Mathias Mayer - Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad


Skript, 2000

3 Seiten


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Mathias Mayer: Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad

in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105 (1986)

ZUSAMMENFASSUNG

Dichten zwischen Leben und Tod (Paradies)

Polarität der Spannung

Motto (Tasso) - Frage, inwiefern (in der Elegie) die Qual den Dichter zum Sprechen bringt, während der nicht dichterisch begabte im Leid verstummt

€damit Differenz zwischen Mensch und Dichter

Dichtung ist nur als Ausdruck des Leides möglich - setzt Trennung vom geliebten Gegenüber voraus

€Gedicht verdankt sich dem Umstand des Nachher = das Selbstverständliche jeder Dichtung

in der Elegie: die Dichtung wird des Selbstverständlichen beraubt, indem es bewußt gemacht wird

½€ das Selbstverständliche wird zur schmerzlichen Bewußtheit als Elegie gestaltet

andererseits:

Klage über die abwesende Geliebte wird zur Reflexion auf das dadurch erst mögliche Dichten

Paradiesmetapher: Identität (Gleicheit) von Liebe und Dichtung als Erkenntniskonflikt von Mann und Frau (bzw.

Einzelnem und Allgemeinem)

€vom Aufenthalt im Paradies kann nicht im Präsenz die Rede sein!

Paradies ist unbewußter Zustand € zur Dichtung ist wiederum die Abwesenheit des paradiesischen Zustandes nötig (also die Vertreibung aus dem Paradies und damit die Erkenntnis)

vgl. Kant: Sündenfall als „Schritt aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit“ (Vernunft treibt das Geschöpf und vertreibt ihm den eingebildeten Sitz der Wonne)

Dichter hat erst dann die Gabe des Sagens, wenn er aus dem Paradies (Liebesgegenwart) ins Bewußtsein von Trennung und Abwesenheit vertrieben ist (auch wenn er vorzugweise beklagt, was er verloren hat)!

Vertreibung aus dem Paradies löst Sehnsucht nach dem Paradies aus nach der Vertreibung aus dem Paradies in der Elegie (2. Strophe): Einbruch der Zeitlichkeit

Strophe 6: Mensch, aus dem Paradies vertrieben, muß sich seiner selbst in der Natur vergewissern erkennt sich selbst im Gegenüber

Geliebte als Wolke € Vermittlung zwischen Himmel und Erde

Paradies und Welt

jedoch adäquates Bild der Geliebten ist nur im Herzen zu finden (wechselnde Gestalten)

seraphische Äthergestalt ist in ihrem Schweben Symbol der Dichtung - vgl. Prometheus, für den die Geschenke

der Pandora (Göttin der Wissenschaft und Kunst) nicht mehr als „Luftgeburten“ sind

deshalb (9. Strophe): Weg der Dichtung führt vom Wolkenbild zur dichterischen Gestalt der Geliebten im Herzen des Liebenden

Schlußvers: Mit Flammenschrift, in's treue Herz geschrieben.

Dichten des Gedichtes somit selbst genannt: „Das Herz ist Inkarnation der Liebe, die Flammenschrift umfaßt die

Beziehung der Vertreibung aus dem Paradies durch den flammenden

Cherub (V. 22) und das dadurch erst möglich gewordene Dichten (als

Schrift)“.

nur Ankündigung oder Erinnerung der Gegenwart, nicht der paradiesische Augenblick selbst kann ins Wort gefaßt werden

neues Vergleichsfeld für die Geliebte: Sonne entspricht dem Paradies insofern, als daß sie auch nicht direkt erfahr- und gestaltbar ist

Friede Gottes: Zitat aus dem Philipperbrief 4.7 € unterstreicht Zusammenhang zwischen Erkenntnisproblematik der Elegie und der Bibel

(hier Transformation der Metaphorik ins Religiöse)

Glück der Nähe kann dichterisch dargestellt werden aus der Entfernung/Trennung heraus € Verwandlung ins Dichterische ermöglicht erst die Gestaltwerdung des an sich gestaltlosen Glücks

Strophen 16 u. 17:

ungetrübte Naivität des Verfügens über den erfüllten Augenblick - kindliches Gemüt der Geliebten kennt die Erfahrung des Schmerzes nicht

ihr Gemüt ist kindlich und auf den Augenblick hin ausgeprägt: Kind lebt in unbewußter Gegenwärtigkeit ohne

Zeiterfahrung (Zustand philosophischen und sexuellen Noch-nicht-erkannt-Habens , also noch nicht der Zustand des aus dem Paradies vertriebenen Menschen)

Übermenschlichkeit der Geliebten € Mensch ist nur der aus dem Paradies vertriebene (erkenntnisreiche) Geliebte: Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes, (V. 104)

Dichter: Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide. (Motto) - geknüpft an die Nichtexistenz der Gunst des

Augenblickes

Strophen 20 und 21:

paradoxe Grunderfahrung des liebenden Dichters - Dichten ist Kampf auf Leben und Tod, weil

Dichten = (hier) Liebesdichtung Liebe = Inbegriff des Lebens

Liebe kann aber nur aus der Entfernung/Trennung gestaltet (gedichtet) werden

somit: Voraussetzung für das Dichten (Trennung) entzieht dem Dichter das Leben (Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde. letzter Vers)

umgekehrt: Nähe bedeutet den Tod des Dichtens vgl. V.119ff.: Wohl Kräuter gäb’s , des Körpers Qual zu stillen;

Allein dem Geist fehlt’s an Entschluß und Willen,

Fehlt’s am Begriff: wie sollt er sie vermissen?

d.h. Geist des Dichters kann nur leben, wenn er die Geliebte nicht vermißt

Geist rückt die Geliebte in die Nähe der dichterisch-geistigen Begegnung, körperliche Nähe entläßt

keine Dichtung aus sich

€Entwurf eines erkenntnistheoretischen Problems der Anschauungsformen von Raum und Zeit, hier als Begriffskonflikte von Gegenwart und Vergangenheit, Nähe und Ferne

somit auch Differenz zwischen dichtendem Menschen und nicht-dichtendem Menschen: Dichter vermißt die Geliebte nicht, weil er stets auf sie bezogen bleibt,

Dichter als Mensch vermißt sie und möchte Trennung durch Tränen, Kräuter, Imagination überwinden

= Differenz zwischen ästhetischer und empirischer Wirklichkeit

Strophe 23: Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen!

hier ist poetologischer Ort des Dichtens, wo der Dichter ob seiner Begabung alleine bleiben muß

Die gegenseitige Bedingtheit von Leben und Tod, Dichten und Liebe, Ferne und Nähe ist hier zur tödlichen Erkenntnis formuliert, Erkenntnis erschafft aber gleichzeitig das Gedicht und wirkt damit lebenserhaltend.

= unmögliche Synthese

Pandora - Doppelfigur von Gütern und Gefahr

paradoxe Einheit von Dichtung, die nur von Liebe sprechen kann und zugleich an die tödliche Voraussetzung der Abwesenheit der Geliebten geknüpft ist

Elegie mit ihrem Ausgang betont den tödlichen Charakter der Dichtkunst: Schmerz der Trennung wird tiefer erfahren als die dadurch erst möglich gemachte dichterische Gestaltung.

Damit: Elegie wird zum Gedicht gegen das Dichten, zur dichterischen Klage auf die Dichtung.

Dichtung als Pandora-Geschenk: Entzieht dem gabeseligen Dichter mit der Bedingung des Dichtens (Trennung von der Geliebten) zugleich das Leben (Schlußvers: Sie tennen mich, und richten mich zu Grunde.)

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Details

Titel
Mathias Mayer - Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad
Autor
Jahr
2000
Seiten
3
Katalognummer
V104031
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mathias, Mayer, Dichten, Paradies, Hölle, Anmerkungen, Struktur, Goethes, Elegie, Marienbad
Arbeit zitieren
Evamarie Pitz (Autor), 2000, Mathias Mayer - Dichten zwischen Paradies und Hölle. Anmerkungen zur poetologischen Struktur von Goethes Elegie von Marienbad, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104031

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