyürek, Esra: Nostalgia for the Modem, a.a.O., S. 101

20 Vgl. Zürcher, Erik-Jan: In the name of the father, the teacher and the hero, a.a.O., S. 134

21 Vgl. Putscherklärung auf Englisch: Birand, Mehmet Ali: The Generals' Coup in Turkey, London [u.a.], S. 187

22 Ebd., S. 194f.

23 Vgl. Koydl, Wolfgang: Atatürk. Der lange Schatten des Übervaters, Hamburg 1998, S. 36

24 Vgl. Özyürek, Esra: Nostalgia for the Modem, a.a.O., S. 98

25 Vgl. Zürcher, Erik-Jan: In the name of the father, the teacher and the hero, a.a.O., S. 135

26 Vgl. Navaro-Yashin, Yael: Faces of the State, Princeton [u.a.] 2002, S. 86-89

27 Vgl. Navaro-Yashin, Yael: Faces of the State, a.a.O, S. 199

28 Vgl. Schweizer, Gerhard: Die Türkei - Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus, Stuttgart 2008, S. 235

29 Vgl. Ünder, Hasan: Atatürk Imgesinin Siyasal Ya§amdaki Rolü, 5. Auflage, Istanbul 2006, S. 138

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Kult um Atatürk. Wie hat sich der Kult um Atatürk in der Türkei seit der Republiksgründung entwickelt?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V1040128
ISBN (eBook)
9783346458650
ISBN (Buch)
9783346458667
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Islam, Muslime, Religion, Atatürk, Laizismus, Säkularismus, Republik, Moderne, Revolution, AKP, Erdogan
Arbeit zitieren
Enis Cem Güzeller (Autor:in), 2013, Der Kult um Atatürk. Wie hat sich der Kult um Atatürk in der Türkei seit der Republiksgründung entwickelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040128

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