Über die Vereinbarkeit des Ersten Kreuzzugs mit dem christlichen Glauben


Seminararbeit, 2021

19 Seiten, Note: 12 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der christliche Glaube
2.1 Vormittelalterliches Christentum
2.1.1 Entstehung
2.1.2 Ausbreitung
2.1.3 Augustinus Vorstellung von einem „gerechten Krieg“
2.2 Mittelalterliches Christentum
2.2.1 Gewalt undToleranz
2.2.2 Christliche Ritter

3 Der Erste Kreuzzug (1096)
3.1 Deus Io vult(Gottwill es)
3.1.1 DerVolkskreuzzug
3.1.2 Der Kreuzzug der Ritter
3.2 Eroberungjerusalems

4 Die Beurteilung derVereinbarkeit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Rö­mer 12, 21).

In Gottes Namen in den Krieg zu ziehen ist ein Widerspruch in sich und trotzdem, selbst heu­te noch, für viele Gläubige, wenn auch nicht mehr für Christen, Grund genug, ihr Leben zu lassen. Kreuzzüge nehmen einen wichtigen Bestandteil in der Geschichte der Christen ein, die damals mit ihrem Glauben ihre blutigen Eroberungen rechtfertigten. Jesus, Gründer des Christentums, predigte Liebe und Mitgefühl und dennoch zogen viele Männer im Jahre 1096 los, um die Heilige Stadt Jerusalem auf brutalste Art und Weise von den muslimischen Hei­den zu befreien, dabei haben sie keinen Unterschied zwischen Mann, Frau und Kind ge­macht1.

Dieses widersprüchliche Verhalten der Kreuzritter zum gepredigten Christentum wirft die Fra­ge auf, ob der christliche Glaube mit dem Ersten Kreuzzug vereinbar ist.

In der mittelalterlichen Geschichte spricht die Forschung von genau sieben Kreuzzügen, die allesamt gen Osten zogen, um das Heilige Land von den „Heiden“ zu befreien. Unter den Heiden verstand man als früherer Christ all diejenigen, die nicht dem christlichen Glauben angehörig waren. Die Juden wurden zwar von der Kirche als „Heiden“ betitelt, galten aber noch nicht als „Ketzer“, weshalb sie in der Gesellschaft erlaubt waren2.Erlaubt heißt jedoch noch lange nicht akzeptiert. Während des ersten Kreuzzuges wird sich das christliche Volk demnach auch gegen das jüdische Volk wenden.

Um die Vereinbarkeit zwischen christlichem Glauben und dem ersten Kreuzzug zu beurtei­len, wird im Folgenden der christliche Glaube in seinem Ursprung und seiner Entwicklung bis ins Jahr 1100 genauer untersucht. Hierbei werden nachstehende Fragen gestellt: Wie ist die grundsätzliche Einstellung des Christentums in Bezug auf Gewalt und Krieg und wie wurde diese gelebt? Das Alte und das Neue Testament bilden hierbei die Forschungsgrundlage. Es ist anzumerken, dass die Ereignisse im Mittelalter ethisch und christlich anders beurteilt wur­den als heute. Mithilfe von Augustinus Darstellung von einem „gerechten Krieg“ wird be­schrieben, wie ein Krieg, geführtvon Christen, vereinbar mit ihrem Glauben sein kann. Nach­dem die Meinung der altertümlichen Christen gegenüber der Gewalt geklärt ist, werden die Gründe und das Ausmaß des ersten Kreuzzugs erläutert. Anschließend werden die Ereignis­se vor, während und nach der Eroberung Jerusalems genauer untersucht und inwieweit die Bestimmungen von Augustinus „gerechten Krieg“ erfüllt wurden. Hier wird zwischen dem Volkskreuzzug und dem Kreuzzug der Ritter unterschieden.

2 DerchristlicheGlaube

„du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen“ (5. Mose 6, 5).

Der Glaube war für viele vor und während des Mittelalters einer der größten Einflüsse auf das Alltagsleben, weshalb der christliche Glaube ein ständiger Begleiter der Menschen, be­sonders in Westeuropa, darstellte. Das gepredigte Christentum wurde von der Bevölkerung, ob Adel oder Bürger, sehr ernst genommen, darum war „Skeptizismus und Unglaube [...] nach den überlieferten Quellen äußerst selten“.3 Das Himmelreich und die Hölle waren dem­nach für den größten Bevölkerungsanteil von der Kirche bestätigte Fakten.

Zu dieser Zeit galt man als guter Christ, wenn Demut, Gottesfürchtigkeit und Nächstenliebe das Wichtigste im Leben waren. Um zu verstehen, wie und ob diese drei Eigenschaften im Ersten Kreuzzug vertreten wurden, muss man sich die Entwicklung des christlichen Glau­bens genauer ansehen. Das umfasst die Entstehung und die Verbreitung des Christentums, sowie das Verständnis von Krieg, vor und während des Mittelalters.

2.1 Vormittelalterliches Christentum

Nach der grundlegenden Erläuterung, wie der Glaube im Mittelalter empfunden wurde, soll nun die Bedeutung des vormittelalterlichen Christentums anhand des Alten und des Neuen Testaments genauer untersucht werden. Diese Zeit beinhaltet die Entstehung und die Aus­breitung des Christentums und somit das Leben während und nach dem Wirken des Prophe­ten Jesus Christus, die sich circa im Jahre 30 n. Chr. bis 500 n. Chr. abspielte. Im Verlauf der Christianisierung wird zum ersten Mal die Kriegsfrage auftreten.

2.1.1 Entstehung

Jesus hatte bei seinen Predigten zunächst nicht das Ziel, eine neue Weltreligion zu schaffen. Er predigte lediglich die Erfüllung des jüdischen Gesetzes.4 Laut der Bibel (Mt. 5-7) besteht die Erfüllung darin, Liebe und Verständnis zu zeigen, die Jesus während der Bergpredigt lehrte. Es solle demnach keiner nach Vergeltung trachten, sprich: Nicht „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sondern „wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“, es soll niemand seinen Feind hassen, geschweige denn töten „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen [...] damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Mt. 5, 44f).

Ein Teil der jüdischen Bevölkerung sah Jesus nicht als Messias und erkannte ihn daher auch nicht als Sohn Gottes an. Nach Jesus Tod bildete sich eine Kerngruppe, die sich vom Juden­tum abspaltete und sich nach den Lehren und Predigten Jesus Christus richtete. Das Chris­tentum war entstanden.5

2.1.2 Ausbreitung

Nach Jesus Kreuzigung und schließlich nach seiner Wiederauferstehung sendet er, dem Glauben nach, seine Jünger aus, um das Evangelium (die „frohe Botschaft“) nach seinem Willen zu verkünden. „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, „ge­het hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt. 28, Markus 16).

Die von Jesus aufgetragene Friedensmission verbreitete sich unerwartet schnell, obwohl sei­ne Anhänger „ohne [jegliche] Planung und Strategie, ohne Institutionen und ohne speziell ausgebildete Missionare“6 loszogen. In den Anfängen der Verbreitung des Evangeliums gab es keine Gewalt gegen Andersgläubige, denn Jesus schickte sie los, um den Frieden zu bringen und die frohe Botschaft unter allen Völkern kund zu tun. Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, ob er der Verheißung glauben möchte oder nicht. Es herrschte kein Zwang zur Bekehrung, denn Petrus hält in den Briefen an die Thessalonicher fest, dass „der Glaube [...] nicht jedermanns Ding“ ist (2. Thess. 3, 2). Indem Jesus sich auf alle Völker der Welt be­zieht, wird keiner im Einzelnen zurückgestellt, jeder ist gleich. „Hier ist nicht Jude noch Grie­che, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3, 28). Mit der Verbreitung des Evangeliums beruft man sich in diesem Stadium auf die Gleichberechtigung aller.

Erst im Jahre 324 n. Chr. wurden die Christen im Römischen Reich unter der Herrschaft von Konstantin als neue Weltreligion akzeptiert7, vorher wurden sie verfolgt und getötet. Nach und nach christianisierte sich das römische Imperium. Als die Armee ebenfalls den christli­chen Glauben annimmt, wird zum ersten Mal die Kriegsfrage gestellt8. „In seinen Anfängen war das Christentum eine Religion des Friedens“9, nun soll es sich mithilfe von Gewalt ver­breiten. Im fünften Gebot der Christenheit heißt es unmissverständlich: „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20, 13), dies lässt zunächst keine Fehlinterpretation zu und die Antwort der Kriegs­frage ist klar. Nichtsdestotrotz werden im Alten Testament Hinrichtungen und Tötungen von Gott geduldet, wenn Gleiches mit Gleichem gerichtet wird. So heißt es in 3. Mose 24, 17-20: „Wer irgend einen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. Wer aber ein Vieh er­schlägt, der soil's bezahlen, Leib um Leib. Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie er getan hat“. Das Töten ist laut dem Alten Testament um der Gerechtigkeitswillen erlaubt. Es gilt „wie du mir, so ich dir“. Trotz der Erlaubnis zum Töten unter der genannten Bedingung fordert Moses auf, Gott allein richten zu lassen. „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein“ (2. Mose 14, 14). In Jesaja wird es gleich erzählt: „Wenn ihr um­kehrtet und stillebliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“ (Jes. 30, 15). Demnach wird Gott selbst denjenigen strafen, der sündhaft gehandelt hat.

In Bezug auf Gewalt, gehen die Meinungen der beiden Schriften auseinander, da es, wie in 2.1.1 bereits erwähnt, im Neuen Testament heißt, man solle untereinander vergeben und sich nicht nach Rache sehnen („Wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück!“ Lukas 6, 30), wobei es im Alten heißt, man solle nehmen was einem genommen wurde. Da beide Schriften ineinander verflochten sind, kann keines unabhängig vom anderen eine allei­nige Gültigkeit erlangen und somit kann nicht gesagt werden: Es zählt nur das Neue oder das Alte Testament. Aufgrund der unterschiedlichen Aussagen bildet sich ein Gelage von In­terpretationen die später den Krieg und die Anwendung von Gewalt rechtfertigen, bezie­hungsweise erlauben sollten.

„Das Christentum hatte sich in Europa vor allem auf militärischem Wege durchgesetzt. Es war, knapp formuliert, die Religion der Sieger“10. Aus der Friedensmission wurde nach der Christianisierung der Römer die Kriegsmission.

2.1.3 Augustinus Vorstellung von einem „gerechten Krieg“

Es musste einen Weg geben Krieg zu führen, ohne dabei die christlichen Gesetze zu bre­chen. Augustinus, Bischof von Hippo (354-430) ebnete diesen Weg. Ein „gerechter Krieg“ (.Bellum iustum) um der Nächstenliebe willen.

Im neuen Testament setzt Jesus bei der Frage, welches das höchste Gesetz sei, die Liebe zu Gott gleich mit der Liebe zu seinem Nächsten. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt'(5. Mose, 6,5) Dies ist das höchste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst' (3. Mose 19, 18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Prophe­ten“. (Mt. 22, 37-40). „Das Gebot der Nächstenliebe verpflichtete den Christen sogar zur Ge­waltanwendung, wenn er so seine Nächsten vor dem Angriff des Übeltäters schützte“11. Au­gustinus führte das Gesetz in seiner Grundidee für einen gerechten Krieg fort, indem er vier Bedingungen nannte, die unbedingt einzuhalten sind, um den Glauben mit der Gewalt zu vereinbaren.

Erste Bedingung: Ein Krieg kann erst gerecht sein, wenn der Grund gerecht ist (iusta cau­sa). Augustinus bezieht sich teilweise auf das Alte Testament, das, wie bereits im vorherigen Kapitel genannt, nur Gewalt gegen Andere erlaubt, wenn Gleiches mit Gleichem verübt wird. Ein gerechter Grund wäre beispielsweise, Gestohlenes zurückzufordern. Hierbei soll jedoch nicht etwas mit gleichem Wert gestohlen werden, sondern ausschließlich das geraubte Gut.

Zweite Bedingung: Ein Krieg darf erst geführt werden, wenn es die ausdrückliche Anwei­sung eines Staatsoberhauptes oder auf Geheiß Gottes ist. „Jedermann sei untertan der Ob­rigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrig­keit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes“ (Römer 13, 1ff). Wenn man nun nach der Lehre des Neuen Testa­ments und des Augustinus geht, kann kein Christ sündhaft handeln, solange dessen Taten von der Obrigkeit verlangt wurde.

Dritte Bedingung: Krieg kann außerdem nur geführt werden, wenn das Ziel darin besteht, den Frieden wiederherzustellen. Sinnloses Bekämpfen sollte es in Augustinus' Vorstellung nicht geben.

Vierte Bedingung: Unnötige Grausamkeit gegenüber dem Feind soll vermieden werden, denn durch respektvollen und gerechten Umgang soll der Gegner geläutert werden, um letzt­endlich friedlich miteinander zu leben12.,,Der Feldherr soll Blutvergießen vermeiden und dafür sorgen, dass der Krieg in einem Geist der Geduld (patientia) und des Wohlwollens geführt wird; Kriegsgefangene und Besiegte haben Mitleid {misericordia) verdient“13.

Augustinus „ließ Kriegsführung durch christliche Herrscher unter streng begrenzten Bedin­gungen zu; aber diese Bedingungen wurden im Tumult eines tatsächlichen Krieges oft ver­gessen oder bewusst ignoriert“14.

2.2 Mittelalterliches Christentum

Mit der mittelalterlichen Kirche ist der Zeitraum zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert gemeint. In dieser Zeit übte die islamische Expansion großen Druck auf die christliche Kirche aus. Dies führte zu den uns heute bekannten Kreuzzügen. Da sich die vorliegende Arbeit auf den ersten Kreuzzug beschränkt, bezieht sich das Kapitel nur auf den Zeitraum zwischen dem 5. und dem 11. Jahrhundert.

Nachdem sich das Christentum über weite Räume oberhalb des Orients verbreitet hatte, mussten die christianisierten Gebiete auch verteidigt werden. Dies tat man mithilfe von Ge­walt. Wie genau man das mit seinem Glauben vereinbar machen konnte, brachte Augustinus Lehre überden „gerechten Krieg“ im vorherigen Kapitel näher. In den folgenden Kapiteln soll nun aufgezeigt werden, wie Gewalt und Toleranz allgemein im Mittelalter aufgetreten sind und welche Rolle der Glaube im Rittertum spielte.

2.2.1 Gewalt und Toleranz

Wie in 2.1.2 genannt, gibt es im Christentum klare Vorstellungen, wie und wann Gewalt vom Menschen ausgehen darf. Jedoch widerspricht sich oft das Alte mit dem Neuen Testament, weshalb die Auslegung des Glaubens unterschiedlich erfolgen kann.

Schon vor dem ersten Kreuzzug führten Christen Krieg gegen diejenigen, die nicht dem christlichen Glauben zugehörig waren, denn diese zerstörten, laut dem Historiker Ernst-Die­ter Hehl, den wahren Frieden, da sie in den Augen der Christen, Gesandte des Antichristen waren, dessen Bestimmung darin besteht die Weltordnung zu zerstören15. Aus diesem Grund sei die größte Aufgabe eines guten Christen, „sein Reich und dessen christliche Bevölkerung gegen die Angriffe von nichtchristlichen Völkern zu verteidigen16. So erklärte auch Karl der Große im Jahre 796 Papst Leo III., welche Pflichten er als christlicher Kaiser gegenüber der Kirche und seinem Glauben hat. „Unsere Aufgabe ist es, mit Gottes Hilfe die heilige Kirche Christi nach außen überall gegen die Angriffe der Heiden und die Verwüstungen der Ungläu­bigen mit den Waffen zu schützen und im Inneren die Kenntnis des katholischen Glaubens zu stärken“17. Man versuchte den äußeren Frieden zu erlangen, wenn nötig auch mit Gewalt. Man brachte politische und soziale Verhältnisse in Einklang, um das religiöse Leben und die Kirche zu sichern18.

2.2.2 Christliche Ritter

Letztendlich ist es der Ritter, der mit oder auf Befehl von Gott in den Krieg ziehen soll. Er ist die ausübende Gewalt, für den es unbedingt notwendig war, seine Taten auf dem Schlacht­feld mit seinem Glauben vereinbaren zu können. Augustinus stellte Bedingungen auf, die es leichter machten, ohne Gewissensbisse in den Krieg zu ziehen. Karl der Große nannte Grün­de, warum es wichtig sei, als Christ zu kämpfen, nämlich um seinen Glauben und die Kirche von Innen und Außen zu schützen.

Wenn jemand im Mittelalter zum Ritter geschlagen wurde, erhielt er ein Schwert „zum Schutz der Schwachen und zum Kampf gegen die Feinde der Kirche, [welches] er unter Gottes Bei­stand führen soll“19. „Selbstaufopferung für ideelle Güter, Schutz der Wehrlosen und Schwa­chen, Freigebigkeit und Wahrhaftigkeit - auf diese christlichen Lebenswerte wurde der Ritter verpflichtet“20. Augustinus Lehre wurde im Mittelalter beibehalten, denn das eigentliche Ziel eines Kampfes war nicht die Vernichtung des anderen, sondern die Gewinnung des Seelen­heils für seinen Gegner. Man versuchte, wie von Augustinus gefordert, so wenig Blut wie nur möglich zu vergießen, jedoch konnte das Töten nicht immer vermieden werden21. Wenn es zu einer Tötung kam, musste der Krieger zur Bestrafung 40 Tage Buße tun, statt für gewöhn­lich nur 7 Tage22, aber bevor es dazu kam, wurde seine Gesinnung untersucht. Es war für die Vergebung der Sünde wichtig, dass der Soldat nicht aus Lust, sondern für etwas Höheres getötet hatte. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich der Kriegsgedanke, denn die Tatsache, dass man das Leben eines anderen auf dem Schlachtfeld genommen hatte, konnte einem als Ver­dienst angerechnet werden23.

„Dies ist die Grundlage dafür, daß auf dem Kreuzzug das ewige Heil erworben werden konnte. Demjenigen, der in rechter Gesinnung, d.h. um Gott zu dienen [...][tötete], konn­te man seine militärische Aktion nicht mehr als bußwürdige oder allenfalls entschuldbare Handlung anrechnen, sondern sie galt als Leistung einer Kirchenbuße und schließlich als höchstefr] Verdienst“24.

Die Hemmschwelle als Christ zu töten ist damit endgültig verschwunden.

3 Der erste Kreuzzug (1096)

„Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will“ (1. Mose 12, 1).

Nachdem die Einstellung des Christentums in Bezug auf Gewalt und Krieg genannt wurde, soll der erste Kreuzzug nun als praktischer Vergleich dienen.

1096 rief Papst Urban II. persönlich zu einem Krieg auf, um die Heilige Stadt Jerusalem von den Muslimen zu befreien. Dieser Krieg sollte eine Wallfahrt gen Osten darstellen, jedoch trug man statt eines schlichten Gewands eine Rüstung mit Waffen. So nannte man es da­mals im Jahre 1096 nicht Kreuzzug, sondern Pilgerfahrt. „Das Wort 'Kreuzzug' und die säu­berliche Zählung der Kreuzzüge waren Erfindungen einer späteren Zeit“25

Die folgenden Kapitel sollen nun Auskunft darüber geben, wie es zum Ausruf Papst Urban II. kam und wie er diesen aus christlicher Sicht rechtfertigte bzw. für zwingend geboten hielt.

3.1 Deus Io vult (Gott will es)

Deus Io vult! Das war der Kampfausruf der Menge, nachdem Papst Urban zu ihr gesprochen hatte und sagte:

„Bewaffnet euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder, gürtet eure Schwerter an eure Seiten, rüstet euch und seid Söhne des Gewaltigen! Besser ist es, im Kampfe zu sterben, als unser Volk und die Heiligen leiden zu sehen. Wer einen Eifer hat für das Gesetz Gottes, der schließe sich uns an.[...] Ziehet aus, und der Herr wird mit euch sein“26.

Der Akt der Nächstenliebe war sicher nicht der entscheidende Grund dafür, dass der Ausruf, Menschenmassen von einem auf den anderen Tag dazu begeisterte, ihr Hab und Gut zu­rückzulassen, loszuziehen und in einem fremden Land irgendeine Stadt zurückzuerobern, ohne zu wissen, wie lange und wohin sie marschieren müssen, denn das Zusammenleben der Christen wird bereits zu dieser Zeit von Egoismus und einer gespalteten Gesellschaft zwischen Arm und Reich prägt.

Die Stadt, die es zu erobern galt, hieß Jerusalem, demnach handelte es sich nicht um „ir­gendeine“ Stadt, sondern um den heiligsten Ort der Christenheit, denn dort befindet sich die Grabeskirche Jesu Christi. Der Ort, an dem der Erlöser gen Himmel aufgefahren ist. Jedoch war die Besetzung Jerusalems auch nicht ausschlaggebend, da Jerusalem seit 461 Jahren unter muslimischer Herrschaft stand und seither kein Christ es wagte, die Stadt zurückzuer­obern27. Warum alsojetzt?

[...]


1 Vgl. Maalouf, Amin: Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber, Mün­chen 1996.S. 10

2 Wikipedia: Antijudaismus. Reichskirche (4.-5. Jahrhundert), https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudais- mus, aufgerufen am 07.10.2020. Ill

3 Logan, F. Donald: Geschichte der Kirche im Mittelalter, Darmstadt 82005, S.1.

4 Ebd., S.15

5 Vgl. ebd. S.16

6 Angenendt, Arnold: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Müns- ter520 09 S. 372.

7 F-W. Wentzlaff-Eggebert: Kreuzzugsdichtung des Mittelalters, Studien zu ihrerGeschichtlichen und dichterischen Wirklichkeit, Berlin I960 S. 3.

8 Vgl. Hehl, Ernst-Dieter: „Friede, Krieg und rechtmäßiges Töten. Die Tradition des Mittelalters“, in: Krieg und Religion, hrsg. von Hans Wißmann, Würzburg 1994, S. 82

9 Logan F. Donald: Geschichte der Kirche im Mittelalters. 132

10 Kaufhold, Martin: Die Kreuzzüge, Wiesbaden 42007 S. 21.

11 Schultz, Raimund: „Augustinus und die Vorstellung vom gerechten Krieg“, in: BochumerSchriften zur Friedenssicherung und zum humanitären Völkerrecht. Kriegsbegründungen, hrsg. Von Hans-Joa­chim, Heintze, Berlin 2008, S.15.

12 Vgl. Raimund Schultz, S. 16f.

13 Ebd. S. 17

14 Logan F. Donald S. 132

15 Vgl. Hehl S. 88

16 Zitiert nach: Hehl, Ernst-Dieter, Friede, Krieg und rechtmäßiges Töten. Die Tradition des Mittelalters, in Krieg und Religion, hrsg. von Hans Wissmann, Würzburg 1994, S. 79-95. von Crispin, David: Ihr Gott kämpftjeden Tag für sie, Krieg Gewalt und religiöse Vorstellungen in der Frühzeit der Kreuzzüge (1095-1187) Paderborn 2019S.26.

17 Logan F. Donald S. 57

18 Hehl. S. 87

19 F-W. Wentzlaff-Eggebert: Kreuzzugsdichtung des Mittelalters, Studien zu ihrer Geschichtlichen und dichterischen Wirklichkeit, Berlin I960 S. 4.

20 Zitiert nach: „Adolf Waas Band 1. S.36/37, alter Schwertsegen im 11. Jahrhundert“ von F-W. Wentzlaff- Eggebert. S. 7

21 Hehl S. 91

22 Vgl. Hehl S. 83

23 Vgl. Hehl S. 84f

24 Hehl S. 85

25 F. Donald Logan. S.132

26 Durant, Will: Die Zeitalter des Glaubens, Eine Kulturgeschichte des christlichen, islamischen und jü­dischen Mittelalters von Konstantin bis Dante [325-1300], München 1952. S. 627

27 Vgl. Rademacher, Cay. Blutige Pilgerfahrt, Der Erste Kreuzzug ins Heilige Land. München 2012. S.7f

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über die Vereinbarkeit des Ersten Kreuzzugs mit dem christlichen Glauben
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1041135
ISBN (eBook)
9783346460592
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Kreuzzüge, christlicher Glaube, mittelalterliche Kirche
Arbeit zitieren
Leonie Schellknecht (Autor:in), 2021, Über die Vereinbarkeit des Ersten Kreuzzugs mit dem christlichen Glauben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1041135

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