Die Geberit, als Pionier in der Sanitärbranche, bringt jährlich neuartige Produkte auf den Markt. Als Vorreiter (First Mover) ist nachteilig, dass keine Wettbewerbsprodukte zur Orientierung für Entscheidungen herangezogen werden können. In der Produktenwicklung werden bereits heute bewusst oder unbewusst heuristische Entscheide getroffen.
Diese Arbeit hat die Zielsetzung, dass durch explizite Anwendung heuristischer Ansätze die Time-To-Market gekürzt werden kann ohne dabei den Wettbewerbsvorsprung zu verringern. Letztlich soll dazu ein Hilfsmittel für Produktenwickler geschaffen werden, das im Alltag eingesetzt werden kann.
Als Grundlage dient die Studie von McCammon (2004) über Lawinenunfälle in den USA, welche von Loebner (2018) für den Anlagen- und Maschinenbau-Konstruktion abgeleitet wurde. Im letzten Schritt ist die Ableitung auf Chancen und Risiken für die Produktentwicklung der Geberit International AG beurteilt worden.
Als Ergebnis ist der "Avalanche-Check" entstanden der neben der Fehlervermeidungsseite (Heuristische Fallen) auch eine Beschleunigungsseite hat. Der Check ist noch mit vielen Unsicherheiten behaftet, weshalb die Antwort auf die Fragestellung der Arbeit nicht abschließend beantwortet werden kann. Als unmittelbare und unkomplizierte Maßnahme, kann die Empfehlung gemacht werden, dass die Lawinenstudie sowie deren Ableitung in die Konstruktion, zur Sensibilisierung der Produktenwicklung, in Form eines Vortrags mit betriebseigenen Beispielen zugänglich gemacht werden sollte. Wenn damit bereits in der Entwicklung ein potenzieller Folgefehler entdeckt werden würde, würde sich der Aufwand um ein Mehrfaches rechnen.
Inhaltsverzeichnis
1 Abstract
2 Anwendung und Bedeutung der Heuristik in der Geberit
2.1 Die heuristische Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
2.2 Die Geberit Gruppe
2.3 Die Herausforderung als Pionier
2.4 Das Aufwand-Ertrags-Dilemma in der Produktentwicklung
2.5 Hohe Kosten oder ein Mehrwert für die Kunden
3 Mit dem Avalanche-Check die Time-To-Market kürzen und Folgekosten einsparen
3.1 Was Lawinenunfälle mit der Produktkonstruktion zu tun haben
3.2 Ableitung der "Lawinen-Heuristiken" auf die Produktentwicklung
3.3 Anwendung der "Lawinen-Heuristiken" in die Geberit-Welt
4 Kritische Auseinandersetzung, Zielerreichung und Empfehlung
4.1 Chancen und Risiken des "Avalanche-Checks"
4.2 Viele Unsicherheiten sind noch zu klären
4.3 Zielerreichung und Empfehlung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines praxisnahen Hilfsmittels ("Avalanche-Check"), um heuristische Entscheidungsprozesse in der Produktentwicklung bei Geberit zu optimieren. Dabei soll die Time-To-Market verkürzt und die Qualität gesichert werden, ohne den Wettbewerbsvorsprung als Pionier zu gefährden.
- Analyse des Aufwand-Ertrags-Dilemmas bei First-Mover-Strategien
- Übertragung von Heuristiken aus der Lawinenunfallforschung auf die Produktkonstruktion
- Identifikation von beschleunigenden Faktoren sowie kritischen Fehlerquellen
- Konzeption eines anwendbaren Avalanche-Checks für Entwicklungsteams
- Evaluation von Chancen, Risiken und notwendigen Sensibilisierungsmaßnahmen
Auszug aus dem Buch
3.1 Was Lawinenunfälle mit der Produktkonstruktion zu tun haben
Nach dem Lawinentod eines erfahrenen Alpinisten und Freund von Ian McCammon, hat der promovierte Maschinenbauingenieur und begeisterte Skitourengänger beschlossen, nach der Ursache des Unfalls zu forschen. In diesem Zusammenhang hat McCammon (2004) 715 Lawinenunfälle zwischen 1972 und 2003, die in den USA geschahen, auf deren Ursachen untersucht. Gefunden hat er keine Bestätigung zu den gängigen Meinungen "sinnloses Risiko eingegangen", "zu wenig ausgebildet" oder "zur falschen Zeit, am falschen Ort gewesen", sondern den Beweis, dass bei den 93% der Lawinen, die selbstverschuldet ausgelöst wurden, eine Fehlentscheidung vorlag (Utzinger, 2004, S. 51-53). Utzinger (2004, S. 52) schreibt, dass es enorme Fachkenntnisse braucht, um die wesentlichen Entscheidungsgrundlagen zu erkennen, die eine zuverlässige Einschätzung der Lawinenverhältnisse zulässt. Daher neigten Menschen bei hoher Komplexität dazu, sich eher auf ad hoc Regeln oder Heuristiken zu verlassen. McCammon (2004) identifizierte in seiner Studie, die sechs folgenden Heuristiken: The Familiarity Heuristc (Vertrautheitsheuristik), The consistency Heuristic (Festlegungsheuristik), The Acceptance Heuristc (Anerkennungsheuristik), The Expert Halo Heuristic (Expertenheuristik), Social Facilitation Heuristic (Heuristik der sozialen Förderung), The Scarcity Heuristic (Seltenheitsheuristik).
Die Brücke zur Konstruktion wird in einem zweiteiligen Artikel geschlagen. Wie Loebner (2018a; 2018b), der Verfasser des Artikels, dem Autor der vorliegenden Arbeit in einem persönlichen Gespräch geschildert hat, kam ihm die Idee bei einer regnerischen Skitour. Nachdem der Bergführer einen Vortrag über Lawinen und deren Erkennungsmerkmale gehalten hat, hat er die Studie von McCammon erwähnt. Loebner, der selbst jahrelange Konstruktionserfahrung hat, konnte mittels weiteren Recherchearbeiten, sämtliche von McCammon ausgewiesenen heuristischen Fallen in die Konstruktion übertragen. Loebner (2018b) möchte mit seinem Artikel den berufstätigen Konstrukteuren Hilfe zur Selbstreflektion bieten. Dies ist Anlass für den Autor dieser Arbeit, mit Hilfe der Ableitung ein Hilfsmittel zu schaffen, wie die Heuristik gezielt im Produktentwicklungsalltag eingesetzt werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Abstract: Zusammenfassung der Zielsetzung, der methodischen Grundlage durch die McCammon-Studie sowie des Ergebnisses in Form des Avalanche-Checks.
2 Anwendung und Bedeutung der Heuristik in der Geberit: Beleuchtung der First-Mover-Strategie, des Innovationsprozesses sowie des Dilemmas bei Aufwand-Ertrag-Entscheidungen im Produktkontext.
3 Mit dem Avalanche-Check die Time-To-Market kürzen und Folgekosten einsparen: Herleitung der heuristischen Fallen aus der Lawinenforschung und Übertragung auf die Produktkonstruktion sowie Vorstellung des Avalanche-Checks.
4 Kritische Auseinandersetzung, Zielerreichung und Empfehlung: Reflexion über die Chancen und Risiken des Werkzeugs sowie Empfehlungen zur weiteren Sensibilisierung und Validierung innerhalb des Unternehmens.
Schlüsselwörter
Heuristik, Produktentwicklung, Geberit, Time-To-Market, First-Mover-Strategie, Avalanche-Check, Innovationsmanagement, Lawinenunfälle, Entscheidungsfindung, Konstruktion, Fehlervermeidung, Risikomanagement, Innovationsprozess, Fachkenntnis, Prozessoptimierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie heuristische Entscheidungsprozesse in der Produktentwicklung von Geberit gezielt eingesetzt werden können, um die Zeit bis zur Markteinführung (Time-To-Market) zu verkürzen, ohne dabei den Wettbewerbsvorsprung zu verlieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Anwendung von Heuristiken bei First-Mover-Projekten, die Übertragung von Erkenntnissen aus der Lawinenunfallforschung auf die technische Konstruktion sowie die Qualitätssicherung in Innovationsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Entwicklung eines anwendbaren Hilfsmittels, des "Avalanche-Checks", welches Geberit-Entwicklungsteams dabei unterstützt, intuitiv bessere Entscheidungen zu treffen und kostspielige Fehlentwicklungen zu vermeiden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, insbesondere der Lawinenstudie von McCammon (2004) und deren Transfer auf den Maschinenbau durch Loebner (2018), ergänzt durch qualitative Experten-Gespräche zur Anwendung im Unternehmenskontext.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Aufwand-Ertrags-Dilemma in der Geberit-Produktentwicklung analysiert, die Lawinen-Heuristiken auf die Konstruktion übertragen und das neue Werkzeug, der "Avalanche-Check", detailliert zur Anwendung in Meetings vorgestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Heuristik, Produktentwicklung, Time-To-Market, First-Mover-Strategie und Innovationsmanagement charakterisieren.
Warum spielt die Geberit-First-Mover-Strategie eine besondere Rolle?
Da Geberit als Pionier Produkte als Erster auf den Markt bringt, fehlt es an Vergleichsprodukten von Wettbewerbern, was bei Entscheidungen zu einer hohen Unsicherheit führt und eine effiziente heuristische Steuerung notwendig macht.
Wie wurde das "Lawinen-Modell" auf die Produktentwicklung übertragen?
Die sechs von McCammon identifizierten heuristischen Fallen (z.B. Vertrautheit, Festlegung, Expertenheuristik) wurden in eine bildliche Checkliste umgewandelt, die sowohl beschleunigende Impulse liefert als auch Risiken durch Reflexionsfragen abdeckt.
Was sind die Hauptergebnisse der kritischen Auseinandersetzung?
Es wird festgestellt, dass das Werkzeug zwar plausibel ist, aber wissenschaftlich noch validiert werden muss, und dass ein Risiko besteht, falls Entwickler den eigenen Denkprozess zugunsten der Checkliste vernachlässigen.
Welche Empfehlung gibt der Autor für die Praxis?
Der Autor empfiehlt, die Lawinenstudie und das darauf basierende Konzept mittels internen Schulungen, Präsentationen oder E-Learning im "Geberit Campus" zur Sensibilisierung der Mitarbeiter einzusetzen.
- Arbeit zitieren
- Roger Baggenstos (Autor:in), 2021, Heuristik zur Effizienzsteigerung in der Produktentwicklung. Ein Hilfsmittel für Entwicklungsteams anhand eines Unternehmens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040354