Deskriptive, soziale und expressive Bedeutung


Seminararbeit, 1997

17 Seiten


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Inhalt

1. Einleitung

2. Deskriptive Bedeutung
2.1 Deskriptive Bedeutung von Sätzen
2.2 Deskriptive Bedeutung von Wörtern
2.2 Deskriptive Bedeutung und Referenz

3. Soziale Bedeutung
3.1 Soziale Bedeutung allgemein
3.2 Soziale Bedeutung am Beispiel des Duzens und Siezens

4. Expressive Bedeutung
4.1 Interjektionen und expressive Adverbien
4.2 Pejorative Ausdrücke, Euphemismen und Kraftausdrücke

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Wie kommt es eigentlich, dass wir eine sprachliche Äußerung verstehen? Und wie kommt es, dass wir sie richtig oder falsch verstehen können? Zumindest die zweite Frage stellt man sich spätestens dann, wenn man selbst etwas falsch verstanden hat oder falsch verstanden worden ist.

In der vorliegenden Arbeit soll diesen Fragen nachgegangen werden. Sie stützt sich dabei auf die Ausführungen von Lyons, der sich in seinen Büchern Semantik (1980) und Die Sprache (1983) mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Ebenfalls grundlegende Texte für diese Arbeit sind „Descriptive, social and expressive meaning“ (Löbner, 1999) und das Skript zur Vorlesung „Einführung in die Semantik“ (Löbner, 1996).

2. Deskriptive Bedeutung

Betrachtet man sprachliche Ausdrücke, so wird man feststellen, dass sie das besitzen, was Lyons deskriptive Funktion bzw. deskriptive Bedeutung nennt (Lyons, 1980: 64). Mittels sprachlicher Ausdrücke - Wörter oder Sätze - können Sachverhalte bzw. Informationen über Sachverhalte mitgeteilt werden (Löbner, 1996: 2/1). In welcher Weise dies geschieht, soll im folgenden erklärt werden.

2.1 Deskriptive Bedeutung von Sätzen

Die deskriptive Bedeutung eines Satzes, auch seine Proposition genannt, ist der Sachverhalt, den er ausdrückt (Löbner, 1996: 2/1).

Die Beispielsätze

(1) a. Ist der Kaffee kalt?
b. Der Kaffee ist kalt.

drücken auf verschiedene Art und Weise denselben Sachverhalt aus, nämlich dass der Kaffee kalt ist.

Die deskriptive Bedeutung der beiden Sätze ist dieselbe, der Unterschied liegt in der Satzform. Satz (1a) drückt durch seine Frageform aus, „dass es darum geht, ob dieser Sachverhalt besteht“ (Löbner, 1996: 2/1). Der Aussagesatz (1b) drückt mit Hilfe seiner Satzform aus, dass eben dieser Sachverhalt besteht.

Die Äußerungssituation spielt bei der deskriptiven Bedeutung keine Rolle, allein die im Satz beschriebenen Informationen sind von Bedeutung. In den Sätzen (1a) und (1b) ist es für die deskriptive Bedeutung nicht relevant, ob es sich um einen bestimmten Kaffee handelt. Lediglich die Beschreibung der abstrakten Situation, dass es um einen kalten Kaffee geht, ist Gegenstand der deskriptiven Bedeutung.

Nach Lyons ist die deskriptive Bedeutung eines Satzes gleichzusetzen mit seiner Proposition, die z. B. in Aussagesätzen behauptet oder in Fragesätzen wiedergegeben wird. Charakteristisch für diese Propositionen ist, dass sie einen bestimmten Wahrheitswert haben, d. h. sie können entweder wahr oder falsch sein. Daraus leitet sich eine „innige Verbindung zwischen deskriptiver Bedeutung und Wahrheit“ ab. (Lyons, 1983: 133)

2.2 Deskriptive Bedeutung von Wörtern

Die deskriptive Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Beitrag zur deskriptiven Bedeutung eines Satzes (Löbner, 1996: 2/1). In den Sätzen (1a) und (1b) liegt die deskriptive Bedeutung von kalt in der Beschreibung eines Zustands hinsichtlich der Kaffeetemperatur.

Die deskriptive Bedeutung des Wortes Kaffee kann man im Lexikon nachschlagen; dort ist folgendes zu finden: 1. Kaffeepflanze; 2. die [gerösteten] Samen der Kaffeepflanze (K.bohnen) bzw. das daraus bereitete Getränk (Meyers Lexikon, 2000) Im Zusammenhang mit der deskriptiven Bedeutung von kalt wird deutlich, dass es sich hier um das Getränk handeln muss.

2.3 Deskriptive Bedeutung und Referenz

Die deskriptive Bedeutung wird auch als referenzielle Bedeutung be- zeichnet. Die Referenz ist der „konkrete Bezug sprachlicher Ausdrücke auf Gegenstände, Ereignisse, Zeiten, Orte usw.“ (Löbner, 1996: 2/5). Erst mit Hilfe der Referenz ist es möglich, in einer bestimmten Äußerungssituation eine Beziehung zur außersprachlichen Welt herzustellen. Wörter oder Satzteile verweisen auf Dinge oder Personen in der realen Welt.

In den Sätzen (1a) und (1b) referiert der Kaffee auf einen bestimmten Kaffee, auf den sich sowohl Sprecher als auch Hörer beziehen, und nicht auf einen beliebigen Kaffee. Auch das Adjektiv kalt verweist auf einen bestimmten Temperaturbereich, der in Bezug auf Kaffee anders zu interpretieren ist als z. B. in Bezug auf Bier.

3. Soziale Bedeutung

Neben der deskriptiven Bedeutung können Äußerungen auch nichtdeskriptive Bedeutungen haben. Zunächst soll hier die soziale Bedeutung erläutert werden.

3.1 Soziale Bedeutung allgemein

Der soziale Bedeutungsaspekt von Äußerungen ist dadurch gekennzeichnet, dass hier die Verwendung von Sprache „zur Festlegung und Aufrechterhaltung sozialer Rollen und sozialer Beziehungen“ betrachtet wird. Nach Lyons liegt hierin auch der Hauptzweck eines großen Teils alltäglichen Gesprächsverhaltens, nämlich „die Räder im Getriebe gesellschaftlichen Verkehrs zu ölen“. (Lyons, 1983: 134)

Ein Ausdruck hat dann eine soziale Bedeutungskomponente, „wenn er dazu dient, die Qualität der sozialen Beziehung zwischen den an der Äußerung Beteiligten auszudrücken oder wenn er unmittelbar der sozialen Interaktion dient“ (Löbner, 1996: 3/1).

Betrachtet man verschiedene Äußerungen, die dieselbe deskriptive, aber verschiedene soziale Bedeutungen haben, so wird der soziale Bedeutungsaspekt deutlich. Die Beispiele aus dem Skript (Löbner, 1996: 3/1) sind so anschaulich, dass sie hier einfach übernommen werden:

(2) a. Tür zu.
b. Machen Sie die Tür zu.
c. Schließ en Sie bitte die Tür.
d. Würden Sie bitte die Tür schließ en?

Es ist deutlich erkennbar, dass hier durch die Wahl der Ausdrucksweise die „Art der sozialen Interaktion“ definiert wird (Löbner, 1996: 3/1). Während (2a) eine Aufforderung ist, handelt es sich bei (2c) um eine Bitte. Die Äußerungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sozialen Bedeutung, die deskriptive Bedeutung ist in allen vier Sätzen die gleiche: die Tür soll geschlossen werden.

Neben Äußerungen mit sozialer und deskriptiver Bedeutung gibt es auch solche mit ausschließlich sozialer Bedeutung. Hierunter fallen Floskeln, wie Grüße, Entschuldigungen oder Trinksprüche. Sie haben eine feste Bedeutung in „konventionell geregelter Form ablaufender, sozialer Interaktion“. Oft sind sie Schwundformen von Ausdrücken mit deskriptiver Bedeutung. (Löbner, 1996: 3/2)

In den Beispielen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

sind (3a) und (4a) jeweils die verkürzten Formen von (3b) bzw. (4b). Sie sind feste Bestandteile sozialer Interaktion.

Ebenfalls unter den sozialen Bedeutungsaspekt fällt im Deutschen das Phänomen des Duzens und Siezens, welches im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden soll.

3.2 Soziale Bedeutung am Beispiel des Duzens und Siezens

Eine Möglichkeit, die Qualität der sozialen Beziehung zwischen den an der Äußerung Beteiligten auszudrücken, ist die Wahl der Anrede. Im Deutschen ist das Sie der Standard, es sei denn, es handelt sich bei dem Angesprochenen um ein Kind oder einen nahen Bekannten oder Verwandten des Sprechers (Löbner, 1999: 9); in diesen Fällen wird das Du gebraucht.

Die angemessene Anrede für einen Erwachsenen, mit dem der Sprecher weder verwandt noch bekannt ist, wäre somit (5a), während (5b) für Kinder oder Verwandte und Bekannte gebraucht werden kann:

(5) a. Können Sie mir 20 Mark wechseln?
b. Kannst du mir 20 Mark wechseln?

Hinsichtlich ihrer deskriptiven Bedeutung unterscheiden sich das informelle Du (Singular) bzw. Ihr (Plural) nicht vom Sie (abgesehen vom Numerus), aber in ihrer sozialen Bedeutung tun sie es doch. Die Verwendung des Du bei einem Erwachsenen, der weder ein naher Verwandter noch Bekannter des Sprechers ist, könnte als unhöflich oder sogar unverschämt aufgefasst werden. (Löbner, 1999: 9)

In der Regel zieht die Wahl des Du oder Sie auch die der Form der Anrede nach sich. Das Du wird in Verbindung mit dem Vornamen gebraucht, das Sie mit dem Nachnamen und eventuellem Titel. Jemanden mit dem Vorbzw. Nachnamen anzusprechen hat dieselbe soziale Bedeutung wie die Anrede mit Du bzw. Sie. (Löbner, 1999: 9)

Ausnahmen von dieser Regel sind in bestimmten Kontexten möglich, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden soll.

4. Expressive Bedeutung

Ebenfalls nicht-deskriptiv ist die expressive Bedeutung. Mit Hilfe der expressiven Bedeutungskomponente wird es möglich, Einstellungen oder Gefühle auszudrücken (Löbner, 1996: 3/3). Ausdrücke oder Ausdrucksweisen können sowohl eine expressive und eine deskriptive als auch eine rein expressive Bedeutung haben.

4.1 Interjektionen und expressive Adverbien

Ein Beispiel für Ausdrücke oder Ausdrucksweisen mit expressiver, aber ohne deskriptive Bedeutung sind die so genannten Interjektionen:

(6) a. au!
b. ihgitt!
c. Ach du liebe Zeit!

Sie drücken das subjektive Gefühl des Sprechers aus, nämlich bei den Beispielen (6a-c) Schmerz, Ekel oder Überraschung. (Löbner, 1996: 3/3)

Die gleichen Gefühle können auch ausgedrückt werden, indem der Sprecher stattdessen

(7) a. Das tut weh!
b. Ich ekele mich!
c. Ich binüberrascht!

sagen würde. Die Äußerungen (7a-c) haben zusätzlich eine deskriptive Bedeutung bzw. eine Proposition, die wahr oder falsch sein kann. (6a-c)

sind dagegen rein expressiv, genauso wie es eine Grimasse oder ein entsprechender Gesichtsausdruck wäre. (Löbner, 1999: 13)

Ähnlich wie mit den Interjektionen verhält es sich mit den expressiven Adverbien. In den Beispielen

(8) a. Bedauerlicherweise habe ich mich verspätet.
b. Ich würde gerne am Wochenende nach Paris fahren.

haben die unterstrichenen Adverbien eine expressive, aber keine deskriptive Bedeutung.

Auch für die Beispiele (8a) und (8b) gibt es jedoch eine Variante, die zusätzlich deskriptiv ist:

(9) a. Ich bedauere, dass ich mich verspätet habe.
b. Es würde mir gefallen, am Wochenende nach Paris zu fahren.

Neben Ausdrücken mit ausschließlich expressiver Bedeutung gibt es auch solche, die eine expressive und eine deskriptive Bedeutung haben; sie sind Thema das folgenden Abschnitts.

4.2 Pejorative Ausdrücke, Euphemismen und Kraftausdrücke

Das Prinzip von Ausdrücken bzw. Ausdrucksweisen mit expressiver plus deskriptiver Bedeutung liegt darin, dass hier mittels Wahl des Ausdrucks unterschiedliche expressive Bedeutungen übermittelt werden können, während die deskriptive Bedeutung die gleiche ist. (Löbner, 1996: 3/3)

Beispielhaft für dieses Prinzip sind z. B. die so genannten pejorativen Ausdrücke, bei denen zur deskriptiven eine abwertende Bedeutungskomponente hinzukommt (Löbner, 1996: 3/3):

(10) a. Frau (neutral)
b. Tussi (pejorativ)

Nach dem oben erklärten Prinzip funktionieren auch die so genannten Euphemismen. Es gibt Themen, die von der jeweiligen Gesellschaft als negativ oder schlecht empfunden und tabuisiert werden. Beispiele für solche Themen sind z. B. Tod, Sexualität und Krieg. Ausdrücke, die diese Themen betreffen, werden durch positive oder indirekte Bezeichnungen ersetzt. (Löbner, 1999: 16)

Euphemismen zum Thema Tod sind z. B.

(11) a. Er ist entschlafen.
b. Er hat das Zeitliche gesegnet.

Die deskriptive Bedeutungskomponente in (11a) und (11b) ist die, dass jemand gestorben ist. Durch die Verwendung neutraler bzw. positiver Ersatzausdrücke wird die expressive Bedeutung dahingehend beeinflusst, dass sie eine gefühlsmäßig positivere Bewertung ausdrückt.

Auch Kraftausdrücke fallen unter die Kategorie von Ausdrücken mit deskriptiver plus expressiver Bedeutung. Hier werden Ausdrücke, die auf expressiver Bedeutungsebene neutral sind, durch solche mit positiver oder negativer Bewertung ersetzt (Löbner, 1996: 3/4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während (12a) der neutrale Ausdruck für eine weibliches Kind ist, hat (12b) bei gleicher deskriptiver Bedeutung zusätzlich eine negative expressive Bedeutung, die (12a) nicht hat; (13) ist ein entsprechendes Beispiel mit einem positiven Kraftausdruck.

5. Fazit

Mit Hilfe der vorangehenden Betrachtung lassen sich Ansätze zur Klärung der zu Beginn aufgeworfenen Frage finden, wieso wir Äußerungen verstehen und richtig oder falsch interpretieren können.

Äußerungen, ob als Wörter oder ganze Sätze, bewirken mehr, als nur die Übermittlung von Informationen; persönliche Einstellungen und Emotionen werden ebenso zum Ausdruck gebracht wie soziale Beziehungen unter den Kommunizierenden.

Sprache erfüllt demzufolge die drei Hauptfunktionen, Sachverhalte oder Fakten darzustellen (deskriptive Funktion), persönliche Einstellungen bzw. Emotionen auszudrücken (expressive Funktion) und soziale Beziehungen zwischen Menschen zum Ausdruck zu bringen (soziale Funktion). Nur die Kombination der drei Komponenten lässt uns Gesprochenes verstehen.

Doch wie kann es immer wieder zu Missverständnissen kommen? Auf deskriptiver Ebene werden Sachverhalte mitgeteilt, so dass hier wenig Raum für Interpretationen bleibt. Im Rahmen der sozialen Bedeutungsebene existieren Regeln, z. B. für das Duz- bzw. Siezverhalten, so dass auch hier die Interpretationsmöglichkeiten eingeschränkt werden.

Gerade die expressive Bedeutungsebene bietet jedoch Spielraum hin- sichtlich der Interpretationsmöglichkeiten, da es hier um den Ausdruck von persönlichen Einstellungen und Gefühlen geht. In dieser Subjektivität liegt darum auch die häufigste Ursache für Fehlinterpretationen, also für das „Falschverstehen“; Ausdrücke können anders verstanden werden, als sie gemeint sind.

6. Literatur

Lyons, John (1980): Semantik. München: Beck. Kap. 2.4: 64.

Lyons, John (1983): Die Sprache. München: Beck. Kap. 5.1: 132-135, Kap. 5.3.

Löbner, Sebastian (1996): „Einführung in die Semantik“. Manuskript, Düsseldorf, Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaft. Kap. 2.1, 2.2, 3.

Löbner, Sebastian (1999): „Deskriptive, social and expressive meaning“. Manuskript, Düsseldorf, Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaft.

Meyers Lexikon: „Das Wissen A-Z“. URL: http://www.iicm.edu/ref.m10 [Stand: 8. Juli 2000].

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Details

Titel
Deskriptive, soziale und expressive Bedeutung
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Einführung in die Semantik
Autor
Jahr
1997
Seiten
17
Katalognummer
V104041
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deskriptive, Bedeutung, Einführung, Semantik
Arbeit zitieren
Isis Keller (Autor), 1997, Deskriptive, soziale und expressive Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/104041

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